Ringen um den Frieden 1905-1911. Modell für die Verhandlungen des Westens mit Rußland Heute.

April 16th, 2015

Inhalt

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Der Büchsel-Plan.

– Kriegsfall England

10

Das Scheitern des „Büchsel-Plans“.

Kriegsfall England – Frankreich bindet die ganze Armee.

11

Die Krisenkonferenz vom März 1905.

– Regierungspraxis nachts um 1 Uhr.
– Armee nicht kriegsbereit.

12

Aus englischer Sicht: Kriegs- und Friedenspartei in Berlin.

– Grey und der Krieg gegen Deutschland.

13

Rückrat deutscher Seestrategie.

– Flottenvorbereitung und zentrale Option.

14

Deutschland unterschätzt England.

– Innenansichten der Berliner Führungselite (Daily-Telegraph-Affäre).
– Zentralstellung gegen die britische Weltmacht.
– Küstenbefestigung und Schlachtflotte.

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Belgien: Machtbasis gegen England.

– Holland und Belgien: Hebel gegen die Weltmacht.
– Pessimismus der Flottenleitung.

17

König Georgs dynastische Außenpolitik.

– England kracht in den Fugen.

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Kühle Beobachtung: Sir Edward Goschen.

– Imperial Chancellor: Bethmann Hollweg.
– Großer Generalstab – Interdependenz der Ämter.
– Erschöpfter Wilhelm II.

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Parallelität der Deutsch-Österreichischen Planung.

– Österreich, Italien, Rußland und der Balkan.
– Rückverlegter Aufmarsch Russlands 1909ff.

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Zweiphasen Aufmarsch-Planung Berlins.

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Moltke zur Schwere der Aufgabe.

– Abstimmung zwischen Politik und Militär.
– Zusammenspiel Generalstab und Kriegsministerium.
– Planungen für den Durchbruch durch die „Lücke von Charmes“.

Österreichische Vorbereitungen zwischen Istrien und Save.

– Rußland.
– Italien/Balkan.
– England.
– Schweiz/Japan.
– Rußland.
– Schlag nach Westen.
– Russische aggressive Politik.
– Japan drückt auf Rußland.
– Antwort auf den rückverlegten Aufmarsch.
– Zweiteiliger russischer Aufmarsch.
– Vorsprung des österreichischen Aufmarsches.
– Russische Aufmarschgruppen einzeln schlagen.
– Risikanter österreichischer Aufmarsch.
– Gefahr russischer Kavallerie-Raids.
– Vorbereitungen in Spannungszeiten.
– Gefahr innerer Unruhen und Störungen des Aufmarsches.
– Die Insurgierung Polens (Vorstöße nicht mobiler Einheiten).
– Wien: Abstimmung zwischen Militär und Politik.

Enges Zusammenwirken mit Deutschland (italienische Armee am Oberrhein).
– Selbstverständlichkeit: Deutscher Einmarsch in Belgien.
– 1910: Deutsch-österreichischer Aufmarsch gegen Rußland.
– Galizien: deutsche und österreichische Planungen.
– Moltkes Angebot.
– Die Russen werden sich stellen.
– Chance des gemeinsamen Vorgehens.

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England, der Gegner, mit dem man abrechnen muß.

– Krieg mit England in Belgien/Nordfrankreich.
– Türkei als Dreibund-Partner.
– Deutsch-Englische Spannung 1911.
– Höhepunkt der Marokkokrise.
– Deutsch-Englisches Krisenmanagement.
– Bethmann Hollweg berät mit Goschen.

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Das offene diplomatische Spiel in Europa.
Berlin erhöht den Druck.

– Deutschland, Rußland, Frankreich.
– Hinter den Kulissen in Berlin.
– Rüstungspolitische Konsequenzen.

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Deutsche Aufmarschplanung und Kriegsbild 1911/12.

– Westen.
– Osten.
– Berlin: Rüstungspolitik und „Preemptive Strike.
– Quantitativer Ausgleich.
– Moltke 1911: „Deutschlands Ziele weiter gesteckt als früher“.
– Frankreich.
– England ermutigt Rußland zum Krieg.
– Moltkes Kriegsbild: Österreich.
– Der deutsche Kriegsplan.
– Türkei: Dreizack gegen Rußland und England.
– Die Kriegsbereitschaft Rußlands 1911.
– „Moltkeplan“ gegen England.

Operationsziel Belgien und Holland.

– Grundgedanke der deutschen Kriegsplanung 1911.
– Frankreichs Aufrüstung.
– Januar 1912: Stringente Kriegsvorbeitung. Wende zur Aufrüstung.

 

 

Einleitung.

Die historische Forschung, älterer (Ritter) und jüngerer Provenienz (Wolfgang Mommsen), hat sich immer wieder mit dem Verhältnis zwischen Politik und Militär beschäftigt. Ob die Generalstabsabsprachen im Ententesystem (Samuel Williamson) oder zwischen den späteren Mittelmächten, die Auseinandersetzung moderner demokratisch regierter Staaten mit autokratisch bestimmten Monarchien, die Problemlagen – im Spannungsbogen zwischen Diplomatie und Aufrüstung; zwischen politischer Taktik und dem Rechenkalkül der Strategie – liegt im Grundsatz – damals wie heute – auf einer Linie.

Dass es uns die Wissenschaft in der Vergangenheit (Fischerkontroverse) nicht leicht gemacht hat, aus dem geschichtliche Beispiel, Erfahrungen und Lehren für die Zukunft abzuleiten, wird offenbar. Denn die Verteidigung gegen den Vorwurf, für das Massenmorden des Ersten Weltkrieges verantwortlich gewesen zu sein, stand im Vordergrund und vernebelte den reichen Erfahrungsschatz der erschließbar wird, wenn den Agierenden von 1914 nicht unterstellt wird, allein unter dem Schatten von Zwanglsäufigkeiten agiert zu haben; und stattdessen allseits die Rationalität des Handelns angenommen wird.

Zudem nach 1945 vordringlich schien, den Verlierer des Zweiten Weltkrieges, Deutschland, nicht zusätzlich auch noch mit der Verantwortung für die Auslösung des Ersten zu belasten (Riezler Tagebuch Affäre). Dennoch wurde mit der Lebensleistung des Hamburger Historikers Fritz Fischer deutlich, dass die Kontinuität der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Strukturen, demnach übergreifend in Staat und Gesellschaft, den Zweiten Weltkrieg als direkte Folge des Ersten erscheinen läßt.

Darüber hinaus wird erkennbar, wie ungebrochen das historische Muster auch heute wirkt. Auf einer Landkarte Europas, die jener vor 100 Jahren durchaus vergleichbar ist, wird erkennbar, dass die Aktionen – die mit der Krimkrise aufgebrochen – heute Schritt für Schritt auf die Challenge der NATO durch Rußland zulaufen, durchaus dem deutschen „Testing the Entente“ vergleichbar sind; jener „Policy of Pretention“, die der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg vor 1914, bis zum Bruch des Entente-Systems, voranzutreiben suchte „England auf uns zuzwingen“, Februar 1911).

Dass schließlich England mit der Armeereform Haldanes leitend wurde für der Umorientierung des westlichen Europa vor 1914 hin auf die Konfrontation mit dem „Oststaat“ Deutsches Reich, mag nur erneut Parallelen zu 2014/15 herausfordern. Doch ist der Konfliktgegenstand (hier 1914 Flotte oder heute, 2015, die Expansion von Machtspähren) im Grunde wenig von Belang, denn entscheidender erscheinen die Modalitäten, und Erfolgschancen von Verhandlungen zwischen so unterschiedlich strukturierten Systemen, wie hier der Demokratie, und dort der Autokratie. Dass zudem militaristische, kriegerstaatliche, Züge in den Oststaaten Deutsches Reich damals, und heute Rußland, deutlich werden, mag nur den Einbahnstrassen-Charakter (Senghas, Autismus) der laufenden Entwicklung, hin auf den lokalisierten, konventionellen Krieg in Europa unterstreichen.

 

9

Der Büchsel-Plan.

Im Januar 1903 notierte der englische Botschafter in Kopenhagen, Goschen, es sei über einen Besuch des deutschen Kaisers gesprochen worden:

“Went to Deutzer´s day and talked about a rumoured visit to Copenhagen from the German Emperor. He doesn´t want him to come. He said one never knows what he will be up to – he may habe as often happens a sudden attack of want of tact and may say or do something which will put up everyone´s back and undo all the efforts of the last years to make the relations between Denmark and Germany more friendly. ´His visits are not always lucky or successful´”.

Um Schlieffen endgültig auszustechen, entwickelte Büchsel am 3. Februar dem Kaiser schriftlich die Position der Marine für Planungen, nunmehr im Hinblick auf den “Krieg Deutschlands mit England u[nd] Frankreich zusammen”. Einleitend bestand er darauf, die Kriegführung der Flotte müsse “in weitgehenstem Maße durch d[ie]. Armee unterstützt werden”. Der Admiralstabschef faßte pointiert die Haltung der Marine dahin zusammen, “im Kriege mit England” liege “die endgültige Entscheidung einzig u[nd]. allein bei der Flotte“.

– Kriegsfall England.

Ausgangspunkt der Darlegungen Büchsels für Wilhelm II. war der frühere Kriegsfall “England”. Danach wurde Anfang 1905 erwartet, England werde die deutsche Flotte vernichten, den Handel und die Industrie des Reiches, und damit “einen unbequemen Macht- und Handelskonkurrenten, beseitigen”. Erwartet wurde, mittels der “großen Überlegenheit der englischen Flotte” werde die deutsche “von allen Meeren vertrieben, und die Blockade” der Küsten “so gehandhabt, dass Einfuhr u[nd]. Ausfuhr praktisch aufhören” würden. Als Antwort hierauf sollte versucht werden, “durch Beseitigung eines Kontinentalverbündeten Englands”, den Punkt des deutschen Zusammenbruchs herauszuschieben, bzw. zu vermeiden. Dazu war geplant, die englische Flotte derart zu schädigen, daß es dem Inselreich “zur Aufrechterhaltung seiner Weltmachtstellung gerathen” erschiene, “diesen Krieg abzubrechen und Deutschland als gleichberechtigten Machtfaktor anzuerkennen”. Dieses könne jedoch nur durch die Flotte erreicht werden, da ausschließlich “durch Seestreitkräfte” die “englischen Machtmittel zu See …geschädigt werden” könnten. Büchsel folgerte, Deutschland müsse “mit allen Mitteln – auch mit denjenigen der Armee – die Kriegführung der Flotte unterstützen”. Welche Bedeutung dieser Kriegsfall, über die rationale Betrachtung eines Operationsplanes hinaus, für die Führung der Flotte (und womöglich den Kaiser) hatte, umriss der Chef des Admiralstabes unter Hinweis darauf, bei diesem “Kriege gegen England” handele “es sich um unsere (i.e. Deutschlands, B.S.) nationale Existenz!” Dass das Kalkül des Reiches rund um den Flottenbau auf des Messers Schneide stand, berührte er mit dem Hinweis auf die Eventualitäten einer Niederlage:

“Wir müßen Alles einsetzen, wollen wir unser Ziel erreichen; verlieren wir, zwingt uns England zur bedingungslosen Unterwerfung unter seinen Willen, so ist Deutschland voraussichtlich für alle Zukunft aus dem Kreise der Weltmächte gestrichen und sinkt zu einer Kontinentalmacht herab”.

Unter diesen Bedingungen plädierte Büchsel für den Einsatz sämtlicher Streitkräfte. Die Neutralität der Nachbarstaaten, Rücksichten auf die Haager Landkriegsordnung und ähnliche Regularien seien, so sprach er aus, zurückgestellt worden. Der Admiralstabschef führte aus,

“die Situationen[,] die wir brauchen, müßen geschaffen werden ohne Rücksicht auf Nachbarn und unter weitgehender Auslegung der Rechte der Kriegführenden”.

Angesichts dieser Zielsetzung erscheint Büchsel das tatsächliche Kräfteverhältnis entmutigend ungünstig. Für den Fall, dass Großbritannien den Zeitpunkt des Kriegsausbruches wähle und Seestreitkräfte zu Beginn des Konfliktes die Schlacht suchten, würde die “deutsche Flotte aufhören … zu existieren”. Auch die Defensive böte England die Gelegenheit, “die Überlegenheit seiner Kräfte zu zementieren und die Blockade des Handels … und die Einschließung unserer Flotte”. Büchsel plädierte vor dem Kaiser eindeutig gegen jede Form der Defensive. Diese sei

“unvereinbar mit dem Ziel unserer Kriegführung, unvereinbar mit dem was die Nation von der mit großen Opfern geschaffenen Flotte”

erwarte,

“unvereinbar mit der Hoffnung nach dem Kriege die Mittel zu erhalten für den weiteren Ausbau unserer Flotte zu einem Ausschlag gebenden Machtfaktor”.

Als Lösung aus diesen Kalamitäten bot der Chef des Admiralstabes das “Festhalten der Grand Fleet in den Belten und im Kattegat und die Schwächung des Feindes” durch unterseeische Verteidigung an. Erst ein abgenützter Gegner mache vor den deutschen Sperren in den dänischen Wasserstrassen die “Offensive unserer Schlachtflotte… aussichtsvoll”. Selbst die rationale Erwägung, was geschehe, falls der Gegner nicht aus der Nordsee heraus vorgehe, wird im Sinne des deutschen gemischt defensiv-offensiv gestalteten Konzeptes entkräftet. Ein Stehen bleiben in der Nordsee, so führt Büchsel aus, entspreche nicht den “Traditionen” und dem “offensiven Geist der seit Jahrhunderten” in der englischen Flotte lebe. Für den Vorstoß der Grand Fleet in dänische Gewässer spreche auch, dass England so “Dänemark zu Hilfe kommen[,] oder in ihm einen Bundesgenossen suchen” werde. Dieses Konzept einer Teilung der englischen Seestreitkräfte “en gros” und “en détail”, nämlich vor den Belten, in den dänischen Gewässern und in der Nordsee wie an den Ostseeingängen, wird als durchaus erfolgversprechend eingeschätzt.

Allerdings – und das ist wohl auch der Kern des Scheiterns im Weltkrieg – streift der Admiralstabschef nur kurz die Möglichkeit einer weiten Blockade über die Konzentration der englischen Hauptstreitkräfte in der Nordsee, die Überwachung der Ostseeausgänge “nur zwischen Schottland u[nd] Norwegen und damit jegliche Inaktivität, sowohl vor den dänischen Belten, wie auch an der Elbemündung”. Büchsel relativiert dieses Szenario, indem er behauptet, die deutsche Flotte würde in diesem Fall dem “Hauptfeind gegenüber nicht ungünstiger” stehen als zuvor. Die Einzelheiten der Verteidigung der Sperren in den Belten, die Frage des Umfanges der Besetzung der dänischen Hauptinsel, und, möglicherweise die schädliche Wirkung eines geringeren Umfanges des Armeeinsatzes, werden mit hoher Intensität entwickelt. Doch scheint dem Admiralstabschef von entscheidender Bedeutung, dass England, bedingt durch ein massives deutsches Engagement, mit höherer Wahrscheinlichkeit in dänischen Gewässern, und zur Unterstützung eines möglichen Bundesgenossen (i.e. Russland, B.S.), auftreten werde.

Augenscheinlich befand sich die Kriegsplanung für den “Fall England” seit geraumer Zeit in der Schwebe. Büchsel bezeichnet den “Abschluß des Operationsplanes” als dringend. Eng verknüpft mit diesen Vorarbeiten sei die “Frage, ob u[nd]. welches dänische Gebiet besetzt” werden solle. Büchsel betont, die “endgültige Entscheidung” des Kaisers sei notwendig, da nur “sorgfältige Friedensvorbereitungen…die Durchführung dieses Planes im Kriege” ermöglichten. Dazu seien das Kriegsministerium und das Reichsmarine-Amt hinzuzuziehen, die beide “noch nicht gehört worden” seien. Nach deren Vorträgen und dem Korreferat des Generalstabschefs bittet Büchsel um die Entscheidung des Kaisers in der Frage:

“Soll für die Operationen der Flotte in einem, möglichen Kriege gegen England oder England u[nd]. Frankreich p l a n m ä ß i g mit der Besetzung eines Theils von Seeland mit Korsör, von Sprogoe[,] Fünen und eines Theils von Jütland mit Esbjerg u[nd]. Fredericia gerechnet werden und sollen alle Mobilmachungsvorbereitungen hierfür getroffen werden?

Annex.
Tirpitz: Die Entwicklung unseres großen Kreuzers. “Die Flotten Russlands und Frankreichs treten in ihrer Bedeutung uns gegenüber immer mehr zurück. Ein Krieg gegen Amerika ist ohne ein direkt wohlwollendes England für uns fast unmöglich. Wenn aber England in solchem Konflikt Deutschland ausgesprochen wohlwollend ist, so würde es sich solche Feindschaft von Seiten Amerikas zuziehen, dass es zweifellos in solchem Falle besser thäte, die direkt wohlwollende Neutralität in eine Alliance mit Deutschland zu verwandeln und dann brauchte Deutschland keine grossen Kreuzer. Es bleibt somit, abgesehen von sonstigen Gründen, für Deutschland die grosse maritime Gefahr für das nächste Jahrzehnt nur die englische Flotte. Der englischen Flotte gegenüber tritt aber die Aufklärung d.h. also die bekannteste und im Frieden am meisten in die Erscheinung tretende Detachierungsart an Bedeutung sehr zurück, denn mit grosser Wahrscheinlichkeit ist aus der englischen Geschichte und Auffassung zu schliessen, dass wir die Schlacht haben, so bald wir wollen, … “.

 

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Das Scheitern des „Büchsel-Plans“.

Kriegsfall England – Frankreich bindet die Armee.

Am 4.2.1905 nahm Schlieffen zur Besetzung Dänemarks durch die Armee und zur Verteidigung der Sperren in den Belten ausführlich Stellung. Abgesehen davon, dass der Kräfteansatz höchstmöglich gewählt wird, kommt der Generalstabschef zu dem Ergebnis, die Sperren könnten bis zum 4. Mobilmachungstag erstellt werden, was aber voraussetze, “dass die deutsche Flotte die Seeherrschaft in der Ostsee und im Kattegat sich” erhalte. Allem Anschein nach erwog Schlieffen den Zweifel, “die stets kriegsbereite englische Flotte” werde die Belte vorher durchlaufen können. Weiter seien in diesem Falle die deutschen Kräfte auf Seeland und bei Sprogö abgeschnitten. Zusätzlich schienen die für den Einsatz vorgesehenen Artillerie-Batterien unzureichend. Es stellte sich damit die Frage, warum unter diesen Voraussetzungen überhaupt zwei aktive Armeekorps hier festgelegt werden sollten. Diesen Zweifel nährte und verstärkte der Generalstabschef.

Wilhelm II. ließ am 7.2.1905 dem Admiralstabschef mitteilen, es solle “für die Operationen der Flotte im Kriege gegen England, oder England und Frankreich, mit der planmäßigen Besetzung eines Theils von Seeland mit Korsör n i c h t gerechnet werden“. Als Gegner der Flottenpläne hatten inzwischen der Reichskanzler mündlich, und die Armee, Gründe gegen eine Besetzung Seelands geltend gemacht. Während die Bedenken Bülows nicht erläutert werden, wird für die Armee der Kriegsfall “England/Frankreich” als Grund dafür angeführt, dass die Kräfte gegen Dänemark nicht bereitgestellt werden könnten, da ohne diese der “Erfolg gegenüber Frankreich in Frage” gestellt sei. Andererseits sollte nunmehr die ungenügende Verteidigung der Friesischen Inseln, “für den Fall des Krieges mit England u n d Frankreich”, verstärkt werden. Damit war der Versuch des Admiralstabes gescheitert, die Armee für die Flottenkriegführung gegen das überlegene England zu gewinnen und eine aussichtsreichere Ausgangslage für eine Entscheidungsschlacht der Hochseeflotte zu schaffen.

Das Ergebnis war – nicht zuletzt infolge der politischen Einschätzung in der Reichsspitze – eine Maus: Die “Sicherung Borkums, Sylts, Pellworms, der Emsmündungen und der Ankerplätze in diesem Raum gegen Versuche, die Inseln zu besetzen und sie als Basis zu benutzen“.- 48 Stunden nach Auslösung sollten die Sicherungsmaßnahmen durchgeführt sein. Nun ging es darum, wie Büchsel nach seinem Immediatvortrag beim Kaiser schriftlich festhielt, “einen neuen “Operationsplan II” aufzustellen. Dem Flottenchef, dem Chef der Ostsee-Station, dem Reichsmarine-Amt, dem Generalstab und dem Chef des Marine-Kabinetts teilte Büchsel die Veränderung der Lage mit. Nunmehr ging es nur noch darum, die Verstärkung der Nordseeinseln in kommissarischen Verhandlungen zwischen den leitenden Stellen der Marine vorzubereiten.

 

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Die Krisenkonferenz vom März 1905.

– Regierungspraxis nachts um 1 Uhr.

Überlagert wurden diese Überlegungen der Marinestäbe durch die grundsätzliche Frage eines Präventivkrieges gegen Frankreich “im Schatten” des russischen Engagements in der Mandschurei gegen Japan. Im März 1905 berief Wilhelm II. eine Konferenz, an welcher mit dem Reichskanzler Bülow, der Generalstabchef Schlieffen und der Kriegsminister Einem teilnahmen.

– Armee nicht kriegsbereit.

Nachts um 1 Uhr erfolgte der “Alarmruf” des Kaisers. Schlieffen und Bülow trafen sofort ein, der Kriegsminister stieß um 6 Uhr morgens dazu. Wilhelm II. forderte den schon lange gewünschten Krieg gegen Frankreich unverzüglich zu führen. Das wurde durch den Beraterstab abgelehnt, da Einem erklärte, die deutsche Feldartillerie sei der französischen durchaus unterlegen. Eine waffentechnische Fehlentscheidung der Artillerie-Generale Kehrer, Prunker und von Schmidt (Inspizient der Feldartillerie) hatte in der Artillerie-Kommission schon “im Jahre 1898 für 500 Millionen” Reichsmark zu Drahtseilbremsen bei der Feldartillerie geführt, “obgleich Frankreich Anfang der 90iger Jahre (bis 1895) das Rohrrücklaufgeschütz eingeführt hatte”. Mit der “Kraft ihrer ´Autorität´” hatten diese Generale eine Fehlentscheidung gegen das jüngere Offizierkorps durchgesetzt.

Das berichtete am Morgen nach dieser Unterredung beim Kaiser Schlieffen am Königplatz seinem Neffen, Graf Hermann Schlieffen, der dies an die Generalstabsoffiziere Riemann, von Tiechowitz und Holleben weitergab. Der Krieg gegen Frankreich im Jahre 1905, später von den Zeitgenossen als die verpasste Chance begriffen, wurde vertagt. Umso stärker tritt die Rolle der Flotte hervor, die nach der diplomatischen Niederlage von Algericas noch einen Hebel gegen England darzustellen schien.

Es war klar, daß Deutschland Ende 1905 weder gegen England noch gegen Frankreich kriegsbereit war. Die Hauptwaffengattungen der Armee, Infanterie und Feldartillerie waren nicht kriegsbereit, da sie umbewaffnet wurden. Die Festung Metz befand sich mitten im Ausbau. Forts und Batterien waren noch nicht vollendet. Friedrich–Christian Stahl (vormals Direktor des Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg) glaubt annehmen zu dürfen, Bülow hätte „es lieber auf einen Krieg ankommen lassen, als eine diplomatische Niederlage“. Dem gegenüber habe der Kaiser abgewiegelt. Nicht völlig aus der Luft gegriffen sind dann auch die Argumente seines Silvester-Briefes an Bülow nicht. Bülows Notiz hält fest:

„Nicht Krieg, bevor Bündnisse mit Türkei (´alliance mit dem Sultan coute que coute´) und ´allen arabischen und maurischen Herrschern´ perfekt. Allein können wir nicht gegen Frankreich und England Krieg führen, w e n i g s t e n s zur See“.

Der Kanzler hielt fest:

„ S[eine].M[ajestät]. forderte mich in diesem Brief schliesslich auf, die Politik so zu führen, dass uns ´soweit als irgend möglich und für jetzt´ die Kriegsentscheidung erspart werde. Es dürfe ´aber nicht aussehen wie ein Faschoda´“.

 

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Aus englischer Sicht: Kriegs- und Friedenspartei in Berlin.

Wilhelm II. war 1905/06 Friedenspartei, und das blieb auch so. Einerseits in der zutreffenden Erkenntnis, daß Deutschland materiell nicht im Stande sei, die günstige Lage für eine kriegerische Entscheidung der europäischen Vormachtfrage zu nutzen, eröffnete er in seiner Amtsführung – wie mit den eingeschlagenen rüstungspolitischen Orientierungen – allerorten den Vorboten eben dieser kriegerischen Entscheidung Tür und Tor.

Diese Krise brachte den künftigen englischen Außenminister Grey zu der Überzeugung, “daß Rosebery in bezug auf Deutschland unrecht” habe. Er fühlte “das so stark”, daß er,

“wenn irgendeine Regierung uns in das deutsche Netz zurückzieht, offen opponieren werde, mag es kosten, was es wolle. Aber es ist schade, jetzt wo wir von Verwicklungen mit Deutschland frei sind, einen gegen Deutschland gerichteten Feldzug in unserer Presse aufrechtzuerhalten”.

Im Sommer 1905, und das ist unzweifelhaft, grassierte nicht nur bei Regimentskommandeuren in Schleswig Holstein das Bewusstsein einer englisch-französischen Bedrohung, letztlich für den deutschen Vormarsch durch Belgien, und möglicherweise, mit Hilfe einer Landung britischer Kräfte an der Schleswig Holsteinischen Westküste. Asquith suchte abzustreiten, England habe “Frankreich angeboten…, im Kriegsfalle 100 000 Mann in Holstein zu landen und den Kaiser-Wilhelm- Kanal zu nehmen”.

 

– Grey und der Krieg gegen Deutschland.

Schließlich war der französische Außenminister Delcassé unter deutschem Druck zurückgetreten. Rosebery fragte Grey: “Ihre Freunde, die Franzosen, zittern wie Espenlaub”. Die Frage war, was würde England tun, wenn es zum deutsch-französischen Krireg käme? Ein Zerbrechen der beiderseitigen Bindungen könnte der deutsche Erfolg sein. Wohin würde eine neue englische Regierung tendieren. Die liberale Presse schien eine “splendid isolation” anzukündigen.

In diesem Augenblick einer Zentriering der radikalen Gruppierung um Rosbery hielt Grey am 21.10.1905 in der Londoner City eine vielbeachtete Rede. Im außenpolitischenTeil dieser Ansprache lehnte Grey zunächst jeden Wechsel in den englischen äußeren Beziehungen ab, betonte “das gute Einvernehmen[s]” mit den Vereinigten Staaten und erörterte schließlich, ob es sinnvoll sei in eine “Politik der Bündnisse” einzutreten. Im Zusammenhang mit der Frage englischer Beziehungen zu Japan unterstrich Grey den defensiven Charakter des Bündnisses zwischen den beiden Staaten. Im Entente-Verhältnis zu Frankreich bezeichnete Grey den “Geist dieses Abkommens” als wichtiger als den “Buchstaben”. Ja, er ging so weit zu sagen,

“daß es für uns alle eine Angelegenheit herzlicher Beglückwünschung ist, daß wir jetzt in so freundschaftlichen Beziehungen mit unserem ausgezeichneten Nachbarn von der anderen Seite des Kanals stehen”.

Diese aufzugeben, stand für Grey außerhalb jeglicher Möglichkeit. Das war ein Aspekt dieser Rede, welchen die deutsche Politik nicht wahrnahm. Auch hinsichtlich Rußlands stand Grey auf einem durchaus Berlin kritischen Standpunkt, denn er plädierte dafür, “Rußlands Einfluß im Rat Europas” wiederherzustellen. So konnte es nicht anders sein: die Beziehungen zu Deutschland waren für Grey “eine delikatere Angelegenheit”. Er sprach auch offen aus, wo der “stumbelstone” in den deutsch-englischen Verhältnissen läge:

“Es muß meiner Meinung nach Bedingung jeder Besserung der öffentlichen Beziehungen zwischen Deutschland und uns sein, daß die Beziehungen Deutschlands zu Frankreich in allen Fragen, die unter das französische Abkommen fallen, auch gerecht und gut sein sollten”.

Schließlich weist Grey frontal das Bedenken der deutschen Seite seit Bismarck zurück, “daß freie Regierungen auf Grund der Veränderungen der Zusammensetzung nicht die gleiche vertrauenswürdige und zuverlässige Außenpolitik führen könnten wie autokratische Regierungen”. Ein Zwischenkurs zwischen “splendid isolation” der Vergangenheit und festen Bündnissen der Zukunft war letztlich das Ziel Greys, an dem er schließlich – unter Inkaufnahme aller Weiterungen – festhalten sollte. Es bleibt die Frage, ob tatsächlich das System Greys, das “Europäische Konzert”, den Krieg zunächst acht Jahre verhinderte, um ihn dann in einer weniger fürchterlichen Form zuzulassen, als dies “die Vernichtung eines alleinstehenden Frankreich oder England durch Deutschland gewesen wäre”.

Letztlich trieb der deutsche Flottenbau Großbritannien zu dieser intermedialen Politik der Ententen oder Ausgleichsabkommen. Denn eine “splendid isolation”, wie sie in Teilen der englischen Gesellschaft gefordert wurde, weil als Konsequrenz dieser Politik der kontinentalen Bindungen ein Krieg mit Deutschland erwartet wurde, konnte sich der Inselstaat nicht mehr leisten. Eine europäische Konstellation war durchaus möglich, blieb Großbritannien zu Frankreich und Rußland auf Distanz. So gesehen, war Deutschlands Vorherrschaft in Europa quasi vorgezeichnet. Und erst recht durch die Erfahrungen des Weltkrieges wurde unterstrichen, wie gering Englands Chancen wären, müßte es sich gegen den vereinigten Kontinent verteidigen.

Daß es zum Ersten Weltkrieg kam, war in dem Umstand beschlossen, daß bis zuletzt unsicher lieb, ob England an die Seite Frankreichs treten würde. So nur konnte die deutsche Zuversicht wachsen, England neutral halten zu können, und es “auf einen Krieg ankommen [zu] lassen”.

Annex.

“Im März 1905 arbeitete ich als kommandierter Oberleutnant in der 8.Abt[eilung]. des gr[oßen]. Gen[eral].Stabs. … Eines Morgens kam der, mir sehr befreundete, Neffe des Gen[eral]. Stabs Chefs Graf Schlieffen, Ob[er]l[eutnant]. Graf Hermann Schl[ieffen]., … mit sehr ernstem Gesicht etwa morgens 10 Uhr auf unsere Stube mit Tiechowitz u[nd]. Holleben. Schlieffen sagte: “Eben komme ich von Onkel Alfred. Wißt Ihr was los war? Heute Nacht um 1 Uhr hat der Kaiser Bülow, den Onkel Alfred zu sich befohlen. Heute morgen um 6 Uhr wieder dazu den Kriegsminister. Frage Krieg gegen Frankreich. Und wissen Sie, sagte Hermann Schlieffen, auf den Tisch hauend, “wer Schuld ist, daß diese einzige Gelegenheit versäumt werden muß? Ihr seid Schuld! (Ich bin Feldartillerist) Der Kriegsminister hat erklärt, daß unsere Artillerie der französischen durchaus unterlegen sei”. Es scheint als ob derartige Konferenzen damals öfter aufgetreten sind (“Heute morgen um 6 Uhr w i e d e r den Kriegsminister”).

 

13

Rückrat deutscher Seestrategie.

Mit dem “Büchsel-Plan” war die Vorstellung der Marine gescheitert, die britischen Seestreitkräfte zu teilen, und nach Abnutzung ihrer Überlegenheit in den Ostseezugängen, zu schlagen. Das bedeutete jedoch nicht den Verzicht auf die Vorbereitung des grossen Krieges durch die Armee. Noch zur Zeit Schlieffens wurde geplant, die Schelde zu sperren – sei es durch Schiffe, sei es durch Minen. Eine derartige Operation wurde durch den Generalstab nicht vor dem 15. Mobilmachungstag erwartet, denn diese stand in unmittelbarer Beziehung mit der Belagerung Antwerpens durch die Armee.

 

– Flottenvorbereitung und zentrale Option.

Im Jahre 1907, im Zuge der Heeresreform, nahm der Nachfolger Schlieffens, Moltke, das Thema der Scheldesperrung wieder auf und bat Büchsel um Mitteilung, “wie lange die Landung von etwa 125 000 Mann, 50 000 Pferden und 6500 Fahrzeugen” in den kleinen Kanalhäfen rund um Ostende dauern würde. Wiederum wurde der Einsatz von Streuminen erwogen. Artillerie sollte gegebenenfalls gegen frühzeitig vordringende englische Schiffe zum Einsatz kommen. Die Analogie zu den Sperren in den dänischen Gewässern fällt ins Auge. Geraume Zeit verging, und schließlich nahm der Admiralstab detailliert Stellung. Angenommen wurde, dass die Briten in Antwerpen mit einem Expeditionskorps landen würden. Die deutschen Seestreitkräfte seien außerstande, “diesen großen Transport über See zu verhindern, da die […] Flotte in der deutschen Bucht der Nordsee festgehalten” werde.

Um einen Vorstoß gegen Antwerpen zu verhindern, sollten möglichst kurz nach Kriegsausbruch, von deutscher Seite, Schiffe in der Schelde versenkt werden, die im Hafen von Antwerpen bereits im Frieden vorzubereiten seien. Bis in die Kontakte zum Norddeutschen Lloyd, und dessen Vertreter in Antwerpen, wurden diese Planungen vorgedacht. Offiziere des Admiral- und Generalstabes wurden beauftragt, in Belgien und Holland vor Ort Kontakt aufzunehmen. Bereits während Spannungszeiten war beabsichtigt, ein bis zwei Dampfer im Hafen von Antwerpen bereit zu halten, und diese dann vor Kriegsausbruch unverzüglich zu ihrem Versenkungspunkt in der Schelde auslaufen zu lassen. Sollten die Briten Antwerpen als Objekt ihrer Landung bestimmen, so erwartete der Admiralstab, diese würden zum Schutz ihrer Etappenlinie, der Schelde, “Seestreitkräfte verwenden”. Moltke stimmte zu, Sperren in der Fahrrinne vorzubereiten, Kontakt zum Norddeutschen Lloyd aufzunehmen, um die Dampfer für die Versenkungsaktion vorzubereiten und bestimmte Hauptmann Eggeling, der bereits 1904 Erkundungs-, d.h. Spionageaufträge, für die Aktionen in Belgien und Holland, zum Beispiel in den Ardennen, durchgeführt hatte. Streuminen seien ebenfalls zu beschaffen, hieß es. Zwischen dem 7. und 17. Mai 1907 wurden die Erkundungen durchgeführt und auch die Ausschiffungshäfen an der belgischen und holländischen Küste auf Eignung hin untersucht. Die Schelde sei zu sperren. Verhandlungen mit einem Vertreter des Norddeutschen Lloyd wurden vereinbart und durch einen Generalstabsoffizier übernommen. Einer englischen Landung in den belgischen Häfen würde die deutsche Seite machtlos gegenüber stehen, war das Ergebnis. Streuminen als Sperrmittel schieden, nach dem Urteil Moltkes, nun aus. Ab Mai 1908 lagen in dieser Sache sämtliche weiteren Schritte zentralisiert in der Verantwortung des Generalstabes. Die Vorbereitungen für den Westfeldzug gegen England-Frankreich liefen – wie hier dargestellt – intensiver und reibungsloser als im Fall “Dänische Belte”.

 

14

Deutschland unterschätzt England.

Ende 1907, zwischen dem 8. November und 13. Dezember, befand sich der deutsche Kaiser, begleitet durch ein umfangreiches Gefolge, zum Staatsbesuch in England. Admiral von Müller berichtet den “freundlichen[r] Empfang” Wilhelms II. Die “englischen Truppen” werden als im Tagebuch Müller als “kümmerliche Knaben” apostrophiert. Lord Roberts, der Sieger im Burenkrieg, erscheint dagegen als “sehr sympatische Persönlichkeit”.

Jules Cambon, im April zum neuen Botschafter Frankreichs in Berlin berufen, traf zu Beginn seiner Mission auf unverhohlene Kritik, in Hofgesellschaft und diplomatischen Kreisen, am Kaiser. Graf Reventlows “Wilhelm II. und die Byzantiner”, aber auch Skandale um Prinz Friedrich Heinrich, der die Armee verlassen musste, dessen jüngerer Bruder Joachim Albrecht, der wegen einer Liebschaft nach Südwestafrika auswich, oder General von Hohenau, Graf Lynar und die Eulenburg-Affaire bewegten die Gemüter.

 

– Innenansichten der Berliner Führungselite (Daily-Telegraph-Affäre).

Am 18. November weilte Wilhelm II. bei Oberst Stuart-Wortley auf Highcliff-Castle. Hier entstand das später in der deutschen Innenpolitik so Aufsehen erregende “Daily Telegraph Interview” des Kaisers, das durch dessen Äußerungen über die Engländer Furore machte. Am Ende der Reise bemerkt Müller: “Eine Menge Menschen gesehen, gesprochen u[nd]. wieder vergessen”. Das Gefühl, dass sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Großbritannien in diesen Tagen am Scheidewege befand, kam jedoch nicht auf. Dass sich in Berlin die Dinge verschoben, wurde mit der Diskussion um den alten und neuen Chef des Militärkabinetts Graf Hülsen Haeseler und den Freiherrn von Lyncker deutlich. Die Wahl Lynckers bezeichnete der bayerische Militärbevollmächtigte, von Gebsattel, als “eine sehr glückliche”. Dieser wurde als “ruhiger, vornehmer Herr von tadellosem Charakter” beschrieben. Die preußische Armee könne sich “zu dessen Wahl…nur gratulieren”. Hülsen sei da schon eine andere Persönlichkeit gewesen. Gebsattel ging seinem Minister gegenüber ins Detail und berichtete,

“daß eine große Zahl von Offizieren, die während seiner Amtszeit verabschiedet oder nicht ihren Wünschen und Ansprüchen nach verwendet wurden, ihn mit ihren Haß verfolgten – wofür ein Artikel von Gädke im Berl[iner]. Tageblatt den stärksten Beweis liefert – liegt ja zum Teil in der Stellung selbst, zum Teil aber auch darin begründet, daß Graf Hülsen der naheliegenden Folge seines Amtes eine allzu hohe Meinung von seiner Macht und Persönlichkeit zu bekommen, eben auch unterlag und nebenbei durch seine echt Berliner Schnoddrigkeit sehr viele, die er abweisen mußte, noch persönlich verletzte. Mir war immer am unangenehmsten und unheimlichsten eine gewisse Taktlosigkeit, mit der er gegenüber ihm zum Teil ganz Unbekannten die unglücklichsten Bemerkungen über Seine Majestät den Kaiser machte und von der man nie wußte, wo und vor wem sie Halt machen würde”.

In der “Daily Telegraph Affaire” habe Hülsen sich besonders schicksalhaft ausgewirkt. Der bayerische Militär-Diplomat betonte, “Graf Hülsen” sei “eine jener Persönlichkeiten” gewesen,

“gegen die vor allem während de letzten Krise sich der Vorwurf richtete, Seine Majestät den Kaiser über die in der großen Allgemeinheit herrschende Stimmung und über das Urteil, das Allerhöchst dessen Reden und Handeln in sehr vielen Fällen fand, gänzlich im Unklaren gelassen zu haben – das wußte er und hat er sich noch vor wenig Tagen dahin ausgesprochen, das sei nicht seine Sache, dafür seien Andere da!”

Gebsattel nahm jedoch gleichzeitig Hülsen in Schutz und schloss an, “eine solche Masse von feinem Takt und besonnener Klugheit, wie sie eben nur ganz einzelne Menschen – vielleicht der Kanzler Fürst Bülow -” besässen, wäre in diesem Fall nötig gewesen. Der Militärbevollmächtigte konkretisierte jedoch weiter, er sei

“der Ansicht, daß von den Herren, welche heute Seine Majestät umgeben, verhältnismäßig nur wenige mit Schuld tragen an den Verhältnissen, welche die soeben beigelegte Krise herbeiführten. Denn noch vor wenigen Tagen mochte es schwer, wenn nicht fast unmöglich sein, Seine Majestät mit dem gewünschten Erfolge die Wahrheit zu sagen”.

Gebsattel machte die frühe Thronbesteigung Wilhelms II. dafür verantwortlich, dass kein bleibender Einfluss “auf die herrliche und ganz außerordentliche Geistesanlage Seiner Majestät gewonnen werden konnte”. Das sei eine Folge der Persönlichkeiten gewesen, “die damals um ihn waren und von denen leider! – ja auch heute noch Einzelne in seiner Nähe” seien. Diese hätten zu verantworten, dass keine positiv-korrigierende Einwirkung auf den jungen Kaiser ausgeübt worden sei. Das habe “sich bitter gerächt”. Doch schien es dem bayerischen General “denkbar und möglich, daß nun die jüngste Krise mit ihren Begleiterscheinungen unter Umständen für die Zukunft mehr nutzen könnte, als sie augenblicklich geschadet” habe.

Annex.

Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg. RM 2/1718. Büchsel an von Senden-Bribran, 27.3.1905: “Euer Exzellenz beehre ich mich behufs eventueller Berichterstattung bei Seiner Majestät nachstehend die bereits erfolgten und noch beabsichtigten Bewegungen der englischen Mittelmeerflotte ganz ergebenst mitzuteilen”. RM 5 v.1667. Schlieffen an Büchsel, 7.6.1905. RM 2/1601. Parallel lief eine ausgedehnte Diskussion Wilhelms II. mit Tirpitz um die künftigen Schiffstypen der Schlachtflotte. Vgl. ebd. Tirpitz an Wilhelm II., 29.1.1904; Wilhelm II. an Tirpitz, 28.4.1905; Ebd. Tirpitz an Wilhelm II., 6.5.1905. V.Müller an Wilhelm II, 10.5.1905. Ebd. Wilhelm II. an Tirpitz, 20.7.1905. Der Kaiser stellt fest: “England hat uns in Zahl, Typ u[nd]. Geschwindigkeit überholt…”. Weiter bemängelt er die “Kohlenfrage”. “Es ist unbestreitbar, daß unsere Marine dabei auffallend ungünstiger steht, wie alle anderen. Diese Frage muß unbedingt bei uns … [gelöst?] werden”. Vgl. ebd. Wilhelm II. bemängelt die deutsche Schießausbildung vorwiegend in der Ostsee.

 

15

Zentralstellung gegen die britische Weltmacht.

Die operative Planung des Admiralstabes bildete in diesen Tagen den Hintergrund für Untersuchungen, Erwägungen und Diskussionen. Die Operationspläne von Marine und Armee bedingten sich gegenseitig. Das Rückrat deutscher Seestrategie bildete der Nordostsee-Kanal, der im Jahre 1908 noch nicht fertiggestellt war. Schleusen von 330 Meter Länge, mit einer Tiefe von 13,80 und einer Breite von 45 Metern zeigten, dass “Fehler, die wir (die Deutschen, B.S.) vor 20 Jahren gemacht haben”, korrigiert wurden. Inzwischen hatte das Flotten-Wettrüsten mit Großbritannien einen neuen Schlachtschifftyp hervorgebracht, der die bisherigen Linienschiffe entwertete und Deutschland zu folgen zwang, konstruktiv-technisch, und hinsichtlich der Kapazität der Neubauten. Das künftige Schlachtfeld, so wollten es die deutschen Seestrategen, würde die Nordsee sein. Einerseits bestimmten die Küsten-Befestigungen, andererseits die Flaschenhälse der Fluß-Mündungen, Bauprogramme wie Taktik in der Auseinandersetzung mit dem künftigen Gegner.

– Küstenbefestigung und Schlachtflotte.

Natürlich war es unmöglich, Küstenbefestigung und Seerüstung auf gleicher Höhe und mit derselben Intensität zu halten und zu betreiben. Die Gefahr bestand, daß ein Auslaufen der Flotte in die Nordsee schon in den Flußmündungen von Elbe, Weser und Jade behindert würde. Port Arthur war den Zeitgenossen ein Begriff. Dort hatten die Japaner 1904/05 die russische Flotte “gebottelt”.

Helgoland als fester Punkt für eine Anlehnung der Schlachtflotte sollte, neben den Küstenbefestigungen, den deutschen Seestreitkräften das Operieren in der Nordsee ermöglichen. Im Jahre 1908 konnten die Batterien auf Helgoland “einen Kreis von 15 bis 20 km im Durchmesser unter Feuer nehmen”.

Streuminen, als weiteres Kampfmittel, sollten die Seeherrschaft der Grandfleet verhindern. Deutsche Torpedoboote und U-Boote auf Helgoland würden, so war im Jahre 1908 geplant, in Zukunft “eine Gefahrenzone für feindliche Schiffe” schaffen und so Bewegungsspielraum für die Verbindungen der Flottenkräfte zwischen Jade, Weser und Elbe gewährleisten. Die Schlachtflotte sollte in Helgoland quasi “einen Ruhepunkt” finden, falls sie sich zurückziehen müsste. Es wurde in einem Vortrag vor Reichstagsabgeordneten klar ausgesprochen, dass die deutsche Marine so “die jederzeitige Aktionsfreiheit” erhielte,; “ihre Leistungsfähigkeit im Kriege” werde gesteigert.

