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Wurden die Deutschen (1911) genauso von den Engländern vorgeführt (Goschen) – wie Saddam Hussein durch die USA (April Glaspie)?

Dienstag, August 25th, 2015

Die Politik Londons steht seit 1919 unter Verdacht, den Ersten Weltkrieg gegen Deutschland bewußt ausgelöst zu haben (Windelband). Die Rolle des englischen Außenministers Edward Grey erscheint bis heute dubios. Dessen Nachlaß wird 2016 geöffnet. Schweizerische Dipliomaten äußerten 1911, England plane -aus Wirtschaftsgründen – einen Krieg gegen den Handelskonkurrenten Deutschland. Umso notwendiger erscheinen Untersuchungen zu den Jahren 1911,-12,-13 (und: 1936-39).

Inhalt

Einleitung

44 – Marokkokrise – Vorspiel.

– Die Krise kocht hoch.

45 – Flotte erst im Herbst 1914 kriegsbereit.

– Weiterentwicklung des Flottenplanes.

– Voraussetzungen für den Einsatz der Flotte. Flotte gegen England.

– Flottenplan und unmittelbare Kriegsvorbereitung.

46 – Spannungen im Entente-Verhältnis.

– Wer bestimmt in Berlin die Richtlinien der Politik?

– Krisen-Fahrpläne: London und Berlin.

47 – Die Marokkokrise auf dem Höhepunkt.

– Die Entente organisiert sich.

– London sieht Befürchtungen bestätigt.

– Berlin schlußfolgert: der Gegner heißt England.

– Crisis-Management im Kulminationspunkt.

– Anti-deutsche Partei in London.

– Berlin hat die Krise im Griff.

48 – Komplikation: Tripoliskrieg und Türkei.

– Die Beute aus der Konflagration.

– Deutsche Öffentlichkeit und Machteliten gereizt.

49 – Der Ausgleich von Berlin.

– Enttäuschte französische und deutsche Öffentlichkeit.

– Berlin / London: Unterschiedliches Diplomatie-Verständnis.

50 – Deutsch-englische Beziehungen: Die Zeichen stehen auf Sturm.

– London: Kriegsvorbereitung.

– Grundsätzliche Verschiebung der militärischen Lagebeurteilung.

– Ein Jahr vor dem „Kriegsrat“: parallele Entwicklung.

51 – Resümee.

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Einleitung.

Mit dem Deutschen Flottengesetz von 1900 war klar, dass das Deutsche Reich zum Rivalen der Seemacht England werden wollte.

Mit der Entlassung des Reichskanzlers Bülow hätte eine friedlichere Phase deutscher Politik begonnen. Diese Vorstellung war eine Täuschung. Kiderlen Wächter, der Staatssekretär des Äußeren und der Reichskanzler Bethmann Hollweg, suchten seit Juli 1909 einerseits ein engeres Verhältnis zu England, verfolgten dies jedoch andererseits keinesfalls unter Verzicht auf Flottenbau und Weltmachtstreben.

Diese Entwicklung verdichtete sich nur noch mit dem Ringen innerhalb der deutschen Führungseliten um ein Flotten-Agreement mit London. Über diesem außenpolitischen Konzept der Administration Bethmann Hollweg schwebte die Vorstellung, England auf Deutschland „zuzwingen“ zu müssen, um zu dem Ziel einer bündnispolitischen Übereinkunft zu gelangen. Sich zu früh aus dem Fenster zu lehnen, wollte der Reichskanzler unbedingt vermeiden. Abgestimmt wurde dieses Vorgehen sowohl mit dem Initiator des Flottenbaus, Admiral von Tirpitz, wie auch mit der Armeeführung Heeringen / Moltke. Weiter galt es, das Interesse des Kaisers so zu gestalten, dass einer, unter Umständen notwendig werdenden, zahlenmäßigen Schrumpfung der Flotte von dieser Seite keine Steine in den Weg gelegt wurden.

Zugleich war diesem defensiven Gedanken die offensiv charakterisierte Methodik zugrunde gelegt, die mit dem politisch-militärischen Instrument gezielt entfesselter internationaler Krisen hantierte. Deutscherseits wurde mit dem Einsatz der Armee – im Falle einer unverändert harten Haltung der Gegenseite – gedroht, und so der Eindruck erweckt, als ob ein europäischer Krieg für das Deutsche Reich kein besonderes Risiko bedeute. So war in der Marokko-Frage London durchaus zuvor von Berlin informiert, handelte jedoch auf einer der deutschen vergleichbaren Linie von Droh- und Pressions-Politik. London eröffnete mit mehreren Salven die heiße Phase der Marokkokrise und deckte sich gleichzeitig hinter Frankreich, das diplomatisch-politisch und militärisch – im Falle eines Krieges mit Deutschland – zunächst von den Schlägen der deutschen Armee getroffen würde.

Doch waren weder deutsche Flotte noch Armee im Sommer 1911 kriegsbereit. Auch mangelte es der Berliner politischen Führung, zu diesem Zeitpunkt, durchaus an ernsthaftem Kriegswillen. Tirpitz ließ, durch drängende Fragen der übrige Ressorts in die Enge manövriert, erneut erkennen, die Marine werde im Herbst 1914 kriegsbereit sein können. Dabei wurde deutlich, dass die deutschen Seestreitkräfte in deren Existenz keineswegs eine innenpolitische Krisenstrategie darstellten, sondern vielmehr ein militärisches Kampfinstrument, welches gezielt Großbritannien seiner beherrschenden Stellung als Seemacht, in einer Entscheidungsschlacht zur See, berauben sollte analog zur „Schlacht auf den Katalaunischen Feldern“ in Frankreich. Der Schwere und Komplexität dieses Weges waren sich die politisch-militärischen Exponenten des Reiches durchaus bewusst. Dass sich der Flottenplan dabei seit 1908 durchaus Stück für Stück zerlegte, und schließlich auf dem Wege zu diesem Ziel scheiterte, wurde im Verlauf des Jahres 1911 ähnlich sichtbar, wie bereits mit der Krisenkonferenz vom Juni 1909, als Bülow, einer der Träger dieser Anti-England Politik, unter dem Druck englischer Pressefehden und Invasionsfurcht, entlassen wurde. Die dabei sichtbaren unterschiedlichen Positionen zeugen jedoch keinesfalls von einer grundsätzlich zerstrittenen deutschen Führungsspitze.

Spezielle militärtechnische Voraussetzungen des weiteren Ausbaues der Flotte bedingten die Fähigkeit des Reiches unmittelbar, einen Krieg mit England zu Lande und zu Wasser führen zu können. Das ist z.B. auch im Tagebuch Josef Redlichs herausgegeben von Fritz Fellner, 1960 nachzulesen, der die essentielle Bedeutung von Kanalbau und Befestigung Helgolands in Gesprächen in Berlin dokumentiert. Die Auseinandersetzungen zwischen den Ressorts wurden hart ausgefochten. Ging es doch um die Rüstungsparität zwischen Flotte und Armee und zeichnete sich ein Riss zwischen Reichsmarineamt, Hochseeflotte und Admiralstab ab. Jede dieser Stellen verfolgte ein, pro domo, auftragsgemäßes Eigeninteresse. Der Reichskanzler ließ dementsprechend erkennen, falls die Marinerüstung erneut über Gebühr betont werde, zurücktreten zu wollen.

So festgefügt, wie allenthalben die Bündnissysteme vor 1914 verstanden werden, waren diese keineswegs. England reagierte sehr wohl auf Bethmann Hollwegs Rochade Richtung Petersburg „Entrevue von Potsdam“, November 1910 und auch Frankreich Caillaux, und tendierte zunehmend zum Ausgleich mit Berlin Jules Cambon-Kiderlen, Juli-September 1911. So schien die Politik der neuen Administration Bethmann – Kiderlen durchaus nicht erfolglos. Herrschte doch 1911 genügend Misstrauen zwischen den Entente-Partnern England, Frankreich und Russland. Die Krise des Sommer 1911 sollte hier erneut Unruhe zwischen den Hauptstädten auslösen.

Geschickt hatte der Reichskanzler die Drähte nach London geflochten und das geradezu freundschaftliche Verhältnis zu dem englischen Gesandten in Berlin ließ diesen mit besonderer Aufmerksamkeit die Gewichtsverteilung im politischen Kräfte-Parallelogramm der politischen Führungselite Berlins beobachten. Die Behauptung des publizitätssüchtigen Hilfsarbeiters bei Bethmann Hollweg, Kurt Riezler, Kiderlen habe den Reichskanzler über die offizielle Politik des Reiches 1911 im Unklaren gelassen, geht völlig fehl. Kiderlen und Bethmann Hollweg verfolgten vielmehr von Anbeginn an 1909 ein gemeinsames Konzept. Das hieß: Ausgleichspolitik mit England. In der Folge Entspannung zwischen London und Berlin. Letztlich: Freiheit des Handelns – gegebenenfalls gegenüber Paris. In diesem Sinn sollte die Krise um Marokko die Standfestigkeit der Entente testen, bis hin zum Krieg mit England und Frankreich. Die tatsächliche Haltung Greys kennen wir – bis zur Öffnung seines Nachlasses 2016 – nicht. Das Schwanken, ob nun Frankreich in any case zu unterstützen sei, war 1911 noch prävalierend. Doch war bereits die Vorbereitung von Flotte und Armee in England so weit getrieben, dass von ungenügender Kriegsvorbereitung Londons nicht gesprochen werden kann.

So blieb die Lösung der Krise des Sommer 1911 Sache der Franzosen und Deutschen. Cambon und Kiderlen spielten vorn auf der Bühne ihr diplomatisches Spiel, und das vor dem Hintergrund des Theaterdonners über der Nordsee. Der „Panthersprung“ nach Agadir in Wirklichkeit abgesichert durch den Kreuzer „Berlin“ brachte die diplomatischen Verhandlungen in Wallung, erregte aber zugleich auch die Öffentlichkeiten in Paris und Berlin. So erhielt das traditionelle Geschäft eine weniger erwünschte Breite der Aufmerksamkeit. Ein Umstand, der die bisherige Vorstellung von Wirkung und Bedeutung der Marokkokrise bis heute bestimmt.

Dass 1911 die Chancen Berlins, London doch noch zu gewinnen, wohl verspielt wurden, belegt die Auswertung der Vorgänge in den Zentral- und westeuropäischen Hauptstädten. Tatsächlich war das Reich damit in die Gewässer des Empire vorgedrungen. Hatte sich doch auch bestätigt, dass Deutschland ein zentralafrikanisches Kolonialreich und Flottenstützpunkte an der Westküste Afrikas anvisiere. Indem Grey den terminus technicus „Napoleonischer“ Politik benutzte, ließ er die Katze grundsätzlicher englischer Besorgnis heraus; und dies, angesichts deutscher hegemonialer Spielereien. Vereinsamt – ohne Bündnispartner – auf der Insel zurückzubleiben, formte sich in London als die entscheidende Sorge heraus.

Goschen betrachtete den Reichskanzer nicht als erste Besetzung. Das Bild Bethmann Hollwegs in London war demnach nicht so stark, als dass sich nicht angeboten hätte, mit diesem zu spielen. So lange Kiderlen Wächter lebte, würde dies nicht leicht sein. Dessen Einfluß auf den Kanzler war, nach Goschens in der Zentrale kolportierter Ansicht, bedeutend. Dieser sei Wachs in den Händen des Außenministers. Berlin war seit Bismarck unsicher, mit den parlamentarisch bestimmten englischen Regierungen zusammenzuarbeiten. Und auf die Frage: wer regiert in Deutschland, antworteten, nach Goschens Kenntnis, die Spitzen der Gesellschaft: keinesfalls der Kaiser; und die breiteren Schichten: Gott bewahre uns davor, dass der Kaiser allein herrsche.

