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1914: Von der europäischen Konföderation zum Weltreich.

Mittwoch, Juni 20th, 2012

Aus: Barniner Bürgerpost 6/2012 b e l e s e n 12

Neuer Aufsatzband zu dem Deutschland von 1914, Kriegs (Friedens-)zielen, dem n e u e n Reich von 1916, dem geistigen Überbau hinter dem Krieg, der Weltsicht in Weltreichen, dem Bündnis mit 400 Mill. Chinesen und dem w a h r e n Grund des Reichankanzlers, in den Stunden und Tagen zwischen dem 28. Juni und 5. Juli 1914. Da fiel, im Arbeitszimmer des Reichskanzlers in Hohenfinow, s e i n e persönliche Entscheidung. Das Memento mit Riezler auf der Schloßterrasse ist lediglich ein Nachklapper nach den in Berlin stattgehabten Gesprächen mit Hoyos, Szögyényí etc. – und dazu auch nicht authentisch, wie Dr. Bernd F. Schulte detailliert aus den Bruchstücken der Riezlerschen (Erdmannschen) Überarbeitung der originalen Tagebücher XXXa und XXXb vom Juni und Juli 1914 (vgl. Weltmacht durch die Hintertür, Briefwechsel Th. Heuß mit Th. Stolper) rekonstruiert hat (auch: »Rückbesinnen und Neubestimmen« und hier).

Ob Deutschland aus Furcht und Verzweiflung oder infolge eines Plans in den Ersten Weltkrieg geriet, ist noch umstritten. Ob Wirtschaft, Rüstung oder Polykratie und innerer sozialer Konflikt dafür dann verantwortlich
zeichneten, ebenfalls.

Heute, 100 Jahre danach, ähneln die Problemlagen unserer Zeit denen von 1914. Ein großer Wurf, ein übergreifendes Bild von Rang und Bedeutung des Deutschen Reichs in der
Zukunft, scheinen, nach den Ausführungen des engen Beraters Bethmann Hollwegs, des Universalhistorikers Karl Lamprecht (Leipzig), existiert zu haben. Damit ist den politisch Verantwortlichen zumindest nicht vorzuwerfen,
sie wären orientierungslos auf dem Felde der
internationalen Politik jener Zeit herumgetaumelt.

Es schält sich heraus, daß der eigentliche Gegner des Reichs England war. Dessen war sich der Kanzler von Anfang an bewußt. Es bleibt dennoch die Grundlinie deutscher Politik – Weltmachtstreben plus kontinentale Hegemonie
– bis 1914 unverändert. Ebenfalls die Hoffnung auf eine Neutralität des Inselreichs – im Falle des zentral- europäischen, militärischen Clashs – eine optimistische Variation, die aber der Kanzler, schon im April 1913 (Geh.Reichshaushaltskommission) als für wenig
wahrscheinlich erklärte.

Auch zeigt sich am Beispiel Belgien, das Lamprecht für Bethmann Hollweg (vor dem Hintergrund der Kriegszielentwürfe) explorierte, daß die europäischen Staaten, seien es Verbündete oder aber Kriegsgegner, erst nach einer entscheidenden Niederlage Großbritanniens
bereit waren, sich einem neuen Deutschen Reich der Zukunft anzuschließen, sei es assoziiert oder im Rahmen einer wirtschaftlichen und (oder) politischen Konföderation. 1914
war sicherlich nicht das Wunschdatum Berlins für eine derartig tiefgreifende Entscheidung.

Aber der fortschreitende Verfall Österreich-Ungarns, der zunehmende finanzielle Belastungen der Reichsfinanzen, verbunden mit einer heraufziehenden Rezession, mit sich brachte, ließ das Schreckbild eines ohne Bündnispartner
zum Rückzug gezwungenen Reichs entstehen.

Große Fragen, die letztendlich mit dem Entschluß zum Schlachtflottenbau von 1891 im Kieler Schloß, zwischen Kaiser Wilhelm II., Bülow und Tirpitz, entstanden. Heute steht Europa in der Opposition zu den USA, die ein
vereintes Europa als Weltmachtaspirant fürchten. Finanzkrise und Euroschwäche rütteln an der einzigen, wirtschaftlichen Basis dieser Europäischen Union. Ein Zweibund mit den USA bildete in dieser Hinsicht sicherlich eine Lösung auf Jahrzehnte. Notfalls zunächst unter
Verzicht auf eine politische Führungsrolle Europas
in der Welt von Morgen.

Also wieder eine Parallele zu den Entscheidungen Bethmann Hollwegs gegen Ende des Monats Juni 1914.

Dr. Bernd F. Schulte, Schüler Fritz Fischers, hat
nach fünf Jahren Bundeswehr Geschichte in
Würzburg (Peter Baumgart), München (Laetitia
Boehm) und Hamburg studiert. Seine Erfahrun-
gen als Zeitoffizier, flossen in die Darstellung der
Friedensarmee vor dem Ersten Weltkrieg ein. Die
Auseinandersetzung mit den Ursprüngen dieser
Katastrophe führte ihn, an der Bundeswehrhoch-
schule Hamburg, zur Untersuchung des Ent-
scheidungsprozesses in Berlin Ende 1912. Hier-
aus entstanden, nach Jahren bei Fernsehen und
Film, weitere Arbeiten zu dem System der Krisen-
konferenzen im Kaiserreich und der Frage nach
dem übergeordneten Verhältnis von Politik und
Militär im Kaiserreich. Er führte 1982/83 u.a. die
Kontroverse um die Echtheit der Riezler Tage-
bücher fort. Er gibt die Internetzeitung Extra Blatt
(www.forumfilm.de) und die Hamburger Studien
zu Geschichte und Zeitgeschehen heraus.

Bernd F. Schulte
Das Deutsche Reich von 1914 Europäische Konföderation und Weltreich. Dr. Schulte, Hamburger Studien zu Geschichte
und Zeitgeschehen. Reihe II, Band 2 Copyright (C) 2012 Dr. Schulte

Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“. Erster Weltkrieg neu beleuchtet.

Montag, Februar 13th, 2012

Ein Vabanque-Spiel wurde in Gang gesetzt. In seinem Buch »Deutsche Policy of Pretention – Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914«, das 2010 in 2. Auflage erschien (BBP 11/2010), befaßt sich der Hamburger Historiker Dr. Bernd F Schulte mit den Vorgängen, die zum Krieg führten, und der Rolle, die u.a. Bethmann Hollweg dabei spielte. Die aktuellen Ergebnisse seiner Forschungen zum Kriegsausbruch 1914 stellte der Autor der »Barnimer Bürgerpost« zur Verfügung.

Der Historiker Fritz Fischer, dessen Buch »Griff nach der Weltmacht« vor 50 Jahren in der BRD die sog. »Fischer-Kontroverse« auslöste war mein Lehrer. Er hat mir vermittelt, stets auf die Quellen zurückzugehen, positiv positivistisch zu denken, und neues Material der historischen Forschung, in Beantwortung der dieser gestellten Fragen, zur Verfügung zu stellen. Ich kam zu ihm 1972 als Batterieoffizier in einem Hamburger Artillerie-Batallion, und ging 1983 im Begriff einen Platz beim Fernsehen zu finden. Dazwischen lagen meine Dissertation und ein Buch zur Balkankrise und dem »Kriegsrat« von 1912, wie zur »Verfälschung der Riezler Tagebücher«. – Auf Fischers Seite einige Rezensionen und Vorträge, ein Aufsatzband sowie der große Auftritt 1978 vor dem Hamburger Historikertag; ferner das daraus entstandene Buch »Bündnis der Eliten«, und die Kampfschrift »Wir sind nicht hineingeschliddert« (rororo) zum Kriegsausbruch 1914 ebenfalls zur »Fälschung der Riezler Tagebücher, einer 1983 hart geführten Kontroverse.

