Bernd F. Schulte(c): Streitkräfte im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Die deutsche Armee 1900 bis 1914.

Vorbemerkung der Redaktion Europäische Wehrkunde/Wehrwissenschaftliche Rundschau ( von Kleist / Gero von Ilsemann)

Die provozierenden Behauptungen des Autors, der die deutsche Niederlage im 1. Weltkrieg aus einem neuen Blickwinkel betrachtet, dürfte Widerspruch von Historikern und von militärischer Seite ernten. Ob die unleugbar 1914 vorhandenen Zöpfe in Erziehung, Ausbildung und Bewaffnung deutscher Soldaten als Ursache schwerer wogen als außenpolitische und strategische Fehler des Kaiserreichs, sollte in der weiteren Diskussion der Frage untersucht werden. Insbesondere wäre dabei der interessanten These von der Angst vor einem Bürgerkrieg als Grund für eine falsche Ausrichtung der Armee nachzugehen. Hätte der Autor im Kern seiner Kritik an jener „schimmernden deutschen Wehr“ von 1914, die sich ihren nach Kopfzahl und Material stärkeren, angeblich moderner denkenden Gegnern ja doch über Jahre hinweg auf dem Schlachtfeld ebenbürtig, wenn nicht überlegen zeigte, Recht, würde das auch den immer wieder beschworenen Vorsprung deutscher Ausbildung und Erziehung in Gestalt der sog. Auftragstaktik treffen!
(Streitkräfte im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Die deutsche Armee 1900 bis 1914, Nr. 5, 32. Jg., Mai 1983, S. 239-245) vgl. www.forumfilm.eu

Einleitung*

Nach wie vorfindet die Epoche des Imperialismus das ungebrochene Interesse sowohl der Wissenschaft wie auch der Öffentlichkeit. Der Erste Weltkrieg, der in den westeuropäischen Staaten noch heute als „the Great War“ gilt, ist tatsächlich der tiefste Einschnitt der neuesten europäischen Geschichte.

Gerade in unseren Tagen erweist sich die politisch-strategische Situation der Jahre 1911 bis 1914 von großem Erkenntniswert für die adäquate Beurteilung der heute auf uns zukommenden Probleme. Das internationale System des Jahres 1983 unterscheidet sich nicht so stark von demjenigen des Jahres 1914, daß man nicht einige Analogien und Paradigma entwerfen könnte. Die Staatenkonstellation eines Sowjetrußland zwischen China im Osten und den USA/Westeuropa im Westen entspricht im Grunde jener der Jahre 1907 bis 1914, die das Deutsche Reich zwischen Rußland im Osten und Frankreich/England im Westen zeigt. Noch verstärkt wird dieses Bild durch die Parallelität der russisch-deutschen Entwicklung (1970 bis 1983 und 1897 bis 1914), durch die Bemühungen des sowjetischen Admirals Gorschkow, der analog zu Tirpitz die bisherige Hegemonialmacht zu Lande, UdSSR, zu einer Seemacht aufwerten will; ein Weg, der wie vor dem Ersten Weltkrieg England, nunmehr die USA, zu einer energischen Gegenrüstung provoziert. Zu Lande entwickelt sich im Zuge der NATO-„Nachrüstung“ ein Wettrüsten, das ähnlich brisante Züge trägt wie jenes der Jahre 1912 bis 1914, das initiiert durch die deutschen „Nachrüstungen“ in den Ergänzungsgesetzen 1912 und 1913, von Frankreich mit der dreijährigen Dienstzeit beantwortet wurde und ähnlich wie heute (seit 1979) in breiten Schichten der Bevölkerung das Gefühl verstärkt, nicht mehr in einer Nachkriegs-, sondern vielmehr in einer Vorkriegszeit zu leben.

So gesehen, gewinnt auch die Untersuchung der spezifisch militärischen Entwicklungstendenzen innerhalb der deutschen Armee vor 1914 an Bedeutung. Dies, zumal das Grundproblem einer langjährigen Friedensarmee, damals wie heute, in einer adäquaten Beurteilung der Kriegsrealität besteht.

Am 10. September 1914 – auf dem Höhepunkt der „Marneschlacht“ – notierte der bayerische Militärbevollmächtigte im Gr. H. Q., Generalmajor von Wenninger, in seinem Tagebuch:

„Müssen wir nicht an unseren Feinden uns ein Beispiel nehmen, die nach einem Dutzend von unglücklichen Gefechten und Schlachten, nach einem zehntägigen Rückzug, den wir fluchtähnlich nannten, den moralischen Schwung besaßen, sich zu einem wuchtigen Gegenstoß aufzuraffen? – Im Schulhaus zu Luxemburg ist es still wie in einem Sterbehaus – man geht auf den Zehen, die Generalstabsoffiziere huschen mit gesenkten Augen an einem vorüber – nur nicht ansprechen, nicht fragen. Was ist aus der Koblenzer Stimmung geworden, aus diesem gloria in excelsis?“ 1

Was war geschehen? Das Zurückgehen der deutschen 1. Armee vor Paris und das Aufreißen einer Lücke in der deutschen Front an der Marne, in die französische und englische Verbände eindrangen, hatte den Rückzugsbefehl für die Armeen des rechten Flügels erzwungen. Die Beurteilung dieser Vorgänge ist seit 1914 und erst recht seit 1919 umstritten. Diese Diskussion füllt inzwischen Bibliotheken und kreist in erster Linie um den Streit zwischen den Optimisten, die ein Durchfechten der Schlacht vor Paris, der Marneschlacht, vertreten, und den Fatalisten, die grundsätzlich einen Erfolg vor Paris und damit die Entscheidung des Feldzuges- und des Krieges – in Frankreich für unmöglich halten.2 Je nach dem Standort und der Nuancierung wurden nach 1919 das Oberkommando der 2. Armee (Bülow/Lauenstein), das die Nerven verloren habe3, der durch Moltke an die Front entsandte Chef der Feindnachrichtenabteilung im Gr. Generalstab, Oberstleutnant Hentsch, der seine Befugnisse überschritten haben soll, und schließlich der Generalstabschef Moltke belastet, der dem Amt fachlich nicht gewachsen, krank, spiritistisch beeinflußt und deshalb pessimistisch und führungsschwach gewesen sein soll.4 Tatsächlich bildete der Rückzugsbefehl Moltkes nur die unausbleibliche Schlußfolgerung aus der Einsicht, daß mit dem Zerreißen der Entscheidungsgruppe vor Paris diese sich in der Gefahr befand, vernichtet zu werden.5 Nur der Umstand, daß die Franzosen und Engländer die Lücke zwischen der deutschen 1. und 2. Armee, die durch von Klucks Abmarsch nach Norden gegen die aus Paris vorstoßenden Kräfte der französischen 6. Armee Gallienis entstanden war, nicht zeitig genug erkannten und nutzten, bewahrte den rechten deutschen Flügel vor der Vernichtung.

Alles war bewußt auf eine Karte gesetzt worden. Diese Karte war der Sieg des Deutschen Reiches über Frankreich. Auf diese Aufgabe waren Rüstungspolitik, Ausbildung und Bewaffnung der deutschen Armee ausgerichtet. Jedoch zerbrach das Konzept der zahlenmäßig begrenzten, qualitativ hochstehenden Armee bereits im August/September 1914.6 Nichterst im zweiten Anlauf im Oktober/November, unter Aufopferung einer Generation Kriegsfreiwilliger, u.a. bei Langemark, verblutete die Friedensarmee des Kaiserreichs. Aus dem Felde wurde im Dezember 1914 berichtet, der Adel im Offizierkorps sei vernichtet,7 und im November sprach der Kriegsminister von Falkenhayn gegenüber dem Reichskanzler Bethmann Hollweg von der Armee als einem „zerbrochenen Werkzeug“.8 Sicherlich waren auch Führungsfehler für den Fehlschlag im Westen und damit des gesamten Krieges verantwortlich, doch scheinen nicht allein die operativen und strategischen Fragen des Weltkrieges heute von jener entscheidenden Bedeutung, die man ihnen nach dem verlorenen Weltkrieg beimaß. Vielmehr scheint es dringend notwendig, sich unverstellt durch zeitgenössische „Schwellenängste“ den Ursachen der ungeheuren deutschen Verluste zu stellen, die letztlich dazu führten, daß die Entscheidungskräfte vor Paris mit bis zu 50 geschmolzenen Frontstärken liegenblieben.9 Um die hier aufgeworfene Problematik des Entwicklungsstandes der deutschen Streitkräfte vor 1914 zu beleuchten, sollen die strukturellen Voraussetzungen der bewaffneten Macht des Kaiserreichs analysiert werden. Neben den Kritiken ausgewiesener englischer und französischer Fachleute wie des Militärkorrespondenten der Times, Oberst a.D. Repington10 sowie der Generale Mordacq, Bonnal und Maitrot, sollen die deutsche Taktik und Ausbildung der Waffengattungen im Rahmen der in- und ausländischen Diskussion behandelt werden. Die dabei zentrale Frage der Zeitmäßigkeit der entsprechenden Entwicklungen wird ebenfalls auf den Sektor der rüstungspolitischen und technischen Entwicklungen angewandt. Indikator der Tendenzen der deutschen Wehrverwaltung und Stäbe angesichts der innovativen Anforderungen der Zeit ist die Haltung der militärischen obersten Instanzen in der Konfrontation mit den an zeitgenössischen Kriegen ablesbaren Entwicklungen der Strategie, Taktik, Wehrtechnik und Rüstung. Angesichts der involvierten gesellschaftlichen Spannungen als Folgewirkungen der Wandlungen des Kriegsbildes, stellt sich die Frage nach den Einflüssen der innergesellschaftlichen Probleme allgemein auf die Haltung der Wehrverwaltung und des Staates und seiner bewaffneten Macht im Hinblick auf einen möglichen Bürgerkrieg.

