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Der Fall Prof.Dr. Peter Kirchberg. MfS-Agent und Audi (1971-1990ff.)

Montag, März 3rd, 2014

In seiner gesamten dokumentierten Zeit als IM hatte Kirchberg/Stuck in der Staatssicherheit bei 46 Kontakten, Treffs oder Übergaben mit seinen Vorgesetzten Verbindung (Ebd. Der Bundesbeauftragte, ASt. Dresden. Dresden, XII 425/71, Stuck, Bd. I Ersatz, Bl. 5. Für den Zeitraum 27.6.1977 bis 18.7.1984, Ebd., Bd. I, (27.2.1971/30.9.1974) vom 13.12.1974 bis 1.7.1983 und ebd., Bd. II Reg.- Nr. Dresden/ XII 425/71, „Stuck“, vom 12.1.1984 bis 18.12.1986. Für 5 Treffs, die darauf stattfanden, fehlen die en genauen Daten nach dem 18.12.1986).

Die IM-Akte Kirchbergs (Der Bundesbeauftragte, ASt. Dresden. 4811/90, Dresden XII 425/71, Stuck, Bd. I, Ersatz) gibt Auskunft über die Mitarbeiter des MfS, die Kirchberg/Stuck kannten. Es handelte sich um sechs Operative Mitarbeiter seit 1971. Aktiv, so fixiert die IM-Akte, war Kirchberg/Stuck zwischen September 1975 und Oktober 1989. Zwischen dem 27.6.1977 und dem 18.7.1984 erhielt er Geld- und Sachwerte in Höhe von 963,50 Mark, die in zehn Prämien (als Gutschein, Prämie und Sachgeschenk gewährt) jeweils mit ‚Stuck‘ quittiert wurden. Im Laufe der Jahre nahmen, zwischen dem 21.7.1971 und dem Oktober 1989, neun Mal Mitarbeiter des MfS in den „Vorlauf-Operativ-Vorgang Reg.-Nr. XII-425/71“ Einsicht; im Wesentlichen waren diese Vertreter der Abteilung XIX der Bezirksverwaltung Dresden.

Am 23.2.1971 eröffnet Hauptmann Oelschläger, von der Diensteinheit XIX der Bezirksverwaltung Dresden die „Vorlaufakte operativ“. Es ging um den Aufenthalt Kirchbergs im Jahre 1957 in Westdeutschland. Verdacht erweckt die Tatsache, dass dieser „im Lager Giessen von einer amerikanischen Dienststelle über sowjetische Truppen befragt“ worden war (Ebd., Bl. 10). Nach Kirchbergs Rückkehr aus Freiburg, wo er hatte studieren wollen, wird er „als Rückkehrer der Kategorie II eingestuft“ (Ebd., Eröffnungsbericht, 23.2.1971, Bl. 14). In diesem Zusammenhang werden bereits die Grundstrukturen der Person Kirchberg sichtbar, die sich über das Mfs folgendermassen darstellen: Hauptmann Oelschläger schreibt:

„Er arbeitet gesellschaftlich aktiv in der LDPD und im Motorsport, Club Dresden, des ADMV mit und fiel bisher nicht negativ an. K. unterhält aktive Verbindungen nach Westdeutschland. Unklar sind dabei die Verbindungen zu dem…[geschwärzt]. Wo Charakter und Ursprung derselben noch nicht festgestellt wurden“ (Ebd., Bl. 14).

Der „Massnahmeplan zur Bearbeitung einer Vorlaufakte operativ gegen den an der Hochschule für Verkehrswesen Dresden tätigen Dr. K i r c h b e r g“ nennt die Felder auf denen ermittelt werden soll. Mitarbeiter des MfS sind beim ADMV, dem „Arbeitsbereich des K.“, „an der Hochschule für Verkehrswesen“, in „seiner Wohnumgebung“ und bei allen Hausbewohnern tätig. In einem Personalfragebogen hatte Kirchberg am 20.7.1964 umfassend zu seinen bisherigen Lebensumständen Stellung bezogen, darin allerdings seine Ausreise nach Freiburg 1957 „vergessen“ (Ebd., „Streng vertraulich“ Personalbogen, 20.7.1964, Bl. 17-20). Diese Eskapade wird versucht, über verschiedene Gutachten aus dem wissenschaftlichen Umfeld zu konterkarieren. In gleicher Weise war Kirchberg auf einem Personalbogen aus dem November 1959 verfahren. Dessen Mitgliedschaften in LDPD (seit 1950), Gewerkschaft, FDJ, Kulturbund, DSF und ADMV fanden dort bereits Erwähnung (Ebd., Personalbogen, 18.11.1959). Allein der beigefügte handschriftliche Lebenslauf erwähnte die „mit einem ordnungsgemäßen Interzonenpaß nach Donaueschingen“ durchgeführte Reise in den Westen. Dort gab Kirchberg zu, „mit dem Gedanken“ gespielt zu haben, „dort weiter zu studieren“. Ein weiterer maschinenschriftlicher Lebenslauf gab Aufschluss über Kirchbergs Einordnung in die DDR, welche über einige Umwege zur Wissenschaft führte (Ebd., Bl. 27).

Der „Ermittlungsbericht“ vom 8.2.1971 benennt diesen Vorgang abweichend. Hier wird von „R[epublik]-Verrat“ gesprochen. Doch zeigt sich der Wissenschaftler im häuslichen Umfeld politisch engagiert, obwohl von „kleinbürgerlichen Anschauungen“. Wesentlich erscheint eine erste charakterliche Einschätzung des Automobilhistorikers. Der „IME“ schrieb:

„O[ben]g[enannter]. ist ein äußerst zielstrebiger, ehrgeiziger und pflichtbewusster Bürger, der seiner Arbeit größtes Interesse entgegenbringt. Er hat ein hohes Wissen, ist allseits gebildet und begabt“.

Bereits in diesem frühen Stadium trifft der junge Wissenschaftler, an der Hochschule für Verkehr, auf die Parteiideologin Dr. Elfriede Rehbein. Diese äußert sich im April 1971 kritisch zu Kirchberg. Frau Rehbein urteilt:

„K. ist sehr intelligent und berechnend. Seine Einstellung zur DDR zeigt sich als positive. Er kennt den marxistischen Standpunkt zu vielen Problemen und gibt diesen offiziell als seine eigene Meinung wieder. Seiner Grundeinstellung nach ist er in der LDPD richtig organisiert. Sein Gesamtverhalten ist sehr kritisch. Vor seiner Westflucht soll er Kandidat der SED gewesen sein. Näheres dazu ist nicht bekannt. Gesellschaftlich ist Kirchberg sehr aktiv. Gegenwärtig beteiligt er sich sehr rege an der Vorbereitung des Parteitages der LDPD. In seiner Partei ist er ein umsichtiger Schulungsfunktionär. Viele gesellschaftliche Arbeit verrichtet er während der Dienstzeit. Besonders in letzter Zeit übersteigt dies das vertretbare Maß. Ob er diese gesellschaftlichen Dinge wirklich erledigt, kann nicht gesagt werden, da eine Kontrolle noch nicht erfolgte. Publizistisch ist Kirchberg sehr aktiv. Er schreibt für viele Zeitschriften und muß immer wieder gebremst werden, damit es nicht seine Hauptbeschäftigung wird. Von charakterlicher Seite her zeigt er ein jesuitenhaftes Verhalten. Sein Lächeln ist unergründlich. Wenn er Widerstand spürt, zieht er sich sofort zurück; obwohl er sonst sehr kritikfreudig ist. Dr. Kirchberg ist ein Autofanatiker. Er ist im ADMV organisiert und Vorsitzender eines Motor Sport Club in Dresden (MC Post oder Nahverkehrsbetriebe). Sein Hobby ist dabei Veteranenfahrzeuge. Mit dem Genossen[geschw.] Verkehrsmuseum ist er gut bekannt. Beide haben zusammen ein historisches Fahrzeug wieder aufgebaut, welches über den Deutschen Innen- und Außenhandel nach Frankreich verkauft wurde und Devisen brachte. Kirchberg hatte davon neben Geld noch den Vorteil, dass er vorzugsweise einen PKW ‚Trabant‘ erhielt, den er jetzt fährt. Einblick in vertrauliche oder gar geheimzuhaltende Unterlagen hat Kirchberg an der Hochschule nicht. Er zeigte bisher dafür auch kein Interesse. Er hält sich nach der Dienstzeit nicht an der Hochschule auf. Im Gegenteil, er versucht, sich viele freie Zeit zu schaffen. Dienstreisen werden von ihm gelegentlich durchgeführt. Meist führen diese nach Berlin (Deutsche Akademie der Wissenschaften oder Redaktionsberichtssitzungen). Ein Wochenendgrundstück besitzt er nicht“ (Der Bundesbeauftragte, ASt Dresden. 4811/90, Reg-Nr. Dresden/XII 425/71, Stuck, Elfriede Rehbein: Einschätzung, 16.4.1971, Bl. 54f.).

Kirchberg wird durch einen „IME“ unter dem Blickwinkel des 1957 begangenen R[epublik]-Verrat“ gesehen. Er trete „als Hausvertrauensmann in Erscheinung“, sei „bei den Hausversammlungen, die allerdings selten stattfinden“, in seiner Wohnung bereit, „im positiven Sinne…die Politik“ der DDR zu erläutern. Seine „kleinbürgerliche[n] Anschauungen“ werden ihm zur Last gelegt und die Verbindung zur evangelischen Kirche erscheint belastend. Der Automobilhistoriker wird als

„ein äußerst zielstrebiger, ehrgeiziger und pflichtbewußter Bürger, der seiner Arbeit größtes Interesse entgegenbringt“

geschildert. Allerdings fällt auf, dass er gleichzeitig als „ruhig, verträglich, reserviert und zurückhaltend“ geschildert wird, woraus „mitunter der Eindruck besteht, daß er überheblich“ sei. Darüber hinaus halte er „gute Hausgemeinschaft, geht jedoch jedem näheren Kontakt aus dem Weg…Seine finanzielle Lage“ werde „als sehr gut bezeichnet, da er eine modern eingerichtete Wohnung“ habe, „einen PKW besitzt, welchen er oft benutzt. Seine Lebensweise“ entspreche „seinem Einkommen“, verlaufe „jedoch ruhig und geordnet“ (Ebd., Bl. 34).

