Archive for April, 2015

Ringen um den Frieden 1905-1911. Modell für die Verhandlungen des Westens mit Rußland Heute.

Donnerstag, April 16th, 2015

Inhalt

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Der Büchsel-Plan.

– Kriegsfall England

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Das Scheitern des „Büchsel-Plans“.

Kriegsfall England – Frankreich bindet die ganze Armee.

11

Die Krisenkonferenz vom März 1905.

– Regierungspraxis nachts um 1 Uhr.
– Armee nicht kriegsbereit.

12

Aus englischer Sicht: Kriegs- und Friedenspartei in Berlin.

– Grey und der Krieg gegen Deutschland.

13

Rückrat deutscher Seestrategie.

– Flottenvorbereitung und zentrale Option.

14

Deutschland unterschätzt England.

– Innenansichten der Berliner Führungselite (Daily-Telegraph-Affäre).
– Zentralstellung gegen die britische Weltmacht.
– Küstenbefestigung und Schlachtflotte.

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Belgien: Machtbasis gegen England.

– Holland und Belgien: Hebel gegen die Weltmacht.
– Pessimismus der Flottenleitung.

17

König Georgs dynastische Außenpolitik.

– England kracht in den Fugen.

18

Kühle Beobachtung: Sir Edward Goschen.

– Imperial Chancellor: Bethmann Hollweg.
– Großer Generalstab – Interdependenz der Ämter.
– Erschöpfter Wilhelm II.

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Parallelität der Deutsch-Österreichischen Planung.

– Österreich, Italien, Rußland und der Balkan.
– Rückverlegter Aufmarsch Russlands 1909ff.

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Zweiphasen Aufmarsch-Planung Berlins.

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Moltke zur Schwere der Aufgabe.

– Abstimmung zwischen Politik und Militär.
– Zusammenspiel Generalstab und Kriegsministerium.
– Planungen für den Durchbruch durch die „Lücke von Charmes“.

Österreichische Vorbereitungen zwischen Istrien und Save.

– Rußland.
– Italien/Balkan.
– England.
– Schweiz/Japan.
– Rußland.
– Schlag nach Westen.
– Russische aggressive Politik.
– Japan drückt auf Rußland.
– Antwort auf den rückverlegten Aufmarsch.
– Zweiteiliger russischer Aufmarsch.
– Vorsprung des österreichischen Aufmarsches.
– Russische Aufmarschgruppen einzeln schlagen.
– Risikanter österreichischer Aufmarsch.
– Gefahr russischer Kavallerie-Raids.
– Vorbereitungen in Spannungszeiten.
– Gefahr innerer Unruhen und Störungen des Aufmarsches.
– Die Insurgierung Polens (Vorstöße nicht mobiler Einheiten).
– Wien: Abstimmung zwischen Militär und Politik.

Enges Zusammenwirken mit Deutschland (italienische Armee am Oberrhein).
– Selbstverständlichkeit: Deutscher Einmarsch in Belgien.
– 1910: Deutsch-österreichischer Aufmarsch gegen Rußland.
– Galizien: deutsche und österreichische Planungen.
– Moltkes Angebot.
– Die Russen werden sich stellen.
– Chance des gemeinsamen Vorgehens.

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England, der Gegner, mit dem man abrechnen muß.

– Krieg mit England in Belgien/Nordfrankreich.
– Türkei als Dreibund-Partner.
– Deutsch-Englische Spannung 1911.
– Höhepunkt der Marokkokrise.
– Deutsch-Englisches Krisenmanagement.
– Bethmann Hollweg berät mit Goschen.

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Das offene diplomatische Spiel in Europa.
Berlin erhöht den Druck.

– Deutschland, Rußland, Frankreich.
– Hinter den Kulissen in Berlin.
– Rüstungspolitische Konsequenzen.

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Deutsche Aufmarschplanung und Kriegsbild 1911/12.

– Westen.
– Osten.
– Berlin: Rüstungspolitik und „Preemptive Strike.
– Quantitativer Ausgleich.
– Moltke 1911: „Deutschlands Ziele weiter gesteckt als früher“.
– Frankreich.
– England ermutigt Rußland zum Krieg.
– Moltkes Kriegsbild: Österreich.
– Der deutsche Kriegsplan.
– Türkei: Dreizack gegen Rußland und England.
– Die Kriegsbereitschaft Rußlands 1911.
– „Moltkeplan“ gegen England.

Operationsziel Belgien und Holland.

– Grundgedanke der deutschen Kriegsplanung 1911.
– Frankreichs Aufrüstung.
– Januar 1912: Stringente Kriegsvorbeitung. Wende zur Aufrüstung.

 

 

Einleitung.

Die historische Forschung, älterer (Ritter) und jüngerer Provenienz (Wolfgang Mommsen), hat sich immer wieder mit dem Verhältnis zwischen Politik und Militär beschäftigt. Ob die Generalstabsabsprachen im Ententesystem (Samuel Williamson) oder zwischen den späteren Mittelmächten, die Auseinandersetzung moderner demokratisch regierter Staaten mit autokratisch bestimmten Monarchien, die Problemlagen – im Spannungsbogen zwischen Diplomatie und Aufrüstung; zwischen politischer Taktik und dem Rechenkalkül der Strategie – liegt im Grundsatz – damals wie heute – auf einer Linie.

Dass es uns die Wissenschaft in der Vergangenheit (Fischerkontroverse) nicht leicht gemacht hat, aus dem geschichtliche Beispiel, Erfahrungen und Lehren für die Zukunft abzuleiten, wird offenbar. Denn die Verteidigung gegen den Vorwurf, für das Massenmorden des Ersten Weltkrieges verantwortlich gewesen zu sein, stand im Vordergrund und vernebelte den reichen Erfahrungsschatz der erschließbar wird, wenn den Agierenden von 1914 nicht unterstellt wird, allein unter dem Schatten von Zwanglsäufigkeiten agiert zu haben; und stattdessen allseits die Rationalität des Handelns angenommen wird.

Zudem nach 1945 vordringlich schien, den Verlierer des Zweiten Weltkrieges, Deutschland, nicht zusätzlich auch noch mit der Verantwortung für die Auslösung des Ersten zu belasten (Riezler Tagebuch Affäre). Dennoch wurde mit der Lebensleistung des Hamburger Historikers Fritz Fischer deutlich, dass die Kontinuität der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Strukturen, demnach übergreifend in Staat und Gesellschaft, den Zweiten Weltkrieg als direkte Folge des Ersten erscheinen läßt.

Darüber hinaus wird erkennbar, wie ungebrochen das historische Muster auch heute wirkt. Auf einer Landkarte Europas, die jener vor 100 Jahren durchaus vergleichbar ist, wird erkennbar, dass die Aktionen – die mit der Krimkrise aufgebrochen – heute Schritt für Schritt auf die Challenge der NATO durch Rußland zulaufen, durchaus dem deutschen „Testing the Entente“ vergleichbar sind; jener „Policy of Pretention“, die der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg vor 1914, bis zum Bruch des Entente-Systems, voranzutreiben suchte „England auf uns zuzwingen“, Februar 1911).

Dass schließlich England mit der Armeereform Haldanes leitend wurde für der Umorientierung des westlichen Europa vor 1914 hin auf die Konfrontation mit dem „Oststaat“ Deutsches Reich, mag nur erneut Parallelen zu 2014/15 herausfordern. Doch ist der Konfliktgegenstand (hier 1914 Flotte oder heute, 2015, die Expansion von Machtspähren) im Grunde wenig von Belang, denn entscheidender erscheinen die Modalitäten, und Erfolgschancen von Verhandlungen zwischen so unterschiedlich strukturierten Systemen, wie hier der Demokratie, und dort der Autokratie. Dass zudem militaristische, kriegerstaatliche, Züge in den Oststaaten Deutsches Reich damals, und heute Rußland, deutlich werden, mag nur den Einbahnstrassen-Charakter (Senghas, Autismus) der laufenden Entwicklung, hin auf den lokalisierten, konventionellen Krieg in Europa unterstreichen.

 

9

Der Büchsel-Plan.

Im Januar 1903 notierte der englische Botschafter in Kopenhagen, Goschen, es sei über einen Besuch des deutschen Kaisers gesprochen worden:

“Went to Deutzer´s day and talked about a rumoured visit to Copenhagen from the German Emperor. He doesn´t want him to come. He said one never knows what he will be up to – he may habe as often happens a sudden attack of want of tact and may say or do something which will put up everyone´s back and undo all the efforts of the last years to make the relations between Denmark and Germany more friendly. ´His visits are not always lucky or successful´”.

Um Schlieffen endgültig auszustechen, entwickelte Büchsel am 3. Februar dem Kaiser schriftlich die Position der Marine für Planungen, nunmehr im Hinblick auf den “Krieg Deutschlands mit England u[nd] Frankreich zusammen”. Einleitend bestand er darauf, die Kriegführung der Flotte müsse “in weitgehenstem Maße durch d[ie]. Armee unterstützt werden”. Der Admiralstabschef faßte pointiert die Haltung der Marine dahin zusammen, “im Kriege mit England” liege “die endgültige Entscheidung einzig u[nd]. allein bei der Flotte“.

– Kriegsfall England.

Ausgangspunkt der Darlegungen Büchsels für Wilhelm II. war der frühere Kriegsfall “England”. Danach wurde Anfang 1905 erwartet, England werde die deutsche Flotte vernichten, den Handel und die Industrie des Reiches, und damit “einen unbequemen Macht- und Handelskonkurrenten, beseitigen”. Erwartet wurde, mittels der “großen Überlegenheit der englischen Flotte” werde die deutsche “von allen Meeren vertrieben, und die Blockade” der Küsten “so gehandhabt, dass Einfuhr u[nd]. Ausfuhr praktisch aufhören” würden. Als Antwort hierauf sollte versucht werden, “durch Beseitigung eines Kontinentalverbündeten Englands”, den Punkt des deutschen Zusammenbruchs herauszuschieben, bzw. zu vermeiden. Dazu war geplant, die englische Flotte derart zu schädigen, daß es dem Inselreich “zur Aufrechterhaltung seiner Weltmachtstellung gerathen” erschiene, “diesen Krieg abzubrechen und Deutschland als gleichberechtigten Machtfaktor anzuerkennen”. Dieses könne jedoch nur durch die Flotte erreicht werden, da ausschließlich “durch Seestreitkräfte” die “englischen Machtmittel zu See …geschädigt werden” könnten. Büchsel folgerte, Deutschland müsse “mit allen Mitteln – auch mit denjenigen der Armee – die Kriegführung der Flotte unterstützen”. Welche Bedeutung dieser Kriegsfall, über die rationale Betrachtung eines Operationsplanes hinaus, für die Führung der Flotte (und womöglich den Kaiser) hatte, umriss der Chef des Admiralstabes unter Hinweis darauf, bei diesem “Kriege gegen England” handele “es sich um unsere (i.e. Deutschlands, B.S.) nationale Existenz!” Dass das Kalkül des Reiches rund um den Flottenbau auf des Messers Schneide stand, berührte er mit dem Hinweis auf die Eventualitäten einer Niederlage:

“Wir müßen Alles einsetzen, wollen wir unser Ziel erreichen; verlieren wir, zwingt uns England zur bedingungslosen Unterwerfung unter seinen Willen, so ist Deutschland voraussichtlich für alle Zukunft aus dem Kreise der Weltmächte gestrichen und sinkt zu einer Kontinentalmacht herab”.

Unter diesen Bedingungen plädierte Büchsel für den Einsatz sämtlicher Streitkräfte. Die Neutralität der Nachbarstaaten, Rücksichten auf die Haager Landkriegsordnung und ähnliche Regularien seien, so sprach er aus, zurückgestellt worden. Der Admiralstabschef führte aus,

“die Situationen[,] die wir brauchen, müßen geschaffen werden ohne Rücksicht auf Nachbarn und unter weitgehender Auslegung der Rechte der Kriegführenden”.

Angesichts dieser Zielsetzung erscheint Büchsel das tatsächliche Kräfteverhältnis entmutigend ungünstig. Für den Fall, dass Großbritannien den Zeitpunkt des Kriegsausbruches wähle und Seestreitkräfte zu Beginn des Konfliktes die Schlacht suchten, würde die “deutsche Flotte aufhören … zu existieren”. Auch die Defensive böte England die Gelegenheit, “die Überlegenheit seiner Kräfte zu zementieren und die Blockade des Handels … und die Einschließung unserer Flotte”. Büchsel plädierte vor dem Kaiser eindeutig gegen jede Form der Defensive. Diese sei

“unvereinbar mit dem Ziel unserer Kriegführung, unvereinbar mit dem was die Nation von der mit großen Opfern geschaffenen Flotte”

erwarte,

“unvereinbar mit der Hoffnung nach dem Kriege die Mittel zu erhalten für den weiteren Ausbau unserer Flotte zu einem Ausschlag gebenden Machtfaktor”.

Als Lösung aus diesen Kalamitäten bot der Chef des Admiralstabes das “Festhalten der Grand Fleet in den Belten und im Kattegat und die Schwächung des Feindes” durch unterseeische Verteidigung an. Erst ein abgenützter Gegner mache vor den deutschen Sperren in den dänischen Wasserstrassen die “Offensive unserer Schlachtflotte… aussichtsvoll”. Selbst die rationale Erwägung, was geschehe, falls der Gegner nicht aus der Nordsee heraus vorgehe, wird im Sinne des deutschen gemischt defensiv-offensiv gestalteten Konzeptes entkräftet. Ein Stehen bleiben in der Nordsee, so führt Büchsel aus, entspreche nicht den “Traditionen” und dem “offensiven Geist der seit Jahrhunderten” in der englischen Flotte lebe. Für den Vorstoß der Grand Fleet in dänische Gewässer spreche auch, dass England so “Dänemark zu Hilfe kommen[,] oder in ihm einen Bundesgenossen suchen” werde. Dieses Konzept einer Teilung der englischen Seestreitkräfte “en gros” und “en détail”, nämlich vor den Belten, in den dänischen Gewässern und in der Nordsee wie an den Ostseeingängen, wird als durchaus erfolgversprechend eingeschätzt.

Allerdings – und das ist wohl auch der Kern des Scheiterns im Weltkrieg – streift der Admiralstabschef nur kurz die Möglichkeit einer weiten Blockade über die Konzentration der englischen Hauptstreitkräfte in der Nordsee, die Überwachung der Ostseeausgänge “nur zwischen Schottland u[nd] Norwegen und damit jegliche Inaktivität, sowohl vor den dänischen Belten, wie auch an der Elbemündung”. Büchsel relativiert dieses Szenario, indem er behauptet, die deutsche Flotte würde in diesem Fall dem “Hauptfeind gegenüber nicht ungünstiger” stehen als zuvor. Die Einzelheiten der Verteidigung der Sperren in den Belten, die Frage des Umfanges der Besetzung der dänischen Hauptinsel, und, möglicherweise die schädliche Wirkung eines geringeren Umfanges des Armeeinsatzes, werden mit hoher Intensität entwickelt. Doch scheint dem Admiralstabschef von entscheidender Bedeutung, dass England, bedingt durch ein massives deutsches Engagement, mit höherer Wahrscheinlichkeit in dänischen Gewässern, und zur Unterstützung eines möglichen Bundesgenossen (i.e. Russland, B.S.), auftreten werde.

Augenscheinlich befand sich die Kriegsplanung für den “Fall England” seit geraumer Zeit in der Schwebe. Büchsel bezeichnet den “Abschluß des Operationsplanes” als dringend. Eng verknüpft mit diesen Vorarbeiten sei die “Frage, ob u[nd]. welches dänische Gebiet besetzt” werden solle. Büchsel betont, die “endgültige Entscheidung” des Kaisers sei notwendig, da nur “sorgfältige Friedensvorbereitungen…die Durchführung dieses Planes im Kriege” ermöglichten. Dazu seien das Kriegsministerium und das Reichsmarine-Amt hinzuzuziehen, die beide “noch nicht gehört worden” seien. Nach deren Vorträgen und dem Korreferat des Generalstabschefs bittet Büchsel um die Entscheidung des Kaisers in der Frage:

“Soll für die Operationen der Flotte in einem, möglichen Kriege gegen England oder England u[nd]. Frankreich p l a n m ä ß i g mit der Besetzung eines Theils von Seeland mit Korsör, von Sprogoe[,] Fünen und eines Theils von Jütland mit Esbjerg u[nd]. Fredericia gerechnet werden und sollen alle Mobilmachungsvorbereitungen hierfür getroffen werden?

Annex.
Tirpitz: Die Entwicklung unseres großen Kreuzers. “Die Flotten Russlands und Frankreichs treten in ihrer Bedeutung uns gegenüber immer mehr zurück. Ein Krieg gegen Amerika ist ohne ein direkt wohlwollendes England für uns fast unmöglich. Wenn aber England in solchem Konflikt Deutschland ausgesprochen wohlwollend ist, so würde es sich solche Feindschaft von Seiten Amerikas zuziehen, dass es zweifellos in solchem Falle besser thäte, die direkt wohlwollende Neutralität in eine Alliance mit Deutschland zu verwandeln und dann brauchte Deutschland keine grossen Kreuzer. Es bleibt somit, abgesehen von sonstigen Gründen, für Deutschland die grosse maritime Gefahr für das nächste Jahrzehnt nur die englische Flotte. Der englischen Flotte gegenüber tritt aber die Aufklärung d.h. also die bekannteste und im Frieden am meisten in die Erscheinung tretende Detachierungsart an Bedeutung sehr zurück, denn mit grosser Wahrscheinlichkeit ist aus der englischen Geschichte und Auffassung zu schliessen, dass wir die Schlacht haben, so bald wir wollen, … “.

 

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Das Scheitern des „Büchsel-Plans“.

Kriegsfall England – Frankreich bindet die Armee.

Am 4.2.1905 nahm Schlieffen zur Besetzung Dänemarks durch die Armee und zur Verteidigung der Sperren in den Belten ausführlich Stellung. Abgesehen davon, dass der Kräfteansatz höchstmöglich gewählt wird, kommt der Generalstabschef zu dem Ergebnis, die Sperren könnten bis zum 4. Mobilmachungstag erstellt werden, was aber voraussetze, “dass die deutsche Flotte die Seeherrschaft in der Ostsee und im Kattegat sich” erhalte. Allem Anschein nach erwog Schlieffen den Zweifel, “die stets kriegsbereite englische Flotte” werde die Belte vorher durchlaufen können. Weiter seien in diesem Falle die deutschen Kräfte auf Seeland und bei Sprogö abgeschnitten. Zusätzlich schienen die für den Einsatz vorgesehenen Artillerie-Batterien unzureichend. Es stellte sich damit die Frage, warum unter diesen Voraussetzungen überhaupt zwei aktive Armeekorps hier festgelegt werden sollten. Diesen Zweifel nährte und verstärkte der Generalstabschef.

Wilhelm II. ließ am 7.2.1905 dem Admiralstabschef mitteilen, es solle “für die Operationen der Flotte im Kriege gegen England, oder England und Frankreich, mit der planmäßigen Besetzung eines Theils von Seeland mit Korsör n i c h t gerechnet werden“. Als Gegner der Flottenpläne hatten inzwischen der Reichskanzler mündlich, und die Armee, Gründe gegen eine Besetzung Seelands geltend gemacht. Während die Bedenken Bülows nicht erläutert werden, wird für die Armee der Kriegsfall “England/Frankreich” als Grund dafür angeführt, dass die Kräfte gegen Dänemark nicht bereitgestellt werden könnten, da ohne diese der “Erfolg gegenüber Frankreich in Frage” gestellt sei. Andererseits sollte nunmehr die ungenügende Verteidigung der Friesischen Inseln, “für den Fall des Krieges mit England u n d Frankreich”, verstärkt werden. Damit war der Versuch des Admiralstabes gescheitert, die Armee für die Flottenkriegführung gegen das überlegene England zu gewinnen und eine aussichtsreichere Ausgangslage für eine Entscheidungsschlacht der Hochseeflotte zu schaffen.

Das Ergebnis war – nicht zuletzt infolge der politischen Einschätzung in der Reichsspitze – eine Maus: Die “Sicherung Borkums, Sylts, Pellworms, der Emsmündungen und der Ankerplätze in diesem Raum gegen Versuche, die Inseln zu besetzen und sie als Basis zu benutzen“.- 48 Stunden nach Auslösung sollten die Sicherungsmaßnahmen durchgeführt sein. Nun ging es darum, wie Büchsel nach seinem Immediatvortrag beim Kaiser schriftlich festhielt, “einen neuen “Operationsplan II” aufzustellen. Dem Flottenchef, dem Chef der Ostsee-Station, dem Reichsmarine-Amt, dem Generalstab und dem Chef des Marine-Kabinetts teilte Büchsel die Veränderung der Lage mit. Nunmehr ging es nur noch darum, die Verstärkung der Nordseeinseln in kommissarischen Verhandlungen zwischen den leitenden Stellen der Marine vorzubereiten.

 

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Die Krisenkonferenz vom März 1905.

– Regierungspraxis nachts um 1 Uhr.

Überlagert wurden diese Überlegungen der Marinestäbe durch die grundsätzliche Frage eines Präventivkrieges gegen Frankreich “im Schatten” des russischen Engagements in der Mandschurei gegen Japan. Im März 1905 berief Wilhelm II. eine Konferenz, an welcher mit dem Reichskanzler Bülow, der Generalstabchef Schlieffen und der Kriegsminister Einem teilnahmen.

– Armee nicht kriegsbereit.

