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Kriegsentschluß und Kriegsvorbereitung in Berlin bereits 1910/11.

Montag, Juli 20th, 2015

Dr. Bernd F. Schulte

 

INHALT

 

Einleitung

 

33 – Englands imperiale Befähigung schwindet.

– Goschen und die Administration Bethmann Hollweg.

34 – Lagebild des Generalstabs in Berlin.

35 – Generalstäbe: äußerste Zuspitzung der Pläne.

– Ostaufmarsch: Frankreich muß neutral sein.

– Österreichischer Generalstab gegen Politik Ährenthals.

36 – Kooperation zwischen politischer und milittärischer Planung.

37 – Conrad plant: Italien, Montenegro, Serbien und Rußland.

– England.

– Rußland.

– Russische Schwerpunktverlagerun

– Risiko der Schlacht mit verkehrten Fronten.

– Moltke fordert österreichische Offensive in Polen.

– Pizzikato der österreichischen Planung.

– Unklar: Rückverlegung des russischen Aufmarsches.

– Flankierender ebel: die Insurrection Polens.

38 – Informationsstand in Berlin.

39 – Conrad: Tauziehen um 10 Divisionen.

– Der Große Ostaufmarsch 1910/11 (Kesselschlacht in Polen).

– Russen zur Offensive verleiten.

40 – Schlaglicht Marokkokrise 1911: England nun Hauptgegner.

– Das militärische Berlin: Abrechnen mit England.

– Deutscher Operationsplan gegen Belgien, Frankreich, England.

– Österreich tritt auf die Bremse.

– Goschen sucht den Ausgleich.

– Berlin kritisches Kalkül. Machtfaktor Türkei. Ausgleich mit Rußland?

– Kriegsentschluß bereits im Dezember 1911? Zusammenarbeit zwischen Reichskanzler,      Generalstab und Kriegsministerium.

41 – Inspizient des Pionierkorps Mudra: Strategisch keine Probleme.

– Im Westen wie im Osten: Eventuell Zurückgehen bis auf Rhein und Oder.

42 – Die Wende Ende 1911: Der Kriegsminister für die Nachrüstung.

– Blick zurück.

– Folgen der Marokkokrise.

– Hochrüstungsphase in Europa.

– Kritik Repingtons als Katalysator.

43 – Moltkes Rüstungsprogramm: Kriegswille, Abstimmung, Entschluß.

– Zunehmender Offensivgeist.

– Einfluß der Kritik Repingtons.

– Das Bild der Blöcke.

– Krieg mit Frankreich/England leistbar.

– Die türkische Armee – Ass im Ärmel Berlins.

– Operationsziel: das britische Empire.

– In Armenien gegen Rußland.

– Das Resümee Moltkes.

– Rußland – quantitativ überlegen.

– Die britischen BEF in Belgien.

– Frankreich.

– Belgien, Holland, Schweiz.

– Kurswechsel in Berlin: Grundsätzliche Reform der Armee.

– 1.10.1912: Armee kriegsbereit.

 

Einleitung.

Das Jahr 1910 bezeichnet eine bündnispolitisch offenere Situation in Europa, als unter dem Siegel des Blockdenkens bisher gesehen. Der neuernannte britische Botschafter in Berlin, Sir Arthur Goschen, suchte, über den Reichskanzler Bethmann Hollweg, die seit 1908 mit „Invasionsfurcht“ und Navy Scare angespannten Beziehungen zwischen Deutschem Reich und Großbritannien zu verbessern.

Aufmerksam verfolgte der Generalstab in Berlin die gesamteuropäische diplomatisch-militärische Entwicklung. Dass sich die Gewichtung innerhalb der Reichsleitung zugunsten von Generalstab und Reichskanzler verschoben hatte, entnahm Goschen verschiedenen Unterredungen mit dem Kaiser, dessen Position seit der Daily-Telegraph-Affäre geschwächt war. Auch gegenüber dem verbündeten Österreich-Ungarn übernahm Moltke seit 1909 die Rolle eines Militärdiplomaten, indem er mit dem österreichischen Generalstabschef Conrad von Hötzendorff detaillierte Erwägungen und Beschlüsse zu den künftigen Handlungen der deutschen und österreichischen Armeen in einem zukünftigen Krieg anstellte; und das übergreifend für den gesamteuropäischen Raum. Dass die strategische Lage des Dreibundes (unter Einschluss Italiens) keineswegs komfortabel und entspannt war, führte zu äußerst zugespitzten strategischen Machiationen. Keinesfalls aber führten diese zu dem oft behaupteten Automatismus der Bündnisverpflichtungen im Spannungsfall. Also einer Abkoppelung des militärischen Apparates von der politischen Leitung und deren Einfluss. Das wird deutlich an der inneramtlichen Diskussion um die kombinierten Operationen der deutschen und österreichischen Armeen in Russisch Polen. Bis ins Detail erörtern Moltke und Conrad über die Jahre die Möglichkeiten eines Zusammenwirkens gegen die zwischen Warschau und Brest versammelt erwarteten russischen Kräfte.

Dass die Administration Ährenthal keineswegs einer kriegerischen Lösung der Spannungen zwischen Österreich und Russland zuneigte, mag nur ein weiterer Hinweis sein wie offen die europäische bündnispolitische Situation in Wien verstanden wurde. Gern wurde bisher behauptet, diese habe sich einseitig, zielgerichtet auf den Kriegsausbruch von 1914 hinentwickelt. In Berlin ist ablesbar, dass Berliner Generalstab und Reichskanzlei immer stärker zusammenarbeiteten. Der Generalstab setzte einer freien Presseberichterstattung über militärische Fragen Grenzen. Es wurden zentrale Fragen der Kräftegliederung im Kriegsfall bearbeitet, wie zum Beispiel jene der Verwendung von Reservekorps in erster Linie, neben den aktiven Armeekorps. Was zu einer wesentlichen Stärkung der deutschen Armee im Westfeldzug gegen Belgien und Frankreich führte; und, neben dem Durchmarsch durch die Ardennen, die französische Heeresleitung 1914 überraschte. Detailliert wurde ferner der Kampf um Festungen überarbeitet und so die Grundlage für ein rasches Durchschreiten Belgiens mit Kriegsbeginn geschaffen.

Im Verlauf des Jahres 1910 entwickelte der österreichische Chef des Stabes eine Operationsplanung, analog der deutschen. Beide Staaten führten einen Zweifrontenkrieg. Österreich stand sogar zwischen Italien im Westen, Russland im Osten, und dem Balkan. Alles lief auf die zeitlichen Vorgaben der den Krieg auslösenden Krise hinaus. Kompliziert wurde zunehmend der Operationsplan der deutschen und österreichischen Kräfte im Osten durch eine Schwerpunktverlagerung der russischen Gesamtkriegsführung zwischen Ostasien (Japan) und Europa. Schlussendlich die Einrichtung einer „Centralarmee im Wolgagebiet“.

Im Einzelnen galt es zu einer Abstimmung der deutschen und österreichischen Anstrengungen zu gelangen, hinsichtlich des Kräfteaufwandes und schließlich der zu ergreifenden Aktionen am Narew, wie zwischen Krakau und Lemberg. So kam Wien zu einem äußerst gewagten offensiven Vorgehen in Südpolen gegen die inneren Flügel der russischen Aufstellung. Gefordert war vor allem ein rascher Aufmarsch, der den Russen zuvorkäme; und ein entschlossenes Ausnutzen punktueller zahlenmäßiger Überlegenheit. Chancen hatte dieses Vorgehen, solange die russische Führung den Aufmarsch nicht auf Brest zurückverlegte. Diese Lagebeurteilung erforderte zugleich rasche politische Entscheidungen, die es jedoch 1908/09, und augenscheinlich auch 1910, nicht gab. Eine Revolutionierung Polens war zudem ins Auge gefaßt. Benötigte jedoch bereits im Frieden stringente Vorbereitungen.