Am 19. April wurde der Arbeitsplatz Kirchbergs an der „Arbeitsgruppe Verkehrsentwicklung und Verkehrspolitik der Hochschule für Verkehr“ durchsucht. Die Überprüfung förderte eine Menge westlicher Publikationen zutage. So zum Beispiel Werbeprospekte der Firma „Karl Kässbohrer Fahrzeug GmbH“, von „Ley[g]land Motors Limited“, des Verlages Duncker und Humblodt Berlin“ sowie „Prospekte [von] Klöckner Humboldt-Deutz AG Werk Mainz“. Es wurde festgestellt, „der Schreibtisch“ sei „nicht verschlossen“ gewesen. „Die normalen Schreibtischschlüssel steckten. Auf dem Schreibtisch und innen seien: ein roter Beutel mit der Aufschrift ‚Roter Faden NSU‘ mit Nähzeug“ enthalten gewesen. Konstatiert wurde ferner „ein Arbeitsplatz…in einem sehr unordentlichen Zustand“ (Ebd., „Fuchs“: Information über den Arbeitsplatz des D r . K i r c h b e r g , Peter- Arbeitsgruppe Verkehrsentwicklung und Verkehrspolitik der HfV, Z. 739, Bl. 56).

Berichte zu Kirchberg bestätigten, dass er unter Studenten akzeptiert sei, durch seine „legere Art“ diesen imponiere, „ein außerordentlich guter Organisator“ wäre, „zu reden“ verstehe und „zum Manager“ neige (Ebd., Abschrift, [geschwärzt, 8.4.1971] Bl. 73). In einer umfassenden „Beurteilung für Kollegen Dr. Kirchberg“, die vom 1.9.1971 datiert, erscheint wiederum die Tatsache, der Automobilhistoriker sei „überhaupt in allen Fragen, die persönliche Probleme berühren, wenig mitteilsam, oft sogar verschlossen“. Ein weiteres Faktum bilde die Tatsache, dass sich dem Wissenschaftler, nachdem dieser „unbefristeter wissenschaftlicher Mitarbeiter geworden“ sei, „kaum Möglichkeiten der weiteren wissenschaftlichen Entwicklung“ böten. Bemerkenswert ist die Äußerung:

„Großen positiven Eindruck hinterließ sein Auftreten auf einer öffentlichen Parteiversammlung zu Ehren des 25. Jahrestages der SED, als ich in meiner Funktion als APO Sekretär ihn gebeten hatte, zur Bündnispolitik aus der Sicht seiner Partei eine entsprechende Stellungnahme abzugeben. Sämtliche Genossinnen und Genossen werteten nach dem Referat der Leitung dies als zweiten politischen Höhepunkt der Versammlung, in welch beeindruckenden und überzeugenden Worten er dies tat. Im tagtäglichen politischen Gespräch erweist er sich nicht immer als eindeutig unsere Positionen verteidigender Mitarbeiter. Eindeutig positive Stellungnahmen zu politischen Entwicklungstendenzen unserer Republik stehen dahinter aber auch abwartenden gegeüber. Dabei erweist er sich stets als erstaunlich gut informiert sowohl über unsere Argumente als auch über die von der anderen Seite hereingetragenen. Ob diese aus Informationen im Rahmen der von ihm ausgeübten zentralen Funktionen herrühren oder – wie bei unseren Studenten auch häufig – die Quelle ganz einfach z.B. von Radiomeldungen westlicher Rundfunkstationen sind, ist dabei nicht immer zweifelsfrei zu entscheiden“ (Ebd., Orientierung für Kollegen Dr. Kirchberg, 1.9.1971, Bl. 75-93)

Weitere Überprüfung auf mögliche Dienstpflichtverletzungen, wie zum Beispiel eigenmächtige Abwesenheit von seinem Dienstposten, ergaben Befragungen am 17. September und 9. Oktober. Kirchberg habe sich möglicherweise auf der Leipziger Messe aufgehalten (Ebd., Hptm. Beyer: Bericht Aussprache mit Gen. Dr. …am 17.9.71 von 10.30 bis 11.10 Uhr zum Vorgang Kirchberg, 16.9.1971, Bl. 88f.; Beyer: Bericht, 10.9.1971, Bl. 87).

Bemerkenswert im „Sachstandsbericht“ der Abteilung XIX, aus dem Anfang 1972, ist – neben einer genaueren Darstellung seines Aufenthaltes im Lager Giessen 1957 – „eine Reihe Verbindungen nach dem kap[italistischen] Ausland“. Auch Kirchbergs

„postalischen Verbindungen tragen zum überwiegenden Teil fachlichen Charakter. K. versucht, über diese Verbindungen über die Geschichte des Kraftfahrzeugbaus alter Firmen wie DKW, BMW u.a. sowie über die Entwicklung des Rennsportwagens Angaben zu erhalten. Des weiteren geht daraus hervor, dass er selbst aus seinen bisherigen Forschungen über die Geschichte der Kraftwagenentwicklung Details sowie Aufnahmen alter Fahrzeuge an die bekannten Adressen nach Westdeutschland verschickt“ (bestätigt durch Dieter Jokisch 1983, B.S.).

Der Umstand, dass Verbindungen nach Westdeutschland bestanden, erscheint interessant. Über welches Vehikel dies geschah, war gleichgültig. Dass es um alte Autos ging – war nur förderlich. Kirchberg hielt sich den Rücken offen, indem er

„an der Hochschule vor seiner Arbeitsgruppe zu Fragen der Politik und der Aufgaben der LDPD im Sozialismus referierte. Auch im Wohngebiet bemüht er sich sehr aktiv, die ihm gestellten gesellschaftlichen Aufträge zu erfüllen“

Trotzdem gelangte Hauptmann Beyer zu der Schlussfolgerung,

„In der bisherigen Bearbeitung des K. konnten keine Hinweise auf eine feindliche Tätigkeit erarbeitet werden“ (Ebd., Hptm. Beyer, Abt. XIX, Sachstandsbericht zur VAO Reg.-Nr. XII 425/71, 26.1.1972).

Fortdauernde Widersprüche blieben zu klären. Es ergab sich, dass er „im Lager Giessen…in der Zeit vom 12.8.-21.8.1957 von der amerikanischen Dienststelle über Standorte sowjetischer Truppen im Raum Leipzig u[nd]. Dresden befragt wurde. Es wurden ihm Zeichnungen von Radargeräten vorgelegt u[nd]. von K. Angaben dazu gefordert“ (Ebd., Sachstandsbericht, 26.1.1972, S.2-9).

Am 12.9.1974 wurde Kirchberg einem eingehenden Verhör unterzogen. Er machte Ausführungen zu seinen Kontakten ins westliche Ausland, zu seinen Veröffentlichungen sowie Paketzusendungen. Gleichzeitig unterstrich er die Möglichkeit, die von dem Angebot ausging, im Westen publizieren zu können. Er sagte:

„Ich bin jetzt 40 Jahre alt, und wenn man sich nun wirklich damit abgefunden hat, als wissenschaftlicher Oberassistent an der Hochschule zu wirken, muß man doch mal irgendwie einen Höhepunkt sehen, und deshalb betrachte ich mein Schreiben als Hobby“.

An freundschaftlichen Beziehungen unterhielt Kirchberg nur wenige. Die Nähe zum stellvertretenden Direktor des Verkehrsmuseums ging zu Ende, weitere Kontakte gestalteten sich nicht so tief. Das Verhältnis zur Professorin Rehbein, an der Verkehrshochschule, blieb mislich. Er gab an:

„Nicht in jedem Falle herrscht von Seiten der Genossin Professor Elfriede Rehbein in allen Fragen Offenheit. Sie hat die Angewohnheit, Kritiken nicht dem Betreffenden zu sagen, die [geschwärzt] wählt den Weg, dass sie ihre Unzufriedenheit über andere ihrer Sekretärin mitteilt“ (Ebd., Hptm. Beyer/ Oblt. Dinter, Ausspracheprotokoll, 12.9.1974, Bl. 117-122).

Was von Seiten der beiden Verhöhrenden im Folgen ausgeführt wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls datiert des Automobilhistorikers Verpflichtungserklärung vom 5. September 1974. Diese lautet:

„Ich, Dr. Peter Kirchberg, bin bereit, das Ministerium für Staatssicherheit in der Erfüllung seiner Aufgaben zu unterstützen. Ich bin bereit, alle mir zur Kenntnis gelangenden Hinweise über negative Erscheinungen bzw. Hinweise auf eine ev[en]t[uel]l[e]. Feindtätigkeit ohne Ansehen der Person mitzuteilen. Über die weitere Zusammenarbeit werde ich gegenüber keiner Person, auch nicht gegenüber meinen nächsten Angehörigen, sprechen. Mir ist bekannt, dass ich nach Bruch dieser Verpflichtung zur Rechenschaft gezogen werden kann. In der zukünftigen Zusammenarbeit verwende ich die Bezeichnung ‚Stuck'“ (Ebd., P. Kirchberg, Verpflichtung, 5.9.1974, Bl. 123f.).

Der „Abschlußbericht“ zu dem „DDR-Bürger Kirchberg, Peter“ wurde am 19.9.1974 abgeschlossen. Im Ergebnis wurde dieser „mit dem Ziel der Aufklärung des Charakters der Verbindungen zu…BRD-Bürgern in Korbach (Dieter Jokisch), Stuttgart (Dr. Simsa) und München als informeller Mitarbeiter eingestellt (Ebd., Bezirksverwaltung Dresden, Abt. XIX, Abschlußbericht zur Ablage der VAO, Reg.-Nr. XII/425/71, 19.9.1974, Bl. 125). In dem nun gefertigten Beurteilungsbogen erscheint Kirchberg sehr viel positiver, als bislang geschehen. Nun entstand, vorgeblich auf dessen Initiative hin, „weiterhin im DDR-Maßstab die Arbeitsgemeinschaft ‚Geschichte des Kraftfahrzeuges‘, damit sicherte K. eine enge Zusammenarbeit zwischen der TU und dem Verkehrsmuseum Dresden“. Weiterhin habe er „auf die Forschungs- und Lehrtätigkeit“ eingewirkt. Weiter heißt es nun:

„Er hat einen sehr engen Kontakt zu den Studenten, dabei erzielt er gute Erfolge in der Erziehung und in der politischen Arbeit“.