Es soll hier der Versuch unternommen werden, die Gründe für den retardierten Entwicklungsstand der deutschen Armeen des Kaiserreichs herauszuarbeiten.11 Im Mittelpunkt der Überlegungen steht die Frage nach der Evolutionsfähigkeit der bewaffneten Macht und weiter jene nach den Einflüssen traditioneller, außen- wie innenpolitischer Art. Die Streitkräfte bildeten den „Mikrokosmos“ der wilhelminischen Gesellschaft, der eine strukturell bedingte Unfähigkeit zu Innovationen anhaftete. Eine Ursache dafür bildete die Verklammerung von Gesellschaft und Armee, das Vorherrschen einer feudalen Führungselite auf den zentralen Verwaltungs- und Kommandoebenen – und die nur taktische Angleichung an die Entwicklung der Waffentechnik.12

Die ausländische Kritik an der deutschen Armee

Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaß vor allem das westeuropäische Ausland über den Entwicklungsstand der deutschen Armee unterrichtet war.13 Dies wurde im Gefolge des Kaisermanövers 1911, nach der Kriegskrise um Marokko, deutscher Öffentlichkeit und Fachwelt deutlich.14 Wie eine Bombe schlugen die in der renommierten Londoner „Times“ im Oktober 1911 veröffentlichten und gegenüber dem deutschen Kaisermanöver in Pommern äußerst kritischen Artikel ihres Militärkorrespondenten Oberst a.D. Repington in der deutschen militärischen und politischen Führungselite ein.15 Der englische Offizier, der in Indien, Ägypten und dem Sudan gekämpft hatte und ebenfalls Stellungen im War Office und als Militärattache in Holland bekleidet hatte, führte in seiner vor allem für deutsche Ohren unkonventionellen kritischen Sicht überwiegend die Schwächen der deutschen Armee in Organisation, Führung und Gefecht vor, die bis zu diesem Zeitpunkt in dieser Konzentration, Weitsicht und Schärfe der Repington-Artikel noch nicht geboten worden war.16 Ausgehend von dem Eindruck einer unzeitgemäß an überholten Traditionen festhaltenden deutschen Infanterie, deren Hauptmangel die Unterschätzung, ja die Verachtung der feindlichen Waffenwirkung17 bilde, und einer weiter fortgeschrittenen, jedoch im internationalen Maßstab veralteten Feldartillerie18 gelangte Repington zu dem Ergebnis, der deutsche Anspruch, „die beste Armee der Welt“ zu besitzen, sei der Ausdruck von Überheblichkeit. Der Eindruck Repingtons, die deutsche Armee lebe von dem Ruf, den sie in ihrer glorreichen Vergangenheit, vor allem den Feldzügen von 1866 und 1870/71 erworben habe, findet in dem Bericht des bayerischen Militärbevollmächtigten von Wenninger vom April 1914 seine Bekräftigung. Wenninger schrieb, in der preußischen Truppe herrsche zweifellos nach wie vor Eifer, altpreußisches Pflichtgefühl und reges Streben; aber es läge nahe, wenn da und dort so eine leise Anwandlung zum Ausruhen auf 1864, 1866 und 1870/71 aufträte.19

Politisch mag Repington mit seinen Artikeln im Herbst 1911 versucht haben, über seinen Vorwurf, die deutsche Flottenrüstung sei für den zweitrangigen Standard der Armee verantwortlich, die innerhalb der deutschen Führungsspitze latenten Kämpfe um die Verteilung des Militärbudgets zu verschärfen und so eine Schwerpunktverlagerung vom Flottenbau zurück zum Primat der Armee (der übrigens nie durchbrochen war) zu bewirken.20 Die Landmacht des Deutschen Reiches schien seit dem Oktober 1911 nicht länger so unangreifbar wie noch 1908/09 während der Kriegskrise um die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn. Eine Wirkung, die während des Ersten Weltkrieges, im April 1917, der französische Marschall Petain gegenüber Repington bestätigte. Doch provozierten dessen Ausführungen in Deutschland vor allem ablehnende Reaktionen und das Gefühl, tödlich beleidigt zu sein. Vehement vorgetragene Gegenanklagen führten dazu, dessen fachliche Argumentation zu vernachlässigen. In ihrer Schärfe entsprachen die Urteile des Engländers jenen der französischen Fachliteratur und Publizistik, mit denen sich die Namen hoher Offiziere wie General Bonnal, General Maitrot und der spätere General Mordacq wie auch die bekannter westlicher Journalisten und Publizisten wie Chéradame, Doutremont und Hensman verbinden. Diese konzentrierten sich bereits 1905/06 vor allem auf die Ausbildung des deutschen Soldaten und kritisierten insbesondere die überaus ausgedehnte Paradeausbildung auf den deutschen Kasernenhöfen.21 Noch am 26. Februar 1915 – d. h. geraume Zeit nach den ersten Kriegserfahrungen – kritisierte der damalige Inspizient der Fußartillerie Kuhn:

„Die Ausbildung der Ersatzbataillone geschieht zu sehr nach dem Muster der Rekrutenausbildung, das ist total falsch. Den Mannschaften muß das beigebracht werden, was sie in der Front brauchen. Es hat also gar keinen Zweck, dieselben wochenlang Einzelmarsch und Ehrenbezeugungen üben zu lassen, das macht die Leute stumpfsinnig und nimmt ihnen die Dienstfreudigkeit. Eine Befriedigung kann es denselben auch nicht geben, wenn die Vortragsstunden nur dazu ausgenutzt werden, um ihnen die Namen der direkten Vorgesetzten beizubringen. Zünderstellen, Unterweisung über den Karabiner usw., dies sind Dinge, die die Leute brauchen, die sie interessieren und die auch in den Vortragsstunden beigebracht werden können . . . Den Kommandeuren mache ich zur besonderen Pflicht, eine kriegsmäßige Ausbildung der Mannschaften mit allen Mitteln zu fördern . . . „.22

Hierum ging es jedoch tatsächlich. Jetzt, 1915, im zweiten Kriegsjahr, waren bereits nicht mehr zu behebende Schäden eingetreten.23

Bereits vor dem Hintergrund der ersten Marokkokrise 1905/06 hatte sich eine eingehende Auseinandersetzung französischer Beobachter mit dem deutschen Rüstungsstand entwickelt, eine Diskussion, die mit dem Zusammenbruch der deutsch ausgebildeten türkischen Armee im ersten Balkankrieg im Oktober 1912 eine weitere Aufgipfelung erfuhr.24

Aus französischer Sicht schien die deutsche Ausbildungsmethode zum einen aus ihren im 18. Jahrhundert liegenden Wurzeln erklärbar. Zum anderen schien die Fortdauer dieser auf die Entindividualisierung und Einschleifung des gemeinen Soldaten in ein festgefügtes Schema von Befehl und absolutem Gehorsam hinzielende Methode in dem Bestreben zu erklären, die von innen her – durch die Sozialdemokratie – gefährdete monarchische Armee zu konservieren. Auf dieser Basis gelangte die „Revue des deux Mondes“ zu dem Ergebnis: statt die Initiative und Selbständigkeit des einzelnen Mannes zu entwickeln, bleibe es in Deutschland bei der Überbetonung der Disziplin.25 Erst 1912/13 sollten ausländische Kritiker – und selbst dann nur vereinzelt – eine Tendenz zu mehr Flexibilität feststellen. Dieses Bild sollte sich nicht zuletzt auf Grund der o.e. innenpolitischen Rücksichten bis 1914 kaum verändern. Der Mangel an Flexibilität und eine geringe Befähigung zu Improvisationen bildeten den Preis für die unvermindert beibehaltene Klammer der Disziplin.26