In Berlin wurde noch bis 1914 mit einer italienischen Armee am Oberrhein geplant und erschien in der öffentlichen Meinung Europas ein deutscher Durchmarsch durch Belgien als selbstverständlich. Der Große Ostaufmarsch war allerdings für einen Moment ernsthaft umstritten, als es darum ging, dass 1910 Moltke bereits von lediglich 8 deutschen Divisionen östlich der Weichsel spricht. Was natürlich den energischen Widerspruch Conrads herausforderte. Die Angaben schwankten außerdem zwischen 32 und 43 Divisionen zwischen Thorn/Graudenz und Allenstein. Moltke sagte schließlich, für den Fall eines deutsch-österreichisch-rumänischen Krieges gegen Russland 43 Divisionen (21 Armeekorps) zu.

Mitte 1911 vertrat Berlin einen russischen Ost-West-Vorstoß in Richtung Posen und die Zangenoperation, aus Ostpreußen und Galizien, in die linke und rechte Flanke des russischen Aufmarsches. „Schlagartige Erfolge“ seien so zu erreichen. Selbst die russische Zentralarmee sollte so aktiviert werden. Auch Conrad erwartete die russischen Kräfte in Polen 1911 aktiv; anders als 1812.

Im Zuge der Marokkokrise des Sommers 1911 fanden in Berlin intensive militärische Gespräche statt, die zeigen, wie sehr künftig der Generalstab auf den Krieg mit England eingestimmt war. Moltke und Kiderlen beabsichtigten England über Marokko zum Krieg zu zwingen, um dieses auf dem Festland zu treffen. Der Generalstabschef erklärte sich österreichischen Gesandten, die auf der Höhe der Marokkokrise mit dem Generalstab Kontakt suchten, geradezu demonstrativ als Englandgegner (wie sein Freund Colmar v.d.Goltz-Pascha, der Ausbilder und Ausrüster der türkischen Armee). Berlin war offensichtlich von der Kampfkraft der 700.000 türkischen Bajonette überzeugt und setzte gegen England ganz auf die Speerspitze des Osmanischen Reiches gegen das britische Empire in Ägypten, am Suezkanal, Euphrat und Tigris wie in Basra und Kuwait. So konzentrierte sich nun der deutsche Kriegsplan, um den 1. September 1911, in erster Linie auf Frankreich, Belgien und England.

Eine Kriegshysterie in Frankreich und Deutschland war im Begtriff sich zu entwickeln. Franzosen wie Deutsche erwarteten vom jeweils anderen militärisch überfallen zu werden. In dieser Situation trat Österreich auf die Bremse. Marokko bildete, nach dem Zweibundvertrag von 1879, wie 1905 in Algeciras, für Wien jedoch keinen Kriegsgrund. Der britische Botschafter in Berlin sucht während eines Besuches auf Schloss und Gut des Reichskanzlers, in Hohenfinow, die bestehenden Spannungen auszuräumen. Er verfolgte den richtigen Weg, denn Bethmann Hollweg führte die deutsche Politik – und niemand anderer.

Einmal war schwierig zu entscheiden, ob die Türkei stark genug sei, einen Machtfaktor gegenüber England und Russland zu bilden. 1910/11 waren sich die Londoner Außenpolitiker durchaus nicht sicher, ob Russland fest an der Seite Englands stehe, Belgien nicht doch deutschfreundlich reagiere, und selbst Frankreich im Falle des Falles wackele.

Als äußerst aufschlußreich für das konsequente miltärisch fachliche Denken in Berlin stellt sich eine Denkschrift des Goltz-Vertrauten, und Nachfolgers auf dem Posten des Chefs des Pionierkorps und des Festungswesens, Mudra, heraus. Sowohl im Osten wie Westen wird hier ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass es in der Anfangsphase des Krieges im Westen, wie im Osten möglich sei, dass die Armee bis zum Rhein, bzw. bis zur Oder ausweiche. Für den Osten bedeutete das eine weitere Ausgestaltung der Festungen an der unteren Weichsel wie der mittleren und oberen Oder. Flankiert wurden diese technischen Vorbereitungen durch grundsätzliche Schwenks in Kriegsinisterium und Generalstab. Eswird deutich, dass bereits die Administration Heeringen sehr viel weiter im Hinblick auf die zahlenmäßige Verstärkung der Armee gehen wollte, als dies bisher bekannt ist. Bereits 1911 wird damit bis hart an den Kriegsentschluß herangegangen. Keinesfalls wollte sich Berlin überrüsten lassen und wurde darin, bezogen auf die Armee, durch die harsche Kritik des Militärkorrespondenten der Times, Oberst a.D. À Court-Regington bestärkt, der die deutsche Armee im Kaisermanöver 1911 in Vorpommern als antquiert und überholt, als Armee zweiten Ranges, darstellte.

Der alljährlichen Tradition (wohl seit 1903), in einer militärpolitischen Denkschrift dem Reichskanzler die allgemeine Lage, und daraus folgende Maßnahmen zu entwickeln, folgte Moltke erst Recht im Herbst 1911. Angesichts der zunehmenden Kriegslust in Europa schloß der Chef, ein begrenzter Krieg à la 1911 werde leistbar sein. Doch ein Problem werde der umfassedere Kriegsfall mit den Westmächten plus Rußland darstellen. Ein Ausweg schien mit dem Erstarken dert ürkischen Armee gegeben. Dies vor allem, weil nun England als der eigentliche Gegner erkannt war. Auch gegen Rußland, in Armenien, schienen die deutsch ausgebildeten Türken hilfreich. Mehr als zuvor war die quantitative Überlegenheit des West-Ost-Bündnisses durch die russischen Armeen in Polen bestätigt. Dem sollte, durch eine umfassendende, auch zahlenmäßige, Heeresvermehrung entsprochen werden. Allerdings, von Angst und Schrecken in Berlin (Dieter Groh, 1974 und Stig Foerster): keine Spur!

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33 – Englands imperiale Befähigung schwindet.

Die englische Regierung, die Liberalen, verloren in der allgemeinen Wahl vom Januar 104 Sitze an die Konservativen. Ihre bedeutende Mehrheit von 102 Stimmen schmolz auf zwei. Der Premierminister Asquith bezeichnete das königliche Veto, das seit 1707 nicht mehr eingesetzt wurde, als „buchstäblich so tot wie Königin Anna“. Lloyd George blieb zu diesem Vorgang, Zeit seines Lebens, der Überzeugung, dass, hätten die Parteimaschinerien seine Vorschläge befolgt, es weder zur Revolution in Irland, noch zum Krieg mit Deutschland gekommen wäre. Dennoch war die außenpolitische Bedeutung König Georgs V. beträchtlich. Seine Reisen und Unterredungen mit Gesprächspartnern, Souveränen und Politikern auf dem Kontinent hätten, in weniger kundigen Händen, auch weniger erfolgreich ausfallen können. Die Wirkung Georgs V., in seiner Zeit, wurde, in deren Zwischentönen, etwa so gefaßt wie hier bei Nicolson:

„Die Regierungszeit der Königin Victoria kann man als eine Periode stetig wachsender Stabilisierung bezeichnen. Die Zeit König Eduard VII. war ein Zwischenakt verschwenderischen Reichtums und unangefochtener Macht. Unter König Georg begannen die Grundlagen dieser Stabilität zu wanken, schwand unsere Macht und unsere Prosperität und traten neue Kräfte auf den Plan, die binnen einem Vierteljahrhundert die Struktur der ganzen Welt veränderten“ (Hervorh.v.m., B.S.).

König Georg V., so wird allerdings bestätigt, habe dieser – „stets schlau und hellhörig und von klarerem Blick, für die den Ereignissen zugrunde liegenden Tendenzen, als manche seiner Minister“ – dennoch nicht die Kraft besessen, das gespaltene Inselreich und erst recht nicht den gespaltenen Kontinent zusammenzuführen.

Großbritannien befand sich Anfang des Jahres 1911 in einer ernsten innenpolitischen Krise. Die inzwischen organisierten Eisenbahner drohten mit Streiks. Im Herbst 1910 waren diese in den Tälern von Rhonda und Aberdare ausgebrochen. Ausschreitungen begleiteten die Ausstände. Im Januar brach auch in der Sydney Street/Eastend London eine Schlacht zwischen den Scots Guards und Anarchisten aus. Churchill lugte, trotz Ministeramt, um die Ecke von Sydney Street. Georg V. machte ihn später darauf aufmerksam, dass dies nicht zu den Pflichten eines Ministers gehöre. Weitere Streiks in der ersten Jahreshälfte der North-Eastern Eisenbahn, der Seeleute-Gewerkschaft, wie der Dock- und Transportarbeiter, veranlassten die Mobilisierung von Truppen aus York für Manchester.