Nachts um 1 Uhr erfolgte der “Alarmruf” des Kaisers. Schlieffen und Bülow trafen sofort ein, der Kriegsminister stieß um 6 Uhr morgens dazu. Wilhelm II. forderte den schon lange gewünschten Krieg gegen Frankreich unverzüglich zu führen. Das wurde durch den Beraterstab abgelehnt, da Einem erklärte, die deutsche Feldartillerie sei der französischen durchaus unterlegen. Eine waffentechnische Fehlentscheidung der Artillerie-Generale Kehrer, Prunker und von Schmidt (Inspizient der Feldartillerie) hatte in der Artillerie-Kommission schon “im Jahre 1898 für 500 Millionen” Reichsmark zu Drahtseilbremsen bei der Feldartillerie geführt, “obgleich Frankreich Anfang der 90iger Jahre (bis 1895) das Rohrrücklaufgeschütz eingeführt hatte”. Mit der “Kraft ihrer ´Autorität´” hatten diese Generale eine Fehlentscheidung gegen das jüngere Offizierkorps durchgesetzt.

Das berichtete am Morgen nach dieser Unterredung beim Kaiser Schlieffen am Königplatz seinem Neffen, Graf Hermann Schlieffen, der dies an die Generalstabsoffiziere Riemann, von Tiechowitz und Holleben weitergab. Der Krieg gegen Frankreich im Jahre 1905, später von den Zeitgenossen als die verpasste Chance begriffen, wurde vertagt. Umso stärker tritt die Rolle der Flotte hervor, die nach der diplomatischen Niederlage von Algericas noch einen Hebel gegen England darzustellen schien.

Es war klar, daß Deutschland Ende 1905 weder gegen England noch gegen Frankreich kriegsbereit war. Die Hauptwaffengattungen der Armee, Infanterie und Feldartillerie waren nicht kriegsbereit, da sie umbewaffnet wurden. Die Festung Metz befand sich mitten im Ausbau. Forts und Batterien waren noch nicht vollendet. Friedrich–Christian Stahl (vormals Direktor des Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg) glaubt annehmen zu dürfen, Bülow hätte „es lieber auf einen Krieg ankommen lassen, als eine diplomatische Niederlage“. Dem gegenüber habe der Kaiser abgewiegelt. Nicht völlig aus der Luft gegriffen sind dann auch die Argumente seines Silvester-Briefes an Bülow nicht. Bülows Notiz hält fest:

„Nicht Krieg, bevor Bündnisse mit Türkei (´alliance mit dem Sultan coute que coute´) und ´allen arabischen und maurischen Herrschern´ perfekt. Allein können wir nicht gegen Frankreich und England Krieg führen, w e n i g s t e n s zur See“.

Der Kanzler hielt fest:

„ S[eine].M[ajestät]. forderte mich in diesem Brief schliesslich auf, die Politik so zu führen, dass uns ´soweit als irgend möglich und für jetzt´ die Kriegsentscheidung erspart werde. Es dürfe ´aber nicht aussehen wie ein Faschoda´“.

 

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Aus englischer Sicht: Kriegs- und Friedenspartei in Berlin.

Wilhelm II. war 1905/06 Friedenspartei, und das blieb auch so. Einerseits in der zutreffenden Erkenntnis, daß Deutschland materiell nicht im Stande sei, die günstige Lage für eine kriegerische Entscheidung der europäischen Vormachtfrage zu nutzen, eröffnete er in seiner Amtsführung – wie mit den eingeschlagenen rüstungspolitischen Orientierungen – allerorten den Vorboten eben dieser kriegerischen Entscheidung Tür und Tor.

Diese Krise brachte den künftigen englischen Außenminister Grey zu der Überzeugung, “daß Rosebery in bezug auf Deutschland unrecht” habe. Er fühlte “das so stark”, daß er,

“wenn irgendeine Regierung uns in das deutsche Netz zurückzieht, offen opponieren werde, mag es kosten, was es wolle. Aber es ist schade, jetzt wo wir von Verwicklungen mit Deutschland frei sind, einen gegen Deutschland gerichteten Feldzug in unserer Presse aufrechtzuerhalten”.

Im Sommer 1905, und das ist unzweifelhaft, grassierte nicht nur bei Regimentskommandeuren in Schleswig Holstein das Bewusstsein einer englisch-französischen Bedrohung, letztlich für den deutschen Vormarsch durch Belgien, und möglicherweise, mit Hilfe einer Landung britischer Kräfte an der Schleswig Holsteinischen Westküste. Asquith suchte abzustreiten, England habe “Frankreich angeboten…, im Kriegsfalle 100 000 Mann in Holstein zu landen und den Kaiser-Wilhelm- Kanal zu nehmen”.

 

– Grey und der Krieg gegen Deutschland.

Schließlich war der französische Außenminister Delcassé unter deutschem Druck zurückgetreten. Rosebery fragte Grey: “Ihre Freunde, die Franzosen, zittern wie Espenlaub”. Die Frage war, was würde England tun, wenn es zum deutsch-französischen Krireg käme? Ein Zerbrechen der beiderseitigen Bindungen könnte der deutsche Erfolg sein. Wohin würde eine neue englische Regierung tendieren. Die liberale Presse schien eine “splendid isolation” anzukündigen.

In diesem Augenblick einer Zentriering der radikalen Gruppierung um Rosbery hielt Grey am 21.10.1905 in der Londoner City eine vielbeachtete Rede. Im außenpolitischenTeil dieser Ansprache lehnte Grey zunächst jeden Wechsel in den englischen äußeren Beziehungen ab, betonte “das gute Einvernehmen[s]” mit den Vereinigten Staaten und erörterte schließlich, ob es sinnvoll sei in eine “Politik der Bündnisse” einzutreten. Im Zusammenhang mit der Frage englischer Beziehungen zu Japan unterstrich Grey den defensiven Charakter des Bündnisses zwischen den beiden Staaten. Im Entente-Verhältnis zu Frankreich bezeichnete Grey den “Geist dieses Abkommens” als wichtiger als den “Buchstaben”. Ja, er ging so weit zu sagen,

“daß es für uns alle eine Angelegenheit herzlicher Beglückwünschung ist, daß wir jetzt in so freundschaftlichen Beziehungen mit unserem ausgezeichneten Nachbarn von der anderen Seite des Kanals stehen”.

Diese aufzugeben, stand für Grey außerhalb jeglicher Möglichkeit. Das war ein Aspekt dieser Rede, welchen die deutsche Politik nicht wahrnahm. Auch hinsichtlich Rußlands stand Grey auf einem durchaus Berlin kritischen Standpunkt, denn er plädierte dafür, “Rußlands Einfluß im Rat Europas” wiederherzustellen. So konnte es nicht anders sein: die Beziehungen zu Deutschland waren für Grey “eine delikatere Angelegenheit”. Er sprach auch offen aus, wo der “stumbelstone” in den deutsch-englischen Verhältnissen läge:

“Es muß meiner Meinung nach Bedingung jeder Besserung der öffentlichen Beziehungen zwischen Deutschland und uns sein, daß die Beziehungen Deutschlands zu Frankreich in allen Fragen, die unter das französische Abkommen fallen, auch gerecht und gut sein sollten”.

Schließlich weist Grey frontal das Bedenken der deutschen Seite seit Bismarck zurück, “daß freie Regierungen auf Grund der Veränderungen der Zusammensetzung nicht die gleiche vertrauenswürdige und zuverlässige Außenpolitik führen könnten wie autokratische Regierungen”. Ein Zwischenkurs zwischen “splendid isolation” der Vergangenheit und festen Bündnissen der Zukunft war letztlich das Ziel Greys, an dem er schließlich – unter Inkaufnahme aller Weiterungen – festhalten sollte. Es bleibt die Frage, ob tatsächlich das System Greys, das “Europäische Konzert”, den Krieg zunächst acht Jahre verhinderte, um ihn dann in einer weniger fürchterlichen Form zuzulassen, als dies “die Vernichtung eines alleinstehenden Frankreich oder England durch Deutschland gewesen wäre”.

Letztlich trieb der deutsche Flottenbau Großbritannien zu dieser intermedialen Politik der Ententen oder Ausgleichsabkommen. Denn eine “splendid isolation”, wie sie in Teilen der englischen Gesellschaft gefordert wurde, weil als Konsequrenz dieser Politik der kontinentalen Bindungen ein Krieg mit Deutschland erwartet wurde, konnte sich der Inselstaat nicht mehr leisten. Eine europäische Konstellation war durchaus möglich, blieb Großbritannien zu Frankreich und Rußland auf Distanz. So gesehen, war Deutschlands Vorherrschaft in Europa quasi vorgezeichnet. Und erst recht durch die Erfahrungen des Weltkrieges wurde unterstrichen, wie gering Englands Chancen wären, müßte es sich gegen den vereinigten Kontinent verteidigen.

Daß es zum Ersten Weltkrieg kam, war in dem Umstand beschlossen, daß bis zuletzt unsicher lieb, ob England an die Seite Frankreichs treten würde. So nur konnte die deutsche Zuversicht wachsen, England neutral halten zu können, und es “auf einen Krieg ankommen [zu] lassen”.

Annex.

“Im März 1905 arbeitete ich als kommandierter Oberleutnant in der 8.Abt[eilung]. des gr[oßen]. Gen[eral].Stabs. … Eines Morgens kam der, mir sehr befreundete, Neffe des Gen[eral]. Stabs Chefs Graf Schlieffen, Ob[er]l[eutnant]. Graf Hermann Schl[ieffen]., … mit sehr ernstem Gesicht etwa morgens 10 Uhr auf unsere Stube mit Tiechowitz u[nd]. Holleben. Schlieffen sagte: “Eben komme ich von Onkel Alfred. Wißt Ihr was los war? Heute Nacht um 1 Uhr hat der Kaiser Bülow, den Onkel Alfred zu sich befohlen. Heute morgen um 6 Uhr wieder dazu den Kriegsminister. Frage Krieg gegen Frankreich. Und wissen Sie, sagte Hermann Schlieffen, auf den Tisch hauend, “wer Schuld ist, daß diese einzige Gelegenheit versäumt werden muß? Ihr seid Schuld! (Ich bin Feldartillerist) Der Kriegsminister hat erklärt, daß unsere Artillerie der französischen durchaus unterlegen sei”. Es scheint als ob derartige Konferenzen damals öfter aufgetreten sind (“Heute morgen um 6 Uhr w i e d e r den Kriegsminister”).

 

13

Rückrat deutscher Seestrategie.

Mit dem “Büchsel-Plan” war die Vorstellung der Marine gescheitert, die britischen Seestreitkräfte zu teilen, und nach Abnutzung ihrer Überlegenheit in den Ostseezugängen, zu schlagen. Das bedeutete jedoch nicht den Verzicht auf die Vorbereitung des grossen Krieges durch die Armee. Noch zur Zeit Schlieffens wurde geplant, die Schelde zu sperren – sei es durch Schiffe, sei es durch Minen. Eine derartige Operation wurde durch den Generalstab nicht vor dem 15. Mobilmachungstag erwartet, denn diese stand in unmittelbarer Beziehung mit der Belagerung Antwerpens durch die Armee.

 

– Flottenvorbereitung und zentrale Option.

Im Jahre 1907, im Zuge der Heeresreform, nahm der Nachfolger Schlieffens, Moltke, das Thema der Scheldesperrung wieder auf und bat Büchsel um Mitteilung, “wie lange die Landung von etwa 125 000 Mann, 50 000 Pferden und 6500 Fahrzeugen” in den kleinen Kanalhäfen rund um Ostende dauern würde. Wiederum wurde der Einsatz von Streuminen erwogen. Artillerie sollte gegebenenfalls gegen frühzeitig vordringende englische Schiffe zum Einsatz kommen. Die Analogie zu den Sperren in den dänischen Gewässern fällt ins Auge. Geraume Zeit verging, und schließlich nahm der Admiralstab detailliert Stellung. Angenommen wurde, dass die Briten in Antwerpen mit einem Expeditionskorps landen würden. Die deutschen Seestreitkräfte seien außerstande, “diesen großen Transport über See zu verhindern, da die […] Flotte in der deutschen Bucht der Nordsee festgehalten” werde.

Um einen Vorstoß gegen Antwerpen zu verhindern, sollten möglichst kurz nach Kriegsausbruch, von deutscher Seite, Schiffe in der Schelde versenkt werden, die im Hafen von Antwerpen bereits im Frieden vorzubereiten seien. Bis in die Kontakte zum Norddeutschen Lloyd, und dessen Vertreter in Antwerpen, wurden diese Planungen vorgedacht. Offiziere des Admiral- und Generalstabes wurden beauftragt, in Belgien und Holland vor Ort Kontakt aufzunehmen. Bereits während Spannungszeiten war beabsichtigt, ein bis zwei Dampfer im Hafen von Antwerpen bereit zu halten, und diese dann vor Kriegsausbruch unverzüglich zu ihrem Versenkungspunkt in der Schelde auslaufen zu lassen. Sollten die Briten Antwerpen als Objekt ihrer Landung bestimmen, so erwartete der Admiralstab, diese würden zum Schutz ihrer Etappenlinie, der Schelde, “Seestreitkräfte verwenden”. Moltke stimmte zu, Sperren in der Fahrrinne vorzubereiten, Kontakt zum Norddeutschen Lloyd aufzunehmen, um die Dampfer für die Versenkungsaktion vorzubereiten und bestimmte Hauptmann Eggeling, der bereits 1904 Erkundungs-, d.h. Spionageaufträge, für die Aktionen in Belgien und Holland, zum Beispiel in den Ardennen, durchgeführt hatte. Streuminen seien ebenfalls zu beschaffen, hieß es. Zwischen dem 7. und 17. Mai 1907 wurden die Erkundungen durchgeführt und auch die Ausschiffungshäfen an der belgischen und holländischen Küste auf Eignung hin untersucht. Die Schelde sei zu sperren. Verhandlungen mit einem Vertreter des Norddeutschen Lloyd wurden vereinbart und durch einen Generalstabsoffizier übernommen. Einer englischen Landung in den belgischen Häfen würde die deutsche Seite machtlos gegenüber stehen, war das Ergebnis. Streuminen als Sperrmittel schieden, nach dem Urteil Moltkes, nun aus. Ab Mai 1908 lagen in dieser Sache sämtliche weiteren Schritte zentralisiert in der Verantwortung des Generalstabes. Die Vorbereitungen für den Westfeldzug gegen England-Frankreich liefen – wie hier dargestellt – intensiver und reibungsloser als im Fall “Dänische Belte”.

 

14

Deutschland unterschätzt England.

Ende 1907, zwischen dem 8. November und 13. Dezember, befand sich der deutsche Kaiser, begleitet durch ein umfangreiches Gefolge, zum Staatsbesuch in England. Admiral von Müller berichtet den “freundlichen[r] Empfang” Wilhelms II. Die “englischen Truppen” werden als im Tagebuch Müller als “kümmerliche Knaben” apostrophiert. Lord Roberts, der Sieger im Burenkrieg, erscheint dagegen als “sehr sympatische Persönlichkeit”.

Jules Cambon, im April zum neuen Botschafter Frankreichs in Berlin berufen, traf zu Beginn seiner Mission auf unverhohlene Kritik, in Hofgesellschaft und diplomatischen Kreisen, am Kaiser. Graf Reventlows “Wilhelm II. und die Byzantiner”, aber auch Skandale um Prinz Friedrich Heinrich, der die Armee verlassen musste, dessen jüngerer Bruder Joachim Albrecht, der wegen einer Liebschaft nach Südwestafrika auswich, oder General von Hohenau, Graf Lynar und die Eulenburg-Affaire bewegten die Gemüter.

 

– Innenansichten der Berliner Führungselite (Daily-Telegraph-Affäre).

Am 18. November weilte Wilhelm II. bei Oberst Stuart-Wortley auf Highcliff-Castle. Hier entstand das später in der deutschen Innenpolitik so Aufsehen erregende “Daily Telegraph Interview” des Kaisers, das durch dessen Äußerungen über die Engländer Furore machte. Am Ende der Reise bemerkt Müller: “Eine Menge Menschen gesehen, gesprochen u[nd]. wieder vergessen”. Das Gefühl, dass sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Großbritannien in diesen Tagen am Scheidewege befand, kam jedoch nicht auf. Dass sich in Berlin die Dinge verschoben, wurde mit der Diskussion um den alten und neuen Chef des Militärkabinetts Graf Hülsen Haeseler und den Freiherrn von Lyncker deutlich. Die Wahl Lynckers bezeichnete der bayerische Militärbevollmächtigte, von Gebsattel, als “eine sehr glückliche”. Dieser wurde als “ruhiger, vornehmer Herr von tadellosem Charakter” beschrieben. Die preußische Armee könne sich “zu dessen Wahl…nur gratulieren”. Hülsen sei da schon eine andere Persönlichkeit gewesen. Gebsattel ging seinem Minister gegenüber ins Detail und berichtete,

“daß eine große Zahl von Offizieren, die während seiner Amtszeit verabschiedet oder nicht ihren Wünschen und Ansprüchen nach verwendet wurden, ihn mit ihren Haß verfolgten – wofür ein Artikel von Gädke im Berl[iner]. Tageblatt den stärksten Beweis liefert – liegt ja zum Teil in der Stellung selbst, zum Teil aber auch darin begründet, daß Graf Hülsen der naheliegenden Folge seines Amtes eine allzu hohe Meinung von seiner Macht und Persönlichkeit zu bekommen, eben auch unterlag und nebenbei durch seine echt Berliner Schnoddrigkeit sehr viele, die er abweisen mußte, noch persönlich verletzte. Mir war immer am unangenehmsten und unheimlichsten eine gewisse Taktlosigkeit, mit der er gegenüber ihm zum Teil ganz Unbekannten die unglücklichsten Bemerkungen über Seine Majestät den Kaiser machte und von der man nie wußte, wo und vor wem sie Halt machen würde”.

In der “Daily Telegraph Affaire” habe Hülsen sich besonders schicksalhaft ausgewirkt. Der bayerische Militär-Diplomat betonte, “Graf Hülsen” sei “eine jener Persönlichkeiten” gewesen,

“gegen die vor allem während de letzten Krise sich der Vorwurf richtete, Seine Majestät den Kaiser über die in der großen Allgemeinheit herrschende Stimmung und über das Urteil, das Allerhöchst dessen Reden und Handeln in sehr vielen Fällen fand, gänzlich im Unklaren gelassen zu haben – das wußte er und hat er sich noch vor wenig Tagen dahin ausgesprochen, das sei nicht seine Sache, dafür seien Andere da!”

Gebsattel nahm jedoch gleichzeitig Hülsen in Schutz und schloss an, “eine solche Masse von feinem Takt und besonnener Klugheit, wie sie eben nur ganz einzelne Menschen – vielleicht der Kanzler Fürst Bülow -” besässen, wäre in diesem Fall nötig gewesen. Der Militärbevollmächtigte konkretisierte jedoch weiter, er sei

“der Ansicht, daß von den Herren, welche heute Seine Majestät umgeben, verhältnismäßig nur wenige mit Schuld tragen an den Verhältnissen, welche die soeben beigelegte Krise herbeiführten. Denn noch vor wenigen Tagen mochte es schwer, wenn nicht fast unmöglich sein, Seine Majestät mit dem gewünschten Erfolge die Wahrheit zu sagen”.

Gebsattel machte die frühe Thronbesteigung Wilhelms II. dafür verantwortlich, dass kein bleibender Einfluss “auf die herrliche und ganz außerordentliche Geistesanlage Seiner Majestät gewonnen werden konnte”. Das sei eine Folge der Persönlichkeiten gewesen, “die damals um ihn waren und von denen leider! – ja auch heute noch Einzelne in seiner Nähe” seien. Diese hätten zu verantworten, dass keine positiv-korrigierende Einwirkung auf den jungen Kaiser ausgeübt worden sei. Das habe “sich bitter gerächt”. Doch schien es dem bayerischen General “denkbar und möglich, daß nun die jüngste Krise mit ihren Begleiterscheinungen unter Umständen für die Zukunft mehr nutzen könnte, als sie augenblicklich geschadet” habe.

Annex.

Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg. RM 2/1718. Büchsel an von Senden-Bribran, 27.3.1905: “Euer Exzellenz beehre ich mich behufs eventueller Berichterstattung bei Seiner Majestät nachstehend die bereits erfolgten und noch beabsichtigten Bewegungen der englischen Mittelmeerflotte ganz ergebenst mitzuteilen”. RM 5 v.1667. Schlieffen an Büchsel, 7.6.1905. RM 2/1601. Parallel lief eine ausgedehnte Diskussion Wilhelms II. mit Tirpitz um die künftigen Schiffstypen der Schlachtflotte. Vgl. ebd. Tirpitz an Wilhelm II., 29.1.1904; Wilhelm II. an Tirpitz, 28.4.1905; Ebd. Tirpitz an Wilhelm II., 6.5.1905. V.Müller an Wilhelm II, 10.5.1905. Ebd. Wilhelm II. an Tirpitz, 20.7.1905. Der Kaiser stellt fest: “England hat uns in Zahl, Typ u[nd]. Geschwindigkeit überholt…”. Weiter bemängelt er die “Kohlenfrage”. “Es ist unbestreitbar, daß unsere Marine dabei auffallend ungünstiger steht, wie alle anderen. Diese Frage muß unbedingt bei uns … [gelöst?] werden”. Vgl. ebd. Wilhelm II. bemängelt die deutsche Schießausbildung vorwiegend in der Ostsee.

 

15

Zentralstellung gegen die britische Weltmacht.