Wir scheiterten gemeinsam in dem Bestreben, mich – trotz der angespannten Bewerbungslage in der Geschichtswissenschaft – noch dort unterzubringen. Stets ging es Fischer in diesen Jahren darum, zu unterstreichen, die besondere Bedeutung von forscherischer Leistung bestehe vor allem darin, einen Beitrag zu einem größeren Ganzen zu leisten. Es ging ihm, kurz gesagt, um das Postulat aus der Geschichte zu lernen. Gemachte Fehler nicht zu wiederholen. Breitere Publizität stelle für den Historiker einen seltenen Glücksfall dar. Das hat er 1988 vor einer Versammlung von Historikern und Hamburger Würdenträgern zu seinem 80. Geburtstag vor allem betont. Mein Fernsehportrait dazu, produziert für den Hessischen Rundfunk („ttt“), stellte Fischer ganz in sein Hamburger Umfeld, und vor allem unter den Einfluß der Ergebnisse des III. Reichs. Als er 1947 aus der Gefangenschaft zurückkam, hatte er mit den Traditionen des preußisch-deutschen Nationalstaates grundsätzlich gebrochen (Erlebnisse in Kriegsgefangenenlagern, KZ-Dachau). Diese Zäsur vollzog er zunächst auf seinem angestammten protestantisch-theologischen Arbeitsfeld (Historikertag München). Mit dieser Wende hin zum westeuropäisch-amerikanischen Kulturkreis zog sich Fischer bereits 1949 die scharfe Opposition des »Doyens« der westdeutschen Geschichtswissenschaft zu, Gerhard Ritter.

Als Fischer dann 1959/61, fußend auf grundstürzenden Archiv-Forschungen, die Kriegsziele des kaiserlichen Deutschland, über die Hypertrophie Hitlerscher Aggressionspolitik hinaus, unterstrich beging er an sich schon, nach der überwiegenden Auffassung von damaliger westdeutscher Historikerzunft und bundesdeutscher Gesellschaft, ein Sakrileg. Dieses Buch, das unter dem provozierenden Titel »Griff nach der Weltmacht« im November 1961 auf den Buchmarkt kam, „beunruhigte“ (Paul Sethe/DIE ZEIT) nicht zuletzt durch ein Kapitel, das die Entstehung des Ersten Weltkrieges, im Sinne der Deutschland belastenden Darstellung Luigi Albertinis (1950), entwickelte. Störten Fischers Darlegungen zu den deutschen Kriegszielen im Ersten Weltkrieg an sich schon die trügerische Ruhe, welche bundesdeutsche Historiker dem Thema »1914« verordnet hatten, so bot dieses Kapitel eine ungeschützte Flanke, eröffnete einen neuen (alten) „Kriegsschauplatz“ und forderte die westdeutsche konservative, wissenschaftliche Fronde nachgerade zum Gegenstoß heraus.

Niemand war allerdings – aus meiner Sicht – weniger als Fischer zum Vorboten der sozial-liberalen Koalition von 1969 geeignet. Obwohl er der liberalen Bewegung an sich schon nahe stand. Dennoch gehört sein berühmtes Buch zur Vorgeschichte des innenpolitischen Wandels in Westdeutschland, der sich im Verlauf der sechziger Jahre vollzog. Auch demonstrierten Fischers Publikationen dem Ausland, daß es nun, durchaus auch in den politischen Grundsatzfragen, ein neues Deutschland gebe. Das stärkte nicht zuletzt das Vertrauen unserer früheren Kriegsgegner in die neuerstandene Bonner Republik und begünstigte die Tendenz, die BRD in die internationale Gemeinschaft zu reintegrieren.

So liegen Fischers Verdienste weniger in den immer noch hart umkämpften Deutungsunterschieden und wissenschaftlichen Grabenkämpfen um die Entstehung des Weltkrieges von 1914, als vielmehr in seiner indirekten politischen Wirkung. Wissenschaftlich übergreifend hat der Hamburger Historiker zusätzlich gegen die überkommene, diplomatiegeschichtlich akzentuierte, traditionelle Auffassung den eher sozial-und wirtschaftsgeschichtlich akzentuierten Ansatz seiner Hamburger Schule gestellt. Dieser hat Frucht getragen, und mit weiteren Forschern, die westdeutsche Geschichtswissenschaft insgesamt wieder auf internationales Niveau gehoben. So erscheint es überfällig, Fritz Fischer, der auch die Hamburger Universität auf internationalem Parkett bekannt machte, in der deutschen Wissenschafts-Republik den Platz einzuräumen, der ihm, jenseits allen kleinkarierten Streits, zukommt.

Dr. Bernd F. Schulte

Barnimer Bürgerpost, Nr. 205, 18. Jg. Ausgabe 2/2012 7.2.2012, S. 14

Die Einäugigen unter sich. Karl D. Erdmann/Kiel in Retrospect.

Donnerstag, Februar 9th, 2012

Ralf Forsbach/Bonn (Kiderlen Waechter), auch kein progressiver, aber trotzdem ein „denkender“/ nachdenklicher Historiker der jüngeren Generationen, hat den Finger auf die Wunde gelegt. Dass ein Kongreß der Schleswig Holsteinischen Zentrale für Politische Bildung, also einer offiziösen Staatsstelle, lediglich die Anhänger, Schüler und Fürsprecher K.D. Erdmanns einladen konnte, spricht eine deutliche Sprache.

Dass vor unerträglichen Invektiven nicht zurückgeschreckt wurde, nimmt den Stil des früheren Kieler Historikers wieder auf, der – wie mit brennender Fackel – durch die die Erzeugnisse der Wisschenschaft, gestärkt durch politische Schützenhilfe, die Publizistik von Verlagen und Presse (Fernsehen), hindurchging, um seine seit 1961 umstrittene Rolle bei der Verfälschung der Riezler Tagebücher zu vernebeln.

Das hängt Erdmann an, bis in die lange Jahre (bis heute?) nur teilweise zugänglichen Akten seines Nachlasses im Bundesarchiv Koblenz. So gesehen, wiegt der kleine Patzer einer Schriftstellertätigkeit für Hitler im Schulbuchbereich leichter. Doch aufgehellt wird auch dies nicht. Lediglich Erdmanns soldatische Leistung, soweit erkennbar und offengelegt, schützt m.E. den Mann als Teil der Geschichte seiner Zeit.

Es wäre zu begrüßen, wenn endlich die Nachlebenden hier wechselseitig sich der Schmähungen des jeweilig anderen wissenschaftlichen „Vaters“ enthalten würden. Ob nun Fischers Soldatenzeit diesen zu publizistischer Tätigkeit befähigte, lasse ich dahingestellt. Ob die Mitgliedschaft in der Wehrmacht von Schuld und Belastung frei macht, wird in den vergangen 20 Jahren immer dubioser. So bleibt schließlich lediglich die persönliche Integrität zweier großer Historiker in einer Zeit, in der beide nicht in die Schweiz gehen konnten (wollten), denn von dort wären sie auch zurückgeschickt worden! Und, für beide sollte gelten, was für Schieder und Conze scheinbar selbstverständlich ist: Ihre geläuterte Haltung nach dem Krieg und ihre Leistung beim Wiederaufbau Deutschlands nach 1949.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Mai 2010, S. N3

KARL DIETRICH ERDMANN, DER BEKENNER UND DER SCHRIFTLEITER.