So wurde die Krise um Marokko, auf der Basis der deutschen Policy of Pretention planmäßig vorbereitet, und war zunächst gezielt gegen Frankreich gerichtet. Doch dahinter stand London mit dem festen Willen, ein wirkliches Abkommen mit Deutschland – über die Neutralität Englands in einem europäischen Konflikt – nicht schließen zu wollen. So blieb Mitte Mai 1911 bestenfalls unsicher, was kommen möge. Es ging letztlich in London darum, dass Frankreich im Interessenausgleich mit England für Marokko als Einflusszone „gezahlt“ Ägypten habe, Deutschland aber nicht. So einfach funktionieren internationale Beziehungen in London. Wilhelm II. hatte mit dem englischen König, am Ende seines London-Aufenthaltes über Politisches gesprochen und unterstrichen, dass er hinter der Politik seiner Beauftragten Bethmann Hollweg und Kideren stand.

Flotte und Armee waren nach den Aussagen der Verantwortlichen im Committee of Imperial Defence bereit und sollten strategisch-übergreifend zum Schutz von Empire und Dominions eingesetzt werden. Die Flotte werde den gegnerischen Handel vernichten Mc Kenna, die Armeen in der gesamten Welt auftretende Gegner bekämpfen Haldane. Die tatsächlichen Vorhaben bei Kriegsbeginn wurden allerdings nicht erläutert.

Es ging Mitte Juli um Marokko. Kiderlen äußerte seine Kompensationsforderungen gegenüber Cambon, dieser fuhr nach Paris, um darüber zu berichten – und drei Tage später erschienen deutsche Kriegsschiffe vor Agadir. Es handelte sich um eine überfallartige Eröffnung der diplomatischen Offensive des Jahres 1911 in welche London wohlweislich informiert und einbezogen wurde. Offensichtlich um Weiterungen zu vermeiden und den Focus ganz auf Paris einzugrenzen. Die Gespräche mit Cambon entwickelten sich zudem recht zügig, schienen doch – abseits der Vereinbarungen von 1905 und 1909 – genügend Ansatzpunkte für deutsche und französische argumentative Hebel Pressionen gegeben. Darunter die Vorstellung deutscher Strategen, Druck auf Frankreich, via Spanien, an den Pyrenäen auszuüben. Auch seien Einflusszonen in Marokko kein Protektorat, so Kiderlen. Der „Panthersprung“ sollte Paris gefügig machen, Kompensationen anzubieten, was noch nicht geschehen war. Auch würden die Entente-Staaten dann Aggressoren sein, denn der Aussenminister erwartete England sicher an Frankreichs Seite, wenn diese die deutsche Flottenpräsenz vor Agadier ihrerseits militärisch beantworteten. Wenn nicht der Krieg in Berlin als sicher angesehen wurde, dann ging es mit Sicherheit um ein erneutes „testing the entente“, oder, wie es Bethmann Hollweg im Februar 1911, Lichnowski gegenüber im Salon der Gräfin Harrach erläuterte, darum, in zweiter Linie England auf Deutschland zu zu zwingen.

London war alarmiert, über die völkerrechtlichen Verbindlichkeiten hinaus, durch die Aussicht, Deutschland könne in Marokko Flottenstützpunkte anstreben ähnlich noch 1944 in einem Marinepapier. England und Frankreich stimmten sich dahin ab, zunächst zu erfahren, was Berlin wolle. Cambon gelangte zu der Erkenntnis, Kiderlen wolle Libreville. England an sich heranziehen; das war das Ziel. Frankreich sollte den französischen Kongo hergeben. Anfang 1911 hatte Grey deutlich gesagt, dass Deutschland, in dem Fall einer Aggression gegen andere Staaten, den Kontinent gegen England eine, dieser Vorgang zum englischen Kriegseintritt führe. Dementsprechend suchte London, entgegen der Tatsachen in der gegenwärtigen Krise, das Reich zum Angreifer zu stempeln Lloyd George, Mansionhaus-Rede. Kideren ließ erkennen, er werde die Angelegenheit bis Ende Juli abschließen. Gleichzeitig aber drohte der Kaiser Lascelles und Goschen, französische Soldaten mit Gewalt aus Marokko herauswerfen zu wollen. Also verstärkte sich nur das Angebot der Diplomatie, schnell Kompensationen zu vereinbaren, und so – auch der Öffentlichkeit – keine weiteren Gründe für erregte Ausbrüche zu geben.

Die Situation, die sich festgefahren hatte, wurde über London entwirrt. Goschen befürchtete nämlich, die Presse-Hetze in Deutschland würde schließlich den Staatssekretär zum Krieg zwingen. Auch Paris stand unter dem Druck der Volksmeinung, die eher einem Ende mit Schrecken, als fortdauernden Krisen zuneigte. Frankreich stand militärisch allein. Die Position Russlands, in dieser Frage, schien auch London unsicher. Doch die Verhandlungen liefen weiter. Paris hatte sich noch nicht entschieden. Die territorialen deutschen Forderungen und Zugeständnisse Frankreichs bewegten sich auf der Landkarte Afrikas.

Unsicher wurde die Lage durch die Entwicklungen um den Kaiser und Kiderlen in Berlin. Die Pressure Groups der Alldeutschen und der Armee wirkten für den Krieg, die allgemeine Lage wurde gefährlicher als um den „Panther-Sprung“ gewesen. Die deutsche Regierung lehnte eine Konferenzlösung ab wie 1914. Der Generalstab, so wurde lanciert, prüfe bereits eine Landung bei Agadier.

Ein hartes Gespräch zwischen Bethmann Hollweg und Goschen demonstrierte Anfang November die zwischen Berlin und London aufgerissenen Wunden. Hinzu kamen die Berichte der Times über den retardierten Zustand der deutschen Armee. Der Bethmannsche Ausgleichskurs schien gefährdet. Doch schließlich wurde – unter territorialen Abstrichen da und dort – ein Abkommen möglich. Beide Seiten erhielten nicht genug, um die geweckten Begehrlichkeiten der beiderseitigen öffentlichen Meinungen zu befriedigen. Es kam überdies auch zu Schuldzuweisungen zwischen London und Berlin auf dem diplomatischen Feld.

Goschen erhielt die Information aus der Zentrale, er sei in Berlin nicht beliebt. Er analysierte daraufhin die politischen Linien in der deutschen Führungsspitze. Jene des Kaisers, welche gegen England ausgerichtet war, jene des Reichskanzlers, die den Ausgleich mit London verfolgte, und die zukünftig bedeutsame des Kronprinzen und dessen Mutter, der Kaiserin. Ein sehr gutes Verhältnis konstatierte er mit dem Kronprinzen und dem Reichskanzler. Wenn auch beides wohl eher geschäftsmäßig zu verstehen ist. Immer wieder taucht der Verdacht auf, der Kanzler sei von seinem Staatssekretär außenpolitisch dominiert worden. Diese Meinung ist irrig. Asquith ordnete Bethmann Hollwegs Äußerungen zutreffender ein. Sehr wohl war sich der Kanzler bewußt, wie wenig entwicklungsfähig das deutsch-englische Verhältnis sei. Infolgedessen hielt er den „Freund“ Goschen vorsichtig auf Distanz.

Ob Greys Rede im Dezember 1911 ernst gemeint war, oder nur Teil des großen Spiels mit den Deutschen bleibt fraglich, erscheint es doch kühn, wenn der Außenminister die Illusion von einer völligen Auflösung der Gegensätze zwischen den europäischen Großmächten ausmalte. Wenn Goschen das Jahr 1911 eher als düster zusammenfasste, und dies im besonderem bezogen auf das deutsch-englische Verhältnis, dann trat ein wesentliches, in der Geschichtsschreibung eher en passant behandelt, in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Hatte dieses doch auch einen Punkt in der Klage Bethmann Hollwegs gegenüber dem Botschafter ausgemacht, als dieser um Aufklärung über den Stand der Beziehungen beider Staaten nachgesucht hatte. So gewinnt die strategische und sachliche Kritik Repingtons, wie deutscher Federn, durchaus an Gewicht, verblasste doch augenscheinlich der Glanz der „besten Armee der Welt“ gerade in dem Moment, ähnlich wie um den Jahreswechsel 1904 / 05, deren unmittelbar bevorstehenden Kriegseinsatzes gegen Frankreich.

So revidierte der Kriegsminister im Herbst des Jahres die optimistische Einschätzung der strategischen Lageentwicklung zwischen Russland und Frankreich dahin, es käme nun in erster Linie auf die Leistungsfähigkeit der Armee an, wenn das Reich bestehen wolle. Kriegsminister und Generalstabschef argumentierten somit im Herbst 1911 auf der derselben Linie. Anders als es die Geschichtsschreibung bisher sehen will. Die Tatsache, dass die Diskussion der beteiligten Ämter, im Ausgang des Jahres ebenso drängend ablief, wie im folgenden Jahr, muss näher betrachtet werden. Es erscheint durchaus möglich, dass es sich um haushaltspolitische Routine handelte, ebenso wie im Fall der großen Denkschriften zur militärpolitischen Lage des Generalstabschefs. Von den acht Denkschriften, die es gab, kennen wir nur zwei. Die Analyse der Jahre vor dem Weltkriege sollte sich demnach hüten, das Geschriebene ausschließlich vom Kriegsausbruch her, und, aufbauend auf dem 1930 im Reichsarchivwerk veröffentlichten auszugsweisen Dokumentenmaterials zu beurteilen.

Es ging im Dezember 1911 / Januar 1912 um den parallelen Weiterbau der Flotte und die Verstärkung der Armee. Damit bildete übergreifend das unveränderte Ziel: die Welt- und europäische Hegemonialmacht. Erreicht und verteidigt werden sollte dieses militärisch, gemäß dem Prinzip der, qualitativen und organisatorischen, Überlegenheit der deutschen Streitkräfte.

44 – Marokkokrise – Vorspiel.

Das deutsche Flottenbauprogramm, und dessen alarmierend rapides Wachstum, zwangen Großbritannien dazu, die „splendid isolation“, das Grundprinzip englischer Politik seit Jahrhunderten, aufzugeben. Zunächst 1897 als Schlacht- und Kreuzer-Flotte konzipiert, wurde, unter dem Eindruck des Burenkrieges, mit dem Flottengesetz des Jahres 1900 der Schritt zu einer Schlachtflotte vollzogen. Binnen siebzehn Jahren sollten zwei Geschwader mit insgesamt 32 Linienschiffen, sowie 8 großen und 24 kleinen Kreuzern und einer Kreuzer-Flotte in Stärke von 3 großen und 10 kleinen Kreuzern entstehen. Die Idee eines englischen Admirals, die noch unterlegene deutsche Flotte mit einem Präventivschlag zu vernichten, soll reine Theorie geblieben sein. Bethmann Hollweg und Unterstaatssekretär Kühlmann hatten die fatalen Wirkungen dieser Entwicklung erkannt. Deren Bestreben, den deutschen „Größenwahn“, wie Nicolson die Verhältnisse in Deutschland nachträglich charakterisiert, durch ein Kolonialreich in Mittelafrika und Asien zu bannen, bildete einen Wechsel britischer Politik, auf die ungewisse Zukunft gezogen.

Am 12. Januar 1911 trugen General- und Admiralstabschef gemeinsam um 10 Uhr, im Berliner Schloss, dem Kaiser vor. Ein „heißes Jahr“ begann.- Im März wurde bereits über englische Vorschläge zu einem Flottenabkommen diskutiert. Schließlich musste Tirpitz gegenüber dem Reichskanzler anerkennen, die Vorschläge Londons würden einerseits zwar die Überwachung des deutschen Flottenbaus erleichtern, andererseits jedoch konzedieren, Großbritannien werde ein ähnliches Angebot Japan wohl nicht unterbreiten. Er schloss, England würde so die „große[n] militärische Bedeutung unserer Flotte“ anerkennen. Allerdings würden die Engländer „die erhaltenen technischen Nachrichten stets ein Jahr früher verwenden können“.

Kurz bevor in Berlin der Kanzler und Tirpitz in Verhandlungen eintreten, ist dem Kriegsminister klar, dass

„die Lücken in unseren Kampftruppen…erst in 2 bzw. 3 Jahren ausgefüllt werden“.

Heeringen ging davon aus, „in dieser vertrauensseligen Lage“ sei „Frankreich jedenfalls unser[er] sicherer Gegner bei etwaigen Verwicklungen“. Russland, diesem „zwar verbündet“, wurde „nach den Potsdamer Abmachungen im Herbst 1910 und bei seiner noch vorhandenen militärischen Schwäche“ nicht „an einem deutsch-französischen Krieg“ teilnehmend erwartet.