Die operative Planung des Admiralstabes bildete in diesen Tagen den Hintergrund für Untersuchungen, Erwägungen und Diskussionen. Die Operationspläne von Marine und Armee bedingten sich gegenseitig. Das Rückrat deutscher Seestrategie bildete der Nordostsee-Kanal, der im Jahre 1908 noch nicht fertiggestellt war. Schleusen von 330 Meter Länge, mit einer Tiefe von 13,80 und einer Breite von 45 Metern zeigten, dass “Fehler, die wir (die Deutschen, B.S.) vor 20 Jahren gemacht haben”, korrigiert wurden. Inzwischen hatte das Flotten-Wettrüsten mit Großbritannien einen neuen Schlachtschifftyp hervorgebracht, der die bisherigen Linienschiffe entwertete und Deutschland zu folgen zwang, konstruktiv-technisch, und hinsichtlich der Kapazität der Neubauten. Das künftige Schlachtfeld, so wollten es die deutschen Seestrategen, würde die Nordsee sein. Einerseits bestimmten die Küsten-Befestigungen, andererseits die Flaschenhälse der Fluß-Mündungen, Bauprogramme wie Taktik in der Auseinandersetzung mit dem künftigen Gegner.

– Küstenbefestigung und Schlachtflotte.

Natürlich war es unmöglich, Küstenbefestigung und Seerüstung auf gleicher Höhe und mit derselben Intensität zu halten und zu betreiben. Die Gefahr bestand, daß ein Auslaufen der Flotte in die Nordsee schon in den Flußmündungen von Elbe, Weser und Jade behindert würde. Port Arthur war den Zeitgenossen ein Begriff. Dort hatten die Japaner 1904/05 die russische Flotte “gebottelt”.

Helgoland als fester Punkt für eine Anlehnung der Schlachtflotte sollte, neben den Küstenbefestigungen, den deutschen Seestreitkräften das Operieren in der Nordsee ermöglichen. Im Jahre 1908 konnten die Batterien auf Helgoland “einen Kreis von 15 bis 20 km im Durchmesser unter Feuer nehmen”.

Streuminen, als weiteres Kampfmittel, sollten die Seeherrschaft der Grandfleet verhindern. Deutsche Torpedoboote und U-Boote auf Helgoland würden, so war im Jahre 1908 geplant, in Zukunft “eine Gefahrenzone für feindliche Schiffe” schaffen und so Bewegungsspielraum für die Verbindungen der Flottenkräfte zwischen Jade, Weser und Elbe gewährleisten. Die Schlachtflotte sollte in Helgoland quasi “einen Ruhepunkt” finden, falls sie sich zurückziehen müsste. Es wurde in einem Vortrag vor Reichstagsabgeordneten klar ausgesprochen, dass die deutsche Marine so “die jederzeitige Aktionsfreiheit” erhielte,; “ihre Leistungsfähigkeit im Kriege” werde gesteigert.

Neben Helgoland böten Jade und Elbe Liegeplätze für die mobile Flotte. Allerdings würde sie auf der Elbe “von Cuxhaven bis hinter Brunsbüttel…in langer Linie” liegen. Auch im Bereich der Jade werde verbessert und gebaut. Wilhelmshaven war im Jahre 1908 noch nicht fertig. Helgoland und Kiel standen allerdings kurz vor dem Abschluss der Arbeiten. Dieses Bild allgemeiner Unfertigkeit bietet sich ebenfalls hinsichtlich der materiellen und personellen Ausstattung der Seestreitkräfte. Die Aussicht bestand: “nach 7 etwa 6 Jahren”, das heißt im Jahre 1914, würden die Teile der gesamten Flotte “gut zusammenklappen”.

Annex.

Ebd., N 253/206, NL Tirpitz. Vortrag vor Reichstagsabgeordneten zum Abschluß des Parlamentsreise 1908: “Meine Herren[,] was wir in dem letzten Jahrzehnt brauchten[,] und was wir in den nächsten 6 Jahren (1914, B.S.) weiter brauchen, ist feste aber stille Arbeit, keine Fanfaren, Lob und Anerkennung ist nicht nötig; diese bleiben der Geschichte vorbehalten”.

 

16

Belgien: Machtbasis gegen England.

Parallel mündeten die Vorarbeiten zu Detailfragen im westeuropäischen Küstenbereich in die grundsätzliche Untersuchung der holländischen und belgischen Küste. Ein Admiralstabs-Memorandum führte, ausgehend

“von dem Gesichtspunkte, dass die holländische und belgische Küste auf ihre Geeignetheit für kriegerische Unternehmungen der eigenen und feindlichen Armee und Flotte”

zu untersuchen seien, aus, diese würden auf die Festung Holland und Antwerpen, das Mündungsgebiet von Rhein, Maas und Schelde zu konzentrieren sein. Ausgewählt “wegen der günstigen Tiefenverhältnisse und Verbindungen dieser Fahrwasser nach dem Inneren des Landes, und ferner wegen ihrer Lage außerhalb der Hauptverteidigungsstellung Hollands bzw. Belgiens”.

Im Zuge dieser Vorbereitungen trugen Vertreter des Admiralstabes Gedanken zu einer offensiven Kriegführung gegen Großbritannien vor. Bislang waren vom Generalstab offensichtlich, “nur defensive Maßnahmen zur Abwehr englischer Landungsunternehmungen in der Schelde erwogen worden”. Weitergehende Pläne einer Kooperation mit dem Generalstab in dieser Frage wurden durch den Nachfolger Büchsels, von Baudissin, verschoben, da es sich zunächst nur um “Klärungsmaterial” handele. “Später” solle “ev[entuell].[,] wenn d[as] Resultat d[er] Durcharbeitung es als wünschenswert erscheinen” ließe, “daß wir Holland auf unsere Seite ziehen, eine entsprechende Äußerung an den Generalstab gesandt werden”. Dass diese Einzelfragen des Krieges mit Großbritannien in den angrenzenden Weststaaten, aus deutscher Sicht in einem höheren Zusammenhang standen, zeigt die Ausarbeitung des Admiralstabes zu “Holland und Belgien”, die im Oktober 1908 dem Chef des Admiralstabes vorlag. Welchen Rang Holland und Belgien, auch in den landstrategischen Überlegungen deutscher Planungsstäbe, einnahmen, umriss der einleitende Satz der Denkschrift:

“Die Einbeziehung von Holland und Belgien in einen Krieg England-Deutschland soll nicht lediglich den Zweck einzelner Minenunternehmungen und Raids verfolgen, sondern sie ist mit den Grundfragen dieses Krieges überhaupt aufs engste verknüpft” (Hervorh.v.m., B.S.).

Danach war beabsichtigt, die Marinepläne stark “an das, was die Armee aus Notwendigkeit tun” werde, anzulehnen. Natürlich sei vorgesehen, daß

“grundsätzlich Armee u[nd]. Marine zusammenarbeiteten”.

 

– Holland und Belgien: Hebel gegen die Weltmacht.

Der Plan, der diesen Maßnahmen zugrunde liegen würde, müsse natürlich durch den Kaiser “befohlen” werden. Ganz optimistisch sah der Admiralstab, in Großbritannien werde die These vertreten, dass ein deutsch-englischer Krieg “solche Umwälzungen auf dem Kontinent herbeiführen” könne, “daß alle zur See errungenen Erfolge Englands dadurch überwogen würden”. Andererseits sei in britischer Presse und Publizistik die Überzeugung herrschend, “England könne eine deutsche Annexion Hollands u[nd]. Belgiens nie dulden”. Die Bearbeiter der Denkschrift des Generalstabes zogen daraus die Folgerung, hier (i.e. in Belgien, B.S.) liege “die Achillesferse” Englands. Holland in deutschem Besitz sei

“eine beständige Bedrohung Englands auch nach dem Friedensschluß”(Hervorh.v.m., B.S.).

Auch käme Deutschland “durch den Einmarsch in Holland und Belgien in eine günstige Anfangsstellung für den Krieg gegen Frankreich”. Dieser wurde als “unvermeidlich” bezeichnet. Diese Erkenntnisse sollten bis in den Juli 1913 weiter reifen und Allgemeingut künftiger deutscher Weltkriegsstrategie werden.

 

– Pessimismus der Flottenleitung.

Als Ziele der Operation bezeichnet der Admiralstab in Holland Rotterdam, und in Belgien Antwerpen. Das Bild einer festen Einschließung und Belagerung Antwerpens entsprach dagegen nicht mehr der herrschenden Auffassung des Generalstabes für den Festungskrieg. Ein Krieg in Holland wurde kritisch beurteilt. Erkannt war, zumindest nach den Erfahrungen mit den Plänen für eine Besetzung Dänemarks im Jahre 1904, dass der Generalstab für derartige Unternehmungen zunächst gewonnen werden müsse. Andererseits wird erkennbar, dass die Vorstellungen des Admiralstabes von den operativen Plänen der Armee recht begrenzt waren. Das Bild einer deutschen Armee, eingekeilt “zwischen zwei befestigten Stellungen, wie [der] Antwerpen-Maaßlinie, bzw. französischer Grenze einerseits und Festung Holland andererseits”, “um an der Küste mit einer englischen Armee sich zu schlagen”, entbehrte nicht der Naivität.

Das besondere Interesse des Generalstabes galt offenbar im Jahre 1908 der Inbesitznahme Belgiens und Hollands. Admiral Capelle (Reichmarine-Amt) bestätigte, “der Generalstab” beabsichtige in seinen Aufmarschplanungen, “aus uns (der Marine, B.S.) unbekannten Gründen, mit Eröffnung des Krieges Antwerpen nur” einzuschließen “u[nd]. die Festung Holland nur [zu] beobachten”. Damit seien die Vorstellungen der Flotte, England von der Basis Holland – Belgien aus zu bekämpfen, gegenstandslos. Capelle hielt in seinen Randbemerkungen zu der Denkschrift der Abteilung A II des Admiralstabes fest:

“Unter dieser Voraussetzung können wir England kaum schaden”.

Klar war, die Marine werde gegenüber Diplomatie und Generalstab “auf diesen Landgebieten” (gemeint ist Belgien-Holland, B.S.) “immer nur eine untergeordnete Rolle spielen”. Entscheidend sei nun, dass “die Frage des Krieges gegen England” künftig zwischen Admiral- und Generalstab “großzügig…zur Besprechung” gelange. Zentral war, aus der Sicht Capelles, festgestellt zu haben, “was bei der augenblicklich dem Generalstab vorschwebenden Strategie für die Armee u[nd] die Marine” herauskomme. Zumindest, und das wurde im Kommentar betont, stimmte der Generalstab nicht mit der Denkschrift des Admiralstabes überein, “der Kampf gegen die gelandete englische Armee” werde “unter ungünstigen strategischen Verhältnissen geführt” werden müssen.

 

17

König Georgs dynastische Außenpolitik.

Die englische Regierung, die Liberalen, verloren in der allgemeinen Wahl vom Januar 104 Sitze an die Konservativen. Ihre bedeutende Mehrheit von 102 Stimmen schmolz auf zwei. Der Premierminister Asquith bezeichnete das königliche Veto, das seit 1707 nicht mehr eingesetzt wurde, als “buchstäblich so tot wie Königin Anna”. Lloyd George blieb zu diesem Vorgang Zeit seines Lebens der Überzeugung, dass, hätten die Parteimaschinerien seine Vorschläge befolgt, es weder zur Revolution in Irland, noch zum Krieg mit Deutschland gekommen wäre. Dennoch war die außenpolitische Bedeutung König Georgs V. entscheidend. Seine Reisen und Unterredungen mit Gesprächspartnern, Souveränen und Politikern auf dem Kontinent hätten, in weniger kundigen Händen, auch weniger erfolgreich werden können. Die Wirkung Georgs V. in seiner Zeit erschien, in deren Zwischentönen etwa so:

“Die Regierungszeit der Königin Victoria kann man als eine Periode stetig wachsender Stabilisierung bezeichnen. Die Zeit König Eduard VII. war ein Zwischenakt verschwenderischen Reichtums und unangefochtener Macht. Unter König Georg begannen die Grundlagen dieser Stabilität zu wanken, schwand unsere Macht und unsere Prosperität und traten neue Kräfte auf den Plan, die binnen einem Vierteljahrhundert die Struktur der ganzen Welt veränderten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Dem König Georg V. wird allerdings bestätigt, dieser habe – “stets schlau und hellhörig und von klarerem Blick, für die den Ereignissen zugrunde liegenden Tendenzen, als manche seiner Minister” – dennoch nicht die Kraft besessen, das gespaltene Inselreich und erst recht nicht den gespaltenen Kontinent zusammenzuführen.

 

– England kracht in den Fugen.

Großbritannien befand sich Anfang des Jahres 1911 in einer ernsten innenpolitischen Krise. Die inzwischen organisierten Eisenbahner drohten mit Streiks. Im Herbst 1910 waren diese in den Tälern von Rhonda und Aberdare ausgebrochen. Ausschreitungen begleiteten die Ausstände. Im Januar brach auch in der Sydney Street/Eastend London eine Schlacht zwischen den Scots Guards und Anarchisten aus. Churchill lugte, trotz Ministeramt, um die Ecke von Sydney Street. Georg V. machte ihn darauf aufmerksam, dass dies nicht zu den Pflichten eines Ministers gehöre. Weitere Streiks in der ersten Jahreshälfte der North-Eastern Eisenbahn, der Seeleute-Gewerkschaft, wie der Dock- und Transportarbeiter, veranlassten zur Mobilisierung von Truppen aus York für Manchester.

864 Streiks mit 1 Million Arbeitern. Es gingen 1911 101/4 Millionen Arbeitstage verloren. Die gesamte Garnison von Aldershot wurde nach London verlegt. Das Parlament stellte Schutzleute ein. Die Büchsenmacher von St.James Street und Pall Mall verkauften binnen 48 Stunden ihre gesamten Bestände an Revolvern. Dem Eingreifen von Lloyd George, und dessen Einfluss auf den Chef der Eisenbahnergewerkschaft, Thomas, war es zu danken, dass von England “ein so schweres Unglück”, wie es ein Streik dieses Ausmaßes bedeutet haben würde, ausblieb. Das war die innere Lage in Großbritannien Anfang des Jahres 1911. Eine Szenerie, die in der deutschen Historiographie bislang kaum gewürdigt wurde.

 

18

Kühle Beobachtung: Sir Edward Goschen.

Goschen berichtete am 1. Januar über sein Gespräch mit dem Kaiser, das anlässlich einer “Gala” im Stadtschloss stattgefunden habe. Wilhelm II. bemerkte demnach zu dessen erstem Kontakt mit Bethmann Hollweg:

“He bullied me about the Speeches in England – and said ‘Not much of the Peace and Good will over there such as we expect at this Season. You have all gone mad and you seem to think that I am always standing with my battle-axe behind me waiting for an opportunity to strike’. He said what amazed him most was that the worst speeches were made by the Upper Classes. I told him that I had already been scolded by the Chancellor – on which he clapped me on the shoulder and said ‘I am glad he did scold you – he is very angry’” (Hervorh.v.m., B.S.).

Es ging um die deutsch-englischen Beziehungen, welche sich auf Talfahrt befanden. Doch mit dem Tod König Eduard VII. wurde in London eine neue Parole ausgegeben. Der neue König informierte Goschen,

“he should do his best to keep up the best private and public relations with Germany. But he didn’t seem keen about a definite understanding on German lines!” (Hervorh.v.m., B.S.).

– Imperial Chancellor: Bethmann Hollweg.

Zu Beginn der Urlaubszeit verfehlte Bethmann Hollweg nicht, Gerüchte um den neuen Staatssekretär des Auswärtigen, Kiderlen-Wächter, gerade zu rücken. Er versicherte Goschen:

“Don’t you trouble about Kiderlens’s sentiments – it is I that directs the Imp’l For[eign]. policy – ‚et c’est moi qui inspire les sentiments’” (Hervorh.v.m., B.S.).

Goschen begann sich der Aufgabe zu unterziehen, seinen wichtigsten Gesprächspartner in Berlin zu erforschen. Er vermutete, Bethmann Hollweg werde versuchen, die Bülowianer um ihn herum los zu werden, um Männer seiner Wahl heranzuziehen und

“to try to put into practice his theory of governing over the heads of the parties“.

 

– Großer Generalstab – Interdependenz der Ämter.

Den Generalstab erreichen auch im Januar 1910 laufend Berichte. Eine zentrale Quelle bemerkt:

“Marschall [der deutsche Botschafter in Konstantinopel] drängt offenbar beim A[uswärtigen]A[mt] auf [eine] deutsch-türkische Militärkonvention”…Auch betr[effend]. Vorgänge in Griechenland…Die meisten dieser Berichte gehen an [das] M[ilitär]K[abinett] zurück oder bleiben (wenn angemerkt) beim Chef liegen. Dazu kommen Berichte der Mil[ilitär].Att[achés]. direkt über alle möglichen Dinge (z.B. Besuche des Kaisers in der Schweiz pp.)[[Die] politische Rolle des Gen[eral].Stabs erscheint seltsam überhöht!]”.

Dass Moltke den Kontakt zum Admiralstab hielt, zeigte sein Schreiben an den Chef des Admiralstabes, Admiral von Fischel. Der Stabschef kündigte die Absicht an, die “große Generalstabsreise” 1910 “in Schleswig-Holstein abzuhalten”.

 

– Erschöpfter Wilhelm II.

Dass der Kaiser durch die Folgen der Daily Telegraph- und Hale Interview-Affären politisch und persönlich sehr mitgenommen war, an Abdankung dachte, und der Kronprinz und die Kaiserin bereits Morgenluft witterten, ist unbestritten. Goschen bestätigt in seinen Tagebuchnotizen diese Entwicklung und erweiterte das Bild des eigentlichen Machtzentrums in Berlin, indem er Wilhelms II. dunkle Äußerung vom 27. Januar wiedergab, die ahnen lässt, was tatsächlich in Berlin vorging. Goschen berichtete:

“Then he scolded me again for the speeches in England and w’d not listen when I wanted to tell him that it was more admiration for Germany’s activity and strength than abuse. Then he uttered the cryptic phrase ’I am not the strong man – that is someone else!!’ I don´t know to this minute what he meant” (Hervorh.v.m., B.S.).

Eine Andeutung, die in direktem Zusammenhang mit dem neu berufenen, sehr viel stringenteren Reichskanzler, und dessen Verbindung zum Generalstabchef, verstanden werden könnte. Wie zerrissen Wilhelm II. über die Jahre war, illustrierte seine Äußerung wenig später, wenn er sich über das vorgebliche Ende des deutsch-englischen “Navy Scare” äußerte. Der Kaiser beklagte gegenüber Goschen,

“that he had during 22 years striven to be England´s best friend – and that no one in England ever seemed to believe it. He couldn’t understand the English he felt inclined to ask them in the words of the old song ´Oh Juliar – Oh Juliar – why are you so peculiar?´!!” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

19

Parallelität der Deutsch-Österreichischen Planung.

– Österreich, Italien, Rußland und der Balkan.

Der österreichische Generalstabschef, Conrad von Hötzendorf, eröffnete Anfang Januar Verhandlungen mit Moltke, die auf einer neuen Ebene höherer Intensität der planerischen Vorarbeiten abliefen. Obwohl „die Verhältnisse“ für die verschiedenen Kriegsfälle „im Allgemeinen und Wesentlichen die gleichen geblieben“ seien, gelangte der Österreicher, unter sorgfältiger Abwägung der möglichen Fälle, im Einzelnen zu der Erkenntnis, die Bedeutung der Türkei nehme bedeutend zu, Rumäniens Teilnahme auf Seiten Österreichs und Deutschlands sei nahezu unverzichtbar und mit Italien als Gegner sei in jedem Falle zu rechnen. Das wurde als Begründung dafür angeführt, dass von österreichischer Seite nunmehr „auch der[n] Kriegsfall gegen Italien in Betracht gezogen“ werde. Aus der Disposition „Italien, Serbien und Montenegro“, unter gleichzeitiger Neutralität Rußlands und Frankreichs, leitete Conrad den günstigsten Fall „Balkan“ für Österreich her. Die Erwartungen des Wiener Stabschefs, Japan würde Rußland in Ostasien fesseln, scheinen zu diesem Zeitpunkt in Wien als recht entscheidend eingestuft worden zu sein. Der Fall „Italien, Serbien, Montenegro und Russland“ gegen Österreich erfordere selbstverständlich das Eingreifen Deutschlands, so Conrad, der fortfuhr:

„Deutschland tritt im Sinne des Vertrages vom Jahre 1879 an die Seite der Monarchie und löst damit auch das kriegerische Eingreifen Frankreich’s aus. So wie in diesem Falle, nach den geschätzten Mittheilungen Euer Exzellenz; Deutschland seine Hauptmacht vorerst gegen Frankreich wende,- gegen Rußland aber nur secundäre Kräfte (13 Divisionen) belassen würde,- um erst nach einem durchgreifenden Erfolg gegen Frankreich gegen Rußland die Entscheidung zu suchen – würde analog unsererseits mit der überwiegenden Hauptmacht ein Erfolg zuerst gegen Italien angestrebt werden, um erst nach einem solchen sich gegen Russland zu kehren“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Wie der deutsche, so disponierte auch der österreichische Generalstab augenscheinlich unter äußerster Zuspitzung seiner Planungen. „Auch gegen Russland“ stellte Conrad „nur 5 Inf[an]t[erie].- Divisionen erster Linie…, Alles in Allem 9 ½ Inf[an]t[erie]., 4-6 Cav[allerie]. Div[isio]nen)“ in die Rechnung „Galizien“ ein. Diese Kräfte würden natürlich „einer groß angelegten russischen Offensive …nicht“ widerstehen können. Vorgesehen wurde daher,

„unter möglichster Verzögerung des feindlichen Vorrückens, über die Karpathen zurückzugehen und zwar mit der bei Lemberg-Przemysl versammelten stärkeren Gruppe im Allgemeinen in der Richtung auf Budapest, mit der bei Krakau versammelten schwächeren Gruppe im Allgemeinen in der Richtung auf Wien“.

„Im äußersten Falle“ wurde die Verteidigung des Landes „an der Donau Strecke Wien-Budapest“ vorgesehen. Dort sollte

„die russische Offensive so lange zum Stehen gebracht werden, bis das Eintreffen der in Italien freigewordenen Hauptkräfte zu erfolgen vermöchte“.