Neben Helgoland böten Jade und Elbe Liegeplätze für die mobile Flotte. Allerdings würde sie auf der Elbe “von Cuxhaven bis hinter Brunsbüttel…in langer Linie” liegen. Auch im Bereich der Jade werde verbessert und gebaut. Wilhelmshaven war im Jahre 1908 noch nicht fertig. Helgoland und Kiel standen allerdings kurz vor dem Abschluss der Arbeiten. Dieses Bild allgemeiner Unfertigkeit bietet sich ebenfalls hinsichtlich der materiellen und personellen Ausstattung der Seestreitkräfte. Die Aussicht bestand: “nach 7 etwa 6 Jahren”, das heißt im Jahre 1914, würden die Teile der gesamten Flotte “gut zusammenklappen”.

Annex.

Ebd., N 253/206, NL Tirpitz. Vortrag vor Reichstagsabgeordneten zum Abschluß des Parlamentsreise 1908: “Meine Herren[,] was wir in dem letzten Jahrzehnt brauchten[,] und was wir in den nächsten 6 Jahren (1914, B.S.) weiter brauchen, ist feste aber stille Arbeit, keine Fanfaren, Lob und Anerkennung ist nicht nötig; diese bleiben der Geschichte vorbehalten”.

 

16

Belgien: Machtbasis gegen England.

Parallel mündeten die Vorarbeiten zu Detailfragen im westeuropäischen Küstenbereich in die grundsätzliche Untersuchung der holländischen und belgischen Küste. Ein Admiralstabs-Memorandum führte, ausgehend

“von dem Gesichtspunkte, dass die holländische und belgische Küste auf ihre Geeignetheit für kriegerische Unternehmungen der eigenen und feindlichen Armee und Flotte”

zu untersuchen seien, aus, diese würden auf die Festung Holland und Antwerpen, das Mündungsgebiet von Rhein, Maas und Schelde zu konzentrieren sein. Ausgewählt “wegen der günstigen Tiefenverhältnisse und Verbindungen dieser Fahrwasser nach dem Inneren des Landes, und ferner wegen ihrer Lage außerhalb der Hauptverteidigungsstellung Hollands bzw. Belgiens”.

Im Zuge dieser Vorbereitungen trugen Vertreter des Admiralstabes Gedanken zu einer offensiven Kriegführung gegen Großbritannien vor. Bislang waren vom Generalstab offensichtlich, “nur defensive Maßnahmen zur Abwehr englischer Landungsunternehmungen in der Schelde erwogen worden”. Weitergehende Pläne einer Kooperation mit dem Generalstab in dieser Frage wurden durch den Nachfolger Büchsels, von Baudissin, verschoben, da es sich zunächst nur um “Klärungsmaterial” handele. “Später” solle “ev[entuell].[,] wenn d[as] Resultat d[er] Durcharbeitung es als wünschenswert erscheinen” ließe, “daß wir Holland auf unsere Seite ziehen, eine entsprechende Äußerung an den Generalstab gesandt werden”. Dass diese Einzelfragen des Krieges mit Großbritannien in den angrenzenden Weststaaten, aus deutscher Sicht in einem höheren Zusammenhang standen, zeigt die Ausarbeitung des Admiralstabes zu “Holland und Belgien”, die im Oktober 1908 dem Chef des Admiralstabes vorlag. Welchen Rang Holland und Belgien, auch in den landstrategischen Überlegungen deutscher Planungsstäbe, einnahmen, umriss der einleitende Satz der Denkschrift:

“Die Einbeziehung von Holland und Belgien in einen Krieg England-Deutschland soll nicht lediglich den Zweck einzelner Minenunternehmungen und Raids verfolgen, sondern sie ist mit den Grundfragen dieses Krieges überhaupt aufs engste verknüpft” (Hervorh.v.m., B.S.).

Danach war beabsichtigt, die Marinepläne stark “an das, was die Armee aus Notwendigkeit tun” werde, anzulehnen. Natürlich sei vorgesehen, daß

“grundsätzlich Armee u[nd]. Marine zusammenarbeiteten”.

 

– Holland und Belgien: Hebel gegen die Weltmacht.

Der Plan, der diesen Maßnahmen zugrunde liegen würde, müsse natürlich durch den Kaiser “befohlen” werden. Ganz optimistisch sah der Admiralstab, in Großbritannien werde die These vertreten, dass ein deutsch-englischer Krieg “solche Umwälzungen auf dem Kontinent herbeiführen” könne, “daß alle zur See errungenen Erfolge Englands dadurch überwogen würden”. Andererseits sei in britischer Presse und Publizistik die Überzeugung herrschend, “England könne eine deutsche Annexion Hollands u[nd]. Belgiens nie dulden”. Die Bearbeiter der Denkschrift des Generalstabes zogen daraus die Folgerung, hier (i.e. in Belgien, B.S.) liege “die Achillesferse” Englands. Holland in deutschem Besitz sei

“eine beständige Bedrohung Englands auch nach dem Friedensschluß”(Hervorh.v.m., B.S.).

Auch käme Deutschland “durch den Einmarsch in Holland und Belgien in eine günstige Anfangsstellung für den Krieg gegen Frankreich”. Dieser wurde als “unvermeidlich” bezeichnet. Diese Erkenntnisse sollten bis in den Juli 1913 weiter reifen und Allgemeingut künftiger deutscher Weltkriegsstrategie werden.

 

– Pessimismus der Flottenleitung.

Als Ziele der Operation bezeichnet der Admiralstab in Holland Rotterdam, und in Belgien Antwerpen. Das Bild einer festen Einschließung und Belagerung Antwerpens entsprach dagegen nicht mehr der herrschenden Auffassung des Generalstabes für den Festungskrieg. Ein Krieg in Holland wurde kritisch beurteilt. Erkannt war, zumindest nach den Erfahrungen mit den Plänen für eine Besetzung Dänemarks im Jahre 1904, dass der Generalstab für derartige Unternehmungen zunächst gewonnen werden müsse. Andererseits wird erkennbar, dass die Vorstellungen des Admiralstabes von den operativen Plänen der Armee recht begrenzt waren. Das Bild einer deutschen Armee, eingekeilt “zwischen zwei befestigten Stellungen, wie [der] Antwerpen-Maaßlinie, bzw. französischer Grenze einerseits und Festung Holland andererseits”, “um an der Küste mit einer englischen Armee sich zu schlagen”, entbehrte nicht der Naivität.

Das besondere Interesse des Generalstabes galt offenbar im Jahre 1908 der Inbesitznahme Belgiens und Hollands. Admiral Capelle (Reichmarine-Amt) bestätigte, “der Generalstab” beabsichtige in seinen Aufmarschplanungen, “aus uns (der Marine, B.S.) unbekannten Gründen, mit Eröffnung des Krieges Antwerpen nur” einzuschließen “u[nd]. die Festung Holland nur [zu] beobachten”. Damit seien die Vorstellungen der Flotte, England von der Basis Holland – Belgien aus zu bekämpfen, gegenstandslos. Capelle hielt in seinen Randbemerkungen zu der Denkschrift der Abteilung A II des Admiralstabes fest:

“Unter dieser Voraussetzung können wir England kaum schaden”.

Klar war, die Marine werde gegenüber Diplomatie und Generalstab “auf diesen Landgebieten” (gemeint ist Belgien-Holland, B.S.) “immer nur eine untergeordnete Rolle spielen”. Entscheidend sei nun, dass “die Frage des Krieges gegen England” künftig zwischen Admiral- und Generalstab “großzügig…zur Besprechung” gelange. Zentral war, aus der Sicht Capelles, festgestellt zu haben, “was bei der augenblicklich dem Generalstab vorschwebenden Strategie für die Armee u[nd] die Marine” herauskomme. Zumindest, und das wurde im Kommentar betont, stimmte der Generalstab nicht mit der Denkschrift des Admiralstabes überein, “der Kampf gegen die gelandete englische Armee” werde “unter ungünstigen strategischen Verhältnissen geführt” werden müssen.

 

17

König Georgs dynastische Außenpolitik.

Die englische Regierung, die Liberalen, verloren in der allgemeinen Wahl vom Januar 104 Sitze an die Konservativen. Ihre bedeutende Mehrheit von 102 Stimmen schmolz auf zwei. Der Premierminister Asquith bezeichnete das königliche Veto, das seit 1707 nicht mehr eingesetzt wurde, als “buchstäblich so tot wie Königin Anna”. Lloyd George blieb zu diesem Vorgang Zeit seines Lebens der Überzeugung, dass, hätten die Parteimaschinerien seine Vorschläge befolgt, es weder zur Revolution in Irland, noch zum Krieg mit Deutschland gekommen wäre. Dennoch war die außenpolitische Bedeutung König Georgs V. entscheidend. Seine Reisen und Unterredungen mit Gesprächspartnern, Souveränen und Politikern auf dem Kontinent hätten, in weniger kundigen Händen, auch weniger erfolgreich werden können. Die Wirkung Georgs V. in seiner Zeit erschien, in deren Zwischentönen etwa so:

“Die Regierungszeit der Königin Victoria kann man als eine Periode stetig wachsender Stabilisierung bezeichnen. Die Zeit König Eduard VII. war ein Zwischenakt verschwenderischen Reichtums und unangefochtener Macht. Unter König Georg begannen die Grundlagen dieser Stabilität zu wanken, schwand unsere Macht und unsere Prosperität und traten neue Kräfte auf den Plan, die binnen einem Vierteljahrhundert die Struktur der ganzen Welt veränderten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Dem König Georg V. wird allerdings bestätigt, dieser habe – “stets schlau und hellhörig und von klarerem Blick, für die den Ereignissen zugrunde liegenden Tendenzen, als manche seiner Minister” – dennoch nicht die Kraft besessen, das gespaltene Inselreich und erst recht nicht den gespaltenen Kontinent zusammenzuführen.

 

– England kracht in den Fugen.

Großbritannien befand sich Anfang des Jahres 1911 in einer ernsten innenpolitischen Krise. Die inzwischen organisierten Eisenbahner drohten mit Streiks. Im Herbst 1910 waren diese in den Tälern von Rhonda und Aberdare ausgebrochen. Ausschreitungen begleiteten die Ausstände. Im Januar brach auch in der Sydney Street/Eastend London eine Schlacht zwischen den Scots Guards und Anarchisten aus. Churchill lugte, trotz Ministeramt, um die Ecke von Sydney Street. Georg V. machte ihn darauf aufmerksam, dass dies nicht zu den Pflichten eines Ministers gehöre. Weitere Streiks in der ersten Jahreshälfte der North-Eastern Eisenbahn, der Seeleute-Gewerkschaft, wie der Dock- und Transportarbeiter, veranlassten zur Mobilisierung von Truppen aus York für Manchester.

864 Streiks mit 1 Million Arbeitern. Es gingen 1911 101/4 Millionen Arbeitstage verloren. Die gesamte Garnison von Aldershot wurde nach London verlegt. Das Parlament stellte Schutzleute ein. Die Büchsenmacher von St.James Street und Pall Mall verkauften binnen 48 Stunden ihre gesamten Bestände an Revolvern. Dem Eingreifen von Lloyd George, und dessen Einfluss auf den Chef der Eisenbahnergewerkschaft, Thomas, war es zu danken, dass von England “ein so schweres Unglück”, wie es ein Streik dieses Ausmaßes bedeutet haben würde, ausblieb. Das war die innere Lage in Großbritannien Anfang des Jahres 1911. Eine Szenerie, die in der deutschen Historiographie bislang kaum gewürdigt wurde.

 

18

Kühle Beobachtung: Sir Edward Goschen.

Goschen berichtete am 1. Januar über sein Gespräch mit dem Kaiser, das anlässlich einer “Gala” im Stadtschloss stattgefunden habe. Wilhelm II. bemerkte demnach zu dessen erstem Kontakt mit Bethmann Hollweg:

“He bullied me about the Speeches in England – and said ‘Not much of the Peace and Good will over there such as we expect at this Season. You have all gone mad and you seem to think that I am always standing with my battle-axe behind me waiting for an opportunity to strike’. He said what amazed him most was that the worst speeches were made by the Upper Classes. I told him that I had already been scolded by the Chancellor – on which he clapped me on the shoulder and said ‘I am glad he did scold you – he is very angry’” (Hervorh.v.m., B.S.).

Es ging um die deutsch-englischen Beziehungen, welche sich auf Talfahrt befanden. Doch mit dem Tod König Eduard VII. wurde in London eine neue Parole ausgegeben. Der neue König informierte Goschen,

“he should do his best to keep up the best private and public relations with Germany. But he didn’t seem keen about a definite understanding on German lines!” (Hervorh.v.m., B.S.).

– Imperial Chancellor: Bethmann Hollweg.

Zu Beginn der Urlaubszeit verfehlte Bethmann Hollweg nicht, Gerüchte um den neuen Staatssekretär des Auswärtigen, Kiderlen-Wächter, gerade zu rücken. Er versicherte Goschen:

“Don’t you trouble about Kiderlens’s sentiments – it is I that directs the Imp’l For[eign]. policy – ‚et c’est moi qui inspire les sentiments’” (Hervorh.v.m., B.S.).

Goschen begann sich der Aufgabe zu unterziehen, seinen wichtigsten Gesprächspartner in Berlin zu erforschen. Er vermutete, Bethmann Hollweg werde versuchen, die Bülowianer um ihn herum los zu werden, um Männer seiner Wahl heranzuziehen und

“to try to put into practice his theory of governing over the heads of the parties“.

 

– Großer Generalstab – Interdependenz der Ämter.

Den Generalstab erreichen auch im Januar 1910 laufend Berichte. Eine zentrale Quelle bemerkt:

“Marschall [der deutsche Botschafter in Konstantinopel] drängt offenbar beim A[uswärtigen]A[mt] auf [eine] deutsch-türkische Militärkonvention”…Auch betr[effend]. Vorgänge in Griechenland…Die meisten dieser Berichte gehen an [das] M[ilitär]K[abinett] zurück oder bleiben (wenn angemerkt) beim Chef liegen. Dazu kommen Berichte der Mil[ilitär].Att[achés]. direkt über alle möglichen Dinge (z.B. Besuche des Kaisers in der Schweiz pp.)[[Die] politische Rolle des Gen[eral].Stabs erscheint seltsam überhöht!]”.

Dass Moltke den Kontakt zum Admiralstab hielt, zeigte sein Schreiben an den Chef des Admiralstabes, Admiral von Fischel. Der Stabschef kündigte die Absicht an, die “große Generalstabsreise” 1910 “in Schleswig-Holstein abzuhalten”.

 

– Erschöpfter Wilhelm II.

Dass der Kaiser durch die Folgen der Daily Telegraph- und Hale Interview-Affären politisch und persönlich sehr mitgenommen war, an Abdankung dachte, und der Kronprinz und die Kaiserin bereits Morgenluft witterten, ist unbestritten. Goschen bestätigt in seinen Tagebuchnotizen diese Entwicklung und erweiterte das Bild des eigentlichen Machtzentrums in Berlin, indem er Wilhelms II. dunkle Äußerung vom 27. Januar wiedergab, die ahnen lässt, was tatsächlich in Berlin vorging. Goschen berichtete:

“Then he scolded me again for the speeches in England and w’d not listen when I wanted to tell him that it was more admiration for Germany’s activity and strength than abuse. Then he uttered the cryptic phrase ’I am not the strong man – that is someone else!!’ I don´t know to this minute what he meant” (Hervorh.v.m., B.S.).

Eine Andeutung, die in direktem Zusammenhang mit dem neu berufenen, sehr viel stringenteren Reichskanzler, und dessen Verbindung zum Generalstabchef, verstanden werden könnte. Wie zerrissen Wilhelm II. über die Jahre war, illustrierte seine Äußerung wenig später, wenn er sich über das vorgebliche Ende des deutsch-englischen “Navy Scare” äußerte. Der Kaiser beklagte gegenüber Goschen,

“that he had during 22 years striven to be England´s best friend – and that no one in England ever seemed to believe it. He couldn’t understand the English he felt inclined to ask them in the words of the old song ´Oh Juliar – Oh Juliar – why are you so peculiar?´!!” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

19

Parallelität der Deutsch-Österreichischen Planung.

– Österreich, Italien, Rußland und der Balkan.

Der österreichische Generalstabschef, Conrad von Hötzendorf, eröffnete Anfang Januar Verhandlungen mit Moltke, die auf einer neuen Ebene höherer Intensität der planerischen Vorarbeiten abliefen. Obwohl „die Verhältnisse“ für die verschiedenen Kriegsfälle „im Allgemeinen und Wesentlichen die gleichen geblieben“ seien, gelangte der Österreicher, unter sorgfältiger Abwägung der möglichen Fälle, im Einzelnen zu der Erkenntnis, die Bedeutung der Türkei nehme bedeutend zu, Rumäniens Teilnahme auf Seiten Österreichs und Deutschlands sei nahezu unverzichtbar und mit Italien als Gegner sei in jedem Falle zu rechnen. Das wurde als Begründung dafür angeführt, dass von österreichischer Seite nunmehr „auch der[n] Kriegsfall gegen Italien in Betracht gezogen“ werde. Aus der Disposition „Italien, Serbien und Montenegro“, unter gleichzeitiger Neutralität Rußlands und Frankreichs, leitete Conrad den günstigsten Fall „Balkan“ für Österreich her. Die Erwartungen des Wiener Stabschefs, Japan würde Rußland in Ostasien fesseln, scheinen zu diesem Zeitpunkt in Wien als recht entscheidend eingestuft worden zu sein. Der Fall „Italien, Serbien, Montenegro und Russland“ gegen Österreich erfordere selbstverständlich das Eingreifen Deutschlands, so Conrad, der fortfuhr:

„Deutschland tritt im Sinne des Vertrages vom Jahre 1879 an die Seite der Monarchie und löst damit auch das kriegerische Eingreifen Frankreich’s aus. So wie in diesem Falle, nach den geschätzten Mittheilungen Euer Exzellenz; Deutschland seine Hauptmacht vorerst gegen Frankreich wende,- gegen Rußland aber nur secundäre Kräfte (13 Divisionen) belassen würde,- um erst nach einem durchgreifenden Erfolg gegen Frankreich gegen Rußland die Entscheidung zu suchen – würde analog unsererseits mit der überwiegenden Hauptmacht ein Erfolg zuerst gegen Italien angestrebt werden, um erst nach einem solchen sich gegen Russland zu kehren“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Wie der deutsche, so disponierte auch der österreichische Generalstab augenscheinlich unter äußerster Zuspitzung seiner Planungen. „Auch gegen Russland“ stellte Conrad „nur 5 Inf[an]t[erie].- Divisionen erster Linie…, Alles in Allem 9 ½ Inf[an]t[erie]., 4-6 Cav[allerie]. Div[isio]nen)“ in die Rechnung „Galizien“ ein. Diese Kräfte würden natürlich „einer groß angelegten russischen Offensive …nicht“ widerstehen können. Vorgesehen wurde daher,

„unter möglichster Verzögerung des feindlichen Vorrückens, über die Karpathen zurückzugehen und zwar mit der bei Lemberg-Przemysl versammelten stärkeren Gruppe im Allgemeinen in der Richtung auf Budapest, mit der bei Krakau versammelten schwächeren Gruppe im Allgemeinen in der Richtung auf Wien“.

„Im äußersten Falle“ wurde die Verteidigung des Landes „an der Donau Strecke Wien-Budapest“ vorgesehen. Dort sollte

„die russische Offensive so lange zum Stehen gebracht werden, bis das Eintreffen der in Italien freigewordenen Hauptkräfte zu erfolgen vermöchte“.

– Rückverlegter Aufmarsch Russlands 1909ff.

Alles, was eine genauere Festlegung möglich mache, sei allerdings „dermalen“ nicht zugänglich. Ob ein derartiges Zurückgehen überhaupt notwendig, wie weit es ausgreifen würde und wann die „Hauptkräfte zum offensiven Rückschlag einzusetzen“ seien, war nicht abzusehen. Russlands Verhalten sei hierfür entscheidend. Dafür seien, so Conrad, die Rückverlegung des russischen Aufmarsches“ und dessen „Sorge um seinen ostasiatischen Besitz…Momente, welche dem raschen Wirksamwerden einer russischen Offensive“ entgegenstünden. Ein derartiger Kriegsfall erschien dem Wiener Stabschef als „recht schwieriger, wenn auch im Enderfolg durchaus nicht hoffnungsloser“. Er forderte von der Diplomatie, „einer solchen Constellation vor[zu]beugen“.

Am 30. Januar bestätigte Moltke dem österreichischen Generalstabschef die im Jahre 1909 getroffenen Vereinbarungen als weiterhin bindend. Diese seien “den diesjährigen Mobilmachungs-Vorbereitungen…zu Grunde gelegt worden”. Er unterstrich die ebenfalls von Conrad betonte Bedeutung der Türkei in einen Balkan- wie einem allgemeinen europäischen Konflikt

“bei einem Kriege der Monarchie auf dem Balkan, sondern auch bei einem solchen der Verbündeten gegen Rußland und eventuell Frankreich”.

 

20

Zweiphasen Aufmarschplanung Berlins.

Moltke suchte die Türkei dem österreichischen Generalstabs-Chef nahe zu bringen, indem er deren Bedeutung auch in einem Balkankrieg unterstrich. Moltke erläuterte:

“Zwar sind die Verhältnisse in Constantinopel noch zu wenig geklärt, um die türkische Armee als sicheren Faktor in die militärischen Erwägungen einstellen zu können, aber ich glaube bestimmt, daß auch ohne formelle vorherige Abmachungen der Selbsterhaltungstrieb die Türkei in einem auf dem Balkan ausbrechenden Kriege an die Seite Oesterreich-Ungarns führen wird” (Hervorh.v.m., B.S.).

Den so gewonnen “Kräftezuwachs” bezeichnete der Berliner Stabschef als “von nicht geringer Bedeutung”. Für 1913/14 erwartete er die türkischen Streitkräfte als “vollwertig”. Rumäniens Haltung erschien ihm als zuverlässig. Herausragende Aufmerksamkeit widmete Berlin offensichtlich dem österreichisch-italienischen Verhältnis. Moltke betonte, “das Verhalten Italiens” nehme

“für die Erwägungen der oesterreichisch-ungarischen Heeresleitung eine ähnliche Rolle [spiele], wie dasjenige Frankreichs für die Erwägungen der deutschen Heeresleitung”

ein.

Der deutsche Stabschef folgerte:

“Sollten diese beiden Staaten bei einem Kriege der Verbündeten gegen Rußland sofort auf die Seite unserer Gegner treten, so würde die Lage, wenn auch ernst, doch klar und einfach sein”.

Für diesen Fall plante Moltke den deutschen und österreich- ischen Angriff mit deren “Hauptkräften auf Frankreich und Italien. Gegen Rußland sollten von deutscher Seite 91/2 Infanterie-Divisionen und 4 bis 6 Kavallerie-Divisionen, von österreichischer Seite 13 Infanterie und 2 Kavallerie-Divisionen “ins Feld” gestellt werden. Das entbehrte nicht der Realität, da der russische Aufmarsch zurückverlegt, und damit deren Operationsbereitschaft beträchtlich verzögert werden würde. Moltke erwartete, selbst mit diesem geringen Kräfteansatz könne “eine [deutsch-österreichische] Offensive unternommen werden”. Die Überlegung, zunächst gegen Italien vorzugehen, ergänzte Moltke um den Gedanken, es sei

„der Fall denkbar, dass beide Verbündete ihre Vorbereitungen gegen den für sie wichtigsten Gegner treffen, also Oesterreich-Ungarn gegen Italien, Deutschland gegen Frankreich“.

Für den Fall jedoch, diese Staaten blieben neutral, sah Moltke die Gefahr, dass „Rußland mit seinem slawischen Gefolge inzwischen die Grenzen“ bedrohe. Dann Frankreich und Italien den Krieg zu erklären, um die Lage zu bereinigen, sei “aber aus rechtlichen, politischen und allgemein menschlichen Gründen nicht anwendbar“. Als Ausweg sah der Stabschef daher,

„wenn der Krieg zwischen den Verbündeten und Russland als unausweichlich und unmittelbar bevorstehend angesehen werden muß, seitens der deutschen Regierung eine umgehende und völlig klare Erklärung von der französischen Regierung darüber gefordert wird, wie dieselbe sich bei ausbrechendem Kriege zu verhalten gedenkt. Diese Erklärung muß sofort erfolgen, denn die Entscheidung, ob die deutschen Hauptkräfte gegen Westen oder gegen Osten aufmarschieren sollen, duldet keine Verzögerung. Eine ausweichende oder zweideutige Antwort würde als gleichbedeutend mit der Kriegserklärung angesehen werden müssen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Anzeichen für eine streng neutrale Haltung Frankreichs würden von deutscher Seite die Zusicherung zulassen,

„auch Deutschland [werde] keine Feindseligkeiten gegen dasselbe [zu] unternehmen, d[as].h[eißt]. die westlichen Grenzfestungen werden nicht armiert, und der Grenzschutz tritt nicht in Wirksamkeit. Die gesammte Armee wird zwar mobil gemacht, aber diejenigen Teile derselben, die nicht in erster Linie gegen Russland eingesetzt werden können, verbleiben zunächst mobil in ihren Standorten“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Eine Aussage, die, in dieser Konsequenz, ein wesentlich neues Licht auf Gerhard Ritters These von dem Automatismus der Mobilmachungen wirft. Eingeschlossen war hiermit eine Ermutigung der Österreicher, im Hinblick auf den Kampf mit Russland. Dieses Interesse bestätigte Moltke, wenn er fortfuhr:

„Die vom deutschen Generalstabe getroffenen militärischen Vorbereitungen sind den vorstehenden Erwägungen gemäß so angeordnet, dass bei einer befriedigenden Neutralitäts- Erklärung Frankreichs die für diesen Fall mit Eurer Excellenz verabredeten Truppenmengen sofort an die Ostgrenze abgefahren werden, während der Rest der Armee zunächst mobil im Bedarfsfalle nach Osten nachgezogen, oder alsbald gegen Frankreich eingesetzt zu werden, wenn dieses in seiner Neutralität schwankend werden sollte“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Ein tiefer Einblick in eine erhebliche Variationsbreite der operativ-strategischen Planung wurde hiermit gewährt. Der Berliner Chefstratege betonte nicht nur die gewaltige zahlenmäßige Unterstützung, die Österreich damit durch Deutschland zuteil werden könne, sondern verwies unmittelbar anschließend auf den unverbrüchlichen Willen des Reichs, zu den getätigten Zusicherungen zu stehen. Und dies trotz des Nachteils, dem „gefährlichsten Gegner – Frankreich – längere Zeit nur unterlegene Kräfte entgegenzustellen“.

 

21

Moltke zur Schwere der Aufgabe.

Moltke schloss an:

„Trotzdem habe ich diesen Aufmarsch ebenfalls bearbeiten lassen, um auch unter den ungünstigsten Verhältnissen den Verpflichtungen gegen unserem hohen Verbündeten nachkommen zu können“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Abseits aller, wie auch immer motivierten, Wünschbarkeiten auf österreichischer Seite betonte Moltke, zum Abschluss seines Schreibens, die bedrohliche Lage und das grundsätzliche Gewicht einer Entscheidung für den Krieg. Der Kriegsfall „Österreich-Ungarn-Deutschland gegen Russland und die Balkanstaaten, Frankreich und Italien“ werde „einen Kampf auf Leben und Tod bedeuten“. „Klare Verhältnisse“, „wer Freund und wer Feind ist“, seien vonnöten. Dafür zu sorgen, sei die „Pflicht der Diplomatie“. Doch diese Kriegskonstellation werde zu verhüten sein. Moltke stimmte damit der gleichlautenden Forderung Conrads zu.

Der österreichische Außenminister pflichtete Conrads Tendenz, zu diesem Zeitpunkt bereits festzulegen, wer in einem Krieg mit Rußland als Freund oder Feind zu bezeichnen sei, nicht bei. Vielmehr sah Aehrenthal “Rußland auf Jahre hinaus außer Stande…, eine aktive Politik zu führen”. Auch schien ihm kein Gegensatz zu Österreich und Deutschland gegeben; zumal die Verbündeten “konsequent darauf hinarbeiten” würden, “nach und nach mit Rußland freundschaftlichere Beziehungen anzuknüpfen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Abstimmung zwischen Politik und Militär.

Conrad unterstrich, in seiner Antwort an den Berliner Chef am 23. Februar, die bisherigen Abmachungen zwischen Berlin und Wien würden gelten und schrieb, gleichlaufend mit den österreichischen Planungen:

“Was das für den Fall eines Confliktes mit Rußland deutscherseits an Frankreich zu richtende Ultimatum anlangt um festzustellen ob sofort gegen Osten oder gegen Westen mit der Hauptkraft loszuschlagen ist,- so wird österr[eich].-ung[arischer].seits in diesem Falle Italien gegenüber der gleiche Vorgang eingehalten so wie überhaupt sowohl diplomatisch als militärisch nur im vollen Einklang mit Deutschland vorgegangen werde” (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad stimmte Moltke zu, damit die gemeinsame Auffassung betonend, “in dem Moment wo die Mobilmachung ausgesprochen“ werde, „volle Klarheit darüber herrschen“ müsse „wer Freund und wer Feind ist”.

Am 8. April überbrachte der deutsche Militärattaché, Graf Kageneck, ein Schreiben Moltkes an Conrad, in dem der Berliner Chef die Mitteilung des rumänischen Attachés Hauptmann Ruscanu überbrachte, worin Bukarest signalisierte, die rumänische Armee werde nunmehr nach Bessarabien hinein offensiv an der Seite Deutschlands und Österreichs auftreten. “Das Erstarken der Türkei” entlaste Rumänien an der bulgarischen Front. Moltke kommentierte diese Entwicklung mit dem Bemerken, die Rumänen würden hoffen, “sich mit dieser Operation beim Friedensschlusse ein Anrecht auf Wiedergewinnung derjenigen Teile von Bessarabien” zu sichern, “die sie im Berliner Kongreß 1878″ hatten aufgeben müssen.

 

– Zusammenspiel Generalstab und Kriegsministerium.

Eine Bemerkung, die zeigt, in welche Richtung die ältere Forschung in der Beurteilung tendiert. Auch im Jahre 1910 wird in Kontinuität “über die italienischen Mil[itär].Transporte” verhandelt. Am 22. April übersendet das Kriegsministerium einen Bericht des “Mil[itär].Bevollmächtigten[/] Petersburg über den russischen Heeresetat 1910″. Auch das Schreiben des Militär-Attachés in Bukarest über eine Audienz beim König von Rumänien zu dessen “Stellung…zum Drei[er]bund” läuft am 8. Mai über das Kriegsministerium ein. Anfang Juli berichtet Moltke über die “kriegerische Verwendung von Ersatz-Formationen der Feldtruppen aufgrund der Erfahrungen des Winterkriegsspiels 1909/10 und der Gen[eral].stabs-Order [von] 1910″. Der Schriftwechsel dazu erstreckt sich vom 5. bis 20. August. Mit dem Militärbericht Nr. 96 wird am 20. September aus Brüssel “vor deutschen Zeitungsaufsätzen über die…belg[isch].- holländ[ische]. Neutralität” gewarnt. Es zeige sich, so Ritter in seinen Aufzeichnungen, die “ungeheuerliche Wirkung von solcher Literatur in Belgien!” In der Kölnischen Zeitung vom 28. September wird “daraufhin auch die offizielle Antwort” gegeben in

“der die Diskussion für überflüssig und die Rede von deutscher Neutralitätsverletzung für ‚Verdächtigung’ erklärt (wohl vom K[riegs]M[inisterium] veranlaßt)[also kein Dementi]”

wird. Der Chef des Generalstabes bittet am 18. November das Kriegsministerium, “daß Erörterungen dieser Art unterbleiben”. Daraufhin hält eine “Notiz des Referenten” im Kriegsministerium vom 12. Dezember zum “Op[erations].Plan” das “Einvernehmen mit [dem] Chef des Gen[eral].Stabs für dringend erwünscht”. Es sollen künftig “in der deutschen Presse Erörterungen…über [den] mutmaßlichen Verlauf künft[iger]. Kriege…vermieden werden(!!). [Das] Mil[itär].W[ochen].Bl[att]. und Neues Mil[itär].Bl[att]. sind verständigt”.

 

– Planungen für den Durchbruch durch die „Lücke von Charmes“.

Mitte August 1910 kam die “Anleitung für den Kampf um Festungen” (D.V.E. Nr.250) heraus. In einem Exemplar findet sich die handschriftliche Anmerkung zum Abschnitt “B. Angriff auf die Sperrfortline”. Es ging in diesem “Beispiel” um den “Angriff der [deutschen] 4. Armee gegen die Sperrfort Linie der mittleren Maas (Toul-Verdun). Zunächst (“1.”) wurde die Frage nach der Angriffsrichtung der “4. Armee” gegen die Sperrfortlinie gestellt, “wenn sie von Feldtruppen besetzt ist”. Zweitens wurde gefragt:

“Wie erzwingt die 4. Armee den Durchbruch und den Übergang über die Maas, wenn das linke Maasufer durch feindliche Feldtruppen besetzt ist” (Hervorh.v.m., B.S.).

Drittens wurde nach der “Gliederung der 4. Armee zum Angriff auf die feindlichen Feldtruppen auf dem linken Maasufer in Linie St.Mihiel-Verdun” gefragt. Es wurde die Frage gestellt: “Welche Teile der Armee greifen die Sperrforts selbst an und wann?” Auch das weitere Verhalten der Armee “nach dem Übergang” über die Maas wurde zur Diskussion gestellt (“4″). Sollten die Kräfte zunächst “auf den Fall der Sperrforts warten?” (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Österreichische Vorbereitungen zwischen Istrien und Save.

– Rußland.

Mitte April fixierte der österreichische Stabschef Moltke gegenüber seine Position zu den möglichen Kriegsfällen mit Rußland, Italien, Serbien/Montenegro. Italien wurde in seinen “territorialen Aspirationen” in “Südtirol, Triest, Istrien”, und an der Adriaküste, als Gegner aufgefasst. Montenegro erschien mit seinen Zielen in “Süd-Dalmatien und Süd-Hercegowina” als Rammbock zur “Loslösung der Serben (Südslawen) von” Österreich-Ungarn. Serbien schlug in demselben Sinn zu Buche; zuzüglich Bosnien´s. Rußland stand, in Conrad’s Sicht, mit seinem Machtinteresse hinter diesen Tendenzen auf dem Balkan. Der Generalstabschef betonte:

“Rußland welches in seinem Streben nach gesichertem Besitz der Meerengen in der Monarchie ein Hindernis erblickt und welches eine Erweiterung seiner Machtsphäre in Europa von der Aufbietung und Zusammenziehung des gesammten Slaventums erwartet wodurch die Monarchie in ihren Grundfesten erschüttert würde. … Ein für Rußland unglücklicher europäischer Krieg würde Süd= und Westslawen am sichersten für die Monarchie erhalten und von Rußland trennen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Italien/Balkan.

Conrad legte das vordringliche Kriegsziel der Donaumonarchie offen und umriss gleichzeitig die Basis des deutsch-österreichischen Bündnisses. Italien, Montenegro, Serbien und Rußland erschienen als natürliche Gegner der Monarchie. Die Türkei und Bulgarien würden sich, so nahm der Wiener Stratege an, “stets gegenseitig paralysieren”. Frankreich habe “keine direkten Gegensätze zur Monarchie”, komme “jedoch als Gegner Deutschlands in Betracht,- insbesondere infolge seines Allianzverhältnisses mit Rußland”. Außer Flotten-, Landungs- und Vorstoßunternehmungen über italienisches Gebiet sah der Wiener Generalstab keine direkten Fronten mit Frankreich. Dies vor allem, da Deutschland über ein derart großes “Machtaufgebot” verfüge. Über die Verwendung österreichischer Alpentruppen auf deutscher Seite stellte Wien dennoch Überlegungen an.

 

– England.

England werde “wie bisher…zunächst abwarten“. Im Falle eines britischen Kriegseintritts erwartete Conrad:

“…das Gros seiner Flotte, sowie seine verfügbare Landmacht (angeblich 6 Di[visi]onen) gegen Deutschland”.

 

– Schweiz/Japan.

Die Schweiz wurde auf der Seite “der Gegner Italien´s” erwartet. Die “politische Rolle Japan´s” schien “von schwerwiegenster Bedeutung”. Mit Blick auf den Russisch-Japanischen Krieg sah der Wiener Stratege das Zarenreich

“vor der Frage, ob es das Schwergewicht seiner aggressiven Politik vorerst auf Ostasien verlegen und daher in Europa Ruhe halten will, oder umgekehrt zuerst in Europa abrechnen und dann erst sich gegen Japan wenden will” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Rußland.

Der österreichische Generalstab erwartete allerdings n i c h t , dass Rußland, bedingt durch die Niederlage gegen Japan, und die so entstandene “militärische Rückständigkeit”, in Kürze in Europa auftreten werde. “Die Rührigkeit Japan´s”, der “Ausbau der sibirischen Bahn” und “die russischen Rüstungen” ließen Conrad “in Bälde” mit einer “Aktion in Ostasien” rechnen (Hervorh.v.m., B.S.). Das werde “infolge der offensiven Politik Rußlands” in Ostasien und “letztenfalls, wenn man Rußland´s Schwäche ausnutzen wollte”, zu einer “kriegerischen Aktion der Monarchie gegen Rußland” (Hervorh.v.m., B.S.) zu nutzen sein. Doch diese Überlegung erachtete der Wiener Stabschef als eher akademisch. Er plädierte stattdessen dafür, die Schwäche und Ablenkung Rußlands zu einem Schlag gegen Italien, Serbien und/oder Montenegro auszunutzen. Sollte es allerdings zum Krieg Österreichs, verbündet mit Deutschland und Rumänien, “gleichzeitig gegen diese drei Staaten und Rußland” kommen, so bezeichnete er diese Eventualität als einen großen Misserfolg der Diplomatie. Denn die Politiker würden mit dem Fortbestand des Dreibundes – und damit den Anschluss Italiens an Österreich und Deutschland – rechnen. Conrad sah jedoch Italien eher auf der Seite Frankreichs und Englands, deren Mittelmeer-Flotten Rom veranlassten, nach Westen abzuschwenken. Auch würden die “nationalen Sympathien [Italiens] viel mehr zu einem Bündnis mit Frankreich als zu einem solchen mit Österreich-Ungarn und Deutschland neigen”.

 

– Schlag nach Westen.

Conrad erörterte im Folgenden die Kriegsfälle Rußland und Balkan, Italien und Balkan, sowie Balkan und Italien-Rußland für das Jahr 1911. Im Fall Rußland wurde von Wien Deutschland mit dem “Hauptschlag gegen Fr[ankreich]. erwartet. Indessen gegen R[ussland]. nur 13 Divisionen” in die Berechnung eingestellt. Die russischen “Kräfte u[nd]. [der] rußische]. Aufmarsch” zeichnete der Stabschef gravierend verändert. Conrad führte, schärfer auf die Gunst der Lageentwicklung für den Schlag gegen Westen eingehend aus:

“Die Bedrohung durch Japan, das dadurch veranlaßte Streben, die Kräfte in Ostasien dauernd (um 2 Corps) zu erhöhen, die Idee, eine russische Centralarmee im Wolgagebiet zu schaffen, derart, daß selbst je nach Bedarf nach Ost-Asien, -oder auch Central-Asien oder aber in den Westen dirigiert werden kann; die Idee, das Weichsel-Gebiet im Kriegsfalle zu entblößen, den Aufmarsch daher in die Linie Grodno-Brest-Kowel-Luek-Dubuv Prockurow rückzuverlegen; die Absicht die Weichsel-Festungen zu vernachlässigen,- jene in der obigen Linie aber, insbesondere Brest-Kowel auszugestalten”.

 

– Russische aggressive Politik.

Conrad gab zu bedenken, dann sei “mit einem anderen Maß der Kräfte” zu rechnen und forderte dazu auf, zugleich zu bedenken, dass diese Pläne geraume Zeit in Anspruch nehmen würden. Erst seien genaue Daten durch Spionage und Militärattachés zu ermitteln, bevor Veränderungen auf österreichisch-deutscher Seite in Gang gesetzt würden. Es sei weiter damit zu rechnen:

“daß…Rußland bei friedlicher Abfindung in Asien seine aggressive Politik in Europa wieder aufnehmen, also im Westen mit gespannter Kraft offensiv auftreten kann; bestenfalls dürfte es aber dann kaum mit der – wenn auch aus anfänglicher – Preisgebung des Weichselgebietes rechnen”.

 

– Japan drückt auf Rußland.

Erwartet wurden Vorbereitungen Rußlands, erstens für den Fall eines gleichzeitigen Krieges in Ostasien und Europa, und zweitens “eines selbst gewollten Offensiv-Krieges in Europa bei neutraler Situation in Ost-Asien”. Diese zweite Möglichkeit trat für Conrad “anbetrachts der Rührigkeit, Entschlossenheit und Zielbewußtheit der Japaner” im April 1910 jedoch zurück. Im Einzelnen erwartete der österreichische Stabschef, Rußland werde angesichts der Überzeugung, Deutschland und Österreich würden schneller aufmarschieren als, die eigenen Kräfte, kaum versuchen aus dem Weichselraum heraus in den deutsch-österreichischen Aufmarsch hineinzustoßen. “Nur wenn Italien aktiv auf Seite Rußland’s träte – käme dieser vorgeschobene Aufmarsch in Betracht”.

 

– Antwort auf den rückverlegten Aufmarsch.

Für den Fall eines nicht “so weit vorspringenden Aufmarsch[es]” erwartete Conrad die “II.[russische] Armee (12 Div[isionen.]) bei Bialystock Louisa-Sielce” und die “III.Armee (9 1/2 Div[isionen]) bei Lublin-Cholm, sodaß diese Armeen den Gegner zwingen sie anzugreifen”.

Die 1. und 2.Armee wurden in umfassendem Vorgehen erwartet. Conrad schloss stattdessen, Rußland scheide

“seine Hauptkraft in zwei Theile deren einer gegen D[eutschland]., deren anderer gegen Ö[sterreich]-U[ngarn]. gerichtet wird;…versammelt dagegen die Armee gegen D[eutschland]. am Njemen (Kowno, Grodno, Bialystock); die Armee gegen Ö[sterreich].- U[ngarn]. aber in der Linie Rowno, Kamiencec-Podolsk und rollt von hier aus im westlichen Vormarsch die in Ostgalizien concentrierten ö[sterreichisch].-u[ngarischen]. Kräfte auf, sie von ihren über die Karpathen führenden Verbindungen und daher dem Haupt=Gebiet der Monarchie abdrängend”.

 

– Zweiteiliger russischer Aufmarsch.

Der Generalstabschef zögerte jedoch, dem Russen ein “so weite[n]s Auseinanderhalten seiner Hauptkräfte” zu unterstellen. Die “Gefahr, an den inneren Flügeln geschlagen zu werden” schätzte Conrad hoch ein. Angenommen wurde, dass Rußland mit 27 Divisionen gegen Deutschland und 24 Divisionen gegen Österreich und 51/2 Divisionen gegen Rumänien auftrete. Mit der Verschiebung von 8 Divisionen von der deutschen gegen die österreichische Gruppierung wurde gerechnet. Es würden demnach 19 Divisionen gegen Deutschland stehen bleiben. Doch dass Rußland seine Kräfte teile, nahm der Stabschef in Wien nicht an. Er erwartete vielmehr, dass die Russen ihre Kräfte “gegen einen Gegner concentrier[t]en”.

Conrad erwartete, wenn

“R[ußland]. eine derart ungleiche Theilung von Haus aus vorbereitet,- so ist es wahrscheinlich, daß die größere Gruppe gegen Ö[sterreich].-U[ngarn]. gewendet wird, – in der Absicht mit Ö[sterreich].U[ngarn]. abzurechnen,- ehe die gegen Frankreich wieder freigewordenen deutschen Kräfte einzugreifen vermögen“(Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Vorsprung des österreichischen Aufmarsches.

Doch Conrad plädierte dafür, den Aufmarsch der österreichischen Kräfte, trotz der deutschen Schwäche in diesem Moment, “rasch und möglichst weit vorn” durchzuführen,

“um den langsamer mobilisierenden Gegner anzugreifen ehe er vollständig operationsbereit ist;- selbst wenn 13 deutsche Divisionen nur 13 russische binden würden, blieben 44 russische gegen 48 österr[eich]- ung[arische] und rumänische Divisionen”.

Daraus wurde gefolgert, es gelte “die eigene Operations-Bereitschaft zur Offensive gegen den voraussichtlich noch unfertigen Gegner auszunutzen”. Das dränge “zu einem Aufmarsch möglichst weit vorn”. Mit einem Aufmarsch russischer Kräfte westlich der Weichsel wird nicht gerechnet. Stattdessen sollte der Schwerpunkt der russischen Kräfteentfaltung ostwärts der Weichsel, sowie in “Wolhynien und Podolien” liegen. Deshalb würden die österreichischen Armeen ihren “Aufmarsch auf Ost-Galizien” konzentrieren. Dies wurde als vorteilhaft erachtet, selbst wenn die Russen westlich der Weichsel stark aufträten, denn so wären diese “doch zum Schlagen östlich der Weichsel” gezwungen. Als ungünstig wurde bezeichnet, dass Ostgalizien von drei Seiten von russischem Gebiet umschlossen sei. Ein umfassendes Vorgehen der Russen liege demnach auf der Hand.