864 Streiks mit 1 Million Arbeitern. Es gingen 1911 101/4 Millionen Arbeitstage verloren. Die gesamte Garnison von Aldershot wurde nach London verlegt. Das Parlament stellte Schutzleute ein. Die Büchsenmacher von St.James Street und Pall Mall verkauften binnen 48 Stunden ihre gesamten Bestände an Revolvern. Dem Eingreifen von Lloyd George, und dessen Einfluss auf den Chef der Eisenbahnergewerkschaft, Thomas, war es zu danken, dass von England „ein so schweres Unglück“, wie es ein Streik dieses Ausmaßes bedeutet haben würde, ausblieb. So gestaltete sich die innere Lage in Großbritannien Anfang des Jahres 1911. Eine Szene, die in der deutschen Historiographie bislang kaum gewürdigt wurde.

 

– Goschen und die Administration Bethmann Hollweg.

Goschen berichtete vor diesem Hintergrund am 1. Januar über sein Gespräch mit dem Kaiser, das anlässlich einer „Gala“ im Stadtschloss stattgefunden habe. Wilhelm II. bemerkte gegenüber dem britischen Gesandten:

„He bullied me about the Speeches in England – and said ‘Not much of the Peace and Good will over there such as we expect at this Season. You have all gone mad and you seem to think that I am always standing with my battle-axe behind me waiting for an opportunity to strike’. He said what amazed him most was that the worst speeches were made by the Upper Classes. I told him that I had already been scolded by the Chancellor – on which he clapped me on the shoulder and said ‘I am glad he did scold you – he is very angry’“(Hervorh.v.m., B.S.).

Es ging um die deutsch-englischen Beziehungen in der Amtszeit Bethmann Hollwegs, welche sich auf Talfahrt befanden. Doch mit dem Tod König Eduard VII. wurde in London eine neue Parole ausgegeben. Der neue König informierte Goschen,

„he should do his best to keep up the best private and public relations with Germany. But he didn’t seem keen about a definite understanding on German lines!“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Zu Beginn der Urlaubszeit verfehlte Bethmann Hollweg nicht, Gerüchte um den neuen Staatssekretär des Auswärtigen, Kiderlen-Wächter, gerade zu rücken. Er versicherte Goschen:

„Don’t you trouble about Kiderlens’s sentiments – it is I that directs the Imp’l For[eign]. policy – ‚et c’est moi qui inspire les sentiments’ (Hervorh.v.m., B.S.).

Goschen begann sich in der Folge der Aufgabe zu unterziehen, seinen wichtigsten Gesprächspartner in Berlin zu erforschen. Er vermutete, Bethmann Hollweg werde versuchen, die Bülowianer um ihn herum los zu werden, um Männer seiner Wahl heranzuziehen und

„to try to put into practice his theory of governing over the heads of the parties“.

 

34 – Lagebild des Generalstabs in Berlin.

Parallel vermittelt ein Blick auf die Beziehungen der militärischen Stellen mit den politischen und zivilen, einen regen Austausch. So erreichten den Generalstab im Januar 1910 laufend Berichte zu Marschall [der deutsche Botschafter in Konstantinopel], der offenbar beim Auswärtigen Amt auf eine deutsch-türkische Militärkonvention dränge. Auch betreffend Vorgänge in Griechenland. Die meisten dieser Berichte gingen an das Militär Kabinett zurück oder verblieben (wenn nicht anders angemerkt) beim Chef des Generalstabes. Dazu kommen Berichte der Mililitär Attachés, die direkt über alle möglichen Dinge (z.B. Besuche des Kaisers in der Schweiz) handen. Die politische Rolle des Generalstabs mag deshalb seltsam überhöht erscheinen. Dass Moltke seinerseits den Kontakt zum Admiralstab hielt, zeigte dessen Schreiben an den Chef des Admiralstabes. Der Stabschef kündigte die Absicht an, die große Generalstabsreise des Jahres 1910 in Schleswig-Holstein abzuhalten.

Dass der Kaiser andererseits durch die Folgen der Daily Telegraph- und Hale Interview-Affären politisch und persönlich äußerst mitgenommen war, infolgesessen an Abdankung dachte, und der Kronprinz und die Kaiserin bereits Morgenluft witterten, ist unbestritten. Goschen bestätigt in dessen Tagebuchnotizen diese Entwicklung und erweiterte das Bild vom eigentlichen Machtzentrum in Berlin, indem er Wilhelms II. dunkle Äußerung vom 27. Januar wiedergibt, die ahnen lässt, was hier tatsächlich in der Machtzentrale vorging. Goschen berichtet:

„Then he scolded me again for the speeches in England and w’d not listen when I wanted to tell him that it was more admiration for Germany’s activity and strength than abuse. Then he uttered the cryptic phrase ’I am not the strong man – that is someone else!!’ I don´t know to this minute what he meant“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Eine Andeutung, die in direktem Zusammenhang mit dem neu berufenen, sehr viel stringenteren Reichskanzler, und dessen Verbindung zum Generalstabchef, verstanden werden könnte. Wie zerrissen Wilhelm II. über die Jahre war, illustrierte seine Äußerung wenig später, wenn er sich über das vorgebliche Ende des deutsch-englischen „Navy Scare“ äußerte. Der Kaiser beklagte gegenüber Goschen,

„that he had during 22 years striven to be England´s best friend – and that no one in England ever seemed to believe it. He couldn’t understand the English he felt inclined to ask them in the words of the old song ´Oh Juliar – Oh Juliar – why are you so peculiar?´!!“ (Hervorh.v.m., B.S.).

 

35 – Generalstäbe: äußerste Zuspitzung der Pläne.

Der österreichische Generalstabschef, Conrad von Hötzendorf, eröffnete Anfang Januar Verhandlungen mit Moltke, die auf einer neuen Ebene höherer Intensität der planerischen Vorarbeiten abliefen. Obwohl „die Verhältnisse“ für die verschiedenen Kriegsfälle „im Allgemeinen und Wesentlichen die gleichen geblieben“ seien, gelangte der Österreicher, unter sorgfältiger Abwägung der möglichen Fälle, im Einzelnen zu der Erkenntnis, die Bedeutung der Türkei nehme bedeutend zu, Rumäniens Teilnahme auf Seiten Österreichs und Deutschlands sei nahezu unverzichtbar und mit Italien als Gegner sei in jedem Falle zu rechnen. Das wurde als Begründung dafür angeführt, dass von österreichischer Seite nunmehr „auch der[n] Kriegsfall gegen Italien in Betracht gezogen“ werde. Aus der Disposition „Italien, Serbien und Montenegro“, unter gleichzeitiger Neutralität Rußlands und Frankreichs, leitete Conrad den günstigsten Fall „Balkan“ für Österreich her. Die Erwartungen des Wiener Stabschefs, Japan würde Rußland in Ostasien fesseln, erscheinen zu diesem Zeitpunkt in Wien als recht entscheidend eingestuft. Der Fall „Italien, Serbien, Montenegro und Russland“ gegen Österreich erfordere selbstverständlich das Eingreifen Deutschlands, so Conrad gegenüber Moltke. Der österreichische Chefstratege ergänzte:

„Deutschland tritt im Sinne des Vertrages vom Jahre 1879 an die Seite der Monarchie und löst damit auch das kriegerische Eingreifen Frankreich’s aus. So wie in diesem Falle, nach den geschätzten Mittheilungen Euer Exzellenz; Deutschland seine Hauptmacht vorerst gegen Frankreich wende,- gegen Rußland aber nur secundäre Kräfte (13 Divisionen) belassen würde,- um erst nach einem durchgreifenden Erfolg gegen Frankreich gegen Rußland die Entscheidung zu suchen – würde analog unsererseits mit der überwiegenden Hauptmacht ein Erfolg zuerst gegen Italien angestrebt werden, um erst nach einem solchen sich gegen Russland zu kehren“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Wie der deutsche, so disponierte auch der österreichische Generalstab augenscheinlich unter äußerster Zuspitzung seiner Planungen. „Auch gegen Russland“ stellte Conrad „nur 5 Inf[an]t[erie].- Divisionen erster Linie…, Alles in Allem 9 ½ Inf[an]t[erie]., 4-6 Cav[allerie].Div[isio]nen)“ in die Rechnung „Galizien“ ein. Diese Kräfte würden natürlich „einer groß angelegten russischen Offensive …nicht“ widerstehen können. Vorgesehen wurde daher,

„unter möglichster Verzögerung des feindlichen Vorrückens, über die Karpathen zurückzugehen und zwar mit der bei Lemberg-Przemysl versammelten stärkeren Gruppe im Allgemeinen in der Richtung auf Budapest, mit der bei Krakau versammelten schwächeren Gruppe im Allgemeinen in der Richtung auf Wien“.