– Rückverlegter Aufmarsch Russlands 1909ff.

Alles, was eine genauere Festlegung möglich mache, sei allerdings „dermalen“ nicht zugänglich. Ob ein derartiges Zurückgehen überhaupt notwendig, wie weit es ausgreifen würde und wann die „Hauptkräfte zum offensiven Rückschlag einzusetzen“ seien, war nicht abzusehen. Russlands Verhalten sei hierfür entscheidend. Dafür seien, so Conrad, die Rückverlegung des russischen Aufmarsches“ und dessen „Sorge um seinen ostasiatischen Besitz…Momente, welche dem raschen Wirksamwerden einer russischen Offensive“ entgegenstünden. Ein derartiger Kriegsfall erschien dem Wiener Stabschef als „recht schwieriger, wenn auch im Enderfolg durchaus nicht hoffnungsloser“. Er forderte von der Diplomatie, „einer solchen Constellation vor[zu]beugen“.

Am 30. Januar bestätigte Moltke dem österreichischen Generalstabschef die im Jahre 1909 getroffenen Vereinbarungen als weiterhin bindend. Diese seien “den diesjährigen Mobilmachungs-Vorbereitungen…zu Grunde gelegt worden”. Er unterstrich die ebenfalls von Conrad betonte Bedeutung der Türkei in einen Balkan- wie einem allgemeinen europäischen Konflikt

“bei einem Kriege der Monarchie auf dem Balkan, sondern auch bei einem solchen der Verbündeten gegen Rußland und eventuell Frankreich”.

 

20

Zweiphasen Aufmarschplanung Berlins.

Moltke suchte die Türkei dem österreichischen Generalstabs-Chef nahe zu bringen, indem er deren Bedeutung auch in einem Balkankrieg unterstrich. Moltke erläuterte:

“Zwar sind die Verhältnisse in Constantinopel noch zu wenig geklärt, um die türkische Armee als sicheren Faktor in die militärischen Erwägungen einstellen zu können, aber ich glaube bestimmt, daß auch ohne formelle vorherige Abmachungen der Selbsterhaltungstrieb die Türkei in einem auf dem Balkan ausbrechenden Kriege an die Seite Oesterreich-Ungarns führen wird” (Hervorh.v.m., B.S.).

Den so gewonnen “Kräftezuwachs” bezeichnete der Berliner Stabschef als “von nicht geringer Bedeutung”. Für 1913/14 erwartete er die türkischen Streitkräfte als “vollwertig”. Rumäniens Haltung erschien ihm als zuverlässig. Herausragende Aufmerksamkeit widmete Berlin offensichtlich dem österreichisch-italienischen Verhältnis. Moltke betonte, “das Verhalten Italiens” nehme

“für die Erwägungen der oesterreichisch-ungarischen Heeresleitung eine ähnliche Rolle [spiele], wie dasjenige Frankreichs für die Erwägungen der deutschen Heeresleitung”

ein.

Der deutsche Stabschef folgerte:

“Sollten diese beiden Staaten bei einem Kriege der Verbündeten gegen Rußland sofort auf die Seite unserer Gegner treten, so würde die Lage, wenn auch ernst, doch klar und einfach sein”.

Für diesen Fall plante Moltke den deutschen und österreich- ischen Angriff mit deren “Hauptkräften auf Frankreich und Italien. Gegen Rußland sollten von deutscher Seite 91/2 Infanterie-Divisionen und 4 bis 6 Kavallerie-Divisionen, von österreichischer Seite 13 Infanterie und 2 Kavallerie-Divisionen “ins Feld” gestellt werden. Das entbehrte nicht der Realität, da der russische Aufmarsch zurückverlegt, und damit deren Operationsbereitschaft beträchtlich verzögert werden würde. Moltke erwartete, selbst mit diesem geringen Kräfteansatz könne “eine [deutsch-österreichische] Offensive unternommen werden”. Die Überlegung, zunächst gegen Italien vorzugehen, ergänzte Moltke um den Gedanken, es sei

„der Fall denkbar, dass beide Verbündete ihre Vorbereitungen gegen den für sie wichtigsten Gegner treffen, also Oesterreich-Ungarn gegen Italien, Deutschland gegen Frankreich“.

Für den Fall jedoch, diese Staaten blieben neutral, sah Moltke die Gefahr, dass „Rußland mit seinem slawischen Gefolge inzwischen die Grenzen“ bedrohe. Dann Frankreich und Italien den Krieg zu erklären, um die Lage zu bereinigen, sei “aber aus rechtlichen, politischen und allgemein menschlichen Gründen nicht anwendbar“. Als Ausweg sah der Stabschef daher,

„wenn der Krieg zwischen den Verbündeten und Russland als unausweichlich und unmittelbar bevorstehend angesehen werden muß, seitens der deutschen Regierung eine umgehende und völlig klare Erklärung von der französischen Regierung darüber gefordert wird, wie dieselbe sich bei ausbrechendem Kriege zu verhalten gedenkt. Diese Erklärung muß sofort erfolgen, denn die Entscheidung, ob die deutschen Hauptkräfte gegen Westen oder gegen Osten aufmarschieren sollen, duldet keine Verzögerung. Eine ausweichende oder zweideutige Antwort würde als gleichbedeutend mit der Kriegserklärung angesehen werden müssen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Anzeichen für eine streng neutrale Haltung Frankreichs würden von deutscher Seite die Zusicherung zulassen,

„auch Deutschland [werde] keine Feindseligkeiten gegen dasselbe [zu] unternehmen, d[as].h[eißt]. die westlichen Grenzfestungen werden nicht armiert, und der Grenzschutz tritt nicht in Wirksamkeit. Die gesammte Armee wird zwar mobil gemacht, aber diejenigen Teile derselben, die nicht in erster Linie gegen Russland eingesetzt werden können, verbleiben zunächst mobil in ihren Standorten“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Eine Aussage, die, in dieser Konsequenz, ein wesentlich neues Licht auf Gerhard Ritters These von dem Automatismus der Mobilmachungen wirft. Eingeschlossen war hiermit eine Ermutigung der Österreicher, im Hinblick auf den Kampf mit Russland. Dieses Interesse bestätigte Moltke, wenn er fortfuhr:

„Die vom deutschen Generalstabe getroffenen militärischen Vorbereitungen sind den vorstehenden Erwägungen gemäß so angeordnet, dass bei einer befriedigenden Neutralitäts- Erklärung Frankreichs die für diesen Fall mit Eurer Excellenz verabredeten Truppenmengen sofort an die Ostgrenze abgefahren werden, während der Rest der Armee zunächst mobil im Bedarfsfalle nach Osten nachgezogen, oder alsbald gegen Frankreich eingesetzt zu werden, wenn dieses in seiner Neutralität schwankend werden sollte“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Ein tiefer Einblick in eine erhebliche Variationsbreite der operativ-strategischen Planung wurde hiermit gewährt. Der Berliner Chefstratege betonte nicht nur die gewaltige zahlenmäßige Unterstützung, die Österreich damit durch Deutschland zuteil werden könne, sondern verwies unmittelbar anschließend auf den unverbrüchlichen Willen des Reichs, zu den getätigten Zusicherungen zu stehen. Und dies trotz des Nachteils, dem „gefährlichsten Gegner – Frankreich – längere Zeit nur unterlegene Kräfte entgegenzustellen“.

 

21

Moltke zur Schwere der Aufgabe.

Moltke schloss an:

„Trotzdem habe ich diesen Aufmarsch ebenfalls bearbeiten lassen, um auch unter den ungünstigsten Verhältnissen den Verpflichtungen gegen unserem hohen Verbündeten nachkommen zu können“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Abseits aller, wie auch immer motivierten, Wünschbarkeiten auf österreichischer Seite betonte Moltke, zum Abschluss seines Schreibens, die bedrohliche Lage und das grundsätzliche Gewicht einer Entscheidung für den Krieg. Der Kriegsfall „Österreich-Ungarn-Deutschland gegen Russland und die Balkanstaaten, Frankreich und Italien“ werde „einen Kampf auf Leben und Tod bedeuten“. „Klare Verhältnisse“, „wer Freund und wer Feind ist“, seien vonnöten. Dafür zu sorgen, sei die „Pflicht der Diplomatie“. Doch diese Kriegskonstellation werde zu verhüten sein. Moltke stimmte damit der gleichlautenden Forderung Conrads zu.

Der österreichische Außenminister pflichtete Conrads Tendenz, zu diesem Zeitpunkt bereits festzulegen, wer in einem Krieg mit Rußland als Freund oder Feind zu bezeichnen sei, nicht bei. Vielmehr sah Aehrenthal “Rußland auf Jahre hinaus außer Stande…, eine aktive Politik zu führen”. Auch schien ihm kein Gegensatz zu Österreich und Deutschland gegeben; zumal die Verbündeten “konsequent darauf hinarbeiten” würden, “nach und nach mit Rußland freundschaftlichere Beziehungen anzuknüpfen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Abstimmung zwischen Politik und Militär.

Conrad unterstrich, in seiner Antwort an den Berliner Chef am 23. Februar, die bisherigen Abmachungen zwischen Berlin und Wien würden gelten und schrieb, gleichlaufend mit den österreichischen Planungen:

“Was das für den Fall eines Confliktes mit Rußland deutscherseits an Frankreich zu richtende Ultimatum anlangt um festzustellen ob sofort gegen Osten oder gegen Westen mit der Hauptkraft loszuschlagen ist,- so wird österr[eich].-ung[arischer].seits in diesem Falle Italien gegenüber der gleiche Vorgang eingehalten so wie überhaupt sowohl diplomatisch als militärisch nur im vollen Einklang mit Deutschland vorgegangen werde” (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad stimmte Moltke zu, damit die gemeinsame Auffassung betonend, “in dem Moment wo die Mobilmachung ausgesprochen“ werde, „volle Klarheit darüber herrschen“ müsse „wer Freund und wer Feind ist”.

Am 8. April überbrachte der deutsche Militärattaché, Graf Kageneck, ein Schreiben Moltkes an Conrad, in dem der Berliner Chef die Mitteilung des rumänischen Attachés Hauptmann Ruscanu überbrachte, worin Bukarest signalisierte, die rumänische Armee werde nunmehr nach Bessarabien hinein offensiv an der Seite Deutschlands und Österreichs auftreten. “Das Erstarken der Türkei” entlaste Rumänien an der bulgarischen Front. Moltke kommentierte diese Entwicklung mit dem Bemerken, die Rumänen würden hoffen, “sich mit dieser Operation beim Friedensschlusse ein Anrecht auf Wiedergewinnung derjenigen Teile von Bessarabien” zu sichern, “die sie im Berliner Kongreß 1878″ hatten aufgeben müssen.

 

– Zusammenspiel Generalstab und Kriegsministerium.

Eine Bemerkung, die zeigt, in welche Richtung die ältere Forschung in der Beurteilung tendiert. Auch im Jahre 1910 wird in Kontinuität “über die italienischen Mil[itär].Transporte” verhandelt. Am 22. April übersendet das Kriegsministerium einen Bericht des “Mil[itär].Bevollmächtigten[/] Petersburg über den russischen Heeresetat 1910″. Auch das Schreiben des Militär-Attachés in Bukarest über eine Audienz beim König von Rumänien zu dessen “Stellung…zum Drei[er]bund” läuft am 8. Mai über das Kriegsministerium ein. Anfang Juli berichtet Moltke über die “kriegerische Verwendung von Ersatz-Formationen der Feldtruppen aufgrund der Erfahrungen des Winterkriegsspiels 1909/10 und der Gen[eral].stabs-Order [von] 1910″. Der Schriftwechsel dazu erstreckt sich vom 5. bis 20. August. Mit dem Militärbericht Nr. 96 wird am 20. September aus Brüssel “vor deutschen Zeitungsaufsätzen über die…belg[isch].- holländ[ische]. Neutralität” gewarnt. Es zeige sich, so Ritter in seinen Aufzeichnungen, die “ungeheuerliche Wirkung von solcher Literatur in Belgien!” In der Kölnischen Zeitung vom 28. September wird “daraufhin auch die offizielle Antwort” gegeben in

“der die Diskussion für überflüssig und die Rede von deutscher Neutralitätsverletzung für ‚Verdächtigung’ erklärt (wohl vom K[riegs]M[inisterium] veranlaßt)[also kein Dementi]”

wird. Der Chef des Generalstabes bittet am 18. November das Kriegsministerium, “daß Erörterungen dieser Art unterbleiben”. Daraufhin hält eine “Notiz des Referenten” im Kriegsministerium vom 12. Dezember zum “Op[erations].Plan” das “Einvernehmen mit [dem] Chef des Gen[eral].Stabs für dringend erwünscht”. Es sollen künftig “in der deutschen Presse Erörterungen…über [den] mutmaßlichen Verlauf künft[iger]. Kriege…vermieden werden(!!). [Das] Mil[itär].W[ochen].Bl[att]. und Neues Mil[itär].Bl[att]. sind verständigt”.

 

– Planungen für den Durchbruch durch die „Lücke von Charmes“.

Mitte August 1910 kam die “Anleitung für den Kampf um Festungen” (D.V.E. Nr.250) heraus. In einem Exemplar findet sich die handschriftliche Anmerkung zum Abschnitt “B. Angriff auf die Sperrfortline”. Es ging in diesem “Beispiel” um den “Angriff der [deutschen] 4. Armee gegen die Sperrfort Linie der mittleren Maas (Toul-Verdun). Zunächst (“1.”) wurde die Frage nach der Angriffsrichtung der “4. Armee” gegen die Sperrfortlinie gestellt, “wenn sie von Feldtruppen besetzt ist”. Zweitens wurde gefragt:

“Wie erzwingt die 4. Armee den Durchbruch und den Übergang über die Maas, wenn das linke Maasufer durch feindliche Feldtruppen besetzt ist” (Hervorh.v.m., B.S.).

Drittens wurde nach der “Gliederung der 4. Armee zum Angriff auf die feindlichen Feldtruppen auf dem linken Maasufer in Linie St.Mihiel-Verdun” gefragt. Es wurde die Frage gestellt: “Welche Teile der Armee greifen die Sperrforts selbst an und wann?” Auch das weitere Verhalten der Armee “nach dem Übergang” über die Maas wurde zur Diskussion gestellt (“4″). Sollten die Kräfte zunächst “auf den Fall der Sperrforts warten?” (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Österreichische Vorbereitungen zwischen Istrien und Save.

– Rußland.

Mitte April fixierte der österreichische Stabschef Moltke gegenüber seine Position zu den möglichen Kriegsfällen mit Rußland, Italien, Serbien/Montenegro. Italien wurde in seinen “territorialen Aspirationen” in “Südtirol, Triest, Istrien”, und an der Adriaküste, als Gegner aufgefasst. Montenegro erschien mit seinen Zielen in “Süd-Dalmatien und Süd-Hercegowina” als Rammbock zur “Loslösung der Serben (Südslawen) von” Österreich-Ungarn. Serbien schlug in demselben Sinn zu Buche; zuzüglich Bosnien´s. Rußland stand, in Conrad’s Sicht, mit seinem Machtinteresse hinter diesen Tendenzen auf dem Balkan. Der Generalstabschef betonte:

“Rußland welches in seinem Streben nach gesichertem Besitz der Meerengen in der Monarchie ein Hindernis erblickt und welches eine Erweiterung seiner Machtsphäre in Europa von der Aufbietung und Zusammenziehung des gesammten Slaventums erwartet wodurch die Monarchie in ihren Grundfesten erschüttert würde. … Ein für Rußland unglücklicher europäischer Krieg würde Süd= und Westslawen am sichersten für die Monarchie erhalten und von Rußland trennen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Italien/Balkan.

Conrad legte das vordringliche Kriegsziel der Donaumonarchie offen und umriss gleichzeitig die Basis des deutsch-österreichischen Bündnisses. Italien, Montenegro, Serbien und Rußland erschienen als natürliche Gegner der Monarchie. Die Türkei und Bulgarien würden sich, so nahm der Wiener Stratege an, “stets gegenseitig paralysieren”. Frankreich habe “keine direkten Gegensätze zur Monarchie”, komme “jedoch als Gegner Deutschlands in Betracht,- insbesondere infolge seines Allianzverhältnisses mit Rußland”. Außer Flotten-, Landungs- und Vorstoßunternehmungen über italienisches Gebiet sah der Wiener Generalstab keine direkten Fronten mit Frankreich. Dies vor allem, da Deutschland über ein derart großes “Machtaufgebot” verfüge. Über die Verwendung österreichischer Alpentruppen auf deutscher Seite stellte Wien dennoch Überlegungen an.

 

– England.

England werde “wie bisher…zunächst abwarten“. Im Falle eines britischen Kriegseintritts erwartete Conrad:

“…das Gros seiner Flotte, sowie seine verfügbare Landmacht (angeblich 6 Di[visi]onen) gegen Deutschland”.

 

– Schweiz/Japan.

Die Schweiz wurde auf der Seite “der Gegner Italien´s” erwartet. Die “politische Rolle Japan´s” schien “von schwerwiegenster Bedeutung”. Mit Blick auf den Russisch-Japanischen Krieg sah der Wiener Stratege das Zarenreich

“vor der Frage, ob es das Schwergewicht seiner aggressiven Politik vorerst auf Ostasien verlegen und daher in Europa Ruhe halten will, oder umgekehrt zuerst in Europa abrechnen und dann erst sich gegen Japan wenden will” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Rußland.

Der österreichische Generalstab erwartete allerdings n i c h t , dass Rußland, bedingt durch die Niederlage gegen Japan, und die so entstandene “militärische Rückständigkeit”, in Kürze in Europa auftreten werde. “Die Rührigkeit Japan´s”, der “Ausbau der sibirischen Bahn” und “die russischen Rüstungen” ließen Conrad “in Bälde” mit einer “Aktion in Ostasien” rechnen (Hervorh.v.m., B.S.). Das werde “infolge der offensiven Politik Rußlands” in Ostasien und “letztenfalls, wenn man Rußland´s Schwäche ausnutzen wollte”, zu einer “kriegerischen Aktion der Monarchie gegen Rußland” (Hervorh.v.m., B.S.) zu nutzen sein. Doch diese Überlegung erachtete der Wiener Stabschef als eher akademisch. Er plädierte stattdessen dafür, die Schwäche und Ablenkung Rußlands zu einem Schlag gegen Italien, Serbien und/oder Montenegro auszunutzen. Sollte es allerdings zum Krieg Österreichs, verbündet mit Deutschland und Rumänien, “gleichzeitig gegen diese drei Staaten und Rußland” kommen, so bezeichnete er diese Eventualität als einen großen Misserfolg der Diplomatie. Denn die Politiker würden mit dem Fortbestand des Dreibundes – und damit den Anschluss Italiens an Österreich und Deutschland – rechnen. Conrad sah jedoch Italien eher auf der Seite Frankreichs und Englands, deren Mittelmeer-Flotten Rom veranlassten, nach Westen abzuschwenken. Auch würden die “nationalen Sympathien [Italiens] viel mehr zu einem Bündnis mit Frankreich als zu einem solchen mit Österreich-Ungarn und Deutschland neigen”.

 

– Schlag nach Westen.

Conrad erörterte im Folgenden die Kriegsfälle Rußland und Balkan, Italien und Balkan, sowie Balkan und Italien-Rußland für das Jahr 1911. Im Fall Rußland wurde von Wien Deutschland mit dem “Hauptschlag gegen Fr[ankreich]. erwartet. Indessen gegen R[ussland]. nur 13 Divisionen” in die Berechnung eingestellt. Die russischen “Kräfte u[nd]. [der] rußische]. Aufmarsch” zeichnete der Stabschef gravierend verändert. Conrad führte, schärfer auf die Gunst der Lageentwicklung für den Schlag gegen Westen eingehend aus:

“Die Bedrohung durch Japan, das dadurch veranlaßte Streben, die Kräfte in Ostasien dauernd (um 2 Corps) zu erhöhen, die Idee, eine russische Centralarmee im Wolgagebiet zu schaffen, derart, daß selbst je nach Bedarf nach Ost-Asien, -oder auch Central-Asien oder aber in den Westen dirigiert werden kann; die Idee, das Weichsel-Gebiet im Kriegsfalle zu entblößen, den Aufmarsch daher in die Linie Grodno-Brest-Kowel-Luek-Dubuv Prockurow rückzuverlegen; die Absicht die Weichsel-Festungen zu vernachlässigen,- jene in der obigen Linie aber, insbesondere Brest-Kowel auszugestalten”.

 

– Russische aggressive Politik.

Conrad gab zu bedenken, dann sei “mit einem anderen Maß der Kräfte” zu rechnen und forderte dazu auf, zugleich zu bedenken, dass diese Pläne geraume Zeit in Anspruch nehmen würden. Erst seien genaue Daten durch Spionage und Militärattachés zu ermitteln, bevor Veränderungen auf österreichisch-deutscher Seite in Gang gesetzt würden. Es sei weiter damit zu rechnen:

“daß…Rußland bei friedlicher Abfindung in Asien seine aggressive Politik in Europa wieder aufnehmen, also im Westen mit gespannter Kraft offensiv auftreten kann; bestenfalls dürfte es aber dann kaum mit der – wenn auch aus anfänglicher – Preisgebung des Weichselgebietes rechnen”.

 

– Japan drückt auf Rußland.