Zu dessen politischen Aktivitäten wird festgehalten:

„Der K. ist seit 1950 Mitglied der LDPD. Auf Grund seiner aktiven Arbeit in seiner Partei wurde er 1962 Mitglied des Kreisvorstandes Dresden-Stadt und 1965 zum stellvertretender Vorsitzenden des Kreisvorstandes Dresden der LDPD gewählt. Zur Neuwahl kandidiert der K. nicht wieder, da er als 2. Vorsitzender der Nationalen Front des Kreises Dresden vorgesehen ist. Der K. ist des weiteren seit 1960 Mitglied des FDGB und seit 1963 Mitglied der DSF“.

Entscheidend ist Schlussabsatz. Dieser lautet:

„Der K. verstieß durch seine Handlungsweise gegen die Ordnung der HfV über die Veröffentlichungen außerhalb der DDR. Eine Verletzung der Strafrechtsnorm gemäß § 100 StGB konnte in der operativen Bearbeitung nicht nachgewiesen werden. Nach der Befragung und Klärung des Sachverhaltes wurde K. auf Grund seiner Verbindungen und Eignung zur inoffiziellen Zusammenarbeit mit dem MfS verpflichtet“ (Ebd., Hptm. Beyer, Zur Person, Bl. 126f.).

Mit dem „Beschluß“ zur „Umregistrierung von VAO zum IMS wurde Kirchberg ein veränderter Auftrag zuteil. Dieser lautete unter der Überschrift „Gründe für das Anregen bzw. die Umregistrierung“:

„Der IM soll zur Aufklärung des Charakters der bestehenden Kontakte von Angehörigen der Hochschule für Verkehrswesen Dresden in das NSW ausgenutzt werden. Des weiteren wird er insbesondere auf Grund seiner Verbindungen zur op[erativen].-Bearbeitung von angefallenen Personen der HfV und dem Verkehrsmuseum Dresden eingesetzt“ (Ebd., MfS/BV/Verw. Dresden, DE XIX, Beyer, Beschluß Umregistrierung, 17.9.1974, Bl. 128).

Der Wissenschaftler wurde nach der Untersuchung über mögliche „Verb[indungen] zu staatsf[eindlichen]. Org[anen]…..LMN 57“ eingestuft „nach III 7-1 (Ebd., Ergänzung PK/DK, XIX, 23.2.1971, Bl. 130). Am 12. August 1974 beantragte die Abteilung XIX für den IMS „Stuck“ als „Operativgeld“ 100 Mark „für gute Arbeit am VAO 364/74 zur Person [geschwärzt]“. Dieser quittierte den Empfang am 16. Oktober (Ebd., Abt. XIX, Antrag, 12.8.1975, Bl. 132).

Während eines Treffs, am 16. Oktober 1975, äußerte sich Kirchberg zu seiner Beziehung zu dem Finanzbeamten Dieter Jokisch in Korbach. Der Historiker behauptete, er habe „keinerlei Interesse mehr,… diese Verbindung aufrecht zu erhalten“. Diese sei „zustande gekommen, da der J[okisch]. ebenfalls Auto-Fan war und sich aufgrund der Veröffentlichungen an meiner Arbeit interessierte“. Es sei „geplant, die Verbindung langsam einschlafen zu lassen“ (Ebd., Tonbandabschrift, Stuck, 16.10.1975). Der frühere Steuerbeamte sieht das heute noch anders. So gestalteten sich die weiteren Einschätzungen des IMS „Stuck“ positiv. Es wurden die bearbeiteten Fälle dementsprechend eingeschätzt und Kirchberg zusätzliche Aufgaben an der Hochschule für Verkehr zugewiesen (Ebd., BV Dresden, Abt. XIX, Hptm. Dinter, Abschlußeinschätzung, 15.12.1975).

Das Angebot des Motor-Buch-Verlages/Stuttgart, ein Buch über die Grandprix-Geschichte von Auto Union zu schreiben, sei von diesem Verlag gekommen. Dieses Projekt solle beim Zentralkomitee der SED weiter betrieben werden, falls sich Kirchberg in der Lage sehe, zwischen „historischen Wahrheiten“ und „dogmatische[n] Reizworten“ vermitteln zu können. Mitte des Monats Oktober wurde klar, dass der Motorbuch Verlag das Projekt akzeptiert habe und Mitte Dezember erörterte der Historiker erneut in Berlin das weitere Vorgehen.

Kirchberg führte Anfang April 1981 eine Unterredung mit der Leitung des Transpress-Verlages, Über welche der Automobilhistoriker seine vorgesetzte Stelle des MfS, bei der Bezirksverwaltung Dresden, in Kenntnis setzte. Es sei dabei um eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen dem Historiker und dem Exportverlag der DDR gegangen. Dessen Exportbestrebungen ins westliche Ausland sollten durch Buchproduktionen Kirchbergs verstärkt werden. Dies sei, so Kirchberg, durch eine Veröffentlichung zu den „Hintergründe[n] und Zusammenhänge[n] der mit großen Rennwagen bestrittenen Grand Prix der Auto Union [handschr. in den dreißiger Jahren] zu erreichen. Dazu führte der Automobilhistoriker unterstützend aus,

„Basis meines Buches soll sein – der Aktenbestand des ehemaligen Werksarchiv[s] der Auto Union, bzw. dessen im Staatsarchiv Dresden vorhandene[n] Reste, die ich sehr genau kenne, da ich über die Auto Union anhand dieses Bestandes 1964 an der HfV promoviert habe. – Zeichnungen von Rennwagen, die im VEB WTZ des Automobilbaus, Karl-Marx-Stadt, aufbewahrt werden[,] – Bilder aus dem Besitz von ehemaligen Rennmonteuren und damaligen Fotografen. Der größte Teil davon ist bisher noch nicht veröffentlicht worden“.

„Dass der VW-Konzern, bzw. dessen Abteilung Geschichte Archiv Museum“ -offensichtlich Über den westdeutschen Verlagspartner von dem Projekt informiert – „sich brieflich an Transpress gewandt und großtes Interesse an dem Buch bekundet“ habe. Gleichzeitig wird Kirchberg „nach Wolfsburg eingeladen, um dort die im Konzernbesitz befindlichen Unterlagen zur Renngeschichte der Auto Union einzusehen und sie ggf. mit zu verwenden“. Es ist offenkundig, dass die Mitteilung nicht durch den Stuttgarter Verlag, sondern durch Kirchberg selbst an dessen Freund Wiersch getätigt wurde. Unverzüglich, und mit der bei Wissenschaftlern verbreiteten Neigung zur Selbstüberhebung, arbeitet der IM heraus, damit seien „5000 Exemplare ‚blind‘ gekauft“ und die Bereitschaft der westdeutschen Stelle hänge damit zusammen, dass er „als Autor insgesamt vier Bücher allein zur Geschichte der Kraftfahrzeugtechnik“ veröffentlicht habe und „durch regelmäßige Artikel zur gleichen Thematik im jährlich erscheinenden Motor-Jahr (Transpress Verlag)“ – wie über seine „Dissertation zur Geschichte der Auto Union 1964 – einen guten Wissenschaftlichen Ruf besitze“. Der Automobilhistoriker ist sich sehr wohl bewusst, dass die DDR mit dem Auto Union Aktenbestand ein „Material anzubieten habe[n]“, das „in dieser Konzentration und Authentizität sicher einmalig“ sei. Er führt weiter aus:

„Jedenfalls nehmen wir dies an und das Interesse des VW Konzern, zu dem die NSU Auto Union AG gehört und der die historischen Interessen aller Tochterunternehmen zentral vertritt, scheint dies zu bestätigen [gleichlautend mit K.’s Bericht, und dem Brief Wierschs vom 29.9.1984 an die HfV, zu meinem Vorstoss 1984]. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass sich auch im Besitz des VW Konzerns Unterlagen befinden, die er bisher nicht veröffentlichen wollte. Auch hörte ich von einem Gewährsmann [Wiersch, sic], dass in letzter Zeit größere Materialankäufe durch den Konzern aus Privathand, Nachlässen usw. getätigt worden seien. Es ist allerdings unbekannt und war nicht zu ermitteln, woraus diese Materialien im einzelnen bestehen“.

Ausgiebig und detailliert begründet Kirchberg, warum seine Reise nach Wolfsburg notwendig sei. Zum einen sei zu eruieren, was VW inhaltlich goutiere, da davon die weitere Verbreitung des Buches im Westen abhinge. Weiter ginge es um „eine Sondierung der wahren Absichten des VW Konzerns“, was „nur au[s]f persönlichem Wege zu realisieren“ sei. Auch müsse „der Informant jemand sein, der nicht nur den gesam[n]ten Sachverhalt“ überschaue, „sondern auch hohe Kenntnis in Einzelheiten“ besitze. Kirchberg empfahl sich über seinen Leumund als Wissenschaftler hinaus mit dem Hinweis, bei dieser Gelegenheit“ könnten „interessante Aufschlüsse über die Gesamtstrategie des VW Konzerns auf dem Gebiet der Traditionspflege im allgemeinen und im Detail ermitteln ermittelt werden“ können (Der Bundesbeauftragte, ASt. Dresden. 4811/90, Reg.-Nr. Dresden/XII/425/71, 27.2.71/30.9.74, April 1980, Bl. 169-172: Die Reise K.’s wurde für den 23.4.-7.5. geplant /“Reisevorschlag“. Ob Kirchberg in Vorbereitung auf diese Fahrt seine „Aufgabenstellung“ fixierte, ist unklar. Darin enthalten waren jedenfalls Merkpunkte zu: „ausbaufähigen Kontakte[n]“, „Aufstellung[en zu] „detaillierte[n] Verbindungen und Kontakte[n] in das NSA, besonders BRD“, gegliedert nach eingehenden Aufschlüsselungen zur Person, vgl. ebd., Bl. 197).

Mitte des Monats Oktober wurde klar, dass der Motorbuch Verlag Stuttgart das Projekt goutiert habe und Mitte Dezember erörterte der Historiker erneut in Berlin das weitere Vorgehen.