Der Kieler Historiker traf das Wort in Bildungsbeiräten und Versöhnungsdenkschriften: Warum blieb er es in eigener Sache schuldig?

Von Ralf Forsbach

Als 1996, sechs Jahre nach dem Tod von Karl Dietrich Erdmann, ein kritisches Buch über die „Geschichtsbilder“ des renommierten Historikers veröffentlicht wurde, schienen die dort ausgebreiteten Dokumente nach dem Urteil von Winfried Schulze „keinen vernünftigen Zweifel“ daran zu lassen, dass Erdmann unter der NS-Diktatur wesentliche Teile der nationalsozialistischen Ideologie akzeptiert und historisch gerechtfertigt hatte. Der Frühneuzeitler Schulze hatte 1989 eine der ersten monographischen Untersuchungen zur deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945 vorgelegt. Die institutionelle Welt der Verbände und Zeitschriften stand dort im Vordergrund – die Welt, in der der 1910 geborene Erdmann zu den großen Figuren gehörte, obwohl oder gerade weil er seine universitäre Laufbahn erst 1945 hatte beginnen können.

Durch das kritische Buch von 1996, das bei Oldenbourg erschien, im Hausverlag der „Historischen Zeitschrift“ und des Instituts für Zeitgeschichte, galt das Bild vom geradlinigen Wissenschaftler als „revidiert“ (Volker Ullrich), obwohl Erdmann weder der NSDAP noch SA oder SS angehört hatte. Auf Widerspruch stieß diese neue Sichtweise vor allem im Umkreis der von Erdmann begründeten, seit dessen Tod von Schulze herausgegebenen Zeitschrift „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“ (GWU), die bis heute mit Erfolg, das heißt ohne Abstriche am fachlichen Niveau der Aufsätze, zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtslehrern vermittelt. Im Jahr von Erdmanns hundertstem Geburtstag fand der Widerspruch jetzt auf einem von der schleswig-holsteinischen Landeszentrale für politische Bildung organisierten Symposion sein Publikum. Zahlreiche Schüler Erdmanns waren erschienen, darunter sein ältester, der Stuttgarter Emeritus Eberhard Jäckel, und sein jüngster, der Flensburger Politikwissenschaftler Michael Ruck. Die Kritiker von 1996 – Martin Kröger und Roland Thimme – waren nicht geladen.

Ohne ihnen auch nur die Ehre der Namensnennung zu gewähren, warf der angesehene Hitler-Forscher Jäckel ihnen „fast hysterische Vergangenheitsbewältigung“ vor. Schon weil beinahe das gesamte Lebenswerk Erdmanns erst nach 1945 entstanden ist, wollte Jäckel den Vergleich mit Theodor Schieder und Werner Conze nicht gelten lassen, die die politische Historie ihres Königsberger Lehrers Hans Rothfels volkshistorisch radikalisiert hatten. Schieder, Erdmann und Conze gehörten derselben Alterskohorte an, Conze wie Erdmann dem Jahrgang 1910, Schieder dem Jahrgang 1908. Von 1962 bis 1976 leiteten Erdmann, Schieder und Conze in dieser Reihenfolge nacheinander den Verband der Historiker Deutschlands. Jäckel würdigte seinen aus Köln gebürtigen Lehrer als guten Republikaner und Bekenner im lutherischen Sinne. Als Generalsekretär der deutschen Unesco-Kommission setzte sich Erdmann für eine Rückkehr Deutschlands in die Völkergemeinschaft ein; in seiner Zeitschrift trieb er die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte voran. Den Vorsitzenden des Deutschen Bildungsrats während der ersten Großen Koalition wollte Jäckel sogar als „heimlichen Bundeskultusminister“ erinnert wissen. Mitte der sechziger Jahre sorgte Erdmann als Kieler Rektor nicht nur für den wohl einzigen Neubau einer Universitätskirche in der Bundesrepublik, das CDU-Mitglied warb zudem für die Vertriebenendenkschrift der EKD. Dafür dankte ihm der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker noch kurz vor Erdmanns Tod bei einem Empfang in der Villa Hammerschmidt.

Erdmanns Engagement in der evangelischen Kirche hob auch Michael Ruck hervor, der ihn als einen der Religionsphilosophie Max Webers und den Zielen der Gemeinschaft von Taizé verpflichteten Fürsprecher der Ökumene beschrieb. Aufklärerisch habe Erdmann als Beiratsvorsitzender des Instituts für Zeitgeschichte gewirkt. Mit Martin Broszat verhinderte er die Aufnahme von apologetischer Literatur in die Schriftenreihe des Instituts. Später sah er andererseits die Chancen, die sich durch die Erstausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ für die Öffentlichkeitsarbeit ergaben.

Mit dem Vorwurf der Nähe zum Nationalsozialismus befassten sich Hartmut Lehmann, Christoph Cornelißen und Agnes Blänsdorf (alle Kiel). Dass das Hauptbeweisstück der Kritiker, ein mit Huldigungen an Hitler übersätes Schulbuchmanuskript, überhaupt von Erdmann verfasst wurde, bezweifelt Lehmann, der Pietismusexperte und frühere Direktor des Deutschen Historischen Instituts Washington. In der Tat ist nur der von dem Parteifunktionär Paul Börger und dem Lektor Werner Menzel überarbeitete Text überliefert. Als die Richtlinien verschärft wurden, schied Erdmann als Autor aus. Das Buch erschien nie.

Warum hatte Erdmann überhaupt die Autorschaft übernommen? Lehmanns Antwort: Patriotismus und Unterschätzung des Nationalsozialismus. Erdmann heiratete eine Frau, die keinen Ariernachweis erbringen konnte. Die Wehrmacht erlebte er als einen Raum abseits der NS-Zwänge. In Briefen an seine Frau, den Doktorvater Wilhelm Mommsen und den Maler Georg Meistermann fand Agnes Blänsdorf wenig Kritik am Regime, ebenso wenig Zustimmung und keinerlei Antisemitismus, aber ein starkes soldatisches Pflichtbewusstsein. Die Aussagekraft der Briefe ist, da das Postgeheimnis ausgesetzt war, freilich eingeschränkt.

Offen bleibt, warum sich Erdmann später Fragen nach seinem Handeln in der NS-Zeit nicht gestellt hat. Christoph Cornelißen, Autor einer umfangreichen Monographie über einen anderen konservativen Historiker, den Freiburger Gerhard Ritter, und seit diesem Jahr einer der Herausgeber der GWU, mochte dazu nur allgemein mit Blick auf die Entwicklung nach 1945 Stellung beziehen. Er erinnerte an Schweigekartelle und das wechselseitige Ausstellen von Persilscheinen.

Anders als Conze wurde Erdmann kein Pionier der Sozialgeschichte. Ihn reizten konkrete ereignisgeschichtliche Problemstellungen, vor allem im Zusammenhang mit der Entstehung des Ersten Weltkriegs. Daher edierte er auch die Tagebücher von Kurt Riezler, einem engen Vertrauten von Reichskanzler Bethmann Hollweg, der selbst kaum historisch relevante Privatdokumente hinterlassen hat. Holger Afflerbach (Leeds) würdigte Erdmanns editorische Glanzleistung, indem er auf die außerordentliche Quellenproblematik hinwies. Fälschungsvorwürfe seien absurd, obwohl Erdmann an wichtiger Stelle eine Streichung nicht vermerkt habe. Fehler gab Erdmann nicht zu, so dass er der Debatte unnötig Nahrung gab.