Taktisch ließ sich ebenfalls zwischen 1906 und 1911 – trotz zunehmender Anstöße zu Innovationen – kein entscheidender Wandel der Gefechtsformen und Methoden überkommener Kolonnentaktik zum Gefecht in der geöffneten Ordnung erkennen. Dies erscheint um so aufschlußreicher, als in Frankreich bereits 1883 die Bedeutung des Feuers, der Geländeausnutzung und der aufgelösten Fechtweise der Infanterie erkannt wurden.27

Die Urteile ausländischer Fachleute zeigen, daß zwischen 1888 und 1914 die deutschen Vorschriften und die deutsche Ausbildungspraxis mit einer Verzögerung um vier bis fünf Jahre auf die Anstöße des Russisch-Japanischen Krieges reagierten. Es liegt nahe anzunehmen, daß das Festhalten an den Rezepten des Deutsch Französischen Krieges und die Überzeugung von der Richtigkeit der hieraus 1888 in der Infanterie-Vorschrift entwickelten Grundsätze dafür verantwortlich waren, daß über 1906 hinaus Schnelligkeit, Massenentwicklung und Wucht des deutschen Angriffs überbetont wurden.28 Vor allem französische Beobachterstelltenfest, dass sich über 1909 hinaus die überkommene und mit dem Exerzier-Reglement für die Infanterie von 1906 nur abgeschwächte Kolonnentaktik des 70er Krieges erhalten habe.29 Die im Frieden eingeschliffenen Formen hätten zu unverminderter Reglementierung und Bevormundung des einzelnen Soldaten geführt und den gleichgerichteten Einheitsangriff zum Ergebnis. Die Kritiker der deutschen Armee-Entwicklung zwischen 1906 und 1911 gelangten zu dem Bild des wie ein „Automat“ kämpfenden deutschen Infanteristen.30Dennoch habe mit dem Reglement von 1906 eine Entwicklung eingesetzt, die bis 1912 die deutsche Infanterie zunehmend zu einem gefährlicheren Gegner machte. Wenn sie sich auch nicht entsprechend dem Grundsatz der Ökonomie der Kräfte verhielte, der ein ursprünglich französischer sei, so bestünde dennoch in der Geschlossenheit ihres Frontalangriffs, ihrem Vorgehen basiert auf Masse, Wucht und Willen, das ihrer Erziehung entsprechende Verfahren.

Die Kritik an den Waffengattungen

Die Analyse deutscher Stimmen zur Infanterietaktik des Jahres 1905 ergibt die vordringliche Steigerung des Infanteriefeuers unter dem übergreifenden Gesichtswinkel seiner Ausnutzung im Angriff. So war der Gr. Generalstab unter Schlieffen in Auswertung des Buren und des Russisch-Japanischen Krieges von der Überlegenheit des Angreifers überzeugt, und Schlieffen erwartete, „der Verteidiger“ werde „sich in seiner Stellung verbluten“.31 Darüber hinaus wurde nach 1906 die Auflockerung der Formation mit Rücksicht auf die feindliche Waffenwirkung vernachlässigt, und es gelang auch bis 1912 nicht, moderne Gefechtsformen, die das Gelände und die Position des Gegners berücksichtigten, zu praktizieren. Vielmehr bildete die Schematisierung ausgefeilter Vorschriftenziffern in der Ausbildungspraxis einen wesentlichen Mangel der deutschen Infanterietaktik vor 1914. Stellvertretend sei hier der Anfang 1912 aus dem Amt scheidende Ingenieur-Inspekteur Schott zitiert, der in einem Rundbrief an seine Offizierkamera den schrieb:

„Es ist ein schönes Ding, die Tradition, aber man hüte sich vor ihrer Fessel! Tradition in hoher Gesinnung ist ein Schatz, ein unwägbares Gut, Tradition in der Form ist… Zopf! Unter den heutigen Verhältnissen, in denen wir mit so formidablen artilleristischen, pionier- und flugtechnischen Angriffsmitteln rechnen müssen, bedarf es absolut neuer Formen! Weg mit jeglichem Zopf!“

Daß sich bis 1914 im Prinzip so gut wie nichts verändert hatte, verdeutlicht ein erschütterndes Dokument. Ein Zeuge der Kämpfe bei Langemark im Oktober 1914 berichtet aus der Sicht der Engländer, Belgier und Franzosen:

„Über die Tapferkeit der deutschen Infanterie herrscht auch hier allseitiges Lob. Allerdings macht es mir bei nahe den Eindruck, als ob durch Sturmangriffe der Infanterie weniger Erfolge errungen, als vielmehr Tapferkeits-Rekorde erreicht werden sollten. Ich habe oft geradezu gestaunt, mit welch unerhörter Rücksichtslosigkeit das Fußvolk gegen die diesseitigen Stellungen ins Treffen geschickt wurde, ohne daß auch die geringste Aussicht vorhanden war, mit dem Angriffe durchzudringen . . . Daß diese (Vorstöße) stets mit Zurückwerfen der Deutschen, die fürchterliche Verluste gehabt haben müssen, endeten, brauche ich wohl nicht noch zu erwähnen. Übrigens habe ich auch Sturmangriffe gesehen, die durch ihre Unüberlegtheit allseitig Kopfschütteln erregten, denn auf 600 bis 800 m einen Sturmanlauf zu versuchen auf eine sorgfältig vorbereitete Stellung, die von Infanterie-Massen mit Artillerie-Unterstützung verteidigt wird, bezeichnen selbstenglische Offiziere als Verschwendung von Menschenmaterial, und ich fürchte beinahe, daß sich dieses auf deutscher Seite schwer rächen wird.“

Die deutsche Kavallerie zeichnete sich kurz vor dem Ersten Weltkrieg durch einen hohen Ausbildungsstand, eine durch den Kompromiß zwischen Blank- und Feuerwaffe geprägte Bewaffnung, ihre ganz auf die Offensive abgestellte, die Entscheidung in der Attacke suchende Taktik und unerschütterliches Vertrauen in ihre zahlenmäßige Überlegenheit aus. Die Quellen belegen die seit 1870 in Kontinuität geführte Diskussion um die Frage: Schlachtenkavallerie oder Aufklärungsreiterei? 1914 stand im Mittelpunkt aller Überlegungen neben der Aufklärung feindlicher, die Verschleierung eigener Truppenbewegungen. In diesem Rahmen wurde schließlich die Ausbildung auch für das Fußgefecht angenommen. Eine Einigung über diese Fragen ist in Fachliteratur und -presse wie innerbehördlicher Diskussion vor dem Krieg nicht erreicht worden. Das neue Exerzier-Reglement von 1908 zeigt dies in seinem Kompromißcharakter unverkennbar. Die Anschauung, die Kavallerie sei als Schlachtenreiterei friderizianischer Tradition einzusetzen, dominierte bis in die Schlachten des Westfeldzuges hinein. Die seit 1897 unveränderte Aufklärungsfunktion der Kavallerie-Division vor der Schlacht erfuhr ebenfalls keine Abwandlung. In der Schlacht hatte der Kavallerie-Verband auf einem Armeeflügel zu erscheinen. Andererseits unterstreicht die „infanteristische Stärke“ des Kavalleriekorps von einem Infanterie-Regiment die begrenzte Wirkungsmöglichkeit der Kavalleriekorps im Fußgefecht gegen Infanterie. Ganz zu schweigen von der Konkurrenz des Flugzeuges im Bewegungskrieg als Aufklärungsinstrument der Heeresleitung, das Aufklärungsmöglichkeiten hatte, die der Kavallerie verschlossen waren, da es ihr nicht wie geplant gelang, die feindlichen Aufklärungskräfte aus dem Feld zu schlagen. Damit ist umrissen, daß gerade diese Waffengattung angesichts eines sich unter dem Druck der Waffentechnik rapide verändernden Kriegsbildes ins Abseits geraten war. Der Kriegsminister von Falkenhayn stellte dementsprechend am 26. Oktober 1914 fest:

„Auf die Ausbildung zu Pferde in schneller Gangart kommt es durchaus nicht an; unvergleichlich wichtiger ist die Ausbildung in langen ruhigen Bewegungen von Ort zu Ort, und für den Reiter die Ausbildung im Gebrauch der Feuerwaffe. Der Reiter muß zu Fuß genauso fechten können, wie der Infanterist. Attacken spielen gar keine Rolle.“32

Noch am 12. Januar 1907 hatte dagegen der Inspizient der Kavallerie von der Planitz hierzu ausgeführt:

„Neurer erstreben das (die berittene Infanterie) mehr- fach mit dem Hinweis auf den Krieg in Transvaal, ihr Ziel ist die berittene Infanterie, wenn sie es auch nicht offen aussprechen. Gott und seine Majestät der Kaiserwollen verhüten, daß dies jemals der deutschen Kavallerie zugemutet werde!“33

Hatte auch die Feldartillerie bereits 1907 die Chance zu weitgehender Umorientierung gehabt, so wurde diese Gelegenheit mit dem Kompromiß zwischen traditioneller Schule einerseits, der von ihr verteidigten veralteten Feldartilleriebewaffnung und Taktik und der fortschrittlichen Richtung andererseits verschenkt.34 Erst 1911 sollte sich eine Öffnung auf den Sektoren der Bewaffnung, Ausrüstung und des Schießverfahrens bemerkbar machen. Doch verzögerte auch innerhalb der Artillerie die Offensivdoktrin den Übergang zu zeitgemäßen französischen Anschauungen – wie etwa der verdeckten Feuerstellung.35 Die Feldartillerie sollte bis 1914 keine grundlegenden Verbesserungen erfahren. Vielmehr bestätigte der Inspizient der Artillerie von Schubert, fußend auf den jüngsten Kriegserfahrungen, in einem Immediatvortrag vor Wilhelm II. am 24. Oktober 1914 umfassend die bereits seit Jahren geäußerten Vorwürfe des Auslandes gegenüber dem deutschen Feldgeschütz:

„… geringe Schußweite (= 7500:12000), nicht ausreichende Wirkung gegen eingegrabene Artillerie und gegen Schützengräben“.36

Auch das mangelnde Zusammenwirken von Artillerie und Infanterie wurde bestätigt. Der Artillerie werde, so äußerte von Schubert, meist zuwenig Zeit gelassen, Wege und Gelände zu erkunden. Gefordert wurde nunmehr die vor dem Kriege abgelehnte 4-Geschütz-Batterie. Die Überlegenheit in der Geschützzahl sei bisher nicht zur Wirkung gekommen. Überdies sei es mit der Umgliederung möglich, auch die artilleristisch völlig ungenügend ausgestatteten Reserve-Korps mit Artillerie zu versehen.37

Einen gewissen Ausgleich hatte bis 1914 die seit der Jahrhundertwende mit Hochdruck aufgebaute schwere Artillerie des Feldheeres mit ihren 21-cm-Haubitzen gebracht.38 Diese Geschütze waren im Bewegungskrieg einsetzbar und bildeten ein Korrektiv zur unterlegenen „Kanone 77“. Über die kompensatorische Wirkung dieser neuen Waffe, die zudem nach modernen artilleristischen Grundsätzen aus der verdeckten Feuerstellung schoß und nicht spektakulär offen und im Galopp auffahren sollte – weshalb sie bei den Offizieraspiranten weniger beliebt, da nicht so vornehm war -, erreichte die deutsche Artillerie 1914 aus der Sicht des Auslandes positivere Beurteilungen.39

Insgesamt stand einer zeitgemäßen Evolution der Waffengattungen deren Offensivdoktrin entgegen.40 Ob es um die geöffnete Ordnung, das Fußgefecht, die verdeckte Feuerstellung oder das Zusammenwirken der Waffengattungen ging, bis 1913/14 entwickelten diese sich zu mit Aufmerksamkeit beobachteten Gegnern, und dies trotz und vor allem infolge ihrer einheitlichen Ausrichtung auf die Offensive. Von daher waren die Entwicklungsmöglichkeiten der deutschen Taktik schon von den Voraussetzungen her begrenzt. Ein in seinem Wesen mit überkommenen Traditionen verklammerter Staat war in der Armee, dem traditionell konservativen Teil seiner Gesellschaft, zur Innovation im Sinne eines von der Technik bestimmten Kriegsbildes unfähig. Dadurch erklären sich die vielfachen retardierenden Einflüsse auf eine zeitgemäße Entwicklung der deutschen Taktik und damit die begrenzten Reflexe auf die Kritik des In- und Auslandes.

Treffend wird die Haltung deutscher Stellen bei der Auswertung zeitgenössischer Kriege durch die weitgehend von diesen Vorgängen unabhängige Revision des Exerzier-Reglements für die Infanterie von 1888 bezeichnet. Im Zentrum des deutschen taktischen Denkens stand unverändert die Aufarbeitung der Kriegslehren des Deutsch-Französischen Krieges. In ihrer Konzentration auf die Bedingungen eines europäischen Kriegsschauplatzes übersahen die deutschen Verantwortlichen die Möglichkeiten vorurteilsfreier und umfassender Analyse auch der überseeischen Kriege.41 So ist es zu erklären, daß die taktischen Erfahrungen, etwa des Boxeraufstandes in China (1900), nur begrenzt wirksam wurden und die Schlußfolgerungen für überseeische Expeditionen in den Schubladen der Ministerien verschwanden.42 Aus der nachgewiesen mangelhaften Anpassungsfähigkeit der deutschen Organisation an fremde Verhältnisse hätte gelernt werden müssen. Bedingt durch die Beruhigung des internationalen Klimas um die Jahrhundertwende und beeinträchtigt durch die Flottenrüstung, geriet die Armee mit dem Burenkrieg in eine Phase der Stagnation. Es dominier ten jene Kräfte, die den tradierten Gefechtsformen treu blieben und Versuche – wie jener der aufgelockerten Fechtweise – in der Burentaktik wurden zur Episode verdammt.43 Die Phase der Erstarrung dauerte über 1902 hinaus an. Aufgelöste Fechtweise und das Prinzip der Auflockerung im Gefecht wurden außerhalb der Kolonialkriege abgelehnt.

Bewegung und Beunruhigung brachte dagegen für eine gewisse Zeit der Krieg in Ostasien zwischen Japan und Rußland, da er den Angriff angesichts der überwältigenden Wirkung des Maschinengewehrs und der immer wieder im Blut erstickten Sturmangriffe überdeutlich in der Krise zeigte. Dennoch führte der Russisch-Japanische Krieg in der Folgezeit nicht zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den deutschen Angriffsmethoden, die durch die festungskriegsähnlichen Graben- und Stellungskämpfe – und damit die Stärke der Verteidigung – hätten provozieren müssen.44 Die Überarbeitung des Exerzier-Reglements für die Infanterie – es handelte sich wohlweislich nicht um eine grundlegende Reform der Vorschrift aus dem Jahre 1888 – wurde vielmehr im konservativen Sinn der Traditionalisten umgebogen45 denn eine fundierte Analyse des Krieges lag 1905/06 noch nicht vor. Neben einer Vielzahl von Fragen, die 1905 aufgeworfen waren und die in Deutschland zur behutsamen Weiterentwicklung und geringfügigen Modifikation z. B. der Gefechtsausbildung der Infanterie führten46 wirkten auch innenpolitische Ereignisse – wie der Ruhrbergarbeiterstreik 1905 – auf die Reichsleitung und damit auch auf die militärische Führungselite ein. Von da ist es zu erklären, weshalb sich die Truppenpraxis 1906 etwa noch nicht auf die aufgelöste Fechtweise umstellte.47 Die verspäteten Lehren der Gefechte zwischen dem Zarenreich und Japan, die den Schützengrabenkrieg, den Stacheldraht, die Leere des Gefechtsfeldes und vor allem die Massenwirkung des Feuers blutig gezeigt hatten, wurden durch die Beharrungstendenz von Generalität und Truppenoffizierkorps und die Überzeugung der militärischen wie auch der politischen Führungsspitze, die neuen Erkenntnisse nur in einem für den inneren Einsatz tragbaren Ausmaß verwirklichen zu dürfen, begrenzt. Die zumindest die Möglichkeit der Weiterentwicklung bietenden Jahre 1905/06 verloren mit der Belastung des Reichshaushalts durch den Flottenbau an Wirksamkeit. Parallel entwickelte sich die autistisch anmutende Unbeweglichkeit der Armee auf taktischen und erzieherischem Gebiet.48 Eine Wiederbelebung überkommener Vorstellungen stand den Forderungen nach dem modernen Einzelkämpfer im Weg. Die Struktur von Staat und Armee im Preußen-Deutschland wies in die Richtung des maschinenartig funktionierenden Soldaten; des auch nach innen einsetzbaren Herrschaftsinstruments zur Erhaltung der Kräfteverteilung in der Gesellschaft.49

Die deutsche Armee befand sich im Jahre 1911 überwiegend unter konservativem Einfluß, als der Tripoliskrieg in seinem Verlauf das Unvermögen einer modern ausgestatteten Armee im Kampf mit einem milizartig zusammengesetzten, partisanengleich kämpfenden Gegner zeigte. Da dieser Krieg zwischen Italien und der Türkei ein Kolonialkrieg war und von daher bereits am Rande des Auffassungshorizontes deutscher militärischer Stellen blieb, wurde etwa die auf dem nordafrikanischen Kriegsschauplatz nicht zu leugnende unzureichende Durchschlagskraft der Umfassung – des taktischen Rezeptes der deutschen Infanterie – nicht erkannt.