Ende 1982 wurde die Bearbeitung von Westkontakten mit dem Präsidenten des Horch-Clubs, Walter Fritsch, virulent. Obwohl Kirchberg als IM die Mitgliedschaft in einem westdeutschen Verein nicht zugebilligt wurde, setzte diesen dessen Dienststelle, während eines Aufenthaltes in der Bundesrepublik zwischen dem 3. und 9.9.1982, operativ ein. Dem Automobilhistoriker wurde der Auftrag erteilt,

„dass er gegenüber dem F. großes Interesse an einer Mitarbeit in diesem Club zeigt, ihm aber zu verstehen gibt, dass er auf Grund seiner beruflichen Stellung kein offizielles Mitglied werden kann. Er wird den F. bitten, ihm ständig die internen Materialien des Clubs zur Verfügung zu stellen und dadurch versuchen, einen stabilen Kontakt aufzubauen. Gleichzeitig wird der IMS prüfen, ob F. bereit ist, Materialien (Kalender, Prospekte, Bilder und Schriftgut über KfZ bzw. KfZ-Geschichte) für ihn von anderen Personen aus der BRD zu übernehmen und ihm regelmäßig bei persönlichen Zusammenkünften in Berlin zu übergeben“ (Ebd., Bez. Verw. Dresden, OD TU/H. Major Treichel an OTL Hausmann, Kontaktaufbau des IMS „Stuck“ unserer DE nach W[est]B[erlin], 17.9.1982, Bl. 157f.).

Weitere geplante Treffen „von Automobil-Oldtimer-Fans“ aus Westberlin beschäftigten Kirchberg unter anderem im Jahre 1987 (Ebd., Abt. XX, Informationen, 5.8.1987, Bl. 176f.; ebd., Abt. XX, Abschlusseinschätzung, 4.9.1987, Bl.178f.). Dass der Wissenschaftler bei der Staatssicherheit, Zug um Zug und Jahr um Jahr, Karriere machte, belegen verschiedene Berichte zu dessen Person, Zuverlässigkeit und „Ehrlichkeit“.

Am 8.5.1987 berichtet der Leiter der „Objektdienststelle TU/H“ bei der Bezirksverwaltung Dresden der Abteilung XV dort über einen Kontakt zwischen Kirchberg/Stuck und dem Bochumer Professor Hans Mommsen. Danach hatte sich dieser zwischen dem 14. und 26. April 1987 „mit einer Gruppe von Studenten in der DDR“ aufgehalten. Kirchberg teilte dieser mit, er befinde „sich mit Studenten in der DDR…und“ habe „den Wunsch, den IM…kennen zu lernen, um sich mit ihm über eine Forschungsaufgabe zu beraten“. Am 25. 7.1987 trafen sich Kirchberg/Stuck und Mommsen vor dem Hotel „Bellevue“ in Dresden. Der Bochumer Historiker bat Kirchberg/Stuck um eine Führung durch die Stadt. „Bei dieser Stadtführung“ habe Mommsen Kirchberg/Stuck „um Unterstützung bei der Realisierung der Forschungsaufgabe“ gebeten. Oberstleutnant Hippe hielt fest:

„Dabei handelt es sich um Probleme der ‚Ausbeutung von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen in der deutschen Automobilindustrie während des Zweiten Weltkrieges‘. Nach Angaben des M[ommsen] ist diese Forschungsaufgabe von der VW-Stiftung finanziert und sie würde ‚mit Sicherheit neues Belastungsmaterial für die Automobilindustrie ergeben, die sich dann nicht mehr in Unschuld waschen könne‘. Prof. M[ommsen]. bat die Quelle[Kirchberg/Stuck], seine Erfahrungen zur Verfügung zu stellen. Er brauche die Hilfe, da er mit einer solchen Forschungsrichtung in der BRD völlig am Anfang stehe. Auch die beteiligten Partner aus Frankreich wärden noch nicht über die notwendigen Erfahrungen verfügen“.

Kirchberg/Stuck bestätigte Mommsen, er habe „in früheren Jahren auch an solchen Fragen gearbeitet und dass der Archivbestand von Auto-Union in der DDR dazu Angaben“ enthalte. Mommsen insistierte und Kirchberg/Stuck erklärte sich bereit, „Unterstützung zu geben“. Die Abwicklung sollte über „die Universität Bochum“ und „den Rektor der HfV bzw. das Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED“ laufen. Kirchberg/Stuck teilte mit, er befinde sich zwischen den 23. und „27.10.1987 in der BRD bei VW, Audi, Daimler und BMW“ und fügte hinzu:

„Sollten vorher positive Regelungen getroffen worden sein, könnte jederzeit eine Präzisierung zum weiteren Vorgehen zu diesem Zeitpunkt in der BRD erfolgen“.

Kirchberg/Stuck ordnete Mommsen als „dem linken SPD-Flügel zugehörig“ ein und war bereit, „bei Interesse den bestehenden Kontakt aufzubauen“. Dies selbstverständlich für das MfS (Ebd., Bez. Verw. Dresden, OD TU/H. OTL Hippe an Abteilung XV, Information zu Prof. Mommsen-Ordinarius für Sozialgeschichte an der Universität Bochum, 8.5.1987, Bl. 91f.).

Dass Kirchberg/Stuck weiterhin für das MfS breit tätig wurde, belegt der „Treffbericht“ des MfS-Mitarbeiters Wolff vom 24. Juli 1987. Am 23. Juli treffen sich Kirchberg/Stuck und Wolff, zwischen 13 und 14 Uhr, zu einem Gespräch zur bisherigen und künftigen „Aufgabenstellung. In der Auswertung hält der MfS-Mitarbeiter fest, es seien über Kirchberg/Stucks „Reise DPA“, „l[aufen]d[e] Information für die Monatsberichte der A[bteilung] 1“ sowie „Information[en] zu [dem Präsidenten des HORCH Clubs] und Oldi-Treffen an [die] Abteilung XX (Gen[ossen]. Meichsner) zugeführt“ und weiterhin künftig die „Erarbeitung der Verbind[ung]. in die BRD“ die geplante „PE zu“ dem „Dozent Heinisch (aus Sicht RK-Bestätigung)“ in Auftrag gegeben worden (Ebd., Bez. Verw. Dresden, OD TU/H. Wolff Treffbericht/Treffort Kreuz, 23.7.1987, Bl. 100f.).

Aus diesem Auftrage einwickelt sich Kirchberg/Stucks Bericht für Wolff zum Präsidenten des Horch-Veteranen Clubs Fritsch/West-Berlin, zu dessen Person und beruflicher Entwicklung. Kirchberg/Stuck konzentriere sich zusätzlich auf die automobilgeschichtlichen Autorenschaften Fritschs. Weiterhin basierte er seine Darlegung auf Fritsch als Anreger von Oldtimerfahrten „des Westberliner Schnauferl-Clubs (ASC) nach Dresden ins Hotel Bellevue“. Der IM kündigt an, nach einigen Diskussionen sei eine solche Fahrt im August 1987 mit zwanzig Personen und etwa zehn Fahrzeugen zu erwarten. Er regt an:

„Wenn wir an einer solchen Wiederholung interessiert sind, dann empfehle ich, den entsprechenden Nachfragen weitgehend zu entsprechen. Die Wagen werden in jedem Fall Aufsehen erregen, was sich z. B. bei einer Fahrt nach Pillnitz oder der Bastei gar nicht umgehen läßt. Das Ereignis wäre in etwa vergleichbar der Ankunft bzw. Durchfahrt des Rheing[old]. bzw. Orientexpress, das Insidern vor Jahren nicht verborgen geblieben ist. Ich würde empfehlen, über den Dresdener Club der Motorenveteranen im ADMV (Vorsitzender Sportfr[eun]d, Weser) einige ADMV-Sportler mit ihren Fahrzeugen an dem bewußten Sonnabend ebenfalls auf den Parkplatz einzuladen“ (Ebd., Bericht Stuck, o.D., Anlage zu Treffbericht, 23.7.1987, Bl. 102).

Am 3. Dezember 1987 berichtet Oberstleutnant Schiffel, Leiter der „Objektdienststelle TU/H“ an die Abteilung XV, der Bezirksverwaltung Dresden, „Genossen Preusche“. Gegenstand dieses Berichtes war der „dienstliche[n] Aufenthalt“ des Kirchberg/Stuck in der Bundesrepublik. Wesentlich scheint Schiffel, dass der IM über „Regimefragen bei der Grenzkontrolle“, zu „Problemen des Besuchergeldes für DDR-Bürger sowie über die aufgesuchten Hotels und zu Personen aus der BRD“ berichtet habe. Kirchberg/Stuck berichtet über seine Kontakte

„Fachlicher Art: Dr. Bernd Wiersch, VW, Dr. Paul Simsa, Stuttgart, Journalist und Schriftsteller bei Motorbuch in Sti[u]ttgart, wichtig für Kontakte Ing. Werner Oswald, Schriftsteller in München, wichtige Autorität auf dem Gebiet der KFZ.-Geschichte“.

Kirchberg/Stuck betont weiter seine bedeutenderen Reisekontakte zu Dr. Bernd Wiersch, der als „Manager der Reise“ bezeichnet wird und der einen „Gesprächstermin mit Dr. Hahn, dem G[g]eneraldirektor von VW“ herstellen solle. Wiersch wird durch Kirchberg/Stuck beschrieben „als im Alter etwa Anfang 40, verheiratet, 2 Kinder“. Dieser sei ihm „seit Jahren bekannt“. Der IM fährt fort:

„Er ist Direktor des VW-Museums und gleichzeitig Haushistoriker von VW. Er hat sich in den vergangenen Jahren als ein zuverlässiger und seriöser Partner erwiesen. Außerdem hat er großen Anteil am Zustandekommen meiner Reise. Sein Verhältnis ist zur DDR sachlich ohne Emotion. Schwer zu ergründen ist seine politische Grundhaltung. Bei gelegentlichen Gesprächen Aber aktuelle Geschehnisse wie z.B. über den Fall Barschel tendierte er eher nach rechts als nach links“

Dies ist ein wesentliches Bekenntnis Kirchberg/Stucks zu dem Verhältnis mit Wiersch in den voraufgegangenen Jahren. Kurios-interessant erscheinen überdies die Berichte des Kirchberg/Stuck zu dessen Übernachtungen, anlässlich seines Wolfsburg-Besuches. Im „Hoffmannshaus“, Fallersleben, so berichtet der IM, habe das Zimmer 301 „zwei Betten“ enthalten und sei dieses „als einziges Zimmer ohne Sichtkontrolle durch die Reception zu betreten“ gewesen. Weiterhin fährt Kirchberg/Stuck Dr. Heinrich Ulmer, den „Geschäftsführer der Auto Union, Ingolstadt“ an, welcher einen „Gesprächstermin mit maßgeblichen Herren von Audi“ anberaumen sollte. Ulmer wird beschrieben als

„ca Anfang 50, verheiratet und 4 Kinder, ist Geschäftsführer der Auto Union GmbH und Leiter der Rechtsabteilung der Audi AG. Er ist außerordentlich freundlich und macht einen konzilianten Eindruck. Gleichzeitig ist er auch ein sehr geschickter Jurist, der gegenwärtig für Audi zahlreiche Prozesse in [den] USA führt, von denen bisher noch keiner verloren wurde. Politisch rechnet er sich zu den vernünftigen Realisten, ohne eine bestimmte Richtung erkennen zu lassen“.