Der Streit um die Echtheit der Riezler-Tagebücher ist wohl nur vor dem Hintergrund der Fischer-Kontroverse zu erklären. Anders als Erdmann hatte der Hamburger Historiker Fritz Fischer, worauf Klaus Kellmann (Kiel) mit Emphase hinwies, eine tiefbraune Vergangenheit. Das Mitglied von Freikorps, SA und NSDAP stand im Kirchenkampf auf Seiten der Reichskirche und pflegte Beziehungen zu Walter Frank, dem Präsidenten des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands. In seinen Schriften der sechziger Jahre wies Fischer dem Deutschen Reich die Verantwortung für den Ersten Weltkrieg zu, womit er auf den Widerspruch der meisten Kollegen stieß.

Sönke Neitzel (Mainz) zeichnete die Fischer-Kontroverse nach, in der Erdmann als Autor des wichtigen Gebhardt-Handbuchs auf der Seite der Gegner Fischers Stellung bezog und allen Großmächten einen Teil der Schuld zusprach. Erdmann habe früh erkannt, was jüngste Forschungen wie die Stephen Schröders über die englisch-russische Marinekonvention klar belegten: England sei aus Angst vor Russland und angesichts des erstarkenden Deutschland zu einer neutralen Haltung nie bereit gewesen. Wenn auch heute die innenpolitische Dimension der deutschen Weltpolitik noch immer unterschiedlich bewertet werde, sei Erdmanns Sicht weitaus belastbarer als die Fischers.

Das Resümee der Tagung bleibt zwiespältig, traten zum hundertsten Geburtstag Erdmanns doch nur dessen Fürsprecher auf. Selten wurde so offensichtlich, wie sehr Geschichtsschreibung eine Frage der Interpretation ist. Werner Paravicini (Kiel), der frühere Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris, wies zum Abschluss darauf hin, dass für die einen normales Verhalten sei, was den anderen als purer Nationalsozialismus erscheine. Daran werden auch die Biographien über Karl Dietrich Erdmann und Fritz Fischer, die von den Rednern zu Desideraten erklärt wurden, nichts ändern können.

Das letzte Wort zu 1914 …

Donnerstag, Januar 26th, 2012

http://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article13832392/Russisches-Roulette.html

Die Welt| Weltlage, Autor: Michael Stürmer| 25.01.2012 Russisches Roulette

Das letzte Wort zu 1914 ist noch nicht gesprochen. Weil die Verursachung des Zweiten Weltkriegs beim weiland Großdeutschen Reich lag, hat es sich eingebürgert, den Ersten Weltkrieg auch gleich ins deutsche Schuldkonto zu übernehmen. „Griff nach der Weltmacht“, titelte mit nachhaltiger Wirkung der Theologe und Historiker Fritz Fischer. Dass der amerikanische Diplomat und Historiker George F. Kennan 20 Jahre nach Fischer in einer großen Studie zum Niedergang des bismarckschen Bündnissystems Paris und St. Petersburg als Treiber einer Kriegsallianz gegen Österreich-Ungarn und Deutschland ausgemacht hatte und damit als Mit-Urheber der „Urkatastrophe“ (Kennan) des 20. Jahrhunderts, hatte in Deutschland wenig Wirkung. Es passte nicht ins Bild.

Eine Warnung kommt aus China, wo auf die Frage nach der Bedeutung der Französischen Revolution von 1789 gelegentlich die Antwort kommt: zu früh für eine abschließende Beurteilung. Jetzt kommt aus den Vereinigten Staaten, Harvard University Press, eine ähnliche Botschaft: „Die russischen Ursprünge des Ersten Weltkriegs“ („The Russian Origins of the First World War“, von Sean McMeekin). Die These: „Die Tatsache, dass der Schwerpunkt des Kämpfens und Sterbens entsprechend dem Schlieffen-Plan in Frankreich und Belgien lag, färbt die allgemeine Erinnerung an den Konflikt und beherrscht die Literatur. Aber nicht einmal der besessenste Historiker der Westfront kann verneinen, dass die tieferen Gründe des Konflikts im Osten lagen.“

Der russische Griff nach dem Erbe der Osmanen geht weit zurück auf Peter den Großen, der Zaren und Kommissaren die Mission hinterließ, die Dardanellen für Mütterchen Russland einzusammeln. 1878 blockierte Bismarck durch ein Gipfeltreffen in Berlin („Der ganze Balkan ist nicht die heilen Knochen eines pommerschen Grenadiers wert“) Russlands Ausgreifen ins östliche Mittelmeer und verhinderte Krieg. Dem „ehrlichen Makler“ wurde schlecht gedankt. Paris und St. Petersburg verbündeten sich, um Europas Landkarte mit dem Bajonett umzuzeichnen.

In Paris kann man bis heute die Brücke Alexandre III bewundern, die in Sichtweite der deutschen Botschaft die Seine ohne Zwischenpfeiler überspannt: Denkmal einer schicksalhaften Allianz. ——————————————————————————————–
Leser-Kommentare

Daß Frankreich, Rußland und England – durch eine deutsche „Policy of Pretention“ zusammengebracht wurden, wird übersehen. —————————————————————————————————

Pretention
Dass Problem des Kriegsausbruchs 1914 kreist um den Begriff »Pretention« und geht zurück auf

lateinisch »praetendo« – englisch »pretend« – französisch »prétendre« –gebräuchlich: »Pretension« – und archaisch »Pretention«. –
»Pretention « hieß 1914 »Bluff«. Es handelte sich um ein Modewort der damaligen Diplomatie. Schließlich wurde der Fehlschlag der europäischen Regierungen in der Julikrise des Jahres 1914 mit der Formulierung entschuldigt, man habe sich eben »festgeblufft«. Das Spielerische des Vorgangs wurde leichtfertig überbetont. Hier geht es allerdings um mehr. So wie die wissenschaftliche Interpretation der Ereignisse bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Verlaufe der neueren Diskussion seit 1961, eine eher unglückliche Fixierung auf den Juli/August feststellt, so geht es inzwischen in der allgemeinen Forschung darum, die europäische Welt zwischen 1905 und 1914 hinsichtlich deren wirtschaftlichen, diplomatischen, militärischen und kulturgeschichtlichen Wurzeln zu untersuchen.

In diesem Zusammenhang wird inzwischen von einer deutschen »brinkmanship«-Politik gesprochen. Das heißt: die Berliner Politik habe ein zunehmend bedeutenderes Risiko übernommen. Ich sehe die deutsche Politik dabei, systematisch, von Krise zu Krise gesteigert, nahezu naturwissenschaftlich und labormäßig, ein »testing the entente« vorzunehmen. Es ging darum, festzustellen, als wie solide das – in Berlin als monolithisch aufgefaßte – System der Entente-Bündnisse und Absprachen – zwischen Paris, Petersburg und London – sich herausstelle. Es ging ferner darum, eventuell auftretende Risse zu erkennen, und im Folgenden eine mögliche Sprengung der Verbindungen zu betreiben. Das war die erklärte Absicht und Politik des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg zwischen 1909 und 1914.

Was war nun aber dabei deutscherseits vorgeschützt, übertrieben oder vorgespiegelt? Die deutsche Politik basierte, nach dem deutschfranzösischen Krieg von 1870/71, zu großen Teilen auf dem herausragenden Ruf der preußisch bestimmten Armee. Es ist gezeigt worden, daß Kampfwertvergleiche den anscheinend unerschütterlichen Nimbus der deutschen Waffen als immer labiler erscheinen ließen. Spätestens seit der Marokkokrise von 1905 brach sich eine breit gefächerte Kritik an den deutschen taktischen und operativen Verfahren Bahn. Zum Beispiel in der »Revue Militaire des Armées Ètrangères« des französischen Generalstabes sowie englischen, französischen und russischen Magazinen, Monatsschriften und Tageszeitungen. Das geschah in einer breiten Kritik unter anderem am Beispiel der deutschen Kaisermanöver. Die nicht unbedingt erfolgreichen diplomatischen Bemühungen Berlins in diesen Jahren verschärften zusätzlich die fortschreitende Erosion des Bildes der Zeitgenossen von der preußisch-deutschen Armee als der »besten der Welt«.