Auch der erste Balkankrieg und die sich anschließende Kritik des westlichen und östlichen Auslandes an den deutschen Waffen und der deutschen Taktik veränderte die deutschen Lehren in ihrer einseitigen Betonung des ideellen Wertes im Kriege und ihrer überzogenen Offensivdoktrin nicht. Vielmehr blieb das Bild vom kurzen, schnell durchgeführten Gefecht, der kurzen Schlacht und dem „Blitzkrieg“ beherrschend, weil letztlich nur so das Deutsche Reich glaubte, den erwarteten Krieg gewinnen zu können: Anschauungen, die der Weltkrieg widerlegen sollte. Äußere Kriterien wie das der Gleichmäßigkeit der Bewegungen auf dem Gefechtsfeld berücksichtigten die Wirkung moderner Schnellfeuerwaffen nur ungenügend, garantierten dafür aber die Koordination der Gefechtshandlungen, schematisier ten diese jedoch andererseits und nahmen hohe Verluste in Kauf.50 Taktisch erhielten sich in der Ausbildungspraxis die überkommenen dichten Formationen und die Bilder der Stoßtaktik.51 Politisch waren sie zu großen Teilen aus der Doppelfunktion der Armee zu erklären. Das „Corps Royale“ bildete neben dem Machtinstrument nach außen gleichzeitig das Mittel der Führungselite spätfeudaler Prägung für den inneren Konflikt, um die bestehende Machtverteilung zu garantieren.

Anmerkungen

* Dem Leser dieses Artikels wird empfohlen, die sich zu einem konzertierten Angriff entwickelnden Rezensionen Hahlwegs in: Wehrwissenschaftliche Rundschau 6/82, S. 203f. und Schmidt in: Europäische Wehrkunde 1/83, S. 45f. miteinander zu vergleichen. Ohne daß der Platz zu einer Auseinandersetzung hier bliebe, sei als „Antwort“ verwiesen auf B. F. Schulte: Europäische Krise und Erster Weltkrieg. Beiträge zur Militärpolitik des Kaiserreichs, 1871-1914, Frankfurt-Bern 1983. Das war 1983. Bis heute ist der sog. II. Teil zum „Bürgerkriegseinsatz der Kaiserreichsarmee“ nicht erschienen. Das Manuskript ist bei Herrn von Kleist, der diesen Aufsatzteil verhinderte, verloren gegangen.

1 Bernd F. Schulte, Neue Dokumente zu Kriegsausbruch und Kriegsverlauf 1914, in: MGM 1/79, 5. 172 (zit. als: Schulte, Dokumente).

2 Vgl. stellvertretend für die Schlieffenschule (Kluck, Groener, Kuh 1; und nach 1945: G. Jäschke, W. Görlitz): Der Weltkrieg 1914 bis 1918, bearb. im Reichsarchiv. Die militärischen Operationen zu Lande, Bde. 1, 3, 4, Berlin 1924 bis 1926 (zit. als: Reichsarchiv) und für die „Pessimisten“ neben: K.-H. Janßen: Das Ende einer Legende. Nicht der Sieg, die Wahrheit wurde verschenkt, in: Die Zeit, Nr. 38, 12. 9. 1975, 5. 11, J. L. Wallach, Das Dogma der Vernichtungsschlacht, Frankfurt 1967.

3 Vgl. L. Frhr. v. Gebsattel, Generalfeldmarschall Karl v. Bülow, München 1929, der für das AOK. 2 (Bülow/Lauenstein) eintritt.

4 Vgl. E. Groener, Feldherr wider Willen, Berlin 1930. Ähnlich „traditionell“ im Sinne der Schlieffenschule argumentierend: W. Görlitz, Kein Wunder an der Marne, in: Die Welt, 29. 4.1977, S. 22. Dieser Standpunkt G. ist seit Janßen obsolet.

5 Vgl. H. v. Moltke, Erinnerungen, Briefe, Dokumente 1877 bis 1916, Stuttgart 1922, S. 24. Eine Neubearbeitung der Verdienste und Leistungen Moltkes, die durch die Schlieffenschule verdunkelt wurden, ist überfällig. Der Verfasser hat diese in einer Vorstudie (Schulte, Dokumente) bereits angekündigt.

6 Vgl. Schulte, Dokumente 5. 135 und Ders., Die deutsche Armee 1900 bis 1914. Zwischen Beharren und Verändern, Düsseldorf 1977 (zit. als: Schulte, Armee).

7 Vgl. Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg (BA-MA Freiburg), N34, Nachlaß (NL) Konrad Ernst v. Goßler (Gen. d. Inf.). H. v. Goßler an E. v. Goßler, Wilmersdorf, 21. 12. 1914.

8 Vgl. Reichsarchiv Bd. 4 und F. Fischer, Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 bis 1914, Düsseldorf 1969, S. 778.

9 Vgl. W. Schultze, die Marneschlacht, Berlin 1922, S. 15,17, 61.

10 Repington war Eton-Absolvent, Offizier in Indien (1877 bis 1879), Stabsoffizier (1887), eingesetzt in Burma(1889), darauf in der Feindaufklärung des „War Office“ und als Attache in Holland verwandt. Er kannte Deutschland aus Besuchen 1876 und 1893. Vgl. H. Meier-Weicker, Deutsches Heerwesen im Wandel der Zeit. Ein Überblick über die Entwicklung vom Aufkommen der stehenden Heere bis zur Wehrfrage der Gegenwart, Frankfurt 1956, S. 85, 141. Repingtons Kritik bezog sich jedoch auf das Kaisermanöver des Jahres 1911.

11 Vgl. Schulte, Armee. Eine Frage, der sich die deutschen Historiker zwanzig Jahre nicht gewidmet haben. Soviel zu Hahlwegs Wortmeldung „von oben herunter“.

12 Vgl. M. Lachmann, Zu Problemen der Bewaffnung des imperialistischen deutschen Heeres (1919 bis 1939), Diss. phil., Leipzig 1965, S. 15 bis 32 (zit. als: Lachmann, Bewaffnung).

13 Vgl. P.Towle.The European Balance of Power in 1914, in: Army Quarterly (1974), vol. 104, No. 3, p. 333. T. behauptet dort, die englischen Fachleute hätten die Schlagkraft der deutschen Armee unter- und jene der russischen überschätzt. Dies mag angesichts der Schlüsse englischer und französischer hoher Militärs, die diese aus ihren Informationen zogen, berechtigt sein. Zur Ausbildungsrealität der deutschen Armee sind die Beobachtungen der ausländischen Kritiker m. E. von unverändert großer Bedeutung. Zu diesem Aspekt wird der Verf. in Kürze am Beispiel der „Kaisermanöver“ u.a. Stellung nehmen. Vgl. in diesem Zusammenhang für die Perzeptionen der französischen Öffentlichkeit und Militärverwaltung: G. Krumeich, Aufrüstung und Innenpolitik in Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg. Wiesbaden 1980, der trotz aller Bemühungen, die französische dreijährige Dienstzeit als Ergebnis umfassender „offensiver“ Zielsetzungen (Politik/Militär) hinzustellen, dennoch nicht den Wirkzusammenhang von deutscher Aufrüstung und naturgegebenem französischem Sicherungsbestreben wegdiskutieren kann (und wohl letztlich auch nicht will). Hierzu werde ich in einer Besprechung ausführlich Stellung nehmen.

14 Daß die Marokkokrise in der deutschen Armee erneute und verstärkte Überlegungen für einen europäischen Krieg auslöste, zeigt die große Denkschrift Moltkes aus dem Dezember 1911 zur: „Militärpolitischen Lage Deutschlands“. Der sächsische Militärbevollmächtigte in Berlin berichtete am 15.11.1911 nach Dresden: „… daß die letzten politischen Vorgänge und das freche Urteil der französischen und englischen Presse über die deutsche Armee viele höhere Offiziere hier zu der Überzeugung gebracht haben, eine baldige Armeevermehrung sei unbedingt notwendig, um jeder politischen Konstellation im Falle eines Krieges, der immer wahrscheinlicher würde, gewachsen zu sein.“ Landeshaupt-Archiv Dresden (LHA) 4515, KM, Armee-Abt., Berlin, 15. 11. 1911.