 

– Russische Aufmarschgruppen einzeln schlagen.

Conrad betonte:

“Thatsächlich scheint der damalige russische Aufmarsch auf dieses Ziel gerichtet, indem die drei Gruppen: Cholm, Dubno, Proskurow einfach Direction Lemberg vorzugehen hätten, – wo die Gruppen Cholm, Dubno nach 5-6, und die Gruppe Proskurow mit den beiden anderen nach 7-8 kleinen Märschen vereint schlagen könnten. Die Zeit von etwa fünf Tagen, muß also eigenerseits zur Entscheidung ausgenutzt werden;- es wird dabei darauf ankommen diese Operation mit bereits tunlichst completen Kräften zu beginnen noch ehe der Gegner seine Kräfte complet hat und zwei feindliche Gruppen – oder mindestens einer weit abzuhalten und indessen die eine, beziehungsweise die beiden andren zu schlagen” (Hervorh.v.m. , B.S.).

Doch kam der Stabschef zu dem Schluss, solche Wege seien zu riskant, da der Schlag gegen die eine Gruppe durch den Flankenstoß der anderen beantwortet werden könne. “Ein Manöver auf der inneren Linie also leicht missglücken könnte”. Es scheine

“daher am zweckmäßigsten seine Hauptkräfte vorerst gegen die Gruppe von Cholm und von Rowno zu wenden,- die Gruppe von Proskurow aber anfänglich lediglich möglichst weit abzuhalten; sei es mit direkter Unterstützung der Rumänen,- sei es ohne diese direkte Unterstützung, falls die Rumänen gänzlich gegen die russische V.Armee engagiert sind”.

Zunächst sollte die Gruppe Cholm angegriffen werden, darauf rechtsschwenkend, sich die Offensive gegen Rowno anschließen. Dazu ständen am 15. Mobilmachungstag 19 österreich-ungarische 11 russischen Divisionen (“der Gruppe Cholm-Dubno”) gegenüber. Allerdings, nach 5 Märschen würden diese auf 16 russische Divisionen treffen.

“Am 20.Tag ständen gegen die 18 russ[ischen]. Di[visi]onen der Gruppe Cholm-Dubno 29 öst[erreich].- ung[arische]. Di[visionen] bereit,- welche nach 5 Märschen auf 20 russ[ische]. Di[visi]onen obiger Gruppen stoßen könnten. Der 20te Tag erschiene also für den Beginn der Offensive am zweckmäßigsten,- doch schon vom 15.Tag an wäre eine gewisse Chance vorhanden”.

Zunächst, so Conrad, sei die Gruppe Cholm zurückzuwerfen, sodann die Gruppen Dubno und Cholm zu trennen. Rückendeckung für die eigene Mittelgruppe werde so geschaffen und weitere Kräfte gegen die Dubnoer Gruppe seien heranzuziehen. Der Wiener Chefstratege wünschte,

“daß eigenerseits vor Allem die gegen die Cholmer Gruppe bestimmten eigenen Kräfte complet und operationsbereit“

werden”.

 

– Risikanter österreichischer Aufmarsch.

Die Aufgabe der Österreicher ähnele derjenigen der Armee “Kronprinz” 1870, welche die Aufgabe gehabt habe, früher operationsbereit zu sein und “die Offensive gegen die französische Armee im Elsaß zu beginnen um diese zu schlagen oder doch zurückzuwerfen”. “Einer ähnlichen Aufgabe” müsse “die eigene linke Flügelarmee” nachkommen. Dieser wies der Wiener Stab zu, sich das Flügelkorps bei Jerow so zu “intradieren”, dass “es je nach Umständen entweder am unteren San eintreffen oder weiter gegen Osten geführt werden könnte.

Die Problemlage verschärfte sich zusätzlich mit der möglichen Rückverlegung des russischen Aufmarsches. Dann sei dafür zu sorgen, so Conrad, dass Korps zur Verstärkung der rechten Gruppe des österreichischen Aufmarsches per Eisenbahn herangeführt werden könnten. Allerdings sei nicht klar, “wann Russland diese Veränderung vornimmt”. Conrad beauftragte seine Militärattachés und das Evidenz-Burö, diesen Termin so früh als möglich aufzuklären. Der Chef des Generalstabes fasste zusammen:

“Es wird darauf ankommen, alle in Frage kommenden Möglichkeiten in Calcül zu stellen,- die Chancen für die verschiedenen Fälle zu unterscheiden und dann,- mit der Hauptabsicht aufgrund früherer Operationsbereitschaft die Initiative zu ergreifen u[nd].zw[ar]. in jener Richtung welche die wirksamste und dabei genügend sicher ist, den Aufmarsch-Entschluß festzustellen”.

Um Fehler im Aufmarsch zu vermeiden, wurde der Schwerpunkt in einem Stoß nach Norden gesehen, “um sich Luft zu machen”. Vier Armeen und eine rechte Flügelgruppe sollten

“die Offensive der drei linken Armeen gegen die feindliche Hauptmacht, wenn sie bei Rowno Luck Dubno versammelt ist in der Absicht sie gegen den Polecie zu drücken und von der Proskurower Nebengruppe gänzlich zu trennen,- oder aber mit den drei rechten Armeen die feindliche Hauptkraft falls sie um Proskurow und südlich versammelt wird derart anzugreifen, daß man sie auf ihrem nördlichen Flügel umfaßt und von der Rownoer-Gruppe trennt, gegen welche die eigene linke Flügel-Armee vorzugehen hätte.

Auch für diesen Fall hätte die linke Flügel-Armee der zuerst operationsbereite zu sein. Aber auch wenn man sich getäuscht haben und der Feind seinen Aufmarsch nicht gänzlich östlich des Bug verlegt haben,- oder aber wenn er nach erfolgtem rückverlegten Aufmarsch Kräfte wieder westlich des Bug disponieren sollte entspricht im Wesentlichen der dargelegte Aufmarsch,- da sich die linke Flügel-Armee dann westlich des Bug gegen diese Kräfte wenden kann” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Gefahr russischer Kavallerie-Raids.

Conrad entschied sich für diesem Aufmarsch. Er fasste zusammen:

“Der Erfolg ist im Wesentlichen auf die möglichst fesche eigene Operationsbereitschaft basiert,- jede Verzögerung der Versammlung, also jede Störung der Aufmarschtransporte wäre daher eine vitale Schädigung ,- es gewinnt also die Sicherung des Aufmarsches eine ausschlaggebende Bedeutung. Sei es daß Rußland von Haus aus weit vorn aufmarschiert und eine baldige Offensive plant,- sei es daß es mit dieser zurückhält und auch den Aufmarsch rückverlegt – so wird er doch jedenfalls den derseitigen Aufmarsch zu stören trachten und hierzu seine Cavallerie, eventuell gefolgt von kleineren Infanterie-Detachements sofort über die Grenze brechen lassen. Bei diesem Einbruch wird ebensowohl mit kleinen Streifencorps (11-12 Eskadronen), als mit dem Einbruch starker Gros zu rechnen sein”.

 

– Vorbereitungen in Spannungszeiten.

Der Stabschef betonte, wie “wichtig” vorbereitende Maßnahmen wie etwa die “Alarmgruppierung” seien, welche “bei sich zuspitzender politischer Lage” einzuleiten seien. Aus der Vielzahl der Sicherungsmaßnahmen sei hier die “feldmäßige Sicherung schon im Frieden” erwähnt. “Außer diesem defensiven Schutz der eigenen Bahnen” fasst Conrad “die offensive Aktion…”, welche “in dem Moment zu beginnen” sei, “zu welchem die erste russische Abteilung die Grenze überschreitet” ins Auge. Offiziere seien

“schon im Frieden zu designieren, evident zu halten, zu instruieren und vorzüglich in die Lage zu versetzen ihre Route zu bereisen, insbesondere die Bahnobjekte kennen zu lernen welche sie zu zerstören hätten” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Gefahr innerer Unruhen und Störungen des Aufmarsches.

Dass der innere Zustand der Donaumonarchie äußerst labil war, zeigen die Überlegungen zur inneren Sicherheit auch im Operationsgebiet. Conrad verlangte “die rücksichtslose Unterdrückung jeder reichsfeindlichen Agitation u.s.w. schon im Frieden” und schärfstes Vorgehen gegen “den leider vorhandenen passiven Widerstand der Civilbehörden” (Hervorh.v.m., B.S.). Während der feindlichen Spionage entgegen gewirkt werden müsse, sah der Generalstabschef die Schwerpunkte der eigenen Aufklärung in den “Hauptzielen” feindlicher Massierung “zwischen Bug und Weichsel”, “bei Luck, Dubno, Rourev, Ostroy” oder “bei Proskurow und südlich”.

 

– Die Insurgierung Polens (Vorstöße nicht mobiler Einheiten).

Die

“Insurgierung der polnischen Gebiete Rußlands”

wurde vorgesehen:

“Es wäre ein großes Versäumnis wenn man sich der Vortheile entschlagen würde welche eine Insurgierung der polnischen Gebiete Rußlands zu bieten vermag. Eine solche muß jedoch schon im Frieden angebahnt und für den Krieg speziell vorbereitet sein. In erster Hinsicht ist enger Contakt mit in Russisch-Polen ansäßigen eigenen Reichsangehörigen (Reserve: Offizieren!) sowie mit allen russenfeindlichen Faktoren zu suchen und aufrechtzuerhalten. Es ist insbesondere durch die Geistlichkeit der Boden vorzubereiten. Für den Kriegsfall hingegen muß vorgesorgt sein daß eigene Cavallerie-Körper,-Detachements, und nationale freiwilligen Formationen schon bei Kriegsbeginn in das feindliche Gebiet einbrechen und die Insurrection entfachen. Diese Detachements müssen bereitgestellt, ihre Armeeintendanten hinsichtlich ihrer Aufgabe instruiert sein, diese Instruktionen, sowie die zu ertheilenden Proklamationen müssen bereitliegen,- letztere um bei drohender Lage sogleich gedruckt zu werden. Diese Insurrektion ist für das ganze polnische Gebiet insbesondere aber für den Raum südlich der Pilic und jenem zwischen Weichsel und Bug anzustreben also vorzubereiten. Die in diesen Räumen stationierten russischen Truppen sollen zur Gegenwehr gezwungen und dadurch abgehalten werden in das Gebiet der Monarchie einzubrechen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Wien: Abstimmung zwischen Militär und Politik.

Conrad drang in seiner „Directive“ vom 12. April 1911 auf „den innigen Zusammenhang zwischen der politischen Anschauung und den operativen Vorarbeiten. Er kritisierte für seine Mitarbeiter im Generalstab die „status quo“-Politik des österreichischen Außenministers und forderte realistisch das „eigene[n] Entwicklungsbedürfnisse[s]“ in Korrelation mit dem der „Nachbarn und Concurrenten“ zu vergleichen. Er gab bekannt, er habe

„1907/8 einen Präventivkrieg gegen Italien, 1908/9 das Losschlagen gegen Serbien… maßgebensten Ortes beantragt“ (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Enges Zusammenwirken mit Deutschland (italienische Armee am Oberrhein).

Seine Vorschläge seien „nicht acceptiert, die betreffenden Maßnahmen… nur so weit zur wirksamen Geltung“ gekommen, „als sie die Anrainer-Politik unterstützten und diplomatisch sicherten“. Die österreichische Politik habe „die Erhaltung des Friedens als oberstes Ziel“ gesetzt, doch seien „die Gestellung guter Beziehungen zu Russland und zu den Balkan-Staaten, sowie das Festhalten an dem Bündnis mit Italien“ nur möglich bei „innige[m] Anschluß an Deutschland“ und Rumänien. Conrad forderte, die „Kriegsvorbereitungs-Arbeiten“ auf eine früher bereits erarbeitete „breite Basis“ zu stellen.

Anfang des Jahres 1911 wird “noch immer festgehalten an den Transportangelegenheiten für die ital[ienischen]. Truppen”. Eine “neue Konferenz [wird] deshalb abgehalten”. Offenbar kommt es zu Unstimmigkeiten, denn der “Mil[itär].Attaché[s] Paris” meldet

“Äußerungen des ital[ienischen]. Mil[itär].Attachés über die Rolle der italienischen Armee im Kriegsfall”.

 

– Selbstverständlichkeit: Deutscher Einmarsch in Belgien.

Ende Januar findet die “Vlissinger Frage” ihre Fortsetzung. Der Tenor ist: Deutschland werde durch Belgien marschieren. Das belgische Journal des Débats

“bestreitet das auch nicht, folgert aber, daß die Versuchung für Frankreich mindestens ebenso groß sei wie für Deutschland und daß Engländer u[nd]. Franzosen im Kriegsfalle (wie in London und Paris die Spatzen von den Dächern pfeifen!) durch Belgien hindurch in den Rücken der deutschen Armee vorstoßen wollen, oder Holland zur Operationsbasis machen wollen”.

Im Reichsboten antwortet E. Bötticher und “warnt unter Hinweis auf die Haltung der Holländer vor engl[ischen]. Absichten eines Sprungbretts auf dem Kontinent. Die Behauptung, die belg[ische]. Neutralität sei in Gefahr, erklärt B[ötticher]. für ‚erlogen’(!)”. Anfang Juni kommt vom Militärkabinett ein “Bericht des Gesandten” in Bern zu “französische[n] antideutschen Hetzereien in der Schweiz”.

 

– 1910: Deutsch-österreichischer Aufmarsch gegen Rußland.

Conrad antwortete auf Moltkes Schreiben zum Kriegsfall Deutschland/ Österreich gegen Rußland unter Neutralität der übrigen Staaten. Der Wiener Stabschef stellte 40 Divisionen gegen Rußland in Aussicht und fasste ins Auge, gegen Serbien und Montenegro “mit einem Minimum an Kräften” auszukommen. Im Gegenzug erwartete Conrad, daß “deutscherseits mindestens 40 Infant[erie]. Divisionen von Haus aus gegen Rußland” eingesetzt werden. Zehn rumänische Divisionen stellte der Österreicher in seine Rechnung nicht ein, da noch “nicht völlig klar liegt, daß dieser Staat von Haus aus aktiv auftritt”, schrieb Conrad. Der österreichische Militärattaché in Berlin, Bienerth, habe ihm jedoch gemeldet, es würden

“nur 32 Infant[erie]. Di[visionen]. im Gebiet Preußen’s östlich der Weichsel aufmarschieren, da ein Mehr in diesem Raum überhaupt nicht zu placieren wäre“.

 

– Galizien: deutsche und österreichische Planungen.

Infolge von “Wald, See- und Sumpfgebiete[n]” rechnete Conrad mit deren “beengende[m]n Einfluß”, was verursachen könne, daß “8 Div[isio]nen östlich der Weichsel” nicht versammelt würden. Als Aushilfe schlug Conrad vor, eine Operation aus dem Raum westlich der Weichsel gegen den unteren Narew einzuleiten. Selbst einen Stoß über Kalicz-Lodz gab er zu bedenken, und hoffte, die Russen würden im Raum Warschau-Brest-Bialystok versammelt sein. Allerdings erkannte Conrad die Gefahr, ein Stoß der Russen “westlich der Linie Kowel[-]Lemberg“ werde „alle Verbindungen” der österreichischen Hauptkräfte “empfindlichst” treffen und diese würden „von der Monarchie ab, gegen die Waldkarpathen gedrängt werden können”. Daraus leitete der österreichische Generalstabschef ein Gegenvotum zu den Vorstellungen Moltkes her, möglichst mit den Hauptkräften “im östlichsten Galizien” aufzumarschieren, “mit der Tendenz, durch Vorgehen vom rechten Flügel aus die russischen Kräfte gegen das Polezie zu drängen”. Hinzu käme, daß die österreichischen “Bahn-Verhältnisse ein rechtzeitiges Versammeln der Hauptkräfte im östlichen Galizien gar nicht” ermöglichten. Russische Gegenmaßnahmen zeichneten sich ab. Diesen Kräften genügend stark entgegentreten zu können, sei durch die schwachen österreichischen Bahnen nicht möglich. Conrad nahm an, Rußland werde “die Kräfte seiner Central-Armee” gegen den Narew heranführen und vertrat, es werde

“trachten, – die Deutschen u[nd]. die öst[erreich].-ung[arischen]. Kräfte von den inneren Flügeln zu trennen,- also erstere gegen den öst[lichen]. San, letztere gegen die Waldkarpathen zu drängen; jedenfalls wäre dies die für die Verbündeten gefährlichste Operation”,

Der Österreicher plante:

“Die öst[erreich]-ung[arischen]. Hauptkräfte werden im mittleren Ostgalizien, östlich des San versammelt um die Offensive vom linken Flügel aus zu beginnen,- ein analoges Vorgehen deutscherseits, also ein Vorgehen entsprechendere deutscher Kräfte gegen den unteren Bug-Narew wäre sehr erwünscht” (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad erwartete “45 oder doch wenigstens ebenso viele deutsche als österr[eich].[-] ung[arische]. Div[isi]onen. gegen Rußland” und bestand, für den Fall der Einmischung Frankreichs und Italiens, auf den Vereinbarungen von 1910.

 

– Moltkes Angebot.

Am 3. Juni hatte Moltke Conrad eine “wertvolle Mittheilung hinsichtlich der im Kriegsfalle gegen Rußland bereitgestellten deutschen Kräfte” gemacht. Alarmiert durch die Meldung des österreichischen Militärattachés, Baron Bienerth,

“Deutschland werde in einem Kriege der Verbündeten gegen Rußland, bei vorausgesetzter Neutralität Frankreichs, nur 32 Divisionen in Preußen aufmarschieren lassen” (Hervorh.v.m., B.S.),

antwortete Moltke dem österreichischen Generalstabschef, es handele sich um ein “Mißverständnis”.

Moltke sagte zu,

“wenn Österreich-Ungarn und Deutschland – vielleicht unter Mitwirkung Rumäniens – den Krieg gegen Rußland allein zu führen haben, wird Deutschland in erster Linie 43 Divisionen für den Aufmarsch gegen Rußland verfügbar machen. Von diesen können 32 Divisionen ohne Weiteres östlich der Weichsel aufmarschieren, der Rest – 11 Divisionen – muß entweder westlich der Weichsel ausladen und per Fußmarsch nachgezogen werden, oder er muß als 2.Staffel mit der Bahn vorgeführt werden” (Hervorh.v.m., B.S.).

Moltke ging Mitte 1911 von einem Krieg – vordringlich mit Rußland- “bei gleichzeitiger Neutralität Frankreichs und Italiens“- aus und entwarf das Bild des Großen Ostaufmarsches. Angesichts der diplomatisch-politischen Entwicklung zu diesem Zeitpunkt jedoch keinesfalls eine realistische Annahme. Dass dieser Kriegsfall “sehr unwahrscheinlich ist” erkannte der Berliner Chef jedoch an. Bis zum 24. Mobilmachungstag sollten demnach künftig “alle 43 [deutschen] Divisionen mit der Eisenbahn über die Weichsel vorgeführt werden können”. Der Vormarsch wurde schon am 16.Mobilmachungs-Tage erwartet. Das hieß: 5 Tage vor Abschluss des russischen Aufmarsches. Insgesamt ging Moltke von 41 österreichisch-deutschen Armeekorps aus, zu denen 5 rumänische auf dem rechten Flügel der Österreicher treten könnten. Die russischen Kräfte wurden “an einer Stelle zur kraftvollen Offensive” erwartet. Den Versuch, die österreichischen und deutschen Kräfte auf deren inneren Flügeln zu trennen”, bezeichnete der deutsche Chef des Generalstabes als für die Verbündeten nur vorteilhaft.

 

– Die Russen werden sich stellen.

Ausdrücklich war Moltke jedoch keinesfalls von Angst vor “langandauernden Kämpfen” beherrscht. Vielmehr plädierte er, unter Berücksichtigung der vermehrten Waffenwirkung, darauf “schlagartige Erfolge” zu erzielen, obwohl “die heute weniger als früher zu erwarten” seien. Doch werde ein Ausweichen der Russen nach Osten durch das Vorgehen der Österreicher “mit vorgenommenem rechtem Flügel” erreicht, “um den Gegner gegen die Pripjet-Sümpfe zu drängen und einen Abzug auf Kiew zu verhindern” (Hervorh.v.m., B.S.). Moltke jedenfalls erwartete von einem energischen deutschen Vorgehen aus Ostpreußen,

“gegen Narew und Njemen…vielleicht den Einsatz der[russischen] Zentralarmee heraus[zu]fordern” (Hervorh.v.m., B.S.).

Nochmals bestätigte der Generalstabschef die seit Januar 1910 gemachten Zusagen für den Kriegsfall ‚Rußland’, bei “zweifelhafte[r] oder feindliche[r] Haltung Frankreichs und Italiens”.

 

– Conrad: Österreich entspricht deutscher Forderung.

Der österreichische Chef des Generalstabes antwortete zustimmend, “die Offensive [gegen Rußland] sobald als möglich zu beginnen”. “Strengst vertraulich” teilte er Berlin ferner mit, dass er “seit einigen Jahren” hinsichtlich des “so sehr erwünschten aktiven Beitritt[s] Rumänien´s” in “direkten Verhandlungen” stehe. Das bisherige Ergebnis strich Conrad allerdings aus seinem Konzept. Er hatte Moltke mitteilen wollen, “daß Rumänien seine Hauptkräfte in der Gegend von Dotucani” versammeln werde. Da Rumänien den Bulgaren nicht traue, rechnete Conrad mit “kaum mehr als acht rumänische[n] Divisionen” gegen Rußland. Weiter nahm der Österreicher an, die russische “Central-Armee” könne sowohl gegen Deutschland wie auch gegen Österreich eingesetzt werden. Dem Wunsch Moltkes, die österreichische Armee möge “in Richtung Brest-Litowsk” eingreifen, suchte Conrad zu entsprechen. Er teilte mit, er habe

“den Aufmarsch der diesseitigen Hauptkräfte so weit nach Osten verlegt als es die nicht sehr vortheilhafte Grenzconfiguration Galizien´s und die Leistungsfähigkeit der Bahnen”

zulasse. Grundsätzlich stimmte der Österreicher Moltke zu, der Schlag gegen die russische Armee in Polen könne gelingen.

 

– Chance des gemeinsamen Vorgehens.

Conrad hielt fest:

“Auch ich bin der Ansicht, daß Rußland gegenüber das unangenehmste Moment in der Unermeßlichkeit der Räume dieses Reiches und der damit Rußland gebotenen Möglichkeit gelegen ist seine Streitkräfte zurückzuführen um im Clausewitzschen Sinne die Offensive erlahmen zu lassen,- und daß es daher nur höchst erwünscht sein kann, die russischen Kräfte zum Schlag zu zwingen;- doch glaube ich, daß diese Verhältnisse seit 1812 sehr zu ungunsten Rußland´s verändert sind” (Hervorh.v.m., B.S.).

Conrad erwartete Mitte 1911, dass Rußland in Polen offensiv werde:

“Das höchst Bedenkliche einer so großen freiwilligen Gebietsabtretung, insbesondere bei den bestehenden polnischen und ukrainischen Aspirationen,- die Gefahr der socialen Revolution im Inneren werden R[ußland]. nöthigen den Schlag im Westen zu [führen, gestr.] suchen; andererseits bieten die modernen Verkehrsmittel ganz andere Chancen für den Angreifer als dies im Jahre 1812 der Fall war” (Hervorh.v.m., B.S.).

Auch der theoretische Vorteil der russischen Position, zwischen deutschen Kräften in Ostpreußen und österreichischen in Galizien, erschien Conrad wie Moltke von geringerer Bedeutung. Doch schränkte der österreichische Generalstabschef ein:

“Hinsichtlich des heutzutage Bedenklichen der Operationen auf der inneren Linie bin ich ganz E[urer].E[xcellenz]. Anschauungen;- aber im vorliegenden Falle scheinen mir zwei wesentliche Momente mitzusprechen, erstens ist der trennende Raum zwischen den beide[n] Vorstoßenden in der Linie Mlawa, Zaidichost 300 Kilometer breit und zweitens kann jeder der beiden Verbündeten am äußeren Flügel wieder umfaßt werden, nämlich die deutschen Kräfte aus der Linie Kowno, Grodno, die öst[erreich].ungarischen aus jener Piosknrow Staro Konstantinow,- so daß sich die Gesamtlage damit ergibt[,] daß jede der infolge der Grenzconfiguration auf 300 km voneinander getrennten beiden Gruppen der Verbündeten,- russischerseits aus zwei Fronten angegriffen werden könnte [Warum sollte sich Rußland das nicht zunutze machen? Gestr.] (Hervorh.v.m., B.S.).

Dennoch bleibe es, so Conrad, bei den im Januar/Februar 1910 getätigten Vereinbarungen.

 

23

England, der Gegner, mit dem man abrechnen muß.

Anfang Februar fühlt der preußische Kriegsminister beim Reichskanzler vor, ob der Anregung des Korvetten-Kapitäns a.D.Mayer vom 27. Januar gefolgt werden könne, ausgesonderte 15 cm und 21 cm Ring- und 21 cm Mantel-Kanonen an Serbien und Griechenland zu liefern. Am 17. Juli berichtet der Militärattaché in Konstantinopel, Strempel, dass der “Ausbruch eines Krieges zwischen [der] Türkei und Montenegro wahrscheinlich” sei.

Noch am Tage seiner Krönung zum König von England erwähnte Georg V. in seinem Tagebuch den ernsten politischen Hintergrund vor welchem seine Investitur stattgefunden hatte. Der neue König schrieb:

“Sah Francis (Lord Knollys), der gerade aus London zurückkam, und hatte eine lange Unterhaltung mit ihm über politische Krise, die sich sehr unangenehm zugespitzt und mir viel Kummer und Sorge macht!” (Hervorh.v.m., B.S.).

Am 4. August vormittags fand sich Conrads Emissär, Hauptmann Ulmansky, aus Wien kommend, in Begleitung des österreichischen Militärattachés Bienerth, bei Moltke ein, um einen Brief des österreichischen Generalstabschefs zu überbringen. Im Verlauf des sich anschließenden Gesprächs äußerte der deutsche Gesprächspartner, es wäre in der gegenwärtigen Lage “die günstigste Zeit” für den Krieg gewesen. Bienerth und Ulmansky gewannen den Eindruck,

“dass die Ansichten S[eine]r. Exzellenz sich mit jenen unserer allgemeinen militärischen Kreise vollkommen decken. Wir schlossen dieses Kapitel mit dem beiderseitigen Ausdrucke des Bedauerns, dass es sich anders gefügt hat, als es der Soldat wünschte” (Hervorh.v.m., B.S.).

Das Gespräch war jedoch nicht beendet. In dessen zweitem Teil kam Moltke auf die letzte Marokkokrise zu sprechen und betonte,

“dass die militärischen Kreise [in Berlin] vollkommen überzeugt sind, dass die Tätigkeit der deutschen Diplomatie die erwünscht beste und zweckmäßigste ist. An ein Nachgeben seitens der Diplomatie des lieben Friedens halber scheint in Deutschland N i e m a n d Massgebender zu glauben. S[eine]. Exzellenz sagte, die ganze Sache ist nur eine Frage der Nerven und Kiderlen hat gute Nerven. Weiters gab S[eine]. Exzellenz seiner Ueberzeugung Ausdruck, dass die ganze Frage n u r von England in das gegenwärtige Fahrwasser gedrängt wurde. Sobald England erwähnt wurde, gewannen die Redewendungen und Ausdrücke S[einer]. Exzellenz derart an Kraft und Leben, dass man sah, dass er England als den Gegner mit dem man abrechnen muss betrachtet“.

 

– Krieg mit England in Belgien/Nordfrankreich.

Bedeutsam erscheint, dass Moltke offensichtlich mit Kiderlen einig war in der Absicht, über Marokko England zum Krieg zu zwingen, und festlandstrategisch in Frankreich zu treffen. Dass die Übereinstimmung von Politik und Militär in Deutschland keine vorübergehende Laune war, zeigte das am Abend folgende Gespräch der österreichischen Spezialdelegation mit den Vertretern der Nachrichten-Abteilung III im Generalstab. Diese betonten nämlich, dass der deutsche Generalstabsoffizier “in der auswärtigen Vertretung [Deutschlands] den eminenten Förderer seiner Aspirationen” sieht. Wie hoch das Engagement Deutschlands, rein strategisch gesehen, in der Türkei bewertet wurde, zeigte die Aussage der Herren der deutschen Feindnachrichten-Abteilung, die

“alle im deutschen Heere dienenden [türkischen] Offiziere (gegenwärtig za 150) [würden] als den sehnlichsten Wunsch der Türkei, deren Aufnahme in den Dreibund bezeichnen” (Hervorh..m., B.S.).

 

– Türkei als Dreibund-Partner.

Auch Moltke hatte am Vormittag “eine der Türkei freundliche Politik” als “erwünscht” bezeichnet. Gerade zwei Tage zuvor, so wurde berichtet, sei die gegenwärtige “Marokkoangelegenheit” hochgekocht. “Am 2./8″ seien “alarmierende Nachrichten von der französischen Ostgrenze” eingelaufen, wonach “Bahnpersonal einberufen worden sein soll”. Die Spionage-Spezialisten in Berlin hätten “sofort einen Offizier zur Bereisung dieser Gegend” entsandt.

 

– Deutsch-Englische Spannung 1911.

Am 10. August schickt das Auswärtige Amt “Berichte des Konsulats Johannisburg über eine Unterredung zwischen dem englischen General Townshend und dem deutschen Finanzier Gossert” über einen “(Krieg zwischen England und Deutschland, engl[ische]. Maßnahmen)”. Dazwischen läuft am 19. August der Militärbericht Nr. 83 aus Brüssel ein, worin gemeldet wird, die

“Belgier haben sehr geringes Vertrauen zu ihrer eigenen Armee und zu Frankreich, werden ihre Neutralität wohl nicht sehr energisch verteidigen. England steht doch mehr draußen; ist nur halb beteiligt nach Belgiens Meinung” (Hervorh.v.m., B.S.).

Im Juli sprach der liberale Premierminister Asquith im Unterhaus zur Flottenfrage. Er äußerte sich positiv über Deutschland. Goschen schrieb, diese Rede habe in Berlin einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen und fügte hinzu:

“he spoke of the great friendly German Nation, admitted that Germany required a strong navy – with her commerce and World Power increasing every day, and buttered them up generally. He however maintained his point about the possibility of Germany having 17 [eingefügt: Dreadnought] ships in 1912 – and that may make a little row as Tirpitz and Bethmann etc. have always said that they will only have 13. Moreover, they can have 17 – and we have to reckon not with what they say they will have – but with they can have and what they would have sh’d circ’es require it” (Hervorh.v.m., B.S.).

Goschen beurteilte die deutsch-englischen Flottenbeziehungen äußerst nüchtern. Er sah den deutschen Willen, das Flottengesetz durchzuführen. England aber werde, so Goschen’s Tagebuchnotiz vom 29. Juli:

“build a sufficient number of ships to ensure our supremacy at sea” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Botschafter machte vor allem die Presse verantwortlich für die auf beiden Seiten erhitzte Atmosphäre, wie auch immer wechselseitig deren Stimme motiviert gewesen sei. Das habe dazu geführt, dass

“Press violence only embittered relations [between England and Germany] and rendered any moderating influence quite powerless”.

Zusätzlich erschwerten Schoens Weggang, und dessen Nachfolger Kiderlen, die Lage. Goschen urteilte:

“Kiderlen-Wächter will be another pair of shoes – and I doubt if they will fit me so well. Mais nous verrons! and it is possible that it may be advantageous having a man who will take a line of his own – and talk out even tho’- brutally” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Höhepunkt der Marokkokrise.

Die Krise um Marokko erreichte am 1. September ihren Höhepunkt. Das

“K[riegs]M[inisterium] teilt [eine] Unterredung mit dem Reichskanzler und [dem] Staatssekretär des A[uswärtigen]A[mtes] über [die] Abbestellung der Manöver mit Rücksicht auf die politische Lage”

mit. Am 28. September trifft in Berlin ein anonymer Artikel der “Fortnightly Review” ein. Dieser “sieht den deutschen Operationsplan durch Belgien” als Tatsache und

“versichert die Franzosen d[er]. engl[ischen]. Unterstützung. Antwerpen soll so lange gehalten werden bis “die Engländer landen und in die deutsche Flanke vorstoßen können”. “Ein Artikel der Zeitung La Belgique” empfiehlt “bereits den Volkskrieg zu entfesseln gegen die Deutschen mit Rücksicht auf die Unzulänglichkeit der belg[ischen]. Armee. Frankreich einverstanden….!” (Hervorh.v.m., B.S.)

Die

“Besorgnisse Belgiens wachsen immer mehr nach den weiteren Berichten des Mil[itär].Att[achés].[:] pessimistische Stimmung. Die Alarmartikel der belg[ischen]. Presse vermehren sich immer stärker”.

Die französische “Presse läßt jetzt (seit Herbst 1911) eifrigen Beistand” in der “Landesverteidigung” erkennen. “Sachverständigenbücher erscheinen über die Gefahr [des deutschen Angriffs]”.

Am 1. August berichtete der österreichische Botschafter in Berlin, Szögyenyi, Kiderlen und Ährenthal hätten “beschlossen”, dass Sommer und Herbst friedlich sein sollten. Auch sei Kiderlen sehr wohl für gute Beziehungen mit England zu haben. Doch Goschen hegte Zweifel. Er notierte:

“I am not certain about either of these things. I don’t think things look particularly well in Macedonia – and I am not certain about K[iderlen]. Of course if we yielded everything Germany wants we could have an understanding tomorrow” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Deutsch-englisches Krisenmanagement.

Offenbar war aber Grey nicht gewillt, den Deutschen die Sache zu einfach zu machen. Goschen erhielt Anfang August Weisungen, die seinen Äußerungen, zuvor gegenüber Bethmann Hollweg, zuwider liefen. Der englische Botschafter bemerkte, offensichtlich stehe der Außenminister unter dem Druck des “radical wing” im Kabinett. Während Kiderlens Empfang, wenige Tage darauf, äußerte dieser sich überhaupt nicht zu den englisch-deutschen Beziehungen. Es kam dem deutschen Außenminister offensichtlich darauf an, dass sich die Dinge in Makedonien besserten; wie war ihm eigentlich gleich. Zur Frage eines Krieges auf dem Balkan schien der deutsche Aussenminister mit Ährenthal überein zu stimmen. Goschen schrieb:

“I asked him whether supposing there was war he agreed with Ährenthal in thinking it would be localised. He said – ‘Yes – if you keep your friends back’! I said ‘What friends?’ and he said ‘The Russians’.” (Hervorh.v.m., B.S.)

Die Vorstellungen Berlins, unter welchen Bedingungen der Krieg zu führen sei, waren augenscheinlich im Jahre 1911 ausgereift. Kiderlen der im Außenministerium empfing, überließ es Stumm, mit Goschen ins Detail zu gehen. Wobei der Staatssekretär des Äusseren zunächst über englisch-deutsche Beziehungen einiges “blubberte”, um dann kurzerhand eine neue Theorie zu verkünden. Nämlich, nicht die Flottenfrage führe zu den Belastungen zwischen Deutschland und England, sondern dessen Politik, sich mit Frankreich und Russland zu verbinden. Goschen antwortete:

“My dear man – we might as well complain of your policy of being friends with Austria and Italy´. He [Kiderlen] admitted that he had no belief in the Balance of Power theory” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Bethmann Hollweg berät mit Goschen.

So vorbereitet, erreichte den englischen Botschafter am Freitag, dem 12. die durch Stumm überbrachte Einladung des Reichskanzlers auf dessen Landsitz “Hoch Finnow” – wie Goschen in seinem Tagebuch notierte – für Sonntag, den 14. August. Goschen gab von Schloss und Garten Hohenfinow einen ersten Eindruck:

“Went out to see Chancellor at Hohen Finnow [Hohenfinow bei Eberswalde]- a quaint old house with fine ceilings and a nice old fashioned garden – with old fashioned flowers and beautiful avenues of old lime trees. Farm – about 200 cows not up to much – and badly kept. Some good pigs – Deutsche Edelschweine chiefly – but not many”.

Doch das Hauptgewicht des Gespräches, das von Musik am Flügel und Anmerkungen zu Literarischem umrahmt wurde, lag, an diesem Nachmittag und Abend, auf den deutsch-englischen Marinefragen. In einer langen und zentralen Unterredung erörterten der Kanzler mit Goschen den britischen Vorschlag, wie eine Verständigung möglich sei. Dabei ging es darum zu klären, was Greys Vorschlag bedeute, die deutsche Flottenrüstung einzufrieren und sich gegenseitig über Schiffbaufragen zu informieren.

Bethmann Hollweg fragte: “But what will G´t Britain do meanwhile?” Goschen merkte in seinen Tagebuchnotizen an, er habe geantwortet,

“that I was not clear either but that I thought – as our great object was to reduce the great expenditure on armaments – we should reduce our expenses to the minimum of what we considered necessary for safety” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kanzler habe nicht sofort Stellung bezogen, sondern gebeten, Grey für die Verbindung zu danken, jedoch anzumerken, er habe noch einige Unterlagen durchzusehen, bevor er seine Meinung gebildet haben werde. Mit einigen atmosphärisch-skizzenhaften Anmerkungen schloss Goschen seine Aufzeichnungen:

“I had quite a nice afternoon – tho’ it was beastly cold sitting out in the garden before dinner – Me B[ethmann].H[ollweg].’s sister was there – young B[ethmann].H[ollweg]. a nice lad educated at Oxford and a very pretty Governess – Miss Clark: also that dull fellow Flotow and Stumm” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

24

Das offene diplomatische Spiel in Europa.

Berlin erhöht den Druck.

Wenig später erläuterte der serbische Außenminister Milovanovich dem englischen Botschafter die Machtverhältnisse auf dem Balkan. Die Macht der Türkei werde weit überschätzt. Goschen hielt fest:

“He told me inter alia in answer to an observation from me that the military situation between Turkey and Bulgaria was very different, in Turkey’s favour, from what it was two or three years ago, that that was true to a certain extent; but that the Turks were neither so strong as they thought themselves nor as a great many other people thought them. Their men were good – but their officers – nothwithstanding v.der Goltz deplorable: as venal and inefficient as they were in Abdul Hamid´s time” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Militärbericht Nr.109 meldete bereits am 10. Oktober,

“das Belg[ische] K[riegs]M[inisterium] und die Mehrzahl der belgischen Offiziere sind deutschfreundlich gesinnt”.

Goschen und Bethmann Hollweg trafen Mitte Oktober zu einem “tremendous talk of 2 hours” zusammen. Ein paar Tage später wiederholte sich dieser Vorgang mit Wilhelm II., der eingehend mit dem Botschafter über Politik sprach. “It was interesting but too secret for this book” (Hervorh.v.m., B.S.), notierte Goschen in seinem Tagebuch. In diesen Tagen urteilte der französische Botschafter Jules Cambon über Kiderlen:

“Dans les petites affaires il sera très coulant – mais dans les affaires importantes il est capable de nous faire des grandes cochonneries’!!”

Das sich abzeichnende Treffen zwischen Zar und Kaiser erörterte Unterstaatssekretär Nicolson vom Foreign Office in einem Brief an Goschen. Der englische Botschafter reduzierte auf das Wesentliche, nämlich die Begegnung zwischen Sasonow und Kiderlen-Wächter. Überdies schien ihm ein Krieg zwischen der Türkei und Griechenland (unter Beteiligung Deutschlands auf türkischer Seite) nicht mehr zu erwarten.

 

– Deutschland, Rußland, Frankreich.

Doch die Spannungen – vor allem jene zwischen Frankreich und Deutschland – dauerten an. Cambon äusserte erneut zu Kiderlen:

“Ah! Mon ami – nous avons mangé notre pain blanc dans la Personne de Schoen – avec Kiderlen nous n´aurons que du pain noir!” (Hervorh.v.m., B.S.)

Aber auch zwischen den Westmächten und Russland bestand Misstrauen. Goschen und Cambon waren sich einig, wenn es darum ging, aus Ostensacken oder Schebeko etwas über Sasonows Besuch in Potsdam und Berlin herauszuholen. Am 1. November aßen Bethmann Hollweg und Kiderlen bei Osten-Sacken mit Sasonow. Goschen bemerkte, es werde schwer fallen herauszubekommen, was der russische Außenminister in Berlin wolle. Als der englische Geschäftsträger Ende Dezember Nicolsen in London traf, war dieser über Sasonow äußerst entrüstet. Auch Goschen meinte: “I think latter is not behaving well”. Schoen, nun nach Paris versetzt, hatte aus Berlin eine Antrittsrede erhalten, die er vor dem Präsidenten der Republik Fallières zu halten hatte, deren freundliche Töne er jedoch abschwächte. Der deutsche Geschäftsträger begründete dies damit, er werde in der deutschen Öffentlichkeit bereits als zu frankophil bezeichnet.

Im November fasste Brigadegeneral G.N.Nickolson die Kontakte des Jahres 1906, zwischen Frankreich und Großbritannien, noch einmal zusammen. Es habe sich damals um Vorbereitungen “für den Fall eines unprovozierten Angriffs Deutschlands auf Frankreich” gehandelt. “Die Arbeiten von 1906″ hätten “eine gewisse Berücksichtigung für die Heimatarmee 1907″ gefunden.

Den vorgeblichen Gegenstand der “Entrevue von Potsdam” teilte dann, mehr oder weniger unscharf, Kiderlen am 8. November mit, als der englische Botschafter den deutschen Staatsekretär des Auswärtigen an dessen diplomatischem “jour fixe” aufsuchte. Goschen notierte dazu:

“Went to Kiderlen´s day – he gave me a very jejune account of his conversations with Sazonow – Statu quo in Balkans – support of present Turkish Gov´t Faute de Mieux´(wh. he explained by saying that a Gov´t directed by an anonymous Committee was not an ideal one!) – localization of quarrels amongst minor Balkan States – and necessity of making latter understand that sh´d Internal troubles arise in Turkey it is not their affair but that of G´t Powers. About Persia he said but little merely that he had told Sazonow that as long as integrity of Persia and open door was guaranteed Germany had nothing to do with ‘Persian Question’”.

Am Vortage hatte der “Daily Chronicle” (Pansa) die Ausführungen Bethmann Hollwegs zu den englisch-deutschen Beziehungen unverkürzt gebracht, die der Kanzler Goschen gegenüber getätigt hatte. Berlin bemühte sich demnach, an allen Fronten den Druck auf Downing Street zu erhöhen, schließlich einem Abkommen mit Deutschland näherzutreten. “Zufällig” begegnete der Botschafter, anlässlich einer Jagd auf Schloss Trachenberg, dem Fürsten “Lignowsky” und späteren Botschafter in London. Unübersehbar demnach die “Regie”, welche deutscherseits alles darauf abstellte, die Beziehungen mit Großbritannien über kurz oder lang, und “in any case”, zu verbessern.

 

– Hinter den Kulissen in Berlin.

Rüstungspolitische Konsequenzen.

Am 2. Dezember geht an Bethmann Hollweg die “d[ie]. Achte!” “Denkschrift des Chefs des Gen[eral].Stabs der Armee über die militärpol[itische]. Lage Deutschlands”.

Es fragt sich, wo sind die übrigen sieben geblieben, und was war deren Inhalt? Das Kriegsministerium erhält am 4. Dezember eine Abschrift. Der Reichskanzler dankt am 26.12.1911. Von Bethmann Hollweg hatte am 28. November, dem Vertreter Moltkes, Stein, die “Abschrift der Berichte 707, 718, 773, 774, 775 des Marine-Attachés in London [und] 2 Berichte der Botschaft in London [übersandt]. Staatssekretär Tirpitz sendet in Abschrift ebenfalls [die Berichte] 707 und 718″.

“Zugeschickt an Gen[eral].Major Stein ganz!” Am 14. Dezember folgt ein “Bericht des Reichskanzlers an S[eine].M[ajestät]. über [die] Unfreundlichkeiten der belgischen Presse und deren Abstellung” nach. Am 16. Dezember macht das Militärkabinett

“Mitteilung über die vom 1.10.[19]12 an neu beabsichtigte Friedenspräsenz- und Heeresvermehrung”.

Der Generalstab antwortet am 22. Dezember, und macht dem Kriegsministerium “Vorschläge für die neue Friedensgliederung im Osten. Der “Entwurf am 23.12. an Oberst Ludendorf zurück”. Am 18. Dezember waren vom Auswärtigen Amt “Berichte des Gesandten in Brüssel[,] nebst Anlagen[,] betr[effend]. [die] Haltung Belgiens zu Deutschland” eingetroffen. Kurz darauf kommt der

“Bericht des Geschäftsträgers in Paris über Aufmarschmassierungen und russ[isch].-franz[ösische]. Abmachungen”.

Am 26. Dezember meldet der Botschafter in Bukarest, Rumänien rechne “für [das] Frühjahr 1912 mit einem Krieg“.

 

24

Deutsche Aufmarschplanung und Kriegsbild 1911/12.

– Westen.