Nicht zuletzt durch den immer wieder aufgenommenen Appell, das Schwert zu ziehen, entwertete, abgesehen von diesem technischen Hintergrund, die Berliner Diplomatie ihre Pressionspolitik 1904/ 06, 1908/09 und im Herbst 1912 selbst. Es wuchs in den Hauptstädten Europas bis Ende 1912 die Überzeugung heran, nun, bei nahezu vollendeter militärischer Rüstung, diesem Druck künftig widerstehen zu sollen. So kam es zu einem Krieg, in den Deutschland mit noch nicht vollendeter Rüstung eintrat. In diese Zwangslage war Berlin geraten, obwohl etwa der englische Oberst Repington, im Oktober 1911 in der Times, eindringlich davor gewarnt hatte, die deutsche Armee und deren Leistungsfähigkeit überzubewerten. Deutscherseits wurde diese Kritik, bis hinauf zum Kaiser, empört zurückgewiesen, wobei in Berlin übersehen wurde, daß jahrzehntelang Unsummen in den Schlachtflottenbau geflossen waren, die nun – wie sich herausstellen sollte – in der Armee unübersehbare Lücken verursacht hatten.

Die Marne erreichten, im September 1914, die Armeen des deutschen rechten Heeresflügels nicht nur ohne die 1913 umstrittenen drei Armeekorps, sondern auch ohne ein in Führung und Gefecht konkurrenzfähiges Kampfverfahren und ohne zeitgemäße Ausrüstung und Bewaffnung der Waffengattungen.

Der Begriff des »Kriegerstaates«
Einerseits hat Paul Kennedy in seinem berühmten Buch über den »Aufstieg und Fall der großen Mächte« (1986), vor allem am Beispiel Spaniens, Englands – wie auch Deutschlands, der USA und der UdSSR – dafür plädiert, den Akzent staatlicher Grundstruktur und Politik nicht ausschließlich auf militärische Machtentfaltung zu setzen. Vielmehr seien, so Kennedys Urteil, die »Handelsstaaten« den »Kriegerstaaten« im Verlauf der Geschichte grundsätzlich überlegen. Diese These, die nicht zuletzt in Washington hart umstritten war, veranlaßte mich, den Begriff »Kriegerstaat«, in Bezug auf das deutsche Kaiserreich, anzuwenden (vgl. »Bismarck war kein Deutscher«, in: »Rückbesinnen und Neubestimmen«, 2000).

Andererseits bildete sich die etwas ältere Bedeutung im Verlauf der Diskussionen um das Buch Fritz Fischers »Griff nach der Weltmacht« (1961) heraus. Diese wissenschaftlichen und publizistischen Auseinandersetzungen um Strukturen, Modernitätsgrade und Entwicklungschancen des Kaiserreichs hinterließen eine breitere Spur in der jüngeren deutschen, sozialgeschichtlich orientierten, Historiographie. Es bildete sich die Erkenntnis heraus, die mittelalterlich-feudalen, einseitig kämpferischen Versatzstücke im Erscheinungsbild des wilhelminischen Kaiserreichs (Reden, nationale Parolen, Paraden, Aufmärsche, Stechschritt, Sedanstage, Denkmäler), wie dessen hierarchisch strukturierte Gesellschaft, Armee und Verwaltung, hätten das Bewusstsein des damaligen Bürgertums (bis in die Arbeiterschaft) einseitig kämpferisch-maskulin geprägt.

Diese Hypothesen, die in der jüngsten deutschen Forschung aufmerksame Ohren gefunden haben, mögen, in den Rahmen der militanten Problemlösungsversuche, welche die deutsche politische Führung zwischen 1905 und 1914 unternahm, hineingespielt haben.

Meine zu Beginn der achtziger Jahre veröffentlichten Arbeiten ließen in Bezug auf die Krisenkonferenz-Problematik innerhalb der Berliner Führungsspitze, wie hinsichtlich des Bürgerkriegs-Problems im militärischen Bereich und hinsichtlich der horrenden, fatalen deutschen Verluste beim Angriff 1914 auf Belgien und Frankreich, diese Momente bereits anklingen. So gelangte ich, unter dem Eindruck der letzten Aufgipfelung des Rüstungswettlaufs im »Kalten Krieg« zwischen den USA/NATO und der UdSSR 1979/83 zu der Überlegung, militärische Lösungswege wo immer möglich durch diplomatisch-politische und Ansätze der Friedensforschung wenn nicht zu ersetzen, so doch zumindest zu »unterfüttern« (Graf Baudissins System der »Vertrauenbildenden Maßnahmen«).

Dr. BERND F. SCHULTE

VON KRISE ZU KRISE GESTEIGERT. Norman Gutschow im Gespräch mit Bernd F. Schulte.

Sonntag, Dezember 25th, 2011

Dr. Bernd F. Schulte ist Historiker, Publizist sowie Film und Fernsehprosduzent. Als Schüler Fritz Fischers wirkte er zunächst an Hamburger Hochschulen und veröffentlichte eine Reihe von Beiträgen zur deutschen Militärgeschichte, sowie Fernseh-Dokumentationen. Schulte lebt in Hamburg und betreibt dort das Nachrichten- und Geschichstportal ForumFilm.de. In seinem neuesten Buch „Deutsche Policy of Pretention“ geht er dem Institut der deutschen Krisenkonferenzen nach, die mit zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges beigetragen haben. „Freie Welt“ sprach mit Dr. Schulte über das Buch seine Thesen und den Einfluss Fritz Fischers.

FreieWelt.net:
In Ihrem Buch „Deutsche Policy of Pretention” schildern Sie den „Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914“. Wie ist dieser Begriff “Anmaßung”/Pretention zu verstehen?

Zur Rezension auf FreieWelt.net
Dr. Bernd F. Schulte:
(praetendo – pretend – prétendre – Pretension – Pretention)
“Pretention” hieß 1914 “Bluff”. Es handelte sich um ein Modewort der damaligen Diplomatie. Schließlich wurde der Fehlschlag der europäischen Regierungen in der Julikrise des Jahres 1914 mit der Formulierung entschuldigt, man habe sich eben “festgeblufft”. Dass Spielerische des Vorgangs wurde leichtfertig überbetont.

Hier geht es allerdings um mehr. So wie die wissenschaftliche Interpretation der Ereignisse bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Verlaufe der neueren Diskussion seit 1961, eine eher unglückliche Fixierung auf den Juli/August feststellt, so geht es inzwischen in der allgemeinen Forschung darum, die europäische Welt zwischen 1905 und 1914 – hinsichtlich deren wirtschaftlichen, diplomatischen, militärischen und kulturgeschichtlichen Wurzeln – zu untersuchen.

In diesem Zusammenhang wird inzwischen von einer deutschen “brinkmanship”-Politik gesprochen. Das heißt: die Berliner Politik habe ein zunehmend bedeutenderes Risiko übernommen. Ich sehe die deutsche Politik dabei, systematisch, von Krise zu Krise gesteigert, nahezu naturwissenschaftlich und labormäßig, ein “testing the entente” vorzunehmen. Es ging darum, festzustellen, als wie solide das – in Berlin als monolithisch aufgefasste – System der Entente-Bündnisse und Absprachen – zwischen Paris, Petersburg und London – sich herausstelle. Es ging ferner darum, eventuell auftretende Risse zu erkennen, und im Folgenden eine mögliche Sprengung der Verbindungen zu betreiben.