15 Vgl. Kriegsarchiv München (KA), Generalstab (GenStab) Bd. 13: „Expose des Gr. Generalstabes über Englische Ansichten über die deutsche Kriegführung, sowie die Reaktionen deutscher Zeitungen bei Schulte, Armee S. 24ff. und den Bericht des bayerischen Militärbevollmächtigten in Berlin (MBV), vom 9.11.1911, KA-München, Kriegsministerium (Mkr) 41 und die Diskussion im Reichstag: ebd. Mkr 1134, Reichstag, 13. Legislaturperiode, l. Session 1912. Kommission für den Reichshaushaltsetat, 25. Sitzung, verhandelt, Berlin, den 30.4. 1912, S. 3.

16 Vgl. Repington, The German Army Manoeuvres, in: The Times, 12. 10., 14. 10., 17. 10., 28. 10., 30. 10. 1911.

17 Vgl. ebd. die Antwort der Times auf deutsche Reaktionen in: The Times, 28. 10. 1911: The German Army.

18 Ebd.: „The artillery, to their superiority in which the Germans largely owed their victories in 1870-1871, is now admittedly inferior to that of the French.“ Ähnlich äußerte sich der englische Hauptmann Wynter 1912 im Zusammenhang mit dem Problem: „History and Tradition“: „Yet tradition has it’s bad side. There are Professional prejudices which die hard, the outcome of the gunner’s inclination to feel that he is not as other men are-. Prince Kraft in his letters on artillery shows how deterious was the effect of this feeling in the survival led to complete failure of the arm in 1866. Speaking of artillery officers he says: The little they had to learn more than other soldiers was exaggerated by them into a great science … and surrounded by an impenetrable veil of mystery … „They also found pleasure in posing … as members of a scientific arm and as something peculiar.“ Naturally this led to a dislike on the part of their comrades in other arms. The artillery, too, regarded themselves tactically as an independent arm and in 1866 used to leave the firing line to refit when they came under infantry fire. To their own infantry they failed almost always to give any support whatever.“ H. W. Wynter, R.F.A., A comparison of British, French and German methods of employment of artillery in the field (including application of the fire generally), together with deductions as to the System best suited to our own army in a European campaign, in: Journal of the Royal Artillery, 39 (1912) p. 82.

19 Repington, The German Army, in: The Times, 28.10.1911: „History seems to be repeating itself. The older officers are firmly wedded to the traditions of the war with France in precicely the same way as the traditions of the army of Frederic the Great were carried on, under ageing generals, until they were shattered by new men and new methods on the fatal field of Jena.“ KA-München, Mkr 43, MBV v. Wenninger an KM Berlin 9.4.1914.

20 Bernd F. Schulte, Vor dem Kriegsausbruch 1914. Deutschland, die Türkei und der Balkan, Düsseldorf 1980, S. 93 ff. (zit. als: Schulte, Kriegsausbruch). Die Times faßte am 28.10.1911 diesen „Denkanstoß“ in Richtung Berlin wie folgt zusammen: „This guarantee is weakened by a policy which diverts to speculative ambitions at sea the energy and the money which should be devoted to keeping the German Army at the high level of its glorious past.“

21 Vgl. von unverdächtiger Seite der Bericht des sächsischen MBV in Berlin, Graf Vitzthum, vom 17. 5. 1893 (LHA Dresden, 15411): „Bei allen Besichtigungen zeigen die Bataillone eine Straffheit und Accuratesse der Ausbildung, wie sie in den Zeiten, in welchen der Drill der einzige Maßstab für ihre Ausbildung gewesen, kaum größer gewesen sein dürfte. Daß dabei die Anforderungen des modernen Gefechtes zu kurz kommen müßten, ist nur begreiflich.“ Zur Diskussion innerhalb der deutschen Armee und Militärpublizistik unter dem Schlagwort: „Drill und Erziehung“, vgl. v. Boguslawski, in: Der Tag, Nr. 437,18.9.1903.

22 Militärarchiv der Deutschen Demokratischen Republik (MA der DDR), Bestand 171/77.

23 Vgl. die Besprechung M. Geyers zu Schulte, Armee, in: Historische Zeitschrift (HZ), Bd. 229 (1979) S. 200. Treffender A. Rost: Abseits vom Paradeplatz. Die deutsche Armee von 1914 war die beste, aber nicht gut genug, in: Die Zeit, 16. 11. 1979: „Als bei Langemark zum Exempel die Deutschen in Linien vorgingen, als gälte es, eine bestreikte Fabrik abzuriegeln, mag man das eingesehen haben – zu spät.“

24 Vgl. Schulte, Kriegsausbruch.

25 Vgl. Les Tendences Nouvelles de l’Armee Allemande, in: Revue des Deux Mondes, 5/1901 (Paris) S. 5 bis 32.

26 Vgl. die ausgedehnte publizistische Diskussion in deutschen Fachkreisen: z.B. Romen, Schutz der Disziplin im Heere, in: Der Tag, 15. 12. 1903. Aufgearbeitet bei H. Schnitter, Militärwesen und Militärpublizistik, Berlin 1967. Kritisch zur deutschen Ausbildung auch: Denkwürdigkeiten des General-Feldmarschalls Alfred Graf v. Waldersee, bearb. v. H. 0. Meisner, Bd. 2, Stuttgart/Berlin 1922. 290 (Tagebuchnotiz vom: 16. 6. 1893); (zit. als: Waldersee, Denkwürdigkeiten).

27 Vgl. F. Bonnet, Guerre Franco-Allemande, Paris 1883. Lachmann, Bewaffnung S. 19.

28 Vgl.J. B. Montaigne, Etudes sur la Guerre, Paris 1911, S. 142 f.

29 Das ist z. B. im Kaisermanöver 1904 zu erkennen, in dem der überkommenen Taktik des Jahres 1870 gehuldigt wurde. Der sächsische Militärbevollmächtigte in Berlin berichtet: „S. M. der Kaiser war am 13. 9. 6° Vorm. mit Automobil beim 1. Garde Regiment zu Fuß eingetroffen, war dort zu Pferde gestiegen, hatte den Feldmarschallsstab dem Flügeladjutanten vom Dienst übergeben und führte persönlich mit gezogenem Säbel sein Garde Regiment zum Angriff vor. Mit entrollten Fahnen in dichten Linien dichtauf gefolgt von den Unterstützungen griff das Regiment an.“ LHA Dresden, 4515, KM, Allg. Armee-Abt., MBV, Berlin, 20. 9. 1904.

30 The British Army and Modern Conceptions of War, in: Edinburg Review, CCXIII (1911), S. 315: „It is hoped that the enemy, bewildered by attacks everywhere, presses at all points with such resolution that he does not know which way to turn, his flanks crushed in as by where he stands, or will use his reserves to cover his escape a Sedan by accepting a Liaoyang.“ Vgl. Repington, Tendencies in the German Army, in: The Times, 30. 1. 1911: „II. The Enveloping Attack“, S. 6.

31 Kriegsgeschichtliche Einzelschriften, hrsg. vom Gr. Generalstab. Kriegsschichtliche Abt..: Erfahrungen außereuropäischer Kriege. Taktische Studien aus dem Südafrikanischen Kriege 1899 bis 1902, H. 2, Berlin 1902, S. 69.

32 MA der DDR (heute: Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg) 129/78.5.5.1 .2/6 KM, Nr. 1265, Stab. KM, Gr. H. 0., v. Falkenhayn, 26. 9. 1914.

33 KA-München, GenStab Bd. 320, Genlnsp. d. Kav., JoNo7O.107, v. d. Planitz, Berlin, 12.1.1907.

34 Vgl. Lachmann, Bewaffnung, S. 24. L. zeigt, daß im Jahre 1896 bereits ein Rohrrücklaufgeschütz der Firma Erhardt zur Wahl stand, das im Vergleich zu dem später vom preußischen Kriegsministerium georderten Kruppgeschütz C 96 ohne Rohrrücklauf eine Feuergeschwindigkeit von 20 Schuß/Min. gegenüber 8 des C 96 aufwies. Als dann Frankreich sein Feldgeschütz „75“ mit Rohrrücklauf (1897) einführte, besaß dieses Geschütz ein Schutzschild, eine Reichweite von 11 000 Metern und eine Feuergeschwindigkeit von 17 Schuß/Min. Das deutsche „C 96“ kam gerade auf 7800 Meter. So gestalteten sich die Kräfteverhältnisse zwischen 1897 und 1907. Die deutsche Umbewaffnung auf das Kruppgeschütz (Weiterentwicklung des C 96) C 96 n. A. erfolgte erst 1 905/07 unter dem Druck der ersten Marokkokrise und der Erkenntnis, daß die deutsche Armee nicht kriegsbereit sei. Vgl. Schulte, Armee S. 390 bis 393, und Ders.: Kriegsausbruch S. 90f.