Erwartet wurden Vorbereitungen Rußlands, erstens für den Fall eines gleichzeitigen Krieges in Ostasien und Europa, und zweitens “eines selbst gewollten Offensiv-Krieges in Europa bei neutraler Situation in Ost-Asien”. Diese zweite Möglichkeit trat für Conrad “anbetrachts der Rührigkeit, Entschlossenheit und Zielbewußtheit der Japaner” im April 1910 jedoch zurück. Im Einzelnen erwartete der österreichische Stabschef, Rußland werde angesichts der Überzeugung, Deutschland und Österreich würden schneller aufmarschieren als, die eigenen Kräfte, kaum versuchen aus dem Weichselraum heraus in den deutsch-österreichischen Aufmarsch hineinzustoßen. “Nur wenn Italien aktiv auf Seite Rußland’s träte – käme dieser vorgeschobene Aufmarsch in Betracht”.

 

– Antwort auf den rückverlegten Aufmarsch.

Für den Fall eines nicht “so weit vorspringenden Aufmarsch[es]” erwartete Conrad die “II.[russische] Armee (12 Div[isionen.]) bei Bialystock Louisa-Sielce” und die “III.Armee (9 1/2 Div[isionen]) bei Lublin-Cholm, sodaß diese Armeen den Gegner zwingen sie anzugreifen”.

Die 1. und 2.Armee wurden in umfassendem Vorgehen erwartet. Conrad schloss stattdessen, Rußland scheide

“seine Hauptkraft in zwei Theile deren einer gegen D[eutschland]., deren anderer gegen Ö[sterreich]-U[ngarn]. gerichtet wird;…versammelt dagegen die Armee gegen D[eutschland]. am Njemen (Kowno, Grodno, Bialystock); die Armee gegen Ö[sterreich].- U[ngarn]. aber in der Linie Rowno, Kamiencec-Podolsk und rollt von hier aus im westlichen Vormarsch die in Ostgalizien concentrierten ö[sterreichisch].-u[ngarischen]. Kräfte auf, sie von ihren über die Karpathen führenden Verbindungen und daher dem Haupt=Gebiet der Monarchie abdrängend”.

 

– Zweiteiliger russischer Aufmarsch.

Der Generalstabschef zögerte jedoch, dem Russen ein “so weite[n]s Auseinanderhalten seiner Hauptkräfte” zu unterstellen. Die “Gefahr, an den inneren Flügeln geschlagen zu werden” schätzte Conrad hoch ein. Angenommen wurde, dass Rußland mit 27 Divisionen gegen Deutschland und 24 Divisionen gegen Österreich und 51/2 Divisionen gegen Rumänien auftrete. Mit der Verschiebung von 8 Divisionen von der deutschen gegen die österreichische Gruppierung wurde gerechnet. Es würden demnach 19 Divisionen gegen Deutschland stehen bleiben. Doch dass Rußland seine Kräfte teile, nahm der Stabschef in Wien nicht an. Er erwartete vielmehr, dass die Russen ihre Kräfte “gegen einen Gegner concentrier[t]en”.

Conrad erwartete, wenn

“R[ußland]. eine derart ungleiche Theilung von Haus aus vorbereitet,- so ist es wahrscheinlich, daß die größere Gruppe gegen Ö[sterreich].-U[ngarn]. gewendet wird, – in der Absicht mit Ö[sterreich].U[ngarn]. abzurechnen,- ehe die gegen Frankreich wieder freigewordenen deutschen Kräfte einzugreifen vermögen“(Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Vorsprung des österreichischen Aufmarsches.

Doch Conrad plädierte dafür, den Aufmarsch der österreichischen Kräfte, trotz der deutschen Schwäche in diesem Moment, “rasch und möglichst weit vorn” durchzuführen,

“um den langsamer mobilisierenden Gegner anzugreifen ehe er vollständig operationsbereit ist;- selbst wenn 13 deutsche Divisionen nur 13 russische binden würden, blieben 44 russische gegen 48 österr[eich]- ung[arische] und rumänische Divisionen”.

Daraus wurde gefolgert, es gelte “die eigene Operations-Bereitschaft zur Offensive gegen den voraussichtlich noch unfertigen Gegner auszunutzen”. Das dränge “zu einem Aufmarsch möglichst weit vorn”. Mit einem Aufmarsch russischer Kräfte westlich der Weichsel wird nicht gerechnet. Stattdessen sollte der Schwerpunkt der russischen Kräfteentfaltung ostwärts der Weichsel, sowie in “Wolhynien und Podolien” liegen. Deshalb würden die österreichischen Armeen ihren “Aufmarsch auf Ost-Galizien” konzentrieren. Dies wurde als vorteilhaft erachtet, selbst wenn die Russen westlich der Weichsel stark aufträten, denn so wären diese “doch zum Schlagen östlich der Weichsel” gezwungen. Als ungünstig wurde bezeichnet, dass Ostgalizien von drei Seiten von russischem Gebiet umschlossen sei. Ein umfassendes Vorgehen der Russen liege demnach auf der Hand.

 

– Russische Aufmarschgruppen einzeln schlagen.

Conrad betonte:

“Thatsächlich scheint der damalige russische Aufmarsch auf dieses Ziel gerichtet, indem die drei Gruppen: Cholm, Dubno, Proskurow einfach Direction Lemberg vorzugehen hätten, – wo die Gruppen Cholm, Dubno nach 5-6, und die Gruppe Proskurow mit den beiden anderen nach 7-8 kleinen Märschen vereint schlagen könnten. Die Zeit von etwa fünf Tagen, muß also eigenerseits zur Entscheidung ausgenutzt werden;- es wird dabei darauf ankommen diese Operation mit bereits tunlichst completen Kräften zu beginnen noch ehe der Gegner seine Kräfte complet hat und zwei feindliche Gruppen – oder mindestens einer weit abzuhalten und indessen die eine, beziehungsweise die beiden andren zu schlagen” (Hervorh.v.m. , B.S.).

Doch kam der Stabschef zu dem Schluss, solche Wege seien zu riskant, da der Schlag gegen die eine Gruppe durch den Flankenstoß der anderen beantwortet werden könne. “Ein Manöver auf der inneren Linie also leicht missglücken könnte”. Es scheine

“daher am zweckmäßigsten seine Hauptkräfte vorerst gegen die Gruppe von Cholm und von Rowno zu wenden,- die Gruppe von Proskurow aber anfänglich lediglich möglichst weit abzuhalten; sei es mit direkter Unterstützung der Rumänen,- sei es ohne diese direkte Unterstützung, falls die Rumänen gänzlich gegen die russische V.Armee engagiert sind”.

Zunächst sollte die Gruppe Cholm angegriffen werden, darauf rechtsschwenkend, sich die Offensive gegen Rowno anschließen. Dazu ständen am 15. Mobilmachungstag 19 österreich-ungarische 11 russischen Divisionen (“der Gruppe Cholm-Dubno”) gegenüber. Allerdings, nach 5 Märschen würden diese auf 16 russische Divisionen treffen.

“Am 20.Tag ständen gegen die 18 russ[ischen]. Di[visi]onen der Gruppe Cholm-Dubno 29 öst[erreich].- ung[arische]. Di[visionen] bereit,- welche nach 5 Märschen auf 20 russ[ische]. Di[visi]onen obiger Gruppen stoßen könnten. Der 20te Tag erschiene also für den Beginn der Offensive am zweckmäßigsten,- doch schon vom 15.Tag an wäre eine gewisse Chance vorhanden”.

Zunächst, so Conrad, sei die Gruppe Cholm zurückzuwerfen, sodann die Gruppen Dubno und Cholm zu trennen. Rückendeckung für die eigene Mittelgruppe werde so geschaffen und weitere Kräfte gegen die Dubnoer Gruppe seien heranzuziehen. Der Wiener Chefstratege wünschte,

“daß eigenerseits vor Allem die gegen die Cholmer Gruppe bestimmten eigenen Kräfte complet und operationsbereit“

werden”.

 

– Risikanter österreichischer Aufmarsch.

Die Aufgabe der Österreicher ähnele derjenigen der Armee “Kronprinz” 1870, welche die Aufgabe gehabt habe, früher operationsbereit zu sein und “die Offensive gegen die französische Armee im Elsaß zu beginnen um diese zu schlagen oder doch zurückzuwerfen”. “Einer ähnlichen Aufgabe” müsse “die eigene linke Flügelarmee” nachkommen. Dieser wies der Wiener Stab zu, sich das Flügelkorps bei Jerow so zu “intradieren”, dass “es je nach Umständen entweder am unteren San eintreffen oder weiter gegen Osten geführt werden könnte.

Die Problemlage verschärfte sich zusätzlich mit der möglichen Rückverlegung des russischen Aufmarsches. Dann sei dafür zu sorgen, so Conrad, dass Korps zur Verstärkung der rechten Gruppe des österreichischen Aufmarsches per Eisenbahn herangeführt werden könnten. Allerdings sei nicht klar, “wann Russland diese Veränderung vornimmt”. Conrad beauftragte seine Militärattachés und das Evidenz-Burö, diesen Termin so früh als möglich aufzuklären. Der Chef des Generalstabes fasste zusammen:

“Es wird darauf ankommen, alle in Frage kommenden Möglichkeiten in Calcül zu stellen,- die Chancen für die verschiedenen Fälle zu unterscheiden und dann,- mit der Hauptabsicht aufgrund früherer Operationsbereitschaft die Initiative zu ergreifen u[nd].zw[ar]. in jener Richtung welche die wirksamste und dabei genügend sicher ist, den Aufmarsch-Entschluß festzustellen”.

Um Fehler im Aufmarsch zu vermeiden, wurde der Schwerpunkt in einem Stoß nach Norden gesehen, “um sich Luft zu machen”. Vier Armeen und eine rechte Flügelgruppe sollten

“die Offensive der drei linken Armeen gegen die feindliche Hauptmacht, wenn sie bei Rowno Luck Dubno versammelt ist in der Absicht sie gegen den Polecie zu drücken und von der Proskurower Nebengruppe gänzlich zu trennen,- oder aber mit den drei rechten Armeen die feindliche Hauptkraft falls sie um Proskurow und südlich versammelt wird derart anzugreifen, daß man sie auf ihrem nördlichen Flügel umfaßt und von der Rownoer-Gruppe trennt, gegen welche die eigene linke Flügel-Armee vorzugehen hätte.

Auch für diesen Fall hätte die linke Flügel-Armee der zuerst operationsbereite zu sein. Aber auch wenn man sich getäuscht haben und der Feind seinen Aufmarsch nicht gänzlich östlich des Bug verlegt haben,- oder aber wenn er nach erfolgtem rückverlegten Aufmarsch Kräfte wieder westlich des Bug disponieren sollte entspricht im Wesentlichen der dargelegte Aufmarsch,- da sich die linke Flügel-Armee dann westlich des Bug gegen diese Kräfte wenden kann” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Gefahr russischer Kavallerie-Raids.

Conrad entschied sich für diesem Aufmarsch. Er fasste zusammen:

“Der Erfolg ist im Wesentlichen auf die möglichst fesche eigene Operationsbereitschaft basiert,- jede Verzögerung der Versammlung, also jede Störung der Aufmarschtransporte wäre daher eine vitale Schädigung ,- es gewinnt also die Sicherung des Aufmarsches eine ausschlaggebende Bedeutung. Sei es daß Rußland von Haus aus weit vorn aufmarschiert und eine baldige Offensive plant,- sei es daß es mit dieser zurückhält und auch den Aufmarsch rückverlegt – so wird er doch jedenfalls den derseitigen Aufmarsch zu stören trachten und hierzu seine Cavallerie, eventuell gefolgt von kleineren Infanterie-Detachements sofort über die Grenze brechen lassen. Bei diesem Einbruch wird ebensowohl mit kleinen Streifencorps (11-12 Eskadronen), als mit dem Einbruch starker Gros zu rechnen sein”.

 

– Vorbereitungen in Spannungszeiten.

Der Stabschef betonte, wie “wichtig” vorbereitende Maßnahmen wie etwa die “Alarmgruppierung” seien, welche “bei sich zuspitzender politischer Lage” einzuleiten seien. Aus der Vielzahl der Sicherungsmaßnahmen sei hier die “feldmäßige Sicherung schon im Frieden” erwähnt. “Außer diesem defensiven Schutz der eigenen Bahnen” fasst Conrad “die offensive Aktion…”, welche “in dem Moment zu beginnen” sei, “zu welchem die erste russische Abteilung die Grenze überschreitet” ins Auge. Offiziere seien

“schon im Frieden zu designieren, evident zu halten, zu instruieren und vorzüglich in die Lage zu versetzen ihre Route zu bereisen, insbesondere die Bahnobjekte kennen zu lernen welche sie zu zerstören hätten” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Gefahr innerer Unruhen und Störungen des Aufmarsches.

Dass der innere Zustand der Donaumonarchie äußerst labil war, zeigen die Überlegungen zur inneren Sicherheit auch im Operationsgebiet. Conrad verlangte “die rücksichtslose Unterdrückung jeder reichsfeindlichen Agitation u.s.w. schon im Frieden” und schärfstes Vorgehen gegen “den leider vorhandenen passiven Widerstand der Civilbehörden” (Hervorh.v.m., B.S.). Während der feindlichen Spionage entgegen gewirkt werden müsse, sah der Generalstabschef die Schwerpunkte der eigenen Aufklärung in den “Hauptzielen” feindlicher Massierung “zwischen Bug und Weichsel”, “bei Luck, Dubno, Rourev, Ostroy” oder “bei Proskurow und südlich”.

 

– Die Insurgierung Polens (Vorstöße nicht mobiler Einheiten).

Die

“Insurgierung der polnischen Gebiete Rußlands”

wurde vorgesehen:

“Es wäre ein großes Versäumnis wenn man sich der Vortheile entschlagen würde welche eine Insurgierung der polnischen Gebiete Rußlands zu bieten vermag. Eine solche muß jedoch schon im Frieden angebahnt und für den Krieg speziell vorbereitet sein. In erster Hinsicht ist enger Contakt mit in Russisch-Polen ansäßigen eigenen Reichsangehörigen (Reserve: Offizieren!) sowie mit allen russenfeindlichen Faktoren zu suchen und aufrechtzuerhalten. Es ist insbesondere durch die Geistlichkeit der Boden vorzubereiten. Für den Kriegsfall hingegen muß vorgesorgt sein daß eigene Cavallerie-Körper,-Detachements, und nationale freiwilligen Formationen schon bei Kriegsbeginn in das feindliche Gebiet einbrechen und die Insurrection entfachen. Diese Detachements müssen bereitgestellt, ihre Armeeintendanten hinsichtlich ihrer Aufgabe instruiert sein, diese Instruktionen, sowie die zu ertheilenden Proklamationen müssen bereitliegen,- letztere um bei drohender Lage sogleich gedruckt zu werden. Diese Insurrektion ist für das ganze polnische Gebiet insbesondere aber für den Raum südlich der Pilic und jenem zwischen Weichsel und Bug anzustreben also vorzubereiten. Die in diesen Räumen stationierten russischen Truppen sollen zur Gegenwehr gezwungen und dadurch abgehalten werden in das Gebiet der Monarchie einzubrechen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Wien: Abstimmung zwischen Militär und Politik.

Conrad drang in seiner „Directive“ vom 12. April 1911 auf „den innigen Zusammenhang zwischen der politischen Anschauung und den operativen Vorarbeiten. Er kritisierte für seine Mitarbeiter im Generalstab die „status quo“-Politik des österreichischen Außenministers und forderte realistisch das „eigene[n] Entwicklungsbedürfnisse[s]“ in Korrelation mit dem der „Nachbarn und Concurrenten“ zu vergleichen. Er gab bekannt, er habe

„1907/8 einen Präventivkrieg gegen Italien, 1908/9 das Losschlagen gegen Serbien… maßgebensten Ortes beantragt“ (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Enges Zusammenwirken mit Deutschland (italienische Armee am Oberrhein).

Seine Vorschläge seien „nicht acceptiert, die betreffenden Maßnahmen… nur so weit zur wirksamen Geltung“ gekommen, „als sie die Anrainer-Politik unterstützten und diplomatisch sicherten“. Die österreichische Politik habe „die Erhaltung des Friedens als oberstes Ziel“ gesetzt, doch seien „die Gestellung guter Beziehungen zu Russland und zu den Balkan-Staaten, sowie das Festhalten an dem Bündnis mit Italien“ nur möglich bei „innige[m] Anschluß an Deutschland“ und Rumänien. Conrad forderte, die „Kriegsvorbereitungs-Arbeiten“ auf eine früher bereits erarbeitete „breite Basis“ zu stellen.

Anfang des Jahres 1911 wird “noch immer festgehalten an den Transportangelegenheiten für die ital[ienischen]. Truppen”. Eine “neue Konferenz [wird] deshalb abgehalten”. Offenbar kommt es zu Unstimmigkeiten, denn der “Mil[itär].Attaché[s] Paris” meldet

“Äußerungen des ital[ienischen]. Mil[itär].Attachés über die Rolle der italienischen Armee im Kriegsfall”.

 

– Selbstverständlichkeit: Deutscher Einmarsch in Belgien.

Ende Januar findet die “Vlissinger Frage” ihre Fortsetzung. Der Tenor ist: Deutschland werde durch Belgien marschieren. Das belgische Journal des Débats

“bestreitet das auch nicht, folgert aber, daß die Versuchung für Frankreich mindestens ebenso groß sei wie für Deutschland und daß Engländer u[nd]. Franzosen im Kriegsfalle (wie in London und Paris die Spatzen von den Dächern pfeifen!) durch Belgien hindurch in den Rücken der deutschen Armee vorstoßen wollen, oder Holland zur Operationsbasis machen wollen”.

Im Reichsboten antwortet E. Bötticher und “warnt unter Hinweis auf die Haltung der Holländer vor engl[ischen]. Absichten eines Sprungbretts auf dem Kontinent. Die Behauptung, die belg[ische]. Neutralität sei in Gefahr, erklärt B[ötticher]. für ‚erlogen’(!)”. Anfang Juni kommt vom Militärkabinett ein “Bericht des Gesandten” in Bern zu “französische[n] antideutschen Hetzereien in der Schweiz”.

 

– 1910: Deutsch-österreichischer Aufmarsch gegen Rußland.

Conrad antwortete auf Moltkes Schreiben zum Kriegsfall Deutschland/ Österreich gegen Rußland unter Neutralität der übrigen Staaten. Der Wiener Stabschef stellte 40 Divisionen gegen Rußland in Aussicht und fasste ins Auge, gegen Serbien und Montenegro “mit einem Minimum an Kräften” auszukommen. Im Gegenzug erwartete Conrad, daß “deutscherseits mindestens 40 Infant[erie]. Divisionen von Haus aus gegen Rußland” eingesetzt werden. Zehn rumänische Divisionen stellte der Österreicher in seine Rechnung nicht ein, da noch “nicht völlig klar liegt, daß dieser Staat von Haus aus aktiv auftritt”, schrieb Conrad. Der österreichische Militärattaché in Berlin, Bienerth, habe ihm jedoch gemeldet, es würden

“nur 32 Infant[erie]. Di[visionen]. im Gebiet Preußen’s östlich der Weichsel aufmarschieren, da ein Mehr in diesem Raum überhaupt nicht zu placieren wäre“.

 

– Galizien: deutsche und österreichische Planungen.

Infolge von “Wald, See- und Sumpfgebiete[n]” rechnete Conrad mit deren “beengende[m]n Einfluß”, was verursachen könne, daß “8 Div[isio]nen östlich der Weichsel” nicht versammelt würden. Als Aushilfe schlug Conrad vor, eine Operation aus dem Raum westlich der Weichsel gegen den unteren Narew einzuleiten. Selbst einen Stoß über Kalicz-Lodz gab er zu bedenken, und hoffte, die Russen würden im Raum Warschau-Brest-Bialystok versammelt sein. Allerdings erkannte Conrad die Gefahr, ein Stoß der Russen “westlich der Linie Kowel[-]Lemberg“ werde „alle Verbindungen” der österreichischen Hauptkräfte “empfindlichst” treffen und diese würden „von der Monarchie ab, gegen die Waldkarpathen gedrängt werden können”. Daraus leitete der österreichische Generalstabschef ein Gegenvotum zu den Vorstellungen Moltkes her, möglichst mit den Hauptkräften “im östlichsten Galizien” aufzumarschieren, “mit der Tendenz, durch Vorgehen vom rechten Flügel aus die russischen Kräfte gegen das Polezie zu drängen”. Hinzu käme, daß die österreichischen “Bahn-Verhältnisse ein rechtzeitiges Versammeln der Hauptkräfte im östlichen Galizien gar nicht” ermöglichten. Russische Gegenmaßnahmen zeichneten sich ab. Diesen Kräften genügend stark entgegentreten zu können, sei durch die schwachen österreichischen Bahnen nicht möglich. Conrad nahm an, Rußland werde “die Kräfte seiner Central-Armee” gegen den Narew heranführen und vertrat, es werde

“trachten, – die Deutschen u[nd]. die öst[erreich].-ung[arischen]. Kräfte von den inneren Flügeln zu trennen,- also erstere gegen den öst[lichen]. San, letztere gegen die Waldkarpathen zu drängen; jedenfalls wäre dies die für die Verbündeten gefährlichste Operation”,

Der Österreicher plante:

“Die öst[erreich]-ung[arischen]. Hauptkräfte werden im mittleren Ostgalizien, östlich des San versammelt um die Offensive vom linken Flügel aus zu beginnen,- ein analoges Vorgehen deutscherseits, also ein Vorgehen entsprechendere deutscher Kräfte gegen den unteren Bug-Narew wäre sehr erwünscht” (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad erwartete “45 oder doch wenigstens ebenso viele deutsche als österr[eich].[-] ung[arische]. Div[isi]onen. gegen Rußland” und bestand, für den Fall der Einmischung Frankreichs und Italiens, auf den Vereinbarungen von 1910.

 

– Moltkes Angebot.

