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Ein Meisterwerk – Fritz Fischer, 50 Jahre danach (1961-2011).

Sonntag, 23. Oktober 2011

Um den Beginn der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, brach Karl-Heinz Janßen von der ZEIT wiederholt Barrieren in den Köpfen konservativer deutscher Historiker ein, die immer noch versuchten, die Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer niederzukämpfen.

Diese neue Kontroverse um den Kriegsausbruch 1914 sollte 1983/85 in der Riezler-Tagebuch-Affaire gipfeln, die nicht zuletzt Bernd F. Schulte aufdeckte. Der Band “Vor dem Kriegsausbruch 1914″ beschäftigt sich, im Vorfeld dieser Diskussion, mit der Rolle und Bedeutung des sog. „Kriegsrates“ in Berlin vom 8. Dezember 1912. Noch war nicht bekannt, dass dieser in der Folge einer Reihe von „Krisenkonferenzen“ stand, wie Schulte diese Erscheinung im Regierungssystem des Königreichs Preußen und des Deutschen Reiches, 1982 dann nennt. Gleichwohl arbeitet dieser Band, im Vorfeld einer damals von Sch. geplanten, umfassenden Darstellung der unmittelbaren Kriegsvorbereitung des Deutschen Reiches, heraus, wie unmittelbar diese Konferenz beim Kaiser in Maßnahmen der Ministerien und Ämter (bis in die Mobilmachung der Rüstungsindustrie) mündete. Dies vor Kurzem (30 Jahre danach!) noch nicht geschehen.

Andererseits deutete dieser Band auf den zweiten Schwerpunkt hin, den die erwähnte größere Darstellung hätte vorführen sollen: die stratgische Entwicklung seit 1870(88). Die Aufmarschpläne des jüngeren Moltke, seit 1905/06, die Bedeutung Schlieffens w ä h r e n d seiner Dienstzeit und die politisch-diplomatisch-militärischen Verschiebungen der Jahre vor 1914, die sich unmittelbar miliärstrategisch auswirkten. Dass hier der Balkanraum entscheidenden Einfluß auf die veränderte Lage dieser Jahre hatte, wird zum Dreh- und Angelpunkt der Darstellung. Gerade die Reflexe, die dieser Wandel in der deutschen Rüstungspolitik ausübte, die auf den Krieg in unmittelbar bevorstehender Zeitspanne einschwenkte, wird hier exemplifiziert.

So handelt es sich hier quasi um ein „Marschtableau“, das die Richtung künftiger Arbeiten Sch.’s enthielt. Doch diese entstanden, bedingt durch den Widerstand konservativer Hamburger Historiker, an Universität und Bundeswehrhochschule, nicht.
- Inzwischen wird dieses jedoch systematisch abgearbeitet.

Auf dass die Deutschen 1914 auch militärisch nicht kriegsbereit waren.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Epkenhans, wer anders, lobt Steins Werk zur deutschen Heeresrüstungspolitik zwischen 1890 und 1914 (vgl. sehepunkte).

Es geht in dieser, durch die “Düsseldorfer Schule” (W.J.Mommsen, Stig Foerster, Afflerbach, Krumeich) angeregten Arbeit darum, auch für den militärischen Bereich nachzuweisen, dass Deutschland (aus inneren Defekten) den Ersten Weltkrieg nicht “vom Zaune gebrochen” haben könne. Eben das zeigt Schulte in “Deutsche Policy of Pretention” für den Zeitraum 1871(1862) bis 1914!

Es geht ferner darum zu zeigen, dass, da  ja ein Primat der Politik über das Militärische im Kaiserreich bestanden habe (eine wesentliche Korrektur des Bildes, das Gerhard Ritter zwischen 1958 und 1968 entwarf), die Militärische Führungselite, aus antiquierter Einstellung heraus (Linnebach 1935/40), diejenige Rüstung, welche zum Kriege befähigt haben würde, a) nicht forderte und b) die Politik diese nicht zuließ. Plötzlich soll der “Philosoph von Hohenfinow” ein zupackender und “gerissener” Politiker, der “mit allen Wassern gewaschen” war, gewesen sein. Diese, Fischers Deutung vor 50 Jahren, wurde allerdings zuvor stets geschmäht. In der Julikrise hinwiederum soll der Reichskanzler verzweifelt und ein düsterer Pessimist (“in wenigen Jahren sind die Russen da”, Riezler Tagebuch) gewesen sein.

Ja, es gilt eine positive deutsche politische Tradition (Unschuld am Krieg) zu retten, die in der Vergangenheit zu nah an die Hitlerepoche gerückt worden sei. Dafür wird in Kauf genommen, die Mängel der Heeresrüstung vor 1914 Bethmann Hollweg “in die Tasche zu schieben”; war doch der, nach allgemeinem Verständnis, schon an sich gute Primat der Politik auch dort durchgehalten (wie heute).

Was soll da noch alles Diskutieren, wenn die Funktionsfähigkeit der deutschen Reichsleitung vor 1914 wieder einmal, als von irrationalen (hier: antiquierten) Vorstellungen beherrscht, und ins Unzeitgemäße verschoben, überverkompliziert dargestellt wird? Kurzum ein Sieg der vorgefaßten Meinungen. Und das Alles nur, um Fischer zu widerlegen?