Archive for Oktober, 2009

That’s it! Springe – Heeresvermehrung – Kriegsentschluß.

Dienstag, Oktober 27th, 2009

Als Tirpitz seinem Mitarbeiter Hopman über die Krisenkonferenz im Jagdschloß Springe vom Vortage berichtete, war die Entscheidung bereits gefallen. Das, was der Kaiser, Schlieffen und Bülow 1905, Bethmann Hollweg, Bülow, Tirpitz, Schoen, Metternich und Moltke 1909 diskutiert hatten, war nun, am 24.11.1912, Wirklichkeit geworden.

Trotz des Sträubens der Flotte, die sich nicht sinnlos im Kampf mit der englischen Grand Fleet opfern wollte, hatte sich die Führungsspitze des Reichs bei dieser Gelegenheit zu dazu entschlossen, binnen Monaten den großen Entscheidungskampf zwischen Slawen und Germanen zu führen. Deutschland bereitete, mit der umfangreichsten Heeresvermehrung seit 1871, den Kampf mit Rußland vor, der – nach Aussage des Kaisers (9.12.1912) – in Kürze als „Rassenkampf“ folgen werde. Der Gegner stand künftig im Osten und Panslawismus und Pangermanismus (vgl. Stalin/Hitler) schienen grundlegend unvereinbar.

Der Konflikt zwischen den Balkanbundstaaten (hinter denen Rußland stand) und der Türkei, leitete direkt in die Auseinandersetzung der „germanischen“ Staaten Deutschland und Österreich über; mit den romanischen und slawischen Mächten Frankreich und Rußland. Sch. weist darüber hinaus nach, dass die Lehre von der Polykratie zwischen den Entscheidungsträgern im Kaiserreich eine Legende ist. Vielmehr herrschte seit der Gründung des Reichs eine enge Interdependenz der Ämter, gerade zwischen den politischen und militärischen. Dies haben die Beteiligten von 1914 uni sono zurückgewiesen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand.

Damit eröffnet sich eine neue Sicht auf die Entscheidungen von 1914, die deutscherseits aussichtsreicher waren, als bisher gesehen. Das auch infolge der Wirtschafts- und Volkskraft wie der allgemein vorausgesetzten militärischen Präponderanz des Reichs. – Nur, diese Pläne scheiterten.

Vor 95 Jahren: Die Welt im Krieg

Montag, Oktober 12th, 2009

Der Erste Weltkrieg. Menschen verloren ihr Leben, ihre Angehörigen, ihre Heimat. Eine Lawine, die ‑ losgetreten ‑ unaufhaltsam durch Europa und schließlich die Welt rollte und, im Grunde bis heute, für Leid, Armut und Trauer sorgte. Doch wie konnte es dazu kommen? Bernd F. Schulte analysiert in:

„Deutsche Policy of Pretention. Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871‑1914“

Hintergründe und Entwicklungen, die zu diesem tiefsten Einschnitt der neueren Geschichte´führten, und vermittelt neue Erkenntnisse zu Ablauf wie auslösenden Ereignissen.

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November/Dezember 1912: dunkle Wolken ziehen über dem Balkan auf. Es werden in Springe und Berlin Krisenkonferenzen zur politischen Lage Europas abgehalten. Es geht um Krieg oder Nichtkrieg. Politiker und Militärs ringen miteinander und schließlich sind sich Reichskanzler und Generalstabschef einig. Im Jagdschloß von Springe wird die Parole ausgegeben: Krieg bei nächster Gelegenheit. Die größte Heeresverstä

rkung im Kaiserreich ist beschlossene Sache. Der große Krieg steht unmittelbar bevor.

Am 28. Juli 1914 erklärt Österreich Serbien den Krieg und damit befinden sich Deutschland auf österreichischer Seite und Russland auf serbischer Seite im Kriegszustand. Es folgen die deutsche Kriegserklärung an Frankreich und die Englands an das Deutsche Reich. Damit befindet sich am 3. August Europa im Krieg.

Als dafür verursachend anzusehen sind die diplomatisch‑politischen, sozialgeschichtlichen und vor allem die engen militär‑ und rüstungspolitischen Interdependenzen innerhalb der deutschen Führungselite vor 1914.

Das Forschungsproblem rund um die Frage nach der Kriegsschuld von 1914 – und wie diese auf die beteiligten Mächte zu verteilen ist – steht auch noch 95 Jahre danach im Focus des allgemeinen Interesses. Die brisante politische und strategische Situation von damals gewinnt immer wieder neue Aktualität; auch über den Rahmen rein wissenschaftlicher Diskussion hinaus. Schulte zeigt überdies, wie die gravierenden strukturellen Defekte im Staatsaufbau des Deutschen Reichs, und darüber hinaus in dessen Armee, schließlich zur Niederlage, und damit dem Verlust der seit 1871 gewonnenen Position als europäischer, halbhegemonialer Macht führten.

Im August 2014 wird sich der Ausbruch des ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal jähren. Alles deutet darauf hin, dass sich wissenschaftliche Kontroverse und Gedenkfeiern hart im Raume stoßen werden. Um so mehr ist es unverzichtbar, die Beschäftigung mit dem historischen Phänomen „Erster Weltkrieg“ weiter zu kultivieren, denn dessen politische Lehren sind bis heute noch nicht gezogen.

Im Rahmen der Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen hat Bernd F. Schulte darüber hinaus einen Aufsatzband verfasst, der einen detaillierten Bogen über 25 Jahre Weltkriegsforschung spannt. Der etablierte Historiker, Publizist, Film‑ und Fernsehproduzent hat als Dozent an Hamburger Hochschulen unter anderem wichtige Beiträge zur deutschen Militärgeschichte, diplomatisch‑politischen Entwicklung auf dem Balkan, zur Wissenschaftsgeschichte der 50er und 60er Jahre sowie zu den deutsch‑deutschen Beziehungen zwischen 1970 und 1990 geleistet. Dieser Band leistet, mit dem Annex zum „informellen Regierungssystem im Kaiserreich“, und dem Institut der Krisenkonferenzen – einen weiterführenden Beitrag zur ungebrochen andauernden Fischer-Kontroverse der Wissenschaft.

Bernd F. Schulte: Deutsche Policy of Pretention: Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871‑1914. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe II, Band 1, Norderstedt 2009. 404 S., 22,80 €, ISBN 978‑3‑8370‑2261‑3.