Neue Funde aus dem Bestand “Forschungsanstalt des Heeres”, aus den Jahren nach 1919, legen diese Zusammenhänge offen. Der Inspizient für Festungen und Pionierwesen, Mudra, meldete am 9. November seine Forderungen beim Generalstab an. Er betonte “die schwierige Lage”, das Reich werde “den Krieg nach 2 Seiten führen” müssen. Der Krieg nach einer Seite – West oder Ost – stelle kein Problem dar. Dieser sei “offensiv und außerhalb des eigenen Gebietes zu führen” (Hervorh.v.m., B.S.). Der Grundgedanke des deutschen Aufmarschplanes war ihm bekannt. Von der Schwerpunktbildung auf einer Seite leitete Mudra her, es sei “die vornehmste Aufgabe der Landesbefestigung diese Absicht mit allen Mitteln zu unterstützen”. Der Inspizient des Festungswesens und der Pioniere legte damit die operative Absicht der deutschen Generalstabes offen. Mudra führte aus, es könne

“ein Zweifel darüber wohl nicht bestehen, daß wir mit unserem Hauptstoß in erster Linie Frankreich treffen müssen. Ist Frankreich in den ersten Schlachten geschlagen und ihm das Bewußtsein seiner Unterlegenheit uns gegenüber von neuem aufgepreßt, so ist m.E. die wichtigste Arbeit getan” (Hervorh.v.m., B.S.).

Im Westen würden “Metz-Diedenhofen…auf einer Strecke von rund 40 km Länge” die Heeresbewegungen begünstigen. Erneut spielt der Inspizient auf den geplanten Aufmarsch rund um Metz an. Selbst ein Ausweichen “auf den Rhein” wurde erwähnt. Ein Umstand, der 1914, im Zuge der Marneschlacht, durch Lyncker erwähnt werden sollte. Doch gerade die ersten Schlachten des Krieges seien deshalb von entscheidender Bedeutung, weil

“die großen Militärmächte…die Entwicklung ihrer Wehrkraft, ihre Mobilmachung, alle Kriegsvorbereitungen darauf an[legten], in den ersten großen Entscheidungen im freien Felde ihre gesamte militärische Kraft zum Einsatz zu bringen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Darin waren sich Moltke und Mudra einig. Dieser schloss:

“Daraus folgt, daß bei einem Kriege nach 2 Seiten die Lage für uns eine aussichtslose wird, wenn wir nicht spätestens am Rhein den Umschwung herbeiführen, und daraus folgt weiter, daß die Festungen wenigstens am Mittel- und Niederrhein kaum anders in Aktion zu denken sind, als in Verbindung mit der Feldarmee!” (Hervorh.v.m., B.S.)

 

– Osten.

Alle Anstrengungen wollte der Inspizient des Festungswesens auf Metz-Diedenhofen konzentriert wissen. Die Grenzbefestigungen in diesem Raum sollten bereits im Frieden armiert sein. Doch der “Schwerpunkt für den Friedensausbau” der “Landesbefestigung” liege jedoch “an der Ostgrenze”. Mudra skizziert die Planungen für den Ostkriegsschauplatz. Er führt an, es komme

“darauf an, in zähem Widerstande mit möglichst geringen Kräften das Vordringen der numerisch weit überlegen anzunehmenden Russen aufzuhalten und Zeit zu gewinnen für die Durchführung der zunächst entscheidenden Operationen auf dem westlichen Kriegstheater. Frankreich muß von uns in entscheidenden Schlachten geschlagen sein, ehe die Russen mit stärkeren Kräften die mittlere und untere Oder überschreiten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Die herausragende Bedeutung des Festungsbaus im Osten unterstreicht der Inspizient durch den Hinweis:

“Je länger wir im Osten mit Hilfe der Landesbefestigung die Situation hinhalten, desto mehr Zeit bleibt für die entscheidende Aktion im Westen, desto gründlicher kann dort die erste Abrechnung vor sich gehen, ehe man von den Franzosen ablassen muß, um sich gegen die Russen zu wenden!” (Hervorh.v.m., B.S.)

Im Jahre 1899 hatte der Freund und Lehrer Mudras, Colmar von der Goltz, bereits diese Grundsätze deutschen Festungsbaus entwickelt, jedoch für die gleichzeitige fortifikatorische Ausgestaltung des westlichen, wie des östlichen, Kriegsschauplatzes plädiert. Diese Forderung hatte zu dessen Entlassung geführt, da Schlieffen und Einem gegen Festungslinien aufgetreten waren. Die Anmerkungen des Ober-Quartiermeisters Stein zeigten 1911 die gleich ablehnende Position des Generalstabes. Die untere Weichsel, so Mudra, sei bereits gegen den frontalen Angriff der Russen verstärkt. Von Süden sei die Front “Kulm-Marienburg jedoch jederzeit zu umgehen. Die Verteidigung der Weichsellinie entbehre der Tiefe. Ein Durchbruch werde zur “Räumung der ganzen Linie” führen. Deshalb sei Graudenz zu erweitern und “zu einem doppelten Brückenkopf” auszubauen. “Die Weichsel-Befestigungen von Thorn bis Marienburg und…die Festung Posen” behinderten “einen Vormarsch der Russen in der allgemeinen Richtung Berlin”.

Momentan wären die Festungen Posen, Thorn und Graudenz derart schwach, dass die Russen “nach erfolgter Durchführung der lebhaft in Angriff genommenen Modernisierung ihrer schweren Artillerie…sogar gegen 2 von diesen Festungen den Angriff gleichzeitig aufzunehmen in der Lage sei[e]n”. Die Modernisierung dieser Plätze, sei überfällig. Königsberg, als Brückenkopf in der rechten Flanke der vorstoßenden Russen, stehe

“nach Ausführung des Hafenabschlusses durch die Frische Nehrung in einem gewissen Zusammenhange mit der Weichselverteidigung; dies kann bei Aufnahme der Offensive unsererseits größere Bedeutung gewinnen – ganz abgesehen davon, daß durch den Haffanschluß das Samland mit seinen reichen Hilfsmitteln dem Gegner entzogen bleibt” (Hervorh.v.m., B.S.).

Cüstrin – und eine ernsthafte Belagerung dieser Position – werden durch Mudra deshalb nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, da, gelange “der Feind einmal mit bedeutenden Kräften in die Nähe von Berlin, so” werde “der Krieg entschieden sein, wenn es nicht” glücke, “den Gegner bald in freiem Felde zu schlagen” (Hervorh.v.m., B.S.). Glogau und Breslau wurden nur in begrenztem Maße herangezogen. Diese erhielten dennoch indirekte Bedeutung durch die “mit französischem Geld” vervollständigten Bahnlinien “in das Festungs-Dreieck Warschau-Brest-Iwangorod”. Feldbefestigungen, bereits im Frieden “an den Obra-Abschnitten”, wurden beantragt. Offenbar wollte sich der Inspizient der Zustimmung Moltkes versichern. Im November 1911 war augenscheinlich der Umriss der künftigen Kriegführung festgelegt und die Phase unmittelbarer Kriegsvorbereitung sollte eingeleitet werden.

 

– Berlin: Rüstungspolitik und „Preemptive Strike.

Quantitativer Ausgleich.

Aufgefordert durch den Reichskanzler, zog am 19. November der Kriegsminister seine Folgerungen aus der Marokkokrise des Sommers. Bislang seien “normale[r] Verhältnisse” Grundlage der letzten Schätzungen zum Bedarf der Armee gewesen. “Mit den neueren politischen Vorgängen” habe auch eine öffentliche Diskussion “Erwägungen” zum “Friedenspräsenzgesetz 1911″ in Gang gesetzt. Vorschalten wollte Bethmann Hollweg die Beratung zu einer Marinevorlage. Das veranlasste Heeringen, in Übereinstimmung mit dem Chef des Generalstabes, auf das Gespräch über die Nachrüstung der Armee hinzulenken. In einer Anlage betonte der Kriegsminister, die Heeresvorlage 1911 sei von vornherein “als unzureichend bezeichnet” worden. Aus fiskalischen Gründen habe auch der Kriegsminister seine Vorstellungen zurückschrauben müssen. Ohne akute politische Spannungen sei dieses Gesetz zu vertreten gewesen. “Der erste wirkliche Zuwachs an Kampfkraft” sei “erst im Jahre 1914″ und 1915 geplant. Allein mit Zahlen des militärtechnischen Vergleichs sei, im Reichstag und dessen Ausschüssen, 1909 keine Armeevergrößerung durchgesetzt worden. Allerdings sei schon zu diesem Zeitpunkt bekannt gewesen:

“Daß wir uns auf einen französischen Angriff – event[ue]l[l]. unterstützt durch Rußland und England – einzurichten und dabei nur auf die Hilfe von Oesterreich, aber keineswegs sicher auf die von Italien zu rechnen hätten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Heeringen suchte sich gegen den Vorwurf mangelnder Voraussicht zu sichern. “In den Stärkeverhältnissen” zu Frankreich, Russland und England sei “seit 1909 keine durchschlagende Verschiebung” erfolgt. Heeringen unterstrich die nun veränderte Lage:

“Die russische Armeeorganisation ist fast vollendet. In Frankreich scheinen sich die Absichten, das afrikanische Menschenmaterial zur Stärkung der in Europa verfügbaren Streitmittel zu verwenden, zu verdichten. Belgien und Holland haben sich, angeregt durch die Spannung 1911, auf die Wahrung ihrer Neutralität wesentlich mehr vorbereitet” (Hervorh.v.m., B.S.).

Diese Folge der zweiten Marokkokrise, so sah es der Kriegsminister, werde, “in wenigen Jahren…, schon aus rein ziffernmäßigen Erwägungen eine Verstärkung des deutschen Heeres unabweisbar” werden lassen. Das Problem zahlenmäßiger Unterlegenheit gegenüber den möglichen Gegnern, wurde keineswegs zurückgewiesen, sondern als Argument für eine Armeeverstärkung ins Feld geführt. Vorgeblich hatte der Kriegsminister bereits 1910 mehr gewollt. Jedoch seien die Bemühungen seit 1905 “verhältnismäßig wenig vorwärts” gekommen, gestand Heeringen ein. Bereits mit dem “technischen Quinquennat” von 1911 wurde für dessen Durchführung das Jahr 1916 anvisiert. Nun sei in der Planung auf 1914 hin disponiert worden, und 1915 für den Abschluss vorgesehen. Die Lage habe sich jedoch mit der Marokkokrise, in der zweiten Jahreshälfte 1911, grundlegend verändert. Nun habe sich das Reich – und das gestand der Kriegsminister zu – auf einen “französischen Angriff – event[ue]l. unterstützt durch Rußland und England – einzurichten” und könne “dabei nur auf die Hilfe von Oesterreich, aber keineswegs sicher auf die von Italien” rechnen. Überraschend stellte Heeringen fest, seit 1909 sei “keine durchschlagende Verschiebung” zuungunsten Deutschlands eingetreten. Die Veränderungen in Frankreich (Armeeverstärkung) und Russland (Umorganisation) bildeten “noch keine greifbaren Tatsachen”. Allerdings regten die Vorgänge des Sommer 1911 zu nicht mehr als der “Frage” an, “ob die militärpolitischen Verhältnisse auch jetzt noch ebenso zu beurteilen” seien. Die Entwicklung Frankreichs in Marokko werde die französischen Streitkräfte verstärken können. Russland, Belgien und Holland hätten deren Reorganisationen nahezu abgeschlossen. Dennoch sei “das deutsche Heer nach des Kriegsministers und des Chefs des Generalstabes der Armee Ueberzeugung” den “voraussichtlichen Gegnern” Deutschlands “noch gewachsen”. Heeringen näherte sich der Position Moltkes insofern an, als auch er keineswegs die Bedeutung “numerisch[r] Ueberlegenheit…im Kriege” leugnete.

Entscheidenden Einfluss übte hier die beißende Kritik ausländischer Militärbeobachter an der deutschen Armee, die nach den Kaisermanövern 1911 in Vorpommern von englischer Seite zutage gefördert wurde. Heeringen sprach von “politischen Hetzereien im Ausland” und leitete von dort die gegnerische Kriegsbereitschaft her. Ausgangspunkt für Kriegsvorbereitungen schien dem Kriegsminister England zu sein. Als Anlass könne ein weiterer Ausbau der deutschen Flotte dienen. Das Rezept der deutschen militärischen Führung für diesen Fall war, nach Ansicht Heeringens,

“daß wir unter Hinwegsetzung über alle Bedenken alsbald Frankreich vor die Klinge nehmen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der “preemptive strike” war demnach deutsches Programm. Diese Vorstellung entsprang der Überlegung, das “neben einem Seekriege auch mit einem Landkriege zu rechnen” sei.

“In letzterem wird aber unbedingt die Entscheidung liegen….Auf dem Sieg oder Mißerfolg des deutschen Heeres ruht das Schicksal der Krone der Hohenzollern, das Wohl und Wehe unseres Vaterlandes”,

führte Heeringen dem Reichskanzler eindringlich vor Augen. Der Kriegsminister prägte für die anstehenden Wehrgesetze die Formel: nicht allein die Flotte sondern auch die Armee. Bis zum 1.10.1912, demnach mit einiger Beschleunigung, sollte nunmehr zunächst die Armee nachgerüstet werden.

 

– Moltke 1911: „Deutschlands Ziele weiter gesteckt als früher“.

Anfang Dezember griff daraufhin auch der Generalstabschef zum Mittel der Denkschrift, um dem Politiker zum Jahresende 1911 die militärische Lage zu entwickeln. Offen ist, ob dies alljährlich zu diesem Zeitpunkt geschah, wurden doch zu diesem Zeitpunkt regelmäßig die Arbeiten an den Aufmarsch-Planungen für das folgende Jahr abgeschlossen. Moltkes einleitende Ausführungen stellten seine Darstellung in den Duktus abgestimmten Vorgehens innerhalb der politischen und militärischen Führungsspitze des Reiches. “Politische und militärische Verhältnisse” seien nicht zu trennen. Ausdrücklich votierte Moltke für die Synopse beider Sichtweisen. “Deutschlands Ziele” seien 1911 “weiter gesteckt als früher”. So sei

“der Leiter der militärischen Operationen…vor eine Aufgabe gestellt, die fruchtbringend nur gelöst werden kann, wenn seine Vorarbeiten sich in Uebereinstimmung mit den politischen Richtlinien des Staates befinden. Die Vorbereitungen für Aufmarsch und Operation bedürfen einer langwierigen und sorgfältigen Arbeit, sie können nicht von heute auf morgen verändert werden und auch die Führung unserer Politik wird sie rücksichtigen müssen. Schon der Zeitpunkt, wo die Politik durch Waffengewalt fortgesetzt werden soll, kann von ausschlaggebender Bedeutung für den Ausgang sein” (Hervorh.v.m., B.S.).

Nichts anderes als hochmodern waren diese Einsichten des verantwortlichen deutschen militärischen Führers. Wurde diese Denkschrift deshalb von einem Teil der Forschung, da unliebsam, für deren These vom polykratischen Chaos, bewusst vernachlässigt? Die Kooperation von Politik und Militär im Kaiserreich wurde hier durch Moltke bestätigt.

 

– Frankreich.

Von Frankreich ausgehend, welches das zentrale Problem deutscher Strategie darstelle, sieht Moltke keine aktuelle Bedrohung. Anders England, von wo der französische Revanchegeist wiederbelebt würde. Zum Beispiel durch die Propaganda des Times-Korrespondenten Repington. Deutschland verfolge dem westlichen Nachbarn gegenüber keine offensiven Ziele.

 

– England ermutigt Rußland zum Krieg.

Wenn auch die deutsche Weltpolitik durch den Generalstabs-Chef offensiver aufgefasst wird, blickt doch immer wieder die Sorge zwischen den Zeilen hervor, der französische Offensivgeist könne wieder erstarken, “Armee, Regierung, Generalstab und Kriegsministerium” Mut fassen, die deutsche Armee im Rahmen der Entente mit England anzugreifen. Moltke konkretisiert:

“Die Zuversichtlichkeit, die durch die Niederlage des russischen Verbündeten einen empfindlichen Stoß erlitten hatte, hat sich mit dem Wiedererstarken des Zarenreiches gehoben, vor allem ist sie gekräftigt worden durch die Gewißheit englischer aktiver Unterstützung in einem Kriege mit Deutschland” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– England stützt Frankreich gegen Deutschland.

Welche Bedeutung der westeuropäischen Kritik an der deutschen Armee, auch an höchster Stelle, beigemessen wurde, bestätigt der Generalstabschef:

“Zahlreiche Flugschriften, Aufsätze in den Tageszeitungen und in Zeitschriften, auch größere, wissenschaftlich[e] gehaltene, zum Teil von höheren Offizieren verfaßte Werke suchen die Ueberlegenheit der französischen über die deutsche Armee nachzuweisen. In demselben Sinne sind Aeußerungen der englischen Presse laut geworden. In einer längeren Reihe von Aufsätzen über die diesjährigen deutschen Kaisermanöver kommt ein Militärschriftsteller von Ruf, der englische Oberstleutnant Rep[p]ington, zu dem Schluß, die deutsche Armee sei der französischen vielfach unterlegen, in manchen Dingen stehe sie nur auf der Stufe eines Staates zweiten Ranges” (Hervorh.v.m., B.S.).

Den Franzosen solle so suggeriert werden, “die Vortrefflichkeit der eigenen Armee” könne “sich mit jedem Gegner messen”. Der Gedanke eines französischen Überfalls klang erneut an. Moltke unterstrich, “die chauvinistische Stimmung” könne “mit oder ohne Willen der Regierung den Krieg unerwartet herbeiführen, der entscheidend sein” werde “für Deutschlands Zukunft”. Doch einen lokalisierten deutsch-französischen Krieg hielt der Generalstabschef nicht mehr für möglich. Er nahm an:

“Kommt es zum kriegerischen Zusammenstoß beider Staaten, so werden auch die übrigen Großmächte in einer Weise in Mitleidenschaft gezogen, die ihnen ein aktives Handeln aufzwingen”

werde.

 

– Moltkes Kriegsbild: Österreich.

Seine Prognose ging dahin, “der Dreibund Deutschland, Oesterreich, Italien” werde “der Koalition Frankreich, England, Rußland gegenüberstehen”. Den Dreibund sah Moltke geteilt, hinsichtlich der jeweiligen Aufgabenstellung zwischen Deutschland und Österreich gegen Rußland und Deutschland-Italien gegen Frankreich. Falls Rußland nicht am Kriege teilnehme, bestünde für Österreich “keine vertragliche Verpflichtung zu einer Unterstützung Deutschlands”. Das würde bedeuten, Deutschland und Italien würden gegen Frankreich kämpfen, das “sicher” von England “aktiv” unterstützt sein werde. Dadurch, und über den Ausgleich der französisch-italienischen Spannungen seit 1902, werde die Unterstützung durch Italien unsicher. Diese Entwicklung werde verschärft durch die “Spannung zwischen Oesterreich und Italien”. Italien lasse sich inzwischen von Dreibund und “Ententemächten” umwerben. Das sei die Situation. Moltkes schlussfolgerte:

“Deutschland wird also gut tun sich darauf vorzubereiten, daß es einen Krieg gegen Frankreich und England zunächst alleine zu führen haben wird. Einen solchen Krieg haben wir nicht zu fürchten, so lange Rußland neutral bleibt und damit für Deutschland Rückenfreiheit geschaffen ist” (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Unbekannte in der Rechnung des Generalstabes hieß: was enthält der Zweibundvertrag zwischen Rußland und Frankreich für den Bündnisfall? Sollte Russland eingreifen, dann würde das bedeuten, daß Österreich an Deutschlands Seite träte. Stehe Italien zum Dreibund, dann würde Österreich “den größten Teil seiner Kraft gegen Russland verwenden” können. Moltke befürchtete allerdings für den Fall, dass Italien abschwenke, werde dessen “Stoßkraft…gegen Rußland gelähmt werden”. Es zeichne sich ab, dass Österreich in diesem Fall “seine Hauptkräfte gegen Italien” einsetzen werde.

 

– Der deutsche Kriegsplan.

In jedem Falle werde “Deutschland die Eröffnung des Feldzuges mit allen verfügbaren Mitteln gegen Frankreich” einleiten. Äußerst schwach gegen Russland auftretend, sollte “die Entscheidung des Krieges” gegen Frankreich und England gesucht werden. Moltke verkündete sein Credo:

“Die Republik ist unser gefährlichster Gegner, aber wir können hoffen, hier eine baldige Entscheidung herbeizuführen. Ist Frankreich in den ersten großen Schlachten geschlagen, so wird das Land, das über keine großen Reserven an Menschen-material verfügt, kaum imstande sein, einen lang andauernden Krieg weiterzuführen, während Rußland ihn nach einer verlorenen Schlacht in das Innere seines unermeßlichen Gebiets verlegen und ihn auf unabsehbare Zeit in die Länge ziehen kann. Das ganze Streben Deutschlands muß aber darauf gerichtet sein, mit einigen großen Schlägen den Krieg wenigstens nach einer Seite hin sobald wie möglich zu beendigen” (Hevorh.v.m., B.S.).

 

– Türkei: Dreizack gegen Rußland und England.

Die Hauptgefahr des parallel ablaufenden italienisch-türkischen Krieges um Tripolis sah der Generalstabschef darin, dass Deutschland “entweder einen Bundesgenossen oder einen Freund” verlieren könne. Entscheidend sei, und das erwähnte Moltke herausgehoben, der “militärische[n] Wert” der Türkei in “einem europäischen Kriege”. Für das osmanische Reich als Bündnispartner Deutschlands sprach aus der Sicht des Generalstabschefs,

“seitdem Rußland in ein freundschaftliches Verhältnis zu England getreten ist und letzteres dadurch von seinen Besorgnissen um Indien entlastet hat, ist die Türkei die einzige Macht, die England zu Lande gefährlich werden kann. Eine türkische Offensive aus Syrien würde die englische Etappenlinie nach Indien, an der empfindlichsten Stelle, dem Suezkanal, bedrohen und die englische Machtstellung in Aegypten gefährden” (Hervorh.v.m., B.S.).

Wie durchdacht die türkische Karte im deutschen Machtkalkül bereits war, zeigt Moltkes Berechnung für den Vorstoß der Türkei gegen Ägypten. 80.000 Mann türkischer Verbände würden zunächst 6.000 Mann englischer Truppen gegenüberstehen. Diese Kräfte würden “aus den Kolonien auf 20.000 Mann gebracht werden” können. Berlin glaubte annehmen zu dürfen, England würde es nicht “wagen können, in einem Kriege gegen den Kalifen aller Gläubigen die eingeborenen ägyptischen Truppen zu verwenden”. Allerdings sei dieser Vorstoß über 350 Kilometer zu führen; benötige also Zeit. Entscheidender erschien jedoch dem Generalstabschef, dass “schon die Versammlung starker türkischer Kräfte in Syrien…es England unmöglich machen” werde, “seine Heimatarmee in voller Stärke auf europäischem Boden einzusetzen” (Hervorh.v.m., B.S.). Damit enthüllte Moltke einen wesentlichen Teil seiner strategischen Rahmenkonzeption. Es ging ihm darum, die Türkei wie mit einem Dreizack einzusetzen. Russland in Armenien und England in Ägypten und Persien zu binden, und so, neben der russischen Westarmee in Polen, das Auftreten der British Expeditionary Forces in Nordfrankreich zu schwächen.

Selbst Aden, der britische Seestützpunkt am Ausgang des Persischen Golfes, sollte durch die Türkei genommen werden. Im Jemen standen 30-40.000 Mann türkischer Truppen, die geeignet erschienen, sowohl die türkischen – wie auch die deutschen – Ziele zu verwirklichen, nämlich Ägypten und Aden zu bedrohen und den Seeweg nach Indien zu gefährden. Hinter diesen Überlegungen stand offenbar der Plan, vermittels der Revolutionierung der islamischen Welt, das britische Weltreich ins Mark zu treffen. Die türkische Armee – so Moltke – habe inzwischen ihre “Schlagfertigkeit erhöht”. Sie beabsichtige ferner,

“im Falle eines Krieges mit Rußland ein Heer von 100 000 Mann in Armenien aufzustellen. Rußland kann diesem nur seine drei, im Kaukasus stehenden Armeekorps entgegenstellen. Sie werden umso weniger ausreichen, als starke Kräfte zur Niederhaltung der, mit ihren Sympathien der Türkei zuneigenden, mohammedanischen Bergvölker erforderlich sein werden. Rußland wird daher gezwungen sein, Teile seiner Zentralarmee nach dem Kaukasus zu werfen, die dann auf der deutsch-österreichischen Front ausfallen. Wenn die Türkei von den 700 000 Mann, die sie aufstellen kann, 100 000 gegen Rußland, 100 000 gegen Aegypten, 50 000 gegen Aden einsetzt, so bleiben ihr noch 450 000 Mann in Europa verfügbar, denen Bulgarien seine 350 000 Mann nicht vollzählig wird entgegenstellen können, da es sich gegen Rumänien decken muß” (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Türkei, als strategischen Machtfaktor von “Gewicht”, erwartete Moltke “in einem europäischen Kriege” auf Seiten Deutschlands und Österreichs. Das habe auch England erkannt, das der türkischen Armee gestatte, “eine gut arbeitende Etappenlinie nach der Cyrenaika einzurichten”. Letztlich, und das ist des deutschen Generalstabschefs “worst case”-Szenario, blieben “als sichere Factoren, mit denen zu rechnen” sei, “nur die vereinigten Streitkräfte Deutschlands und Oesterreichs, die einer Koalition Frankreich, England, Rußland entgegengestellt werden” könnten. Diese Kräfte würden in voller Stärke, ausschließlich und ohne Ablenkung, gegen die Zentralmächte Deutschland und Österreich aufmarschieren können.

 

– Die Kriegsbereitschaft Rußlands 1911.

Das Kräftegleichgewicht sei für diese ein äußerst prekäres. Auch die Zuflucht, numerische Überlegenheit sei nicht alles, und

“die Wehrhaftigkeit einer ganzen Nation, Kriegstüchtigkeit, Tapferkeit, Aufopferungsfähigkeit, Disziplin, Geschicklichkeit der Führung sind höher zu bewerten als die tote Zahl”,

könne nicht des Problems Lösung bringen. Moltke räumt das ein. Nur die Gegenüberstellung der beiderseitigen Machtmittel” bedeute “eine positive Unterlage”. So habe Rußland, neben der Reorganisation der bestehenden Armee, die “Dislokation seiner Truppen vorgenommen”. Die “Mobilmachung” sei beschleunigt, das Eisenbahnnetz ausgebaut und der “Aufmarsch an der West- und Südwestgrenze…in der Hälfte der Zeit” durchführbar. Verbessertes Kriegsmaterial, “besonders mit schweren Geschützen und mit einem modernen Feldgeschütz” eingeführt, und werde ergänzt um eine stringente Verjüngung des Offizierkorps, neue “Reglements und Dienstvorschriften”. Eine mobile Belagerungsartillerie, der die ostpreußischen Befestigungen nicht gewachsen seien, und andererseits die Verstärkung der Narew- und Njemenbefestigungen, würden durchgeführt. Moltke korrigiert die bisherige Überzeugung der deutschen Militärbehörden, “Rußland sei noch auf lange hinaus zu einem europäischen Kriege nicht fähig”.

 

– „Moltkeplan“ gegen England.

Operationsziel Belgien und Holland.

Auch England habe “alles getan, was im Rahmen seiner staatlichen Einrichtungen möglich war”. Die Territorialarmee sei innerhalb und außerhalb der Insel einsetzbar, “6 Divisionen mit 130 000 Mann” könnten auf dem Kontinent eingesetzt werden. Dass die Lage grundsätzlich verändert sei, stellte der Generalstabschef unmissverständlich fest. Moltke führt aus:

“Seit dem Abschluß seiner Entente mit Frankreich hat es seine maritimen Streitkräfte fast ganz aus dem Mittelmeer zurückgezogen und sie im Kanal zwischen Frankreich und Deutschland, von dem es eine Niederlage Deutschlands und Gelegenheit zur Vernichtung seiner jungen Flotte erhofft, nicht ungern sehen würde, daß es bereit ist, an diesem Kriege mit voller Kraft teilzunehmen, hat seine Politik deutlich bewiesen”.

Dennoch erwartet Moltke nicht, England werde “auf eigene Faust einen Krieg mit Deutschland herbeiführen”. Die sichere Beteiligung Frankreichs sei dafür die Vorbedingung. Der Vertreter der Armee zeichnet die Gefahren, welche in diesem Zusammenhang von “einer weiteren Verstärkung der deutschen Seemacht” ausgingen. Der Chef des Generalstabes führt aus:

“In diesem Fall aber würde England den Krieg nur zu Wasser führen, es würde die deutschen Häfen blockieren, den Handel Deutschlands schädigen. So würde es versuchen, das Land finanziell zu ruinieren, Gelegenheit suchen seine Flotte zu zerstören, seine Kolonien beschlagnahmen, aber es würde keine Truppen auf deutschem Boden landen. Und Deutschland würde trotz seiner starken Armee den Gegner niemals militärisch niederzwingen können. Denn wenn es selbst der deutschen Flotte gelingen wird, ihm empfindliche Verluste zuzufügen, so wird doch England bei seiner ungeheuren Ueberlegenheit auf dem Wasser immer noch die See beherrschen, so daß auch dann noch eine Landung deutscher Truppen auf der Insel ein undurchführbares Unternehmen bliebt. Bei einem Kriege gegen England allein fehlt Deutschland ein Kriegsobjekt. Nur durch eine Besetzung Belgiens und der Niederlande, durch eine Besitznahme der Scheldemündung könnte man England empfindlich treffen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Grundgedanke der deutschen Kriegsplanung 1911.

Diese jedoch, so Moltke, werde “gleichzeitig den Krieg mit Frankreich herbeiführen”. Denn “wollte Frankreich gestatten, daß Deutschland mit einer mobilen Armee in Belgien” stehe, “so würde es völlig lahm gelegt sein. Eine Mobilmachung würde ihm dann unmöglich, denn mit dem ersten Tage derselben würden wir schon auf französischem Boden stehen“. Damit war das tatsächliche Konstrukt für den sogenannten “Schlieffenschen Ansatz” ausgesprochen.

Deutschland griff demnach keineswegs lediglich aus militärtechnischen Gründen über Belgien hinweg Frankreich an. Es gab verschiedene Stufen des strategischen Denkens, welche die deutsche Seite zu dieser Antwort führten. Nicht zuletzt entscheidend war die Rücksicht auf den tatsächlichen Gegner des Reiches: England. Moltke fasst – wie Schlieffen 1904/05 – zusammen, und diese Formulierung lässt auf die inneren Diskussionen in der deutschen Führungsspitze um den Präventivkrieg schließen:

“Es würde ein grosser Fehler sein, wollte Deutschland solange warten, bis Frankreich über das weniger kriegsbereite Land herfällt. Der Krieg mit Frankreich muß sowieso kommen, sobald der Krieg mit England ausbricht. Ein mobiles Deutschland an seiner Seite kann Frankreich nicht ertragen, es wird ebenfalls mobilisieren und damit wird der Krieg unvermeidlich. Vielleicht gelingt es Deutschland, wenn es zu ihm die Initiative ergreift, einen Vorsprung in der Mobilmachung zu erlangen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Frankreichs Aufrüstung.

Ganz selbstverständlich fordert Moltke, die gesamten Anstrengen Deutschlands auf die Tatsache auszurichten, dass “die Entscheidung” in einem künftigen Kriege” auf dem Lande” liege “und von der Armee herbeigeführt werden” müsse. Schließlich beruhe “auf der Stärke seiner Armee…nach wie vor die Machtstellung Deutschlands”. Daran hatte schließlich über die Jahre der gesamte aufwendige Flottenbau nichts geändert.

Frankreich, das bis 1905 in seinen Rüstungsanstrengungen nahezu erlahmt sei, habe, so der Generalstabschef, nach der ersten Marokkokrise das Steuer herumgerissen, und, “allein für den Ausbau und die Ausrüstung seiner großen Grenzfestungen, über 200 Millionen Francs” aufgewandt. Die zweite Marokkokrise habe nun zu “wiederum eine[r] gesteigerten Tätigkeit auf dem Gebiet der Landesverteidigung” geführt. Der Königsplatz fasst, bereits im November 1911, in seltener Schärfe zusammen:

“Die Artillerie des Feldheeres ist um 150 Batterien erhöht und damit die bisherige Ueberlegenheit Deutschlands wettgemacht, die Infanterie und Kavallerie sind mit Maschinengewehren ausgerüstet, die Aviatik ist im weitesten Maße in den Dienst des Heeres gestellt, die Kommandoverhältnisse der Armee sind umgestaltet worden. Frankreich hat sich in einer beispiellosen Weise gegen einen deutschen Einmarsch verbarrikadiert. Seine vier großen Grenzfestungen Verdun, Toul, Epinal und Belfort sind mit allen Mitteln moderner Technik ausgebaut und durch eine Reihe von Sperrforts miteinander verbunden. Aber es begnügt sich nicht mit diesem Schutz, es arbeitet mit aller Kraft an der Ausbildung seiner Armee, zu deren besserer Ausgestaltung eine ganze Reihe von Maßnahmen teils geplant teils in der Durchführung begriffen sind. Dabei nutzt es seine Volkskraft in einer Weise aus, hinter der Deutschland weit zurückbleibt” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

– Januar 1912: Stringente Kriegsvorbeitung. Wende zur Aufrüstung.

Nun sei auch in Belgien und Holland ein scharfer Ruck in Richtung auf gesteigerte Rüstungen festzustellen. Gleichfalls unternehme die Schweiz auf dem Sektor des Artilleriematerials verstärkte Anstrengungen. Moltke gipfelte:

“Alle bereiten sich auf den großen Krieg vor, den alle über kurz oder lang erwarten”.

Und weiter:

“Doch liegen die politischen Verhältnisse Europas heute so, daß die Entscheidung über seine künftige Gestaltung wohl nur durch einen Krieg der verschiedenen Staatengruppen untereinander geschaffen werden wird” (Hervorh.v.m., B.S.).

Es ging demnach bereits 1911 nicht um bloße “Verteidigung”, sondern um “Gestaltung”. Was heißt: Deutschland wollte, verbunden mit Österreich, Europa nach seinen Vorstellungen verändern. Der Vorschlag, Armee und Flotte “Hand in Hand” auszubauen, erscheint eher taktischer denn tatsächlicher Natur. Jedenfalls bildete die Quintessenz der Denkschrift Moltkes vom November 1911 ein klares Plädoyer für stringente Aufrüstung.

Bereits Anfang Januar 1912 war klar, dass künftig die Armee in die Rüstungspriorität zurückkehren müsse. Den Vorstoss Moltkes vom 19. Dezember 1911 hatte Heeringen bereits am 29. November beantwortet. Nun bekräftigte der Kriegsminister noch einmal, es ginge nicht darum, “Lücken zu schließen” und dem “Fortschritt der Technik” zu folgen. Es handele

“sich vielmehr um die aus ernsten politischen Verwicklungen sich ergebende Staatsnotwendigkeit einer nachdrücklichen Verstärkung der Wehrkraft nach Kopfzahl und Gliederung. Eine solche Vorlage fordert, einmal beschlossen, so schnell durchgeführt zu werden, als es die Verhältnisse des Heeres gestatten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kriegsminister, darin ganz auf der Seite des Generalstabs- Chefs, forderte von Bethmann Hollweg , “daß die Heeresvorlage in ihren wesentlichen Teilen vorweg oder spätestens mit Beginn der Flottenverstärkung und überhaupt nicht später wie am 1.10.1912 verwirklicht wird”. Die 105 Millionen Mark, die der Reichsschatzsekretär angeboten habe, würden “dem Bedürfnis der Armee und der Marine” nicht annähernd genügen. Die Armee werde für die beschleunigte Durchführung des “Friedenspräsenzgesetzes von 1911″ 99,4 Millionen Mark benötigen. Wesentliche Änderungen des Gesetzes von 1911 bildeten die “Etatserhöhungen der nahe der Grenze stehenden Infanterie” und der völlige Verzicht auf “neue Kavallerie-Formationen”. Die Durchführung der Aufstellung von zwei Armeekorps, mit deren Korpstruppen, seien “lückenlos” durchzuführen, forderte Heeringen. Auch “die Erhöhung der Gemeinen-Löhnung”, um das Eindringen der sozialdemokratischen Agitation in die Kasernen zu verhindern, und den “guten Geist[es] in der Armee” zu erhalten. Auch die Stimmung im Volke gelte es zu stützen, da im Ausland die Meinung aufgekommen sei, “Deutschland sei am Ende seiner finanziellen Leistungsfähigkeit angelangt”.

Annex.

Diary of Sir Goschen (24.5.1910), S. 205. Und prompt erhielt der englische Ausgleichswille einen Dämpfer. Mitte des Monats Juli beabsichtigte der englische König den deutschen Kaiser zu besuchen. Allerdings winkte Schoen ab, als Goschen ihm dies Ansinnen vortrug, denn Wilhelm II. befände sich bis zum Ende des Monats auf einer Kreuzfahrt in der Nordsee.

(Fortsetzung folgt)

Um den Krieg mit England im Winter 1904/05. Zum Institut der „Krisenkonferenzen“ im Kaiserreich.

März 11th, 2015

Durch den nahen und unmittelbaren Verkehr mit Tirpitz habe ich viel Neues gelernt und Einblicke gewonnen in Verhältnisse, die mir bisher unbekannt waren. Sehr erfreulich sind die nicht alle gewesen und der Einblick, den ich in die Art und den Wert unserer jetzigen Regierung gewonnen, war oft nicht erfreulich und hat manche Ideale bei mir zerstört. Es fehlt uns die feste Hand und ein klarer, mit der harten Wirklichkeit nüchtern rechnender Kopf an der Spitze. Dafür herrscht Zerfahrenheit, Personen- und Parteieninteresse.

Kapitän z[ur].S[ee].. Hopman (Reichsmarine-Amt), 31.12.1912.

Vorbemerkung:

Das Kaiserreich und Rußland, eingekeilt zwischen den Flügelmächten im Osten und Westen,
als Modell genommen für die Entscheidungsprozesse, die momentan, zuvor und künftig, in
Washington und Moskau ablaufen. Nach den Erwägungen um die Jahre 1854-1914-2014 nun
der Verweis auf das Institut der „Krisenkonferenzen im Kaiserreich“; und dies am Bespiel des
„decision making process“ im Herbst und Winter 1904/05. Der Hintergrund der Marokkokrise
1904 bietet Einsichten in Themen, Verlaufsformen – wie „technische Details“ – derartiger Stunden
der Entscheidung im internationalen System. Der verfassungspolitische Überbau des Reichs
und Rußlands mag unterschiedlich ausfallen, entscheidend bleibt jedoch der am Beginn (ob
1854 in London, 1914 in Berlin …) stehende Entschluß jeweils einer Seite, die anstehenden
Konflikte mit Gewalt zu lösen.

1

Die Krisenkonferenz vom 18. November 1904.

Am Freitag, dem 18.11.1904 abends, rief Kaiser Wilhelm II. den Reichskanzler Bernhard von Bülow, den Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen und den Chef des Admiralstabes, Vize-Admiral Büchsel, zu sich. Anlass zu dieser Besprechung waren kritische Artikel in der Londoner Fachpresse zum deutsch-englischen Flottenantagonismus. Es ging um den vom Admiralstab entwickelten “Operationsplan II” für die Flotte, der bereits Gegenstand eines Schriftwechsels zwischen dem Admiral- und dem Generalstab der Armee gewesen war. Dabei spielte der Gedanke des Admiralstabes eine besondere Rolle, im Falle des Krieges mit Großbritannien die dänischen Belte für die Grand Fleet zu sperren und dazu aktive Verbände der Armee heranzuziehen. Bislang wurde offensichtlich für den Fall einer Ausweitung des Konfliktes mit England, auch auf Frankreich, von einem intensiveren Einsatz der Armee gegen Dänemark abgesehen. Gegenstand der Lagebesprechung bei Wilhelm II. war damit die von Seiten des Admiralstabes betriebene

“erweiterte Verwendung von Armeetruppen…an den Operationen der Marine”.

An Stelle des Admiralstabschefs, der sich bereits in Kiel befand, nahm auch der Leiter des Reichsmarine-Amts teil, Admiral von Tirpitz. Der Chef des Marinekabinetts, Senden-Bibram, und der Kriegsminister Karl von Einem, fehlten.

An diesem 18. November im Berliner Schloss, und am darauf folgenden Tage in Kiel, kam es zu dem Auftrag Wilhelms II. an Vize-Admiral Büchsel, “alle Vorbereitungen…zu treffen für die Besetzung dänischen Gebiets”. Diese Weisung des Obersten Kriegsherrn wurde zum Ausgangspunkt detaillierter interner Vorbereitungen des Admiralstabes, die sich von der Beobachtung der englischen Presse und Marine, über die Steigerung der deutschen Kriegsbereitschaft, bis auf die Vorbereitung des “Handels- und Kreuzerkrieges”, erstreckten. Erkennbar war bereits in diesem Stadium, der Admiralstab verfolge eine Doppelstrategie. Einerseits sollten möglichst frühzeitig vollendete Tatsachen geschaffen werden, indem Büchsel die “Vorbereitungen für die Ausführung des O[perations].P[lans].II bis zum 1.3.[19]05″ fertig zustellen suchte. Diese Taktik bestätigt eine Aufzeichnung vom 19. November in welcher der Admiralstabschef festhielt:

“Hiermit ist also die Entscheidung so gefallen wie wir es wünschen und es kommt nun darauf an, das Eisen zu schmieden solange es warm ist”.

Im selben Atemzuge entwarf Büchsel den Wortlaut einer Kabinettsorder des Kaisers, die alle weiteren Schritte in die Hand des Admiralstabes legen würde. Büchsel unterstrich:

Haben wir diese Ordre[,] so ist damit der Betrieb der Sache in unsere Hand gelegt”.

Andererseits sollte der Einfluss des Generalstabes in Grenzen gehalten werden. Grund für die Eile des Admiralstabes war die offensichtliche Zurückhaltung Schlieffens, sämtlichen Absichten gegenüber, bedeutendere Kräfte der Armee für eine Verteidigung von Sperren der Flotte in dänischen Gewässern einzusetzen. Dass die Armee keinesfalls gesonnen war, derartige Pläne zu unterstützen, bestätigte auch der Kriegsminister Einem am 23. November. Neben der Belastung des Armeeetats durch zusätzliche Kosten, ging es Einem vordringlich um die an sich nachgeordnete Prestigefrage, wer in diesem Falle Zugang zum Kaiser habe. Aus dem Selbstverständnis der Armee, und deren Vertretern, konnte dies in keinem Falle ausschließlich der Admiralstab sein.

2

Die Konferenzen vom 30. Oktober und 21. Dezember 1904.

Mit dem bekannt werden der “entente cordiale” zwischen Großbritannien und Frankreich wurde in Berlin die Frage diskutiert, wie diese Verbindung auseinandergebracht werden könne. Offensichtlich wurde nicht erwartet, dass England und Frankreich Deutschland angreifen würden. Dennoch ließ der Reichskanzler ermitteln, wie die Chancen bei einem Krieg Deutschlands mit Frankreich stünden. Schlieffen teilte am 19. April auf Befragen mit,

“daß Rußland zwar seine größeren Truppenverbände von seiner Westgrenze für den Krieg in Ostasien zurückgezogen habe, durch andere Umstände aber jedenfalls gegenwärtig sich in einer für einen westlichen Krieg [d.h.gegen Deutschland] höchst ungünstigen Lage befinde”.

Offensichtlich auf den Krieg mit Frankreich direkt angesprochen, bestätigte er

“wenn die Notwendigkeit eines Krieges mit Frankreich sich also für uns ergeben sollte, so wäre der gegenwärtige Augenblick wohl zweifellos hierzu günstig” (Hervorh.v.m., B.S.).

Geheimrat Holstein, der Gedankengeber des Auswärtigen Amtes, legte, angesichts des offensichtlich kriegswilligen Generalstabes, unvermittelt den Finger auf die Wunde:

“Bei einem etwa heute ausbrechenden deutsch-französischen Kriege würde also Rußlands Beteiligung unwahrscheinlich, Englands aber unberechenbarsein”(Hervorh.v.m., B.S.).

Vor dem Hintergrund des russisch-japanischen Krieges, entzündete sich damit in Berliner politischen und militärischen Führungszirkeln eine ausgedehnte Diskussion darüber, wie die momentane Chance, da Russland in der Mandschurei gefesselt schien, für einen europäischen Hegemonialkrieg, zunächst gegen Frankreich, zu nutzen sei. Anfang September fand im Berliner Schloss, ein Diner statt, in dessen Verlauf der Kaiser mit Tirpitz die weitere Finanzierung des Flottenbaus erörterte. Kaiser und Reichskanzler bestätigten bei dieser Gelegenheit die Erhöhung des Marineetats um nunmehr 23 Millionen Reichsmark. Just jenen Betrag, um welchen im Vorjahr gestritten worden war. Einen Augenblick später entzündete sich diese Diskussion jedoch erneut. Tirpitz suchte daraufhin umgehend die Unterstützung der Großherzöge von Oldenburg und Weimar. Der Staatssekretär, der wiederum darum bat, ihn “beim Gelde zu unterstützen”, wurde durch den Großherzog von Weimar beschieden,

“sein Land ginge ihm vor. Preußen und Reich seien eins. Preußen behandele [aber] die Staaten schlecht…“

Tirpitz bestritt,

„daß Preußen und Reich eins seien. Preußen [sei] für [die] Marine [ein] besonders schwieriger Bundesstaat. Es handele sich nicht um Neuforderungen, sondern um den [im Auftrage] des Kaisers beschlossenen Aufbau der Flotte; dazu habe [er]die Zustimmung S[einer].H[oheit]. des Großherzogs von Weimar auf der Wartburg persönlich eingeholt”.