Kirchberg/Stuck nächtigte im „Hotel Rappensberger, Harderstr. 3“. Der IM schreibt:

„Der Zugang von der Straße aus und aus der Gaststätte ist nur an der Tag und Nacht besetzten Rezeption vorbei möglich[.]- Der Zugang zu de[n] Zimmern ist auch über die Tiefgarage, möglich, ohne die Rezeption zu passieren. Garage wird als sehr klein und eng geschildert“.

Mit Herrn „v. Pein Direktor Archiv-Geschichte-Museum von Daimler Benz“, der ihm „persönlich“ als Privatbesucher 1978 bekannt sei, trifft Kirchberg/Stuck in Stuttgart zusammen. Dort wohnt er im Hotel Gloria, das er als früh schließendes Haus beschreibt. „Der Gast“ erhalte „einen Hausschlüssel, mit dem er sich Einlass“ verschaffe. Kirchberg/Stuck fährt fort:

„Irgend eine Kontrolle erfolgt nicht. Zugang über Tiefgarage möglich, aber an Rezeption vorbeiführend. Unmittelbare Nähe zum im Bau befindlichen neuen Daimler-Benz Verwaltungszentrum“.

Weiterhin nahm der IM Bezug auf die Porsche AG sowie einen Besuch bei BMW, wohin jedoch keinerlei persönliche Kontakte bestünden. Das träfe ebenfalls für das Deutsche Museum München zu, das auf dem Reiseplan stand, wohin jedoch „Umfang und Charakter“ der Kontakte noch nicht abzusehen seien. Ãœberdies sei beim Abfassen des Berichtes eine „Einladung für den 19./20.11. nach Bochum zu einem Kolloquium über die Ausbeutung von Zwangsarbeitern in der deutschen Automobilindustrie im Zweiten Weltkrieg“ eingegangen. Hier, so Kirchberg/Stuck ergäben „sich Kontakte mit dem entsprechenden Mitarbeiterkreis unter Leitung von Prof. Hans Mommsen“. Hier nächtigt Kirchberg/Stuck im „Hotel E[h]renstein“. Das Wesentliche dieses Hauses fasst er wie folgt zusammen:

„Im Stammhaus befindet sich außer der Wohnung des Ehepaares, in dessen Wohnzimmer man auch das Frühstück einnimmt eine Reihe von Gästezimmern. Außerdem gibt es noch einen Anbau, der über ca 8-10 Appartements verfügt. Der Zugang erfolgt ohne jede Kontrolle mit Hilfe eines gesondert ausgehändigten Hausschlüssel. Einsicht vom Haupthaus aus nicht möglich. Keine Garage, Abstellung der Fahrzeuge im Freien“. (Ebd., Bericht Stuck, o.D., Anlage zu Schreiben OTL Schiffel an Gen[ossen]. Preusche, 3.12.1987, Bl. 122-125).

Der Treff-Bericht vom 23.12.1987 zeigt, dass – mit dem Kontakt zum Westen – zunehmend ideologische Differenzen zwischen Kirchberg/Stuck und dem MfS-Mitarbeiter Wolff auftraten. Die von Audi ins Spiel gebrachte „Nutzung eines ‚Leihwagen'“ wurde als „ideolog[lisches]. Problem beim IM“ deklariert und abgelehnt. Gleichzeitig erhielt Kirchberg/Stuck den Auftrag, bei der „P[ersonen]E[rfassung] zu Prof. Dr. Rehbein, Elfriede im Rahmen der Wiederholungsüberprüfung zu N[icht]S[ozialistischen]A[usland]-R[eise]K[ader]“ tätig zu werden (Ebd., Treffbericht Stuck, 23.12.1987, Bl. 126f.).

In diesen Zusammenhang erhält Kirchberg/Stuck den Auftrag, den „Sektionsdirektor“ an der H[ochschule]f[ür]V[erkehr], Prof. Dr. Klaus-Jürgen Richter näher zu beleuchten. Neben fachlichen Details fällt hier methodisch die, bereits 1984 zu beobachtende, harsche Verfahrensweise Kirchberg/Stucks ins Auge. Zu berichten, Richter würde versuchen, eine starke „Hausmachtposition“ zu erarbeiten, lag wohl außerhalb Kirchberg/Stucks Urteil. Gleichzeitig jedoch, falls diesem Moment näher nachgegangen würde, wäre dieses für den Betroffenen nachgerade tödlich gewesen. Ob Richters Abschied im folgenden Jahre vom Amt des „Dekans“ mit diesem Anwurf Kirchberg/Stucks im Zusammenhang stand, bleibe dahingestellt. Ähnlich verfuhr der IM, wenn er ausführte:

„Tatsache ist, dass in seinem [Richters] Bereich das Superformat des Chefs eine Einzelerscheinung ist und offenbar von ihm nicht daran gedacht wird, dies durch Heranbildung von entsprechend geformten[m] Nachwuchs zu ändern. Auffällig ist sein ausgeprägter Hang dazu, wissenschaftliches Mittelmaß lange um sich herum zu dulden, sogar zu protegieren. Hingegen haben es Leute mit eigenen Ideen, dem Streben nach einem eigenen wissenschaftlichen Profil und mit eigenen Zielen in seiner Umgebung sehr schwer“

Es scheint, dass Kirchberg/Stuck nicht nur „mitlief“, wenn er sich derart schädigend, und im Ausdruck rabiat, über einen Vorgesetzten äußerte. Dies wird unterstrichen durch die offensichtlich persönlich gefärbten Interessen und Erfahrungen, die auf das Urteil des IM durchfärbten (Ebd., Anl. Zu Treffbericht Stuck, 23.12.1987, Bl. 130).

Geplante Treffen „von Automobil-Oldtimer-Fans“ aus Westberlin beschäftigten Kirchberg/Stuck unter anderem im Jahre 1987 (Ebd., Abt. XX, Informationen, 5.8.1987, Bl. 176f.; ebd., Abt. XX, Abschlußeinschätzung, 4.9.1987, Bl.178f.). Auch rapportierte ein weiterer IM an der Verkehrshochschule, der Forschungsdirektor, Dr.-Ing. Manfred Herkner, der Kirchberg-Freund, zur „Einschätzung von Dr. Kirchberg“:

„- im April 1988 – Vertrag zwischen BIEG-Audi mit einer Laufzeit 1988/89 unterzeichnet mit einem Vereinbarungs- barungspreis von 120000 V[aluta]M[ark]

– des weiteren protokolliert mit VW die Erarbeitung der Expertisen Horch und Wanderer wie 1992 mit jährlich

75.000 Valuta-Mark (Vertragsabschluß -LHM 1988) die ganze Problematik steht und fällt mit Dr. Kirchberg, auch wenn Dr. [geschwärzt] noch mitarbeitet; – K[irchberg]. ist bei den Historikern in den Automobilwerken ein geschätzter Fachkollege, der einen sehr guten Ruf genießt“.

Das habe

„dazu geführt, daß der erste Geschäftsvertrag mit ‚Audi‘ zustande gekommen ist“.

Kirchberg sei stets derjenige gewesen, der bei

„eingereisten Experten aus der BRD positive Resonanz“

hervorgerufen habe,

„wie Schreiben an die HfV zeigen; – Ich schätze K. als sehr konsequenten Menschen und cleveren Typen mit entsprechendem Auftreten ein, der unser Haus auch dies- bezüglich vertreten kann; K. ist nicht selbstherrlich, sondern beruft sich stets auf das Gutachten von Prof. SONNEMANN/TU Dresden; – K. ist Mitglied der Blockpartei. Bei Beratungen (Absprachen) ist er stets diszipliniert entsprechend der vorgegebenen Direktiven und zeigt dabei, daß er auf dem Boden unserer Gesellschaftsordnung ist. Bei Verhandlungen ist er nie leichtsinnig, sondern stets überlegt in seinen Äußerungen und Handlungen. – fachliche Arbeit und die ihm dabei gebotenen Möglichkeiten (z. B. Einsicht im Staatsarchiv etc.) auch eine Lebensstellung und damit gleichzeitig Garantie für K. als Reisekader, keine unbedachten Schritte zu tun. – durch den streng dienstlichen Kontakt – keine Aussagen zur Privat- sphäre möglich – wichtigste Kontaktpartner in seiner jetzigen Tätigkeit sind: – Dr. Wiersch, Bernd „Traditionschef“ (Auto Union Horch Wanderer DKW) Volkswagen AG Wolfsburg Firmengeschichte und Autogalerie Wolfsburg 1 – Dr. Ulmer, Heinrich verantwortlich für die Sportgeschichte von Audi Geschäftsführer der Auto-Union 8070 Ingolstadt – […]“ (Ebd., IM „Manfred“[Forschungsdirektor HfV, Dr.-Ing.M.Herkner],
(Einschätzung von Dr. Kirchberg, 14.6.1988, Bl. 181f.).