35 Vgl. Conrad v. Hätzendorf, Aus meiner Dienstzeit 1906 bis 1918, III. Bd., Berlin -Wien – Leipzig – München 1921 ‚ 5. 722f.

36 MA der DDR 129/77.

37 Deutsche und französische Feldartillerie, in: Schwäbischer Merkur, Nr. 105 (Stuttgart), Montag, 4. 3. 1912: „Das Armeekorps zählt, so führen die Nachrichten des Deutschen Wehrvereins aus, im Kriegsfall in Frankreich 144 Geschütze, eingeteilt in 24 Batterien ; die Franzosen besitzen also bei jedem Korps 12 Gefechtseinheiten mehr.“

38 Bundesarchiv Koblenz (BA-Koblenz), Nachlaß (NL) 22/7, M. Bauer, Ausarbeitung, Tutzing, 30. 6. 1921, 5. 11.

39 R. de Thomasson, Les artilleries francaises et allemandes en 1913, in: Journal des Däbats Politiques et littäraires, 6. 2. 1914, 5. 2: „En ce qui concerne l’artillerie de campagne à gros calibre; nous restions donc en 1913 vis-à-vis l’Allemagne dans un état d’infériorité notoire, tant a cause du nombre insuffisant de nos 155 court que du manque de canons longs.“

40 Ebenfalls ist dieser Gedanke jüngst aufgenommen (wenn auch im kritischen Ansatz vorsichtig zurückhaltend) von H.-L. Borgert, Grundzüge der Landkriegführung von Schlieffen bis Guderian, in: Handbuch zur deutschen Militärgeschichte, 10. Lieferung, München 1980, 5. 445. Jüngst umfassend bestätigt durch die Rezension meines Armee-Buches durch V. Berghahn : „Militär, industrialisierte Kriegführung und Nationalismus, in: NPL, Jg. XXVI/l (1981) 5. 20f. In Form und Diktion sich positiv abhebend von den subjektiv gefärbten Entgleisungen Hahlwegs und Schmidts.

41 Vgl. Schulte, Armee 5. 254ff. Jüngst aufgenommen in der Zeitschrift für Militärgeschichte der DDR.

42 Vgl. Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Bonn (PA AA Bonn), Deutschland 121, Nr. 12: „Vorschläge der durch Allerhöchste Kabinettsordre vom 31. 10. 1901 berufenen Kommission zur Beratung der für etwaigen künftige Expeditionen erforderlichen oder wünschenswerten Maßnahmen. “ KA-Stuttgart, M 119, Bd. 535, KM, Anl. 4: Denkschrift des KM an Reichskanzler, Berlin, 27. 3. 1904, S. 45.

43 Vgl. LHA Dresden, 4515, KM, Allg. Armee-Abt., MBV, Berlin 17.5. 1902. KA-München, Mkr 2919, MBV, Berlin, 20.5.1902 und BA-MA Freiburg, N 280/82, NL W. v. Hülsen, Ausbildung 5. 2f. Zum Armeebefehl des Kaisers vom 6.5. 1902. Vgl. KA-München, GenStab Bd. 218.

44 Vgl. KA-München, Mkr 2920, Bearbeitung der Entwürfe zum Exerzier-Reglement, Anfang 1906.

45 Vgl. ebd. 5. 19.

46 V. Einem konnte nicht leugnen, daß „diese Änderungen nur der erste Schritt zur weiteren Betonung der gefechtsmäßigen Ausbildung der Infanterie … [sein] sollen, versieht sich aber großen Widerstands vieler höherer Generale, besonders auch solcher, die in infanteristischen Fragen Einfluß auf Seine Majestät haben.“ Das sollte sich in der Reglementskommission voll bestätigen. Es sei nur auf die Kommandierenden Generale v. Langenbeck, v. Bülow, Bock und Polach hingewiesen.

47 Vgl. ebd. Die Ablehnung der Schlichtingschen Lehre von den Exerzierplätzen als den „Schiefertafeln“, auf denen die taktischen Evolutionen unter Vernachlässigung der Geländeform geprobt werden könnten. Vgl. hierzu die Memoiren des Generals Th. v. Barsewisch. Zitiert in: Schulte, Armee. KA München, Gen5tab, Bd. 320, France Militaire, Oberst Septans, 16. 10. 1906, 5. 22.

48 Vgl. hierzu die Korps-Übungen des III. AK. unter v. Bülow bei: Schulte, Armee S. 434ff.

49 Vgl. D. Fricke, Zur Rolle des Militarismus nach innen in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZFG) 6 (1958) 2, 5. 1299 (zit. als: Fricke, Militarismus. KA München, GenStab, Bd. 13, France Militaire, Oberst Septans, 10. 10. 1906: „Der Infanterist bleibt stets die gleichmäßig arbeitende Maschine, ohne eigenes Denkvermögen.

50 KA-München, GenStab, Bd. 323, Nr. 201 7/1 0. Bericht des MBV v. Wenninger. Berlin, 30. 1. 1911: „In einem Falle ergab sich die Möglichkeit ganz drastisch, die allbekannteste, aber doch immer noch gelegentlich außer acht gelassene Wahrheit vor Augen zu führen, wie unkriegsmäßig und nachteilig eine in sich gerichtete Schützenlinie ist. Der Scheibenoffizier hatte irrtümlicherweise Scheiben in einer langen, nahezu gleichmäßig verlaufenden Linie aufgebaut. Ein Zug Maschinengewehre konnte sich bei dem sandigen, stark staubenden Boden rasch einschießen und leuchtete nun ohne jede Schwierigkeit die ganze Linie ab.“

51 Es fällt auf, daß Hahlweg wie Schmidt sich ganz anders als die vornehm gehaltene Rezension G. A. Craigs in der American Historical Review (Oct. 1978) das Thema der inneren Funktion der Armeen umgehen und es vorziehen, Raum mit Kritik (z. T. falsch) an Details zu füllen! Heute verweise ich darauf, dass C.’s Rezension Fischer damals als „wenig freundlich“ ansah, da diese den Ansatz einer möglichen „innengeleiteten“ deutschen Taktik äußerst pauschal zurückwies.

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    One Response to “Bernd F. Schulte(c): Streitkräfte im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Die deutsche Armee 1900 bis 1914.”

    1. forum sagt:

      Ein etwas „kautziger“ Zwischenruf.

      Werner Hahlweg, auf dem einzigen Lehrstuhl für Militärgeschichte in Deutschland, als Clausewitzspezialist mit der 16. Aufl. des „Vom Kriege“ „ff.“ immer wieder hervorgetreten, unternahm es 1982 auf meinen in der „Europäischen Wehrkunde“ (Streitkräfte im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Die deutsche Armee 1900 bis 1914, Nr. 5, 32. Jg., Mai 1983, S. 239-245)“ nur zur Hälfte abgedruckten Aufsatz zur Kaiserreichsarmee, schon vorbereitend (Wehrwissenschaftliche Rundschau, 6/82, S. 203f.) zu „antworten“.
      Der Riss lief nämlich damals mitten durch die Redaktion der äußerst konservativen Militärzeitschrift. Das war nicht verwunderlich, denn diese ersetzte die bekannte „Wehrwissenschaftliche Rundschau“ des Kalten Krieges. Dass die Vertreter der Clauswitz-Gesellschaft über die Ankündigung nicht erfreut waren, mein Aufsatz werde nach den taktischen, technischen und strukturellen Schwächen der deutschen Armee von 1914 auch noch deren „Bürgerkriegsfunktion“ als Haupthindernis für Modernität herausstellen, genügte dem Herausgeber Herrn Ewald Heinrich von Kleist, dem Chefredakteur, Generalleutnant a.D. Carl-Gero von Ilsemann, die Freundschaft zu kündigen. Dieser sagte mir damals, das sei ihm alles zu ärgerlich und er werde den Posten des (ehrenamtlichen) Chefredaktors aufgeben.
      Die Urängste dieser Hahlwegschen Generation von deutschen Historikern, vor dem Thema Erster Weltkrieg, ist mit Händen zu greifen und es stimmt schon nachdenklich, wenn diese Haltung offensichtlich derart tief in die Bundeswehr hineinwirkte. So kann das Heute der Anschauungen in der deutschen Armee der Gegenwart nur aus dem Gestern der 50iger bis 80iger/90iger Jahre verstanden werden. Und dann wird Vieles klar…

      Bernd F. Schulte

      ——————–

      DOKUMENT
      Bernd F. Schulte: Die deutsche Armee 1900 bis 1914 – Zwischen Beharren und Verändern. 591 Seiten, Droste Verlag, Düsseldorf 1978, 68,- DM.