„Im äußersten Falle“ wurde die Verteidigung des Landes „an der Donau Strecke Wien-Budapest“ vorgesehen. Dort sollte

„die russische Offensive so lange zum Stehen gebracht werden, bis das Eintreffen der in Italien freigewordenen Hauptkräfte zu erfolgen vermöchte“.

Alles, was eine genauere Festlegung möglich mache, sei allerdings „dermalen“ nicht zugänglich. Ob ein derartiges Zurückgehen überhaupt notwendig, wie weit es ausgreifen würde und wann die „Hauptkräfte zum offensiven Rückschlag einzusetzen“ seien, war nicht abzusehen. Russlands Verhalten sei hierfür entscheidend. Dafür seien, so Conrad, die Rückverlegung des russischen Aufmarsches“ und dessen „Sorge um seinen ostasiatischen Besitz…Momente, welche dem raschen Wirksamwerden einer russischen Offensive“ entgegenstünden. Ein derartiger Kriegsfall erschien dem Wiener Stabschef als „recht schwieriger, wenn auch im Enderfolg durchaus nicht hoffnungsloser“. Infolgedessen aber forderte er von der Diplomatie, „einer solchen Constellation vor[zu]beugen“.

Am 30. Januar bestätigt Moltke dem österreichischen Generalstabschef die im Jahre 1909 getroffenen Vereinbarungen als weiterhin bindend. Diese seien „den diesjährigen Mobilmachungs-Vorbereitungen…zu Grunde gelegt worden“. Er unterstreicht die ebenfalls von Conrad hervorgehobene Bedeutung der Türkei in einen Balkan- wie einem allgemeinen europäischen Konflikt

„bei einem Kriege der Monarchie auf dem Balkan, (sondern) auch bei einem solchen der Verbündeten gegen Rußland und eventuell Frankreich“.

Moltke sucht die Türkei dem österreichischen Generalstabschef nahe zu bringen, und betont deren Bedeutung auch in einem Balkankrieg. Moltke erläutert:

„Zwar sind die Verhältnisse in Constantinopel noch zu wenig geklärt, um die türkische Armee als sicheren Faktor in die militärischen Erwägungen einstellen zu können, aber ich glaube bestimmt, daß auch ohne formelle vorherige Abmachungen der Selbsterhaltungstrieb die Türkei in einem auf dem Balkan ausbrechenden Kriege an die Seite Oesterreich-Ungarns führen wird“.

Den so gewonnen „Kräftezuwachs“ bezeichnet der Berliner Stabschef als „von nicht geringer Bedeutung“. Für 1913/14 erwartet er die türkischen Streitkräfte als „vollwertig“. Rumäniens Haltung erscheint ihm als zuverlässig. Herausragende Aufmerksamkeit widmet Berlin offensichtlich dem österreichisch-italienischen Verhältnis. Moltke betont, „das Verhalten Italiens“ spiele

„für die Erwägungen der oesterreichisch-ungarischen Heeresleitung eine ähnliche Rolle, wie dasjenige Frankreichs für die Erwägungen der deutschen Heeresleitung“.

 

– Ostaufmarsch: Frankreich muß neutral sein.

Der deutsche Chefplaner folgert:

„Sollten diese beiden Staaten bei einem Kriege der Verbündeten gegen Rußland sofort auf die Seite unserer Gegner treten, so würde die Lage, wenn auch ernst, doch klar und einfach sein“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Für diesen Fall plant Moltke den deutschen und österreichischen Angriff mit deren „Hauptkräften auf Frankreich und Italien. Gegen Rußland sollten von deutscher Seite 91/2 Infanterie-Divisionen und 4 bis 6 Kavallerie-Divisionen, von österreichischer Seite 13 Infanterie und 2 Kavallerie-Divisionen „ins Feld“ gestellt werden. Das entbehrte nicht der Realität, da der russische Aufmarsch zurückverlegt und damit deren Operationsbereitschaft beträchtlich verzögert werde. Moltke erwartet, selbst mit diesem geringen Kräfteansatz könne „eine [deutsch-österreichische] Offensive unternommen werden“. Die Überlegung, zunächst gegen Italien vorzugehen, erweitert Moltke um den Gedanken, es sei

„der Fall denkbar, dass beide Verbündete ihre Vorbereitungen gegen den für sie wichtigsten Gegner treffen, also Oesterreich-Ungarn gegen Italien, Deutschland gegen Frankreich“.

Für den Fall jedoch, diese Staaten blieben neutral, sieht Moltke die Gefahr, „Rußland mit seinem slawischen Gefolge“ bedrohe „inzwischen die Grenzen“; dann Frankreich und Italien den Krieg zu erklärten, um die Lage zu bereinigen, sei “aber aus rechtlichen, politischen und allgemein menschlichen Gründen nicht anwendbar“. Als Ausweg sieht der Stabschef daher,

„wenn der Krieg zwischen den Verbündeten und Russland als unausweichlich und unmittelbar bevorstehend angesehen werden muß, seitens der deutschen Regierung eine umgehende und völlig klare Erklärung von der französischen Regierung darüber gefordert wird, wie dieselbe sich bei ausbrechendem Kriege zu verhalten gedenkt. Diese Erklärung muß sofort erfolgen, denn die Entscheidung, ob die deutschen Hauptkräfte gegen Westen oder gegen Osten aufmarschieren sollen, duldet keine Verzögerung. Eine ausweichende oder zweideutige Antwort würde als gleichbedeutend mit der Kriegserklärung angesehen werden müssen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Anzeichen für eine streng neutrale Haltung Frankreichs dagegen würden von deutscher Seite die Zusicherung zulassen,

„auch Deutschland [werde] keine Feindseligkeiten gegen dasselbe [zu] unternehmen, d[as].h[eißt]. die westlichen Grenzfestungen werden nicht armiert, und der Grenzschutz tritt nicht in Wirksamkeit. Die gesammte Armee wird zwar mobil gemacht, aber diejenigen Teile derselben, die nicht in erster Linie gegen Russland eingesetzt werden können, verbleiben zunächst mobil in ihren Standorten“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Eine Aussage, die, in dieser Konsequenz, ein wesentlich neues Licht auf die immer noch vorherrschende These vom Automatismus der Mobilmachungen wirft. Eingeschlossen war hiermit eine Ermutigung der Österreicher im Hinblick auf den Kampf mit Russland. Das bestätigt Moltke, wenn er fortfährt:

„Die vom deutschen Generalstabe getroffenen militärischen Vorbereitungen sind den vorstehenden Erwägungen gemäß so angeordnet, dass bei einer befriedigenden Neutralitätserklärung Frankreichs die für diesen Fall mit Eurer Excellenz verabredeten Truppenmengen sofort an die Ostgrenze abgefahren werden, während der Rest der Armee zunächst mobil im Bedarfsfalle nach Osten nachgezogen, oder alsbald gegen Frankreich eingesetzt zu werden, wenn dieses in seiner Neutralität schwankend werden sollte“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Ein tiefer Einblick in eine erhebliche Variationsbreite der operativ-strategischen Planung wird hiermit gewährt. Der Berliner Chefstratege betont nicht nur die gewaltige zahlenmäßige Unterstützung, die Österreich damit durch Deutschland zuteil werden könne, sondern verweist unmittelbar anschließend auf den unverbrüchlichen Willen des Reichs, zu den getätigten Zusicherungen zu stehen. Und dies trotz des Nachteils, dem „gefährlichsten Gegner – Frankreich – längere Zeit nur unterlegene Kräfte entgegenzustellen“. Moltke schließt an:

„Trotzdem habe ich diesen Aufmarsch ebenfalls bearbeiten lassen, um auch unter den ungünstigsten Verhältnissen den Verpflichtungen gegen unserem hohen Verbündeten nachkommen zu können“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Abseits aller, wie auch immer motivierten, Wünschbarkeiten auf österreichischer Seite betont Moltke, zum Abschluss seines Schreibens, die bedrohliche Lage und das lastende Gewicht einer Entscheidung für Krieg. Der Kriegsfall „Österreich-Ungarn-Deutschland gegen Russland und die Balkanstaaten, Frankreich und Italien“ werde „einen Kampf auf Leben und Tod bedeuten“. „Klare Verhältnisse“, „wer Freund und wer Feind ist“, seien vonnöten. Dafür zu sorgen, sei die „Pflicht der Diplomatie“. Doch diese Kriegskonstellation werde zu verhüten sein. Moltke stimmt damit der gleichlautenden Forderung Conrads zu.

 

– Österreichischer Generalstab gegen Ährenthals Politik.

Der österreichische Außenminister pflichtet Conrads Tendenz, zu diesem Zeitpunkt bereits festzulegen, wer in einem Krieg mit Rußland als Freund oder Feind zu bezeichnen sei, nicht bei. Vielmehr sieht Aehrenthal „Rußland auf Jahre hinaus außer Stande…, eine aktive Politik zu führen“. Auch scheint ihm kein Gegensatz zu Österreich und Deutschland gegeben; zumal die Verbündeten „konsequent darauf hinarbeiten“ würden, „nach und nach mit Rußland freundschaftlichere Beziehungen anzuknüpfen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad unterstreicht, in seiner Antwort an den Berliner Chef am 23. Februar, daß die bisherigen Abmachungen zwischen Berlin und Wien gelten würden und schrieb, ganz im Sinne der österreichischen Interessen:

„Was das für den Fall eines Confliktes mit Rußland deutscherseits an Frankreich zu richtende Ultimatum anlangt um festzustellen ob sofort gegen Osten oder gegen Westen mit der Hauptkraft loszuschlagen ist,- so wird österr[eich].-ung[arischer].seits in diesem Falle Italien gegenüber der gleiche Vorgang eingehalten sowie überhaupt sowohl diplomatisch als militärisch nur im vollen Einklang mit Deutschland vorgegangen werde“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad stimmt Moltke zu, damit die gemeinsame Auffassung betonend,

„daß in dem Moment wo die Mobilmachung ausgesprochen wird, volle Klarheit darüber herrschen muß wer Freund und wer Feind ist“.

Am 8. April überbringt der deutsche Militärattaché in Wien, Graf Kageneck, ein Schreiben Moltkes an Conrad, in dem der Chef des Generalstabes die Mitteilung des rumänischen Attachés Hauptmann Ruscanu übermittelt, worin Bukarest signalisiert, die rumänische Armee werde nunmehr nach Bessarabien hinein offensiv an der Seite Deutschlands und Österreichs auftreten. „Das Erstarken der Türkei“ entlaste Rumänien an der bulgarischen Front. Moltke kommentiert diese Entwicklung mit dem Bemerken, die Rumänen würden hoffen, „sich mit dieser Operation beim Friedensschlusse ein Anrecht auf Wiedergewinnung derjenigen Teile von Bessarabien“ zu sichern, „die sie im Berliner Kongreß 1878“ hatten aufgeben müssen.

 

36 – Kooperation zwischen politischer und miliärischer Planung.

Auch im Jahre 1910 wird in Kontinuität „über die italienischen Mil[itär].Transporte“ verhandelt. Am 22. April übersendet das Kriegsministerium einen Bericht des „Mil[itär].Bevollmächtigten[/] Petersburg über den russischen Heeresetat 1910“. Auch das Schreiben des Militär-Attachés in Bukarest über eine Audienz beim König von Rumänien zu dessen „Stellung…zum Drei[er]bund“ läuft am 8. Mai über das Kriegsministerium ein. Anfang Juli berichtet Moltke über die „kriegerische Verwendung von Ersatzformationen der Feldtruppen aufgrund der Erfahrungen des Winterkriegsspiels 1909/10 und der Gen[eral].stabs-Order [von] 1910“. Der Schriftwechsel dazu erstreckt sich vom 5. bis 20. August. Mit dem Militärbericht Nr.96 wird am 20. September aus Brüssel „vor deutschen Zeitungsaufsätzen über die…belg[isch].- holländ[ische]. Neutralität“ gewarnt. Es zeigt sich die „ungeheuerliche Wirkung von solcher Literatur in Belgien!“ In der Kölnischen Zeitung vom 28. September wird „daraufhin auch die offizielle Antwort“ gegeben in

„der die Diskussion für überflüssig und die Rede von deutscher Neutralitätsverletzung für ‚Verdächtigung’ erklärt wird (wohl vom Kriegsminister veranlaßt)“

Der Chef des Generalstabes bittet am 18. November das Kriegsministerium, „daß Erörterungen dieser Art unterbleiben“. Daraufhin hält eine „Notiz des Referenten“ im Kriegsministerium vom 12. Dezember zum „Op[erations].Plan“ das „Einvernehmen mit [dem] Chef des Gen[eral].Stabs für dringend erwünscht“. Es sollen künftig

„in der deutschen Presse Erörterungen…über [den] mutmaßlichen Verlauf künft[iger]. Kriege…vermieden werden(!!). [Das] Mil[itär].W[ochen].Bl[att]. und Neues Mil[itär].Bl[att]. sind verständigt“.

Mitte August 1910 kommt die „Anleitung für den Kampf um Festungen“ (D.V.E. Nr.250) heraus. In einem Exemplar findet sich die handschriftliche Anmerkung zum Abschnitt „B. Angriff auf die Sperrfortline“. Es geht in diesem „Beispiel“ um den „Angriff der [deutschen] 4. Armee gegen die Sperrfort Linie der mittleren Maas (Toul-Verdun). Zunächst („1.“) wird die Frage nach der Angriffsrichtung der „4. Armee“ gegen die Sperrfortlinie gestellt, „wenn sie von Feldtruppen besetzt ist“. Zweitens wird gefragt:

„Wie erzwingt die 4. Armee den Durchbruch und den Übergang über die Maas, wenn das linke Maasufer durch feindliche Feldtruppen besetzt ist“.

Drittens wird nach der „Gliederung der 4. Armee zum Angriff auf die feindlichen Feldtruppen auf dem linken Maasufer in Linie St.Mihiel-Verdun“ gefragt. Es wird diskutiert: „Welche Teile der Armee greifen die Sperrforts selbst an und wann?“ Auch das weitere Verhalten der Armee „nach dem Übergang“ über die Maas erscheint diskussionswürdig („4“). Sollten die Kräfte zunächst „auf den Fall der Sperrforts warten?“

 

37 – Conrad plant: Italien, Montenegro, Serbien und Rußland.