Die Professorin Elfriede Rehbein gab zu Kirchberg im August 1988 zu erkennen, dass sich ihr Soupcon gegenüber dem Autoenthusiasten nicht beruhigt hatte:

„Der K. ist in Abstimmung mit der staatlichen Leitung der Hochschule für die Bearbeitung eines Forschungsthemas ein- gesetzt, das auf dem Feld des immateriellen Exports läuft und sich mit Firmengeschichte/Traditionspflege der Automobilwerke „VW“ beschäftigt. Auf der Grundlage staatlicher Verträge wird dazu jährlich ein Nutzen von 75.000 Valutamark erarbeitet. Im Zusammenhang mit der Einbindung des K. in diese Forschungsaufgabe führte die [Rehbein].folgende zu beach- tende Fakten an – K. unterhält im Rahmen seiner „VW“-Forschung Kontakte zu den Beschäftigten des … Verkehrsmuseums Dresden Dr. [geschwärzt]. Der [geschwärzt] ist 1987 UE nach der BRD [geschwärzt] soll im Zeitraum Juni-August [19]88 Einreisen aus der BRD erhalten haben (Beschäftigte bei ‚Mercedes‘) wo über Stellenangebote nach Ãœbersiedlung des [geschw.] gesprochen wurde. – K. hat ohne Abstimmung mit dem W[issenschafts]B[ereichs] Ltr. die Person Dr. [geschw.] von der TH Dresden in die Vorbereitung eines Gedenkkolloquiums zu Ehren von – Diesel im Dezember 1988 einbezogen, wobei der B. offensichtlich auch Kenntnisse von der Forschungsauf- gabe des K. im Zusammenhang mit VW erhielt. Die [Rehbein] schätzt ein, daß der K. sehr aufgeschlossen und Kontakt- freudig ist und daraus für sie ‚ungute Gefühle‘ erwachsen. Hinsichtlich der Wahrung der Vertraulichkeit zu Informa- tionen aus der Forschungsaufgabe und den Erkenntnissen bei Verhandlungen und den BRD-Personen. Des weiteren reist der K. sowohl dienstlich als auch privat in die BRD. Konkrete weitere Fakten zur Person des K. konnte die [E.Rehbein] nicht nennen“ (Ebd., Major Sommer, Information zur Person Dr. Kirchberg, Peter bei der HfV Dresden, UB Wirtschafts- Verkehrsgeschichte).

Der Führungsoffizier des „Stuck“, Major Wolff von der Operativen Dienststelle TU/H, legte am 30.5.1988 eine Beurteilung und Bewertung Kirchbergs vor, die diesen als „Reisekader N[icht]S[ozialistisches]A[usland], bisher nur BRD“ ausweist. Zur bisherigen „inoffiziellen Zusammenarbeit“ wurden aufschlussreiche Details mitgeteilt. Major Wolff schrieb:

„- Haupteinsatzrichtung: Sicherung und Aufklärung des Lehrkörpers der HfV, Sicherung des Informationsaufkommens bei NSA-Reisen. Nebeneinsatzrichtung: Einsatz zur Sicherung des Informationsaufkommens bei besonderen Anlässen. – Verbindungen im Reisekader-NSA u[nd]. der Sektion bzw. HfV. – Einsatz beim MC Post Dresden möglich. – Keine Verbindungen zu neg[ativen]. feind[lichen]. Kreisen. – Private und berufliche Verbindungen in den NSW, Anlage an XV. – Objekt- und personenbezogene Einsatzmöglichkeiten: Gartensparte. „Heller“ in Dresden, Kollektiv der Technikhistoriker um Prof. Sonnemann. – Nutzbare Hobbys: Sammler von alter Automobilliteratur. – Im Rahmen der Bestätigung als R[eise]K[ader] wurde der IM Anfang 87 überprüft, keine op[erativ].-relevanten Hinweise, z[ur].Z[eit]. ist IM-Ãœberprüfung eingeleitet. – Letzte Einschätzung: 9186 durch Mitarbeiter, einen 1/87 u[nd]. 5/87 inoff[iziell]. – Die Perspektive des IMS bleibt in der eingegebenen Haupt- u[nd]. Nebeneinsatzrichtung bestehen“ (Ebd., OD TU/H, Major Wolff, IMS „Stuck“, XII 425/71, geworben: 5.9.74, 30.5.1988, Bl. 191f.).

Offensichtlich nutzt Kirchberg/Stuck seine Macht im Falle eines Ausreisewilligen erneut. Widrige Verhältnisse im Verkehrsmuseum, der mangelhafte Führungsstil dort und die unzulängliche Anleitung junger Wissenschaftler, mit diesem Rundumschlag warf der IM dem Betroffenen vor, dieser sei

„kein Steher und kein Durchreisser, der Hindernisse überrennt oder geschickt umgeht. Er ist eher ein Kapitulant, der schnell resignierend aufgibt. Jedenfalls war er damals am V[erkehrs]M[useum]D[resden] in seiner Entscheidung kein Einzelfall. Auch er muß zum Langzeitschaden gerechnet werden, den die damalige Leitung angerichtet hat“ (Ebd., OD TU/H, IMS „Stuck“, Anl. zu: 26.8.1988, Bl. 153).

Am 20. Dezember 1988 treffen sich die MfS-Mitarbeiter Reimann und Vietze, zwischen 9.30 und 10.35 Uhr, mit Kirchberg/Stuck. Es soll eine „Einschätzung“ zu Dr. Herkner/ Manfred und zu dessen Verhalten während der jüngsten BRD-Reise nach Wolfsburg (VW-AG)“ erarbeitet werden. Weiter wird Stucks „Kontaktpartner“ Dr. Wiersch – VW“ eingeschätzt und eine Info[rmation] zu Stimmungen/Meinungen-Verordnungen über Reiseverkehr“ erhoben. Infolge des verstärkten Einsatzes von Kirchberg/Stuck im „Nicht Sozialistischen Westen“ wird auf Seiten des MfS erwogen, diesem eine „Schulung/Qualifizierung hinsichtlich“ dessen „NSA-Reisetätigkeit – unter dem Aspekt – Beachtung Kontakt Hahn – Kontaktaufbau?“ zuteil werden zu lassen. Weiter erfolgen „Auftragserteilung“ und Instruierung“ des IM.

Es wird festgehalten:

„- IM berichtete zunächst auftragsgemäß zu den Personen Oppermann und Wiersch – übergab schrift[lich]. gefertigte Berichte zu den Genannten[.] Auswertung: 1) Opp[ermann]. – Kopie für SU – Wiederholungsaufklärung als N[icht]S[ozialistisches]A[usland]- R[eise]K[ader.] 2) Wiersch – Vervollständigung de[r]. Personalien – F10/F70 – über Ge[nossen]. Vietze – XV – bei … Reisen – neuer Auftrag – IM informierte zu Stimmungen/Meinungen aus Bereich auf „Verordnung zum Reiseverkehr…“ Auswertung: über Ref. 1 – … – 2. Teil d[e]s Treffs wurde zur Schulung (Qualifizierung des IM genutzt; Gen[osse]. Vietze machte dazu entsprechende Ausführungen (u[nter].a[nderem]. Grenzpassage, Hotels – Ãœbernachtungsstätten) in diesem Zusammenhang erfolgte … zum Kontakt IM – Hahn – auch Festlegung weiter Verfahrensweise zum Kontaktauf- und Ausbau[.]“

Als neuer Auftrag und Verhalten wird Kirchberg/Stuck mitgegeben:

„1) – Schaffung von Voraussetzungen für Kontaktaufbau H[ahn. unter Ausnutzung der… Anreise d[es]. IM bzw. Schaffung von Möglichkeiten-Einladung Vorbereitung detaillierte Einschätzung zur Person gem. Fragespiegel Abt[eilung]. XV 2) – Einschätzung d[er]. Ãœbernachtungsstätte ‚Rappen[s]berger Hof‘ entspr[echend]. Info[ormations]-Bedarf Abt[eilung]. XV 3) – Info[rmationen]. zu Reaktionen auf aktuell-politische Tagesereignisse[.] (Ebd., DE XIX/2, Treffbericht, 20.12.1988, Bl. 168f.)

Kirchberg/Stuck berichtet am 20.12.1988 über seinen Kollegen/Vorgesetzten an der HfV, Dr.-Ing. Herkner insgesamt positiv, kann sich jedoch hier nicht enthalten auszuführen, dieser habe „sich sehr zurückhaltend verhalten“, sei „andererseits…um marxistische Informationen bemüht“ gewesen, sodaß diesem „anzumerken“ gewesen sei, „daß es seine erste NSW -Reise“ gewesen sei (Ebd., Anlage zu: Treffbericht vom 20.12.1988, 20.12.1988, Bl. 173).

Anfang 1989 wird Kirchberg/Stuck, in Vorbereitung einer Dienstreise nach Westberlin, die zwischen dem 13. und 22. März stattfinden sollte, instruiert. In Berlin geht es um „Recherchen in Museen und Archiven der Autoentwicklung“ sowie darum, Kontakt mit dem Präsidenten des „W[est]B[erliner]-Oldtimer-Clubs“ zu entwickeln (Ebd., BV Dresden, Abt. XIX/2, Hptm. Neumann, Aktenvermerk, 28.2.1989, Bl. 176). Ende März berichtet Kirchberg/Stuck, dass ihn der Bruder Dr. Wierschs/VW Wolfsburg zu suchen beabsichtige, den er während seiner Dienstreise im Jahre 1988 dort kennen gelernt hatte. Der IM lädt den Besucher zu sich nach Hause ein, da „ein Treffen in der Wohnung…unkomplizierter“ sei. Ein diesem Besuch zugrundeliegender Grund sei bislang nicht zu erkennen gewesen, so Kirchberg/Stuck gegenüber seinem Führungsoffizier, Hauptmann Neumann. Weiter berichtet der IM bei dieser Gelegenheit, er plane im Herbst des Jahres eine Süddeutschland-Reise. Dann würden weitere Kontakte in Ingolstadt und Stuttgart „denkbar“ sein. Weiter teilt er mit, es sei weiter, zwischen dem 16. und 25. Mai, vorgesehen nach Hannover und Hamburg zu reisen und „auf jeden Fall Dr. Wiersch sowie [den] …Auto-Union-Veteranenclub“ zu besuchen. Erneut findet sich eine, das Bild des aufstrebenden Historikermanagers, störende Beobachtung des MfS. Einen „Kontakt Ende Februar 1989 (Hinweis aus M-Kontrolle)…“ habe ‚Stuck‘ trotz legendierter Befragung“ nicht gemeldet (Ebd., XIX/2, Hptm. Neumann, Aktenvermerk über: Mündlicher Bericht des IMS ‚Stuck‘ vom 29.03.1989, Dresden, 30.3.1989, Bl. 195).