      In seinen Erinnerungen vermerkt Eduard Benesch seine Eindrücke von der deutschen Armee in Berlin 1913 – im Sinne eines beim Betrachter Beklommenheit auslösenden Kriegs-Präzisionsinstrumentes. Die Qualität der deutschen Armee von 1914 erkennt auch der französische Militärschriftsteller Buat an, während zahlreiche Äußerungen in Deutschland namentlich nach 1918 eben diese Armee als die beste ihrer Zeit preisen. Hier mag sich freilich die Frage erheben, ob die wiederholte, im Grunde unreflektierte Lobpreisung der deutschen Armee von 1914 einer sachlich-kritischen Prüfung im Lichte ihrer inneren Strukturen, ihres Ausbildungssystems, ihrer Organisation, Bewaffnung und Ausrüstung, ihrer Kampfesweise, Strategie, Führungspraxis und Militärtheorie (z.B. Clausewitz-Verständnis) und schließlich des Krieges 1914 bis 1918 standhält-wobei gleichzeitig Politik, Gesellschaft, Ökonomie und allgemeine Technologie zu berücksichtigen wären.

      Der Verfasser der vorliegenden Studie macht den Versuch, diesen Fragen auf umfassender, auch dokumentarischer Grundlage (Heranziehung von Akten des Bayer. Kriegsarchivs, des Bundesarchivs Koblenz, des Bundesarchivs/Militärarchivs Freiburg i.Br., des Generallandesarchivs Karlsruhe, des Hauptstaatsarchivs Stuttgart, des Landeshauptarchivs Dresden, des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes, Bonn, des Staatsarchivs Bückeburg; private Nachlässe) in kritischer Hinterfragung nachzugehen, wobei er die Komplexität des Themas in drei Hauptteilen (I. Die Kritik des westeuropäischen Auslandes an der deutschen Armee zwischen 1900 und 1914: l. Die deutsche Armee aus der Sicht Repingtons, 2. Einschätzung der deutschen Armee zwischen 1903 und 1914, 3. Die deutschen Heeresvermehrungen 1905 bis 1913 – Die Vorbereitung auf den Krieg »á outrance«, 4. Kritik an den deutschen Waffengattungen zwischen 1900 und 1914, 5. Die deutsche »unite de doctrine«; II. Auswertung zeitgenössischer Kriege; 6. Auswertung des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71, 7. Die China-Expedition, 8. Wirkungen des Burenkrieges, 9. Die Auswertung des Aufstandes in Deutsch-Südwest, 10. Die verpaßte Wende – Die Auswertung des Russisch-Japanischen Krieges, 11. Der Balkankrieg aus deutscher Sicht – Traditionelle Analyse; III. Die Entwicklung der deutschen Armee [1900 bis 1914] unter besonderer Berücksichtigung der in ihr geführten Diskussion: 12. Die Problematik des Bürgerkriegseinsatzes der Armee, 13. Die Armee in Vorbereitung auf den kurzen Krieg, 14. Geringe Evolutionsfähigkeit angesichts der technischen Revolution, 15. Die Taktik der Waffengattungen, 16. Die Bürgerkriegstaktik der deutschen Armee) in einem breit angelegten Spektrum behandelt. Ein solches Vorgehen besitzt angesichts der Schwierigkeiten, ein solches Thema sachgerecht, ausgewogen zu bewältigen, seine Berechtigung; eine Fülle von Material wird ausgebreitet, das zumindest geeignet ist, dem Leser Informationsgrundlagen über einen Bereich zu verschaffen, welcher seitens der Forschung bisher nicht hinreichende Beachtung erfuhr.

      Zu den Hauptergebnissen des Verfassers gehört u.a. die Feststellung, die objektiven Schwächen der deutschen Armee resultierten aus »den mit dem innenpolitisch bestimmten Rahmen gesetzten Grenzen«, welche »eine zeitgemäße Entwicklung der Armee verhinderten. Gefangen zwischen innenpolitischen Funktionen und Tradition einerseits und den Anforderungen des modernen Krieges andererseits, blieb sie in einem durch innenpolitische Rücksichten dominierten Stadium ihrer Entwicklung blockiert.« Die deutsche Armee habe sich nur »begrenzt an die Erfordernisse des 20. Jahrhunderts angepaßt, auch nicht den Anforderungen der modernen Technik genügend Rechnung getragen; am Ende sei sie in der Überlieferung des 19. Jahrhunderts stehengeblieben. Der Verfasser spricht von einer geringen »Evolutionsfähigkeit der deutschen Ausbildungspraxis, die zwischen überkommener Taktik und den Bedingungen moderner Waffenwirkung einerseits sowie dem Zwang zu zahlenmäßiger Vergrößerung und der die Quantität begrenzenden inneren Funktion des »Corps Royale« andererseits zu unzulänglichen Prognosen für den Zukunftskrieg vordrang«.

      Das Bild, welches der Verfasser von der deutschen Armee 1900 bis 1914 entwirft, ist am Ende ein negatives; nur stellt sich die Problematik, wieweit es überhaupt möglich ist, das Ganze in seiner Vielheit und wechselseitigen Verknüpfung der verschiedensten Komponenten von der Sache her überzeugend im Kern zu begreifen und in einer Darstellung sichtbar zu machen. Einmal wäre zu betonen, daß allgemein – und nicht zuletzt auch in den westeuropäischen Staaten – die Armeen und ihre Kommandanten im Zeitraum von etwa 1900-1914 und 1914-18 praktisch die Zeichen der Zeit kaum begriffen hätten; in der Geschichte des Militärwesens stellt sich die Epoche von 1900 bis 1914 und 1914/18 (man könnte freilich bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts zurückgehen) als eine der sterilsten im Hinblick auf die wahre Erkenntnis der sich anbietenden Strukturen dar. Leistete die Politik mehr oder weniger aller kriegführenden Staaten in den Jahren vor 1914 und erst recht 1914/18/20 praktisch einen Offenbarungseid im Hinblick auf Moral und Staatskunst, so mutet das Verhalten der Armeen vor und nach 1914 (d.h. namentlich 1914/18) als eine Bankrotterklärung an: geistig, im Hinblick auf das Kriegsbild, die Art des Führens (oder der Verwendung) der Massenheere und das Verhältnis zu Technik und Ökonomie, die Einschätzung zugleich der Relationen von Politik und Strategie, bewaffnetem Kampf und Gesellschaft.

      Das Geschehen des Ersten Weltkrieges ist eine einzige Kette von Unzulänglichkeiten und Fehlschlägen der bewaffneten Macht aller Kriegsteilnehmer, soweit europäische Staaten betroffen waren. Will man also die deutsche Armee im Zeitraum 1900 bis 1914 kritisch, von der Sache her, beleuchten, so muß der Rahmen größer gewählt werden, im Sinne vergleichender Militärgeschichte; im Grunde sind die negativen Wesenszüge bei allen Armeen jener Epoche die gleichen. Zum andern stellt sich bei der Bearbeitung eines solchen Themas die Aufgabe, spezifische Fachkenntnisse vertieft zu erwerben und in diesem Sinne die militärwissenschaftliche Forschungsbasis als Erkenntnismittel (zur Einschätzung der deutschen Armee von 1900 bis 1914 aus ihrem besonderen Wirkungs- und Entwicklungsbereich heraus) merkbar zu erweitern. Militärgeschichte und Militärwissenschaften vermögen hierbei wertvolle, sachlich weiterführende Dienste zu leisten.

      In diesem Sinne wäre auch die Bibliographie zu ergänzen; aus der Fülle der notwendigen Fachliteratur seien etwa genannt: Liman, Pollmann, Freytag-Loringhoven (Die Führung in den neuesten Kriegen – Operatives und Taktisches), die »Kriegstechnische Zeitschrift« oder die letzte Auflage von Fritsch (Der Festungskrieg, 2. Aufl. 1909), Lehnert, v. Löbells Jahresberichte, Baick usw. Alles in allem: Die Studie des Verfassers erscheint bei allem Bemühen unzulänglich in spezifisch sachlicher Sicht. Sie macht zugleich zu ihrem Teil sichtbar, ein wie weites Feld es hier noch für die Militärgeschichte und die Militärwissenschaften in materieller Erforschung und sachdienlicher Interpretation des Gegenstandes zu erschließen gilt.

      Die eigentliche Bearbeitung und Einschätzung des Ganzen steht also erst noch bevor, d.h. mit Stückwerk ist der Sache kaum gedient.

      Werner Hahlweg

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