Was war nun dabei deutscherseits vorgeschützt, übertrieben oder vorgespiegelt? Die deutsche Politik basierte, nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, zu großen Teilen auf dem herausragenden Ruf der preußisch bestimmten Armee. Es ist gezeigt worden, dass Kampfwertvergleiche den anscheinend unerschütterlichen Nimbus der deutschen Waffen als immer labiler erscheinen ließen. Spätestens seit der Marokkokrise von 1905 brach sich eine breit gefächerte Kritik an den deutschen taktischen und operativen Verfahren Bahn. Zum Beispiel in der “Revue Militaire des Armées Ètrangères” des französischen Generalstabes sowie englischen, französischen und russischen Magazinen, Monatsschriften und Tageszeitungen. Das geschah in einer breiten Kritik, unter anderem, am Beispiel der deutschen Kaisermanöver. Die nicht unbedingt erfolgreichen diplomatischen Bemühungen Berlins in diesen Jahren verschärften zusätzlich die fortschreitende Erosion des Bildes der Zeitgenossen von der preußisch-deutschen Armee als der „besten der Welt“.

Nicht zuletzt durch den immer wieder aufgenommenen Appell, das Schwert zu ziehen, entwertete, abgesehen von diesem technischen Hintergrund, die Berliner Diplomatie ihre Pressionspolitik 1904/06, 1908/09 und im Herbst 1912 selbst. Es wuchs in den Hauptstädten Europas bis Ende 1912 die Überzeugung heran, nun, bei nahezu vollendeter militärischer Rüstung, diesem Druck künftig widerstehen zu sollen.

So kam es zu einem Krieg, in den Deutschland mit noch nicht vollendeter Rüstung eintrat. In diese Zwangslage war Berlin geraten, obwohl etwa der englische Oberst Repington, im Oktober 1911 in der Times, eindringlich davor gewarnt hatte, die deutsche Armee, und deren Leistungsfähigkeit, überzubewerten. Deutscherseits wurde diese Kritik, bis hinauf zum Kaiser, empört zurückgewiesen, und in Berlin übersehen, dass jahrzehntelang bedeutende Summen in den Schlachtflottenbau geflossen waren, die nun – wie sich herausstellen sollte – in der Armee unübersehbare Lücken verursacht hatten.

Die Marne erreichten, im September 1914, die Armeen des rechten Heeresflügels nicht nur ohne die 1913 umstrittenen drei Armeekorps, sondern auch ohne ein, in Führung und Gefecht, konkurrenzfähiges Kampfverfahren, zeitgemäße Ausrüstung und Bewaffnung der Waffengattungen.

FreieWelt.net: Erläutern Sie bitte ihren Begriff des „Kriegerstaates“.

Dr. Bernd F. Schulte:
Einerseits hat Paul Kennedy in seinem berühmten Buch über den “Aufstieg und Fall der großen Mächte”(1986), vor allem am Beispiel Spaniens, Englands – wie auch Deutschlands, der USA und der UdSSR – dafür plädiert, den Akzent staatlicher Grundstruktur und Politik, nicht ausschließlich auf militärische Machtentfaltung zu setzen. Vielmehr seien, so Kennedys Urteil, die “Handelsstaaten” den “Kriegerstaaten”, im Verlauf der Geschichte, grundsätzlich überlegen. Diese These, die nicht zuletzt in Washington hart umstritten war, veranlaßte mich, den Begriff „Kriegerstaat“, in Bezug auf das deutsche Kaiserreich, anzuwenden vgl. „Bismarck war kein Deutscher, in: Rückbesinnen und Neubestimmen“, 2000)“.

Andererseits bildete sich die etwas ältere Bedeutung, im Verlauf der Diskussionen um das Buch Fritz Fischers “Griff nach der Weltmacht” (1961), heraus. Diese wissenschaftlichen und publizistischen Auseinandersetzungen um Strukturen, Modernitätsgrade und Entwicklungschancen des Kaiserreichs, hinterließen eine breitere Spur in der jüngeren deutschen, sozialgeschichtlich orientierten, Historiographie. Es bildete sich die Erkenntnis heraus, die mittelalterlich-feudalen, einseitig kämpferischen Versatzstücke im Erscheinungsbild des wilhelminischen Kaiserreichs (Reden, nationale Parolen, Paraden, Aufmärsche, Stechschritt, Sedanstage, Denkmäler), wie dessen hierarchisch strukturierter Gesellschaft, Armee und Verwaltung, hätten das Bewusstsein des damaligen Bürgertums (bis in die Arbeiterschaft) einseitig kämpferisch-maskulin geprägt.

Diese Hypothesen, die in der jüngsten deutschen Forschung aufmerksame Ohren gefunden haben, mögen, in den Rahmen der militanten Problemlösungsversuche, welche die deutsche politische Führung zwischen 1905 und 1914 unternahm, hineingespielt haben.

Meine, zu Beginn der achtziger Jahre,veröffentlichten Arbeiten ließen, in Bezug auf die Krisenkonferenz-Problematik innerhalb der Berliner Führungsspitze, wie hinsichtlich des Bürgerkriegs-Problems im militärischen Bereich, und hinsichtlich der horrenden, fatalen deutschen Verluste 1914, beim Angriff auf Belgien und Frankreich, diese Momente bereits anklingen.

So gelangte ich, unter dem Eindruck der letzten Aufgipfelung des Rüstungswettlaufs im „Kalten Krieg“ zwischen den USA/NATO und der UdSSR 1979/83 zu der Überlegung, militärische Lösungswege, wo immer möglich, durch diplomatisch-politische und Ansätze der Friedensforschung, wenn nicht zu ersetzen, so doch zumindest zu „unterfüttern“ (Graf Baudissins System der „Vertrauenbildenden Maßnahmen“).

FreieWelt.net:
Sie sind Schüler des Hamburger Historikers Fritz Fischer, dessen Buch „Griff nach der Weltmacht“ vor 50 Jahren die sog. „Fischer-Kontroverse“ auslöste. Wie ist ihr Verhältnis zu ihm und wie steht es in der heutigen Wissenschaft um seine Thesen?

Dr. Bernd F. Schulte:
Fritz Fischer war mein Lehrer und hat mir vermittelt, stets auf die Quellen zurückzugehen, positiv positivistisch zu denken, und neues Material der historischen Forschung, zur Beantwortung der dieser gestellten Fragen, zur Verfügung zu stellen. Ich kam zu ihm 1972 als Batterieoffizier in einem Hamburger Artillerie-Batallion und ging 1983, im Begriff, einen Platz beim Fernsehen zu finden.

Dazwischen lagen meine Dissertation und ein Buch zu Balkankrise und dem „Kriegsrat“ von 1912, sowie – auf Fischers Seite – einige Rezensionen und Vorträge, ein Aufsatzband sowie der große Auftritt 1978 vor dem Hamburger Historikertag, das daraus entstandene Buch „Bündnis der Eliten“, und die Kampfschrift „Wir sind nicht hineingeschliddert“ zum Kriegsausbruch 1914 und der „Fälschung der Riezler Tagebücher“, einer damals hart geführten Kontroverse.