Mitte April fixiert der österreichische Stabschef Moltke gegenüber seine Position zu den möglichen Kriegsfällen mit Rußland, Italien, Serbien/Montenegro. Italien wird in seinen „territorialen Aspirationen“ in „Südtirol, Triest, Istrien“, und an der Adriaküste, als Gegner erfasst. Montenegro erscheint mit dessen Zielen in „Süd-Dalmatien und Süd-Hercegowina“ als Rammbock zur „Loslösung der Serben (Südslawen) von“ Österreich-Ungarn. Serbien schlägt in demselben Sinn zu Buche; zuzüglich Bosnien’s. Rußland steht, in Conrad’s Urteil, mit dessen Machtinteresse, hinter diesen Tendenzen auf dem Balkan. Der Generalstabschef betont:

„Rußland welches in seinem Streben nach gesichertem Besitz der Meerengen in der Monarchie ein Hindernis erblickt und welches eine Erweiterung seiner Machtsphäre in Europa von der Aufbietung und Zusammenziehung des gesammten Slaventums erwartet wodurch die Monarchie in ihren Grundfesten erschüttert würde. … Ein für Rußland unglücklicher europäischer Krieg würde Süd= und Westslawen am sichersten für die Monarchie erhalten und von Rußland trennen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad legt das vordringliche Kriegsziel der Donaumonarchie offen und umreisst gleichzeitig die Basis des deutsch-österreichischen Bündnisses. Italien, Montenegro, Serbien und Rußland erschienen als natürliche Gegner der Monarchie. Die Türkei und Bulgarien würden sich, so nahm der Wiener Stratege an, „stets gegenseitig paralysieren“. Frankreich habe „keine direkten Gegensätze zur Monarchie“, komme „jedoch als Gegner Deutschlands in Betracht,- insbesondere infolge seines Allianzverhältnisses mit Rußland“.-

England.

Außer Flotten-, Landungs- und Vorstoßunternehmungen über italienisches Gebiet sieht der Wiener Generalstab keine direkten Fronten mit Frankreich. Dies vor allem, da Deutschland über ein derart großes „Machtaufgebot“ verfüge. Über die Verwendung österreichischer Alpentruppen auf deutscher Seite stellt Wien dennoch Überlegungen an.

England werde „wie bisher…zunächst abwarten“. Im Falle eines britischen Kriegseintritts erwartet Conrad:

„…das Gros seiner Flotte, sowie seine verfügbare Landmacht (angeblich 6 Di[visi]onen) gegen Deutschland“.

Die Schweiz wurde auf der Seite „der Gegner Italien´s“ erwartet. Die „politische Rolle Japan´s“ schien „von schwerwiegenster Bedeutung“. Mit Blick auf den Russisch-Japanischen Krieg sieht der Wiener Stratege das Zarenreich

„vor der Frage, ob es das Schwergewicht seiner aggressiven Politik vorerst auf Ostasien verlegen und daher in Europa Ruhe halten will, oder umgekehrt zuerst in Europa abrechnen und dann erst sich gegen Japan wenden will“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Rußland.

Der österreichische Generalstab erwartete allerdings n i c h t , dass Rußland, bedingt durch die Niederlage gegen Japan, und die so entstandene „militärische Rückständigkeit“, in Kürze in Europa auftreten werde. „Die Rührigkeit Japan´s“, der „Ausbau der sibirischen Bahn“ und „die russischen Rüstungen“ ließen Conrad „in Bälde“ mit einer „Aktion in Ostasien“ rechnen. Das werde „infolge der offensiven Politik Rußlands“ in Ostasien und „letztenfalls, wenn man Rußland´s Schwäche ausnutzen wollte“, zu einer „kriegerischen Aktion der Monarchie gegen Rußland“ (Hervorh.v.m., B.S.) zu nutzen sein. Doch diese Überlegung erachtete der Wiener Stabschef als eher akademisch. Er plädierte stattdessen dafür, die Schwäche und Ablenkung Rußlands zu einem Schlag gegen Italien, Serbien und/oder Montenegro auszunutzen. Sollte es allerdings zum Krieg Österreichs, verbündet mit Deutschland und Rumänien, „gleichzeitig gegen diese drei Staaten und Rußland“ kommen, so bezeichnete er diese Eventualität als einen großen Misserfolg der Diplomatie. Denn die Politiker würden mit dem Fortbestand des Dreibundes – und damit den Anschluss Italiens an Österreich und Deutschland – rechnen. Conrad sah jedoch Italien eher auf der Seite Frankreichs und Englands, deren Mittelmeer-Flotten Rom veranlassten, nach Westen abzuschwenken. Auch würden die „nationalen Sympathien [Italiens] viel mehr zu einem Bündnis mit Frankreich als zu einem solchen mit Österreich-Ungarn und Deutschland neigen“.

Russische Schwerpunktverlagerung.

Conrad erörtert im Folgenden die Kriegsfälle Rußland und Balkan, Italien und Balkan, sowie Balkan und Italien-Rußland für das Jahr 1911. Im Fall Rußland wurde von Wien Deutschland mit dem „Hauptschlag gegen Fr[ankreich]. erwartet. Indessen gegen R[ussland]. nur 13 Divisionen“ in die Berechnung eingestellt. Die russischen „Kräfte u[nd]. [den rußischen]. Aufmarsch“ zeichnet der Stabschef als gravierend verändert. Conrad führt aus, schärfer auf die Gunst der Lageentwicklung für den Schlag gegen Westen eingehend:

„Die Bedrohung durch Japan, das dadurch veranlaßte Streben, die Kräfte in Ostasien dauernd (um 2 Corps) zu erhöhen, die Idee, eine russische Centralarmee im Wolgagebiet zu schaffen, derart, daß selbst je nach Bedarf nach Ost-asien, -oder auch Central-asien oder aber in den Westen dirigiert werden kann; die Idee, das Weichsel-Gebiet im Kriegsfalle zu entblößen, den Aufmarsch daher in die Linie Grodno-Brest-Kowel-Luek- Dubuv Prockurow rückzuverlegen; die Absicht die Weichsel-Festungen zu vernachlässigen,- jene in der obigen Linie aber, insbesondere Brest-Kowel auszugestalten“.

Conrad gibt zu bedenken, dann sei „mit einem anderen Maß der Kräfte“ zu rechnen und forderte dazu auf, zugleich zu bedenken, dass diese Pläne geraume Zeit in Anspruch nehmen würden. Erst seien genaue Daten durch Spionage und Militärattachés zu ermitteln, bevor Veränderungen auf österreichisch-deutscher Seite in Gang gesetzt würden. Es sei weiter damit zu rechnen:

„daß…Rußland bei friedlicher Abfindung in Asien seine aggressive Politik in Europa wieder aufnehmen, also im Westen mit gespannter Kraft offensiv auftreten kann; bestenfalls dürfte es aber dann kaum mit der – wenn auch aus anfänglicher – Preisgebung des Weichselgebietes rechnen“.

Erwartet wurden Vorbereitungen Rußlands, erstens für den Fall eines gleichzeitigen Krieges in Ostasien und Europa, und zweitens „eines selbst gewollten Offensiv-Krieges in Europa bei neutraler Situation in Ost-Asien“. Diese zweite Möglichkeit trat für Conrad „anbetrachts der Rührigkeit, Entschlossenheit und Zielbewußtheit der Japaner“ im April 1910 jedoch zurück. Im Einzelnen erwartete der österreichische Stabschef, Rußland werde angesichts der Überzeugung, Deutschland und Österreich würden schneller aufmarschieren als die eigenen Kräfte, kaum versuchen aus dem Weichselraum heraus in den deutsch-österreichischen Aufmarsch hineinzustoßen. „Nur wenn Italien aktiv auf Seite Rußland’s träte – käme dieser vorgeschobene Aufmarsch in Betracht“. Für den Fall eines nicht „so weit vorspringenden Aufmarsch[es]“ erwartete Conrad die „II.[russische] Armee (12 Div[isionen.]) bei Bialystock Louisa-Sielce“ und die „III.Armee (91/2 Div[isionen]) bei Lublin-Cholm, sodaß diese Armeen den Gegner zwingen sie anzugreifen“. Die 1. und 2. Armee wurden in umfassendem Vorgehen erwartet. Conrad schließt stattdessen, Rußland scheide

„seine Hauptkraft in zwei Theile deren einer gegen D[eutschland]., deren anderer gegen Ö[sterreich]- U[ngarn]. gerichtet wird;…versammelt dagegen die Armee gegen D[eutschland]. am Njemen (Kowno, Grodno, Bialystock); die Armee gegen Ö[sterreich].- U[ngarn]. aber in der Linie Rowno, Kamiencec-Podolsk und rollt von hier aus im westlichen Vormarsch die in Ostgalizien concentrierten ö[sterreichisch].-u[ngarischen]. Kräfte auf, sie von ihren über die Karpathen führenden Verbindungen und daher dem Haupt=Gebiet der Monarchie abdrängend“.