Ein zeitgeschichtliches Dokument besonderer Art und Qualität liefert Kirchberg/Stucks kritischer Kommentar, Ende August, gegenüber dem Leiter der Abt. XIX der Staatssicherheit bei der Bezirksverwaltung Dresden. Dieser hält fest:

„Der IMS ‚Stuck‘ schätzt ein, daß die Besetzung der diplomatischen Vertretungen der BRD in der DDR bzw. in Ungarn und der CSSR sowie die M-Fluchten von DDR-Bürgern über die ungarisch-österreichische Grenze von den Mitarbeitern der WB Wirtschafts- und Verkehrsgeschichte/HfV 2 aufgrund einer Psychose und Panikstimmung zustande gekommen sind. Die Gründe, die durch ADN bekannt gegeben werden – – – Abwertung Massenmedien der BRD – – – werden nicht akzeptiert. Der IM selbst ist in diesem Zusammenhang der Meinung, daß bezüglich der Ursachen die Äußerungen von Stefan H e y m gegenüber dem BRD-Fernsehen zutreffend sind, wonach in der DDR Frustration herrscht, die für die „Massen“-Abwanderungsbestrebungen verantwortlich ist. – Es herrscht Schönfärberei vor. – Die Parteispitze rückt immer mehr von den Massen ab. – Es gibt keine Reaktionen von Partei und Regierung auf die Absetzerscheinungen Hunderter von DDR-Bürgern. – Es wird so getan, als gebe es im Inneren keine Spannungen und Probleme. – Die Massenmedien berichten nur von Erfolgen bzw. befinden sich im Zusammenhang mit den Hetztiraden und „Frontberichterstattern“ des Westens in der Defensive. Selbst die Genossen, wie z.B. Gren[ossin]. Prof. Elfriede Rehbein (erf[asst]. Abt. XV) ist der Meinung, daß der kommende Parteitag nichts Grundlegendes hinsichtlich Veränderungen, z. B. in der Parteiführung, bringen wird. ‚Stuck‘: ‚Wenn das so sein sollte, finden wir uns auf der Schattenseite wieder‘. Bezüglich möglicher Veränderungen zur Verbesserung der Lage, zur Beruhigung der Massen vertreten die Mitarbeiter op. Bereiches und auch der IM selbst folgende Meinung: – Die führende Rolle der AK, die die meisten DDR-Bürger bejahen, muß wieder richtig zur Geltung kommen. In diesem Zusammenhang lehnt man das Modell der Polen entschieden ab. ‚Wir müssen Kontraste dazu schaffen‘. – Die Bündnispolitik der Partei muß wieder in richtige Bahnen gelenkt werden. Man muß den Blockparteien mehr Möglichkeiten der eigenständigen Verwirklichung geben. Nicht nur das gemeinsame Eintreten für den Weltfrieden ist das Bindende. ‚Wo gibt es Mitglieder von Blockparteien in Leitungsfunktionen. Ausnahmen dafür sind vorherrschend‘. In diesem Zusammenhang führte der IM die Zustände an der HfV an, wo kein Student als Nachwuchskader aufgestellt wird, der nicht Genosse ist. – Forderung nach eigenständiger Profilierung und Öffentlichkeitswirksamkeit der Blockparteien. Der IM führte in diesem Zusammenhang an, daß auf dem Pädagogischen Kongreß den eingebrachten Vorschlägen des LDPD- Zentralvorstandes (Bündnispolitik in das Lehrmaterial aussagekräftiger aufnahmen; unterrichtsfreier Sonnabend) keine Silbe geschenkt wurde. – Vorhandende Spezifika in Politik und Wirtschaft der DDR müssen ausgebaut werden“(Ebd., Bezirksverwaltung für Staatssicherheit, Abt. XIX, OTL Bürger, Information, Dresden, 29.8.1989, Bl. 220f.).

Aus dem Treffbericht vom Dezember 1988 hatte sich die Aufforderung zu der zentralen „Ãœbernachtungsstätte“ Kirchberg/Stucks im Westen, dem Hotel „Rappensberger“ in Ingolstadt, ergeben, nähere Informationen zu beschaffen. Diesem Auftrag kommt Kirchberg/Stuck am 3. April nach.

Der IM berichtet, in des in des Wortes wahrer Bedeutung, „peinlichst“ über das obengenannte Etablissement. Keinesfalls entgangen war ihm, daß sich meist Gäste von Audi dort aufhielten. Die Formalitäten der Anmeldung, so Kirchberg/Stuck, würden recht lax gehandhabt. Die Lage des Hotels im Zentrum der Stadt fand der IM ebenfalls erwähnenswert. Es benötige eines „ca. 25 minütigen Fussweg[es]“ vom „Hauptbahnhof“ Ingolstadt bis zu Hotel. Außerdem fiel Kirchberg/Stuck auf, dass das Haus „direkt an einer Geschäftsstraße/Fußgängerzone“ läge und sich „im unmittelbaren Umfeld…keine weiteren markanten Gebäude (Banken etc.) befänden. „Parken vor dem Haus“ sei „nicht gestattet“, „die Anfahrt mit dem PKW möglich“. „Halten“ sei „nur zum Zwecke des Ein- und Aussteigens unmittelbar vor dem Gebäude möglich“, so fand der IM der Erwähnung wert. Darüber hinaus schien ihm wichtig, dass die „Tiefgarage“ des Rappensberger, „nach Aussagen anderer Hotelbenutzer sehr beengt“ sein solle. Bemerkungen, die klingen, als ob Kirchberg/Stuck für ein im Kriegsfall hinter der Front agierendes Jagdkommando Material sammele.

Bei dem Hotel handele es sich, so Kirchberg/Stuck,

„um das ‚erste Hause am Platz‘. Ein Ein-Bettzimmer kostet 80,- DM, ein Zwei-Bettzimmer 100,- DM (Ãœbernachtungspreis plus Frühstück). In Die Zimmer sind ausgestattet mit Bett, eingebauten Schränken, Tisch, Stühle, Fernsehgerät, aber ohne Radio. Weiterhin ist ein Telefon vorhanden, welches im Ortsnetz ohne Vermittlung durch die Zentrale genutzt werden kann. Die Gebühren gehen automatisch auf die Zimmerrechnung. Der Zimmerservice erfolgt auf Bestellung oder Vorbestellung. Eine Zimmerbar ist nicht vorhanden. Die Zimmer werden täglich gereinigt, einschließlich Bettenbau. Weder im Alt- noch im Neubau des Hotels haben die Zimmer Verbindungstüren“.

Nun kommt Kirchberg/Stuck offenbar auf das Hauptinteresse seiner Auftraggeber zu sprechen. Entsprechend detailliert widmet er sich diesem Gegenstand. Er berichtet:

„Das Hotel kann durch den Haupteingang Harderstraße betreten werden oder über die Tiefgarage (Zufahrt über eine Nebenstraße links vom Hoteleingang gesehen). Die Hoteltür ist ständig geöffnet und durch einen Portier gesichert. Der Portier gibt auch gleichzeitig die Zimmerschlüssel aus. (Portier ist gleichzeitig Rezeption.) Der Zimmerschlüssel kann beim Verlassen des Hotels abgegeben werden. Beim Empfang ist keine Vorlage des Zimmerausweises erforderlich. (In meinem Fall; ob generell – kann nicht eingeschätzt werden.) Der Erdgeschoßbereich umfaßt neben einer großen Gaststube (links neben dem Eingang; auf beigelegter Klappkarte sind die Gaststubenfenster an der Frontseite erkennbar) einen kleinen Gastraum, der von der Gaststube betretbar ist; Vitrinen, die sich rechts neben dem Eingang befinden; eine Theke im linken hinteren Teil sowie die Rezeption und den Lift im rechten hinteren Teil. Von der Rezeption aus ist einsehbar, welche Hotelbesucher kommen bzw. gehen mit Ausnahme der Besucher, welche die Tiefgarage benutzen, da diese über den Lift in die einzelne Stockwerke gelangen. Die einzelnen Stockwerke sind über zwei Lifts erreichbar, wobei nur Lift 1 von der Rezeption aus einsehbar ist, während sich Lift 2 im hinteren Teil des Hotels im Altbau befindet. Ebenso die zwei Treppen (eine neben Lift 1) sind von der Rezeption nicht übersehbar. Die Hotelzimmer befinden sich auf insgesamt 3 Etagen und sind über Lift bzw. Treppe betretbar. Im Obergeschoß (4.) befinden sich Privatzimmer. In den einzelnen Etagen sind normale Hotelgänge ohne Nischen. Alt- und Neubau (letzterer auf Klappkarte innen in der Mitte abgebildet) sind durch Korridore/Gänge miteinander verbunden“ (Ebd. BV Dresden. XIX/2. Stuck, Abschrift IM-Bericht, 3.4.1989, Bl. 185f.).

Dieses Hotel, das ich selbst in den Jahren 1983 bis 87 einige Male (im Auftrag von Audi damals) nutzte, ist mir keinesfalls als luxuriös erinnerlich. Die Einrichtung des Restaurants, die äußerst Plüschfarben und restrospektiv ausgefallen war, wird mir mit Kirchberg/Stucks Anmerkungen erinnerlich. Aber eine Betrachtung unter dem Gesichtspunkt, wie ich ungesehen von draußen auf mein Zimmer käme, war mir damals (und wohl auch heute) verschlossen. Viel entscheidender aber war, und das verschweigt Kirchberg/Stuck, dass in dem Hotel ständig die Glocken der umstehenden Kirchen läuteten, was mich ins Best Western an der Autobahnauffahrt umziehen ließ.