Dass die Finanzfrage dennoch nicht in trockenen Tüchern war, beweist kurz darauf Tirpitz’ weitere Anfrage beim Großherzog von Mecklenburg. Auch hier wurde “um Unterstützung beim [Flotten-]Etat” geworben. An eben diesem 5. September – während der Parade des IX. Armeekorps in Altona – so notiert Tirpitz,

“sagt S[eine]. M[ajestät]. er habe mit [dem] Reichskanzler abgemacht, daß [der] Marineetat nicht gekürzt werden dürfe”.

Wie angespannt die internationale Lage noch war, bestätigt die Bemerkung des Staatssekretärs, er habe

“mit [dem] Reichskanzler später [ein] längeres Gespräch über [die] Kriegssituation [in Ostasien]”

geführt. Bereits zuvor in Berlin hatte Tirpitz darauf aufmerksam gemacht, der Verlust von “Wladiwostok und ganz Sibirien” sei für Russland in Ostasien Tatsache , was auch auf die deutsche Kolonie Tsingtau zurückwirken könne. In diesem Zusammenhang, trat das Problem eines englischen Präventivkrieges gegen Deutschland in den Gesichtskreis der politischen und militärischen Reichsleitung.

3

Der 31. Oktober 1904: Sicherheit gegenüber England.

Daraufhin fand am 31. Oktober eine Krisen-“Sitzung beim Reichskanzler” statt, an welcher der “Reichskanzler, Richthofen, v[on]. Holstein, [und der] Chef des Generalstabes” teilnahmen. Nach einer Randbemerkung, am Kopf des Dokuments, traten bei dieser Gelegenheit Befürworter und Gegner eines Bündnisses mit Russland auf:

“Holstein plädiert für [den] Versuch einer Allianz mit Rußland, Situation doch nicht mehr intakt. Darum Anschluß. Richthofen dagegen[.]Reichskanzler stimmte Holstein zu“(Hervorh.v.m., B.S.).

Am folgenden Tage machte Tirpitz sein Resümee dieser Sitzung zum Gegenstand eines Briefes an den Staatssekretär des Auswärtigen, Richthofen, der seine – Tirpitz’, Gedanken – dem Reichskanzler übermitteln sollte. Offenbar hatte diese Diskussion um die günstige Gelegenheit eines Präventivschlages gegen Frankreich, sowohl das Argument des Generalstabes für diesen Weg, nämlich die russische Schwächung zu Lande, als auch das gegen diesen Schritt sprechende Problem – eines dann wahrscheinlichen Seekrieges mit Großbritannien – ins Bewusstsein der Anwesenden gehoben.

Schlieffen hatte ausgesprochen, Deutschland werde “bis auf weiteres mit Landwehrformationen an der Ostgrenze” gegen Russland auskommen. Ein Gedanke, der sich in seiner Denkschrift vom Dezember 1905 wiederfinden sollte. Tirpitz wehrte dagegen das Argument für den Krieg gegen Frankreich weiter ab, indem er darauf verwies, nicht nur flottenpolitisch, sondern auch landstrategisch, werde ein Beitrag Russlands erstens sehr gering, und selbst wenn, dann zweitens äußerst zwiespältig in den Auswirkungen ausfallen. Vor allem aber erwartete er, ein Bündnis mit Russland werde England zum Präventivkrieg gegen Deutschland treiben, was niemand wünschte, schon gar nicht der Flottenprotagonist. Denn in der Diskussion des 30. Oktober mussten sämtliche beteiligten Politiker und Militärs zu der Erkenntnis gelangt sein, dass die Flotte nicht kriegsbereit sei, und damit politisch nutzlos.

Doch das Ziel war, durch eine “’Pression’ auf Frankreich”, welche jedoch “nur durch die Kriegsdrohung Deutschlands ausgeübt werden” könne, Frankreich von England abzusprengen, bzw. Frankreich dazu zu bringen, dass es England davon abhielte, gegen das Reich vorzugehen. Doch auch der Kriegsfall England-Deutschland wurde diskutiert. Hier behauptet Tirpitz ebenfalls den geringen Wert russischer Unterstützung für das Reich, da

“gerade der bestehende gegen uns gerüstete Zweibund zwischen Frankreich und Rußland die Freiheit unserer Entschlüsse Frankreich gegenüber”

behindere. Aber gerade darum ging es am 30. Oktober anläßlich der Diskussion um Krieg oder Nichtkrieg mit Frankreich. Schließlich offenbart Tirpitz seine grundsätzliche Opposition gegenüber Plänen zugunsten eines Krieg mit Frankreich. Dieser plädiert für einen “Kontinentalblock” gegen Großbritannien, der seinen Flottenplänen die notwendige ruhige Entwicklung gewährleisten würde. Der Admiral führt aus:

“Eine positive Wirkung für die Friedenschance hätte eigentlich nur die wirklich klare Defensivallianz Deutschlands, Frankreichs und Rußlands zusammen gegen England, und das ist doch durch das erwogene Konzept z.Z. nicht zu erreichen”.

Er betont:

“Im ganzen ist ja Zeitgewinn und Flottenbau unsere wichtigste politische Aufgabe” (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Frage eines Krieges mit England stand nach der Krisenkonferenz vom 30. Oktober weiterhin im Raum. So beantwortete fünfzehn Tage später Schlieffen einen Fragebogen des Reichskanzlers. Bülow wollte Antworten auf die Fragen:

“1) Wodurch könnte sich im Falle eines englischen Angriffs auf DeutschlandRußland uns militärisch nützlich machen?
2) Wie viele Truppen könnte bei gutem Willen Rußland auch im gegenwärtigen Moment und trotz des japanischen Krieges gegen Indien in Bewegung setzen?
3) Wie lange Zeit würde Rußland brauchen, um Truppen gegen Indien in Bewegung zu setzen?
4) Welche Verpflichtungen wären für den Fall eines deutsch-russischen Defensiv-Abkommens Rußland in dieser Beziehung aufzuerlegen, damit England gezwungen würde, seine Kräfte zu verteilen und einen evtl. Vorstoß nicht allein gegen uns richtete?

5) Würden wir uns bei einem englischen Angriff gegen uns Engländern irgendwo unangenehm machen können, z.B. in Südafrika?“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Bülow war bemüht, den erwarteten Stoß Englands gegen Deutschland, so gut es gehe, zu parieren. Dazu sollten Operationen der russischen Armee gegen Indien, die Türkei oder Tibet dienen. Das deutsch-russische Bündnis sollte dazu die Basis bilden. Doch Schlieffen widerriet dem Kanzler. Realistisch seien derart zeitraubende Operationen nicht. Und darüber hinaus entwarf der Generalstabschef ein dunkles Bild der militärischen Möglichkeiten des Reichs in einem Krieg mit England:

“Deutschland kann gegen England einen Krieg in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes nicht führen. Unsere Flotte ist zu schwach, um sich mit der englischen einlassen zu können. Sie wird sich dem Angriff der überlegenen Gegnerin zu entziehen suchen. Unsere Armee vermag nicht nach England hinüberzugehen, die englische wird höchstens als Hilfsmacht eines anderen Feindes Deutschlands auf das Festland herüberkommen. Zunächst stehen die beiden Flotten wie die beiden Armeen sich gegenüber, ohne sich angreifen zu können” (Hervorh.v.m., B.S.).

Schlieffen konzedierte, es sei möglich, die englischen Armee durch einen russischen Angriff auf Indien abzulenken. Doch würden zunächst die deutschen Kolonien weggenommen und sodann die deutschen, niederländischen und belgischen Häfen blockiert werden. Der deutsche Überseehandel, und damit die deutsche Industrie, würden “vernichtet” und jeglicher Warenzustrom nach Deutschland abgewürgt. Der Generalstabschef erwartete ferner gewaltige Einbussen auf deutscher wie englischer Seite. Die neutralen Mächte würden den Nutzen davontragen. Ein Angriff Russlands auf Indien schien ihm allerdings geeignet, England daran zu hindern, zum Mittel des Handelskrieges zu greifen. Schlieffen schloss:

“Da England nicht angegriffen werden kann, so bleibt nur übrig, einen seiner Verbündeten anzugreifen“(Hervorh.v.m., B.S.)

Am 29.11.1904 bat Holstein den Generalstabschef, für den 30. November um 17.00 Uhr, zu sich. Gewappnet mit der Information Schlieffens, vertrat Bülow seinerseits gegenüber Holstein die Position, ein Bündnis mit Russland – wenn es nun gewollt werde – sei grundsätzlich zu erreichen, wenngleich klar sei, dies würde nur ein Bündnis auf Zeit sein und von Frankreich stets beargwöhnt7. Holstein antwortete, es sei entscheidend zu klären, ob

“im Falle eines englischen Angriffs auf uns Frankreich mit in den Krieg hineingezogen werden” (Hervorh.v.m., B.S.)

solle. Ebenfalls erörterte er die Frage des Einmarsches in Dänemark – wie jene der propagandistischen Vorbereitung des Volkes auf einen Krieg mit England. Den Diskussionsstand zwischen Politik und Militär, innerhalb der Führungsspitze des Reiches, fasst Holstein zusammen. Er attackiert Bülow mit Hilfe der von Schlieffen geäusserten Argumente:

“Dagegen spricht, daß nach der Ansicht des Generalstabs Frankreich ein sehr ernsthafter Gegner ist, ernster als 1870, daß ein Vorgehen gegen Frankreich uns Rußland auf den Hals laden könnte, wenn wir mit diesem nicht vorher irgend etwas erreicht haben; daß vielleicht selbst Italien mit England plus Frankreich gehen würde. Dafür, daß wir, wenn der Krieg auf uns und England isoliertbleibt, England gegenüber so gut wie ohnmächtig sind, das uns durch Wegnahme unserer Kolonien und Schiffe, Vernichtung unserer Marine und unseres Handels und Lahmlegen unserer Industrie in absehbarer Zeit zu einem nachteiligen Frieden zwingen kann, während wir, wenn Frankreich mit im Spiel ist und namentlich wenn wir auch Belgien und Holland mit hineinziehen, zwar das Risiko steigern, aber wenigstens die Möglichkeit erwerben, Waffenerfolge zu haben, Pfänder in die Hand zu bekommen und unsererseits einen Druck auszuüben” (Hervorh.v.m.,B.S.).

Damit umreißt Holstein die besondere Funktion des deutschen Aufmarschplanes gegen Frankreich im deutschen politischen Kalkül, der über den Durchmarsch durch Belgien, eben diese politischen Komponenten berücksichtigt. Auch zu Dänemark legt er die Pole der vorher geführten Diskussion um den “Büchsel-Plan” offen. Holstein fragt:

“Ist es angezeigt, unsere öffentliche Meinung und das deutsche Volk allmählich darauf vorzubereiten, daß von England her eine schwarze Wolke droht, damit uns nicht später Mangel an Voraussicht und Leichtsinn vorgeworfen wird” (vgl. Admiral v. Müller zum „Kriegsrat“ am 8.12.1912)?

Am folgenden Tag erklärt Bülow daraufhin dem deutschen Botschafter in London:

“Unsere Absichten gegenüber England sind absolut friedliche”.

Es geht dem Reichskanzler um die Frage, ob trotz vorsichtiger deutscher Flottenrüstung “Gefahr vorhanden” sei, dass Deutschland “in absehbarer Zeit” von England angegriffen werde. Immer wieder wird erwogen, ob “die Gefahr eines englischen Angriffs…durch den Abschluss irgendwelcher Abmachung zwischen Deutschland und Russland erhöht oder verringert” werde. Auch wird ein englischer Angriff auf Russland für möglich gehalten. Abgewogen wird, ob ein deutsch-russisches Defensivbündnis oder ein Neutralitätsabkommen weniger gefährlich sein würde. Bülow fragt expressis verbis:

“Welche Art von Abkommen würde uns mehr Sicherheit gegenüber Englandgewähren?” (Hervorh.v.m., B.S.).

Und schließlich gelangt er zum Kern der Frage:

“Ist Gefahr vorhanden, daß England, wenn es von Allianzverhandlungen zwischen uns und Rußland hört, uns plötzlich überfällt?”(Hervorh.v.m., B.S.)

Metternichs Antwort aus London bezeichnet am 18. Dezember, die “politische Atmosphäre [als] vergiftet”. Doch, so der Botschafter, “weder das englische Volk noch die leitenden Kreise” würden “einen Angriffskrieg gegen Deutschland wünschen oder beabsichtigen”. Auch glaubt er nicht, der Flottenbau werde eo ipso den Krieg mit Großbritannien provozieren. Metternich nimmt eher an, “planmäßige Agitation”, im Vorfeld der parlamentarischen Diskussion, werde “eine ernste Kriegsgefahr mit England bedeuten”. Selbst ein Defensivbündnis mit Russland werde diese Gefahr vermehren. Das Zarenreich sei zu Wasser und zu Land geschlagen, könne also Deutschland kaum nützlich sein. Erst recht, seitdem seine Ostseeflotte über alle Meere verstreut sei. Andererseits, eine “englisch-französisch-russische Abmachung zu verhindern”, sei –  so Metternich – im Ergebnis kaum möglich, da Frankreich stets die Verbindung mit England suchen werde.

4

Die Krisenkonferenz am 21. Dezember 1904.

Am 21. Dezember trafen Bülow, Richthofen, Metternich, Schlieffen, Büchsel und Tirpitz erneut zusammen, um wiederum die von England ausgehende Gefahr zu erörtern. Offenbar lief die Diskussion – um Metternichs Warnung vor einer umfassenden Flottennovelle – ausschließlich zwischen Tirpitz, dem Botschafter und Bülow. Dabei verwahrte sich der Staatssekretär gegen die Behauptung, in der “Begründung des II. Flottengesetzes” sei ausdrücklich davon die Rede, Deutschland wolle “England der Suprematie auf der See berauben”. Mittelbar griff Wilhelm II. in die Diskussion ein, indem Bülow dessen Warnung kolportierte, eine Küstenverteidigung vor Kiel und Hamburg sei praktisch nicht vorhanden. Tirpitz unterstrich noch einmal den Kern seines Flottenbauplanes, indem er darauf verwies,

“daß diese Verteidigungsforderungen nebenher liefen, Bagatelle seien, daß es auf Schiffsforderungen allein ankomme”.

Bülow gelangte, nach einer Unterredung mit dem englischen Botschafter Lascelles, zu dem Schluss, es komme “England gegenüber alles darauf an, dass wir mit Geduld und Spucke über die nächsten Jahre wegkommen, keine Zwischenfälle hervorrufen, [und] keinen sichtbaren Grund zu Argwohn geben”. Was hieß: den beschlossenen Weg weiter beschreiten, bis die englische Suprematie zur See unterlaufen ist, und das mit allen Konsequenzen (Hervorh.v.m., B.S.).

5

Vorarbeiten der Flotte: mit Russland gegen England.

Im Reichsmarine Amt wurde dazu Ende November eine Studie “über einen englisch-deutschen Krieg” angefertigt. Ausgangspunkt waren die “zwickmühlenartige kontinentale Lage” Deutschlands einerseits und “das Bedürfnis nach überseeischer Weiterentwicklung” andererseits. Eine Entlastung der deutschen “Ostgrenze” wurde erwartet und die Verschlechterung der politischen Stellung des Reiches in Asien, gegenüber England-Japan-Amerika, konstatiert. Frankreich habe “den maritimen Wettkampf mit England aufgegeben” und habe zugleich

“mit dieser Schwenkung seinen Offensivgedanken gegen Deutschland endgültig aufgegeben. Nur an der Seite Englands wird es zum Gegner Deutschlands, dann aber mehr defensiv als offensiv. Das russisch-französische Bündnis ist gegen den Dreibund geschlossen oder wenigstens unter politischen Voraussetzungen, die den Kontinentalkrieg zur Basis hatten. Steht in einemenglisch-deutschen Konflikt Russland auf Seite Deutschlands, so wird Frankreich durch sein Bündnis mit Russland nicht zur Parteinahme gegen England verpflichtet.Als Gegner Russlands gibt es indessen seine hier investierten Kapitalien (9 Milliarden Fr[ancs]) verloren” (Hervorh..Tirpitz, B.S.).

Zusammenfassend wird festgestellt, Frankreich und Deutschland hätten ihre Wahl unter den “drei selbständigen Weltmächten England, Amerika und Russland getroffen”,

“Frankreich hat unter Aufgabe seiner kontinentalen Aspirationen die Seemacht England gewählt, Deutschland die Landmacht Russland”.

Das Ergebnis eines englisch-deutschen Krieges werde der wirtschaftliche Ruin des Reichs sein; selbst mit russischer Unterstützung. Die durch eine englische Blockade der Zufuhr des Reichs ausfallenden Mengen, welche “in Friedenszeiten 50 bis 60 Prozent an Lebensmitteln” betrage, könne Russland nicht ausgleichen. Selbst die Besetzung Hollands und Dänemarks werde “nur zu einer geringen Küstenerweiterung und damit Erleichterung” führen. Die Blockade, als für Deutschland gefährliche Waffe, wird gesehen und eingestanden, “ein gleichzeitig geführter Landkrieg auf französischem Boden…[werde] diese Verhältnisse” nicht “günstiger gestalten” können. Als Ausweg erscheint ein Angriff Russlands auf Indien. Doch dieser Weg wird ins “Reich der Utopie” verwiesen. Ein gleichzeitiger Krieg Deutschlands mit Frankreich werde dessen Kräfte binden. Im Jahre 1904 sei Russland nicht fähig, eine derartige Operation zu unternehmen. Obwohl Amerika unter dem Handelskrieg Englands mit Deutschland leiden würde, werde das Inselreich

“alle politischen Rücksichten gegen andere Staaten der einen unterordnen: der wirtschaftlichen Vernichtung seines Gegners”.

Gefragt wird: “Wie kann ein deutsch-englischer Krieg verhindert werden?” “Ein Schutzbündnis mit den Vereinigten Staaten” erscheint als “Präventivmaßregel”, da “England in Bezug auf seine Lebensmittelzufuhr ganz von Amerika abhängig” sei. Um die Unterstützung der USA zu erkaufen, werden

“Koncessionen…b[e]z[ü]gl[ich]. Südamerikas,…im Stillen Ocean (Karolinen, Samoa, Neu Guinea) und schliesslich…in Ostasien”

vorgeschlagen. Der sich anschließende Vergleich zwischen der Lage Deutschlands und jener der “junge[n] amerikanische[n] Kolonie 1778 England gegenüber” bezeichnet plastisch den Ernst der Situation Ende 1904. “Jeder Zeitverlust” werde den “Kaufpreis höher stelle[n]” und die Gefahr vergrößern. Die verlässliche amerikanische Zusage werde ausreichen,

„um den gegenwärtigen Druck solange auszuhalten, dass die politische Hetze in England an Boden verliert, während wir in dieser Zeit die Freiheit maritimer Weiterentwicklung, die wir jetzt nicht haben, wieder erlangen und nutzen können“ (Hervorh.v.m., B.S.).

6

Admirale Pendemann und Heeringen: Das Hauptübel die unfertige Flotte.

Das Memorandum zur Flottenvorlage des Jahres 1900 hatte eine offene Sprache geführt – zu Zielen und Methoden des deutschen Flottenbaus:

“Um des Reiches Seehandel und seine Kolonien zu beschützen – im Hinblick auf die gegenwärtigen Umstände kann nur eine Methode nützen – muß Deutschland eine Kriegsflotte haben, so stark, daß der Gegner, der im Besitz der größten Seemacht steht, sie nur mit ernster Gefahr für sich selbst angreifen kann.
Für unsere Zwecke ist es nicht unerläßlich notwendig, daß die deutsche Kriegsflotte so stark sei, wie die der größten Seemacht: denn in der Regel wird eine große Seemacht nicht imstande sein, ihre ganzen Streitkräfte auf uns zu richten. Aber sogar wenn es ihr gelingen sollte, uns mit beträchtlicher Überlegenheit der Kräfte entgegenzutreten, so würde die Vernichtung einer großen deutschen Flotte den Feind so stark schwächen, daß, trotz des errungenen Sieges, seine eigene Weltstellung nicht länger mehr von einer gleichwertigen Flotte gesichert werden würde“.

Admiral von der Goltz bestätigte im Reichstag noch einmal dieses deutsche Kalkül:

“Die vorläufig noch beherrschende maritime Überlegenheit Großbritanniens wird auch in Zukunft beträchtlich bleiben, aber sie ist gezwungen, ihre Kräfte über die ganze Welt zu zerstreuen. Zweifellos würde bei einem Kriege in heimischen Gewässern der größere Teil der auswärtigen Geschwader zurückgerufen werden; doch würde dies Zeit kosten und überdies dürften nicht alle Überseestationen entblößt werden. Die deutsche Flotte, viel kleiner zwar, könnte in den europäischen Gewässern konzentriert bleiben. Mit den jetzt vorbereiteten Erhöhungen wäre sie in der Lage, ihre Kraft mit den gewöhnlichen britischen Flottenkräften in heimischen Gewässern zu messen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Anfang Dezember 1904 macht sich Admiral Pendemann (Flottenkommando Wilhelmshaven) “Gedanken über die augenblickliche kritische Lage”. Auch er sieht den Kriegszweck Großbritanniens in der Vernichtung von deutschem “Handel und Industrie”. Doch um das Reich “ganz niederzuwerfen”, habe “dies so viel Lebenskraft, um sich sehr bald wieder zu erholen”. Das wisse England. Momentan sei die “politische Lage…die denkbar günstigste”.

“Deutschland ist allein England maritim noch nicht entfernt gewachsen”.

Pendemann unterstreicht, da “an eine strategische Offensive gegen die englische Flotte” nicht zu denken sei, “müsse die Defensive stark entwickelt sein”. Ein Krieg mit England würde “alles bisher zur See erreichte mit Wahrscheinlichkeit wieder vernichten”. Die zwei Wege, die blieben, seien einmal der Vorstoß in die Nordsee, der die strategische Defensive – “einen augenblicklichen taktischen Erfolg” vorausgesetzt – nur aufschieben würde, und der Verzicht auf jegliche Aktion, womit die Flotte “als kriegsbrauchbares Instrument” ausscheide. Damit sei “die Kriegsflotte lahm gelegt und blockiert”. Der Admiral merkt an, er

“wüsste nicht, was die Engländer dann veranlassen sollte, in die Ostsee hineinzulaufen und unsere Flotte anzugreifen, wenn wir uns dort freiwillig blockieren lassen. Sie sind auch nicht der französischen Flotte in ihre Häfen gefolgt/es genügte ihnen, sie dort lahm zu legen”.

Damit bezieht Pendemann eindeutig Stellung gegen die Planungen des Admiralstabschefs Büchsel, und dessen Operationsplan II.

Mitte Dezember, die Krise bestand unverändert fort, erörtert ein weiterer Marinevertreter das Ergebnis der Beratungen der Rüstungskommission. Obwohl eine “unmittelbare Kriegsgefahr” nicht bestanden habe, sei “den für die Politik des Reiches verantwortlichen Stellen” diese Möglichkeit besonders scharf vor Augen getreten”, so wird von Heeringen behauptet. Er führt aus, Voraussetzung des Flottenbaus sei “bisher” gewesen, “den Frieden” bis zur Fertigstellung der Schlachtflotte “erhalten zu können”. Im Angesicht der Problemlage zu Ende des Jahres 1904, unterstreicht Heeringen diese zugrunde liegende Prämisse. Er führt aus:

“…das Verhalten der Grossmächte hatte seit Jahrzehnten eine so deutliche Abneigung gegen Übernahme der wirtschaftlichen Schädigungen eines grossen Krieges gezeigt, dass die Hoffnung berechtigt war, wir könnten bei genügender Vorsicht und vorläufiger Einschränkung unserer weltpolitischen Ansprüche den Krieg allein durch diplomatische Geschicklichkeit vermeiden” (Hervorh.v.m., B.S.).

Tatsächlich sei jedoch der Kriegsgedanke durch die Vorgänge in Ostasien wieder populärer geworden. So zum Beispiel plädiere eine Fraktion in England dafür, “zu seiner eigenen Sicherheit” Deutschland “zu schlagen, ehe wir unsere Flotte fertig haben”. Er setzt sich, angesichts auch der japanischen Kriegsbereitschaft, für ein “völlige[s]n Bereitsein[s] zum Kriege…vor allen übrigen Rücksichten” ein. Es sei damit für “die verantwortlichen militärischen Stellen” unabdingbar, “die Streitmittel des Reiches in der höchsten, ohne direkte Mobilmachung erreichbaren, Kriegsbereitschaft zu halten”. Der bleibende “Ernst der Lage England gegenüber” wird unterstrichen und die Verantwortung der militärischen Entscheidungsträger vor der Geschichte betont. Vorausgesetzt wird ein britischer Überfall auf die deutschen Seestreitkräfte, analog zu der Kriegseröffnung Japans gegen Russland 1904. Daraus ergebe sich, dass eine rechtzeitige Warnung durch die Diplomaten kaum zu erwarten sei. Es gelte einen zentralen Schwachpunkt auszuräumen, nämlich die Tatsache,

“dass wir während 21/2 Monat[en] im Jahr unsere sämtlichen Linienschiffe oder auch nur die Hälfte kriegsbereit liegen haben”.

Damit würde, so der Vorsitzende der Rüstungs-Kommission, der Gegner “genau auf den Zeitpunkt” hingewiesen, “zu dem er angreifen” müsse. Die deutsche Flotte sei “durch Wehrpflicht und ungesunden Wechsel weder im Oktober und November noch im März bereit”. Das sei

“ein weiterer Grund mehr für England den Krieg im Winterhalbjahr anzufangen”.

Auch strategisch sei die deutsche Flotte durch das Winterlager in Wilhelmshaven äußerst behindert, die “Zentralstellung Elbe-Kiel” einzunehmen. Heeringen gipfelte in der Feststellung,

“wir dürfen nicht pro Jahr über 200 Millionen für die Marine aufwenden und haben in dieser drohenden Zeit nur während 6 – 7 Monaten eine kriegsbereite Flotte” (Hervorh.v.m., B.S.).

Ein Wandel des Bewusstseins war offenbar eingetreten. Denn nun, so Heeringen, gelte es nicht mehr nach der “ferneren Zukunft” zu fragen, sondern nach dem “Jetzt”. Er votiert dementsprechend gegen Detachierungen ins Ausland, plädiert dafür, die Geldmittel zu konzentrieren – und dies für die möglichst unauffällige “Hebung der Kriegsbereitschaft”. Ihm scheint verbürgt, dass selbst bei den “grössten Verlusten”, in dem dann durchzukämpfenden Krieg, “das deutsche Volk” dennoch “willig sein” werde, erneut Geld für den Flottenbau aufzuwenden. Die Haltung, von vornherein einen Erfolg auszuschließen, würde zudem dazu führen, “bei Ausbruch des Krieges nicht das Letzte für den Erfolg” aufzuwenden. Immerhin könne die deutsche Flotte im “Frühsommer 1906 auf zwanzig Linienschiffe” angewachsen sein. “Das letzte Wort” sei somit “noch lange nicht…gesprochen”.

Tirpitz merkte an, er verstände “diese Vorschläge nicht ganz, da sie zu abstrakt gehalten” seien. Er wehrte sich zudem dagegen, in den Jahren seit 1898 nicht genug erreicht zu haben. Allerdings registrierte er, was viele dachten und auch schon sagten, die Flotte sei eben nicht fertig, und das sei der Fehler. Allerdings der Weg, besser an Hand “konkreter Vorschläge” zu diskutieren, erscheint eher als Ablenkungsversuch gegen aufkeimende Kritik, denn als ernst zu nehmender Hinweis. Mitte Januar 1905 berichtet der deutsche Botschafter in London, die englischen Blätter würden einen “englischen Angriff…als ungeheuerlich zurückweisen”. Gleichzeitig sei in “Daily Mail “, „Daily Telegraph“ und „Daily Graphic” eine Wandlung zugunsten Deutschlands zu erkennen. Nach Metternichs ausführlichem Bericht, scheint die deutsche Befürchtung, ein englischer Überfall stehe unmittelbar bevor, als bloße Chimäre.

Dass Ende Januar die Entscheidung über Krieg und Frieden noch in der Diskussion war, bestätigt Tirpitz´ Äußerung gegenüber dem deutschen Militärbevollmächtigten in Petersburg, Hintze. Der Leiter des Reichsmarine Amts schränkte Direktiven, die konkrete Maßnahmen für einen Krieg mit Frankreich und England enthalten hatten, auf “Anweisung” des Reichskanzlers ein. Der Ende 1904 in der deutschen Führungsspitze diskutierte Krieg mit Frankreich und England war zu diesem Zeitpunkt vertagt. Tirpitz erläutert bei dieser Gelegenheit die Verfahrensweisen der Abstimmung zwischen Politik und Militär in Berlin, die demnach durchaus im Clausewitzschen Sinne geregelt war:

“Die Direktiven, welche ich Ihnen mündlich gegeben habe gemäß Anweisung des Herrn Reichskanzlers, beziehen sich nicht auf die Frage, ob Krieg oder Frieden. Sie rechneten nur mit der Tatsache, daß der Kriegszustand besteht und auch für Waffenerfolge unseren Interessen am meisten entsprechen. Die Frage Krieg oder Frieden ist jedenfalls rein politischer Art und außerhalb meiner Kompetenz” (Hervorh.v.m., B.S.).

Wenige Tage darauf leitet das Auswärtige Amt Tirpitz “einen ganz vertraulichen Privatbrief des Botschafters Grafen Metternich” zu, den dieser an Bülow gerichtet hatte. Darin äußerte sich Metternich zur “Gestaltung der Beziehungen zwischen Deutschland und England während der letzten Monate”. Dort habe sich der Diplomat “nochmals nachdrücklich…über die Befürchtung” geäußert, dass England kriegerische Absichten gegen uns hege”. Dieses Schreiben heizte die Diskussion zwischen den Befürwortern des Flottenbaus und deren Kritikern innerhalb der deutschen Führungsspitze erneut an. Anfang Februar referiert Admiral von Müller, Tirpitz gegenüber, zustimmend über die These,

“daß diejenigen, auf die Zukunft des deutschen Volkes verzichteten, welche aus Angst vor England von jedem schnelleren Vorgehen in unserer Flottenentwicklung absehen wollen”.

Müller plädiert für die Beschleunigung der Ersatzbauten und gegen ein “drittes Doppelgeschwader”. Er fragt: aber wenn England daraufhin ernste “politische Konstellationen” veranlasse? Die Antwort, so Müller, müsse für Deutschland dann im Angesicht des Krieges heißen:

“dann der Weltkrieg, der unsere Heere nach Indien führt und nach Egypten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Rüstungspolitisch-strategisch sieht Müller die “Beschränkungen” des Nord-Ostsee-Kanals, und die Typenfrage, an erster Stelle rangieren. Er übt, wenn auch eingeschränkt, gegenüber Tirpitz Kritik an den großen Schlachtschifftypen:

“Ich ziehe die strategische Konzentrationsmöglichkeit durch den Kanal der taktischen Konzentration über den großen Typ vor, und erst wenn die innerpolitische Möglichkeit gegeben ist, den Kanal umzubauen, würde ich auf den großen Typ gehen. Bis dahin also müßte das möglichst große Linienschiff, das eben noch durch den Kanal gehen kann, gebaut werden”.

Daraufhin hält Tirpitz, in einer Notiz für die Budgetkommission des Reichstages, fest:

“Der Herr Reichskanzler hat für die Ausarbeitung eines Entwurfes für eine in Herbst d[ieses]. J[ahres]. einzubringende Novelle zum Flottengesetz den zuständigen Reichsressorts folgende vorläufige Direktiven gegeben:
1. Eine Vermehrung der etatsmässigen Zahl der Linienschiffe soll nicht stattfinden.
2. Die Zahl der jährlich auf Stapel zu legenden grossen Schiffe – seit 1897 pro Jahr 3 – nicht erhöht aber auch nicht vermindert werden.
3. Als Neuforderung sind von den seiner Zeit vom Reichstage abgelehnten Auslandsschiffen 6 grosse Kreuzer wieder einzubringen. An Stelle der damals geforderten 7 kleinen Kreuzer sind 7 Torpedoboots-Divisionen zu fordern.
4. Für die Linienschiffe und Panzerkreuzer soll nach Vorgang aller anderen Nationen vom Jahre 1906 ab ein grösserer Typ vorgesehen werden.
Die Durchführung des vorstehend skizzierten Programms würde nach den angestellten Berechnungen den Marineetat bis zum Jahre 1910 einschliesslich gegen den Etatsentwurf 1905 jährlich um durchschnittlich 15 Millionen Mark steigern. Von 1911 ab würde sich der Etat ungefähr auf der Höhe des Etats von 1910 halten. Verhandlungen zwischen den Verbündeten Regierungen über die im Herbst einzubringende Novelle haben noch nicht stattgefunden” (Hervorh.v.m., B.S.).

Tatsächlich hielt Tirpitz im Reichstag eine flammende Rede über die Grundsätze des deutschen Flottengesetzes, welches von der kriegsentscheidenden Seeschlacht ausgehe und die großen Schiffe bevorzuge, so lange die Kanone die schlachtdominierende Waffe sei.

Am 4. Februar rief Wilhelm II. den britischen Botschafter Lascelles zur Ordnung, nachdem der Kaiser von der – nach seiner Meinung –

“geradezu verblüffenden Rede des Civil Lord of Admirality mit der offenen Kriegsdrohung gegen uns”

erfahren hatte. Am 18. Februar überschritt die Krise deren Zenit. Vize-Admiral Büchsel teilte Tirpitz mit, der Kaiser habe “neuerdings befohlen, dass die Marine in der strategischen Defensive bei ihren Operationen in den Belten mit einer Unterstützung von Seiten der Armee nicht zu rechnen habe”. Nicht zuletzt der Reichskanzler habe diese Entscheidung Wilhelms II. bewirkt, indem er “vom politischen Standpunkte aus neuerdings wesentliche Bedenken dagegen zum Ausdruck gebracht hat, andererseits weil die Armee die für die Besetzung dänischen Gebiets erforderliche Truppenmacht nicht hergeben kann, ohne den Erfolg an anderer Stelle fraglich zu machen”. Und schon anlässlich der Enthüllung des Kaiser-Friedrich III.-Denkmals in Bremen bemühte sich der Kaiser darum, die an sich revolutionäre Grundidee deutscher Politik in gemäßigter Verpackung zu bieten:

“Das Weltreich, das Ich Mir geträumt habe, soll darin bestehen, daß vor allem das neuerschaffene Deutsche Reich von allen Seiten das absoluteste Vertrauen als das eines ruhigen, ehrlichen und friedlichen Nachbarn genießen soll und daß, wenn man dereinst vielleicht von einem deutschen Weltreich oder einer Hohenzollern-Weltherrschaft in der Geschichte reden sollte, sie nicht auf Politik gegründet sein soll durch das Schwert, sondern durch gegenseitiges Vertrauen der nach gleichen Zielen strebenden Nationen” (vgl. K.Lamprecht-Bethmann Hollweg, in: Bernd F. Schulte: Das Deutsche Reich von 1914, Hamburg 2013).

Wenngleich Wilhelm II. damit kein Jota von dem bisherigen Weltmacht-Kurs zurückwich, so blieb dennoch Raum für verschiedenste Versuche, aus der Kalamität eines Zwanges zum Krieg mit Frankreich herauszukommen, bei gleichzeitig offener Flanke gegenüber Großbritannien. Holstein betonte diese Lösung, indem er für den Konferenzgedanken eintrat, und gleichzeitig – im Angesicht der englischen Rivalität – für den Ausgleich mit Frankreich plädierte. Er schrieb am 28. Juni an den deutschen Botschafter in Paris:

“In Wirklichkeit haben wir den entgegengesetzten Plan, nämlich die Gelegenheit zu benutzen, um bessere Beziehungen für die Zukunft mit Frankreich anzubahnen”.

Ein Weg, den Bülow übernahm. Er glaubte mit Hilfe Marokkos als Kompensation, Frankreich zum “Anschluß an die deutsch-russische Verständigung” zu bringen. Der Kanzler hielt in einer Notiz fest:

“1…Eine bessere Verwendung könnte Marokko für uns nicht finden…

3. Es erscheint mir ratsamer, die Marokkofrage bis auf weiteres versumpfen zu lassen, als sie zu brüskieren”.

7

Admiralstab gegen Generalstab.

Es war nicht leicht, Schlieffen auch nur die Zusage der Fortsetzung kommissarischer Verhandlungen zwischen Vertretern der Stäbe von Armee und Marine abzuringen. Es bedurfte dazu eines persönlichen Gespräches zwischen Büchsel und Schlieffen. Wie gering das Interesse des Generalstabes an einer Diversion stärkerer Kräfte der Armee im Norden war, zeigten die Verhandlungen mit dem Vertreter des Generalstabes, Oberstleutnant Stein, der spitz fragte,

“ob es nun gegen England allein auf eine Beteiligung der Armee ankomme”.

Büchsel erklärte, es handele sich “um einen Angriff Englands auf uns [Deutschland] überhaupt”. Womit klar gemacht war, von Seiten der Flotte sei “die planmäßige Teilnahme” der Armee im Falle auch nur eines deutsch-englischen Krieges geplant. Stein betonte demgegenüber, “wie sehr unangenehm” dies für die Armee sei, “weil man ja garnicht voraussehen könne, was daraus werden würde”. Gemeint war damit, jeder Verlust an Kräften für den Landkrieg mit Frankreich, den der Generalstab grundsätzlich erwartete, sei unbedingt zu vermeiden. Büchsel berief sich postwendend auf den Reichskanzler, dieser sei

“der Ansicht…, dass die ganze Besetzung dänischen Gebiets nur möglich sei bei einer wohlwollenden Neutralität Rußlands”.

Der Hinweis auf das Votum des verantwortlichen Politikers ließ Stein schließlich einlenken und den Kräfteansatz der Armee auf eine Division, eine Landwehr-Brigade, zwei 12cm-Artillerie-Batterien und zwei Beleuchtungstrupps beziffern. Im Sinne der Beschleunigung weiterer Schritte, kündigte der Admiralstabschef an, “am 2.12. S[einer].M[ajestät]. dem Kaiser Vortrag über den Fortgang der Vorbereitung des O[perations). P[lans]. II halten” zu müssen.

Angesichts dieser Zielstrebigkeit des Admiralstabes ließ Schlieffen mitteilen, der Kriegsminister habe ihn ersucht, “in eine weitere Behandlung der zur Berathung stehenden Angelegenheit nicht einzutreten”. Büchsel antwortete, unter Hinweis auf den “Befehl S[einer].M[ajestät].d[es].Kaisers”, und hielt daran fest, er erwarte vom Generalstab nach wie vor eine Stellungsnahme dazu, “wie der Bedarf an Truppen d[er]. Armee sich” vergrößere. Die Dinge trieben der Entscheidung zu, als Büchsel am 2.12.1904 sich für den Vortrag bei Wilhelm II. vorbereitete. Am folgenden Tage war der Admiralstabschef beim Kaiser zum “Spaziergang befohlen”, was bedeutete, dass weder der Chef des Kaiserlichen Hauptquartiers, Generaloberst von Plessen, noch der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Senden Bibram, teilnehmen würden.

Büchsel führte in diesem Vortrag aus, die Verhandlungen mit dem Generalstabe hätten ergeben: für die “Besetzung Dänemarks, wie sie nötig” sei, reiche “zur direkten Verteidigung der Sperren im grossen und kleinen Belt” eine verstärkte aktive Division der Armee aus. Allerdings würden zwei Divisionen dann nötig, wenn Dänemark die “Besetzung seines Gebietes durch eine Kriegserklärung” beantworte. Das hieß: mindestens zwei Heeres-Divisionen würden in einem „Kriegsfall England“ im Norden gebunden werden. Der Generalstab vertrete allerdings die Position, so Büchsel, “dass selbst wenn der Krieg zunächst durch eine Ueberraschung Englands allein eingeleitet” werde, dann “doch das Hineinziehen Frankreichs folgen” müsse. Immer wieder habe Schlieffen betont, “in diesem Falle” würden “die besten Armeekorps bei den Operationen gegen Frankreich fehlen”. Dass der Generalstabschef sämtliche Operationen ablehne, die zu einem “Zurückhalten von zwei aktiven Armeekorps an der Küste im Kriege mit England” führen würden, kam ebenfalls deutlich zur Sprache. Damit war die im Operationsplan II der Flotte niedergelegte Grundidee in Frage gestellt, nämlich die Belte zu sperren, um so die englische Hochseeflotte im Kampf um die Beltsperren zahlenmässig abzunutzen und einen Schlachterfolg der quantitativ unterlegenen deutschen Seestreitkräfte in der Ostsee erst möglich zu machen. Hier sollte der Kaiser entscheiden, wer – der General- oder der Admiralstab – mit seinen Vorstellungen durchdringe. Büchsel enthielt sich ausdrücklich der Entscheidung über die Frage, ob der Vorteil, den Krieg in Dänemark und in der Ostsee gegen England führen zu können, den Nachteil überwöge, an der französischen Grenze mit um zwei Armeekorps geschwächten Kräften aufzumarschieren. Er unterstrich jedoch, in jedem Fall müsse die Armee sowieso die Verteidigung der deutschen Nordgrenze gegen die dänische, und möglicherweise die englische Armee sicherstellen. Wie auch immer sich Deutschland in einem kommenden Konflikt verhalte, Dänemark werde, ob mit deutschem Einmarsch, und damit Neutralitätsbruch, oder ohne, ob unterstützt durch England, oder von diesem besetzt, möglicherweise Deutschland, “in any case”, den Krieg erklären.

Im Einzelnen begründete der Admiralstabschef die so für die Kriegführung der Flotte eintretenden Nachteile. Er fasste zusammen, wenn nun die Armee nicht genügend auftrete, dann würde

“der Zweck , welchen Eure Majestät mit derselben verfolgen, dem Feinde Schiffsverluste beizubringen, welche so hoch sind, dass die hinter der Sperre stehende Schlachtflotte Aussicht hat, die angreifende Flotte vollends zu vernichten, in wesentlich geringerem Masse erreicht werden, ja die Verluste auf der eigenen Seite würden, da die Verteidigung der Sperren älteren Schiffen übertragen werden muss, wesentlich größer sein, als auf Seiten des Gegners, und ein Aufräumen der Sperre würde sich nicht verhindern lassen”(Hervorh.v.m., B.S.)

Angesichts dieser Ausführungen Büchsels sprach sich Wilhelm II. “dahin aus, daß die beiden Korps (IXtes[Altona] und Xtes[Hannover]) im Norden bleiben müßten, bis die Verhältnisse dort geklärt seien”. Der Monarch bezog unter dem Eindruck des Vortrages damit eindeutig Stellung gegen den Generalstab und folgte seiner traditionell marinefreundlichen Haltung. Der Kaiser erklärte,

“die Besetzung dänischen Gebietes müsse erfolgen, auch schon wegen Esbjergs [Landung eines Britischen Expeditionskorps], ganz abgesehen von der Sperreverteidigung. Er sei der Meinung, daß die Armee diese Truppen entbehren könne und müsse”.

Büchsel gab anschließend die Parole aus: “Wir arbeiten also zunächst weiter in der Annahme, daß die Truppen gestellt werden”.

Um den Generalstab doch noch zu gewinnen, und offenbar in der Überzeugung, dass die momentane Willensäußerung des Obersten Kriegsherrn nicht lange tragen werde, bot Büchsel an, auf der Basis der am 9. Dezember abends durch den Kaiser “mündlich ertheilten Anweisungen” gemeinsam vor dem Monarchen festzulegen, “welche Truppen der Armee in Folge der geplanten Verwendung auf nicht deutschem Gebiet” zur Verfügung stehen würden. Schlieffen antwortete nach zehn Tagen und teilte mit, er sei nunmehr “zur Feststellung der Art und Zahl der erforderlichen Truppen in eine genaue Prüfung… eingetreten”. Den Vortrag Büchsels vor Wilhelm II. beantwortete er nun mit der Ankündigung, seinerseits “durch einen Immediatbericht die Grundlagen für eine Entscheidung” geben zu wollen. Am folgenden Tage erbat der mit den Verhandlungen betraute Oberstleutnant Stein Berichte, welche die Korvettenkapitäne Souchon und Hopman im Jahre 1902 zu den in Frage stehenden dänischen Gebieten angefertigt hatten.

Ende Januar 1905 nahm der Admiralstab diesen Faden wieder auf und betonte, daß Schlieffen den angebotenen gemeinsamen Immediat-Vortrag beim Kaiser nicht in Betracht gezogen habe. Wie gereizt Büchsel zunächst reagieren wollte, zeigt der erste Entwurf seiner Antwort. Der Admiralstabschef revidierte jedoch das Konzept, welches den Vorwurf enthielt, Schlieffens Verhalten in der Sache sei der Grund für “die großen Lücken” in den Vorarbeiten zum Operationsplan der Flotte, “die mangels einer Allerhöchsten Entscheidung[,] gerade für den wahrscheinlichsten Kriegsfall vorhanden” seien. In der Ausfertigung des Schreibens bezog sich Büchsel dann nur noch darauf, der Generalstabschef möge ihm mitteilen, wann er seinen Bericht zum Immediatvortrag an den Kaiser senden werde.