Risiko der Schlacht mit verkehrten Fronten.

Der Generalstabschef zögert jedoch, dem Russen ein „so weite[n]s Auseinanderhalten seiner Hauptkräfte“ zu unterstellen. Die „Gefahr, an den inneren Flügeln geschlagen zu werden“ schätzt Conrad hoch ein. Angenommen wird, dass Rußland mit 27 Divisionen gegen Deutschland und 24 Divisionen gegen Österreich und 51/2 Divisionen gegen Rumänien auftrete. Mit der Verschiebung von 8 Divisionen von der deutschen gegen die österreichische Gruppierung wurde gerechnet. Es würden demnach 19 Divisionen gegen Deutschland stehen bleiben. Doch dass Rußland seine Kräfte teile, nimmt der Stabschef in Wien nicht an. Er erwartet vielmehr, dass die Russen ihre Kräfte „gegen einen Gegner concentrier[t]en“. Conrad folgert, wenn

„R[ußland]. eine derart ungleiche Theilung von Haus aus vorbereitet,- so ist es wahrscheinlich, daß die größere Gruppe gegen Ö[sterreich].-U[ngarn]. gewendet wird, – in der Absicht mit Ö[sterreich].U[ngarn]. abzurechnen,- ehe die gegen Frankreich wieder freigewordenen deutschen Kräfte einzugreifen vermögen“(Hervorh.v.m., B.S.).

Moltke fordert österreichische Offensive in Polen.

Doch Conrad plädiert dafür, den Aufmarsch der österreichischen Kräfte, trotz der deutschen Schwäche in diesem Moment, „rasch und möglichst weit vorn“ durchzuführen,

„um den langsamer mobilisierenden Gegner anzugreifen ehe er vollständig operationsbereit ist;- selbst wenn 13 deutsche Divisionen nur 13 russische binden würden, blieben 44 russische gegen 48 österr[eich]- ung[arische] und rumänische Divisionen“.

Daraus wird gefolgert, es gelte „die eigene Operationsbereitschaft zur Offensive gegen den voraussichtlich noch unfertigen Gegner auszunutzen“. Das dränge „zu einem Aufmarsch möglichst weit vorn“. Mit einem Aufmarsch russischer Kräfte westlich der Weichsel wird nicht gerechnet. Stattdessen sollte der Schwerpunkt der russischen Kräfteentfaltung östlich der Weichsel, sowie in „Wolhynien und Podolien“ liegen. Deshalb würden die österreichischen Armeen ihren „Aufmarsch auf Ost-Galizien“ konzentrieren. Dies wurde als vorteilhaft erachtet, selbst wenn die Russen westlich der Weichsel stark aufträten, denn so wären diese „doch zum Schlagen östlich der Weichsel“ gezwungen. Als ungünstig wird bezeichnet, dass Ostgalizien von drei Seiten von russischem Gebiet umschlossen sei. Ein umfassendes Vorgehen der Russen liege demnach auf der Hand.

Pizzicato österreichischer Planung.

Conrad betont:

„Thatsächlich scheint der damalige russische Aufmarsch auf dieses Ziel gerichtet, indem die drei Gruppen: Cholm, Dubno, Proskurow einfach Direction Lemberg vorzugehen hätten, – wo die Gruppen Cholm, Dubno nach 5-6, und die Gruppe Proskurow mit den beiden anderen nach 7-8 kleinen Märschen vereint schlagen könnten. Die Zeit von etwa fünf Tagen, muß also eigenerseits zur Entscheidung ausgenutzt werden;- es wird dabei darauf ankommen diese Operation mit bereits tunlichst completen Kräften zu beginnen noch ehe der Gegner seine Kräfte complet hat und zwei feindliche Gruppen – oder mindestens einer weit abzuhalten und indessen die eine, beziehungsweise die beiden andren zu schlagen“ (Hervorh.v.m. , B.S.).

Doch hält der Stabschef solche Wege für zu riskant, da der Schlag gegen die eine Gruppe durch den Flankenstoß der anderen beantwortet werden könne. „Ein Manöver auf der inneren Linie also leicht missglücken könnte“. Es scheine

„daher am zweckmäßigsten seine Hauptkräfte vorerst gegen die Gruppe von Cholm und von Rowno zu wenden,- die Gruppe von Proskurow aber anfänglich lediglich möglichst weit abzuhalten; sei es mit direkter Unterstützung der Rumänen,- sei es ohne diese direkte Unterstützung, falls die Rumänen gänzlich gegen die russische V. Armee engagiert sind“.

Zunächst solle die Gruppe Cholm angegriffen werden, darauf rechtsschwenkend, sich die Offensive gegen Rowno anschließen. Dazu ständen am 15. Mobilmachungstag 19 österreich-ungarische 11 russischen Divisionen („der Gruppe Cholm-Dubno“) gegenüber. Allerdings, nach 5 Märschen würden diese auf 16 russische Divisionen treffen.

„Am 20.Tag ständen gegen die 18 russ[ischen]. Di[visi]onen der Gruppe Cholm-Dubno 29 öst[erreich].- ung[arische]. Di[visionen] bereit,- welche nach 5 Märschen auf 20 russ[ische]. Di[visi]onen obiger Gruppen stoßen könnten. Der 20te Tag erschiene also für den Beginn der Offensive am zweckmäßigsten,- doch schon vom 15.Tag an wäre eine gewisse Chance vorhanden“.

Zunächst, so Conrad, sei die Gruppe Cholm zurückzuwerfen, sodann die Gruppen Dubno und Cholm zu trennen. Rückendeckung für die eigene Mittelgruppe werde so geschaffen und weitere Kräfte gegen die Dubnoer Gruppe seien heranzuziehen. Der Wiener Chefstratege wünscht,

„daß eigenerseits vor Allem die gegen die Cholmer Gruppe bestimmten eigenen Kräfte complet und operationsbereit“

werden“.

Die Aufgabe der Österreicher ähnele derjenigen der Armee „Kronprinz“ 1870, welche die Aufgabe gehabt habe, früher operationsbereit zu sein und „die Offensive gegen die französische Armee im Elsaß zu beginnen um diese zu schlagen oder doch zurückzuwerfen“. „Einer ähnlichen Aufgabe“ müsse „die eigene linke Flügelarmee“ nachkommen. Dieser wies der Wiener Stab zu, sich das Flügelkorps bei Jerow so zu „intradieren“, dass „es je nach Umständen entweder am unteren San eintreffen oder weiter gegen Osten geführt werden könnte“.

1910 unklar: Rückverlagerug des russischen Aufmarsches.

Die Problemlage verschärfte sich zusätzlich mit der möglichen Rückverlegung des russischen Aufmarsches. Dann sei dafür zu sorgen, so Conrad, dass Korps zur Verstärkung der rechten Gruppe des österreichischen Aufmarsches per Eisenbahn herangeführt werden könnten. Allerdings sei nicht klar, „wann Russland diese Veränderung vornimmt“. Conrad beauftragt seine Militärattachés und das Evidenz-Büro, diesen Termin so früh als möglich aufzuklären. Der Chef des Generalstabes fasst zusammen:

„Es wird darauf ankommen, alle in Frage kommenden Möglichkeiten in Calcül zu stellen,- die Chancen für die verschiedenen Fälle zu unterscheiden und dann,- mit der Hauptabsicht aufgrund früherer Operationsbereitschaft die Initiative zu ergreifen u[nd].zw[ar]. in jener Richtung welche die wirksamste und dabei genügend sicher ist, den Aufmarsch-Entschluß festzustellen“.