„Von England schien mehr eine moralische Unterstützung unserer Gegner, als ein Eingreifen mit Heer und Flotte zu erwarten“.

Und „Oesterreich würde zweifellos mit voller Kraft zu Deutschland stehen, während Italien mindestens einen Teil des französischen Heeres fesseln würde“. So die Einschätzung Heeringens, die sicherlich auch aus Quellen des Generalstabs gespeist war.

Der Kaiser schrieb am 15. Februar an Georg V., als wenn er selbst der englische König wäre, über Queen Victoria, sein Verhältnis zu seiner Großmutter und deren letzte Stunden. Er versah sich jedoch nicht, auf das diplomatisch-politische Feld anzuspielen:

„…die Gründerin der Größe Britanniens, hat zwischen ihrem Lande sowie ihrem Volke und mir ein unlösbares, besonders enges Band geschaffen, das ich in meinem Herzen hüte und hege“.

Der deutsch-französische „Kondominiums-Vertrag“ über Marokko von 1909 hatte an sich gut funktioniert. Die Konkurrenz zwischen französischen und deutschen Firmen trat jedoch in den folgenden Monaten ein. Als Rebellen die Hauptstadt des Magreb-Staates besetzten, und Gefahr für Leib und Leben der christlichen Kolonie in Rabat bestand, entsandte Frankreich Truppen. Darüber orientierte der französische Botschafter in Berlin den deutschen Außenminister Kiderlen-Wächter am 5. März. Dieser antwortete finster und wenig Zukunft verheißend, damit seien die Akte von Algeciras und der Vertrag von 1909 Makulatur. Deutschland sehe sich nun frei, seine Interessen dort in vollem Umfang wahrzunehmen. Der Außenminister, und er nicht allein, war sich darüber klar, die Gelegenheit zu benutzen, um über einer krisenhaft untermalten Verhandlung mit Frankreich, dieses von England und Rußland ab zu sprengen. Am 3. Mai fixierte er diesen seinen Gedanken in der Form eines Memorandums.

Am 4. Mai hatten sich Bethmann Hollweg und Tirpitz zur Erörterung der „Agreement Angelegenheit“ getroffen. Bereits am Vortage legte der Legationsrat Stumm ein Antwort-Memorandum Tirpitz vor. Am 5. Mai, in Karlsruhe, beabsichtigte der Kanzler die Genehmigung des Kaisers dazu einzuholen, um dann noch vor der Reise Wilhelms II. nach England, Mitte Mai, diese der britischen Regierung zu übermitteln. Tirpitz machte „die schwersten Bedenken“ geltend. Er hob darauf ab, im Jahre 1909, als die Verhandlungen begonnen hätten, sei die Lage anders gewesen. Nun, nachdem der Etat 1911 bewilligt sei, kämen „nur mehr Ersatzbauten in Frage“. Zwischen 1912 und 1918 würden „nur zwei Schiffe pro Jahr gestapelt“. Ab 1918 sei, gemäß Flottengesetz, „automatisch“, mit drei Schiffe pro Jahr zu rechnen. Es sei

„also klar, daß von 1912 ab jede Verlangsamung des Bautempos gleichbedeutend ist mit einer Verminderung der gesetzlich vorgeschriebenen Schiffszahl und damit einem Bruch des Flottengesetzes. Ein Entgegenkommen den Engländern gegenüber in dieser Richtung ist daher ohne Beseitigung des Flottengesetzes und ohne erhebliche Verminderung unserer Seemacht ausgeschlossen. Die Beibehaltung des zweier Tempos über 1917 hinaus würde unseren Flottenbestand von 60 auf 40 Schiffe d.h. um ein volles Drittel verringern“ Hevorh.v.m., B.S..

Tirpitz schloss, „die Entscheidung über die in dem Memorandum angeschnittenen Frage“, berühre „die Weltmachtstellung des deutschen Reiches“. Daraufhin entwickelte sich das folgende Gespräch:

„Kanzler: Nach Ihrer Ansicht wird also das Flottengesetz nach 1917 auch schon dann gefährdet, wenn wir uns die nächsten 6 Jahre auf ein Bautempo von zwei Schiffen pro Jahr festlegen. Falls die Engländer sich uns gegenüber auf ein Bautempo von 3 Schiffen pro Jahr für die nächsten 6 Jahre verpflichten, gibt es also keine Kompensation mehr auf dem Marinegebiet außer der Reduzierung des Bautempos nach 1917.
Staatssekretär: Es entsteht für uns die große Gefahr dauernd auf 2 Schiffe jährlich festgenagelt zu werden, dann wenn wir es als möglich angesehen haben, 6 Jahre lang jährlich 2 Schiffe zu bauen und England 3 würde der Übergang im Jahre 1918 von 2 auf 3 Schiffe jährlich schwierig sein. Es wird niemand mehr das Motiv dazu verstehen. Dazu kommt, dass im Jahre 1918 die gesamten Schiffsbauten aus Steuern, statt wie bisher teilweise aus Anleihen bestritten werden müssen. Es bedarf also im Jahre 1918 für das 3.Schiff einer besonderen Steuerbewilligung von 50 Millionen steigend von 1918 – 1921 um jährlich 12 Millionen. Ich kann mir keine andere Kompensation als Reduzierung des Bautempos nach 1917 vorstellen.
Kanzler: Aber durch das Flottengesetz ist doch das dreier Tempo von 1918 ab gesetzmäßig festgelegt?
Staatssekretär: Ja, das ist es. Aber wenn die Verhältnisse mächtiger sind ist das Flottengesetz nur mehr ein Stück Papier. Ferner: Das Flottengesetz sieht ja eigentlich ständig ein dreier Tempo vor mit geringen Ausnahmen, die dadurch hervorgerufen sind, daß die Schiffszahl nicht ganz 60 sondern nur 58 beträgt. Zufälle und Verhältnisse haben es leider gefügt, daß für 6 Jahre lang ein zweier Tempo eingeschoben werden musste. Um den Gedanken des dreier Tempos aufzufrischen bzw. nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wird es vielleicht notwendig werden, das 6 jährige zweier Tempo zu unterbrechen durch Vorziehen von 1 – 2 Schiffen.
Kanzler: Ist dazu ein Gesetzakt notwendig?
Staatssekretär: Ja. Ohne Gesetzakt ist es nicht angängig.
Kanzler: An mir ist es den Engländern jetzt zu antworten. Ein politisches Agreement wird, wie ich glaube, durch die Verhältnisse von selbst kommen. Was das Marine Agreement anbetrifft, so bin ich sachlich derselben Ansicht wie Sie d.h. ein Marine Agreement ist in der Tat nicht möglich. Ich würde aber unhöflich sein, wenn ich jede Besprechung eines Marine Agreements ablehnen würde. Sie sind einverstanden, wenn ich Ihre Ansicht dem Kaiser vortrage?
Staatsekretär: Einverstanden.

Kanzler: Sie sind also gegen den Vorschlag eines Agreements?
Staatsekretär: Ja. Es ich nicht zu übersehen, wie die Engländer einen solchen Vorschlag auffassen und welche Konsequenzen sie daraus ziehen. Kommen sie mit einem Vorschlag für ein Marine Agreement, so kann es nur ein solcher sein, den wir ablehnen müssen und damit laden wir uns das odium auf.
Staatssekretär: Fragt, ob der Reichskanzler ihn nach dem Vortrage bei Seiner Majestät nochmals zu Rate ziehen wolle.
Kanzler: Entgegnet, was hätten Sie denn für Änderungen?
Staatssekretär: Macht in dem Memorandum die Änderungen in Blei und erklärt, er mache diese Änderungen aus dem Stegreif ohne die Absendung des Memorandums an sich befürworten zu können.
Kanzler: Ich glaube Sie dahin zu verstehen, daß Sie befürworten, wir legen uns bei dem Agreement fest.
Staatssekretär: Ja“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Beim letzten Händedruck, bei der Abreise Wilhelms II. aus London, brach der Monarch die bis zu diesem Moment gute Stimmung: er sprach von Marokko und über seine gemischten Gefühle angesichts einer Politik, welche die Krise für ihre Zwecke instrumentalisierte. Bethmann Hollweg registrierte sehr aufmerksam, dass Georg V. auf die Aussage des Kaisers, er werde es wegen Marokkos niemals zum Kriege kommen lassen, nichts erwidert habe. Tatsächlich wollte der Kaiser Georg V. in London auf den bevorstehenden „Panthersprung“ nach Agadir hingewiesen haben. Dies bestätigte ein Schreiben des britischen Gesandten in Kopenhagen, Spring-Rice. Dieser habe während einer Flottenbesichtigung vor Stettin dem König von Schweden mitgeteilt, „daß er König Georg von seiner Absicht, ein Schiff nach Südmarokko zu senden“ erzählt habe. Der englische König „habe gegen das Unternehmen keinen Einspruch erhoben“.

Wilhelm II. fasste das Flottengesetz als Mittel der deutschen Politik auf, das England „zur Verständigung mit“ Deutschland zwänge. Also sei aus seiner Sicht, deren „ungestörter Aus- und Weiterbau [ein]…unbedingtes Erfordernis“. Bethmann Hollweg griff telegraphisch ein, indem er dem Kaiser riet, „die Besprechungen [mit England] kühl und nüchtern fortzusetzen, ohne von unserer Seite Empressement zu zeigen“. Bisher sei zudem „die politische Verständigung in den Vordergrund“ geschoben worden. Der Kanzler betonte, schon das „aide mémoire“, das vor kurzem übergeben wurde, habe „die Durchführung des Flottengesetzes“ als „conditio sine qua non“ herausgestellt. Auf die Details des Zweier- und Dreier-Tempos empfahl Bethmann Hollweg erst dann einzugehen, „wenn sich aus der Art der Vorschläge“, welche England machen würde, „ergibt, daß sie für eine politische Verständigung schon reif sind“. Bethmann Hollwegs Kalkül berücksichtigte:

„Andernfalls würden Sie, wie ich fürchte, neuerdings Mißtrauen schöpfen. Wenn gleich auch ich vollkommen Euerer Majestät Standpunkt teile, daß nur der tatsächliche Ausbau unserer Flotte die Engländer zur Vernunft bringen wird“ Hervorh.v.m., B.S..

Die Krise kocht hoch.

Allerdings sah Bethmann Hollweg den „politischen Charakter der Engländer“, der ohne Vertrauen in die deutsche Politik, diese „nicht zum Ziele gelangen“ lassen würde. Just in diesen Tagen teilte Grey dem deutschen Botschafter mit:

„Ich sollte Ihnen sagen, daß wir in Bezug auf Marokko keine uninteressierte Haltung einnehmen könnten. Wir müßten unsere vertraglichen Verpflichtungen gegen Frankreich und unsere eigenen Interessen in Marokko in Betracht ziehen. Wir wären der Meinung, daß durch die Entsendung eines deutschen Schiffes nach Agadir eine neue Situation geschaffen worden wäre“ Hervor.v.m., B.S..

Der Botschafter Metternich übermittelte am 1. Juli Sir Arthur Nicolson, das Kanonenboot „Panther“ sei nach Agadir entsandt, „um Leben und Eigentum gewisser in der Gegend ansässiger ‚Hamburger Kaufleute’ zu schützen“. Am 4. Juli betonte Grey den harten Standpunkt Großbritanniens, das an jeder Verhandlung beteiligt sein wollte, da dessen Interessen in diesem Raume bedeutender seien als diejenigen des Reiches. Gut gewählt war dieser Moment nicht nur aus Gründen der englischen Innenpolitik. Auch sah sich Berlin in der Lage, über den – zumindest Deutschland nicht feindlich gesinnten – französischen Ministerpräsidenten Caillaux zu einer Trennung Frankreichs von England, und weiter, einer gehörigen Kompensationszahlung zu kommen. In London schwieg Deutschland siebzehn Tage lang. Währendem forderte Kiderlen Wächter von Jules Cambon in Berlin den gesamten französischen Kongo; anderenfalls schwerste Konsequenzen nicht ausgeschlossen würden. Am 21. Juli drang Grey, im Gespräch mit Metternich darauf, an den Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich beteiligt zu werden. Dieser diplomatische Hinweis wurde noch am selben Tag durch den Theaterdonner der Rede Lloyd Georges vor Bankiers der Londoner City untermalt. Der Text der Rede war zuvor mit Asquith und Grey abgestimmt. Lloyd George drohte, wenn Berlin versuchen sollte, Großbritannien in dieser Frage zu übergehen,

„dann muß ich sagen, daß ein Frieden um diesen Preis für ein großes Land wie das unsere eine unerträgliche Erniedrigung bedeuten würde“ Hervorh.v.m., B.S..