Am 3. Juni hatte Moltke Conrad eine “wertvolle Mittheilung hinsichtlich der im Kriegsfalle gegen Rußland bereitgestellten deutschen Kräfte” gemacht. Alarmiert durch die Meldung des österreichischen Militärattachés, Baron Bienerth,

“Deutschland werde in einem Kriege der Verbündeten gegen Rußland, bei vorausgesetzter Neutralität Frankreichs, nur 32 Divisionen in Preußen aufmarschieren lassen” (Hervorh.v.m., B.S.),

antwortete Moltke dem österreichischen Generalstabschef, es handele sich um ein “Mißverständnis”.

Moltke sagte zu,

“wenn Österreich-Ungarn und Deutschland – vielleicht unter Mitwirkung Rumäniens – den Krieg gegen Rußland allein zu führen haben, wird Deutschland in erster Linie 43 Divisionen für den Aufmarsch gegen Rußland verfügbar machen. Von diesen können 32 Divisionen ohne Weiteres östlich der Weichsel aufmarschieren, der Rest – 11 Divisionen – muß entweder westlich der Weichsel ausladen und per Fußmarsch nachgezogen werden, oder er muß als 2.Staffel mit der Bahn vorgeführt werden” (Hervorh.v.m., B.S.).

Moltke ging Mitte 1911 von einem Krieg – vordringlich mit Rußland- “bei gleichzeitiger Neutralität Frankreichs und Italiens“- aus und entwarf das Bild des Großen Ostaufmarsches. Angesichts der diplomatisch-politischen Entwicklung zu diesem Zeitpunkt jedoch keinesfalls eine realistische Annahme. Dass dieser Kriegsfall “sehr unwahrscheinlich ist” erkannte der Berliner Chef jedoch an. Bis zum 24. Mobilmachungstag sollten demnach künftig “alle 43 [deutschen] Divisionen mit der Eisenbahn über die Weichsel vorgeführt werden können”. Der Vormarsch wurde schon am 16.Mobilmachungs-Tage erwartet. Das hieß: 5 Tage vor Abschluss des russischen Aufmarsches. Insgesamt ging Moltke von 41 österreichisch-deutschen Armeekorps aus, zu denen 5 rumänische auf dem rechten Flügel der Österreicher treten könnten. Die russischen Kräfte wurden “an einer Stelle zur kraftvollen Offensive” erwartet. Den Versuch, die österreichischen und deutschen Kräfte auf deren inneren Flügeln zu trennen”, bezeichnete der deutsche Chef des Generalstabes als für die Verbündeten nur vorteilhaft.

 

– Die Russen werden sich stellen.

Ausdrücklich war Moltke jedoch keinesfalls von Angst vor “langandauernden Kämpfen” beherrscht. Vielmehr plädierte er, unter Berücksichtigung der vermehrten Waffenwirkung, darauf “schlagartige Erfolge” zu erzielen, obwohl “die heute weniger als früher zu erwarten” seien. Doch werde ein Ausweichen der Russen nach Osten durch das Vorgehen der Österreicher “mit vorgenommenem rechtem Flügel” erreicht, “um den Gegner gegen die Pripjet-Sümpfe zu drängen und einen Abzug auf Kiew zu verhindern” (Hervorh.v.m., B.S.). Moltke jedenfalls erwartete von einem energischen deutschen Vorgehen aus Ostpreußen,

“gegen Narew und Njemen…vielleicht den Einsatz der[russischen] Zentralarmee heraus[zu]fordern” (Hervorh.v.m., B.S.).

Nochmals bestätigte der Generalstabschef die seit Januar 1910 gemachten Zusagen für den Kriegsfall ‚Rußland’, bei “zweifelhafte[r] oder feindliche[r] Haltung Frankreichs und Italiens”.

 

– Conrad: Österreich entspricht deutscher Forderung.

Der österreichische Chef des Generalstabes antwortete zustimmend, “die Offensive [gegen Rußland] sobald als möglich zu beginnen”. “Strengst vertraulich” teilte er Berlin ferner mit, dass er “seit einigen Jahren” hinsichtlich des “so sehr erwünschten aktiven Beitritt[s] Rumänien´s” in “direkten Verhandlungen” stehe. Das bisherige Ergebnis strich Conrad allerdings aus seinem Konzept. Er hatte Moltke mitteilen wollen, “daß Rumänien seine Hauptkräfte in der Gegend von Dotucani” versammeln werde. Da Rumänien den Bulgaren nicht traue, rechnete Conrad mit “kaum mehr als acht rumänische[n] Divisionen” gegen Rußland. Weiter nahm der Österreicher an, die russische “Central-Armee” könne sowohl gegen Deutschland wie auch gegen Österreich eingesetzt werden. Dem Wunsch Moltkes, die österreichische Armee möge “in Richtung Brest-Litowsk” eingreifen, suchte Conrad zu entsprechen. Er teilte mit, er habe

“den Aufmarsch der diesseitigen Hauptkräfte so weit nach Osten verlegt als es die nicht sehr vortheilhafte Grenzconfiguration Galizien´s und die Leistungsfähigkeit der Bahnen”

zulasse. Grundsätzlich stimmte der Österreicher Moltke zu, der Schlag gegen die russische Armee in Polen könne gelingen.

 

– Chance des gemeinsamen Vorgehens.

Conrad hielt fest:

“Auch ich bin der Ansicht, daß Rußland gegenüber das unangenehmste Moment in der Unermeßlichkeit der Räume dieses Reiches und der damit Rußland gebotenen Möglichkeit gelegen ist seine Streitkräfte zurückzuführen um im Clausewitzschen Sinne die Offensive erlahmen zu lassen,- und daß es daher nur höchst erwünscht sein kann, die russischen Kräfte zum Schlag zu zwingen;- doch glaube ich, daß diese Verhältnisse seit 1812 sehr zu ungunsten Rußland´s verändert sind” (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad erwartete Mitte 1911, dass Rußland in Polen offensiv werde:

“Das höchst Bedenkliche einer so großen freiwilligen Gebietsabtretung, insbesondere bei den bestehenden polnischen und ukrainischen Aspirationen,- die Gefahr der socialen Revolution im Inneren werden R[ußland]. nöthigen den Schlag im Westen zu [führen, gestr.] suchen; andererseits bieten die modernen Verkehrsmittel ganz andere Chancen für den Angreifer als dies im Jahre 1812 der Fall war” (Hervorh.v.m., B.S.).

Auch der theoretische Vorteil der russischen Position, zwischen deutschen Kräften in Ostpreußen und österreichischen in Galizien, erschien Conrad wie Moltke von geringerer Bedeutung. Doch schränkte der österreichische Generalstabschef ein:

“Hinsichtlich des heutzutage Bedenklichen der Operationen auf der inneren Linie bin ich ganz E[urer].E[xcellenz]. Anschauungen;- aber im vorliegenden Falle scheinen mir zwei wesentliche Momente mitzusprechen, erstens ist der trennende Raum zwischen den beide[n] Vorstoßenden in der Linie Mlawa, Zaidichost 300 Kilometer breit und zweitens kann jeder der beiden Verbündeten am äußeren Flügel wieder umfaßt werden, nämlich die deutschen Kräfte aus der Linie Kowno, Grodno, die öst[erreich].ungarischen aus jener Piosknrow Staro Konstantinow,- so daß sich die Gesamtlage damit ergibt[,] daß jede der infolge der Grenzconfiguration auf 300 km voneinander getrennten beiden Gruppen der Verbündeten,- russischerseits aus zwei Fronten angegriffen werden könnte [Warum sollte sich Rußland das nicht zunutze machen? Gestr.] (Hervorh.v.m., B.S.).

Dennoch bleibe es, so Conrad, bei den im Januar/Februar 1910 getätigten Vereinbarungen.

 

23

England, der Gegner, mit dem man abrechnen muß.

Anfang Februar fühlt der preußische Kriegsminister beim Reichskanzler vor, ob der Anregung des Korvetten-Kapitäns a.D.Mayer vom 27. Januar gefolgt werden könne, ausgesonderte 15 cm und 21 cm Ring- und 21 cm Mantel-Kanonen an Serbien und Griechenland zu liefern. Am 17. Juli berichtet der Militärattaché in Konstantinopel, Strempel, dass der “Ausbruch eines Krieges zwischen [der] Türkei und Montenegro wahrscheinlich” sei.

Noch am Tage seiner Krönung zum König von England erwähnte Georg V. in seinem Tagebuch den ernsten politischen Hintergrund vor welchem seine Investitur stattgefunden hatte. Der neue König schrieb:

“Sah Francis (Lord Knollys), der gerade aus London zurückkam, und hatte eine lange Unterhaltung mit ihm über politische Krise, die sich sehr unangenehm zugespitzt und mir viel Kummer und Sorge macht!” (Hervorh.v.m., B.S.).

Am 4. August vormittags fand sich Conrads Emissär, Hauptmann Ulmansky, aus Wien kommend, in Begleitung des österreichischen Militärattachés Bienerth, bei Moltke ein, um einen Brief des österreichischen Generalstabschefs zu überbringen. Im Verlauf des sich anschließenden Gesprächs äußerte der deutsche Gesprächspartner, es wäre in der gegenwärtigen Lage “die günstigste Zeit” für den Krieg gewesen. Bienerth und Ulmansky gewannen den Eindruck,

“dass die Ansichten S[eine]r. Exzellenz sich mit jenen unserer allgemeinen militärischen Kreise vollkommen decken. Wir schlossen dieses Kapitel mit dem beiderseitigen Ausdrucke des Bedauerns, dass es sich anders gefügt hat, als es der Soldat wünschte” (Hervorh.v.m., B.S.).

Das Gespräch war jedoch nicht beendet. In dessen zweitem Teil kam Moltke auf die letzte Marokkokrise zu sprechen und betonte,

“dass die militärischen Kreise [in Berlin] vollkommen überzeugt sind, dass die Tätigkeit der deutschen Diplomatie die erwünscht beste und zweckmäßigste ist. An ein Nachgeben seitens der Diplomatie des lieben Friedens halber scheint in Deutschland N i e m a n d Massgebender zu glauben. S[eine]. Exzellenz sagte, die ganze Sache ist nur eine Frage der Nerven und Kiderlen hat gute Nerven. Weiters gab S[eine]. Exzellenz seiner Ueberzeugung Ausdruck, dass die ganze Frage n u r von England in das gegenwärtige Fahrwasser gedrängt wurde. Sobald England erwähnt wurde, gewannen die Redewendungen und Ausdrücke S[einer]. Exzellenz derart an Kraft und Leben, dass man sah, dass er England als den Gegner mit dem man abrechnen muss betrachtet“.

 

– Krieg mit England in Belgien/Nordfrankreich.

Bedeutsam erscheint, dass Moltke offensichtlich mit Kiderlen einig war in der Absicht, über Marokko England zum Krieg zu zwingen, und festlandstrategisch in Frankreich zu treffen. Dass die Übereinstimmung von Politik und Militär in Deutschland keine vorübergehende Laune war, zeigte das am Abend folgende Gespräch der österreichischen Spezialdelegation mit den Vertretern der Nachrichten-Abteilung III im Generalstab. Diese betonten nämlich, dass der deutsche Generalstabsoffizier “in der auswärtigen Vertretung [Deutschlands] den eminenten Förderer seiner Aspirationen” sieht. Wie hoch das Engagement Deutschlands, rein strategisch gesehen, in der Türkei bewertet wurde, zeigte die Aussage der Herren der deutschen Feindnachrichten-Abteilung, die

“alle im deutschen Heere dienenden [türkischen] Offiziere (gegenwärtig za 150) [würden] als den sehnlichsten Wunsch der Türkei, deren Aufnahme in den Dreibund bezeichnen” (Hervorh..m., B.S.).

 

– Türkei als Dreibund-Partner.

Auch Moltke hatte am Vormittag “eine der Türkei freundliche Politik” als “erwünscht” bezeichnet. Gerade zwei Tage zuvor, so wurde berichtet, sei die gegenwärtige “Marokkoangelegenheit” hochgekocht. “Am 2./8″ seien “alarmierende Nachrichten von der französischen Ostgrenze” eingelaufen, wonach “Bahnpersonal einberufen worden sein soll”. Die Spionage-Spezialisten in Berlin hätten “sofort einen Offizier zur Bereisung dieser Gegend” entsandt.

 

– Deutsch-Englische Spannung 1911.

Am 10. August schickt das Auswärtige Amt “Berichte des Konsulats Johannisburg über eine Unterredung zwischen dem englischen General Townshend und dem deutschen Finanzier Gossert” über einen “(Krieg zwischen England und Deutschland, engl[ische]. Maßnahmen)”. Dazwischen läuft am 19. August der Militärbericht Nr. 83 aus Brüssel ein, worin gemeldet wird, die

“Belgier haben sehr geringes Vertrauen zu ihrer eigenen Armee und zu Frankreich, werden ihre Neutralität wohl nicht sehr energisch verteidigen. England steht doch mehr draußen; ist nur halb beteiligt nach Belgiens Meinung” (Hervorh.v.m., B.S.).

Im Juli sprach der liberale Premierminister Asquith im Unterhaus zur Flottenfrage. Er äußerte sich positiv über Deutschland. Goschen schrieb, diese Rede habe in Berlin einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen und fügte hinzu:

“he spoke of the great friendly German Nation, admitted that Germany required a strong navy – with her commerce and World Power increasing every day, and buttered them up generally. He however maintained his point about the possibility of Germany having 17 [eingefügt: Dreadnought] ships in 1912 – and that may make a little row as Tirpitz and Bethmann etc. have always said that they will only have 13. Moreover, they can have 17 – and we have to reckon not with what they say they will have – but with they can have and what they would have sh’d circ’es require it” (Hervorh.v.m., B.S.).

Goschen beurteilte die deutsch-englischen Flottenbeziehungen äußerst nüchtern. Er sah den deutschen Willen, das Flottengesetz durchzuführen. England aber werde, so Goschen’s Tagebuchnotiz vom 29. Juli:

“build a sufficient number of ships to ensure our supremacy at sea” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Botschafter machte vor allem die Presse verantwortlich für die auf beiden Seiten erhitzte Atmosphäre, wie auch immer wechselseitig deren Stimme motiviert gewesen sei. Das habe dazu geführt, dass

“Press violence only embittered relations [between England and Germany] and rendered any moderating influence quite powerless”.

Zusätzlich erschwerten Schoens Weggang, und dessen Nachfolger Kiderlen, die Lage. Goschen urteilte:

“Kiderlen-Wächter will be another pair of shoes – and I doubt if they will fit me so well. Mais nous verrons! and it is possible that it may be advantageous having a man who will take a line of his own – and talk out even tho’- brutally” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Höhepunkt der Marokkokrise.

Die Krise um Marokko erreichte am 1. September ihren Höhepunkt. Das

“K[riegs]M[inisterium] teilt [eine] Unterredung mit dem Reichskanzler und [dem] Staatssekretär des A[uswärtigen]A[mtes] über [die] Abbestellung der Manöver mit Rücksicht auf die politische Lage”

mit. Am 28. September trifft in Berlin ein anonymer Artikel der “Fortnightly Review” ein. Dieser “sieht den deutschen Operationsplan durch Belgien” als Tatsache und

“versichert die Franzosen d[er]. engl[ischen]. Unterstützung. Antwerpen soll so lange gehalten werden bis “die Engländer landen und in die deutsche Flanke vorstoßen können”. “Ein Artikel der Zeitung La Belgique” empfiehlt “bereits den Volkskrieg zu entfesseln gegen die Deutschen mit Rücksicht auf die Unzulänglichkeit der belg[ischen]. Armee. Frankreich einverstanden….!” (Hervorh.v.m., B.S.)

Die

“Besorgnisse Belgiens wachsen immer mehr nach den weiteren Berichten des Mil[itär].Att[achés].[:] pessimistische Stimmung. Die Alarmartikel der belg[ischen]. Presse vermehren sich immer stärker”.

Die französische “Presse läßt jetzt (seit Herbst 1911) eifrigen Beistand” in der “Landesverteidigung” erkennen. “Sachverständigenbücher erscheinen über die Gefahr [des deutschen Angriffs]”.

Am 1. August berichtete der österreichische Botschafter in Berlin, Szögyenyi, Kiderlen und Ährenthal hätten “beschlossen”, dass Sommer und Herbst friedlich sein sollten. Auch sei Kiderlen sehr wohl für gute Beziehungen mit England zu haben. Doch Goschen hegte Zweifel. Er notierte:

“I am not certain about either of these things. I don’t think things look particularly well in Macedonia – and I am not certain about K[iderlen]. Of course if we yielded everything Germany wants we could have an understanding tomorrow” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Deutsch-englisches Krisenmanagement.

Offenbar war aber Grey nicht gewillt, den Deutschen die Sache zu einfach zu machen. Goschen erhielt Anfang August Weisungen, die seinen Äußerungen, zuvor gegenüber Bethmann Hollweg, zuwider liefen. Der englische Botschafter bemerkte, offensichtlich stehe der Außenminister unter dem Druck des “radical wing” im Kabinett. Während Kiderlens Empfang, wenige Tage darauf, äußerte dieser sich überhaupt nicht zu den englisch-deutschen Beziehungen. Es kam dem deutschen Außenminister offensichtlich darauf an, dass sich die Dinge in Makedonien besserten; wie war ihm eigentlich gleich. Zur Frage eines Krieges auf dem Balkan schien der deutsche Aussenminister mit Ährenthal überein zu stimmen. Goschen schrieb:

“I asked him whether supposing there was war he agreed with Ährenthal in thinking it would be localised. He said – ‘Yes – if you keep your friends back’! I said ‘What friends?’ and he said ‘The Russians’.” (Hervorh.v.m., B.S.)

Die Vorstellungen Berlins, unter welchen Bedingungen der Krieg zu führen sei, waren augenscheinlich im Jahre 1911 ausgereift. Kiderlen der im Außenministerium empfing, überließ es Stumm, mit Goschen ins Detail zu gehen. Wobei der Staatssekretär des Äusseren zunächst über englisch-deutsche Beziehungen einiges “blubberte”, um dann kurzerhand eine neue Theorie zu verkünden. Nämlich, nicht die Flottenfrage führe zu den Belastungen zwischen Deutschland und England, sondern dessen Politik, sich mit Frankreich und Russland zu verbinden. Goschen antwortete:

“My dear man – we might as well complain of your policy of being friends with Austria and Italy´. He [Kiderlen] admitted that he had no belief in the Balance of Power theory” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Bethmann Hollweg berät mit Goschen.

So vorbereitet, erreichte den englischen Botschafter am Freitag, dem 12. die durch Stumm überbrachte Einladung des Reichskanzlers auf dessen Landsitz “Hoch Finnow” – wie Goschen in seinem Tagebuch notierte – für Sonntag, den 14. August. Goschen gab von Schloss und Garten Hohenfinow einen ersten Eindruck:

“Went out to see Chancellor at Hohen Finnow [Hohenfinow bei Eberswalde]- a quaint old house with fine ceilings and a nice old fashioned garden – with old fashioned flowers and beautiful avenues of old lime trees. Farm – about 200 cows not up to much – and badly kept. Some good pigs – Deutsche Edelschweine chiefly – but not many”.

Doch das Hauptgewicht des Gespräches, das von Musik am Flügel und Anmerkungen zu Literarischem umrahmt wurde, lag, an diesem Nachmittag und Abend, auf den deutsch-englischen Marinefragen. In einer langen und zentralen Unterredung erörterten der Kanzler mit Goschen den britischen Vorschlag, wie eine Verständigung möglich sei. Dabei ging es darum zu klären, was Greys Vorschlag bedeute, die deutsche Flottenrüstung einzufrieren und sich gegenseitig über Schiffbaufragen zu informieren.

Bethmann Hollweg fragte: “But what will G´t Britain do meanwhile?” Goschen merkte in seinen Tagebuchnotizen an, er habe geantwortet,

“that I was not clear either but that I thought – as our great object was to reduce the great expenditure on armaments – we should reduce our expenses to the minimum of what we considered necessary for safety” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kanzler habe nicht sofort Stellung bezogen, sondern gebeten, Grey für die Verbindung zu danken, jedoch anzumerken, er habe noch einige Unterlagen durchzusehen, bevor er seine Meinung gebildet haben werde. Mit einigen atmosphärisch-skizzenhaften Anmerkungen schloss Goschen seine Aufzeichnungen:

“I had quite a nice afternoon – tho’ it was beastly cold sitting out in the garden before dinner – Me B[ethmann].H[ollweg].’s sister was there – young B[ethmann].H[ollweg]. a nice lad educated at Oxford and a very pretty Governess – Miss Clark: also that dull fellow Flotow and Stumm” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

24

Das offene diplomatische Spiel in Europa.

Berlin erhöht den Druck.

Wenig später erläuterte der serbische Außenminister Milovanovich dem englischen Botschafter die Machtverhältnisse auf dem Balkan. Die Macht der Türkei werde weit überschätzt. Goschen hielt fest:

“He told me inter alia in answer to an observation from me that the military situation between Turkey and Bulgaria was very different, in Turkey’s favour, from what it was two or three years ago, that that was true to a certain extent; but that the Turks were neither so strong as they thought themselves nor as a great many other people thought them. Their men were good – but their officers – nothwithstanding v.der Goltz deplorable: as venal and inefficient as they were in Abdul Hamid´s time” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Militärbericht Nr.109 meldete bereits am 10. Oktober,

“das Belg[ische] K[riegs]M[inisterium] und die Mehrzahl der belgischen Offiziere sind deutschfreundlich gesinnt”.

Goschen und Bethmann Hollweg trafen Mitte Oktober zu einem “tremendous talk of 2 hours” zusammen. Ein paar Tage später wiederholte sich dieser Vorgang mit Wilhelm II., der eingehend mit dem Botschafter über Politik sprach. “It was interesting but too secret for this book” (Hervorh.v.m., B.S.), notierte Goschen in seinem Tagebuch. In diesen Tagen urteilte der französische Botschafter Jules Cambon über Kiderlen:

“Dans les petites affaires il sera très coulant – mais dans les affaires importantes il est capable de nous faire des grandes cochonneries’!!”