Wir scheiterten gemeinsam in dem Bestreben, mich – trotz der angespannten Bewerbungslage – noch in der Wissenschaft unterzubringen. Stets ging es Fischer in diesen Jahren darum, zu unterstreichen, dass die besondere Bedeutung von forscherischer Leistung vor allem darin bestehe, einen Beitrag zu einem größeren Ganzen zu leisten. Breitere Publizität stelle für den Historiker einen seltenen Glücksfall dar. Das hat er 1988 unterstrichen, als eine Versammlung von Historikern und Hamburger Würdenträgern, zu seinem 80. Geburtstag, ihre Honneurs machten. Mein Fernsehportrait dazu, produziert für den Hessischen Rundfunk, stellte Fischer ganz in sein Hamburger Umfeld, und vor allem unter den Einfluss der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges.

Als er nämlich 1947 aus der Gefangenschaft zurückkam, hatte er mit den Traditionen des preußisch-deutschen Nationalstaates grundsätzlich gebrochen. Diese Zäsur vollzog er zunächst in seinem angestammten protestantisch-theologischen Arbeitsfeld. Mit dieser Wende hin zum westeuropäisch-amerikanischen Kulturkreis zog sich Fischer bereits 1949 die scharfe Opposition des Doyens der deutschen Geschichtswissenschaft, Gerhard Ritter, zu.

Als Fischer dann 1959/61, fußend auf grundstürzenden Archivforschungen, die Kriegsziele des kaiserlichen Deutschland, zusätzlich zur Hypertrophie Hitlerscher Aggressionspolitik herausstrich, beging er an sich schon, nach der überwiegenden Auffassung der damaligen Historikerzunft und bundesdeutschen Gesellschaft, ein Sakrileg. Dieses Buch, das unter dem provozierenden Titel „Griff nach der Weltmacht“ im November 1961 auf den Buchmarkt kam, wurde zusätzlich eingeleitet durch ein Kapitel, das die Entstehung des Ersten Weltkrieges, im Sinne einer Deutschland belastenden italienischen Darstellung von 1950, entwickelte. Störten Fischers Darlegungen zu den deutschen Kriegszielen im Ersten Weltkrieg an sich schon die trügerische Ruhe genug, welche deutsche Historiker für das Thema „1914“ verordnet hatten, so bot dieses Kapitel eine ungeschützte Flanke, eröffnete einen neuen (alten) Kriegsschauplatz“ und forderte geradezu die konservative wissenschaftliche Fronde zum Gegenstoß heraus.

Niemand war weniger als Fischer zum Vorboten der sozialliberalen Koalition von 1969 geeignet. Obwohl er der liberalen Bewegung wohl an sich nahe stand. Das wurde nicht zuletzt zu Beginn der achtziger Jahre deutlich, als wir wiederholt die Kandidatur Ingo von Münchs, für den Hamburger Senat, unterstützten. Dennoch, sein berühmtes Buch gehört zur Vorgeschichte des innenpolitischen Wandels in Deutschland, der sich im Verlauf der sechziger Jahre vollzog. Auch demonstrierten Fischers Publikationen dem Ausland, dass es nun, durchaus auch in den politischen Grundsatzfragen, ein neues Deutschland gebe. Das stärkte nicht zuletzt das Vertrauen unserer früheren Kriegsgegner in die neuerstandene Bonner Republik und begünstigte die Tendenz, Deutschland in die internationale Gemeinschaft zu reintegrieren.

So liegen Fischers Verdienste weniger in den immer noch hart umkämpften Deutungsunterschieden und wissenschaftlichen Grabenkämpfen um die Entstehung des Weltkrieges von 1914, als vielmehr in seiner indirekten politischen Wirkung. Wissenschaftlich übergreifend hat der Hamburger Historiker zusätzlich, gegen die überkommene, diplomatiegeschichtlich akzentuierte, traditionelle Auffassung den eher sozial- und wirtschaftsgeschichtlich akzentuierten Ansatz seiner Hamburger Schule gestellt. Dieser hat Frucht getragen, und mit anderen Forschern, die deutsche Geschichtswissenschaft insgesamt wieder auf internationales Niveau gehoben. So erscheint es überfällig, Fischer, der die Hamburger Universität auf internationalem Parkett berühmt machte, in der deutschen Wissenschenschafts-Republik den Platz einzuräumen, der ihm, jenseits allen kleinkarierten Streits, zukommt.

FreieWelt.net:
Sie beziehen sich in ihrem Buch vor allem auf die Krisenkonferenzen im Führungssystem des Deutschen Reiches und die Rolle des Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg.

Dr. Bernd F. Schulte:
Kurz gesagt, behauptet die traditionelle deutsche Geschichtswissenschaft in Kontinuität, und immer wieder neuer Formulierung (seit 1959), die „Schuld am Ersten Weltkrieg“ spiele „kaum noch eine Rolle innerhalb der Forschung“ (Große Kracht, 2004). Dass der Begriff der „Krisenkonferenzen“ im Kaiserreich, den ich 1980 prägte, noch bis in die jüngste Zeit benötigte, um von eben diesem Teil der deutschen Geschichtswissenschaft akzeptiert zu werden, zeigt, wie wenig dieses Problem in Deutschland verarbeitet ist.

Worum geht es aber? Es geht um die vordergründige Abschwächung der Röhl/Fischer-These, am 8. Dezember 1912, dem sogenannten „Kriegsrat“ bei Wilhelm II., sei, für einen Zeitpunkt in anderthalb Jahren, der Erste Weltkrieg beschlossen worden. Bereits der Streit um die tatsächliche Auswirkung dieser Konferenz hoher Vertreter von Armee und Marine beim Kaiser (Tirpitz wurde umgehend benachrichtigt), legte wiederum offen, wie heiß umkämpft die deutsche Verantwortlichkeit, im Bewusstsein der Historiker, nach wie vor war und ist.

Wie groß nun mein Interesse an dieser Frage war, zeigt die Tatsache, dass ich bereits in der Dissertation über die deutsche Armee von 1914 (1977) auf eine Unterredung zwischen dem Reichskanzler und dem Feldmarschall Colmar von der Goltz erstmals Bezug nahm, die in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft zum 8. Dezember stattfand, und sich um die Möglichkeit eines Präventivkrieges, im Gefolge der türkischen Niederlagen im Herbst 1912, drehte. Bestand doch das Bestreben der konservativen Historikerfronde um Wolfgang J. Mommsen darin, auf die Abwesenheit des Reichskanzlers beim Kaiser, und damit eine Nichtbeteiligung der Politik, hinzuweisen. Diese Argumentation widerlegte mein Buch „Vor dem Kriegsausbruch 1914“ (1980), das die Auswirkungen der Balkankrise auf den „decision making process“ in Berlin, in den politischen und militärisch-strategischen Führungseliten, zum Gegenstand erhob.

Bilden doch militärische Fragen, und der strategische Entscheidungskreis, den noch fehlenden „Schlußstein“ der Fischerschen Argumentation.
Es wurde gezeigt, dass – durchaus im Sinne einer Kriegsvorbereitung – nach dem Dezember 1912 ausgreifende Maßnahmen technischer, personeller und funktionaler Art ergriffen wurden, die offensichtlich dazu führten, dass die deutsche Armee im Jahre 1913 nicht kriegsbereit war. Es wurden nämlich sämtliche Bereiche der Militärverwaltung von einer rasanten Aufrüstung (von der Konservendose bis zum Lederkoppel) ergriffen, was unmittelbar zu Engpässen führte. Quellen, die mir 1978 bekannt wurden, zeigen darüber hinaus, dass es sich im Umfeld der Kriegsentschluss-Problematik um ein breiter angelegtes Phänomen innerhalb der deutschen Führungsstruktur handelte.

In der ersten Auflage des hier behandelten Buches aus dem Jahre 1983 wurde dementsprechend auf die „Krisenkonferenz“ bei Bülow im Juni 1909 hingewiesen, die durch einen möglicherweise unmittelbar bevorstehenden Krieg mit England veranlaßt war. Es fällt auf, dass sich die Diskussion im Grunde um die gleiche Problematik, wie am 8. Dezember 1912, bewegte.