Die deutsche Antwort war ein so schroffer Vorschlag, dass Grey annahm, es werde zum Krieg kommen. Es wurden Warnungen an die Flotte herausgegeben, Übungen verschoben und die Bewachung der Depots verstärkt. Sofort milderte Kiderlen Cambon gegenüber den Ton.

45 – Flotte erst im Herbst 1914 kriegsbereit.

Tirpitz schrieb am 1. August an Bethmann Hollweg „über die Einbringung einer Mar[ine]. Novelle“. Am 30. August 1911, vor dem Hintergrund der noch schwelenden Marokkokrise, diskutierte Tirpitz die deutschen Möglichkeiten, England Zugeständnisse auf dem Flottensektor zu machen. „Zur Zeit“ sei diese „für den Krieg mit England in besonders ungünstiger Lage“ Hervorh.v.m., B.S.:

„Innere und außenpolitische Rücksichten müssen m.E. zurücktreten gegen die rein militärischen bei der Wahl dieses Augenblicks d.h. wir dürfen nicht eher die Folgen einer Provokation auf uns nehmen, bevor die Flotte in ihrem jetzigen Stande der Indiensthaltung…dem Gegner ebenbürtig ist“ Hervorh.v.m., B.S..

Die Flotte war wiederum nicht kriegsbereit. Tirpitz suchte das zu bemänteln, indem er darauf hinwies, „noch vor Kurzem“ sei „von entsprechenden Stellen in der Flotte“ – dem Zentrum seiner fachlichen Gegner – behauptet worden,

„daß der gegenwärtige Augenblick unsere Flotte nicht in der zu fordernden militärischen Verfassung findet und daß dieser Moment erst eintreten wird
a. wenn unsere Hochseeflotte aus modernen Linienschiffen und Kreuzern besteht und
b. der Kanal für diese Schiffe fahrbereit ist“.

Tirpitz legte sich für die Flotte, auf den Termin eines möglichen Krieges auf den Herbst 1914 fest. Hier wird, nach 1909 erneut, das Jahr 1914 als möglicher Zeitpunkt benannt und gezeigt, dass durchaus in der deutschen Führungsspitze terminlich-zeitlich für diesen Fall vorgedacht wurde. Tirpitz schrieb:

„Somit wäre Herbst 1914 als der Zeitpunkt ins Auge zu fassen, von dem an wir der Wirkung von Machterweiterungsabsichten über das Flottengesetz hinaus auf unseren Gegner mit dem Vertrauen entgegensehen können, daß der Einsatz unserer Flotte ihm so ernsten Schaden zufügen wird, daß damit der gesammte nationale Aufwand für unsere maritime Rüstung seinen Zweck haben wird“ Hervorh.v.m., B.S..

Gerade jetzt, im Angesicht der Kriegskrise um Marokko, erachtete der Staatssekretär „die Wucht der militärischen Gründe für die schleunige Beseitigung unserer militärischen Schwäche“ als günstig. Erneut betonte Tirpitz den Krieg als mögliche Folge einer Marinenovelle. „Die damit vorhandene Kriegswahrscheinlichkeit der Flotte bis 1914“ sähe diese „in ungünstiger Verfassung“. Er schlug vor:

„Den Zeitpunkt abwarten, bis dahin die Zeit ausnutzen und d a n n vom festen militärischen Boden aus in der beabsichtigten Weise vorgehen, um das für Deutschlands Lebensinteressen gebotene Kräftemaß zur englischen Flotte herzustellen, erscheint mir hiernach folgerichtig“ Hervorh.v.m., B.S..

Der Flottenbau stand damit, ab ovo, zumindest in Korrespondenz mit einem zuvor festgelegten Plan. Gegenüber dem Reichskanzler gestand Tirpitz zu, dass die „unzureichende Marine“ die „Ursache“ der im Moment „schwierigen Position“ Deutschlands sei. Der Staatssekretär folgerte jedoch, eine umfangreichere Marinevorlage sei aus diesem Grunde notwendig. Aus anderem Anlass fasste Tirpitz die Ziele des Flottenbaues, gegenüber dem Chef des Marinekabinetts, noch einmal zusammen. Zwar wollten die Politiker „eine starke Flotte hinter sich haben“, so führte er aus, doch bis es soweit sei, wären sie nicht bereit, die „schweren Friktionen und Krisen“ zu ertragen, die auf dem Wege dahin notwendig entstünden. Tirpitz sah sich der Front der Marinebefehlshaber und Politiker gegenüber, die ihm im Zuge der Marokkokrise den Vorwurf machten, sein Kriegsinstrument sei in der aktuellen Lage unbrauchbar. Ergänzt wurde diese Phalanx der Flottengegner um den Staatssekretär des Reichsschatzamtes und die „Vertreter der Armeeinteressen“.

Weiterentwicklung des Flottenplanes.

Am 30. September betonte der Kaiser seinem Kanzler gegenüber, er wolle die deutsche Flottenpolitik neu bestimmen. Es handele sich, so schrieb Wilhelm II., um „ein klar erkennbares, festzulegendes Ziel für die Zukunft“ der Flotte, und damit die des Reichs. Der bisher geltende Risikogedanke müsse durch

„ein anderes, faßbares, klar erkennbares Ziel, um unser Volk zu dirigieren und seinem Wunsch nach Seegeltung entgegenzukommen“

ersetzt werden Hervorh.v.m., B.S.. Von einem Politik bestimmenden Einfluss der Öffentlichkeit war somit nicht die Rede, sondern ganz im Gegenteil davon, die öffentliche Meinung im Reich zu „dirigieren“. Trotz des 2er und 3er Tempos, im künftigen deutschen Flottenbau, auftretende Spannungen mit England könnten dazu führen, dass „die Briten trotzdem übermäßige Bauten“ durchführten. Dann, so meinte Wilhelm II., würden

„sie vor der Welt das Odium der Provokation und feindlicher Absichten gegen uns auf sich“

laden Hervorh.v.m., B.S.. Wilhelm II. forderte von Bethmann Hollweg eine „nationale That“, die den Gegner England aber zugleich nicht provoziere.

Flottenbefehlshaber, Reichskanzler, Auswärtiges Amt und Reichsschatzamt – wie „Armee-Interessen“ – verbündeten sich gegen den Flottenbau. Das entwickelte Tirpitz im September in einer Aufzeichnung, augenscheinlich im Angesicht des unmittelbar drohenden Krieges mit England und Frankreich. Der Staatssekretär schrieb, in Anlehnung an die Ausführungen des Reichskanzlers:

„Reichskanzler und Auswärtiges Amt seien zwar in erster Linie daran interessiert, für die Führung der auswärtigen Politik eine starke Flotte hinter sich zu haben. Es ließe sich aber nicht verhindern, daß die Schaffung einer solchen Flotte auf dem Gebiet der äußeren Politik zu schweren Friktionen und Krisen führen könne“.

Tirpitz gab zu erkennen, er wisse von einer Koalition der Flottenbefehlshaber, darunter auch der Admiralstabschef, gegen das Reichsmarine-Amt. Der Staatssekretär nahm ausdrücklich Bezug auf Gespräche „des Grafen von Baudissin mit dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts Schoen als es sich um Agreements-Vorschläge auf einseitiger Basis“ gehandelt habe und suchte zu erwirken, dass Wilhelm II. „unzulässige und gefährliche unbedachte[r] Kritiken“ per Kabinettschreiben verbiete.

Voraussetzungen für den Einsatz der Flotte. Flotte gegen England.

Daraufhin berief am 3. Oktober Bethmann Hollweg Tirpitz zu sich. Der Kanzler unterstrich, dass gegenüber England jede Spitze zu vermeiden sei; was der Marinevertreter jedoch betreibe. Tirpitz argumentierte, in enger Anlehnung an Wilhelm II., „der Risikogedanke“ genüge nicht mehr. „Etwas Greifbares, Zahlenmäßiges [sei] nötig“. Der Staatssekretär betonte ferner, auf die durch den Tripoliskrieg veränderte Situation eingehend, „jetzt dränge er aber zu handeln“ Hervorh.v.m., B.S.. Tirpitz führte aus, er schaffe eine „klare Position, frei von allen aggressiven Gedanken“. Bethmann Hollweg gab zu bedenken, es handele sich „aber doch um [eine] direkte Bezugnahme auf [die] engl[ische]. Flotte“. Er, der Kanzler, „habe doch immer vertreten, wir bauten die Flotte gegen Niemanden“. Daraufhin ließ Tirpitz die Katze aus dem Sack. Er antwortete, er habe

„diesen Ausspruch immer bedauert. Jeder habe doch gewußt, daß wir geg[en]. E[ngland]. bauen“ Hervorh.v.m., B.S..

Offensichtlich ging es dem Reichskanzler darum, die Tirpitz’ Forderung abzuwehren, eine Flottennovelle sofort für das Frühjahr, bzw. spätestens den Herbst 1912, anzukündigen. Bethmann Hollweg resümierte:

„Faßt man diese beiden Gesichtspunkte zusammen, so würde die Motivierung der Flottennovelle auf die Behauptung hinauslaufen, daß die Ereignisse dieses Sommers die Gefahren eines Krieges zwischen Deutschland und England, wofern Deutschland überhaupt noch eine aktive ‚Weltpolitik’ führen wolle, derart nähergerückt hätten, daß die Vermehrung der deutschen Flotte bis zur Relation von 2 zu 3 notwendig sei“.

Zu den „marinetechnischen“ Werten, der innenpolitischen Bedeutung und außenpolitischen Implikationen, wünschte Bethmann Hollweg die Position des Staatssekretärs des Reichsmarine-Amtes zu klären. Der Reichskanzler stellte in Aussicht:

„Mein Urteil über die auswärtige Situation Deutschlands, die Einwirkung der Marokkopolitik und der Tripolisaffäre auf dieselbe und über die Rückwirkungen einer Flottennovelle auf sie, werde ich Seiner Majestät demnächst vortragen. Dabei werde ich die Eventualität eines Krieges mit England ins Auge zu fassen haben. Zu diesem Zweck bitte ich Eure Exzellenz um eine Äußerung darüber, inwieweit unsere Chancen in einem solchen Kriege von der Fertigstellung des Kanals und der Helgoländer Anlagen abhängig sind“ vgl. Fritz Fellner, Tagebuch Redlich-Hervorh.v.m.,B.S..

Dass es unmittelbar um die Frage eines Krieges mit England ging, ist damit für diesen Zeitpunkt belegt. Es bestand offensichtlich direkte Kriegsgefahr.

Müller berichtete dem Kaiser, die Unterredung zwischen Bethmann Hollweg und Tirpitz habe „erhebliche politische Bedenken des Reichskanzlers ergeben“. Bethmann Hollweg habe dem Staatssekretär den Auftrag erteilt, einige Fragen „zur Beurteilung der marine-politischen Situation“ zu beantworten. Müller stellte der Kanzler in Aussicht, er werde „in den nächsten Tagen in Hubertusstock“ in der Angelegenheit dem Kaiser Vortrag halten. Auch Müller enthüllte am Ende seines Schreibens, es sei um unmittelbar drängende Entschlüsse gegangen. Er schloss, „ob die politischen Verhältnisse das sofortige Handeln nützlich oder angängig erscheinen lassen“ Hervorh.v.m., B.S., könne er nicht entscheiden. Parallel hatte Bethmann Hollweg den Chef des Admiralstabs um ein Gutachten „über die Abhängigkeit unserer Kriegschancen von der Fertigstellung des Kanals und der Helgoländer Anlagen“ gebeten.