Den Informationen zu Westkontakten Kirchbergs geht die Staatssicherheit bei der Bezirksverwaltung Dresden Ende April 1989 weiter nach. Es wird ein „Informationsbedarf“ angemeldet (Ebd., OTL Bürger an Major Günther, 25.4.1989, Bl. 207f.). „Auf Grund eines bisher noch ungeklärten Hinweises zu einem BRD-Kontakt (Januar 1989)“ Kirchberg/Stucks werden im August 1989 auf Seiten des MfS, verschiedenste Veränderungen der nachrichtendienstlichen Strukturen um „Stuck“ erwogen (Ebd., BV Dresden, Abt. XIX/2, Vorschlag zur Einführung des IMS „Stuck“, Reg.-Nr. XII/71, in die IMK/KW „Hopf“, Reg.-Nr. XII 1771/87, 17.8.1989). Die Intensität, mit welcher Kirchberg seine Aufgaben erfüllt, belegt sein „Treffbericht“ vom 4.4.1975 zu seinem Freund und Kontaktmann im Verkehrsmuseum Knauer (Der Bundesbeauftragte, ASt. Dresden. 4811/90, Reg.-Nr. Dresden/ XII/425/71, II. Beginn 27.2.71/30.9.74, Bd. I. DE XIX, Hptm. Beyer, Treffbericht, 2.10.1974. Ein detailliertes, jedoch gerade in dieser Anlage, äußerst müßiges Elaborat).

Das letzte Treffen Kirchberg/Stucks mit seinem Führungsoffizier Neumann, findet am 25. Oktober 1989, zwischen 9.30 und 10.25 Uhr, statt. Es handelt sich um einen Ausweichtermin, da der IM am ursprünglich geplanten Treff durch Terminschwierigkeiten verhindert ist. Es geht im Verlauf der Unterredung um die Dienstreise Kirchberg/Stucks in die BRD und nach Frankreich. Weiterhin sollen „Stimmungen und Meinungen“ registriert, und die „aktuelle politische Lage (aus der Sicht seiner [Kirchberg/Stucks] Mitgliedschaft in der LDPD)“ festgehalten werden. „Der IM hatte nur eine Stunde Zeit, da er ab 10.45“ Uhr eine Vorlesung zu halten habe, wird berichtet. Weiter wurde „wurde der Treff ausschließlich zur Informationsgewinnung zu Stimmungen/Meinungen und zur Festlegung der weiteren Aufgabenstellungen genutzt“. Schließlich wurden die „Problematik [der] Dienstreise…im Zusammenhang mit der Analyse seiner [Kirchberg/Stucks] NSW-Kontakte abgearbeitet“. Es geht dabei um einen „Reisebericht“, der ausgearbeitet werden soll. Diese Unternehmung wird nach „Stuttgart, Ingolstadt und Mühlhouse“ führen. Die Abteilung XV der Staatssicherheit in Dresden erwartet von Kirchberg/Stuck „Prospektmaterial von d[er]. D[ienst]R[eise] d[es]. IM“. Das Referat 1 will Informationen von Kirchberg/Stuck zu „Stimmungen/Meinungen“. Als „Auftrag und Verhaltenslinie“ wird dem IM mitgeteilt:

„- Erarbeitung und Ãœbersicht über NSW-Kontakte unter der Beachtung [der] Intensität und [des] Charakter[s] der Verbindung sowie Perspektivität für [die] Ableitung weiterer perspektivischer Aufgabenstellungen. – Info[rmations]. Gewinnung Zustimmungen/Meinungen“.

Die Stellungnahme der Vorgesetzten zeigt inzwischen einen gewissen Unmut, denn die Zeitabstände zwischen den „Treffs“ mit Kirchberg/Stuck scheinen für eine effektive Führung des IM zu ausgedehnt. Auch wird es notwendig, Kirchberg/Stuck stringenter, d.h. „konkret [zu] beauftragen!“ Auch soll, unter dem Druck der Ereignisse, künftig der IM „in[m unserem] Interesse“ etwa in die „Gruppe der 20“ und „andere Gruppierungen“ der Volksbewegung eingeschleust werden. Dazu soll diesem jedoch „ein konkreter Auftrag“ erteilt werden (Ebd., Diensteinheit XIX/2, Neumann, Treffbericht, 25.10.1989, Bl. 222f.).

Dazu faßt der MfS-Offizier die „Stimmungen“ und „Meinungen“ zusammen, die Kirchberg/Stuck, bereits in den genannten Kreisen der Bevölkerung gewonnen hatte. So bleibt eine authentische Stimme zur Lage in Dresden, gegen Ende August 1989, erhalten. Dieses Dokument weist damit über die engeren, durchschimmernden Interessen des IM hinaus. Das Dokument hält fest:

„Während des Treffgespräches informierte der IMS ‚Stuck‘ über Stimmungen/Meinungen zur gegenwärtigen politischen Situation in der DDR und gab dabei auch seine persönliche Meinung wider. U.a. äußerte er:

– Als Mitglied der LDPD vertritt er die Ansicht, daß – in Anlehnung an die Rede des neuen Generalsekretärs – die Blockparteien attraktiver, ihre Arbeit aktiviert und belebt werden müssen. So lange das nicht geschehe, bzw. nicht mit der notwendigen Konsequenz, wäre das Neue Forum eine Herausforderung und die Anerkennung dieser Plattform nicht gegenstandslos. Diese Feststellung sei [gestr. unleserlich] für die Parteien gedacht, aber insbesondere auch über die Nationale Front. Zumal nach seiner Meinung in letzter Zeit immer mehr Stimmen hörbar werden, die die Notwendigkeit der Nationalen Front in Frage stellen, da sie nur eine Ansammlung von Funktionären ist. Er selbst sei aber der Ansicht, daß es nicht darum gehen könne, die Nationale Front aufzulösen, sondern sie wieder zu beleben/ zu aktivieren. – Was die Aktivitäten seiner Partei angehe, schätzte er ein, daß die Äußerungen des Parteivorsitzenden M. Gerlach in den letzten 14 Tagen, mit denen er solch Ansehen unter der DDR-Bevölkerung und auch in den Massenmedien der BRD (als Reformer) erreicht hätte, nicht neu sind, sondern bereits im Mai 1989 in einer Zuarbeit für die SED an den XII. Parteitag enthalten waren, die aber im Politbüro nicht die richtige Resonanz fanden. ‚Gerlach war in diesem Zusammenhang bei G[ünter]. Mittag. In der Aussprache hätten die Gardinen ganz schön gewackelt….‘ G[erlach]. der auch beim IM großes Ansehen genießt, hätte mit dafür gesorgt, daß die Meinung über den Minister für Staatssicherheit – auch vom IM – revidiert wurde, wonach ein ‚Mann mit über 80 Jahren langsam senil wird…‘ G[erlach]. hatte sein jüngstes Gespräch beim Minister ausgewertet. Anders sei es mit der Meinung von anderen Blockfreunden über ihre Führung: – [geschwärzt, B.S.] (Ehefrau des kürzlich verstorbenen Prof[essor]. der P[hilosop]H[ie]), stellvertretende Bezirksvorsitzende der CDU in der Nationalen Front äußerte, daß ihre Führungsspitze total verkrustet sei und keinerlei Widerspruch dulde. – [geschwärzt, B.S.] Vorsitzender der Bezirkshandwerkskammer, Mitglied der NDPD, kritisierte, daß es in der letzten Zeit aus seinen Reihen viele Vorschläge über die Reformern für Preise/Steuern gegeben hätte, aber die Parteiführung nichts davon hören wollte. Meinung des IM: [geschw., B.S.] regiert wie ein preußischer Offizier…. – Veränderungen in der jetzigen Zeit sind nach seiner Meinung nicht nur Verpflichtung der SED, sondern auch aller Blockparteien. Er persönlich sei von seiner Partei vorgeschlagen worden, in der am morgigen Tag zu konstituierenden Arbeitsgruppe ‚Kommunikation und Information (SP: Medienpolitik….)‘ auf Stadtebene mitzuwirken‘, um entsprechende Veränderungen, auch in der Infrastruktur, zu erreichen. – Was die endlosen Demonstrationen und Diskussionen in Dresden anbetrifft, vertritt der IM die Meinung, daß das eine Frage der Zeit und der Nerven ist. Wichtig sei, daß die Massen den Frust ablegen und möglichst bald merken, daß sich etwas ändert. Was die angesprochene Veränderungen im Reiseverkehr anbetrifft, so wertet er die Ausstellung von Pässen für jedermann als einfach, aber das ‚wie weiter‘ wäre schwer. Es ändert sich damit nichts in der Wirtschaft und anderen Bereichen mit Engpässen und Fehlern. Wichtig sei für ihn die volle Durchsetzung des Leistungsprinzips, was man mit Reden und Diskutieren in dem jetzigen Ausmaß nicht erreiche. Absolut falsch wäre nach seiner Meinung auch, irgendwo 500 Mio. DM zu pumpen, um Ananas, Bananen etc. einzukaufen und unter der Bevölkerung zu verteilen. Alle würden anstehen, kaufen und wie weiter, wenn die Dinge alle sind? Für ihn wäre das ein die ganz unvollkommene Lösung. Obwohl: Ohne Anleihen geht es nicht, gerade im unproduktiven Bereich. Aus seiner Sicht wäre es richtig, unter Wahrung der politischen Souveränität der DDR, neue Verbindungen (wirtschaftl[ich].) zur EG aufzubauen unter dem Aspekt der Beteiligung am gemeinsamen Markt. Das schließe aber ein, die Mark freikonvertierbar zu machen. Das könnten wir andererseits aber nur, wenn wir unsere Wirtschaft attraktiver/produktiver gestalten – – Leistungsprinzig[p], Eigenerwirtschaftung der Mittel…. – Als Beispiel, wie es perspektivisch nicht mehr gehe, nannte der IM die ‚Ereignisse‘ um die Genossin Prof. Dr. Elfriede Rehbein, die dank der guten Beziehungen zum (ehemaligen) Politbüromitglied G[ünter]. Mittag ihre überdimensionale Geldgier und ihr Geltungsbedürfnis befriedigen konnte, indem sie nun neben der 3000,- M Rente auch noch ein Oberassistentengehalt von ca. 2000,- M[ark] erhält, trotz Emeritierung. Das wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf sie als Persönlichkeit im In- und Ausland, sondern auch auf ihre Verbindungsperson. Weiterhin lehnte der IM die ‚Machenschaften‘ an der HfV ab, wonach Voraussetzung für eine Forschungsstudentenplanstelle die SED-Mitgliedschaft sei. Er könne sich auch nicht vorstellen, daß das vom Minister M[inisterium]H[och- und] F[achschulwesen] sanktioniert ist“ (Ebd., X IX/2, Information [des IM Stuck], 25.10.1989, Bl. 224f.).