Um Fehler im Aufmarsch zu vermeiden, wurde der Schwerpunkt in einem Stoß nach Norden gesehen, „um sich Luft zu machen“. Vier Armeen und eine rechte Flügelgruppe sollten

„die Offensive der drei linken Armeen gegen die feindliche Hauptmacht, wenn sie bei Rowno Luck Dubno versammelt ist in der Absicht sie gegen den Polecie zu drücken und von der Proskurower Nebengruppe gänzlich zu trennen,- oder aber mit den drei rechten Armeen die feindliche Hauptkraft falls sie um Proskurow und südlich versammelt wird derart anzugreifen, daß man sie auf ihrem nördlichen Flügel umfaßt und von der Rownoer-Gruppe trennt, gegen welche die eigene linke Flügel-Armee vorzugehen hätte. Auch für diesen Fall hätte die linke Flügel-Armee der zuerst operationsbereite zu sein. Aber auch wenn man sich getäuscht haben und der Feind seinen Aufmarsch nicht gänzlich östlich des Bug verlegt haben,- oder aber wenn er nach erfolgtem rückverlegten Aufmarsch Kräfte wieder westlich des Bug disponieren sollte entspricht im Wesentlichen der dargelegte Aufmarsch,- da sich die linke Flügel-Armee dann westlich des Bug gegen diese Kräfte wenden kann“ (Hervorh.v.m., B.S.).

– Flankierender Hebel: Insurrection Polens.

Conrad entschied sich für diesem Aufmarsch. Er fasst zusammen:

„Der Erfolg ist im Wesentlichen auf die möglichst fesche eigene Operationsbereitschaft basiert,- jede Verzögerung der Versammlung, also jede Störung der Aufmarschtransporte wäre daher eine vitale Schädigung ,- es gewinnt also die Sicherung des Aufmarsches eine ausschlaggebende Bedeutung. Sei es daß Rußland von Haus aus weit vorn aufmarschiert und eine baldige Offensive plant,- sei es daß es mit dieser zurückhält und auch den Aufmarsch rückverlegt – so wird er doch jedenfalls den derseitigen Aufmarsch zu stören trachten und hierzu seine Cavallerie, eventuell gefolgt von kleineren Infanterie-Detachements sofort über die Grenze brechen lassen. Bei diesem Einbruch wird ebensowohl mit kleinen Streifencorps (11-12 Eskadronen), als mit dem Einbruch starker Gros zu rechnen sein“.

Der Stabschef betont, wie „wichtig“ vorbereitende Maßnahmen wie etwa die „Alarmgruppierung“ seien, welche „bei sich zuspitzender politischer Lage“ einzuleiten wären. Aus der Vielzahl der Sicherungsmaßnahmen sei hier die „feldmäßige Sicherung schon im Frieden“ erwähnt. „Außer diesem defensiven Schutz der eigenen Bahnen“ fasst Conrad „die offensive Aktion…“, welche „in dem Moment zu beginnen“ sei, „zu welchem die erste russische Abteilung die Grenze überschreitet“ ins Auge. Offiziere wären

„schon im Frieden zu designieren, evident zu halten, zu instruieren und vorzüglich in die Lage zu versetzen ihre Route zu bereisen, insbesondere die Bahnobjekte kennen zu lernen welche sie zu zerstören hätten“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Dass der innere Zustand der Donaumonarchie äußerst labil war, zeigen die Überlegungen zur inneren Sicherheit auch im Operationsgebiet. Conrad verlangte „die rücksichtslose Unterdrückung jeder reichsfeindlichen Agitation u.s.w. schon im Frieden“ und schärfstes Vorgehen gegen „den leider vorhandenen passiven Widerstand der Civilbehörden“ (Hervorh.v.m., B.S.). Während der feindlichen Spionage entgegen gewirkt werden müsse, sah der Generalstabschef die Schwerpunkte der eigenen Aufklärung in den „Hauptzielen“ feindlicher Massierung „zwischen Bug und Weichsel“, „bei Luck, Dubno, Rourev, Ostroy“ oder „bei Proskurow und südlich“. Die

„Insurgierung der polnischen Gebiete Rußlands“

wurde vorgesehen:

„Es wäre ein großes Versäumnis wenn man sich der Vortheile entschlagen würde welche eine Insurgierung der polnischen Gebiete Rußlands zu bieten vermag. Eine solche muß jedoch schon im Frieden angebahnt und für den Krieg speziell vorbereitet sein. In erster Hinsicht ist enger Contakt mit in Russisch-Polen ansäßigen eigenen Reichsangehörigen (Reserve: Offizieren!) sowie mit allen russenfeindlichen Faktoren zu suchen und aufrechtzuerhalten. Es ist insbesondere durch die Geistlichkeit der Boden vorzubereiten. Für den Kriegsfall hingegen muß vorgesorgt sein daß eigene Cavallerie-Körper,-Detachements, und nationale freiwilligen Formationen schon bei Kriegsbeginn in das feindliche Gebiet einbrechen und die Insurrection entfachen. Diese Detachements müssen bereitgestellt, ihre Armeeintendanten hinsichtlich ihrer Aufgabe instruiert sein, diese Instruktionen, sowie die zu ertheilenden Proklamationen müssen bereitliegen,- letztere um bei drohender Lage sogleich gedruckt zu werden. Diese Insurrektion ist für das ganze polnische Gebiet insbesondere aber für den Raum südlich der Pilic und jenem zwischen Weichsel und Bug anzustreben also vorzubereiten. Die in diesen Räumen stationierten russischen Truppen sollen zur Gegenwehr gezwungen und dadurch abgehalten werden in das Gebiet der Monarchie einzubrechen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad drang in seiner „Directive“ vom 12. April 1911 auf „den innigen Zusammenhang zwischen der politischen Anschauung und den operativen Vorarbeiten. Er kritisierte für seine Mitarbeiter im Generalstab die „status quo“-Politik des österreichischen Außenministers und forderte realistisch das „eigene[n] Entwicklungsbedürfnisse[s]“ in Korrelation mit dem der „Nachbarn und Concurrenten“ zu vergleichen. Er gab bekannt, er habe

„1907/8 einen Präventivkrieg gegen Italien, 1908/9 das Losschlagen gegen Serbien… maßgebensten Ortes beantragt“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Seine Vorschläge seien „nicht acceptiert, die betreffenden Maßnahmen… nur so weit zur wirksamen Geltung“ gekommen, „als sie die Anrainer-Politik unterstützten und diplomatisch sicherten“. Die österreichische Politik habe „die Erhaltung des Friedens als oberstes Ziel“ gesetzt, doch seien „die Gestellung guter Beziehungen zu Russland und zu den Balkan-Staaten, sowie das Festhalten an dem Bündnis mit Italien“ nur möglich bei „innige[m] Anschluß an Deutschland“ und Rumänien. Conrad forderte, die „Kriegsvorbereitungs-Arbeiten“ auf eine früher bereits erarbeitete „breite Basis“ zu stellen.

 

38 – Informationsstand in Berlin (Italien, Belgien).

Anfang des Jahres 1911 wird „noch immer festgehalten an den Transportange- legenheiten für die ital[ienischen]. Truppen“. Eine „neue Konferenz [wird] deshalb abgehalten“. Offenbar kommt es zu Unstimmigkeiten, denn der „Mil[itär].Attaché[s] Paris“ meldet

„Äußerungen des ital[ienischen]. Mil[itär].Attachés über die Rolle der italienischen Armee im Kriegsfall“.

Ende Januar findet die „Vlissinger Frage“ ihre Fortsetzung. Der Tenor ist: Deutschland werde durch Belgien marschieren. Das belgische Journal des Débats

„bestreitet das auch nicht, folgert aber, daß die Versuchung für Frankreich mindestens ebenso groß sei wie für Deutschland und daß Engländer u[nd]. Franzosen im Kriegsfalle (wie in London und Paris die Spatzen von den Dächern pfeifen!) durch Belgien hindurch in den Rücken der deutschen Armee vorstoßen wollen, oder Holland zur Operationsbasis machen wollen“.

Im Reichsboten antwortet E.Bötticher und „warnt unter Hinweis auf die Haltung der Holländer vor engl[ischen]. Absichten eines Sprungbretts auf dem Kontinent. Die Behauptung, die belg[ische]. Neutralität sei in Gefahr, erklärt B[ötticher]. für ‚erlogen’(!)“. Anfang Juni kommt vom Militärkabinett ein „Bericht des Gesandten“ in Bern zu „französische[n] antideutschen Hetzereien in der Schweiz“. …

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