Heeringen antwortete:

„Unsere Chancen in einem Kriege gegen England sind unter den augenblicklichen Verhältnissen nicht groß. Der Grund hierfür liegt in dem gegenseitigen Stärkeverhältnis der Seestreitkräfte. Der Kanal hat seine Bedeutung zunächst nur darin, daß er die Konzentration unserer Flotte vor Kriegsausbruch oder bei einer Mobilmachung wesentlich erleichtert. Solange er für eine Anzahl unserer Schiffe nicht benutzbar ist, sind wir gezwungen, den Aufmarsch früher vorzunehmen, als nach der Fertigstellung nötig sein würde. Im frühen Verlauf des Krieges kann der Kanal Bedeutung erlangen, wenn es sich darum handelt, einer Ostseeflotte entgegenzutreten. Es ist aber nicht wahrscheinlich, daß gerade England seine großen Schiffe den Gefahren einer Ostseekriegführung angesichts unserer Torpedo- und Unterseeboote aussetzen wird.
Helgoland soll unseren Torpedo- und Unterseebooten einen vorgeschobenen Stützpunkt für Unternehmungen in der Nordsee sichern. Die Anlagen für die Unterseeboote sind jetzt fertig, 16 Unterseeboote sind oder werden in kurzer Zeit bereit sein. Liegen Unterseeboote bei Helgoland, so sichern sie zunächst nicht nur die Deutsche Bucht gegen eine englische Blockade, sondern auch Hafen und Insel gegen eine Beschießung.
Daß die Festungswerke der Insel noch nicht fertig sind, fällt daher, wenigstens für die erste Zeit des Krieges, nicht mehr so ins Gewicht. Dazu kommt. daß die Südgruppe der Werke noch in diesem Winter fertig werden soll. Das Wichtigste in Bezug auf Helgoland ist also schon geschehen. Die endgültige Fertigstellung des Kanals und der Helgoländer Anlagen verbessert hiernach unsere Kriegführung in bestimmten Richtungen.
Maßgeblich für unsere Chancen England gegenüber sind aber weder der nicht fertige Kanal noch das unvollendete Helgoland, sondern lediglich die doppelte Überlegenheit der englischen Flotte über die deutsche. Auch nach Fertigstellung der genannten Bauten wären daher unsere Chancen für diesen Kriegsfall nicht entscheidend besser als heute. Diese Tatsache bedeutet für uns eine dauernde Gefahr, der durch Erstellen eines richtigeren Stärkeverhältnisses baldigst begegnet werden sollte“.

Der Admiralstabschef bezeichnete diesen Punkt als von „außerordentlichen[r] militärischen[r] Bedeutung“.

„Naturgemäß müssen wir bei jeder weiteren Verstärkung durch eine Zeit hindurch, die im Hinblick auf England eine gewisse Gefahr in sich schließt. Dies wird sich aber niemals vermeiden lassen, wenn wir überhaupt jemals zu militärisch brauchbaren Chancen England gegenüber kommen wollen“.

Heeringen machte sich zum Sprachrohr des weiteren Flottenbaus und plädierte mit Nachdruck dafür, der Flotte „zur Erhaltung des inneren moralischen Elements wie zum äußeren Erfolg“ unbedingt zu einer „militärisch brauchbaren Chance gegen England“ zu verhelfen. Abschließend glaubte der Admiralstabschef, verneinen zu können, England werde Deutschland „allein mit Krieg bedrohen“. Geriete das Reich mit einer anderen Macht in Konflikt, führt er weiter aus, dann allerdings würde die Sache anders aussehen. Er folgerte:

„Ist dies zutreffend, so müssen wir unsere Flotte möglichst bald auf eine brauchbare Höhe für den Krieg mit England bringen“.

Flottenplan und unmittelbare Kriegsvorbereitung.

Wie allgemein in der Marine, so vertrat auch der Chef des Admiralstabes damit die Theorie, „den Engländern imponiert…nur Stärke und Macht. Sind diese auf unserer Seite vertreten, so werden auch die Aussichten auf politische Erfolge unter Aufrechterhaltung des Friedens erheblich steigen“. Bethmann Hollweg ersuchte Tirpitz zu diesem Zeitpunkt „um [die] schriftliche Darstellung der Gründe für [die] Notwendigkeit der Einbringung einer Flottennovelle“. Daraufhin entwarf Tirpitz eine Erklärung, welche der Kanzler für die Marokko-Debatte des Reichstages benötigte.

Ein Krieg mit England stand demnach außer Frage. Deutschland war im Jahre 1911 dazu nicht in der Lage. Zudem entwickelte Admiral von Müller, in Anlehnung an Tirpitz, dem Reichskanzler Bedenken gegenüber dessen Formel für die diskutierte Flottenergänzung. Auch der Kaiser habe in Hubertusstock „die augenblickliche politische Lage“, als Argument für eine Flottennovelle, angeführt. Am 15. Oktober stimmte Wilhelm II. zu, „in diesem Herbst eine Erklärung im Reichtage über das anzustrebende Stärkeverhältnis n i c h t“ abzugeben. Der Chef des Marine-Kabinetts fixierte in einer Aktennotiz den Stand der Verhandlungen mit England. Diese enthält Ausführungen über den Gegenstand einer Unterredung von Müllers mit dem englischen Botschafter Goschen, die im Beisein des Außenministers Kiderlen-Waechter stattfand. Ausgeführt wurde, „so lange England sich nicht zu einer deutsch freundlichen Politik entschließe“, sei auch eine „Verständigung in der Flottenabmachung ausgeschlossen“. Müller bestätigte, Deutschland „erkenne die englische Suprematie auf See an“, um dann anzuschließen:

„Aber wir können keine so erdrückende Suprematie anerkennen, daß England jederzeit ohne…Risiko über uns herfallen kann, sondern wir wollen so stark sein, daß wir bei einem Angriff Englands gegen uns die englische Flotte so zurichten, daß sie von den anderen Nationen nicht mehr gefürchtet zu werden braucht“ Hervorh.v.m., B.S..

Müller suchte Goschen zu beweisen, dass „von einer Beschränkung im Flottenbau für Deutschland nicht die Rede sein könne, wenn nicht auch alle anderen großen Staaten in dieses Abkommen mit einbezogen würden“.

Am 4. November wurde das Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich über Marokko geschlossen, das die gleichnamige Krise abschloss. Während der Marokkokrise äußert sich der englische Außenminister vor dem Unterhaus zur Wahrscheinlichkeit eines Krieges. Grey fasste das labile Verhältnis Großbritanniens zu Frankreich und Rußland zusammen:

„und beide, Frankreich und Rußland, wissen sehr wohl, daß die englische Meinung eine herausfordernde oder aggressive Handlung gegen Deutschland nicht unterstützen würde“.

Tirpitz berichtete Bethmann Hollweg am 19. Oktober über seine Unterredung mit dem Reichsschatzsekretär. Der Kaiser sandte am 24. Oktober den Chef des Zivilkabinetts „mit dem Auftrage“ zu Wermuth, „unter allen Umständen Mittel für die Flottennovelle flüssig zu machen“. Der Befehlshaber der Flotte, Admiral Holtzendorff, griff in diesem Stadium in die Diskussion mit einem Schreiben an Tirpitz ein. Der Admiral äußerte sich zur „Entwicklung der Flotte und der Besserung der Kriegsbereitschaft“. Reichskanzler, Admiralstab und Reichsschatzamt erhielten daraufhin den „Entwurf zur Flottennovelle 1912“. Der Chef des Admiralstabes antwortete am 24. November, und stimmte zu. Bethmann Hollweg telegraphierte dem Kaiser, „der vorgelegte Reichsetat“ enthalte „noch nichts von der Flottennovelle“. Wermuth äußerte sich parallel „zu den Kosten“. Der Kriegsminister erklärte am 29. November „seine Bereitwilligkeit zur Teilnahme an den Verhandlungen“. Der Chef des Admiralstabes berichtete Tirpitz „über seine Unterredung mit dem Kriegsminister am 30. November. Noch am selben Tage wehrte sich Bethmann Hollweg. Valentini, der Chef des Zivilkabinetts, wirkte auf den Kanzler ein, eine „ernste[n] Krisis“ zu vermeiden und deshalb die Marinenovelle einzubringen. Selbst ein Rücktritt Bethmann Hollwegs wurde nicht ausgeschlossen. Schließlich forderte der Kanzler am 4. Dezember den Kriegsminister auf, „baldmöglichst genaue Angaben über den Bedarf der Armeeverwaltung für die nächste 5 jährige Finanzperiode“ zu machen. Der Kriegsminister „hat keine Bedenken[,] dass sein Etat zu dem in Aussicht genommenen Termin im Bundesrat zur Beratung gestellt wird“.

46 – Spannungen im Entente-Verhältnis.

Der englische Botschafter in Petersburg, George Buchanan, zeigte sich erstaunt, dass Petersburg, trotz der Haltung des Reichs in der Annexionsfrage des Jahreswechsels 1908 / 09, das deutsche Volk „mit Nachsicht beurteilte und ihm nicht jenen bitteren Groll entgegenbrachte wie Österreich“. Bei Antritt seiner Mission in der russischen Hauptstadt äußerte derGesandte offen die Besorgnis des englischen Königs, angesichts der deutsch-russischen Verhandlungen seit Potsdam. Auch Sazonow gegenüber betonte der britische Gesandte wenige Wochen später, England hätte

„den geringsten Einwand gegen die Pflege guter Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland…, daß wir aber fürchteten, dies könnte auf unsere Kosten geschehen. So gerne wir selbst mit Deutschland zu einer Verständigung in den Rüstungsfragen gelangten, würden wir doch niemals daran denken, einen Schritt zu tun, der uns unsere Freundschaft mit Rußland und Frankreich kosten könnte“Hervorh.v.m., B.S..

Jedenfalls entwickelte der englische Gesandte das Bild einer weitaus offeneren europäischen Staatengesellschaft, als bislang in der Geschichtswissenschaft – unter dem Eindruck des „Kalten Krieges“ seit 1948 – üblich. Eine Interaktion der verschiedenen Staaten unter- und miteinander fand demnach, selbst über die Hürden der Bündnisgruppierungen hinweg, statt. Fehler Sazonows in den Verhandlungen mit Kiderlen Wächter über die Bagdadbahn hatten Russland gebunden, und dazu gezwungen den Widerstand gegen dieses Projekt aufzugeben. Gleichzeitig bedeuteten diese Abkommen eine arge Belastung der britisch-russischen Beziehungen. Jedenfalls ging es Anfang 1912, zwischen London und Petersburg, um das Überleben der Entente von 1907 über Persien. Jedenfalls stand eine Revision des englisch-russischen Verhältnisses zur Diskussion.

Wilhelm II. parlierte beim Neujahrsempfang 1911 mit den englischen Botschafter. Augenscheinlich bemüht um gute Atmosphäre, sprach der Kaiser möglichst positiv. Goschen berichtete:

„Said he had exchanged very cordial letters with the King etc. Bewailed the state of politics in England – and said he had received many very ‘violent’ letters from his friends in England on the subject. Added that he had great confidence in the conservative instincts of the British people being sufficiently strong to prevent any too radical change“.

Der französische Botschafter beobachtete den Gedankenaustausch zwischen Berlin und London offensichtlich mit Misstrauen. Jules Cambon äußerte gegenüber Goschen sein Missvergnügen:

„Cambon chaffed me afterwards at the ‘Cour’ made to me by their Majesties – and attributed it to our new ‘Alliance’.!!“

Wie sehr die Entrevue von Potsdam das Kalkül der Westmächte England und Frankreich störte, enthüllte die Unterredung zwischen Goschen und Zimmermann am übernächsten Tag. Vorgeblich sollten die Russen zu Deutschlands Vorschlägen von 1907 nicht schriftlich geantwortet haben. Doch sickerte durch, Sazonow habe, nach den Potsdamer Gesprächen, den ersten Artikel der Übereinkunft zur Bagdadbahn Berlin übersandt. Doch Goschen schloss:

„He told Pansa the same thing – adding that such a note as that alluded to in the Novoe Wremja and French and English Press – would be far too comprehensive for what has taken place up till now between the two Go’ts. this is strange: for while Zimmenmann is saying this – the German Press inspired and otherwise is fulminating ag´st what it considers to be an attempt on the part of the French, Russian and English Press to attenuate the Chancellor´s statememt in the Reichstag – viz. ‘That it has again at Potsdam been made clear that neither Country will join any combination having any aggressive point ag’st the other.’’ The Novoe Wremja limited this to ‘Persia or Turkey’ – while the German Press regards B[ethmann].H[ollweg]’s statement as a general ‘entente’ not to join etc. It is a matter of opinion which of the statements is strongest – the general one – or the one wh[ich]. specially mentions two countries.“ Hervorh.v.m., B.S.