Das sich abzeichnende Treffen zwischen Zar und Kaiser erörterte Unterstaatssekretär Nicolson vom Foreign Office in einem Brief an Goschen. Der englische Botschafter reduzierte auf das Wesentliche, nämlich die Begegnung zwischen Sasonow und Kiderlen-Wächter. Überdies schien ihm ein Krieg zwischen der Türkei und Griechenland (unter Beteiligung Deutschlands auf türkischer Seite) nicht mehr zu erwarten.

 

– Deutschland, Rußland, Frankreich.

Doch die Spannungen – vor allem jene zwischen Frankreich und Deutschland – dauerten an. Cambon äusserte erneut zu Kiderlen:

“Ah! Mon ami – nous avons mangé notre pain blanc dans la Personne de Schoen – avec Kiderlen nous n´aurons que du pain noir!” (Hervorh.v.m., B.S.)

Aber auch zwischen den Westmächten und Russland bestand Misstrauen. Goschen und Cambon waren sich einig, wenn es darum ging, aus Ostensacken oder Schebeko etwas über Sasonows Besuch in Potsdam und Berlin herauszuholen. Am 1. November aßen Bethmann Hollweg und Kiderlen bei Osten-Sacken mit Sasonow. Goschen bemerkte, es werde schwer fallen herauszubekommen, was der russische Außenminister in Berlin wolle. Als der englische Geschäftsträger Ende Dezember Nicolsen in London traf, war dieser über Sasonow äußerst entrüstet. Auch Goschen meinte: “I think latter is not behaving well”. Schoen, nun nach Paris versetzt, hatte aus Berlin eine Antrittsrede erhalten, die er vor dem Präsidenten der Republik Fallières zu halten hatte, deren freundliche Töne er jedoch abschwächte. Der deutsche Geschäftsträger begründete dies damit, er werde in der deutschen Öffentlichkeit bereits als zu frankophil bezeichnet.

Im November fasste Brigadegeneral G.N.Nickolson die Kontakte des Jahres 1906, zwischen Frankreich und Großbritannien, noch einmal zusammen. Es habe sich damals um Vorbereitungen “für den Fall eines unprovozierten Angriffs Deutschlands auf Frankreich” gehandelt. “Die Arbeiten von 1906″ hätten “eine gewisse Berücksichtigung für die Heimatarmee 1907″ gefunden.

Den vorgeblichen Gegenstand der “Entrevue von Potsdam” teilte dann, mehr oder weniger unscharf, Kiderlen am 8. November mit, als der englische Botschafter den deutschen Staatsekretär des Auswärtigen an dessen diplomatischem “jour fixe” aufsuchte. Goschen notierte dazu:

“Went to Kiderlen´s day – he gave me a very jejune account of his conversations with Sazonow – Statu quo in Balkans – support of present Turkish Gov´t Faute de Mieux´(wh. he explained by saying that a Gov´t directed by an anonymous Committee was not an ideal one!) – localization of quarrels amongst minor Balkan States – and necessity of making latter understand that sh´d Internal troubles arise in Turkey it is not their affair but that of G´t Powers. About Persia he said but little merely that he had told Sazonow that as long as integrity of Persia and open door was guaranteed Germany had nothing to do with ‘Persian Question’”.

Am Vortage hatte der “Daily Chronicle” (Pansa) die Ausführungen Bethmann Hollwegs zu den englisch-deutschen Beziehungen unverkürzt gebracht, die der Kanzler Goschen gegenüber getätigt hatte. Berlin bemühte sich demnach, an allen Fronten den Druck auf Downing Street zu erhöhen, schließlich einem Abkommen mit Deutschland näherzutreten. “Zufällig” begegnete der Botschafter, anlässlich einer Jagd auf Schloss Trachenberg, dem Fürsten “Lignowsky” und späteren Botschafter in London. Unübersehbar demnach die “Regie”, welche deutscherseits alles darauf abstellte, die Beziehungen mit Großbritannien über kurz oder lang, und “in any case”, zu verbessern.

 

– Hinter den Kulissen in Berlin.

Rüstungspolitische Konsequenzen.

Am 2. Dezember geht an Bethmann Hollweg die “d[ie]. Achte!” “Denkschrift des Chefs des Gen[eral].Stabs der Armee über die militärpol[itische]. Lage Deutschlands”.

Es fragt sich, wo sind die übrigen sieben geblieben, und was war deren Inhalt? Das Kriegsministerium erhält am 4. Dezember eine Abschrift. Der Reichskanzler dankt am 26.12.1911. Von Bethmann Hollweg hatte am 28. November, dem Vertreter Moltkes, Stein, die “Abschrift der Berichte 707, 718, 773, 774, 775 des Marine-Attachés in London [und] 2 Berichte der Botschaft in London [übersandt]. Staatssekretär Tirpitz sendet in Abschrift ebenfalls [die Berichte] 707 und 718″.

“Zugeschickt an Gen[eral].Major Stein ganz!” Am 14. Dezember folgt ein “Bericht des Reichskanzlers an S[eine].M[ajestät]. über [die] Unfreundlichkeiten der belgischen Presse und deren Abstellung” nach. Am 16. Dezember macht das Militärkabinett

“Mitteilung über die vom 1.10.[19]12 an neu beabsichtigte Friedenspräsenz- und Heeresvermehrung”.

Der Generalstab antwortet am 22. Dezember, und macht dem Kriegsministerium “Vorschläge für die neue Friedensgliederung im Osten. Der “Entwurf am 23.12. an Oberst Ludendorf zurück”. Am 18. Dezember waren vom Auswärtigen Amt “Berichte des Gesandten in Brüssel[,] nebst Anlagen[,] betr[effend]. [die] Haltung Belgiens zu Deutschland” eingetroffen. Kurz darauf kommt der

“Bericht des Geschäftsträgers in Paris über Aufmarschmassierungen und russ[isch].-franz[ösische]. Abmachungen”.

Am 26. Dezember meldet der Botschafter in Bukarest, Rumänien rechne “für [das] Frühjahr 1912 mit einem Krieg“.

 

24

Deutsche Aufmarschplanung und Kriegsbild 1911/12.

– Westen.

Neue Funde aus dem Bestand “Forschungsanstalt des Heeres”, aus den Jahren nach 1919, legen diese Zusammenhänge offen. Der Inspizient für Festungen und Pionierwesen, Mudra, meldete am 9. November seine Forderungen beim Generalstab an. Er betonte “die schwierige Lage”, das Reich werde “den Krieg nach 2 Seiten führen” müssen. Der Krieg nach einer Seite – West oder Ost – stelle kein Problem dar. Dieser sei “offensiv und außerhalb des eigenen Gebietes zu führen” (Hervorh.v.m., B.S.). Der Grundgedanke des deutschen Aufmarschplanes war ihm bekannt. Von der Schwerpunktbildung auf einer Seite leitete Mudra her, es sei “die vornehmste Aufgabe der Landesbefestigung diese Absicht mit allen Mitteln zu unterstützen”. Der Inspizient des Festungswesens und der Pioniere legte damit die operative Absicht der deutschen Generalstabes offen. Mudra führte aus, es könne

“ein Zweifel darüber wohl nicht bestehen, daß wir mit unserem Hauptstoß in erster Linie Frankreich treffen müssen. Ist Frankreich in den ersten Schlachten geschlagen und ihm das Bewußtsein seiner Unterlegenheit uns gegenüber von neuem aufgepreßt, so ist m.E. die wichtigste Arbeit getan” (Hervorh.v.m., B.S.).

Im Westen würden “Metz-Diedenhofen…auf einer Strecke von rund 40 km Länge” die Heeresbewegungen begünstigen. Erneut spielt der Inspizient auf den geplanten Aufmarsch rund um Metz an. Selbst ein Ausweichen “auf den Rhein” wurde erwähnt. Ein Umstand, der 1914, im Zuge der Marneschlacht, durch Lyncker erwähnt werden sollte. Doch gerade die ersten Schlachten des Krieges seien deshalb von entscheidender Bedeutung, weil

“die großen Militärmächte…die Entwicklung ihrer Wehrkraft, ihre Mobilmachung, alle Kriegsvorbereitungen darauf an[legten], in den ersten großen Entscheidungen im freien Felde ihre gesamte militärische Kraft zum Einsatz zu bringen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Darin waren sich Moltke und Mudra einig. Dieser schloss:

“Daraus folgt, daß bei einem Kriege nach 2 Seiten die Lage für uns eine aussichtslose wird, wenn wir nicht spätestens am Rhein den Umschwung herbeiführen, und daraus folgt weiter, daß die Festungen wenigstens am Mittel- und Niederrhein kaum anders in Aktion zu denken sind, als in Verbindung mit der Feldarmee!” (Hervorh.v.m., B.S.)

 

– Osten.

Alle Anstrengungen wollte der Inspizient des Festungswesens auf Metz-Diedenhofen konzentriert wissen. Die Grenzbefestigungen in diesem Raum sollten bereits im Frieden armiert sein. Doch der “Schwerpunkt für den Friedensausbau” der “Landesbefestigung” liege jedoch “an der Ostgrenze”. Mudra skizziert die Planungen für den Ostkriegsschauplatz. Er führt an, es komme

“darauf an, in zähem Widerstande mit möglichst geringen Kräften das Vordringen der numerisch weit überlegen anzunehmenden Russen aufzuhalten und Zeit zu gewinnen für die Durchführung der zunächst entscheidenden Operationen auf dem westlichen Kriegstheater. Frankreich muß von uns in entscheidenden Schlachten geschlagen sein, ehe die Russen mit stärkeren Kräften die mittlere und untere Oder überschreiten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Die herausragende Bedeutung des Festungsbaus im Osten unterstreicht der Inspizient durch den Hinweis:

“Je länger wir im Osten mit Hilfe der Landesbefestigung die Situation hinhalten, desto mehr Zeit bleibt für die entscheidende Aktion im Westen, desto gründlicher kann dort die erste Abrechnung vor sich gehen, ehe man von den Franzosen ablassen muß, um sich gegen die Russen zu wenden!” (Hervorh.v.m., B.S.)

Im Jahre 1899 hatte der Freund und Lehrer Mudras, Colmar von der Goltz, bereits diese Grundsätze deutschen Festungsbaus entwickelt, jedoch für die gleichzeitige fortifikatorische Ausgestaltung des westlichen, wie des östlichen, Kriegsschauplatzes plädiert. Diese Forderung hatte zu dessen Entlassung geführt, da Schlieffen und Einem gegen Festungslinien aufgetreten waren. Die Anmerkungen des Ober-Quartiermeisters Stein zeigten 1911 die gleich ablehnende Position des Generalstabes. Die untere Weichsel, so Mudra, sei bereits gegen den frontalen Angriff der Russen verstärkt. Von Süden sei die Front “Kulm-Marienburg jedoch jederzeit zu umgehen. Die Verteidigung der Weichsellinie entbehre der Tiefe. Ein Durchbruch werde zur “Räumung der ganzen Linie” führen. Deshalb sei Graudenz zu erweitern und “zu einem doppelten Brückenkopf” auszubauen. “Die Weichsel-Befestigungen von Thorn bis Marienburg und…die Festung Posen” behinderten “einen Vormarsch der Russen in der allgemeinen Richtung Berlin”.

Momentan wären die Festungen Posen, Thorn und Graudenz derart schwach, dass die Russen “nach erfolgter Durchführung der lebhaft in Angriff genommenen Modernisierung ihrer schweren Artillerie…sogar gegen 2 von diesen Festungen den Angriff gleichzeitig aufzunehmen in der Lage sei[e]n”. Die Modernisierung dieser Plätze, sei überfällig. Königsberg, als Brückenkopf in der rechten Flanke der vorstoßenden Russen, stehe

“nach Ausführung des Hafenabschlusses durch die Frische Nehrung in einem gewissen Zusammenhange mit der Weichselverteidigung; dies kann bei Aufnahme der Offensive unsererseits größere Bedeutung gewinnen – ganz abgesehen davon, daß durch den Haffanschluß das Samland mit seinen reichen Hilfsmitteln dem Gegner entzogen bleibt” (Hervorh.v.m., B.S.).

Cüstrin – und eine ernsthafte Belagerung dieser Position – werden durch Mudra deshalb nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, da, gelange “der Feind einmal mit bedeutenden Kräften in die Nähe von Berlin, so” werde “der Krieg entschieden sein, wenn es nicht” glücke, “den Gegner bald in freiem Felde zu schlagen” (Hervorh.v.m., B.S.). Glogau und Breslau wurden nur in begrenztem Maße herangezogen. Diese erhielten dennoch indirekte Bedeutung durch die “mit französischem Geld” vervollständigten Bahnlinien “in das Festungs-Dreieck Warschau-Brest-Iwangorod”. Feldbefestigungen, bereits im Frieden “an den Obra-Abschnitten”, wurden beantragt. Offenbar wollte sich der Inspizient der Zustimmung Moltkes versichern. Im November 1911 war augenscheinlich der Umriss der künftigen Kriegführung festgelegt und die Phase unmittelbarer Kriegsvorbereitung sollte eingeleitet werden.

 

– Berlin: Rüstungspolitik und „Preemptive Strike.

Quantitativer Ausgleich.

Aufgefordert durch den Reichskanzler, zog am 19. November der Kriegsminister seine Folgerungen aus der Marokkokrise des Sommers. Bislang seien “normale[r] Verhältnisse” Grundlage der letzten Schätzungen zum Bedarf der Armee gewesen. “Mit den neueren politischen Vorgängen” habe auch eine öffentliche Diskussion “Erwägungen” zum “Friedenspräsenzgesetz 1911″ in Gang gesetzt. Vorschalten wollte Bethmann Hollweg die Beratung zu einer Marinevorlage. Das veranlasste Heeringen, in Übereinstimmung mit dem Chef des Generalstabes, auf das Gespräch über die Nachrüstung der Armee hinzulenken. In einer Anlage betonte der Kriegsminister, die Heeresvorlage 1911 sei von vornherein “als unzureichend bezeichnet” worden. Aus fiskalischen Gründen habe auch der Kriegsminister seine Vorstellungen zurückschrauben müssen. Ohne akute politische Spannungen sei dieses Gesetz zu vertreten gewesen. “Der erste wirkliche Zuwachs an Kampfkraft” sei “erst im Jahre 1914″ und 1915 geplant. Allein mit Zahlen des militärtechnischen Vergleichs sei, im Reichstag und dessen Ausschüssen, 1909 keine Armeevergrößerung durchgesetzt worden. Allerdings sei schon zu diesem Zeitpunkt bekannt gewesen:

“Daß wir uns auf einen französischen Angriff – event[ue]l[l]. unterstützt durch Rußland und England – einzurichten und dabei nur auf die Hilfe von Oesterreich, aber keineswegs sicher auf die von Italien zu rechnen hätten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Heeringen suchte sich gegen den Vorwurf mangelnder Voraussicht zu sichern. “In den Stärkeverhältnissen” zu Frankreich, Russland und England sei “seit 1909 keine durchschlagende Verschiebung” erfolgt. Heeringen unterstrich die nun veränderte Lage:

“Die russische Armeeorganisation ist fast vollendet. In Frankreich scheinen sich die Absichten, das afrikanische Menschenmaterial zur Stärkung der in Europa verfügbaren Streitmittel zu verwenden, zu verdichten. Belgien und Holland haben sich, angeregt durch die Spannung 1911, auf die Wahrung ihrer Neutralität wesentlich mehr vorbereitet” (Hervorh.v.m., B.S.).

Diese Folge der zweiten Marokkokrise, so sah es der Kriegsminister, werde, “in wenigen Jahren…, schon aus rein ziffernmäßigen Erwägungen eine Verstärkung des deutschen Heeres unabweisbar” werden lassen. Das Problem zahlenmäßiger Unterlegenheit gegenüber den möglichen Gegnern, wurde keineswegs zurückgewiesen, sondern als Argument für eine Armeeverstärkung ins Feld geführt. Vorgeblich hatte der Kriegsminister bereits 1910 mehr gewollt. Jedoch seien die Bemühungen seit 1905 “verhältnismäßig wenig vorwärts” gekommen, gestand Heeringen ein. Bereits mit dem “technischen Quinquennat” von 1911 wurde für dessen Durchführung das Jahr 1916 anvisiert. Nun sei in der Planung auf 1914 hin disponiert worden, und 1915 für den Abschluss vorgesehen. Die Lage habe sich jedoch mit der Marokkokrise, in der zweiten Jahreshälfte 1911, grundlegend verändert. Nun habe sich das Reich – und das gestand der Kriegsminister zu – auf einen “französischen Angriff – event[ue]l. unterstützt durch Rußland und England – einzurichten” und könne “dabei nur auf die Hilfe von Oesterreich, aber keineswegs sicher auf die von Italien” rechnen. Überraschend stellte Heeringen fest, seit 1909 sei “keine durchschlagende Verschiebung” zuungunsten Deutschlands eingetreten. Die Veränderungen in Frankreich (Armeeverstärkung) und Russland (Umorganisation) bildeten “noch keine greifbaren Tatsachen”. Allerdings regten die Vorgänge des Sommer 1911 zu nicht mehr als der “Frage” an, “ob die militärpolitischen Verhältnisse auch jetzt noch ebenso zu beurteilen” seien. Die Entwicklung Frankreichs in Marokko werde die französischen Streitkräfte verstärken können. Russland, Belgien und Holland hätten deren Reorganisationen nahezu abgeschlossen. Dennoch sei “das deutsche Heer nach des Kriegsministers und des Chefs des Generalstabes der Armee Ueberzeugung” den “voraussichtlichen Gegnern” Deutschlands “noch gewachsen”. Heeringen näherte sich der Position Moltkes insofern an, als auch er keineswegs die Bedeutung “numerisch[r] Ueberlegenheit…im Kriege” leugnete.

Entscheidenden Einfluss übte hier die beißende Kritik ausländischer Militärbeobachter an der deutschen Armee, die nach den Kaisermanövern 1911 in Vorpommern von englischer Seite zutage gefördert wurde. Heeringen sprach von “politischen Hetzereien im Ausland” und leitete von dort die gegnerische Kriegsbereitschaft her. Ausgangspunkt für Kriegsvorbereitungen schien dem Kriegsminister England zu sein. Als Anlass könne ein weiterer Ausbau der deutschen Flotte dienen. Das Rezept der deutschen militärischen Führung für diesen Fall war, nach Ansicht Heeringens,

“daß wir unter Hinwegsetzung über alle Bedenken alsbald Frankreich vor die Klinge nehmen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der “preemptive strike” war demnach deutsches Programm. Diese Vorstellung entsprang der Überlegung, das “neben einem Seekriege auch mit einem Landkriege zu rechnen” sei.

“In letzterem wird aber unbedingt die Entscheidung liegen….Auf dem Sieg oder Mißerfolg des deutschen Heeres ruht das Schicksal der Krone der Hohenzollern, das Wohl und Wehe unseres Vaterlandes”,

führte Heeringen dem Reichskanzler eindringlich vor Augen. Der Kriegsminister prägte für die anstehenden Wehrgesetze die Formel: nicht allein die Flotte sondern auch die Armee. Bis zum 1.10.1912, demnach mit einiger Beschleunigung, sollte nunmehr zunächst die Armee nachgerüstet werden.

 

– Moltke 1911: „Deutschlands Ziele weiter gesteckt als früher“.

Anfang Dezember griff daraufhin auch der Generalstabschef zum Mittel der Denkschrift, um dem Politiker zum Jahresende 1911 die militärische Lage zu entwickeln. Offen ist, ob dies alljährlich zu diesem Zeitpunkt geschah, wurden doch zu diesem Zeitpunkt regelmäßig die Arbeiten an den Aufmarsch-Planungen für das folgende Jahr abgeschlossen. Moltkes einleitende Ausführungen stellten seine Darstellung in den Duktus abgestimmten Vorgehens innerhalb der politischen und militärischen Führungsspitze des Reiches. “Politische und militärische Verhältnisse” seien nicht zu trennen. Ausdrücklich votierte Moltke für die Synopse beider Sichtweisen. “Deutschlands Ziele” seien 1911 “weiter gesteckt als früher”. So sei

“der Leiter der militärischen Operationen…vor eine Aufgabe gestellt, die fruchtbringend nur gelöst werden kann, wenn seine Vorarbeiten sich in Uebereinstimmung mit den politischen Richtlinien des Staates befinden. Die Vorbereitungen für Aufmarsch und Operation bedürfen einer langwierigen und sorgfältigen Arbeit, sie können nicht von heute auf morgen verändert werden und auch die Führung unserer Politik wird sie rücksichtigen müssen. Schon der Zeitpunkt, wo die Politik durch Waffengewalt fortgesetzt werden soll, kann von ausschlaggebender Bedeutung für den Ausgang sein” (Hervorh.v.m., B.S.).

Nichts anderes als hochmodern waren diese Einsichten des verantwortlichen deutschen militärischen Führers. Wurde diese Denkschrift deshalb von einem Teil der Forschung, da unliebsam, für deren These vom polykratischen Chaos, bewusst vernachlässigt? Die Kooperation von Politik und Militär im Kaiserreich wurde hier durch Moltke bestätigt.

 

– Frankreich.

Von Frankreich ausgehend, welches das zentrale Problem deutscher Strategie darstelle, sieht Moltke keine aktuelle Bedrohung. Anders England, von wo der französische Revanchegeist wiederbelebt würde. Zum Beispiel durch die Propaganda des Times-Korrespondenten Repington. Deutschland verfolge dem westlichen Nachbarn gegenüber keine offensiven Ziele.

 

– England ermutigt Rußland zum Krieg.

