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1914: Von der europäischen Konföderation zum Weltreich.

Mittwoch, Juni 20th, 2012

Aus: Barniner Bürgerpost 6/2012 b e l e s e n 12

Neuer Aufsatzband zu dem Deutschland von 1914, Kriegs (Friedens-)zielen, dem n e u e n Reich von 1916, dem geistigen Überbau hinter dem Krieg, der Weltsicht in Weltreichen, dem Bündnis mit 400 Mill. Chinesen und dem w a h r e n Grund des Reichankanzlers, in den Stunden und Tagen zwischen dem 28. Juni und 5. Juli 1914. Da fiel, im Arbeitszimmer des Reichskanzlers in Hohenfinow, s e i n e persönliche Entscheidung. Das Memento mit Riezler auf der Schloßterrasse ist lediglich ein Nachklapper nach den in Berlin stattgehabten Gesprächen mit Hoyos, Szögyényí etc. – und dazu auch nicht authentisch, wie Dr. Bernd F. Schulte detailliert aus den Bruchstücken der Riezlerschen (Erdmannschen) Überarbeitung der originalen Tagebücher XXXa und XXXb vom Juni und Juli 1914 (vgl. Weltmacht durch die Hintertür, Briefwechsel Th. Heuß mit Th. Stolper) rekonstruiert hat (auch: »Rückbesinnen und Neubestimmen« und hier).

Ob Deutschland aus Furcht und Verzweiflung oder infolge eines Plans in den Ersten Weltkrieg geriet, ist noch umstritten. Ob Wirtschaft, Rüstung oder Polykratie und innerer sozialer Konflikt dafür dann verantwortlich
zeichneten, ebenfalls.

Heute, 100 Jahre danach, ähneln die Problemlagen unserer Zeit denen von 1914. Ein großer Wurf, ein übergreifendes Bild von Rang und Bedeutung des Deutschen Reichs in der
Zukunft, scheinen, nach den Ausführungen des engen Beraters Bethmann Hollwegs, des Universalhistorikers Karl Lamprecht (Leipzig), existiert zu haben. Damit ist den politisch Verantwortlichen zumindest nicht vorzuwerfen,
sie wären orientierungslos auf dem Felde der
internationalen Politik jener Zeit herumgetaumelt.

Es schält sich heraus, daß der eigentliche Gegner des Reichs England war. Dessen war sich der Kanzler von Anfang an bewußt. Es bleibt dennoch die Grundlinie deutscher Politik – Weltmachtstreben plus kontinentale Hegemonie
– bis 1914 unverändert. Ebenfalls die Hoffnung auf eine Neutralität des Inselreichs – im Falle des zentral- europäischen, militärischen Clashs – eine optimistische Variation, die aber der Kanzler, schon im April 1913 (Geh.Reichshaushaltskommission) als für wenig
wahrscheinlich erklärte.

Auch zeigt sich am Beispiel Belgien, das Lamprecht für Bethmann Hollweg (vor dem Hintergrund der Kriegszielentwürfe) explorierte, daß die europäischen Staaten, seien es Verbündete oder aber Kriegsgegner, erst nach einer entscheidenden Niederlage Großbritanniens
bereit waren, sich einem neuen Deutschen Reich der Zukunft anzuschließen, sei es assoziiert oder im Rahmen einer wirtschaftlichen und (oder) politischen Konföderation. 1914
war sicherlich nicht das Wunschdatum Berlins für eine derartig tiefgreifende Entscheidung.

Aber der fortschreitende Verfall Österreich-Ungarns, der zunehmende finanzielle Belastungen der Reichsfinanzen, verbunden mit einer heraufziehenden Rezession, mit sich brachte, ließ das Schreckbild eines ohne Bündnispartner
zum Rückzug gezwungenen Reichs entstehen.

Große Fragen, die letztendlich mit dem Entschluß zum Schlachtflottenbau von 1891 im Kieler Schloß, zwischen Kaiser Wilhelm II., Bülow und Tirpitz, entstanden. Heute steht Europa in der Opposition zu den USA, die ein
vereintes Europa als Weltmachtaspirant fürchten. Finanzkrise und Euroschwäche rütteln an der einzigen, wirtschaftlichen Basis dieser Europäischen Union. Ein Zweibund mit den USA bildete in dieser Hinsicht sicherlich eine Lösung auf Jahrzehnte. Notfalls zunächst unter
Verzicht auf eine politische Führungsrolle Europas
in der Welt von Morgen.

Also wieder eine Parallele zu den Entscheidungen Bethmann Hollwegs gegen Ende des Monats Juni 1914.

Dr. Bernd F. Schulte, Schüler Fritz Fischers, hat
nach fünf Jahren Bundeswehr Geschichte in
Würzburg (Peter Baumgart), München (Laetitia
Boehm) und Hamburg studiert. Seine Erfahrun-
gen als Zeitoffizier, flossen in die Darstellung der
Friedensarmee vor dem Ersten Weltkrieg ein. Die
Auseinandersetzung mit den Ursprüngen dieser
Katastrophe führte ihn, an der Bundeswehrhoch-
schule Hamburg, zur Untersuchung des Ent-
scheidungsprozesses in Berlin Ende 1912. Hier-
aus entstanden, nach Jahren bei Fernsehen und
Film, weitere Arbeiten zu dem System der Krisen-
konferenzen im Kaiserreich und der Frage nach
dem übergeordneten Verhältnis von Politik und
Militär im Kaiserreich. Er führte 1982/83 u.a. die
Kontroverse um die Echtheit der Riezler Tage-
bücher fort. Er gibt die Internetzeitung Extra Blatt
(www.forumfilm.de) und die Hamburger Studien
zu Geschichte und Zeitgeschehen heraus.

Bernd F. Schulte
Das Deutsche Reich von 1914 Europäische Konföderation und Weltreich. Dr. Schulte, Hamburger Studien zu Geschichte
und Zeitgeschehen. Reihe II, Band 2 Copyright (C) 2012 Dr. Schulte