Der Artikel I des deutsch-russischen Abkommens zur Bagdadbahn beschäftigte Paris und London gleicherweise. Der englische Botschafter resümierte:

„As a matter of fact this is a tolerably correct reproduction of the draft Memo, embodying the Potsdam and Petersburg negotiations: which was sent some time ago a fortnight? by Sassonow to German Government without submitting it beforehand to either B’h or F’h Ambassadors – or appenently to Czar. It contained the Art[icle].I about the Bagdad R’way which has caused so much annoyance and disapp’t to French and us, as by it Russia practically detaches herself from us as regards B’d Railway. He told Buchanan that he only meant ‘Railway as far as Bagdad’, but there is no doubt that Kiderlen will hold him to the letter and won’t allow him to wriggle out – i.e. without a row – because there is nothing signed yet“ Hervorh.v.m., B.S..

Schließlich schälte sich heraus, wie sehr das englisch / französisch-russische Bündnis unter Druck stand. Misstrauen regierte. Goschen notierte am 9. Januar in seinem Tagebuch:

„The situation is very confused. Officially French tranquil and certain that nothing has passed either at Potsdam or St. Petersburg which need disturb their minds as to solidarity of Russo-French alliance. But really they are furious and consider that a great blow has been struck against the Alliance and that Sassonow has been made to go much further than he meant, by Kiderlen. I share this view and so does Cambon“ Hervorh.v.m., B.S..

Wer bestimmt in Berlin die Richtlinien der Politik?

Zu diesem Zeitpunkt erschien der Reichskanzler dem Engländer als vielseitiger Kosmopolit mit preußisch-bürokratischen Neigungen. Zugleich erschien Bethmann Hollweg in diplomatischen Verhandlungen als „a novice“. Intellektuell hielt Goschen den Kanzler für fähig; keineswegs jedoch für einen Staatsmann von europäischem Rang. Im Juli 1910 folgte Kiderlen Wächter auf Schoen als Außenminister. Goschen bezeichnete diesen Wechsel als Unglück. Wenig später schrieb er an Nicolson, der neue Staatssekretär des Auswärtigen „would never go in for cheap and showy success at the expense of a rival“ und kurz darauf folgte das Urteil, dass

„Kiderlen has already got the whole direction of Foreign Affairs into his hands and that the Chancellor, as regards that department is like wax in his hands“ Hervorh.v.m., B.S..

Im November 1910 bedrängte ihn der Reichskanzler, Auskunft über Solidität und Kurs der englischen Regierung in der Zukunft zu geben. Goschen antwortete:

„I always tell him that I cannot see into the future and that the only thing I know about politics art home is that our Foreign Policy is always continuous. Men may change and perhaps Methods but the groundwork of our Foreign Policy always remains the same“.

Ende des Jahres fasste der englische Botschafter die politische Situation in Deutschland zusammen. Goschen zeichnete für Nicolson ein ernüchterndes Bild:

„Talking of the Emperor it is a strange thing how much he has lost in the eyes of his people. I hear it from all sides – and I have come to the conclusion that it is now only abroad that He is looked upon with the respect and belief in his Powers which he used to enjoy in Germany. I was perfectly astonished at my shooting party the other day to hear how he was criticized. For instance they were talking of the present Chancellor and bewailing the fact that there was now not a single great man in Germany capable of directing the affairs of the Empire. I said, ‘Well at all events you have the Emperor.’ They as much as said God help us if we have only ththe expense of a rival“ und kurz darauf folgte das Urteil, dass

„Kiderlen has already got the whole direction of Foreign Affairs into his hands and that the Chancellor, as regards that department is like wax in his hands“ Hervorh.v.m., B.S..

Im November 1910 bedrängte ihn der Reichskanzler, Auskunft über Solidität und Kurs der englischen Regierung in der Zukunft zu geben. Goschen antwortete:

„I always tell him that I cannot see into the future and that the only thing I know about politics art home is that our Foreign Policy is always continuous. Men may change and perhaps Methods but the groundwork of our Foreign Policy always remains the same“.

Ende des Jahres fasste der englische Botschafter die politische Situation in Deutschland zusammen. Goschen zeichnete für Nicolson ein ernüchterndes Bild:

„Talking of the Emperor it is a strange thing how much he has lost in the eyes of his people. I hear it from all sides – and I have come to the conclusion that it is now only abroad that He is looked upon with the respect and belief in his Powers which he used to enjoy in Germany. I was perfectly astonished at my shooting party the other day to hear how he was criticized. For instance they were talking of the present Chancellor and bewailing the fact that there was now not a single great man in Germany capable of directing the affairs of the Empire. I said, ‘Well at all events you have the Emperor.’ They as much as said God help us if we have only the Emperor to rely on – what they did say any way was that His Majesty had certain high ideals and thought he could do a lot of things better than any one else – but ‘as for directing the affairs of[f] the Empire – why – he is not in the least in touch with his people and has no notion whatever of politics – either external or internal’! This, mind you, was from men who know him well and are continually about him. This is what the big people say – the lower ranks are still harder on him“ Hervorh.v.m., B.S.

Krisen-Fahrpläne: London und Berlin.

Anfang Februar 1911 legte Kiderlen Wächter seinen Fahrplan für Marokko dem Kanzler vor. Dieser sollte zur Grundlage der Beschlussfassung bei Wilhelm II. werden. Darin vertrat Kiderlen die Auffassung, Ziel von Verhandlungen über Marokko müsse sein, den ganzen französischen Kongo zu gewinnen. Im Fall einer Teilung des belgischen Kolonialreiches sollte der Kongo die Brücke zu Ostafrika schlagen. Drohen wollte der Außenminister mit der Forderung, Marokko und Casablanca zu evakuieren. Doch der Staatssekretär erwartete nicht, dass die Franzosen die Drohung annehmen würden. So startete die Aktion am 6. April, mit der Ankündigung abweichender deutscher Ansichten, zu Marokko. All dem unterlag der Gedanke, Frankreich stehe Deutschland auf der ganzen Linie feindlich im Wege. Deshalb, so die Ansicht der deutschen Führung, Frankreich sei der Hauptgegner.

Am 9. Mai interpretierte Jules Cambon, gegenüber seiner Pariser Zentrale, die deutsche Taktik:

„Perhaps I need see in Germany’s attitude no more than a wish to intimidate us, to recover what she has abandoned and to get the most she can out of other affairs after having ascertained the weakness of our opposition. Be that as it may, our moral obligations towards our nationals and towards the countries with which we have signed agreements, our dignity as a great nation and the importance of a rightly-understood relation between ourselves and Germany, require us to follow out the programme of prudent activity that we have decided upon“ Hervorh.v.m., B.S..

Noch Mitte Mai fand sich Goschen, angesichts der deutsch-russischen Annäherung, im Foreign Office mit Nicolsons Depressionen konfrontiert. Der Gesandte hielt fest:

„Had a good talk with Nico[lson]: but found him rather depressed and of course unable to give me news of any decided policy. Drift seemed to me to be the order of the the day – as there is a decided revirement for Germany in British Public Opinion – and the idea of the Gov’t seems to be to take count of this by spreading negotiations over a long time – even tho’ they know that no definite agreement is likely. This is an unpleasant position – 1. for H[is].M[ajesty’s]. Amb’r at Berlin. 2. for Nico whose child the Triple Entente is. I am to see Grey on Monday“.

Doch auch der Außenminister sah den Weg nun nicht mehr klar vorgezeichnet. Der englische Botschafter notierte für seine Aufzeichnungen:

„Good conversation with Sir E. Grey: but I don’t see the way clear ahead – nor does he!“

Am 18. Mai dinierte Goschen mit Grey. Eine entscheidende Aussprache auf höchster Ebene. Der englische Geschäftsträger in Berlin hielt fest:

„Lunched with Grey. The party being He, Asquith Nicolson and myself. Most interesting and rather alarming. We did have a good talk – and I found Asquith and Grey quite sound on For[eign].Pol[itics]. I wish I could say the same for their internal ones“.

Die Einweihung des Queen Victoria-Denkmals vor dem Buckingham Palace und die Krönung König Georg V. führten Goschen zweimal nach London, sodass er Anfang Juli erneut mit Grey im Foreign Office über Marokko sprechen konnte. Goschen merkte an, es sei „a good talk about Marocco“ gewesen. Zeitgleich die Krönung des neuen Königs und die bedeutende Rede Asquiths im Unterhaus zu Marokko. Goschen zog scharf die Grenzen und Bruchlinien der europäischen Politik nach – selbst mit Frankreich, aber vor allem zu Deutschland:

„Had a final talk with Nico[lson]: and we were very satisfied with Asquith’s declaration in the House of Commons that the desp[atch]. of the German ship to Agadir created a new situation – and that if it raised international questions – and a German occupation was threatened – we should be solid with France and keep a sharp eye on every thing that might affect B’h interests. Our idea is that France paid us for letting her alone as regards Morocco – by giving us free hand in Egypt: if Germany goes to Morocco – situation changed because she has paid us nothing“.

Goschen erfuhr während seines England-Aufenthaltes von Georg V., in einer einstündigen Unterredung, von dessen Gesprächen mit Wilhelm II. Goschen notierte am 22. Mai:

„He was most gracious and kind and talked with me for an hour on German and other affairs. He told me that only on the last day before going had the Emperor talked politics with him – and on the subject of Marocco. The K[aiser]. seems to have kept his end up very well. He is dead against any binding naval or pol[itical]. arrangement – and told me to try and stop it!…“Hervorh.v.m., B.S..

Ende Mai fanden im Rahmen des Commitee of Imperial Defence Verhandlungen zu Leitfragen der britischen Politik statt. So hielt der Marineminister McKenna einen Vortrag zum „Hauptziel“ der englischen Flottenstrategie in Kriegszeiten. Dabei wurde ausgeführt, „das Ziel der Reichsflotte“ sei, „durch vereinte Anstrengungen der Marine die Herrschaft über das Meer mit der geringsten nur möglichen Verzögerung an sich zu bringen“. Dabei solle „dem Feind das Meer“ verschlossen werden. Das heiße „nicht nur die Küsten unserer Inseln, sondern, mit Ausnahme von Kanada, alle Dominions von jeder Invasionsangst sich frei fühlen“ dürften,

„und daß der Handel des Reiches gesichert wäre. Der Feind hingegen weder die Möglichkeit hätte, seine Truppen zu transportieren, noch seinen Handel fortzusetzen und, daß der wirtschaftliche Druck durch Zerstörung des Überseehandels für fast jeden modernen Staat so schwerwiegend würde, daß dies“,

wie McKenna annahm, „schon noch etwas mehr als einen lähmenden Schlag bedeuten müßte“. Lord Haldane erörterte die besonderen Bedingungen, unter denen eine englische Armee gebildet worden sei:

„Wir haben Seegrenzen, die wir besser und viel billiger verteidigen können, wenn wir uns zu diesem Zwecke in weitem Maße auf die Flotte stützen. Unsere Kräfte konzentrieren wir vor allem auf die Schaffung einer Überseearmee oder vielmehr einer Reihe von Überseearmeen: eine für die Verteidigung von Indien, eine andere für die Verteidigung von Afrika und wieder andere für die Bildung der ägyptischen Besatzungen und der Besatzungen im Mittelmeer; und überdies haben wir unsere Aufmerksamkeit auf eine Expeditionsarmee gerichtet, die fertig zum Mobilisieren in unserem Lande bereitsteht und nach irgendeinem Teil der Dominions der Krone gesandt werden kann, falls sie sie zu ihrer Hilfe benötigen“ Hervorh.v.m., B.S..