Wenn auch die deutsche Weltpolitik durch den Generalstabs-Chef offensiver aufgefasst wird, blickt doch immer wieder die Sorge zwischen den Zeilen hervor, der französische Offensivgeist könne wieder erstarken, “Armee, Regierung, Generalstab und Kriegsministerium” Mut fassen, die deutsche Armee im Rahmen der Entente mit England anzugreifen. Moltke konkretisiert:

“Die Zuversichtlichkeit, die durch die Niederlage des russischen Verbündeten einen empfindlichen Stoß erlitten hatte, hat sich mit dem Wiedererstarken des Zarenreiches gehoben, vor allem ist sie gekräftigt worden durch die Gewißheit englischer aktiver Unterstützung in einem Kriege mit Deutschland” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– England stützt Frankreich gegen Deutschland.

Welche Bedeutung der westeuropäischen Kritik an der deutschen Armee, auch an höchster Stelle, beigemessen wurde, bestätigt der Generalstabschef:

“Zahlreiche Flugschriften, Aufsätze in den Tageszeitungen und in Zeitschriften, auch größere, wissenschaftlich[e] gehaltene, zum Teil von höheren Offizieren verfaßte Werke suchen die Ueberlegenheit der französischen über die deutsche Armee nachzuweisen. In demselben Sinne sind Aeußerungen der englischen Presse laut geworden. In einer längeren Reihe von Aufsätzen über die diesjährigen deutschen Kaisermanöver kommt ein Militärschriftsteller von Ruf, der englische Oberstleutnant Rep[p]ington, zu dem Schluß, die deutsche Armee sei der französischen vielfach unterlegen, in manchen Dingen stehe sie nur auf der Stufe eines Staates zweiten Ranges” (Hervorh.v.m., B.S.).

Den Franzosen solle so suggeriert werden, “die Vortrefflichkeit der eigenen Armee” könne “sich mit jedem Gegner messen”. Der Gedanke eines französischen Überfalls klang erneut an. Moltke unterstrich, “die chauvinistische Stimmung” könne “mit oder ohne Willen der Regierung den Krieg unerwartet herbeiführen, der entscheidend sein” werde “für Deutschlands Zukunft”. Doch einen lokalisierten deutsch-französischen Krieg hielt der Generalstabschef nicht mehr für möglich. Er nahm an:

“Kommt es zum kriegerischen Zusammenstoß beider Staaten, so werden auch die übrigen Großmächte in einer Weise in Mitleidenschaft gezogen, die ihnen ein aktives Handeln aufzwingen”

werde.

 

– Moltkes Kriegsbild: Österreich.

Seine Prognose ging dahin, “der Dreibund Deutschland, Oesterreich, Italien” werde “der Koalition Frankreich, England, Rußland gegenüberstehen”. Den Dreibund sah Moltke geteilt, hinsichtlich der jeweiligen Aufgabenstellung zwischen Deutschland und Österreich gegen Rußland und Deutschland-Italien gegen Frankreich. Falls Rußland nicht am Kriege teilnehme, bestünde für Österreich “keine vertragliche Verpflichtung zu einer Unterstützung Deutschlands”. Das würde bedeuten, Deutschland und Italien würden gegen Frankreich kämpfen, das “sicher” von England “aktiv” unterstützt sein werde. Dadurch, und über den Ausgleich der französisch-italienischen Spannungen seit 1902, werde die Unterstützung durch Italien unsicher. Diese Entwicklung werde verschärft durch die “Spannung zwischen Oesterreich und Italien”. Italien lasse sich inzwischen von Dreibund und “Ententemächten” umwerben. Das sei die Situation. Moltkes schlussfolgerte:

“Deutschland wird also gut tun sich darauf vorzubereiten, daß es einen Krieg gegen Frankreich und England zunächst alleine zu führen haben wird. Einen solchen Krieg haben wir nicht zu fürchten, so lange Rußland neutral bleibt und damit für Deutschland Rückenfreiheit geschaffen ist” (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Unbekannte in der Rechnung des Generalstabes hieß: was enthält der Zweibundvertrag zwischen Rußland und Frankreich für den Bündnisfall? Sollte Russland eingreifen, dann würde das bedeuten, daß Österreich an Deutschlands Seite träte. Stehe Italien zum Dreibund, dann würde Österreich “den größten Teil seiner Kraft gegen Russland verwenden” können. Moltke befürchtete allerdings für den Fall, dass Italien abschwenke, werde dessen “Stoßkraft…gegen Rußland gelähmt werden”. Es zeichne sich ab, dass Österreich in diesem Fall “seine Hauptkräfte gegen Italien” einsetzen werde.

 

– Der deutsche Kriegsplan.

In jedem Falle werde “Deutschland die Eröffnung des Feldzuges mit allen verfügbaren Mitteln gegen Frankreich” einleiten. Äußerst schwach gegen Russland auftretend, sollte “die Entscheidung des Krieges” gegen Frankreich und England gesucht werden. Moltke verkündete sein Credo:

“Die Republik ist unser gefährlichster Gegner, aber wir können hoffen, hier eine baldige Entscheidung herbeizuführen. Ist Frankreich in den ersten großen Schlachten geschlagen, so wird das Land, das über keine großen Reserven an Menschen-material verfügt, kaum imstande sein, einen lang andauernden Krieg weiterzuführen, während Rußland ihn nach einer verlorenen Schlacht in das Innere seines unermeßlichen Gebiets verlegen und ihn auf unabsehbare Zeit in die Länge ziehen kann. Das ganze Streben Deutschlands muß aber darauf gerichtet sein, mit einigen großen Schlägen den Krieg wenigstens nach einer Seite hin sobald wie möglich zu beendigen” (Hevorh.v.m., B.S.).

 

– Türkei: Dreizack gegen Rußland und England.

Die Hauptgefahr des parallel ablaufenden italienisch-türkischen Krieges um Tripolis sah der Generalstabschef darin, dass Deutschland “entweder einen Bundesgenossen oder einen Freund” verlieren könne. Entscheidend sei, und das erwähnte Moltke herausgehoben, der “militärische[n] Wert” der Türkei in “einem europäischen Kriege”. Für das osmanische Reich als Bündnispartner Deutschlands sprach aus der Sicht des Generalstabschefs,

“seitdem Rußland in ein freundschaftliches Verhältnis zu England getreten ist und letzteres dadurch von seinen Besorgnissen um Indien entlastet hat, ist die Türkei die einzige Macht, die England zu Lande gefährlich werden kann. Eine türkische Offensive aus Syrien würde die englische Etappenlinie nach Indien, an der empfindlichsten Stelle, dem Suezkanal, bedrohen und die englische Machtstellung in Aegypten gefährden” (Hervorh.v.m., B.S.).

Wie durchdacht die türkische Karte im deutschen Machtkalkül bereits war, zeigt Moltkes Berechnung für den Vorstoß der Türkei gegen Ägypten. 80.000 Mann türkischer Verbände würden zunächst 6.000 Mann englischer Truppen gegenüberstehen. Diese Kräfte würden “aus den Kolonien auf 20.000 Mann gebracht werden” können. Berlin glaubte annehmen zu dürfen, England würde es nicht “wagen können, in einem Kriege gegen den Kalifen aller Gläubigen die eingeborenen ägyptischen Truppen zu verwenden”. Allerdings sei dieser Vorstoß über 350 Kilometer zu führen; benötige also Zeit. Entscheidender erschien jedoch dem Generalstabschef, dass “schon die Versammlung starker türkischer Kräfte in Syrien…es England unmöglich machen” werde, “seine Heimatarmee in voller Stärke auf europäischem Boden einzusetzen” (Hervorh.v.m., B.S.). Damit enthüllte Moltke einen wesentlichen Teil seiner strategischen Rahmenkonzeption. Es ging ihm darum, die Türkei wie mit einem Dreizack einzusetzen. Russland in Armenien und England in Ägypten und Persien zu binden, und so, neben der russischen Westarmee in Polen, das Auftreten der British Expeditionary Forces in Nordfrankreich zu schwächen.

Selbst Aden, der britische Seestützpunkt am Ausgang des Persischen Golfes, sollte durch die Türkei genommen werden. Im Jemen standen 30-40.000 Mann türkischer Truppen, die geeignet erschienen, sowohl die türkischen – wie auch die deutschen – Ziele zu verwirklichen, nämlich Ägypten und Aden zu bedrohen und den Seeweg nach Indien zu gefährden. Hinter diesen Überlegungen stand offenbar der Plan, vermittels der Revolutionierung der islamischen Welt, das britische Weltreich ins Mark zu treffen. Die türkische Armee – so Moltke – habe inzwischen ihre “Schlagfertigkeit erhöht”. Sie beabsichtige ferner,

“im Falle eines Krieges mit Rußland ein Heer von 100 000 Mann in Armenien aufzustellen. Rußland kann diesem nur seine drei, im Kaukasus stehenden Armeekorps entgegenstellen. Sie werden umso weniger ausreichen, als starke Kräfte zur Niederhaltung der, mit ihren Sympathien der Türkei zuneigenden, mohammedanischen Bergvölker erforderlich sein werden. Rußland wird daher gezwungen sein, Teile seiner Zentralarmee nach dem Kaukasus zu werfen, die dann auf der deutsch-österreichischen Front ausfallen. Wenn die Türkei von den 700 000 Mann, die sie aufstellen kann, 100 000 gegen Rußland, 100 000 gegen Aegypten, 50 000 gegen Aden einsetzt, so bleiben ihr noch 450 000 Mann in Europa verfügbar, denen Bulgarien seine 350 000 Mann nicht vollzählig wird entgegenstellen können, da es sich gegen Rumänien decken muß” (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Türkei, als strategischen Machtfaktor von “Gewicht”, erwartete Moltke “in einem europäischen Kriege” auf Seiten Deutschlands und Österreichs. Das habe auch England erkannt, das der türkischen Armee gestatte, “eine gut arbeitende Etappenlinie nach der Cyrenaika einzurichten”. Letztlich, und das ist des deutschen Generalstabschefs “worst case”-Szenario, blieben “als sichere Factoren, mit denen zu rechnen” sei, “nur die vereinigten Streitkräfte Deutschlands und Oesterreichs, die einer Koalition Frankreich, England, Rußland entgegengestellt werden” könnten. Diese Kräfte würden in voller Stärke, ausschließlich und ohne Ablenkung, gegen die Zentralmächte Deutschland und Österreich aufmarschieren können.

 

– Die Kriegsbereitschaft Rußlands 1911.

Das Kräftegleichgewicht sei für diese ein äußerst prekäres. Auch die Zuflucht, numerische Überlegenheit sei nicht alles, und

“die Wehrhaftigkeit einer ganzen Nation, Kriegstüchtigkeit, Tapferkeit, Aufopferungsfähigkeit, Disziplin, Geschicklichkeit der Führung sind höher zu bewerten als die tote Zahl”,

könne nicht des Problems Lösung bringen. Moltke räumt das ein. Nur die Gegenüberstellung der beiderseitigen Machtmittel” bedeute “eine positive Unterlage”. So habe Rußland, neben der Reorganisation der bestehenden Armee, die “Dislokation seiner Truppen vorgenommen”. Die “Mobilmachung” sei beschleunigt, das Eisenbahnnetz ausgebaut und der “Aufmarsch an der West- und Südwestgrenze…in der Hälfte der Zeit” durchführbar. Verbessertes Kriegsmaterial, “besonders mit schweren Geschützen und mit einem modernen Feldgeschütz” eingeführt, und werde ergänzt um eine stringente Verjüngung des Offizierkorps, neue “Reglements und Dienstvorschriften”. Eine mobile Belagerungsartillerie, der die ostpreußischen Befestigungen nicht gewachsen seien, und andererseits die Verstärkung der Narew- und Njemenbefestigungen, würden durchgeführt. Moltke korrigiert die bisherige Überzeugung der deutschen Militärbehörden, “Rußland sei noch auf lange hinaus zu einem europäischen Kriege nicht fähig”.

 

– „Moltkeplan“ gegen England.

Operationsziel Belgien und Holland.

Auch England habe “alles getan, was im Rahmen seiner staatlichen Einrichtungen möglich war”. Die Territorialarmee sei innerhalb und außerhalb der Insel einsetzbar, “6 Divisionen mit 130 000 Mann” könnten auf dem Kontinent eingesetzt werden. Dass die Lage grundsätzlich verändert sei, stellte der Generalstabschef unmissverständlich fest. Moltke führt aus:

“Seit dem Abschluß seiner Entente mit Frankreich hat es seine maritimen Streitkräfte fast ganz aus dem Mittelmeer zurückgezogen und sie im Kanal zwischen Frankreich und Deutschland, von dem es eine Niederlage Deutschlands und Gelegenheit zur Vernichtung seiner jungen Flotte erhofft, nicht ungern sehen würde, daß es bereit ist, an diesem Kriege mit voller Kraft teilzunehmen, hat seine Politik deutlich bewiesen”.

Dennoch erwartet Moltke nicht, England werde “auf eigene Faust einen Krieg mit Deutschland herbeiführen”. Die sichere Beteiligung Frankreichs sei dafür die Vorbedingung. Der Vertreter der Armee zeichnet die Gefahren, welche in diesem Zusammenhang von “einer weiteren Verstärkung der deutschen Seemacht” ausgingen. Der Chef des Generalstabes führt aus:

“In diesem Fall aber würde England den Krieg nur zu Wasser führen, es würde die deutschen Häfen blockieren, den Handel Deutschlands schädigen. So würde es versuchen, das Land finanziell zu ruinieren, Gelegenheit suchen seine Flotte zu zerstören, seine Kolonien beschlagnahmen, aber es würde keine Truppen auf deutschem Boden landen. Und Deutschland würde trotz seiner starken Armee den Gegner niemals militärisch niederzwingen können. Denn wenn es selbst der deutschen Flotte gelingen wird, ihm empfindliche Verluste zuzufügen, so wird doch England bei seiner ungeheuren Ueberlegenheit auf dem Wasser immer noch die See beherrschen, so daß auch dann noch eine Landung deutscher Truppen auf der Insel ein undurchführbares Unternehmen bliebt. Bei einem Kriege gegen England allein fehlt Deutschland ein Kriegsobjekt. Nur durch eine Besetzung Belgiens und der Niederlande, durch eine Besitznahme der Scheldemündung könnte man England empfindlich treffen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Grundgedanke der deutschen Kriegsplanung 1911.

Diese jedoch, so Moltke, werde “gleichzeitig den Krieg mit Frankreich herbeiführen”. Denn “wollte Frankreich gestatten, daß Deutschland mit einer mobilen Armee in Belgien” stehe, “so würde es völlig lahm gelegt sein. Eine Mobilmachung würde ihm dann unmöglich, denn mit dem ersten Tage derselben würden wir schon auf französischem Boden stehen“. Damit war das tatsächliche Konstrukt für den sogenannten “Schlieffenschen Ansatz” ausgesprochen.

Deutschland griff demnach keineswegs lediglich aus militärtechnischen Gründen über Belgien hinweg Frankreich an. Es gab verschiedene Stufen des strategischen Denkens, welche die deutsche Seite zu dieser Antwort führten. Nicht zuletzt entscheidend war die Rücksicht auf den tatsächlichen Gegner des Reiches: England. Moltke fasst – wie Schlieffen 1904/05 – zusammen, und diese Formulierung lässt auf die inneren Diskussionen in der deutschen Führungsspitze um den Präventivkrieg schließen:

“Es würde ein grosser Fehler sein, wollte Deutschland solange warten, bis Frankreich über das weniger kriegsbereite Land herfällt. Der Krieg mit Frankreich muß sowieso kommen, sobald der Krieg mit England ausbricht. Ein mobiles Deutschland an seiner Seite kann Frankreich nicht ertragen, es wird ebenfalls mobilisieren und damit wird der Krieg unvermeidlich. Vielleicht gelingt es Deutschland, wenn es zu ihm die Initiative ergreift, einen Vorsprung in der Mobilmachung zu erlangen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Frankreichs Aufrüstung.

Ganz selbstverständlich fordert Moltke, die gesamten Anstrengen Deutschlands auf die Tatsache auszurichten, dass “die Entscheidung” in einem künftigen Kriege” auf dem Lande” liege “und von der Armee herbeigeführt werden” müsse. Schließlich beruhe “auf der Stärke seiner Armee…nach wie vor die Machtstellung Deutschlands”. Daran hatte schließlich über die Jahre der gesamte aufwendige Flottenbau nichts geändert.

Frankreich, das bis 1905 in seinen Rüstungsanstrengungen nahezu erlahmt sei, habe, so der Generalstabschef, nach der ersten Marokkokrise das Steuer herumgerissen, und, “allein für den Ausbau und die Ausrüstung seiner großen Grenzfestungen, über 200 Millionen Francs” aufgewandt. Die zweite Marokkokrise habe nun zu “wiederum eine[r] gesteigerten Tätigkeit auf dem Gebiet der Landesverteidigung” geführt. Der Königsplatz fasst, bereits im November 1911, in seltener Schärfe zusammen:

“Die Artillerie des Feldheeres ist um 150 Batterien erhöht und damit die bisherige Ueberlegenheit Deutschlands wettgemacht, die Infanterie und Kavallerie sind mit Maschinengewehren ausgerüstet, die Aviatik ist im weitesten Maße in den Dienst des Heeres gestellt, die Kommandoverhältnisse der Armee sind umgestaltet worden. Frankreich hat sich in einer beispiellosen Weise gegen einen deutschen Einmarsch verbarrikadiert. Seine vier großen Grenzfestungen Verdun, Toul, Epinal und Belfort sind mit allen Mitteln moderner Technik ausgebaut und durch eine Reihe von Sperrforts miteinander verbunden. Aber es begnügt sich nicht mit diesem Schutz, es arbeitet mit aller Kraft an der Ausbildung seiner Armee, zu deren besserer Ausgestaltung eine ganze Reihe von Maßnahmen teils geplant teils in der Durchführung begriffen sind. Dabei nutzt es seine Volkskraft in einer Weise aus, hinter der Deutschland weit zurückbleibt” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Januar 1912: Stringente Kriegsvorbeitung. Wende zur Aufrüstung.

Nun sei auch in Belgien und Holland ein scharfer Ruck in Richtung auf gesteigerte Rüstungen festzustellen. Gleichfalls unternehme die Schweiz auf dem Sektor des Artilleriematerials verstärkte Anstrengungen. Moltke gipfelte:

“Alle bereiten sich auf den großen Krieg vor, den alle über kurz oder lang erwarten”.

Und weiter:

“Doch liegen die politischen Verhältnisse Europas heute so, daß die Entscheidung über seine künftige Gestaltung wohl nur durch einen Krieg der verschiedenen Staatengruppen untereinander geschaffen werden wird” (Hervorh.v.m., B.S.).

Es ging demnach bereits 1911 nicht um bloße “Verteidigung”, sondern um “Gestaltung”. Was heißt: Deutschland wollte, verbunden mit Österreich, Europa nach seinen Vorstellungen verändern. Der Vorschlag, Armee und Flotte “Hand in Hand” auszubauen, erscheint eher taktischer denn tatsächlicher Natur. Jedenfalls bildete die Quintessenz der Denkschrift Moltkes vom November 1911 ein klares Plädoyer für stringente Aufrüstung.

Bereits Anfang Januar 1912 war klar, dass künftig die Armee in die Rüstungspriorität zurückkehren müsse. Den Vorstoss Moltkes vom 19. Dezember 1911 hatte Heeringen bereits am 29. November beantwortet. Nun bekräftigte der Kriegsminister noch einmal, es ginge nicht darum, “Lücken zu schließen” und dem “Fortschritt der Technik” zu folgen. Es handele

“sich vielmehr um die aus ernsten politischen Verwicklungen sich ergebende Staatsnotwendigkeit einer nachdrücklichen Verstärkung der Wehrkraft nach Kopfzahl und Gliederung. Eine solche Vorlage fordert, einmal beschlossen, so schnell durchgeführt zu werden, als es die Verhältnisse des Heeres gestatten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kriegsminister, darin ganz auf der Seite des Generalstabs- Chefs, forderte von Bethmann Hollweg , “daß die Heeresvorlage in ihren wesentlichen Teilen vorweg oder spätestens mit Beginn der Flottenverstärkung und überhaupt nicht später wie am 1.10.1912 verwirklicht wird”. Die 105 Millionen Mark, die der Reichsschatzsekretär angeboten habe, würden “dem Bedürfnis der Armee und der Marine” nicht annähernd genügen. Die Armee werde für die beschleunigte Durchführung des “Friedenspräsenzgesetzes von 1911″ 99,4 Millionen Mark benötigen. Wesentliche Änderungen des Gesetzes von 1911 bildeten die “Etatserhöhungen der nahe der Grenze stehenden Infanterie” und der völlige Verzicht auf “neue Kavallerie-Formationen”. Die Durchführung der Aufstellung von zwei Armeekorps, mit deren Korpstruppen, seien “lückenlos” durchzuführen, forderte Heeringen. Auch “die Erhöhung der Gemeinen-Löhnung”, um das Eindringen der sozialdemokratischen Agitation in die Kasernen zu verhindern, und den “guten Geist[es] in der Armee” zu erhalten. Auch die Stimmung im Volke gelte es zu stützen, da im Ausland die Meinung aufgekommen sei, “Deutschland sei am Ende seiner finanziellen Leistungsfähigkeit angelangt”.

Annex.

Diary of Sir Goschen (24.5.1910), S. 205. Und prompt erhielt der englische Ausgleichswille einen Dämpfer. Mitte des Monats Juli beabsichtigte der englische König den deutschen Kaiser zu besuchen. Allerdings winkte Schoen ab, als Goschen ihm dies Ansinnen vortrug, denn Wilhelm II. befände sich bis zum Ende des Monats auf einer Kreuzfahrt in der Nordsee.

(Fortsetzung folgt)