(Fortsetzung folgt)

US: Russia will not go unpunished, as in the case of war with Georgia

Februar 9th, 2015

February 8, 2015   CauCasus, World, Wekly Flash, Slide, Economic and Finanace, Energy, Georgia,Military, Political, Russia   No comments

susan rice06/02/2015

According to the national security adviser US, the EU and the US have responded much better to war the Russian Federation and Ukraine than Georgia

United States of America, together with its European allies formed a coalition of partners around the world to get Russia to pay a high political and economic price for its aggression against Ukraine. This current situation is characterized by the invasion of Georgia, when Russia’s aggression with impunity. This was stated by the national security adviser, Susan Rice, the US, according to Radio Liberty.

“Russia’s aggression against Ukraine – a sneaky and deadly challenge approved by international law and norms,” – she said, speaking at the Brookings Institution, a research center in Washington.

According to her, without this coalition partners to Russia has not experienced difficulties because of the aggression against Ukraine.

Relatively new US national security strategy, which was announced today, Rice recalled that the previous strategy in 2010 was a different orientation to Russia. “Then it still seemed that there are prospects for relations with more cooperation,” – she said.

Now, according to the National Security Advisor, Russia represents a special challenge. “There is no doubt that a lot of our effort, attention and resources will be devoted to ensuring that confront Russia, which now behaves very aggressive and threatening manner” – said Susan Rice.

United States and the European Union and several other countries have imposed on Russia several packages of sanctions and political and economic, first because of the occupation and annexation of the Ukrainian Crimea, then because of the military aggression in the Donbass. In 2008, when Russia invaded Georgia, she experienced only a number of policies that were later canceled.

Recall now the White House unveiled a new US national security strategy. It states that the United States as a world state undertake to strengthen European security, including through the restraint of the Russian aggressor, strengthening the defense component, strengthen energy security and support the development of the countries of Eastern Europe.

resource:http://news.liga.net/news/politics/5017042-ssha_rf_ne_ostanetsya_beznakazannoy_kak_v_sluchae_voyny_s_gruziey.htm

Die USA wollen den „lokalisierten konventionellen Krieg in Europa“.

Februar 8th, 2015

 

Dieses Programm, das 1983 für die Nach-Afghanistan-UdSSR aufgestellt wurde, kommt nun, nach dem Niederbruch der UdSSR (1991), und der unverändert anti -„kommunistischen“ Politik der USA gegen Rußland bis heute, erneut zur Wirkung. Man vergesse nicht das Diktum des amerikanischen Kommandierenden NATO-Europa-Mitte gegenüber Herrn Schröder:

 

„Herr Bundeskanzler, Sie haben 15 Minuten, um zu entscheiden, ob Sie mitmachen. Gemacht wird es sowieso (der Luftkrieg gegen Serbien)“.

Zudem ein solcher Krieg die EU entscheidend treffen, und als Rivale um eine Weltmacht-Position entscheidend treffen könnte. Es gilt – aus der Sicht der US-Außenpolitik – darum

a) durch die Finanzwaffe und den Ukraine-Konflikt die EU zum Scheitern zu bringen,

b) die Nachfolgerin der UdSSR mit gleichen Zielen, Rußland, unverändert zu reduzieren, und als Großmacht zu demontieren.

Es steht dahinter Mackinders Theorie (1900), von der Aufgabe der britischen Politik des imperialistischen Zeitalters, ein Zusammengehen von Petersburg und Berlin zu verhindern. England folgte diesem Muster bereits 1852 mit dem Entschluß, geradezu „deliberately“, Rußland auf der Krim anzugreifen und durch Annektionen auf Dauer zurückzuwerfen.

 

Was die preußische Wochenblatt-Partei befürwortete, um Preußen durch Annektionen nach Osten zu vergrößern. Und was Bethmann Hollweg 1914 – entsprechend diesem Modell seines Großvaters, und Führers der Wochenblatt-Partei – zum Kriegsziel im Ersten Weltkrieg erhob, das zaristische Rußland zum Zusammenbruch brachte (1917), und für eine zunächst demokratische, und schließlich kommunisistische Entwicklung, öffnete.

Diese wollen nun offensichtlich die USA heute endgültig beenden, nachdem 1991 – in der einseitig anti-kommunistischen Sicht der USA – nur ein halber Erfolg erreicht wurde. Und das auf dem Rücken Europas. 

 

Lokalisierter konventioneller Krieg in Europa. Rußland sucht die USA in der Ukraine zu treffen

Februar 3rd, 2015

Autor der Meldung

Die USA gaben 1980 eine Studie in Auftrag, zu prüfen, wie lange eine Groß- und Supermacht Pressionen aushält, bevor diese zur militärischen Antwort greift. Gemeint war zweifelsohne die UdSSR, die im Nachgang zu Afghanistan, und dem Rüstungswettlauf zu Wasser (Admiral Gorschkow) und zu Lande (qualitativer Rüstungssprung von der Mechanik zur Elektronik), finanziell 1980 bankrott war. Auf die Landmacht Rußland zurückfielen, Pereststroika und deutsche Einheit. Selbstverständlich plante Moskau, in absehbarer Frist wieder vorzugehen. Rohstoffreichtum und Teil-Kapitalismus führten zu vorübergehender Blüte neuer Kräfte – im Verbund mit den überkommenen Eliten.

Getragen von falschem Selbstverständnis, rüstete Europa ab, und bereitete sich auf den ökonomischen Sprung auf Weltmachtstandard vor; verfeindete sich jedoch die USA. Diese kämpften weitgehend allein um deren Supermachtstatus der Vergangenheit und trafen im Gegenzug Europa mit der Währungswaffe.

Nun kommt das 1980 erörterte Konzept zur Ausführung, an NATO und EU vorbei, einen

                        l o k a l i s i e r t e n   k o n v e n t i o n e l l e n   K r i e g  (in Europa)

zu inszenieren, der die EU in direkte Mitleidenschaft zieht, kommerzielle Erfolge Europas (wirtschaftliche Konkurrenz im Weltmaßstab) nivelliert, um, verbunden mit der Ölschwemme, die USA zu alter Supermachtstärke zu führen.

Das erbringt die Analyse der Kriegsfälle 1852/54 (Krimkrieg-Phase), wie der Vorgeschichte des Kriegsausbruchs von 1914.

Vgl. http://www.freiewelt.net/auf-zu-preussisch-deutscher-groesse-10052896/
http://www.freiewelt.net/1854-1914-2014-2-10037600/
http://www.freiewelt.net/1854-1914-2014-10037597/
http://www.freiewelt.net/preussen-zwischen-west-und-ostoption-10041869/

(News4Press.com)

So what do mean 1854 the Crimean War phase, and in 1914 – the outbreak of World War I and the related goals of the war powers – for us today – namely 2015? Again and again, in the last 30 years, the feeling might come to live in a war. In the story – like 1815, 1918-19, 1945 – repeats the same process. The international system regrouping. Within a decade, is determining what will be the victorious powers of the conflict, and what will come in the end at the top?

Descending powers tend to military means, in order to stop the decline. This is true of the German Empire after 1871/1904/05, the British Empire in the 1930ies and again in 1956, as the Soviet Union of Afghanistan phase. During these periods was developed a special sensitivity of the ruling elites for the eventuality that may arise from such situations. In the 80ies, in the face of possible future  c o n v e n t i o n a l  w a r   i n   E u r o p e , the historical data were examined from the viewpoint of how emerged the great disasters of the 20th century. Not least, the political science approaches of the early 70ies led to reflect on the dangers that could arise from the oppression of the Soviet Union this year by the US, China and NATO. And this is shown from different sides, in the course of the 80ties again (Paul M. Kennedy); derived from the historical and political question, the „rise and fall of civilizations“ (G.P. Gooch).

We went with another analytical approach to the potentially successful blockade of military conflict between the United States and the UdSSR; and this, for example, explained by Henry Kissinger, on the supposedly perfect restitution of the world after 1815. Their ample function, however, by the repression of Russia, due to the Crimean War, lead in the end to this model.

However, till today, to the exclusion of military force found in the international system, it did not come. And, as expected, in science, the exclusion of war between the United States and the UdSSR could not change realities, in regard of the influence of resources, allocation etc. There was an assumption to refute after a conflict, fought as to the distribution of power, and the expectation that this would turn out better than before. A peaceful process will not produce as clear results. In the case of the German Empire, in this respect, one could mean that it would not have come to its foundation. Also, the Treaty of Frankfurt in 1871, prove to have been inconclusive. Germany reached but only a semi hegenonial position, and moved to 1914 before this next conflict between the powers might have cleared the parities between the European powers, according to their industrial, military and diplomatic-political priorities.

So even after 1945, wars between united States generally lead to clear hierarchies. These are, according to general opinion, even of „long durée“. But that these forces will develop as increasingly unstable, the leading power can recognize changes in it’s the economic, industrial and technological field. The „index of concentration“, like the full width of the various sectors, had an answer in the course of the 80ies, also in relation to the United States, and, above all, the USSR. The comparison of the abilities of the leading power and the competing large powers can lead to the realization that – in spite of trade and commerce – first differences occur. While the interest of the United States, during the 80ies toward the USSR, it came down to see to what extent the minor states tried in COMECON and the Warsaw Pact, to be released from this spheres of influence; but just since 1991, the United States underlie similar divergent trends in their system of alliances (NATO/EU).

Nevertheless, the result in the case of the Soviet Union resulted in:
– the processes of a closer union in the Alliance,
– as well as just to enforce the tendency to achieve greater freedom of mouvemet inn respect to the hegemonic power.

In addition, this will produce, in combination with decreasing control over the weaker powers, an increasingly weaker and more and more erratic safety policy. These expectations were mirrored by events that occurred in the western glacis of the sphere of influence of the Soviet Union. 1953, -56 and -68 Moscow in this process answered decreasing gravity by a regulatory fashion. According to the expectations after the end of victorious wars, this increasing abrasion of power in respect to Moscow’s position, corresponded under Andropov/Gromyko, Bethmann Hollweg/Moltke, Hitler/Ribbentrop, Stalin/Molotov.

Ever, an increasing lack of leadership was responsible, when the United States headed as well for a moment of weakness. The state-supporting forces find, in such situations, and in the result of the analysis of the last 150 years, no adequate response to the change in the general political conditions (including the Russian Tsar Nicholas I).

Unilateral reactions demonstrate the inadequate response of the (often) single minded, militarily dominated, ruling elites. Cramp-like search for new contacts alliance, the military ressurcen being strengthened, which achieved solely and unspoken a superficial effect of self-affirmation. For the United States are about to descend, and have, in comparison with the circumstances of the other countries, tried to compensate this by a reinforced military sector. At the same time this ailing power structure reaches a lower success than those states that operate at lower power means.

In addition succumb to the temptation of such powers to overreact militarily, and to be increasingly drawn into disputes. One of the main effects is the escalation of the use of power. Leading powers in particular are so inclined at the moment of falling from a previous power and size, short or medium term, less responsive flexible and adaptable. The effects of increasing militarization in governance and society, especially a militant view of general policy, in effect increasing mass failures, and connected to an escalating crisis management, result in greater readiness for war. This may fit in our latest times for the US, as for Russia, but also the EU. On a world scale. in any event, the northern hemisphere is no longer at the top of development. This has the rapid rise of China announced (stable growth of the gross national product, PMKennedy (1986), would lead China to world power standard in 1990). The German Empire of 1914 in any case trod this path.

The internationally more and more persuasive means of the militarization of internatioal relations, has resulted in today’s societies as to appear increasingly vulnerable, and less open minded to an more endangered state of the art and practical threat of war. The security risks, which now arise on the decision-making level in the United States and partners, also like to go back to miscalculations of the respective dominant elites security, and even exacerbating work into unilateral military characterized interational power- struggles. The more convincing the military expert elites, also due to technological development, these may predict what powers will be set up on which side and what that means as a whole, and where, to be united, the more convincing these elites argue, the outcome of such a war might become predicted (1854 Palmerston/ Clarendon, 1914 – Moltke/Jagow – 1940 Hitler/Blomberg-v.Brauchitsch).

But why do you want to fight? The weaker side – does not want, the stronger – not needs to fight. The compromise, checkmate or surrender. The road to war in the recitals of the ruling elites of descending powers can take place in the following steps:

1. becoming conscious of declining industrial skills, (1854, 1914, 1991 (2014), 
2. experience of easing the forces in relation to its own sphere of influence (1991ff.), 
3. reinforcing alliance commitments (1854, 1912-13, 2014), 
4. strengthen the military armor (1851/54, 1913/14, 2010ff.), 
5. increasing involvement in military conflicts (1848ff., 1991ff.), 
6. continuation of this trend, with aim towards the general war (1852ff., 1911/14, 2013).

As in the 1980ies, could science nowadays provide the answer to the question of how long such, more and more, autistic behaving powers and power blocs evoke in their minds an impression of the downturn of their development; hesitation, more and more brought into distress, and set by upgrading under pressure, resort to the war. And those powers of today are Russia and the United States.

This may help the careful analysis of the economy and industrial criteria, as related. Also for the years before 1870 there emerges a range of „young powers“ that seem suitable to displace the senior States. In modern wars, more than in the previous centuries, shows the extent of the military-financial commitment of the winner around the world, the degree of the high and mighty power of this state in the ascent to the summit – or their descent. In our days occurs this, and is now intensified as to the United States and in the focus of interest. A fatigue process of this previous superpower is unmistakably of interest since the Korea-, Berlin-, Cuba-, Vietnam-, Iran-Wars and crises on the one hand and the Kuwait-, Iraq-, Afghanistan-Wars, on the other hand. Today, adjunct: North Africa-, Egypt-, Syria- and Crime-crises.

Meanwhile, the contemporary historical developments of the basic questions of the 80ies also are advanced. These served the analysis of military spending and quantitative strength of the armies. For instance the famous „tank counting“ of the Peace Research Institutes. A more or less badly overestimated device, but it went on these fertile fields not so much about „peace-„, rather than war-research. Guide vectors of the analysis formed, among other things, for the period between 1816 and 1970/80, iron- and steel- production and industrial energy-consumption. The „young powers“ built a major result of these analyzes. Whether this is true of Prussia, France and Sardinia-Piemont in the 1850ies or for Germany and Japan in the 30ies of the 20th century.

It was, and is, the displacement of the senior States. The parameters of the circumference of the initiatives, investments and commitments, made after successful wars which should show, whether the particular winning of the United States was still in a state of the rise or already of decline. It went 1850/1914 (Czarist Russia), and is today to the determination of the moment, in the 1991/2014 a decrease in the ability of the main and leading powers (USSR 1978-82 / 2014, Russia) is given (was) relevant to influence, if this

a) shall implicate in an increasing number of military conflicts. A mere clash is unlikely to cause to go to the brink of war. However, this point could be exceeded if a call to arms, a parade of military force, violence or fighting one devices (Crimea, the Donets 2014/15). For the controllability of such escalations like for Russia in 1953, 1956, 1967 and 1968 speak. 
b) such militarized disputes are found more often within or on the edges of zones of influence of alliance and of political post-war developments, as outside of it. 
c) the results of such developments will make from time to time sobering (for the United States: 1952-53 Korea 1956 Suez 1958 Berlin 1962 Cuba 1978 Persia, 1963-1975 Vietnam; today: Kuwait, Iraq, Afghanistan, Syria / Isis Mosul). 

This is here displayed to see how explosive is the situation develops now; as US policy must be examined to determine whether, as a result of increased armor, the domestic political prestige drops correspondingly to moderate solutions and becomes less attractive; as well, an increasing militarization of foreign policy is given space. Asked empirically, it remains to be determined, whether increasing alliance-commitments have increased the result of military mobilizations.

Against this background, now also unstable, power position of the US, and the company resulting from the inferior position of power, the Russian offensive with limited objectives in the Donets Basin, are new potential hazards, because the conflicting parties both appear injured and capable of an, shown here, incorrect, armoured response. Whether it would now be obvious, as in the years 1853-55 between Britain, Austria, Prussia and France, conducted against Russia in order to negotiate in extenso and in continuity; probably this does not work, as to the conclusion that both sides still don’t further search to avoid the military conflict.

To the aim of reaching the verdict of history, the following questions may lead:

– How regularly a post-war hierarchy begins to unravel? 
– How fast, how largely will this happen? 
– Detect national security-elites the changing configurations of power and influence; and how early is this taking        place? 
– Recognising this exactly, and to what extent, the reality, or above of all, 
  underestimate these? 
– Answers this, as if hypnotized, with strengthening their alliance and military obligations or focus them on the        reinforcement of the army – or both? 

If the slope of sinking powers to militarized and less imaginative foreign policy, lower success rates in clashes, brings forth, the self-affirmation process is amplified and finally lead such experiences such powers to a more warlike than historical experience? This assumption was confirmed by no means yet. It was ultimately to investigate about the importance of the militarization of companies in connection with their decrease of power politics. Furthermore, there rests the question of the process in the space through which continue the nations the ravages of war, and recharge those, who expect peace from them.

Cause and reason for these considerations was the observation that between 1960 and 1980, both the UdSSR and the USA, faced with an extremely ambiguous decrease of their ability, looked to international events, influenced and controlled. A stressed increase of the militarization of foreign policy was observed, and the steady increase in military expenditures. It was the realization of interest in such studies, during the 1983-84 in the United States, if stress was laid on the concern if humanity were in the foreground from the effects of this development, or rather the tapping of the power-base of the UdSSR for possible military solutions in Central Europe. This question is now, made new in the face of the crises of the Crime and Donez. That it was about a possible confrontation between the two systems, and that the idea of „the war- frivolity of aging kingdoms“ were conducting in those years, according to the comparative cases of 1852-54 and 1914, by which the observer from Germany weren’t surprised then or now.

But the knowledge of 1989 is, by no means, the alliance political confidence-boosting. It is now Europe in a mess, even to become a world power, and the United States have decided to prevent this. A crack went accordingly through NATO. Provoked ultimately by a remote US foreign policy towards residual Russia, which is no longer recognized as a power-factor of remarkable significance. Decisive for everything seems that the US-policy – like England in the autumn of 1853 – has decided unilaterally that power-presence of Russia finally is to be reduced. And this in continuation of the blows that this 1991ff did suffer. The counter-movements in Russia are negligible in this bill. At the same time, this particular aggressiveness met in the US foreign policy a further condition for the hot conflict, namely in addition to the EU-policy of expansion to the east since 1991. But so that the EU pulls – led by US-American approach, to a localized conventional war in Europe as the result from the fact that Russia can only reach to the EU in Ukrain but not the US. The US may target and follow the expansionist England/Germany/Prussia in 1854 and 1914. So the generals in Moscow, on the question, „what can we do against the USA (?)“, may have replied the same as Moltke in crisis-meeting, held in June 1909:

„We can (only) fencebreak a war with Ukraine – but nothing more.“

All talk and entertainment activities, so all political science in history in being (Steinmeier) doesn’t, so to say, help, when war is decided in advance – like of England in the autumn of 1853 at Windsor Castle, and in Germany before 1914.

1854-1914-2014—Europäische Bürgerkriege.————Die USA und Rußland sind absteigende Mächte.

Januar 29th, 2015

Was bedeutet nun 1854, die Krimkrieg-Phase, und 1914 – der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die dazugehörigen Kriegsziele der Mächte – für uns heute – nämlich 2015?

 

   Inhalt

   Pendellage zwischen West und Ost.

  

   1. Kapitel: Das Englische Bündnis („Struggle for Mastery in Europe“)

 

   Liberal-Konservativer Einfluß auf König Friedrich Wilhelm IV.

   Reluctant Preußen-Deutschland.

   Der König und das Verhältnis zu Russland.

   Europas politische Lage um die Mitte des Jahrhunderts.

   Englands Kriegsentschluß.

   Verhandlungspositionen Berlins und Londons.

   Palmerstone reserviert gegenüber Pourtalès.

   London und Berlin: wenig flexibel.

   Gebundene Hände rundum.

   Bunsens Votum für die Westmächte und Annektionen.

    Für und Gegen die Reduktion Russlands.

    Bunsens große Annexion-Denkschrift: „Jetzt oder Nie!“

Der Aufstieg Preußens inauguriert.

    Offizielles Ziel: Restituierung des europäischen Gleichgewichts.

    Annexionen.                                                                                                                                             

    Sicherer Sieg.

    Bunsen: Die Westmächte sind stärker als Russland.

    Navalistische und Festlandsmächte.

 

 2. Kapitel: „Germany’s Drive to the West“?

     Die deutschen Kriegsziele 1914.

     Ein System indirekter Beherrschung.

     Sicherung der deutschen Machtstellung.

     Militärstrategisch.

     Industriell.

     Belgien als Operationsbasis gegen England.

     Russland schonen.

      Annexionen an der Ostsee, in Polen und Moldavien.

      Die Idee „Volk ohne Raum“ (Grimm): Siedlungsraum im Osten.

      Suprematie durch russischen Staatsbankrott.

      Industrie in Belgien und Ostfrankreich enteignen.

      Ein deutsches Kolonialreich in Europa, Afrika und Asien.

      

 3. Kapiel: Deutscher Expansionismus vorgezeichnet („Volk ohne Raum“)

      Bunsen: Preußen stärken durch Annektionen.

      London umwirbt noch eimal Preußen.

      Auf der Höhe der Krise 1854: Analog 1914/2014.

      Hoffnungen, Gefährdungen, Tatsachen.

     

4. Kapitel: Die Tradition des „Generalkrieges“ gegen Russland

      Englischer Angriffsplan 1853.

      Bunsen für den „europäischen Generalkrieg“ (von Finnland bis zum Kaukasus).

      Der andere Weg der preußischen Politik.

Absage an Großmachtstatus, Risiko und aktive Politik.

     

      Wochenblatt-Partei für englisches Bündnis und Großmachtstatus.

Gegen eine Neutralität Preußens.

Für die Kombination mit Österreich und den Westmächten.

 

      Englands Kriegsentschluß.

      Die Nebenregierung Prinz Alberts und das Preußische Bündnis.

      Englands Kriegsplan und preußisches Schwanken.

      Unsicherheitsfaktor: Das revolvierende Frankreich.

      Die Anti-Ost-Ausrichtung Westeuropas.

 

      Entwicklungsbremse: die preußisch-österreichische Dichotomie.

      Um die politische Deutungshoheit zwischen Ost und West.

      Das englische Bündnis – ein Traum. Das Scheitern der Usedom/

      Wedellschen Mission.

 

      Schluß.

      Gefahr durch den Abstieg Rußlands und der USA

      (zunehmender Militarismus—Kampf um die Suprematie auf der Nordhalbkugel—           

       Konkurrenz der Weltmachtaspiraten).

Preußen, England, Rußland (1854). Deutschland, USA, Russland (2014)

 1914

 2014

                                                                     _________________

 

Pendellage zwischen West und Ost.

Hier geht es um die Hintergründe eines preußisch-englischen Bündnisses in der Krimkriegphase, 1852-55. Allerdings, das darf nicht verschwiegen werden, regt die Beschäftigung mit diesem Zeitraum dazu an, Fragen an die heutige deutsche und europäische Politik zu stellen. Schließlich befinden sich beide geographischen Räume, damals wie heute, in der politisch-strategischen Situation einer Pendellage zwischen Ost und West. Dass kein Staat, zum jeweils notwendigen Zeitpunkt, militärisch für alle Eventualitäten gerüstet ist, bildet eine der Binsenweisheiten der Geschichte. England und Preußen hatten, um die Mitte des 19. Jahrhunderts keine Reibungspunkte, verfügten in ihrer Geschichte über durchaus passable Erfahrungen miteinander, und hatten auch kulturgeschichtlich vergleichbare Wurzeln.

 

1. Kapitel:  Das englische Bündnis („Struggle for Mastery in Europe“)

Liberal-Konservativer Einfluß auf König Friedrich Wilhelm IV.

So überrascht es durchaus wenig, wenn sich gegen Ende der vierziger Jahre in Preußen eine Gruppe von Wissenschaftlern, Offizieren und Diplomaten, mit liberalkonservativem Hintergrund, zusammenfand, die ein Bündnis mit England (gegen Russland) vertrat. Vertreter dieser Gruppe befanden sich in hohen militärischen und diplomatischen Stellungen, wie etwa Baron Bunsen, der Preußen, als Botschafter in London, vertrat. Unterstützt durch eine enge Beziehung zu dem damaligen preußischen König Friedrich Wilhelm IV., konnte der Diplomat und Gelehrte seine  außenpolitischen Vorstellungen höchsten Ortes zur Wirkung bringen. Dass sich dem durchaus traditionell begründete Widerstände in Berlin entgegenstellten, wird hier Gegenstand der Darstellung sein.

Reluctant Preußen-Deutschland.

Irgendwann sollte, im Verlauf der folgenden Jahre, der Vorwurf laut werden, der offizielle Vertreter der preußischen Politik, Ministerpräsident Otto von Manteuffel, würde „mit der Wirklichkeit der Dinge Verstecken spielen“. Hiermit ist ein Moment berührt, das durchaus – über die geschichtlichen Schranken hinweg – ein Schlaglicht wirft auf unsere heutige politische Situation in Deutschland und Europa. Ohne auf die spezifische Machtkonstellation der Führugselite in Berlin, während der fünfziger Jahre, näher eingehen zu wollen, sei dennoch betont, dass der Blick Preußens damals, ähnlich wie der Blick der Bundesregierung heute, nach Osten gerichtet war. Es bestanden seit 1807, zwischen Preußen und Russland, enge Beziehungen. Diese hatten sich von 1815 an zu einer russischen Überlegenheit ausgewachsen, zumindest über Preußen – wenn nicht sogar über Deutschland. Schließlich und endlich war, in der Schleswig-Holsteinischen Frage 1848/52, mit dem Diktat von Olmütz gegen Preußen, und damit auch für die deutsche Einigung, klar geworden, dass es um blanke russische Machtpolitik ging.

Der König und das Verhältnis zu Russland.

Das Gefühl offenkundiger Unterlegenheit führte in der deutschen Öffentlichkeit allgemein zu blankem Hass gegenüber Russland, wie ein hochgestellter britischer Beobachter bemerkte. Und auch, obgleich durch die Tradition mit Russland verbunden, standen die preußischen Konservativen vollkommen unter der Prärogative, ein Aufstieg Preußens gehe vor. Insofern standen sich die leitende politische Kraft in Berlin und deren Kritiker, das liberalkonservative Wochenblatt durchaus nicht unvereinbar gegenüber. Schließlich tendierte jedoch der dazwischen stehende Ministerpräsident durchaus dazu, Russland distanziert gegenüber zu treten. Überlagert wurde dieses, zur Entscheidung heranstehende Problem, durch den fortdauernden, latenten Dualismus zwischen Preußen und Österreich in Deutschland. Der Druck, vor dem Hintergrund der miteinander konkurrierenden konservativen und progressiven Fronten in Berlin, sich für oder gegen Österreich entscheiden zu müssen, verführte den König zu einer permanent in alle Richtungen schwankenden, entscheidungslosen Politik. Friedrich Wilhelm verstärkte diesen Eindruck zusätzlich dadurch, dass er zu dem Mittel politischer Missionen griff, was einerseits Hoffnungen schürte, andererseits den Widerstand der Berufsdiplomaten hervorrief, und in der Folge zu tiefer Enttäuschung in den Hauptstädten Europas führte. Es bleibe dahingestellt, ob – wie Winfried Baumgart betont – ein Sekretär des Königs hätte originären Einfluss auf die Wahl der außenpolitischen Methoden ausgeübt, oder aber dieses Verfahren eher zutiefst Ausdruck der Persönlichkeit des Monarchen war und blieb.

Europas politische Lage Mitte des Jahrhunderts.

Im Verlauf einer ersten Phase politischer Kontakte mit London waren es zumeist der liberal-konservativen Wochenblattpartei nahestehende  Wissenschaftler-Diplomaten, die auf Wunsch der Führungsspitze um den König in Berlin vor Ort explorierten. Diese kamen mit der überraschenden Meldung zurück, Österreich sei Preußens eigentlicher Gegner (Niebuhr). Wien unterlaufe die preußischen Annäherungsversuche, indem man sich Paris zuwende. Preußen seinerseits beschreite den Weg nach London, in der Erkenntnis des schwankenden Bodens auf dem die Beziehungen zu Österreich im Grunde ständen. Doch auch London befände sich im Zwiespalt, da Paris im Begriff stehe, die  napoleonische Politik wieder aufzunehmen.

Englands Kriegsentschluß.

Schließlich überschnitten sich auf dem Kontinent, in Belgien, die Operationslinien sowohl Londons, wie Paris’ und auch jene Berlins. Mochte Frankreich nach Belgien greifen, dann würden England, wie  auch Preußen, hier militärisch gefordert sein. Sehr gut zu verstehen war, vor diesem Hintergrund, der Rat Bunsens, vorsichtig zu taktieren und sich nicht einseitig festzulegen. Umso erstaunlicher erscheint es deshalb, wenn der preußische Gesandte, gegen Anfang des Jahres 1853 feststellte, England mache sich daran, einen Krieg mit Russland vorzubereiten. Und noch erstaunlicher: Es gehe um einen europäischen Krieg. In Berlin schien es möglich, dass die liberal-konservative Wochenblatt-Partei in die Regierung einträte. Die „Heilige Allianz“ der Monarchien im europäischen Osten ging offensichtlich ihrem Ende entgegen.

Verhandlungspositionen Berlins und Londons.

Dieser Entwicklung des Jahres 1853 entsprach der König, mit der Entsendung des leitenden Wochenblatt-Partei-Mitgliedes Albert von Pourtalés, nach London. Whitehall suchte nach wie vor verlässliche Bündnispartner. Preußen schien, zumindest militärisch, einen solchen darstellen zu können. Doch stellte Berlin Forderungen, die den Bewegungsspielraum Londons einschränken mussten. Hatte doch Preußen direkte Grenzen mit Russland, stand doch Österreich nach wie vor zwischen den Fronten, und drohte aus Polen der Funke der Revolution jederzeit herüber zu springen, und bedrängte nach wie vor Petersburg Berlin durch dessen „pressure group“ vor Ort. Demgegenüber fürchtete London eine, und das ist der Begriff der Zeit, „entente cordiale“ zwischen Preußen und Österreich. Tatsächlich aber ging es, aus der Sicht des preußichen Botschafters Bunsen, darum, dass Österreich sich an der Donau und den Kaparthen eine starke Position verschafft habe, und Preußen die Verteidigung Deutschlands am Rhein überlasse. Dass es sich um den entscheidenden Punkt handle, machte er deutlich, indem er den Begriff „Lebensfrage“ für die preußische Politik in die Diskussion warf. Ein „mot clef“, das 1914 zwischen Theobald von Bethmann Hollweg und Jules Cambon erneut fallen sollte, und das hier, 1853, die Forderung gegenüber England verschärfte, dessen Flotte in der Ostsee gegen Russland aufmarschieren zu lassen.

Palmerstone reserviert gegenüber Pourtalès.

Doch die Geheimmission Pourtalès scheiterte. Obwohl am 2. Januar 1854 ein Vertreter Petersburgs versuchte, Preußen in der Folge von dem pro-englischen Kurs abzubringen, gelangten doch Pourtalès und Palmerstone, in einem abschließenden Gespräch, am 3. Januar dieses Jahres, nicht zur gewünschten Übereinkunft. Preußen suchte zunächst den Umfang einer Kooperation mit England auszuloten, weiter stand ständig eine französische Bedrohung am Rhein im Raum, und schließlich konnte (oder wollte) Palmerstone Preußen keine verbrieften Garantien zusagen. Die Verhandlungspartner operierten offenkundig noch, in einer ersten Phase der Verhandlungen, auf einer ersten Stufe der wechselseitigen Kompensationen, und warteten wohl noch auf das Entgegenkommen der Gegenseite. Überraschend war jedoch die Erkenntnis,  London habe sich ganz unkompliziert zu einem Krieg gegen Russland entschlossen. Kurz darauf fand der Berliner Emissär Gelegenheit, dem Partner in London Lord Clarendon gegenüber, noch eimal seine Bedingungen zu formulieren.

London und Berlin: wenig flexibel.

Pourtalès forderte eine englische Flotte in der Ostsee, sowohl zum Schutz der preußischen Küsten – wie dessen Seehandel. Weiter blickte Berlin sorgenvoll in Richtung Kopenhagen. Gegen jede Bedrohung von dort sollte England gleichfalls eintreten (eine Sorge, die 1914 ebenfalls eine Rolle spielen sollte). Es sei nämlich zu verhindern, dass etwa Kiel und Flensburg zu russischen Stützpunkten würden, auf die sich eine russische Armee, bei deren Vorgehen nach Süden, stützen könne. London seinerseits wollte in keinem Fall in den preußisch-österreichischen Antagonismus hineingezogen werden. Preußen seinerseits bot daraufhin an: sowohl eine Demarche in Petersburg wie die bewaffnete Neutralität, und, im Fall einer weiteren günstigen Entwicklung des Verhältnisses, eine sich verstetigende Koorperation.

Gebundene Hände rundum.

In Berlin allerdings kämpften Wochenblatt-Partei- und Kreuzzeitungs-Anhänger verbissen um den Einfluss auf den König. Die Liberal-Konservativen sahen die russische Herrschaft bis an den Rhein reichen. Unter diesem Vorzeichen hatten die Preußen wenig Sinn für die Interessen Englands, das sich dafür entschieden hatte, den Krieg gegen Russland derart zu führen, dass der russische Einfluss auf Mitteleuropa für längere Zeit nicht mehr spürbar wäre. Auch nahm eine traditionelle Vorstellung die Köpfe gefangen, Frankreich könne seine Grenzen nach Osten ausdehnen. Der Kreuzzeitungs-Vertreter Gerlach belastet die Wochenblatt-Partei mit dem Vorwurf, diese dränge zum Krieg mit Russland. Dahinter steckte zusätzlich die Frage, was Wien tun werde. Es lag nahe, dass Österreich, gestützt auf Russland, seinen Einfluss, zu Ungunsten Preußens, auf Deutschland verstärken würde. London warb zudem um Wien, hegte jedoch letztendlich kein Vertrauen in die Wiener Diplomatie.

Dieselbe Position verfocht der preußische Botschafter in London, der – nach innen und außen – vehement für einen Krieg gegen Russland eintrat und betonte, die Macht des Zarenreichs sei unschädlich zu machen und eine „große Vereinigte Flotte“ müsse „das Werk der Zerstörung im Schwarzen Meer“ vollenden.  Der Kaiser von Russland habe den Krieg haben wollen. Nun müsse Petersburg gezwungen werden, die Donaufürstentümer zu räumen. England und Frankreich würden an Preußen und Österreich zunehmend die Frage richten, ob diese dabei mitwirken würden oder nicht. Wenn Berlin ausweichend antwortete, käme die Antwort: „So seid ihr entweder keine Großmacht oder feindlich“. Ein österreichisches Nein würde bedeuten: Krieg in Italien.

Demgegenüber forderte Friedrich Wilhelm IV. seinerseits eine klare Antwort aus Whitehall. Der Monarch verschwieg keineswegs, er erwarte, das kleine Ländchen Neuenburg in der Schweiz als Kompensation zugesprochen zu erhalten. Andererseits sah der König seinen Plänen bereits durch die Tatsache den Boden entzogen, dass nämlich die preußische Armee nicht kriegsbereit war. Diese Antwort gab der Kronprinz Wilhelm seinem Bruder, auf dessen Forderung hin, ein militärisches Gutachten zur Lage zu erstellen. Allerdings lag ein Aufmarschplan gegen Russland bereit.

 

 3. Kapiel: Deutscher Expansionismus vorgezeichnet („Volk ohne Raum“)

Bunsens Votum für die Westmächte und Annektionen.

Doch Bunsen in London lockte weiter mit territorialem Gewinn, den ein Krieg mit Russland verspräche. Im Jahr 1854, die Lage spitzte sich auf allen Fronten gleichzeitig zu, beharrte der Diplomat auf der Notwendigkeit, „die bestehende Länderverteilung einer Kritik zu unterwerfen“. Allerdings drückte Lord Clarendon nun seinerseits auf das Tempo. Er forderte „binnen 8 Tagen“ eine Entscheidung Berlins. Der Gesandte hielt dem entgegen, im europäischen Maßstab könne man sich vergegenwärtigen, dass Frankreich einen Plan gegen Italien habe. Preußen könne es nun nicht gleichgültig sein, dass Österreich dort angegriffen werde. Temperamentvoll wies er den Gedanken einer wie auch immer gearteten Neutralität Preußens zurück. Er forderte, Preußen und Österreich müssten eindeutig Stellung beziehen, doch andererseits seien finanzielle Belastungen aufzufangen, die durch Mobilmachung, Verluste an den Börsen, sowie bei Handel und Gewerbe, wie der Schifffahrt, zu gewärtigen seien. Eben den Westmächten neigte Bunsen mehr zu, als dem „unfreundlich, anmaßend und rücksichtslos“ auftretenden Russland.

Für und Gegen die Reduktion Russlands.

Friedrich Wilhelm dagegen sprach von protestantischer Gemeinsamkeit mit England, Schutz Österreichs vor der Revolution, der Garantie europäischen Besitzstandes, der Unantastbarkeit des Deutschen Bundesterritoriums und seinem Ländchen Neuenburg in der Schweiz. Überdies forderte der Monarch, falls die Westmächte zum Mittel der Insurrektion greifen würden, um das Zarenreich in die Luft zu sprengen, was bekanntlich Bethmann Hollweg 63 Jahre später betrieb, werde er sich mit Petersburg und Wien, auf Tod und Leben verbinden. Es stand also zu erwarten, dass ein Revolutionskrieg die gänzliche Auflösung Mitteleuropas im Gefolge haben werde. Gegen diese Realität der politischen Lage wurde, bedingt durch die schwer einschätzbare Politik des neuen französischen Kaisers Napoleons III., sowie jener Österreichs und auch Preußens, die Frage gestellt: würde Frankreich mit England gehen, ginge darum, eine „lang vorhergesehene[n] Frage“ zu lösen, nämlich jene der drohenden Machtstellung Russlands „nicht allein gehen die Türkei, sondern d[as]em [ganze] gesamten übrige[n] Europa [gegenüber], also eine Machtfrage. Kurz: es gehe darum, „der aggressiven und anmaßenden Macht Russlands entgegenzutreten“.

Bunsens große Annexions-Denkschrift: „Jetzt oder nie!“

Auf diesen Kurs, die Macht des russischen Reiches zu brechen, schwenkte Josias von Bunsen in London ungesäumt ein. Mit dem Instrument einer großen Denkschrift suchte er seinen Dynasten zu bestimmen, ein Bündnis mit England einzugehen. Friedrich der Große, Pitt und Napoleon hätten das nicht erreicht, was jetzt möglich sei, so lautete Bunsens Parole. Schon während des 7-jährigen Krieges bestand demnach in London ein gewisses Misstrauen gegenüber Russland. Der Botschafter eruierte, so eines der begleitenden Dokumente, gegenwärtig seien die politischen Eliten in den westlichen Hauptstädten überzeugt, „der Zweck des großen Kampfes werde sein, Rußland auf seine natürlichen Grenzen zurückzuweisen“. In dem Bewusstsein, das historische Zeitfenster werde sich bald schließen, appellierte Bunsen dringend an seinen König mit dem Ausruf: «Jetzt oder nie!«. Er führte an, die räuberische Politik des Zaren Alexander habe darin bestanden, Preußen eine ganze Provinz, und Schweden Finnland entrissen zu haben. Weiter wies er auf das schwere Joch hin, unter welches Russland Preußen und Österreich zwischen 1817 und 1848 gebeugt habe. Russland wünsche kein starkes Deutschland. Trete Preußen an die Seite Englands und Frankreichs, dann würde das ein solches Gewicht ergeben, dass der Kampf kurz und schnell entschieden werde. Damit findet sich bereits hier, wie 1914, die Vorstellung vom kurzen Krieg, der bereits dann beendet sein werde, “wenn das Laub fällt“. In gleicher Weise empfand Bunsen diesen Kampf Europas mit Russland ebenfalls als „Weltkampf“, als „Kampf der Imperien“, wie dies bei Theobald von Bethmann Hollweg und Karl Lamprecht vor 1914 der Fall war.

– Offizielles Ziel: Restituierung des europäischen Gleichgewichts.

Der Gesandte appellierte dafür, gleichsam über den eigenen Schatten zu springen, die Machtziele Englands und Frankreichs zurücktreten zu lassen, und alle Kraft in die Restituierung des europäischen Gleichgewichts zu investieren, zu Gunsten der von Russland beschädigten Mächte. Aus seiner Sicht war das Gewicht Preußens so groß, „daß der Kampf kurz, die Entscheidung nahe und ohne große Erschütterungen möglich sei, ja sicher“.

Bunsen sucht Friedrich Wilhelm IV. gleichsam mit den dann gegebenen territorialen Möglichkeiten Preußens im Osten zu ködern. Es gehe um große Veränderungen.

– Annexionen.

Im Norden müsse Schweden die Aaland-Inseln und Finnland erhalten. Im Süden sei die russische Herrschaft auf dem Schwarzen Meer zu brechen, und von diesem nicht nur die Krim abzutrennen. Doch eine neue „Weltdictatur“ solle so nicht errichtet werden. Wir erinnern sehr wohl: das Rußland der autokraischen Zaren war Europa zu mächtig geworden. Hier, so Bunsen weiter, solle sich Österreich ausdehnen. Preußen dagegen müsse die polnische Königskrone anstreben. Dafür könne Österreich Galizien, und Preußen die polnische, östliche Hälfte des Großherzogtums zum Opfer bringen. Diese Forderungen scheinen uns sehr wohl mit der Kriegszieldiskussion der Jahre 1914-17 verwandt.

– Sicherer Sieg.

Bunsen umwirbt seinen König noch einmal eindringlich: „Schließt sich Preußen im gegenwärtigen Augenblicke an die Westmächte und Österreich an, … so legt es ein so entscheidendes Gewicht in die Waagschale, daß der Kampf  kurz, die Entscheidung nahe und ohne große Erschütterungen möglich, ja sicher ist.“

Bunsen: Die Westmächte sind stärker als Russland.

Navalistische und Festlandsmächte.

In keinem Fall solle Preußen gegenüber Österreich zurückstehen. Wien solle auf Böhmen und Mähren verzichten, sich verteidigungsfähige Grenzen verschaffen und der Tatsache in die Augen sehen, dass die Erblande von Deutschland losgerissen wurden. Preußen, und nicht Österreich, solle Deutschland beherrschen oder leiten. Und das, was nun folgt, entspricht den Gedanken des Leipziger Univeralhistorikers Karl Lamprecht, der seinen Schulfreund Bethmann Hollweg vor und im Weltkrieg vor Augen führte, es solle eine zentrale europäische Konföderation entstehen. Bei Bunsen hieß das 1854: bestehend aus den „Mittelmächte[n] Europas, Schweden, Dänemark, Holland, Sardinien und Neapel“. Ausdrücklich warnt der Londoner Geschäftsträger davor, gegen die Westmächte zu votieren, denn „die freiere Position der beiden Seemächte“ bedeute, dass diese jederzeit „Einfluß genug“ besäßen, um „andere Mächte entweder für sich zu gewinnen oder ihnen jede feindselige Politik unmöglich zu machen“. „Preußen würde am Rhein wie am Njemen allein stehen, und – allein geschlagen werden“.

 

 2. Kapitel: „Germany’s Drive to the West“?

Die deutschen Kriegsziele 1914.

Ein System indirekter Beherrschung.

Der Weg von 1854 nach 1914 führt zu den Kriegszielen Bethmann Hollwegs vom August/ September. Wie eng dabei der Austausch zwischen den höheren Beratern des Kanzlers und den Vertretern der einzelnen Industrieverbände, und sonstigen Interessengruppen, war, zeigen sowohl die Statements Kurt Riezlers von 1930, in denen er behauptet, von Roselius und Mannesmann bis zu Falkenhayn reiche die Idee wirtschaftlicher Annexionen und imperialistischer Ziele. Diese hätten quasi in der Luft gelegen. Den Teil eines umfassenderen Konzeptes bildeten diese Vorstellungen, nämlich des Krieges mit der imperialen Weltmacht England, die Deutschland beerben wollte. So war etwa die Idee eines mitteleuropäischen Staatenbundes, als Urzelle der künftigen Weltmacht Deutschland, unbestritten. Riezler sagte dazu 1930, „die Grundidee sei die Schaffung eines mitteleuropäischen Staatenbundes unter Führung Deutschland[s] gewesen. An diesem Bund sollten Frankreich und Belgien durch den Frieden angegliedert werden. Unter Schonung der Souveränität und unter Wahrung der territorialen Integrität dieser Staaten, sollten alle Staaten durch Zollunion u[nd]. a[nderem]. untereinander einen Block bilden, gegen den ‘angelsächsischen Wirtschaftsimperalismus`. Die Neutralen hätten diesem Bunde beitreten müssen; es sei ihnen nichts anderes übriggeblieben, da sie ja sofort in die Abhängigkeit dieses unter deutscher Führung stehenden europäischen Wirtschaftsbundes geraten wären“.