Eben dieses Moment wurde betont, um die Zustimmung der Mitglieder des Empire zu erwirken. Wenngleich Haldane dies unter vollständiger Verzeichnung der wahren Absichten der Armeereorganisation unternahm. Haldane umriss lediglich den Umfang der zur Verfügung stehenden Verbände:

„Wir haben zu Hause eine sehr kleine Armee, aber wir haben in Indien etwa 77000 Mann britischer Truppen, wir haben anderswo, in Afrika und Ägypten, weitere britische Truppen und auch Truppen für die Mittelmeer-Besatzungen und andere Orte, wodurch eine Gesamtheit von etwa 115000 Mann zusammenkommt. Überdies haben wir eine Expeditionsarmee, bereit, daheim mobilisiert zu werden, und über 167000 Mann stark, wenn sie mobilisiert ist, und noch eine gute Anzahl anderer Truppen. Wir haben alles zusammen so etwas wie 300000 auf lange Frist angeworbene Mann und noch mehr; dadurch unterscheiden wir uns gänzlich von den Armeen des Kontinents“ Hervorh.v.m., B.S..

Wiederum ging Haldane jedoch über die tatsächliche Zielstellung der Kräfte des Expeditionskorps im Heimatland hinweg:

„Die beiden Ziele, wofür die gesamte Armee existiert, die der Dominions sowohl wie die britische, sind lokale Verteidigung die wie Sie sehen werden, für uns zu Hause eine weniger bedeutsame Angelegenheit ist, Überseeverteidigung und gegenseitige Hilfe“.

Bei dieser Gelegenheit wurde ebenfalls die „Koordination der Handlung aller Regierungs-Departements im Moment des Kriegsausbruches“ behandelt. Von mangelhafter Vorbereitung Englands in diesem Mai 1911, und danach, kann demnach wohl kaum gesprochen werden.

47 – Die Marokkokrise auf dem Höhepunkt.

Vor seiner Abfahrt nach London hatte Wilhelm II. in Berlin über das deutsche Vorgehen in der Marokkofrage klärende Gespräche mit dem Reichskanzler und dem Staatssekretär des Auswärtigen geführt. Seine positive Haltung, einem Flottenabkommen gegenüber, sollte sich im wesentlichen bis 1913 nicht ändern.

Die Mitte des Monats Juli stand bevor, als Goschen in Berlin mit Jules Cambon zusammentraf und dieser ihm die Ereignisse auseinander setzte. Goschen notierte am 10. Juli:

„Long talk to Cambon, who told me everything that had passed – which was in fact and in brief that after a conversation with Kiderlen at Kissingen in which latter had made certain proposals with regard to compensation outside Morocco – Cambon went home to lay these proposals before his Gov’t – and before he could do so owing to change of Gov’t and only 3 days after Kid.’s proposals – Agadir happened.
Cambon furious naturally. Went raving to Schoen and gave a bit of his mind as regards K[iderlen]’s proceeding.
He then came back here – and had a conversation with K[iderlen]. which beginning, naturally, very stiffly ended by the same proposals as K[iderlen]. had made at Kissingen“ Hervorh.v.m., B.S..

In einem Gespräch mit dem deutschen Kronprinzen erfuhr der französische Botschafter, dieser nehme nicht an, die Franzosen würden sich aus Marokko zurückziehen. Es ginge lediglich darum, dass Deutschland seinen Anteil erhielte; dann könne Frankreich machen was es wolle. Kiderlen ließ als Stichwort für diese Kompensation „Mogador“ fallen. Die Idee, so der Botschafter, freie Hand für Frankreich gegen Mogador, sei eine Versuchung für deutsche Gehirne. Cambon fuhr nach Bad Kissingen, um mit Kiderlen zu verhandeln. Dieser lag durchaus nicht falsch, wenn er betonte:

„I do not contest your influence in Marocco, but influence is not the same as protectorate, and it is a veritable protectorate that you are setting about organizing in Marocco. That is not contemplated either in the act of Algeciras or in the Agreement of 1909“.

Der Staatssekretär des Auswärtigen wollte ein Angebot Frankreichs hören. Cambon mahnte Paris, Spanien nicht zu vergessen, in dessen Arme sich Deutschland sofort begeben würde. Spanische Unterstützung an den Pyreneen: ein Traum deutscher Strategen. So oder ähnlich äußerte sich der Gesandte in Richtung Paris.

Hinsichtlich einer schnellen Lösung beurteilten Cambon und Goschen gleicherweise die Lage sehr skeptisch. Drei Tage später kam es erneut zu heftigen Verhandlungen zwischen Kiderlen und dem französischen Botschafter. Der englische Geschäftsträger bemerkte:

„The demands are shocking – w[hic]h. may – or may not be – K[iderlen]’s fault. K[iderlen]. sent for me and talked about meeting of B’h and German Squadrons at Molde under H[is].M[ajesty].’s eye! He took a line which I sh’d not have expected: but in wh. I quite agreed“.

Am 1. Juli der Paukenschlag. Botschafter Schoen teilte am Sonntag, dem 1. Juli mit, das Kanonenboot Panther sei gerade in die Bay von Agadir eingelaufen um deutsche Interessen zu schützen. Wilhelm II. und Kiderlen buhlten um die Urheberschaft dieser Aktion. Kiderlen schrieb seiner Freundin:

„But with this ship at Agadir, I could land troops the moment I recognized that the war was inevitable. Our adversaries for England would without doubt be on the side of France would send warships to Agadir, and then we should no longer be the aggressors; this would be a great advantage, firstly before the world, secondly vis à vis our allies, with whom we only have a defensive alliance, and thirdly [sic] before our own people also who, the moment we are attacked, would rise as one man, the Socialists included“ Hervorh.v.m., B.S..

Dass „das Volk“ die deutsche Regierung in den Krieg treibe, von dieser These eines deutschen Historikers, hielt der Staatssekretär offenbar nichts.

Die Entente organisiert sich.

In London trat das Kabinett auf die Nachricht vom „Panthersprung“ hin sofort zusammen. Goschen wurde ersucht, in Berlin eine Aufklärung des Vorganges zu verlangen. „Die britische Regierung könne sich in Marokko nicht ‚desinteressieren‘ und erwarte eine Aufklärung der deutschen Absichten“. England war nun einmal über die Entente mit Frankreich, und den Vertrag von Algeciras, mit der Marokkofrage verbunden. Es schien, als ob Deutschland die Absicht verfolge, „mit Gewalt oder Handeln eine Flottenbasis an der Atlantischen Küste zu errichten“ Hervorh.v.m, B.S..

Die Abstimmung zwischen Paris und London lief darauf hinaus, dass Caillaux mitteilte, die Deutschen sollten zunächst mitteilen, welche Art Kompensation sie schließlich forderten. Am 11. Juli traf Jules Cambon den Kanzler, der sich über den zunehmenden Lärm um Marokko beklagte. Schließlich sei ihm unbequem, wenn in der deutschen Öffentlichkeit der Eindruck entstünde, das Reich würde nicht das bekommen was ihm zustehe. Diese Wendung war wohl mehr Attitüde denn Realität, mehr als große Geste gegenüber dem Franzosen als Republikaner gemeint und damit für die Galerie gesprochen. Bethmann Hollweg, der demnach keineswegs von der Außenpolitik abgeschlossen war, riet dem französischen Gesandten, Kiderlen in Bad Kissingen aufzusuchen. Mit dem „Panthersprung“ war Bewegung in die schleppende Diskussion gebracht und der Außenminister war seinem Ruf treu geblieben, Dinge nicht säumig zu behandeln. Am 16. Juli fand die Unterredung zwischen Jules Cambon und Kiderlen statt und der französische Botschafter kam zu dem Ergebnis, sein Gesprächspartner wolle Frankreich unter Druck setzen, um schließlich einen Atlantikhafen als Ersatz für Agadir zu erhandeln. Kiderlen wolle Libreville, das sei die Konzession um die es gehe.

Was das deutsche Bemühen nur erfolgversprechender erscheinen ließ, nämlich England an Berlin heranzuziehen, während der Versuch unternommen wurde, Frankreich zu bedeutenden kolonialen Kompensationen in Mittelafrika zu veranlassen. Mitte Juli eröffnete dann Kiderlen seinem Gesprächspartner, er wolle den ganzen französischen Kongo. Als der Franzose daraufhin fragte, wie sie dann zum Meer kommen sollten, antwortete der deutsche Außenminister: „Über die Eisenbahn, die wir bauen werden“.

An eben diesem Freitag teilte Kiderlen, deutlich warnend, dem französischen Botschafter mit, er werde die Verhandlungen nicht weiterführen,

„if every thing they He and Cambon say is communicated by French Gov[ernmen]t. to French Press“.

London sieht Befürchtungen bestätigt.

Am 26. Mai 1911 war das „Committee of Imperial Defence”, der britische Reichsverteidigungsrat, in London zusammengetreten. Grey gab die „streng vertrauliche Darstellung der internationalen Lage“. Unverkennbar, so führte er aus, sei eine Wirkung der Ententen mit Frankreich und Russland, die „beträchtliche Eifersucht von Deutschland“. Der Außenminister stellte klar und unmissverständlich die einer unter Umständen möglichen Einigung mit Deutschland zugrundeliegende Idee heraus. Grey führte aus:

„Wenn wir öffentlich Freundschaft mit Deutschland schließen, so muß es eine Freundschaft sein, in die wir unsere bereits vorhandenen Freunde in Europa hineinnehmen und an der sie Teilnehmer werden. Daneben muß es klar und deutlich sichtbar werden, daß es keine Aussicht auf Störung des Friedens zwischen Deutschland und Frankreich oder Deutschland und Rußland gibt“ Hervorh.v.m., B.S..

Gefahr, räumte Grey ein, bestehe nur im Falle „Napoleonischer Politik“ einer der Kontinentalmächte. Der Außenminister betonte als unbedingte Schallgrenze jeglicher englischer Politik der freien Hand:

„Aber ich bin mir vollkommen dessen bewußt, wenn eine Situation sich ergeben sollte, und die Gefahr entspränge, daß die Mächte oder eine Mächtegruppe solch beherrschende Stellung in Europa erstrebten, die sie auf dem europäischen Kontinent nicht nur zu Gebietern über Krieg und Frieden, sondern auch über die Diplomatie aller anderen Mächte Europas werden ließe, wenn wir dann, im Fortschreiten dieses Prozesses, um Hilfe angerufen würden und ruhig dabeisäßen und zusähen, dann müßten wir einsehen lernen, daß das Resultat ein großes europäisches Bündnis wäre, außerhalb dessen wir ohne Freund zurückbleiben würden“ Hervorh.v.m., B.S..

Das grundlegende Moment bei einem Kriegsentschluss und folgendem Einsatz einer Landarmee auf dem Kontinent könne nur sein:

„daß unter solch außergewöhnlichen Umständen, wie ich sie erwähnte, möglicherweise die Frage sich ergeben könnte, ob wir mit Gewalt in europäische Angelegenheiten eingreifen sollen, und wenn wir es täten, so wäre es einzig, weil die Seemacht und die Notwendigkeit, die Herrschaft über das Meer zu behalten, grundlegende Ursache und Motiv unseres Handelns wären“ Hervorh.v.m., B.S..

Unverkennbar wurde die Gefahr erkannt, Deutschland könne

„mit seiner mächtigen Armee, wenn es eine Flotte, stärker als die britische Flotte hätte, uns offenkundig nicht nur zur See vernichten, sondern in sehr kurzer Zeit mit seiner Armee in London sein“ Hervorh.v.,m, B.S..

Berlin schlußfolgert: der Gegner heißt England.

Parallel fraß sich in Deutschland der Gedanke fest, der „Krieg mit England“ sei „unvermeidbar“. Es müsse und werde „der Germanismus vorherrschen“. England sei „der Koloß mit tönernen Füßen“. Eine Überzeugung, die der Osteuropaspezialist Otto Hoetsch an der Berliner Universität für Rußland vertrat.