Arbeiten an meinem demnächst erscheinenden Buch über „Politik und Militär im Kaiserreich“ führten zu weiteren „Krisenkonferenzen“, die in nächster Nähe zu den übrigen Vorkriegskrisen stattfanden. Erste Ergebnisse dieser Forschungen fanden im Annex des hier besprochenen Bandes Aufnahme, und führten zu der These vom „Institut der Krisenkonferenzen“ in der deutschen Führungsspitze zwischen 1871 und 1914. Es handelte sich also ganz und gar nicht um etwas Besonderes, wenn die Spitzen von Politik und Militär sich in Berlin zusammenfanden, um über die nächsten Schritte, angesichts einer Krise mit Frankreich (1875), mit Russland und Frankreich (1877/79), mit Rußland (1887/89) – und schließlich mit Russland (1908/09)und, gegebenenfalls, England/Frankreich (1912/14) zu beraten. Die inhärente Brisanz des „Krisenkonferenz“-Begriffs hat die, begierig von dem Begriff des „Kriegsrats“ abgehende, konservative Zunft übersehen.

Es bildet sich, abgesehen von den Details der verschiedenen Krisenabläufe im einzelnen, ein ausgesprochen dichtes Bild einer regen Interdependenz innerhalb der deutschen Führung. Und dies insbesondere zwischen den politischen und militärischen Ämtern. Von einer hochgradigen, und vermeintlich strukturbedingten, „Polykratie“ (Düsseldorfer Schule) in der politisch-militärischen Führungselite des deutschen Kaisereichs – wie Mommsen immer wieder behauptet hat – kann also, vor allem in Bezug auf die lebenswichtigen Fragen von Krieg und Frieden, keinesfalls gesprochen werden.

Im Zentrum der Berliner Politik, zumindest zwischen 1909 und 1917, stand und steht der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Es führt nicht weiter, wenn dieser Kanzler lediglich als Philosoph und wirklichkeitsfremder Politiker der Diagonale verstanden wird. Er war mehr. Ausgehend von den Vorstellungen seines Großvaters, des preußischen Kulturpolitikers und Staatsrechtlers, Moritz August von Bethmann Hollweg, in der Krimkriegphase, stand er ganz auf der liberalkonservativen Position der von diesem begründeten „Wochenblatt-Partei“ im Preußen der „Neuen Ära“. So wollte der Kanzler seit 1909 Deutschland zwischen Russland und England stellen, und Grossbritannien auf das Reich, durch eine – wie auch immer geartete -Neutralitätspolitik „zuzwingen“, um so Spielraum für die weiterhin offen gehaltene deutsche Europa- und Weltpolitik zu erhalten. Dass dieses „Zuzwingen Englands“, wie schon ausgeführt, in einem immer riskanteren „testing the entente“ mündete, und gleichzeitig der deutsche Nimbus der Unbesiegbarkeit stetig abnahm, führte schließlich zum Scheitern der „Policy of Pretention“ im Angesicht der Konfliktlage des Juni/Juli 1914.

Nicht zuletzt wurde die Entscheidung des Reichskanzlers durch eine von mir hier erstmals erwähnte Denkschrift aus Wien vom 24. Juni 1914 gefördert, die offenlegte, es sei in den nächsten Monaten mit dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns – und damit dessen militärischer Präsenz – zu rechnen. In dem Augenblick des Fürstenmordes von Sarajevo hielt Bethmann Hollweg diese Denkschrift in Händen. Diese mag den Kanzler, in dramatischen Stunden, dazu bestimmt haben, einem Kriege im äußersten Falle zuzustimmen, da dieser dann noch mit Unterstützung Österreichs geführt werden könne. Eine Aufteilung Österreichs, ähnlich jener für die Türkei erwarteten, deren Schattenriß fiel in diesen Stunden zwischen dem 28. Juni und 5. Juli 1914 auf die dunkle Eichholztäfelung im Arbeitszimmer des Reichskanzlers auf Schloß Hohenfinow.

Bernd F. Schulte, Deutsche Policy of Pretention. Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914. Norderstedt 2009, 404 S., 22,80 €. ISBN-10: 383702251X ISBN-13: 978-3837022513

Erhältlich unter anderem hier
http://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss?__mk_de_DE=%C5M%C5Z%D5%D1&url=search-alias%3Ddigital-text&field-keywords=bernd+f.+schulte

Die Internetseite von Dr. Bernd F. Schulte: www.Forumfilm.de; www.forumfilm.com

Das Interview führte Norman Gutschow

Norman Gutschow, 23.12.2011 11:37 | Kommentare (0)

Vom „Institut der Krisenkonferenzen im Kaiserreich“ zum Ersten Weltkrieg.

Sonntag, Dezember 25th, 2011

Rezension zu:
Bernd F. Schulte, Deutsche Policy of Pretention. Niedergang eines Kriegerstaates, 1871-1914. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe II, Bd. 1, Norderstedt 2009.

Im Jahre 2014 wird sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Male jähren. Trotz anders lautender Bekundungen geht in der historischen Foschung die Kontorverse um den Ausbruch des „Great War“ weiter. Der Historiker Bernd F. Schulte verfolgt in seinem Buch „Deutsche Policy of Pretention“ den Kriegsentschluß des Kaiserreiches vor 1914. Der Fritz Fischer-Schüler richtet dabei sein Augenmerk besonders auf Krisenkonferenzen im November/Dezember 1912, die seiner Ansicht nach „innerhalb des Entscheidungsprozesses der politischen und militärischen Führungselite des Kaiserreiches, entscheidende Bedeutung in Hinblick auf einen Krieg in absehbarer Frist zukomm[en]t.“

In dem vorliegenden Sammelband geht es also vor allem um die andauernde europäische Krise vor 1914.
Schulte konzentriert sich dabei auf die von ihm herausgearbeitete Institution der Krisenkonferenzen, die bereits seit Reichsgründung 1871, dann immer stärker ab 1900 die Politik des Kaiserreiches prägten.

Dieses innenpolitische Kräftespiel stellt der Autor aus der Sicht der Militärbehörden im Hinblick aud dem Weg in den Ersten Weltkrieg, gerade unter dem Aspekt der Kriegsvorbereitung, dar. Schulte entwickelt so seine Thesen von der deutschen „Policy of Pretention“, dass, salopp gesagt, „Bluffen“ des Deutschen Reiches zwischen 1905 und 1914, dessen Mißerfolg nur folgerichtig erscheint:

„Ein in den gesellschaftlichen Strukturen erstarrtes Staatswesen hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Mittelmäßiges Management, veranlasste schließlich Fehlschläge (Marneschlacht) die irreparabel waren. Der Krieg, so wie er politisch und militärisch gedacht war, ging verloren. Ein vierjähriges, verlustreiches und nutzloses Ringen folgte. Alle Beteiligten verloren in der Folge ihre – bis dato – errungenen Positionen als Groß- oder Weltmächte.“

Ein großartiger Beitrag zur Vorgeschichte und Vorbereitung des Ersten Weltkriegs durch die deutsche Politik und die militärische Führung. Für Historiker und Experten sehr interessant, leider für den Einstieg in die Thematik ohne genügendes Vorwissen zu komplex. Empfehlenswert für Fortgeschrittene.

Norman Gutschow /Freie Welt, 25.12.2011.

Bernd F. Schulte, Deutsche Policy of Pretention. Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914.
Norderstedt 2009, 404 S., 22,80 €.
ISBN-10: 383702251X ISBN-13: 978-3837022513