Es sind, von verschiedenen Seiten, den Zeitgenossen wie der historischen Forschung in Deutschland, Thesen aufgestellt worden, wie etwa jene, es seien im Großen Hauptquartier, um eine Schreibmaschine herumstehend, spontan Ideen gesammelt worden und so die Kriegsziele von 1914 entstanden. Oder, es habe in Luxemburg, um den Reichskanzer herum, immer eine Zentrale der Anti-Annexionisten gegeben, den „Bethmann-Kreis“. Als Fritz Fischer 1961 diese Vorgänge aufdeckte, concedierte dessen großer Gegner Gerhard Ritter: man gewinne „daraus den Eindruck“, Bethmann Hollweg habe „im Hauptquartier vor dem Wendepunkt der Marneschlacht, unter dem Einfluss viel zu optimistischer Berichte des Generalstabs immerhin ernsthaft den Gedanken erwogen, Frankreich ein für alle Mal unschädlich zu machen“ (analog Goebbels und Hitler im August 1939).

Sicherung der deutschen Machtstellung.

– Militärstrategisch.

Dass auch dies zutrifft, zeigt eine Denkschrift im Nachlass des Bethmann-Freundes und Universalhistorikers, Karl Lamprecht, welche die Gedanken zweier Bonner Nationalökonomen wiedergibt; und die jedenfalls vor dem 2. September 1914 fertiggestellt war. In dieser geht es in erster Linie um die politischen und wirtschaftlichen Ziele, die eine deutsche Machtstellung sichern und befestigen sollten. Diese sei vorrangig gegen England auszubauen. Dieser Gedanke entsprach durchaus den Vorstellungen des Generalstabschefs von Moltke, Anfang des Jahres 1913, und jenen Tirpitz’ (Januar 1915); auf denen der deutsche Operationsplan, in dessen Focussierung auf Belgien und Nordfrankreich, gründete. So ging es von Anfang an um die Weltstellung Englands, die, nur über die Okkupation der belgischen und nordfranzösischen Küsten, ernsthaft zu bedrohen sei. Entsprechend ging Hitler 1940 zum Angriff auf Westeuropa über und besetzte die holländischen, belgischen wie französichen Küsten und Hafenplätze. Es reichten bereits 1914 die Planungen von einer Bedrohung der englischen Küste, deren Seehäfen, wie der Themsemündung etc., über die Kontrolle des Mittelmeeres, bis zum Erwerb von Marokko und Tunis, als Grundlagen der Überlegung, wie Frankreich ein für allemal unschädlich zu machen sei, und damit eine für das britische Empire unerträgliche strategische Basis zu gewinnen wäre. Dazu sei weiter die Westgrenze von Lüttich bis Belfort wirtschaftlich wie militärisch zu befestigen. Frankreich sollte schwer getroffen werden. Das sei zu bewerkstelligen über die  „Minderung seines territorialen Bestandes an der Nordsee und am Mittelmeer, sowie durch die Auferlegung einer schweren Kriegsentschädigung“.

– Industriell.

  Belgien als Operationsbasis gegen England.

Die französische Industrie sei zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Es wäre ferner an die Wiederherstellung Belgiens nicht in der alten Form zu denken. Es sprächen eben wirtschaftliche Gründe dagegen. Belgien war, künftig in der Form einer „self governing Colonie“ vorstellbar. Südliche Gebiete, von den Wallonen besiedelt, „die belgische Provinz Luxemburg, mit Teilen der Provinzen Namur und Lüttlich, vielleicht sogar bis zur Masslinie, seien dem Großherzogtum Luxemburg“ zuzuschlagen. Weiter ging es um die Erzgebiete und Kohlelager Frankreichs im Nordwesten um Lille herum.

Russland schonen.

Anders sollte mit Antwerpen und Gent, mit den Hafen- und Industriegebieten dort, umgegangen werden. Uns interessieren hier jedoch vor allem die ausführlichen Vorstellungen, die sich auf Russland bezogen. Diese wurden entwickelt, auf Grund der engen Bündnisbeziehungen zwischen Petersburg und Paris mit dem französisch-russischen Bündnis von 1892. Dieses sei zunächst zu sprengen. Im Gegensatz zu den brachialeren Vorstellungen von 1854/55, sagt 1914 der erste Satz zu Russland, dieses dürfe „nicht, wie Frankreich, in seinem Lebensnerv getroffen werden“. Es dürften „höchstens Gebiete entzogen werden, die nicht zum eigentlichen Russentum gehören. Auch muss das Streben stets darauf gerichtet sein, den Gegensatz zwischen Russen und Polen in alter Schärfe zu erhalten“.

Annexionen an der Ostsee, in Polen und Moldavien.

Der Verlauf der künftigen deutschen Ostgrenze wurde weitgehend fixiert. Eine Verbesserung der bisherigen ungünstigen Grenze sei zu erreichen. Im Vorgriff auf militärische Sachverständige formuliert die Denkschrift, die „Grenzlinie“ verlaufe künftig „etwa vom Treffpunkt der drei Grenzen im Südosten Schlesiens zunächst – den Grenzfluß des Gouvernements Petrikau etwa bis Thomaschew verfolgend – so Nowo Georgiewsk am Einfluß des Narew in die Weichsel, von dort weiter im Tale des Narew und seines Nebenflusses Bobr bis Grodno und endlich von dort, Wilna und Dünaburg außerhalb liegen lassend, an die Düna und weiter nach Norden an den Rigaer Meerbusen östlich von Riga“.

Vorteilhaft schien, dass „die neue Grenzlinie…kaum länger als die bisherige“ sei und „auch strategisch den Vorzug verdiene[e]“. „In der östlichen Hälfte der Ostsee“ könne ein „Kriegshafen“ entstehen, „von dem aus … die russische Ostseeküste mit Petersburg“ zu bedrohen sei.  Angegliedert werden sollten „Gebiete“ wie das um „Lods, das so oft ‘eine deutsche Industriestadt’ genannt worden“ sei. „5000 deutsche[n] Kolonien, die im russischen Weichselgebiet“ angenommen wurden, ‘besetzen hauptsächlich den nordwestlichen Grenzstreifen’ der dem Reich mit angegliedert werden würde. Festungen wie Grodno und Kowno seien die einzigen Städte in diesem neuen Gebiet. Riga, als bekanntlich deutscher Wurzel, „und die Industriestädte im südwestlichen Polen“, bauten ebenfalls auf deutschen Gründungen auf, so die Denkschrift.

Die Idee „Volk ohne Raum“ (Grimm). Siedlungsraum im Osten.

Wie breit offenbar das Interesse an starker Expansion nach Osten war, zeigt der Abschnitt „e)“ dieser Ausführungen: „Wichtiger ist aber, daß sich auf die dargelegte Art auch für die Zwecke der inneren Kolonisation ein Tätigkeitsfeld gewinnen läßt, das an Ausdehnung Ost- und Westpreußen bedeutend übertrifft. Mit Ausnahme des Lodser Industriegebiets scheint hier auf dem Boden Russisch-Polens die Bevölkerung nicht dicht zu sein und noch schwächer ist das Land der katholischen Litauer in den Gouvernements Suwalkie, Kowno und Wilna, sowie der protestantischen Letten in Kurland bevölkert. Schon an sich ist Raum für eine großzügige Besiedlung der deutschen Kolonisten vorhanden. Er muß aber – worauf noch zurückzukommen ist, … – künstlich noch beträchtlich vergrößert werden, damit aus unserem Bevölkerungsüberschuß hier ein starkes Germanenbollwerk geschaffen, dem Zuwachs an Industrie auch ein Zuwachs an Landwirtschaft gegenübergestellt und damit das politische Gleichgewicht gewahrt, die Volksernährung weiter verselbstständigt und eine Versorgung mit ländlichen Arbeitern vom Ausland emanzipiert werde“.

Suprematie durch russischen Staatsbankrott.

Zunächst sei das Bündnis mit Frankreich zu sprengen, die russischen Zentralbanken zu schwächen und, was zu erwarten sei: das wäre ein starker Kurssturz der russischen Staatspapiere. Im Einzelnen wird ausgeführt: „Ein solcher völliger oder teilweiser Staatsbankrott würde das besiegte Frankreich schwerer treffen, als alle anderen Länder zusammen. Es würde ihm für lange Zeit die Lust, vielleicht auch die Kraft nehmen, auf weitere finanzielle Abenteuer Rußland gegenüber sich einzulassen“.

Deutschland „als finanzieller Retter“ Russlands, das war wohl eher ein Traum von Wissenschaftlern. Lamprecht setzte setzte als Kommentar daneben, ein „?“-Zeichen. Interessant, dass exakt wie im Märzprogramm des Botschafters Bunsen, von 1854, hier Schweden Finnland, „als Preis für seine Neutralität“, zugesprochen erhält. Allerdings verbunden mit der Auflage, „eine Kolonisation großen Stils“ durchzuführen und dadurch dem „Germanentum Europas“ derart zurückgewonnenes Gebiet zu erhalten.

Industrie in Belgien und Ostfrankreich enteignen.

Im Folgenden wird in den Überlegungen der deutschen Reichsleitung auf Belgien Bezug genommen, und damit dessen zentrale Position seit Kriegsplanung, operationsplan und Kriegsbeginn. Die Problematik zwischen Flamen und Wallonen, sowie daraus möglicherweise zu ziehende Vorteile für eine Assoziierung mit dem  Deutschen Reich, wird eingehend betrachtet. Insoweit bis zu der Überlegung, gegebenfalls Luxemburg zu vergrößern, einer Einverleibung von Teilen Belgiens näher zu treten und vor allem die Produktionsmittel des Landes in die Hand zu nehmen. Für Lamprecht unverständlich, da ohne übergreifend „höhere Gesichtspunkte“, wie er anmerkte, konzentriert sich Schumacher 1914 ganz auf den „Kriegsschatz von 500 Millionen Mark Mittel zum Neu- und Ausbau“ der Flotte. Hier mit Bethmann Hollweg durchaus konform, der am 31. August Tirpitz gegenüber vom Einsatz der Hochseeflotte abriet. Das könne, mit größerer Aussicht auf Erfolg, im Nachgang (zum Friedensschluß) mit Unterstützung der dann erbeuteten französchen geschehen. Einen „Fonds zur Versorgung der Kriegsinvaliden und“ Gefallener, sowie „zum Ausbau“ des „Kabelwesens“ und der „Nachrichtendienste[s]“, der „innere[n] Kolonisation“ und für die „Enteignung in neu erworbenen Gebieten“ wurde gleichfalls ins Auge gefaßt.

„Große Städte mit rein französischer Bevölkerung, wie Nancy und Lunéville“, sollten nicht annektiert werden, „denn wir können sie national nicht verdauen“. Das von den Nationalökonomen propagierte Mittel der Enteignung, um die von Frankreich abzutrennenden Gebiete in die Hand zu nehmen, nahm sich bei weiten nicht so charmant aus, wie das die verharmlosend-überhebliche Formulierung Kurt Riezlers, Clemens Delbrücks und Bethmann Hollwegs im Septemberprogramm für die deutsche Expansion in Mitteleuropa in Aussicht stellte. Es leibt zu fragen: Ist der Weg von NATO und EU heute „charmanter“?

Die herben finanz- und geldpolitischen Erfahrungen von 1870 gipfeln in der Bemerkung: „Wo aber ein Bedarf nach baren Zahlungsmittel überhaupt nicht vorliegt, ist die Kriegsentschädigung gewissermaßen in Naturalien zu leisten: in Grund und Boden, gewerblichen Produktionsanlagen oder ihren Aktien, Eisenbahnen u[nd]. Ä[hnlichem].“

Auf die Kohleindustrie dieser Gebiete am Pas de Calais legen die Gutachter besonderen Wert. Wie das gesamte deutsche Oberkommando sind diese der Überzeugung, die Küste der Departements du Nord und des Departement de Calais seien im festen militärischen Besitz zu halten. Daraus ergebe sich fast von selbst, dass auch auf die Kohleindustrie dieser Gebiete schwer die Hand zu legen sei. Die Großindustrie ihrerseits habe Frankreich zu erobern. Und dies durch den Griff nach den Rohstoffen und den Produktionsmitteln der betroffenen Staaten.

Ein deutsches Kolonialreich in Europa, Afrika und Asien.

Im Osten seien deutsche Aussiedler anzusetzen, welche die innere Kolonisation vorantrieben. Dafür wären weite Gebiete frei zu machen. Russland sollte so, durch die Ansiedlung deutscher Siedler, geschwächt werden. Um die zunächst verlorenen Kolonien wieder zu gewinnen, war durchaus – im Einklang mit dem durch Belgien und Nordfrankreich ausgreifenden deutschen Operationsplan – erwogen, den belgischen Kongo zu erwerben. Keinesfalls wurde daran gedacht, eine Rückgabe nach einem Friedensschluss zu betreiben. So wie dies Bethmann Hollweg gegenüber dem englischen Botschafter Goschen, am 2.8.1914, offen gelassen hatte. Vielmehr sollte ein deutsches Mittelafrika durch eben diese Kolonie Belgiens Wirklichkeit werden; ein deutscher kolonialer Block, der sich von der Westküste Afrikas bis zur Ostküste, quer durch den Kontinent, erstrecken würde. Weiter entwickeln die Bonner Wissenschaftler den Griff nach Marokko (analog einer Forderung der Marine, 1944). Schließlich wird so deutlich, es bildete das alleinige Ziel des Krieges, das Erbe des britischen Empire anzutreten. Denn, so das Urteil der Gutachter von 1914, ausgreifende Ziele, nun gegenüber England, seien schließlich erst nach einem Sieg über das Inselreich zu verwirklichen. Das formulierten die Bonner Wirtschaftswissenschaftler, indem sie ausführten:

„Sollten wir endlich England gegenüber einen Sieg erringen, der uns die Beanspruchung eines kolonialen Siegespreises ermöglicht, so dürften an erster Stelle die ehemaligen Burenstaaten mit Rhodesien zur Verbindung mit unserem übrigen Kolonialbesitz und an zweiter Stelle Singapore undCeylon in Frage kommen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Damit wurde die damals, und bereits vor dem Krieg, herrschende Hypertrophie des Denkens noch einmal brachial unterstrichen und verdeutlicht, dass es Deutschland in Wahrheit keinesfalls lediglich um die Neuordnung der europäischen sondern der Weltkarte ging. Hier durchaus mit Bunsen einig, der 1854 offiziell keinesfalls eine neue „Weltdiktatur“ wollte. Wiewohl er, angesichts des zögerlichen Königs, dieses wohl zurückgestellt haben mag. Denn der Durchbruch Preußens zur fest etablierten Großmacht mochte durchaus als Zwischenziel gelten.

Bunsen: Preußen stärken durch Annektionen.

Diese, Bunsen im März 1854 zur Last gelegten, exzessiven Annektionsziele gegenüber Russland wiedersprachen allerdings frontal der Politik des Zauderns und Verzögerns, die Friedrich Wilhelm IV. verfolgte. Der preußische Gesandte in London vertrat damit eindeutig die Vorstellung derjenigen Gruppe, die das Bündnis mit den Westmächten vertrat, und votierte so unübersehbar für den Krieg mit Russland. In der Folge entzündete sich ein Flächenbrand im politischen Berlin, der sich zwischen den politischen Parteien liberaler und konservativer Prägung explosionsartig ausbreitete. Einerseits die Quasi-Nötigung des Königs, andererseits Vorstöße und Äußerungen von verantwortlichen Mitgliedern der Wochenblatt-Partei, wie zum Beispiel Albert von Pourtalès, führten zu einem Machtkampf zwischen den Parteigängern liberaler und konservativer Prägung am preußischen Hof. Damit überschritt die Diskussion um die Pro-Ost oder Pro-West Orientierung der preußischen Außenpolitik ihren Kulminationspunkt. Der Versuch scheiterte, dem König das englische Bündnis abzupressen. Damals trat, mit dem Ausscheiden der Wochenblatt-Partei aus sämtlichen politischen Positionen, ein – in dessen Fernwirkung von geschichtlichem Ausmaß –  geradezu schicksalhafter politischer Erdrutsch ein. Die Auswirkungen dieser Tage im März 1854 sollten bis in unsere Tage reichen.

London umwirbt noch eimal Preußen.

Denn, so wie Bunsen, nach seiner Einlassung und der Ablehnung des englischen Bündnisses durch den Dynasten, fragte, wo nun Preußens „Stellung in Europa“ und in Deutschland bliebe, so stellt sich diese Frage, im Jahre 2014, der Berliner und Brüsseler und NATO-Politik. Schließlich sehen diese Mächte sich, heute wie damals, gezwungen, zwischen West- und Ostanbindung zu entscheiden. Als erhellend mögen sich heute die Ausführungen Lord Clarendons lesen, die dieser im Gespräch mit Bunsen machte, und an die Addresse des preußischen Königs wie dessen Ministerpräsidenten richtete. Er führte gegenüber Bunsen, quasi in der Funktion eines „Brautwerbers“, aus, Preußens „Heer, das wisse man, könne in 14 Tagen jeden Einfall unmöglich machen. Außerdem rücke jetzt Oesterreich mit 150.000 Mann heran, an die Donaulinie. Am meisten aber betrübt, … dass Eure Exzellenz [von Manteuffel] noch von der ‘türkischen Frage’ … . sprächen. Er wolle sagen, es sei nicht allein eine europäische Frage, sondern eine deutsche, und wieder insbesondere eine preußische Frage. Preußen solle sich nicht verhehlen, dass seine Freunde für es zitterten: seine politische Bedeutung, als erste deutsche, und größte protestantische Macht des Festlandes stehe auf dem Spiel. Er spreche als Engländer, als Protestant, als Freund. Oesterreich habe Preußen überflügelt: noch sei es Zeit anzuknüpfen an alles Gethane. Der Krieg könne nicht lange dauern: … es werde nicht mal zweier Feldzüge bedürfen“. (Hervorh.v.m., B.S.)

Auf der Höhe der Krise 1854: Analog 1914/2014.

Hoffnungen, Gefährdungen, Tatsachen.

So wie das Bild vom kurzen Krieg des Jahres 1914 auftritt, so hatte Bunsen, angesichts des erneuten russischen Druckes auf Berlin, „den Kriegschutz der englischen Flotte in der Ostsee, [und] zum Schluss die preußische Erwerbung der russischen Ostseeprovinzen sehr deutlich zwischen den Zeilen verlangt“.

Doch war die Lage keineswegs so geartet, dass sich ein frisch-fromm-fröhlicher Krieg bereitwillig vom Zaune brechen ließ. Einerseits war die russische „Präponderanz an der Spree“ wieder hergestellt „und befestigt“. Auch der Versuch, „Preußen und den König unabhängiger von Rußland zu stellen, war völlig gescheitert“. Berlin erkannte zunehmend die Gefahr, in ein „zentral europäisches Kriegs-Theater“ hineingezogen zu werden. Einmal an der „Heerstraße zwischen Ost und West“ gelegen, weiter wenn Polen von den Westmächten angegriffen werden sollte, und ferner, wenn sich Preußen weiter neutral hielte, würden die anderen Mächte keine Veranlassung sehen, den Kriegsschauplatz nicht von der Donau an die Newa oder den Rhein zu verlegen.

Mitte des Monats März klärte sich der Kriegswille Englands und Frankreichs so weit, dass es zu einem Kriegshilfe-Vertrag mit dem Osmanischen Reich kam. Weiter aber verstärkte sich gleichzeitig der Druck Frankreichs auf die Rheinlinie, und Ende des Monats schien es möglich, dass Paris auf Berlin marschierte. Demgegenüber aber vertrat der Londoner Geschäftsträger nach wie vor seinen Plan einer Vergrößerung Preußens auf Kosten Russlands. Der Vorwurf der Bunsen gemacht wurde, darüber ein Abkommen getroffen zu haben, entsprach jedoch keinesfalls den Gegebenheiten. Allerdings hatte er sich wohl, für die preußischen Verhältnisse zu deutlich, zum Parteigänger der Kriegspläne Englands gemacht.

 

 4. Kapitel: Die Tradition des „Generalkrieges“ gegen Russland

Englischer Angriffsplan.

Es erscheint durchaus nicht fernab, wenn wir heute – unter dem Gesichtswinkel der Ukraine- und Krimkrise – uns in Erinnerung rufen, dass die NATO gleichwohl in den vergangenen 10 Jahren das Gleiche getan hat, was Bunsen am 1.3.1854 Friedrich Wilhelm IV. vorschlug; nämlich Russland durch Gebietsabtretungen derart zu schwächen, dass es als Großmacht und Machtfaktor auf Jahre, beziehungsweise Jahrzehnte, nicht mehr in Erscheinung treten könne. Eine Entwicklung die sich nach 1991, dem Zusammenbruch der UdSSR, auch tatsächlich vollzog. Und die Einbettung in eine westliche Staatengruppe, viele mögen an die NATO und die EU denken, fand ihre Parallele in den Besprechungen des preußischen Botschafters in London. Weiter mögen sogar Parallelen zu der Enthüllung der Angriffspläne der britischen Führungselite auf Russland, im Oktober 1853 nachzuzeichnen sein. Auch der Prinzgemahl Albert hatte gegenüber Bunsen, bereits vor geraumer Zeit, ähnliche Vorstellungen geäußert. Der preußische Geschäftsträger erklärte im Nachhinein, deutlicher werdend, im Oktober 1853 – das Osmanische Reich erklärte Russland den Krieg – habe er auf Schloss Windsor, aus der Hand Palmerstones, den Plan der Westmächte zur Kenntnis erhalten, wie mit Russland verfahren werden solle. Es sei „der Beschluss der Westmächte [gewesen], im Interesse europäischen Gleichgewichts, eventuell zu einer Gebiets-Verringerung Rußlands alle Kräfte aufzubieten“.

Es habe sich dabei um „vier Denkschriften über die orientalische Frage“ gehandelt. Diese seien aus den Federn des Prinzen Albert, der Lords Aberdeen, Russell und Palmerstone geflossen. Dieser habe „die Idee eines Austausches der Lombardei gegen die [Donau-]Fürstentümer“ vertreten, um Österreich mit ins Boot zu holen. Diesen Plan habe ihm, im Monat Februar, der Prinz Albert, bestätigt. Nun seien London und Paris hinter diesen Plan – und auch die lombardischen-walachische Rochade mit Österreich – getreten; das sei am 14. Februar bestätigt worden. Lord Clarendon habe über die „Grundidee des Operationplanes“ gesprochen, und er, der preussische Gesandte, habe über den „Beschluß der Westmächte“ nach Berlin berichtet. Gerüchte über die „’Eroberungs-Pläne’ der Westmächte“ seien seit November 1853 in London im Umlauf gewesen. Bunsen habe sich bemüht, eine Erklärung Englands dazu zu erhalten. Nachdem London und Paris Übereinkünfte getroffen hätten, sei auch Lord Clarendon bereit gewesen, dazu Erklärungen abzugeben. Dieser habe formuliert:

„Preußen welches von dem unmittelbaren Kampfplatz an der Donau entfernt ist, und seine Ostgrenze offen hat, gegen Rußland, das mit einem starken Heere, schlagfertig in Polen steht, kann an den ersten Kriegs-Operationen nicht teilnehmen, und darf nicht gedrängt werden, während England und Frankreich zur See, und Oesterreich, – wie angenommen wird – an der Donau einschreiten“.

Bunsen für den „europäischen Generalkrieg“ (von Finnland bis zum Kaukasus).

Preußen solle eine ehrgeizigere Politik verfolgen, empfiehlt Bunsen dem, der Wochenblatt-Partei zuneigenden, Kronprinzen. Damit widerrät der Geschäftsträger seiner Formulierung, er habe keinesfalls zu einer offensiven Politik gegenüber Russland geraten. Bunsen plädiert – neben einer ehrgeizigeren Politik – dafür, den bestehenden Einfluss auf den König zu koordinieren und unter Beachtung „strenger Disziplin, Verschwiegenheit und Muth sowohl gegenüber dem Auslande als namentlich gegenüber einer öffentlichen Meinung zu handeln, der man die letzten Zwecke nicht von Hause aus mitteilen“ könne. Bunsen warnt den Kronprinzen Wilhelm „vor einer gefährlichen Zukunft“. Bunsen plädiert offen für den Krieg mit Russland, und die Aufwertung Preußens durch Annexionen. Diese Vorstellung des preußischen Geschäftsträgers berührte sich mit den Zielen der Westmächte gegenüber Russland, nämlich nicht mehr lediglich den Krieg „an der Donau“ in Form „eine[r] Lokalisierung zu führen“, und lediglich „das begangene Unrecht Rußlands für diesmal zu ahnden, sondern … die Wiederkehr ähnlicher Übergriffe ein für allemal [und] ein Russisches Übergewicht über Mitteleuropa auf sein Maß zurückführen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Hier berühren sich die Kriegsausbrüche 1854 und 1914. Die Lokalisung des Konfliktes 1914 auf Serbien berührt sich mit dem Plan von 1854, zunächst in Moldavien gegen Rußland anzusetzen. Dass rasch diese begrenzte Vorstellung überlaufen wurde, und das 1854 wie 1914, drängt sich hier auf. Der preußiche Botschafter sieht das „europäische Gleichgewicht“ nunmehr „gegen Rußland gerichtet“, nachdem die Quadrupel-Allianz inzwischen durch das Wiener Protokoll sich zu einer „Quadrupelaction“ gegen Russland vereinigen werde. So nimmt Bunsen erneut eindeutig Stellung gegen den „Lokalkrieg“, und verwendet er sich mit aller Energie für den „europäische[n] General-Krieg“ der „kurz und entscheidend“ ausfallen werde. Hier der erneute Bezug zu 1914. Das Bild vom kurzen Krieg war vor 1914 leitend in den Köpfen, sowohl der Generalstäbler wie der leitenden Politiker. Dieser Generalkrieg dehne sich „von Finnland bis nach der Donau und  Kaukasisen hinunter“. Diese Vorstellung mochte schon den unbedarften Beobachter überraschen, haftet dieser doch bereits im damaligen Maßstab ein Geruch von Weltkrieg an. So verdient diese Aussage des preußischen leitenden Diplomaten in London insgesamt, und im Zusammenhang, zitiert zu werden. Bunsen faßte geradezu provozierend scharf zusammen:

„Jedenfalls wird der See- und Lokal-Krieg langwierig und unentschieden sein, deshalb ungeheure Opfer ohne entsprechendes Resultat verschlingen:der europäische General-Krieg gegen Rußland ist kurz und entscheidend. … Der Zweck des Krieges gegen Rußland muß doch zunächst der sein, Rußland zu bezwingen. Ist dies geschehen, so legt man ihm solche Friedensbedingungen auf, als für die Ruhe und das Wohl Europas notwendig erscheinen. Aus diesem Gesichtspunkt kann nicht der Lokalkrieg am Schwarzen und Baltischen Meer, sondern allein der Generalkrieg von Finnland bis nach der Donau und Kaukasienhinunter, rational erscheinen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Damit war das Kriegsziel, der Zweck des Russlandkrieges, aus der preußisch-liberalen Sicht offengelegt. Bunsen wagte offensichtlich, dies so deutlich zu sagen, da er sich mit den Vorstellungen in London und Paris eins wusste.

Der andere Weg der preußischen Politik. Absage an Großmachtstatus, Risiko und aktive Politik.

Doch in Berlin herrschte, im Kabinett Manteuffel, die Vorstellung von „der Herstellung eines Neutralitätsgebietes von 70 Mill[ionen]. in der Mitte von Europa“. Der Londoner Geschäftsträger erwartete jedoch, „dieses Neutralitätsgebiet würde Rußland volle Freiheit geben, den Krieg an der Donau u[nd]. etwa in Finnland mit überlegenen Kräften zu führen“.

Damit hatte sich Bunsen sehr weit vorgewagt, und die Kreuzzeitung, wie der Ministerpräsident, sahen sich folgerichtig in der Lage, einen erneuten Angriff gegen Bunsen zu führen, um den Störenfried endlich zu entfernen. Doch diesmal griff die Intrigue weiter aus und auch der Kriegsminister – wie Albert von Pourtalès, Usedom und Robert von der Goltz – wurden miterfaßt. Selbst der Prinz von Preußen verliess darauf Berlin, in der Erkenntnis, seine liberalen Anhänger würden aus der Zentrale der Macht verdrängt. Letztlich hatte wohl das Argument der Gerlach, Stahl und Bismarck, Bunsen habe „es … dahin bringen“ wollen, „einen Krieg der Heiligen Allianz gegen die Westmächte herbeizuführen“ zu dem, für die Konserativen, durchschlagenden Erfolg geführt und den König letztlich dazu bestimmt, sich gegen die Wochenblatt-Partei  und deren liberales Umfeld zu entscheiden. Blanke Kriegsangst war es demnach, die Preußen vor einem eindeutigen Votum für die Westmächte, und damit dem Krieg, bewahrte. Schließlich war die preußische Armee nicht kriegsbereit. Ein entscheidendes Faktum, das auch 2014 auf Bundeswehr, NATO und EU zutrifft.

Dennoch, und letztlich pro forma, fragte Friedrich Wilhelm IV. bei Moritz August von Bethmann Hollweg an, ob dessen Wochenblatt-Partei „gegen oder für diese“ seine „unwiderruflichen Entschlüsse“ stimme. Für die darauf folgende erstmalige außenpolitische Diskussion in der Kammer des Preußischen Landtages bereitete Robert von der Goltz daraufhin eine grundlegende Stellungnahme der liberal-konservativen Parteigänger zu den Eventualitäten eines „englischen Bündnisses“ vor.

Wochenblatt-Partei für englisches Bündnis und Großmachtstatus.

Gegen eine Neutralität Preußens.

Weder ein die „isolierte Neutralität“ respektierendes Preußen, noch ein – mit den Westmächten erfolgloses Österreich – und folglich ein „ringsum cerniertes Preußen“ – schienen Goltz weiterer Beachtung wert. Stattdessen entwickelt er seine Sicht der strategischen Lage Europas: „Die Westmächte haben für sich gegen Rußland die Herrschaft zur See … Hierdurch wird Rußland verhindert, dem Neutralitäts Complex irgendeine bedeutende Hüfe zu leisten. …

Sie haben gegen Oesterreich den Bestand von ganz Italien namentlich Piemont, die Blockade von Triest, so wie den Aufstand in Ungarn und derLombardei.

Deutschland und dessen Zersplitterung und die geringe Widerstandsfähigkeit am Oberrhein, die Vernichtung des maritimen Exports, die Beschäftigung mehrerer Armeekorps allein zur Besetzung der langen Ostseeküste: Endlich den englischen von Oesterreich nicht unterstützten Kampf am Rhein gegen das mit Belgien verbündete Frankreich. Dänemark wie Holland dürften wahrscheinlich von den Westmächten gleichfalls zum kriegerischen Einschreiten gegen Deutschland genötigt werden“.

Eine „Complentatitive Neutralität“ erschien somit von der Goltz wenig erstrebenswert. Die Westmächte seien zu einem derartigen Vorgehen entschlossen. Preußen drohten, im Falle der Neutralität, härtere Kämpfe, als wenn Berlin am Russland-Krieg teilnähme. Allein die Verbindung mit England würde Preußen sichern. Damit wäre die Rheinlinie geschützt. Bliebe Preußen dagegen isoliert oder „complexiv neutral“, so würde es England und Frankreich gegen sich haben.

Für die Kombination mit Österreich und den Westmächten.

Denn der Weg führe über Österreich, mit dem man sich verständigen könne, und dessen Unterstützung das Verhältnis mit den Westmächten zu kontrollieren erlaube. So sieht Goltz die preußische und die österreichische Armee bereits marschieren, und erwartet, dass den „russischen Armeen im Caukasus, an der Donau und in Finnland wie an der Ostsee“ der Rückhalt entzogen werde.

Damit würde auch den Westmächten, mit ihren Armeen in Verbindung mit den Türken, Carcassen und Schweden, die Tür zum Sieg offenstehen. Allerdings, und dieses Argument war allen preußischen Stellen gemeinsam, bestünde die Gefahr, dass die Westmächte, so Berlin sich in deren Hand begebe, dieses die Zeche allein zahlen ließen.

Englands Kriegsentschluß.

Doch das englische Bündnis fand in London herausragende Unterstützung. Der Prinzgemahl der Queen Victoria, Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, betrieb geradezu eine Nebenregierung zur offiziellen englischen Politik, in dem Bestreben, das Bündnis mit Preußen Wirklichkeit werden zu lassen.

Bunsen hatte, in intensiven Kontakten mit dem Prinzgemahl das preußisch-englische Verhältnis verbessert, mit dem Ziel ein Bündnis mit London zu schließen. Dass ihm im Folgenden vorgeworfen wurde, er habe Gebietsabtretungen auf Kosten Russlands vereinbart, war in der speziellen Konfliktsituation am Berliner Hof begründet. Der Botschafter gab im Nachhinein an, der Prinzgemahl Albert habe ihm vor etwa sechs Monaten, im Herbst 1853, bereits mitgeteilt, was geschehen würde. Dasselbe sei auch gegenüber dem Prinzen von Preußen geschehen. Es ging, bereits zu diesem Zeitpunkt, das heißt parallel zur Kriegserklärung des Osmanischen Reiches an Russland, um Palmerstones Angriffsplan auf Russland.

Vom Kriegsentschluss Englands – bis zur Entwicklung der Diskussion von verschiedenen Operatiosplänen des Prinzen Albert und der Lords Russel, Aberdeen und Palmerstone – gelangt London, Ende des Monats Februar 1854, zu dem lombardisch-walachischen Austausch- und Ausgleichsplan, zwischen Österreich-Sardinien/Piemont und Frankreich.  Der preußische Geschäftsträger wurde erneut in die inner-englische Diskussion eingebunden, indem Lord Clarendon ihm die Grundidee des Operstionsplanes gegen das Zarenreich erläuterte.

Es gab also einen englischen Kriegsentschluss, der aus dem Herbst 1853 datierte. Bunsen war vorsichtig in der Formulierung einer möglichen Beteiligung Preußens er bestätigt: „Preußen welches von dem unmittelbaren Kampfplatz an der Donau entfernt ist, und seine Ostgrenze offen hat, gegen Rußland, das mit einem starken Heere, schlagfertig in Polen steht, kann an dem ersten Kriegs-Operationen nicht teilnehmen, und darf nicht gedrängt werden …“

Die Nebenregierung Prinz Alberts und das Preußische Bündnis.

Der Briefwechsel des Prinzgemahls Albert mit seinen Verwandten in Deutschland fördert einen regen Gedankenaustausch zu Tage, der nachweist, wie entschieden und zielgerichtet die Londoner Führung auf den Krieg in Russland zusteuerte. Von der Erwartung, dass England allein den Kampf  mit Russland nicht bestehen werde, ausgehend, schien Preußen den geeigneten Bündnispartner darzustellen. „In Preußen“ sei doch „die Nation nichts, der König und sein Ministerium alles“. Aus der Sicht der Coburger allerdings mangelte es in Berlin an einer befähigten Persönlichkeit. In London herrschte die Überzeugung, wenn eine solche aufträte, „morgen einem Bündnis Englands mit Preußen nichts im Wege“ stehen würde.

Entscheidend für die Fortdauer dieser Entschlusslosigkeit Berlins blieb, und sollte in Zukunft bleiben, die Bindung der englischen Regierung an das Parlament und dessen notwendige Zustimmung zu jeglicher Bündnisvereinbarung. Das, was Bismarck gegen Ende der achtziger Jahre, und Bethmann Hollweg zu Beginn des neuen Jahrhunderts, beschäftigen sollte, wurde hier im März 1854 verfestigt und  angesichts der doktrinären Sicht der Preußen, und der eher locker-flexiblen Haltung Englands, unüberbrückbar.

Es wurde von englischer Seite bekräftigt:

„Wenn Preußen unsere Allianz für den gegenwärtigen Konflikt sucht, so werden wir antworten: wir können die Allianz nicht versprechen ohne den Consens des Parlamentes zu haben, und wir sind – im Voraus gewiß, daß das Parlament für eine solche causa belli den Consens nicht geben wird. Anders wäre die Sache, wenn die Kriegsursache große Interessen berührte und Russland oder Frankreich mit in den Kampf hineinzöge. Auch dann könnten wir nichts versprechen ohne Consensus des Parlamentes, aber dieses würde in einem solchen Fall die Zustimmung wohl ertheilen“.

Prinz Albert signalisierte ein besonderes Interesse an einem Bündnis mit Preußen, und gewann damit quasi Position und Bedeutung einer Nebenregierung. Während Coburg eher mit einem Bündnis zwischen London und Paris rechnete, betonte der Prinzgemahl „ein viel directeres Interesse  Preußens an der Frage als England oder Frankreich“.  Diese sei „für Deutschland eine Lebensfrage, während sie für uns ganz anderer Art ist; denn an der ganzen langen Linie der preußischen [und] der oesterreichischen Grenze drückte der russische Coloss, während wir gar keine Berührung mit ihm haben außer die Indignation, welche die unglaublichen Rechtsverletzungen auf allen Teilen des Kontinents hier erregen“.(Hervorh.v.m., B.S.)

Englands Kriegsplan und preußisches Schwanken.

Und im Folgenden entwickelte Prinz Albert den Kriegplan und die Kriegsvorbereitung der Westmächte. Er entwickelte: „Unsere Kriegsoperationen gehen vorwärts und zumal so schnell als die französischen. Die Flotte in der Ostsee wird ausgezeichnet schön, wenn nicht etwas zu schwer für das schwarze Meer. Die 25.000 Mann für Constantinopel [von denen] 10.000 gerade in Malta angekommen, die Artillerie wird durch Frankreich gehen und auf des Kaisers Wunsch durch Paris marschieren!! Wer hätte sich so etwas vor einem Jahr denken können!“

Doch gleichzeitig machten sich sich die Folgen des System Manteuffel in Berlin bemerkbar, eines “de faire semblant“. Die erneute Zurückhaltung Preußens ließ es möglich erscheinen, Preußen werde nun „auf die russische Seite geworfen“. Die Coburger erkannten die Schwäche Berlins in dessen König Friedrich Wilhelm. Herzog Ernst schrieb dem Prinzgemahl, der König liebe es „mit sspitzigen Instrumenten zu spielen, sie aber nicht zu gebrauchen“. Die Kreuzzeitung plädiere für ein Bündnis mit Russland. Es ging um eine Art von Neutralität. In dem künftigen Kampf mit Russland stehe Preußen wohl zwischen den Fronten, so des Coburgers scharfe Beobachtung. Auch der preußische Ministerpräsident stehe zwischen den Fronten und neige wohl einem Bündnis mit Russland zu. Was Maneuffel den Westmächten offeriere, sei jedoch lediglich eine Art von Neutralität. Darin, so Herzog Ernst, entstehe eine große Gefahr für Preußen, das „für den großen Kampf, der sich jetzt vorbereite“, verloren sei. In Süddeutschland werde zumal geäußert, Preußen entwickele sich an der Zeit vorbei. Dieses sei nicht mehr nur ein deutscher sondern ein europäischer Großstaat. Zudem sei die Konfusion in Berlin größer denn je, und es grassiere der Glaube, eine, wie auch immer geartete, Neutralität könne den Krieg mit Russland verhindern. Kurz gesagt, Preußen werde sich zwischen einem kriegsbereiten Österreich und den Westmächten in eine neutrale Sackgasse hineinentwickeln.

Dahinter stecke, so Friedrich von Baden, in Berlin dennoch die Überzeugung, dieses könne unmöglich mit Russland gehen. Andererseits aber werde versucht, die „Wendung gegen dasselbe so lange als möglich [zu] verzögern“, um schließlich „sagen zu können, man sei gezwungen“. Es überrascht, wie entschlossen der Großherzog von Baden „für das entschiedene Vorgehen gegen Rußland, als den glücklicheren Weg“ votiert.

Unsicherheitsfaktor: Das revolvierende Frankreich.

Doch kompliziert die französische Politik zusätzlich die labile Entwicklung zwischen West und Ost. Napoleon III. sucht nämlich einen außenpolitischen Erfolg in Norditalien und droht, Sardinien-Piemont, die italienische Befreiungsbewegung, gegen Österreich loszulassen, um so Wien an die Seite der Westmächte zu zwingen. Ähnlich wie Bethmann Hollweg/Kiderlen 1911 in der zweiten Marokko-Krise mit England zu verfahren suchten (Bethmanns Gespräch mit Lichnowski im Februar).

Im persönlichen Gespräch hatte der Kaiser Herzog Ernst durchaus diese Möglichkeit als naheliegend dargestellt, zumal er das Risiko eines Zurückschlagens der Revolution auf Frankreich in Kauf zu nehmen schien, übergreifend zugunsten seiner Interessen und der europäischen Stellung Frankreichs.

Wie sehr Napoleon jedoch mit dem Feuer spielte, wird deutlich, wenn wir uns das ungeheure Leiden Europas unter den kriegerischen Folgen der Französischen Revolution zwischen 1789 und 1815 vor Augen führen, und  uns zusätzlich vergegenwärtigen, wie sehr, und nahezu Atom-bombengleich die Gefahr der Revolution, noch um die Mitte des Jahrhunderts, im allgemeinen Bewusstsein der Menschen verankert war (vgl. Leopold von Gerlach zu Bismarck).

Die Anti-Ost-Ausrichtung Westeuropas.

Demgegenüber überrascht natürlich auch die Einheit des Kriegswillens der englischen Führungseliten im Gegesatz zu der zerrissenen Haltung Berlins. London war entschlossen, gründlich mit Russland aufzuräumen. Eine Abstinenz Österreichs vom Krieg gegen Russland, so Herzog Ernst, werde – nach der Aussage Napoleons –  zum Krieg in der Lombardei führen. Feinsinnig deutete der französische Kaiser an, er werde „in einem solchen Fall, selbst wenn er wolle, die revolutionäre Partei Italiens … nicht zurückhalten können“.

Regierung und Hof in London seien einer Haltung in deren Entschlossenheit, den Krieg mit Russland durchzuführen. Die englische Diplomatie sei – zu einem Zeitpunkt zu dem in Berlin noch um moralische Instanzen in der Politik gerungen wurde – nach wie vor bestimmt von einer „Interessen-Politik“. Man solle sich nicht täuschen, es sei ganz und gar nicht das Ziel Londons, „einen betrügerischen Frieden“ herbeizuführen. Beschlossen sei nun, ob mit Paris, Wien oder Berlin, oder nicht, „die letzten Ursachen der Störung des Friedens gründlich zu entfernen und damit die Gefahr der Wiederkehr künftiger Störungen zu beseitigen“. Interessant auch wie Prinz Albert diesen Zusammenhang seinerseits darstellt, und ferner, wie nah diese Argumentation von 1854 jener im Berlin des Jahres 1914 kommt. Der Prinzgemahl der Queen Victoria unterstreicht:

„Die Hauptsache ist, den nun unvermeidlichen Krieg so schnell als möglich zu beenden. Das kann nur geschehen, wenn Europa fest zusammensteht; ein solches Zusammenhalten gibt zugleich die beste Garantie dafür, dass dieFrage, um derentwillen der Krieg geführt wird, nicht in andere ausarte, die ihr ursprünglich fremd sind. … Aber gewiss ist, dass wenn Europa jetzt gegen Rußland zusammenhält, die Lösung der Interessen Europas entsprechen muß, während sie die Realisierung der Interessen Rußlands unmöglich macht“.

Was aber nun machen 1854 die Interessen Europas aus? Ist Russland der alte Gegner Europas? Und wie nimmt sich das heute aus? Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha spricht von einem „intimen[r] Haß gegen Rußland“ im deutschen Volk. War es allein die Revolutionsfurcht, die damals die Politikergehirne beherrschte, die, wie Prinz Albert vertritt, Preußen und Österreich an Russland band? Die Pressionspolitik Russlands seit 1815, und die Verhältnissen von 1848, 1850, 1854 drängen sich auf im Vergleich mit 2014. Steht, so die Frage heute, angesichts der jüngsten Ereignisse, eine Entwicklung wie damals, nämlich eine Politik des Abstandnehmens von Petersburg, nach Jahrzehnten wieder an? In den schicksalschwangeren Wochen des März 1854 formuliert dazu der Prinz-Gemahl der Queen Victoria einige Leitgedanken. Er hält fest:

„Die öffentliche Meinung Deutschlands ist seit langem wesentlich anti-russisch. In der deutschen Nation ist ein intimer Haß gegen Rußland. Würde Deutschland in einen Krieg mit Frankreich für  Rußland gerathen, so würde durch das entgegen stehende Nationalgefühl die Vertheidigung Deutschlands wesentlich vielleicht entscheidend paralysiert werden“.

Entwicklungsbremse: die preußisch-österreichische Dichotomie.

Interessant, wie ausgeprägt in Preussen nach wie vor das diffiziele Verhältnis zu Wien im Vordergrund stand. Auf der einen Seite herrschte noch das Gefühl, wie zu Zeiten Friedrich Wilhelm I., nämlich einer  inneren Verpflichtung Berlins für Wien, der alten Kaisermacht, andererseits die Dichotomie zwischen Preußen und Österreich, die mit Friedrich II., und den schlesischen Kriegen, aufgebrochen war. So lag, aus der Sicht des Prinzen Albert, das Haupthindernis für ein preußisch-englisches Bündnis in Berlin. Einmal sei der Einfluss Österreichs auf Preußen ungebrochen, andererseits bekämpften sich „unterhalb des Königs … zwei Parteien … deren Siege oder Niederlagen die Schwankungen der preußischen Politik“ hervorbrächten. Zunächst die Kreuzzeitungs-Partei, welche „die russischen Intentionen“ favorisiere. Diese habe einige Zeit lang auch die österreichischen Interessen vertreten.

Der Ministerpräsident stand zwischen dem König und den Parteien, und neigte, während der Krim-Krise, den Vorstellungen der westlich orientierten Wochenblatt-Partei zu. Entscheidend schien es dem Prinzen, die „russische Partei“ am Berliner Hofe zu entmachten. Denn selbst die Wochenbättler, die durchaus anti-österreichisch, aber noch weit mehr anti-russisch seien, tendierten im Grunde nach London und Paris. Jedenfalls würden diese sich einer „Action Oesterreichs gegen Rußland aufrichtig und ohne Hintergedanken anschließen“. So stehe, aus der Sicht des Londoner Hofes, die den deutschen Verhältnissen eigentümliche preußisch-österreichische Rivalität einer zügigen Fortentwicklung der deutschen und europäischen Verhältnisse entgegen. Und die Kreuzzeitungs-Partei, so Prinz Albert, habe schließlich erklärt, „wenn sich Oesterreich gegen

Rußland ausspreche“, würde sie „ein Bündnis mit Rußland dem mit Öst[errei]ch vorziehen“. Der Prinzgemahl erläutert, diese Partei habe „stets nur einen oesterreichischen Schein gehabt“, und würde sich sofort „bei Unglücksfällen der Coalition … im Bunde mit Rußland gegen Oesterreich … wenden“.

Um die politische Deutungshoheit zwischen Ost und West.

So bekämpften sich die verschiedenen Sichten in Berlin im Schatten eines unentschlossenen Königs. Eine Situation, die vordergründig an den Reichskanzler von 1914, und, unter Umständen, die Bundeskanzlerin von 2014 erinnert. Diese kämpften 1852/54 allerdings derart erbittert, dass die Argumente. wie jenes der Revolution, wie der Vorwurf, eine antiquierte Politik zu vertreten, sich unversöhnlich im Raum stießen. Das ging so weit, dass Bismarcks Plan, das Rheinland – um Kompensationen in Italien zu gewinnen – Frankreich zu überlassen, von der Wochenblatt-Partei als in der sozialen Ideologie der ostelbischen Junker verankert sah. Dahinter verbarg sich der Vorwurf, die Konservativen würden Preußen allein lassen. Dagegen schwelte hinter der Position der Liberal-Konservativen deren tiefes Misstrauen gegenüber dem griechisch-orthodox bestimmten Zarentum. Andererseits, so hieß es, werde Russland nie völlig aus Europa ausscheiden. Für die Konservativen bestand die Gefahr, Preußen werde „bloß die Kohlen für die Westmächte aus dem Feuer holen“, falls sich Berlin in den Krieg mit Petersburg hineinziehen lasse.

Die Wochenblatt-Partei ihrerseits betonte daraufhin die Gunst der geschichtlichen Lage, „einen Schritt vorwärts zu tun auf der Bahn zu preußischer Größe“. Dies wurde erschwert durch die Erwartung, auch Albert von Pourtalès, Frankreich werde sich dem entgegenstellen, und stets auch an einem „englischen Bündnis“ beteiligt sein. Eine Ausdehung Frankreichs, auf dessen traditionellen Bahnen territorialer Expansion, nämlich nach Nordosten, wurde in Berlin akut befürchtet. Dagegen aber würde gerade das preußisch-englische Bündnis wirken. Pourtalès vertrat somit gegenüber Manteuffel die Poition, zunächst mit England zu gehen, und darauf „mit dem uns dann zu Dank verpflichteten Großbritannien nach Westen hin Front zu machen“. Hier blitzt die Idee des „Festlandsdegens“ auf, die in Deutschland später – vor 1914 und nach 1934 – zur Geltung kommen sollte. Es schwang jedoch in den Vorstellungen der Wochenblatt-Partei ein durchaus aggressiver Unterton mit. Nämlich jenes erklärte Ziel, des Aufstieges Preußens zu einer gefestigten Großmachtposition. Eine Projektion, welche dem – nach 1870 – halbhegemonialen bismarckischen Reich ebenfalls innewohnen sollte. So erklärt sich das ständige Ringen der preußischen Vertreter mit den westlichen Verhandlungspartnern um die Anerkennung und Berücksichtigung Berlins als „ständige Großmacht“.

Einerseits von London bedrängt, sich außenpolitisch dem Krieg mit Rußland anzuschließen, andererseits vom österreichischen Kaiser genötigt, die preußische Armee Front nach Osten aufnehmen zu lassen, sah sich der preußische König innenpolitisch gezwungen, sich zwischen der liberal-konservativen Vorstellung des Landgewinns im Osten durch Krieg und jener der konservativen Kreuzeitung, mit Rußland gegen Frankreichs auflebenden Exopansionismus die Rheinlinie zu halten, zu entscheiden. Bunsens große Denkschrift zu den orientalischen Verhältissen hatte Friedrich Wilhelm schlaglichtartig die der Situation innewohnenden Gefahren vor Augen geführt, und zum erschreckten Zurückweichen des Königs vor so viel geschichtsmächtiger Konsequenz geführt. Schließlich waren sich die Liberalen (Bunsen) durchaus der fragilen Grenzen und ökonomischen Schwächen Preußens bewußt, das anders als das, hinter den Karparten und der Donau geschützt stehende Österreich, jederzeit vom kalten Lufthauch der russischen Armee gestreift werden konnte.

Dies gewichtige Argument ließ Bismarck für den „nordischen Dreibund“ votieren, war er aber doch gleichzeitig eher ein Vertreter der von den Liberalen verfolgten kühlen Interessenpolitik, die das konserative Lager seinerseits jedoch aus innerster Überzeugung zurückwies. In Deutschland überlagerten sich so nicht nur die preußische und die österreichische Politik, sondern bestärkte das unverkennbare Zögern Preußens auch den Verdacht der süddeutschen und mitteldeutschen Staaten, es mit Berlin nicht mit einer kommenden Führungsmacht zu tun zu haben. Eine Situation und ein Gedanke, die als von den Eindrücken des Jahres 2014 bekräftigt erscheinen könnten.

Bunsens Freund, Prinz Albert, findet harsche Worte zum Verhalten der Berliner Politik, enttäuscht diese doch dessen Wunsch ntscheidend, Preußen möge künftig mit dem Westen zusammengehen. Mit dem Ausscheren des Königs aus den Plänen der Liberalen, Preußen in die Arme Londons zu werfen, fallen einerseits harte Worte gegen Friedrich Wilhelm IV, andererseits aber zerfasert gleichzeitig  die Wochenblatt-Partei, deren Vertreter entmachtet, nun aus der Machtzentrale ausscheiden.

Im Schwarzen Meer laufen gleichzeitig erste Flottenoperationen, stoßen die Türken nach Norden und werden die Russen aus den Donaufürstentümern herausgedrängt. Das fördert in Berlin postwendend die leichtfertige Haltung, nun sei ja kein Grund mehr für überstürzte Rüstungen. Auch eine Haltung, die uns  1911, 1912 und 1914 bei Wilhelm II. immer wieder, und auch heute, begegnet, welche nun aber, 2014, unverzüglich die Retourkutsche Rußlands förder, militärisch NATO und EU überlegen zu sein. Solch kurzsichtiges Denken, so Pourtalès, fördere jedoch weiteren Macht- und Einflußverlust Berlins in Deutschland. Was folgt, entspricht vollkommen dieser Aussage. Österreich baut gegenüber Rußland eine einflußreiche Drohkulisse auf, und intensiviert damit die Verbindung zu den Westmächten. Geradezu seherisch fällt nun der Kommentar Pourtalès’ aus, der zu Bunsens und Jasmunds Forderung zurückkehrt und den „Kampf gegen die Übermacht Rußlands“ fordert. Diese sei auf Dauer zu brechen. Darin nun ganz einig mit London. Dies könne ausschließlich an der Ostsee eintreten. Die Westmächte seien hier ohne Mittel. Österreich werde im Norden ebenfalls nichts nützen. Dieses besetzte seinerseits gleichzeitig die Donaufürstentümer. Da Friedrich Wilhelm zu solchen Entschlüssen nicht fähig war, schlug sich nun Pourtalès in der Folge auf die Seite des Parlaments und votierte er, darin seiner Zeit weit voraus, in Bezug auf künftige vrfassungspolitische Entwicklungen, gegen die Monarchie.

Das englische Bündnis – ein Traum. Scheitern der Usedom/Wedellschen Mission.

Doch dies täuscht nicht darüber hinweg, dass die Wochenblatt Anhänger ihre Wunden leckten und politisch kaum noch Einfluss besaßen. So träumte dann auch Moritz August von Bethmann Hollweg gegenüber Usedom, im Dezember 1855, eher von künftiger Machtbeteiligung, als er wohl eben daran glaubte. Dennoch, eine zweite Mission, oder eine dritte oder vierte – wer weiß das genau – die Usedom Wedelsche, betrieb den Traum eines englischen Bündnisses erneut. Wenngleich deren Schicksal dem der voraufgegangenen entsprechen sollte. Denn erneut trat der Ministerpräsident von Manteuffel als Gegner dieser Art von Königs-Diplomatie auf. Auch traten Diplomaten in preußischen Diensten auf die Seite ihres Ministerpräsidenten, und dennoch zeigte sich erneut das besondere Interesse der Nebenregierung des englischen Hofes an einem solchen Projekt. Dabei fiel besonders ins Gewicht, mit welchen Worten die Queen den Gesandten Usedom begrüßte. Sie betonte, „die Schleifung von Sebastopol, [die] Reduction der Russischen Kriegsmarine im Schwarzen Meer etc. als ‘Consequence’ der 4 Garantie-Punkte Englands“.

Nicht zuletzt die wiederholten Fehlversuche, in London ein Bündnis zu Stande zu bringen, bedingten nun für Usedom-Wedel eine zusätzliche Hürde. London zeigte sich nämich inzwischen gegenüber preußischen Spezial-Missionen allergisch. Dennoch unterhielt sich Prinz Albert von Sachsen-Courg und Gotha, Gemahl der Queen, äußerst „offen und erfolgreich“ mit den beiden preußischen Gesandten. Das politische London machte letztendlich allerdings Front gegen die Preußen. Es wurde argumentiert, „die bisherige Politik“ Berlins „habe sich praktisch als bloße Schutzwehr Rußlands erwiesen“. Österreich schien auf die Seite der Westmächte gewechselt zu haben, und wurde nunmehr als Gegner Preußens verstanden. Ein Bündnis mit Berlin erschien deshalb nutzlos, da  „Preußen sein Heer gegen Rußland aufstelle, wenn Rußland sich etwa darauf verlassen könne, daß dieses Heer doch niemals gegen Rußland, sondern entstehenden Falls vielleicht ja gar gegen Österreich gebraucht werden würde? In dieser Sicherheit könne Rußland dann seine ganze Kriegsmacht aus Polen herausziehen u[nd] anderweitig verwenden“.

Russland werde durch Preußen entlastet. Das war einer der entscheidenden Eindrücke des Jahres  1855. Usedom reichte diesen Vorwurf postwendend weiter an Manteuffel, der wiederum im Gegenzug die Gesandten in London zu desavouieren suchte. Der Emissär warf dem Ministerpräsidenten vor, mit der „Wirklichkeit der Dinge verstecken zu spielen“. Doch der König stand nun überraschendenderweise entschlossen an der Seite Usedoms und forderte, „die bisherigen Schritte in London bei Lord Clarendon … fortzusetzen“. Die gegenüber Preußen weiterhin gereizte Atmosphäre hatte jedoch Bestand. Das meldete Usedom nach Berlin und erhielt daraufhin die Antwort, der König plane inzwischen „eine mit der Spitze gegen Rußland gerichtete bewaffnete Neutralität“. Preussen wolle weiterhin unabhängig in seinen Entscheidungen bleiben, herrsche doch nach wie vor eine bedeutende Sorge, angesichts der möglicherweise aus dem Westen importierten Revolution. Vor allem schaute Berlin mit Sorge nach Osten: auf Polen. Das nicht zu Unrecht, denn schließlich schien das berechtigt, da eine revolutionäre Bewegung in Polen das „gesamte Staatensystem in den Grundfesten … erschüttern“ mochte. So stand kurioserweise neben Preußen, England und Frankreich, auch Russland bereit in Polen militärisch zu intervenieren.

Alles lief darauf hinaus, dass Preußen im kommenden Frühjahr blockiert werden würde. Berlin schien inaktiv bis zum casus foederis. Dieses Verhalten gefährdete jedoch zugleich dessen beständige Großmachtstellung. Die Westmächte schätzten Preussen gering, und Österreich suchte die Entfremdung auszunutzen, welche zwischen Berlin, Paris und London eintrat. Gleichzeitig aber nahm der König seine Politik des „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß“ wieder auf. Nun beabsichtigtete die offizielle Politik Berlins auf das österreichischem Bündnis überhaupt zu verzichten, und, „im Sinne Pourtalès und Bunsens[,] den förmlichen Anschluss Preußens an die Westmächte“ zu vollziehen. Insgesamt schien der König Zeit gewinnen zu wollen. Einerseits drängte er mit dem Vertragsentwurf vom 4. Februar 1855 auf den Abschluß eines Bündnisses. Andererseits betont Manteuffel wiederum am 8. Februar, „die  Action Preußens sei von seiner Selbstbestimmung abhängig zu machen“; und schließlich folgte kurz darauf ein Telegramm des Königs, das vor zu großer Eile warnte. Übergreifend betrachtet, gingen die Kriege von 1854 und 1914 von ähnlichen Grundvoraussetzungen aus. Beide Mal ging es darum, „de repousser par la force des armes toutes aggression future de la Russie“.

Dazu war Berlin zu diesem Zeitpunkt, und in dieser politischen Konstellation, 1854 offensichtlich nicht bereit. Doch Lord Clarendon öffnete abschließend Usedom-Wedell gegenüber die Hoffnung, eine Revision dieser Haltung möge die Zukunft bringen, „that Prußia may think consistent with her honor and her interests“.

Schluß.

Gefahr durch den Abstieg Rußlands und der USA (zunehmender Militarismus, Kampf um die Suprematie auf der Nordhalbkugel, Konkurrenz der Weltmachtaspiraten).

Preußen, England, Rußland (1854). Deutschland, USA, Russland (2014)

England und Frankreich führten aus eigenem Entschluss den Krieg gegen Russland auf der Krim. Die russische Armee wurde auf dem Festland nach Norden zurückgeworfen, und sah sich in der Flanke und auf eigenem Territorium, vor Sewastopol gestellt.

Die Erwartungen der konserativen Kreuzzeitungsparteie wurden enttäuscht. Es kam in dem Unheilsjahr 1854 weder zu einem preußisch-russischen Bündnis noch zu einem allgmeinen europäischen Krieg. In Wien hatte die Kriegspartei gesiegt – in Preußen jene der Tauben. Anders als es bisher in der Forschung gesehen wurde, wird hier die Position vertreten, aus den Äußerungen des preußischen Botschafters in London, Bunsen, seien die radikalen tatsächlichen Vorstellungen ausgesprochen, zumindest jene des liberal-konserativen Teils der preußischen politischen Elite. Doch einerseits hielten politisch-theologische und juristische Vorstellungen der Vergangenheit den Gedanken an ein preußisch-englisches Bündnis wach. Vergangenheit war zu diesem Zeitpunkt bereits das konservative Bild eines preußisch-österreichischen Blocks, um den herum sich ein neues Europa bilden sollte.

Verschiedene Blickrichtungen, die eine nach Westen – die andere nach Osten, bestimmten in Berlin das politische Denken der Zeit. Die preußischen Konservativen verstanden das englische Bündnis in Kontinuität lediglich als Gegengewicht zu Frankreich. Keinesfalls aber als Alternative für das russische. Letzlich aus moralischem Getändel heraus, versagte sich die Kreuzzeitung bereits zu diesem Zeitpunkt einem Bündnis, das sämtliche Komplikationen der kommenenden einhundert Jahre aufgelöst haben würde. Der westlich orientierte liberale Geist in Preußen konnte sich gegen die konservative Tradition nicht durchsetzen. Das Aufflammen dieser Bewegung nach 1850 erstarb mit der Entlassung der Parteigänger der Wochenblatt- Partei aus den Regierungsfunktionen, im Zuge der Diskussion um die Thesen Bunsens um ein preußisch-englisch-französisches Bündnis gegen Russland 1853-54. Die Liberal-Konservativen warnten vor einer möglichen Herrschaft Russlands bis zum Rhein. Die Verhandlungen mit London scheiterten, da die Hände aus vielerei Gründen gebunden waren.

Wie der deutschen Administration von 1914 um Theobald von Bethmann Hollweg beabsichtigte die Wochenblatt-Partei Bündnisse mit westlichen europäischen Staaten, wie Frankreich und England, zu fördern, um so für Berlin die außenpolitische Handlungsfreiheit zurückzugewinnen. Russland dagegen war ihr innenpolitisch-verfassungsrechtlich ein Greuel, ein Hort der Reaktion. England erschien demgegenüber als das Zentrum der Freiheit.  Die Bindung an den Westen, die in Deutschland sich erst mit Adenauer durchsetzen sollte, quasi die Position der NATO und EU von heute, griff noch nicht. Die Grundprinzipien des Handelns aber, waren mit Bunsens und Riezlers Denkschriften von 1854 und 1914 bereits festgelegt.

In Preußen ging es darum, im Zuge einer Zurückdrängens des russischen Übergewichts, und dies in Verbindung mit England, die preußische Außenpolitik zu aktivieren, und dessen Machtstellung neu zu bestimmen, um das alte Prestige wieder zu gewinnen. Preußen, als Vorreiter des Kampfes gegen Russland, konnte damit zugleich zur Führungsmacht Deutschlands werden. Nicht zu vernachlässigen war gleichzeitig der betont anti österreichische Akzent, den sowohl Bismarck bei den Konservativen, als auch die deutschen Liberalen vertraten. So auch das Wochenblatt aus dem Januar 1852, welches das preußische Heer England in einem kontinentalen Krieg zur Verfügung stellen wollte. Doch der Kulminationspunkt der Entwicklung des Wochenblattes war Ende des Jahres 1853 überschritten, als Graf Albert von Pourtalès im Auswärtigen Amt die orientalischen Angelegenheiten bearbeitete. Zwischen den Fronten stand der Ministerpräsident von Manteuffel, der zunehmend mehr der pro-russischen Position der Kreuzzeitung zuneigte. Gegen Ende des Jahres 1853 wechselte Preußen immer wieder die Fronten. Als im März 1854, mit der entscheidenden Audiemz vor dem König, die Wochenblatt-Vertreter die Erklärung abgaben, eine Sondermission nach London nur übernehmen zu können, wenn Friedrich Wilhelm IV. ein  förmliches Bündnis mit den Westmächten schlösse, und, gegebenenfalls auch zum Krieg gegen Russland bereit sei, katapultierte Friedrich Wilhelm die Liberalen „Bethmänner“ aus seiner Umgebung. Letztlich aus Angst vor der Sprengkraft des Revolutionsgedankens in der damaligen europäischen, politschen Szene.

Weiter vertrat die Denkschrift Bunsens, die ganz auf Konfrontation ging, und die Wiederherstellung Polens vorsah, das Kriegsbild vom kurzen Krieg wie 1914 und stand im Duktus der Verhandlungen des August/September 1914 und Dezember 1940. Die Coburgischen Ernestiner sollten das Königreich Sachsen erhalten, und Russland zerstückelt werden. Ferner die Ostseeprovinzen, unter Einschluss Petersburgs an Preußen und Schweden fallen. Berlin sollte danach von Österreich Schlesien und Mähren erhalten, während Österreich die Lombardei gegen die Donaufürstentümer tauschen, und Schweden die Aalandineln und Finnland in Besitz nehmen sollte. Damit war bereits 1854 der Kerngedanke der späteren deutschen Expansion im Osten ausgesprochen, und stellt sich akut die Frage nach den Vorstellugen von NATO und EU heute. Kurz gesagt: welces Kriegsbild hat die NATO?

Mit der Entmachtung der Wochenblatt-Minister war auch die Phase der Konservativ-Liberalen in Berlin vorerst zu Ende. Es hieß, Bunsen sei plump aufgetreten, habe den König vor den Kopf gestoßen und Friedrich Wilhelm wolle nun Bismarck zum Ministerpräsidenten machen. Auch der Prinz von Preußen wurde isoliert, und wandte sich verärgert ab. Dessen anti-russischen Tendenzen passten zur Wochenblattbewegung und nicht zur Politik des preußischen Königs. Es triumphierten die Konservativen auch im Abgeordnetenhaus. Erst mit dem Ministerium der neuen Ära von 1858 sollten die liberalen Kräfte um Moritz August von Bethmann Hollweg erneut zur Wirkung kommen. Hier findet sich die Grundposition, die der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg ab 1909 wieder aufnehmen sollte. Dieser übernahm die Forderungen fast aller Liberalen um die Mitte des 19. Jahrhunderts, nämlich die Feindschaft gegen Russland, und nutzte diese als Brücke zur Sozialdemokratie der Vorweltkriegsphase. Es war bereits 1854 Allgemeinbesitz, Russland besitze ein zu schwaches Bürgertum. Das despotische System werde durch liberale Reformen fallen. Ein breiter Russehaß solle die deutsche Bevölkerung beherrschen, so der Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha.

1914.

Damals wie heute geht es um die Rolle Russlands in Europa. Navalistische Mächte stehen wie 1854 gegen die Festlandsmacht. Damals sollten die preußisch-englischen Gemeinsamkeiten betont werden. Preußen stand vor der Entscheidung, wohin es kulturell-weltanschaulich gehören wollte. Ähnliches gilt heute für Deutschland, oder gar die EU. Bethmann Hollweg verfolgte dieses Ziel im Ersten Weltkrieg. Von Konstantin Frantz, über Felix Fürst Schwarzenberg bis zu Naumann, Rathenau und Theobald von Bethmann Hollweg führte die Idee, Europa unter preußisch-deutscher Führung zusammenzufassen. Die NATO/EU heute greift nach Kiew – nicht Rußland. Ähnlich 1914, als es um nicht um russisch besiedelte Territorien ging. Auch den Haß der Polen gegen die Russen, der am Leben erhalten werden sollte. Wie 1854 die Koalition gegen Rußland, so bildet die NATO heute keinen geschlossenen Block mehr. 1854 ging es um Annexionen an der Ostsee, Polen und Moldavien. 1914 ähnlich. Die Idee des „Volk ohne Raum“ war geboren. Siedlungsland für verdiente Unteroffiziere sollte gewonnen werden. Oder, wie Ludendorff 1915 an Moltke schrieb, die Armee müsse befriedigt werden.

Die preußischen Konservativen standen ganz im Bann der Befreiungsbewegung von 1813. Sie erwarteten den Krieg mit Frankreich, und sahen in einem Bündnis mit England lediglich dessen Funktion, korrespondierend mir der Verteidigung der Rheinlinie. Einerseits fürchtete das konservative Preußen Frankreich als den Hort der Revolution. Die Revolution war eine gefährliche Waffe gegen die Monarchien. Es wurde erwartet: ein preußisch-englisches Bündnis könne andererseits Russland in die Isolierung treiben, und eine französisch-russische Annäherung heraufbeschwören. Dieses essentielle Problem sollte sich Bismarck, auf anderer Ebene, nach 1877 stellen. Auf der Höhe der Berliner Krise mischten sich Hoffnungen, Gefährdungen, wie die Konstanten der Rechnung, analog zu 1914 und heute.

Doch der Weg der Modernisierung Preußens war steinig und lang. Aus der wirtschaftlichen Rezession zu Anfang des 19. Jahrhunderts ging Berlin gestärkt hervor. Der  Niveauunterschied zu Westeuropa, der über 300 Jahre angedauert hatte, wurde überwunden. Zwischen 1820 und 1850 brachte die Wachstumsrate in Landwirtschaft, Verkehrswesen und Industrie linear 1,2%. Im Deutschen Bund errang Preußen damit wirtschaftlich die Suprematie. Der militärisch-politische Sieg von 1866 über Österreich war industriell, wirtschafts- und finanzpolitisch (DDD-Banken) vorgezeichnet. Nur zögernd folgte die staatliche Verwaltung dieser neuen Entwicklung. Gleichwohl zeichnete sich die Regierung Manteuffel durch die, wenngleich zögernde, Überwindung der merkantilistischen Staatspraxis aus.

Bismarcks Außenpolitik war gekennzeichnet durch „Vorurteilsfreiheit… und Realismus“. Ihm oblag es, die Umorientierung der preußischen Außenpolitik, nach dem Frieden von Paris 1856, zu vollziehen. Frankreich war inzwischen zur ersten Macht in Europa aufgestiegen, und sollte der künftige Bündnispartner Preußens werden. Bismarck verfolgte das Ziel, den deutschen Mittelstaaten die Rheinbund-Option abzuschneiden. So begann etwas völlig Neues, was mit dem Krimkrieg, dem wohl letzten Kabinettskrieg alten Stils, und dem Feldzug von 1859 in Norditalien, begonnen hatte.

Dass die überkommene Pentarchie der europäischen Mächte Vergangenheit war, war allseits anerkannt. Die Stringenz des engshen Anriffsplan auf Russland, das Diktum Bunsens vom „europäischen Generalkrieg“ von Finnland bis zum Kaukasus wurde abgelehnt. Wie sieht das Kriegsbild der NATO/EU von heute aus? Ist der Plan der NATO-Erweiterung ausgeträumt, weil die Mitgliedsstaaten ihre Armeen abgerüstet haben, und auf kurze Sicht ein Zusammenwirken mit den USA problematisch erscheint. Trifft doch Friedrich Wilhelms Besorgnis zu, den Krieg mit Russland eventuell allein ausfechten zu müssen. Damals, 1854, betrogen von Frankreich und England, heute den USA.

2014.

Was bedeutet nun 1854, die Krimkrieg-Phase, und 1914 – der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die dazugehörigen Kriegsziele der Mächte – für uns heute – nämlich 2015? Immer wieder, in den letzten 30 Jahren, konnte das Gefühl aufkommen, in einer Vorkriegszeit zu leben. In der Geschichte – wie 1815, 1918/19, 1945 – wiederholt sich derselbe Vorgang. Das internationale System formiert sich neu. Innerhalb eines Jahrzehnts wird darüber entschieden, welche der siegreichen Mächte des zu Ende gegangen Konfliktes noch an der Spitze stehen wird.

Absteigende Mächte neigen dazu, mit militärischen Mitteln den Verfall zu stoppen. Das trifft auf das Deutsche Reich nach 1871/1904/05, das britische Empire um 1930 und erneut 1956, wie die Sowjetunion der Afghanistan-Phase zu. In solchen Phasen entwickelt sich eine besondere Sensibilität der Führungseliten für die Eventualitäten, die aus derartigen Situationen entspringen können. In den achtziger Jahren, im Angesicht möglicher künftiger konventioneller Kriege in Europa, wurde das historische Datenmaterial unter dem Gesichtspunkt untersucht, wie es zu den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts gekommen war. Nicht zuletzt die politologischen Ansätze der frühen siebziger Jahre führten dazu, über die Gefahren nachzudenken, die aus einer Umklammerung der Sowjetunion dieser Jahre durch USA, China und NATO entstehen könnten. Und dies unter der, von verschiedenen Seiten, im Verlauf der achtziger Jahre erneut  (Paul M. Kennedy) dargestellten historisch-politischen Fragestellung vom „Aufstieg und Verfall der Kulturen“ (G.P.Gooch).

Weiter ging es, mit einem weiteren analytischen Ansatz, um die möglicherweise erfolgreiche Blockade militärischer Auseinandersetzungen zwischen Großstaaten; und dies hinsichtich des Modells, zum Beispiel Henry Kissingers, über die vermeintlich vollendete Restitution der Welt nach 1815. Deren Klammerfunktion jedoch, durch die Repression Russlands, bedingt durch den Krim-Krieg, zu eben deren Ende führte. Zum Ausschluss militärischer Gewalt aus dem internationalen System kam es jedoch nicht. Doch, so erwartete die Wissenschaft, der Ausschluss von Kriegen zwischen Großstaaten könne zum gewaltfreien Wandel hinsichtlich Einflüssen, Ressourcen- verteilung etc. führen. Es galt die Annahme zu widerlegen, nach einem durchgekämpften Konflikt würde die Machtverteilung eindeutiger als zuvor ausfallen. Ein friedlicher Prozeß werde bei weitem nicht zu so klare Ergebnisse zeitigen. Im Falle des Deutschen Reiches hätte das bedeuten können, dass es nicht zu dessen Gründung gekommen wäre. Auch der Friede von Frankfurt, 1871, führte zu keinem eindeutigen Ergebnis. Erreichte doch Deutschland lediglich eine halbhegenoniale Position, und verschoben sich, bevor der nächste Konflikt zwischen den Mächten sich abzeichnete, die Paritäten zwischen den europäischen Mächten, entsprechend deren industriellen, militärischen und diplomatisch-politischen Schwerpunkten.

So auch nach 1945. Kriege unter Großstaaten führen zumeist zu eindeutigen Hierarchien. Diese haben, nach allgemeiner Meinung, auch längeren Bestand. Dass jedoch diese Kräfteverteilung durchaus zunehmend labiler wird, kann die Führungsmacht an Veränderungen auf ökonomischem,  industriellem und technologischem Gebiet erkennen. Der „index of concentration“ mag über die volle Breite der vielfältigen Sektoren, diese Antwort im Verlauf der 80iger Jahre, auch bezogen auf die USA, und, vor allem die UdSSR, gegeben haben. Der Abgleich der Fähigkeiten der Leitmacht und der konkurrierenden Großmächte kann zu der Erkenntnis führen, daß – trotz Handel und Wandel – erste Differenzen auftreten. Während das Interesse der USA, während der 80iger Jahre, gegenüber der UdSSR, darauf  hinauslief, zu erkennen, in wieweit sich die Satrapenstaaten in Comecon und Warschauer Pakt, aus deren Machtbereich zu lösen versuchten; ebenso aber unterlagen und unterliegen seit 1991 auch die USA ähnlichen divergierenden Tendenzen in deren Bündnissystem (NATO/EU).

Gleichwohl, das Ergebnis für den Fall UdSSR ergab: es mochten sich die Prozesse eines engeren Zusammenschlusses im Bündnis, wie auch eben die Tendenz durchsetzen, größere Selbständigleit von der Hegemonialmacht zu erreichen. Zudem werde sich, bei nachlassender Kontrolle über die Satrapenmächte, diese zunehmend schwächer und fahriger gestalten. Diese Erwartungen wurden gespiegelt durch Ereignisse, die im westlichen Glacis des Machtbereiches der Sowjetunion eintraten. 1953, -56 und -68 griff Moskau in diesen Prozess, nachlassender Gravitation, regulierend ein. Gemäß den o.e. Erwartungen nach siegreich beendete Kriegen, entsprach diese zunehmende Abschleifung der Machtposition Moskaus unter Andropow/Gromyko, jener bei Bethmann Hollweg/Moltke, Hitler/Ribbentrop und Stalin/ Molotow. Stets war zunehmende Führungsschwäche dafür verantwortlich, wenn der jeweilige Großstaat auf einen Moment der Schwäche zusteuerte. Die staatstragenden Kräfte finden in derartigen Konstellationen, das ist das Ergebnis der Analyse der letzten 150 Jahre, keine angemessene Antwort auf die Veränderung der allgemein politischen Verhältnisse (auch der russische Zar Nikolaus I).

Einseitige Reaktionen belegen die unangemessene Reaktion der (oft) einseitig militärisch geprägten Führungseliten. Krampfartig wird nach neuen Bündniskontakten gesucht, werden die militärischen Ressurcen verstärkt, was einzig und ledigich einen vordergründigen Effekt von Selbstbestätigung erzielt. Damit sind diese Großstaaten im Begriff abzusteigen, und verfügen, im Vergleich mit den Verhältnissen der übrigen Staaten, über einen überzogen verstärkten Militärsektor. Gleichzeitig erreicht dieses kriselnde Machtgebilde einen geringen Erfolg als jene Staaten, die mit geringeren Machtmitteln operieren.

Zusätzlich erliegen solche Mächte der Versuchung, militärisch überzureagieren, und sich vermehrt in Streitigkeiten verwickeln zu lassen. Eine der wesentlichen Wirkungen bildet die Eskalation des Machteinsatzes. Führungsmächte im besonderen sind, im Moment des Abgleitens von vorheriger Macht und Größe, also geneigt, kurz-oder mittelfristig, weniger flexibel und anpassungsfähig zu reagieren. Die Effekte zunehmender Militarisierung in Staatsführung und Gesellschaft, vor allem eine kämpferische Auffassung von allgemeiner Politik, bewirken in wachsendem Masse Misserfolge, und damit verbunden, ein eskalierendes Krisenmanagement; führen zu wachsender Kriegsbereitschaft. Dies mag in unseren neusten Zeiten für die USA, wie für Russland, aber auch die EU, zutreffen. Im Weltmaßstab jedenfalls steht die Nordhalbkugel nicht mehr an der Spitze der Etwicklung. Das hat der rasante Aufstieg Chinas angekündigt (linerarer stabiler Zuwachs des Bruttosozialproduktes, P.M.Kennedy, 1986). Das Deutsche Reich von 1914 jedenfalls beschritt diesen Weg.

Das in der jüngeren Vergangenheit international immer mehr um sich greifende Mittel der Militarisierung hat dazu geführt, dass heutige Gesellschaften zunehmend gefährdeter, verlustbedrohter und kriegsgefährdeter erscheinen. Die Sicherheitsrisiken, die sich mittlerweile auf der Entscheidungsebene der Großstaaten und Bündnisse ergeben, mögen auch auf Fehlrechnungen der jeweils dominanten Sicherheitseliten zurückgehen, und noch verschärfend in einseitig militärisch charakterisierte interationale Machtauseinandersetzungen hineinwirken. Je überzeugender die militärischen Facheliten, auch aufgrund technologischer Fortentwicklung, voraussagen können, welche Mächte sich auf welcher Seite aufstellen werden, welche Machtmittel insgesamt, und wo, vereinigt sein können, um so überzeugender können diese Eliten den Ausgang eines solchen Krieges vorhersagen (1854 Palmerstone, Clarendon, 1914 Moltke/Jagow, 1940 Blomberg, v.Brauchitsch).

Aber warum soll gekämpft werden? Die schwächere Seite will nicht, wie stärkere muss nicht kämpfen. Der Kompromiss, Schachmatt oder Kapitulation. Der Weg zum Krieg, in den Erwägungen der Führungseliten absteigender Mächte, kann sich in folgenden Schritten vollziehen:

1.    Bewußtwerden nachlassender industrieller Fähigkeiten,(1854, 1914, 1991(2014),

2.   Erfahrung des Nachlassens der Kräfte in Bezug auf die eigene Einflussphäre (1991ff.),

        3.   Verstärken von Bündnisverpflichtungen (1854, 1912/13, 2014),

        4.   Verstärken der militärischen Rüstung (1851/54, 1913/14, 2010ff.),

        5.   Zunehmende Verwicklung in militärische Auseinandersetzungen (1848ff., 1991ff.),

         6.   Fortsetzung dieser Entwicklung, mit Zielrichtung auf den allgemeinen Krieg (1852ff., 1911/14, 2013).

Wie 1980 könnte die Wissenschaft heute die Antwort auf die Frage geben, wie lange solche, mehr und mehr sich autistisch verhaltende Mächte und Machtblöcke, im Bewusstsein des Abschwunges ihrer Entwicklung, zögern werden, mehr und mehr in Bedrängnis gebracht, und durch Aufrüstung unter Druck gesetzt, zum Mittel des Krieges zu greifen. Und heute handelt es sich um Russland u n d  die USA.

Dazu können die sorgfältige Analyse der wirtschaftlichen und industriellen, wie der damit zusammenhängenden, Kriterien verhelfen. Auch für die Jahre vor 1870 fördert das ein Spektrum der „jungen Mächte“ zutage, die geeignet schienen die Seniorstaaten zu verdrängen. In den modernen Kriegen mehr als in den vorausgegangenen Jahrhunderten, zeigt der Umfang des militärisch-finanziellen Engagements des Siegers rund um die Erde, den Grad der großmächtigen Potenz dieser Macht  im Aufstieg auf den Gipfel oder deren Abstieg. In unseren Tagen treten in diesem Zusammenhang heute die USA verstärkt in den Fokus des Interesses. Ein Ermüdungsprozess der bisherigen Supermacht ist unverkennbar zwischen Korea, Berlin, Kuba, Vietnam, Persien einerseits und Kuwait, Irak, Afghanistan andererseits. Heute sind hinzugetreten: Nordafrika und Ägypten bis Syrien und Krim.

Mittlerweile sind die zeitgeschichtlichen Entwicklungen über die Grundfragen der 80iger Jahre hinaus fortgeschritten. Dazu diente die Analyse von Militärausgaben und quantitativer Stärke der Armeen. Das berühmte „Panzerzählen“ der Friedensforschungsinstitute. Eine mehr oder minder arg überschätzte Einrichtung, ging es doch auf diesen ertragreichen Feldern nicht so sehr um „Friedens-“, als vielmehr Kriegsforschung. Leitvektoren der Analyse bildeten unter anderem, für die Zeit zwischen 1816 und 1970/80, Eisen- und Stahlproduktion sowie der industrielle Energieverbrauch. Die „jungen Mächte“ waren ein zentrales Ergebnis dieser Analysen.  Ob dies nun für Preußen, Frankreich und Sardinien-Piemont um 1850 zutrifft oder für Deutschland und Japan in den 30iger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Es ging und geht um die Verdrängung der Senior Staaten. Die Parameter des Umfanges der getätigten Initiativen, Investitionen und des räumlichen Engagements, nach erfolgreichen Kriegen, sollte zeigen, ob der betreffende Sieger-Großstaat sich noch im Zustand des Aufstieges oder bereits des Niederganges befand (befindet). Es ging 1850/1914 (zaristisches Rußland), und geht heute, um die Bestimmung des Momentes, in dem 1991/2014 ein Nachlassen der Befähigung einer Haupt- und Vormächte (UdSSR 1978-82/ Rußland 2014) gegeben ist (war), maßgebenden Einfluss auszuüben, wenn dieser

a) in eine zunehmende Zahl militärischer Auseinandersetzungen verwickelt werde. Ein bloßer clash wird wohl kaum dazu führen, bis an den Rand eines Krieges zu gehen. Allerdings könnte dieser Punkt überschritten werden, wenn eine Mobilmachung, ein Aufmarsch militärischer Kräfte, Gewaltanwendung oder Kampfhandlungen einträten (Krim, Donez  2014/15). Für die Beherrschbarkeit solcher Eskalationen mögen für Rußland 1953, 1956, 1967, 1968 sprechen.

b) derartige militarisierte Streitigkeiten finden sich öfter innerhalb, oder an den Rändern von Einflusszonen bündnispolitischer Nachkriegsbildungen, als außerhalb derselben.

c) die Ergebnisse derartiger Entwicklungen werden sich von Mal zu Mal ernüchternder gestalten (für die USA: 1952/53 Korea, 1956 Suez, 1958 Berlin, 1962 Kuba, 1978 Persien, 1963-1975 Vietnam; heute: Kuwait, Irak, Afghanistan, Syrien/Isis-Mossul).

Wirklich angezeigt ist, zu erkennen, wie brisant sich die Lage inzwischen gestaltet; so muss die Politik der USA daraufhin untersucht werden, ob, infolge vermehrter Rüstung, das innenpolitische Prestige absinkt, dementsprechend gemäßigte Lösungen an Attraktivität verlieren, und, einer zunehmenden Militarisierung der Außenpolitik Raum gegeben wird. Empirisch gefragt, bleibt zu klären, ob zunehmende Bündnisverpflichtungen verstärkte militärische Mobilmachungen zur Folge haben.

Vor dem Hintergrund dieser, nunmehr ebenfalls labilen, Machtlage der USA, und der aus der inferioren Machtposition Russlands hervorgehenden Offensive mit begrenztem Ziel im Donezbecken, ergeben sich neue Gefährdungspotentiale, denn die Konfliktpartner erscheinen beide angeschlagen und zu sämtlichen, hier aufgezeigten, Fehlreaktionen fähig. Ob es nun sinnfällig wäre, ähnlich wie in den Jahren 1853-55 zwischen England, Österreich, Preußen und Frankreich mit Russland durchgeführt, in extenso und in Kontinuität zu verhandeln, führt wohl damals wie heute nicht zu dem Ergebnis, den beiderseits noch verführerischen kriegerischen Konflikt zu vermeiden.

Zum dem Ziel, dem Urteil der Geschichte zu gelangen, mögen folgende Fragen führen:

–        Wie regelmäßig beginnt sich eine Nachkriegshierarchie aufzulösen?

–        Wie schnell, wie weitgehend geschieht das?

–        Erkennen nationale Sicherheits-Eliten die sich verändernden Macht- und Einflusskonfigurationen; und              wie frühzeitig vollzieht sich das?

–        Erkennen diese exakt, und in welchem Ausmaß, die Realität oder über- oder unterschätzen sie diese?

–        Antworten diese, wie hypnotisiert, mit der Verstärkung ihrer Bündnis- und Militärverpflichtungen oder            konzentrieren sich diese auf die Verstärkung der Armee – oder Beides?

Falls die Neigung absinkender Mächte zu militarisierter und weniger einfallsreicher Außenpolitik, geringere Erfolgsraten in Auseinandersetzungen hervorbringt, wird der Selbstbestätigung-Prozess verstärkt und schließlich: lassen derartige Erfahrungen solche Mächte kriegsbereiter werden, als die historische Erfahrung uns vermuten ließe? Diese Annahme war bisher keineswegs bestätigt. Es ging letztlich darum zu untersuchen, die Bedeutung der Militarisierung von Gesellschaften im Zusammenhang mit deren machtpolitischem Absinken. Weiterhin steht die Frage nach dem Prozess im Raum, durch welchen die Nationen fortfahren, das Wüten des Krieges denjenigen aufzuladen, die von ihnen Frieden erwarten.

Ursache und Anlass für diese Überlegungen war die Beobachtung, dass zwischen 1960 und 1980, sowohl die UdSSR, als auch die USA, sich mit einem äußerst zwiespältigen Absinken ihrer Befähigung konfrontiert sahen, internationale Ereignisse zu beeinflussten und zu kontrollieren. Eine betonte Zunahme der Militarisierung der Außenpolitiken, und die stetige Zunahme der Militäraufwendungen waren festzustellen. Es bildete das Erkenntnisleitende Interesse derartiger Studien in den Jahren 1983/84 in den USA, ob die Sorge vor den Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Menschheit im Vordergrund stand, oder eher das Abklopfen der Machtbasis der UdSSR auf  mögliche kriegerische Lösungen in Zentraleuropa. Diese Frage wird heute, im Angesicht von Krim- und Donezkrise neu gestellt. Dass es um eine mögliche Konfrontation zwischen den beiden Systemen ging und dass der Gedanke an die Vergleichsfälle 1852-54 und 1914 „die kriegerische Frivolität alternder Reiche“ in jenen Jahren leitend waren, überrascht den Beobachter aus Deutschland weder damals noch heute.

Ist doch die Erkenntnis des Jahres 1989 keinesfalls eine, das bündnispolitische Vertrauen stärkende. Es ist inzwischen Europa aufgebrochen, selbst Weltmacht zu werden, und haben sich die USA entschieden, dies zu verhindern. Ein Riß geht dementsprechend durch die NATO. Provoziert letztendlich durch eine abgesetzte US-Außenpolitik gegenüber Rest-Rußland, das als Machtfaktor von bemerkenswerter Wertigkeit von Washington nicht mehr anerkannt wird. Entscheidemd für alles was folgt mag sein, dass die USA – ähnlich wie England im Herbst 1853 – einseitig entschieden hat, die Machtpräsenz Rußlands endgültig entscheidend zu mindern. Und das in Fortsetzung der Schläge, die diese 1991ff. erlitten hat. Die Gegenbewegungen Russlands sind in dieser Rechnung zu vernachlässigen. Gleichzeitig erfüllt diese besondere Aggressivität in der US-Außenpolitik eine weitere Bedingung für den heißen Konflikt, nämlich wird westlicherseits auf die EU-Politik der Ausdehnung nach Osten seit 1991 „draufgesattelt“. Damit aber zieht die EU – veranlasst durch US-Amerikanisches Vorgehen, jene Schläge (lokalisierter konventioneller Krieg in Europa) auf sich, die sich dadurch ergeben, dass Russland lediglich die EU, nicht aber die USA in der Ukraine treffen kann. Die USA möglicherweise dem expansionistischen Ziel England/Preußens 1854 und Deutschlands 1914 folgen. Mögen also die Generäle in Moskau, auf die Frage- „was können wir gegen die USA tun(?)“- dasselbe geantwortet haben, wie Moltke in der Krisenkonferenz vom Juni 1909: „wir können (lediglich) einen Krieg mit der Ukraine vom Zaun brechen – mehr aber nicht“. Alles Reden und Unterhandeln, also alle Politologie in der Geschichte in being (Steinmeier) wird, so traurig das ist,  nicht weiterhelfen, wenn der Krieg im Vorhinein beschlossen ist, wie von England im Herbst 1853 auf Schloß Windsor, und in Deutschland vor 1914.