Dass Deutschland sich vierzehn Tage in Schweigen gehüllt habe, trifft demnach keineswegs zu. Damit fällt auch die Begründung, die Rede Lloyd Georges am 21. Juli, anlässlich des Diners des Lord Mayor von London für die Bankiers der City, sei die Antwort auf deutsche Missachtung gewesen. Keineswegs soll eine Drohung oder Herausforderung darin enthalten gewesen sein, war doch der Eindruck in Deutschland ein völlig anderer. Von Grey und Asquith bestätigt, sagte Lloyd George nichts weiter, als dass, wenn sich

„England dort, wo seine Interessen ernstlich berührt sind, so behandeln ließe, als wäre es ohne Geltung im Rate der Völker, dann, betone ich ausdrücklich, wäre Friede um diesen Preis für ein so großes Land, wie das unsere, eine nicht zu ertragende Demütigung“ Hervorh.v.m., B.S..

Diese Rede habe, so Asquith, eine „crise des nerfs“ in Berlin hervorgerufen. Nicht zuletzt durch englisches Spiel hinter den Kulissen verstärkt. Alles trieb auf eine weitere Verschärfung der internationalen Krise zu. Daraufhin suchte Asquith am 27. Juli der Situation die Schärfe zu nehmen, indem er im Unterhaus erklärte:

„Wir haben es für richtig erachtet, von Anfang an zu erklären, daß wir bei dem Mißlingen einer Beilegung, wie ich sie andeutete, aktiver Teilnehmer an der Erörterung über die Lage werden müßten. Das wäre unser Recht als Signatarmacht des Vertrages von Algeciras; es wäre unsere Verpflichtung nach den Sätzen des Abkommens mit Frankreich von 1904, es wäre unsere Pflicht zur Verteidigung durch weitere Entwicklung direkt berührter britischer Interessen“ Hervorh.v.m., B.S..

Tirpitz äußerte sich am 1. August, gegenüber Bethmann Hollweg, „über die Einbringung einer Mar[ine].Novelle“. Mitte des Monats zeigte Kiderlen Bereitschaft, bis zum 18. die Sache abzuschließen. Goschen meinte, Kiderlen könne das ernst meinen. In Bad Homburg, zwei Tage später, übte Wilhelm II. direkten Druck auf Goschen und Lascelles aus. Nach dem Abendessen auf Schloss Friedrichshof, die Hitze des Tages stand selbst auf der Terrasse, nahm der Kaiser Goschen eine Dreiviertelstunde ins Gebet. Goschen berichtete:

„He was rampant about Lloyd George’s speech and our interference – and said that without that Germany and France would have arranged matters long ago. I reminded him of Agadir and we had some warm work: he abused us like pickpockets. And said that if France didn´t give him the compensation he wanted he would have every French soldier out of Morocco by force if necessary“ Hervorh.v.m., B.S..

Crisis-Management im Kulminationspunkt.

Das war nicht fast eine Kriegserklärung, das war eine letzte Warnung vor dem Schiessen. In Berlin zurück, stellte der englische Geschäftsträger fest, dass Jules Cambon und Kiderlen immer noch nicht weiter gekommen waren. Am 17. August verfinsterte sich die Lage, da der Franzose die angebotenen Kompensationen schmälerte und die französischen Forderungen steigerte. Kiderlen machte auf Goschen einen ernsten und deprimierten Eindruck. Durch französische Pressemitteilungen zusätzlich in die Enge getrieben, sah der deutsche Außenminister fast keinen Bewegungsspielraum mehr für Konzessionen deutscherseits. Dazu die aufgeheizte Stimmung im Volke. Goschen schrieb:

„German public opinion, he said, was up in arms – not only Pan Germans but every one“.

Wiederum suchte Kiderlen, da die Detailverhandlungen zwischen de Selves und Schön ebenfalls stockten, eine zehntägige Unterbrechung der Verhandlungen zu erreichen. Der englische Botschafter sah jedoch die kochende deutsche Volksseele und befürchtete, eine weitere Verzögerung werde durch die Presse dazu benutzt werden, das Feuer weiter zu schüren. Kiderlen und Bethmann Hollweg wollten inzwischen den Kaiser in Wilhelmshöhe unterrichten, Cambon solle offiziell zu Konsultationen nach Paris gehen. Alles das könne gefährlich werden, vermutete Goschen. Das enge persönliche Verhältnis zwischen dem englischen und dem französischen Botschafter führte zu enger Abstimmung zwischen London und Paris, letztlich aber auch Berlin, obwohl dies der französischen Regierung verborgen blieb.

Die Verhandlungen wurden am 19. August unterbrochen. Der französische Geschäftsträger ging nach Paris. War jedoch genauso deprimiert wie Kiderlen zuvor, denn die Pariser Zentrale machte es dem Unterhändler nicht leicht. Wollte Frankreich den Krieg? Der ungarische Gesandte Szögyenyi brachte aus Wilhelmshöhe neue Nachrichten, die belegten, dass der Kaiser im Begriff war mit Großbritannien zu brechen; doch einen Krieg wollte er vermeiden. Jules Cambon dagegen schien nicht kriegsunwillig. Er argumentierte gegenüber Goschen:

„that the people are tired of ‘Alertes’ like Casablanca and Agadir – and are beginning to say ‘better finish it off now – we may be beaten – but any thing is better than perpetual worry and unrest.’“ Hervorh.v.m., B.S..

In Paris war gleichwohl noch nicht die Entscheidung für oder gegen ein Kolonialreich im Norden Afrikas gefallen. Deshalb suchte der französische Botschafter, den englischen Gedanken einer Konferenz, nicht als Ziel der französischen Verhandlungen zu bezeichnen. Schließlich verhandelten die Deutschen noch und Krieg würde möglicherweise in Berlin einer Konferenz à la 1905 vorgezogen werden. Auch signalisierten weder Grey noch Iswolski Bereitschaft, Frankreich militärisch gegen Deutschland zu unterstützen.

Es klang im Hause Goschen gleichzeitig beim Besuch eines russischen Emissärs die Nähe zwischen deutscher und russischer Politik in der Marokkofrage an. So gesehen hatte die „Entrevue von Potsdam“ dem Reich jene Bewegungsfreiheit zurückgebracht, welche Bethmann Hollweg, Kiderlen und Wilhelm II. für ihr so harsches Auftreten vor Agadir anstrebten. Goschen fragte sich, warum hält sich Botkin zu diesem Zeitpunkt eine Woche in Berlin auf? Wie in Wahrheit beängstigend die Lage am 21. August 1911 war, bestätigte der Botschafter in seiner Tagebuchnotiz:

„I told him [Badischer Gesandter Berckheim] I regarded the present situation like I regarded Ghosts – I don’t believe in them but am frightened of them. So I don’t believe there will be war – but I am deadly anxious about it“ Hervorh. v.m., B.S..

Jules Cambon sprach am 28. Juli erneut mit Kiderlen, der – im Falle definitiver französischer Angebote – deutsche Konzessionen in Togo und an der Grenze zum Tschad andeutete. Der französische Gesandte schwieg dazu mangels genauer Instruktion. Der Meinungsbildungsprozess in Paris war noch nicht abgeschlossen. Kiderlen ging mit Bethmann Hollweg zum „Befehlsempfang“ und zur Begrüßung des Kaisers nach Swinemünde, wo Wilhelm II. seine Nordlandreise beendete. Was würde er mitbringen? Krieg oder Frieden? Der französische Botschafter suchte die interministerielle Diskussion in der Pariser Zentrale zu beenden, indem darauf hinwies:

„In the Colonial Office they would like to offer odd scraps, whereas the real point is to know whether we were going to seize the occasion to consolidate our North African Empire from the Atlantic to Tripoli or forego it for ever“ Hervorh.v.m., B.S..

Nach dem 28. Juli, Kiderlen kehrte nach Berlin zurück, war Caillaux in Paris völlig klar, dass es nur um Krieg oder Kapitulation gehen werde. Dennoch liefen die Verhandlungen weiter. Das Tauziehen ging um Shari, Ubangi, Gaboon und den halben französischen Kongo. Auch Togo, „Duck’s Beak“ und das Tschad Territorium wurden von deutscher Seite genannt. Am 9. August wurde die Forderung nach Gamboon zurückgezogen, für den Fall, dass Kompensationen zwischen Kamerun und Umbangi zugestanden würden.

Anti-deutsche Partei in London.

Tyrell, der deutschfeindliche Unterstaatssekretär im Foreign Office in London berichtete, König Georg V. habe Lloyd George, den er immens bewundere, zu seiner Rede beglückwünscht. Tyrell war ein Repräsentant der pro-französischen Linie im Kabinett. Er begrüßte einen möglichen Abgang der Morley, Harcourt etc. und sagte,

„we can get on perfectly without them!!“

Im Verlauf des Gespräches äußerte sich er sich zusätzlich zur augenblicklichen politischen Situation. Goschen bemerkte:

„Tyrell says that he doesn’t think the French will fight – that the French will make some rotten agreement – and that we shall have to bear the brunt of German hatred. The latter will be the case whatever happens“ Hervorh.v.m., B.S..

Berlin hat die Krise im Griff.

Zimmermann, ganz im Sinne der kaustischen deutschen Rechnung, ja nicht den Kontakt zu England in der Krise zu verlieren, sprach bei Goschen vor und demonstrierte seine Besorgnis angesichts der Entwicklung um Marokko. Er äußerte:

„Who is Lloyd G[eorge]. that he should dare to terrorize a Great Power like Germany?“

Jules Cambon sprach bei Goschen vor und berichtete, die Verhandlungen mit Kiderlen zu Marokko stünden kurz vor dem Abschluss. Die Marokkofrage sei beinahe beigelegt. Goschen schrieb:

„K[iderlen]. had been in a very good humour and had sent for a bottle of Port wine, which they drank while negotiating! C[ambon]. said that he considered that as far as he was concerned the question was finished – i.e. that he considered himself responsible for the Morocco part of the buisiness – and the F’h Gov’t for the Congo part w[hic]h. was yet to be settled. He said that the French Gov’t and Press were so much in the hands of Colonial financiers that he could not answer for what w’d be done“ Hervorh.v.m., B.S..

Am 12. August, nach einem Abendessen in Friedrichshof bei Kronberg, hatte Goschen eine heftige Auseinandersetzung mit dem Kaiser zu Marokko. Wilhelm II. wünschte demnach die Lösung der Krise. Ausschließlich beeindruckten ihn die Vorwürfe der alldeutschen Presse, er sei ängstlich.

Der französische Botschafter berichtete, am 16. August werde unter der Leitung des Kanzlers eine Ministerrunde zu Marokko tagen. Dies habe der Kaiser befohlen, dem Bethmann Hollweg und Kiderlen am folgenden Tag in Wilhelmshöhe Vortrag halten würden. Die Situation war nach wie vor angespannt durch die von Berlin ausgestreuten Gerüchte über einen unmittelbar bevorstehenden Krieg um Marokko. Erst recht das Gefühl der deutschen Nation, Frankreich zu Lande nicht mehr fürchten zu müssen, und nun die Gewissheit, auch zur See den Kampf wagen zu können, hatte dazu geführt, dass der westliche Nachbar nurmehr als Satellit Großbritanniens begriffen wurde. So hatte Wilhelm II. – auf der Höhe der Krise, und auf Rat Kiderlen’s – die deutsche Flotte mobilisieren wollen. Dieser, das Schlimmste befürchtend, fuhr nach Swinemünde. Er berichtete darüber seinem russischen Freund:

„I have arrived on board the Hohenzollern. The ‘Fur’ was on deck, and led off by saying, ‘Tell me about your friend Jules’. Then the Emperor solemny promised me that he would be ready for the last extremity the moment I should think it necessary“ Hervorh.v.m., B.S..

Dass die Lage gefährlicher war, als zum Zeitpunkt des „Panthersprungs“, zeigte Cambon’s Bericht, abgesandt am Tag seiner Abreise, zu den Beratungen in Paris:

„German opinion at this moment is irritated, and I must remark that it is much more so than at the time of the Casablanca affair – there is no comparison. The Casablanca incident was a local affair; it raised controversial questions that arbitration could settle. But the present crisis concerns general policy. It can touch honour and prestige both for the France and Germany. It concerns every nation. At the time of the Casablanca incident what we had against us was the Pan-German elements, which are always hostile to us. But we had in our favour the tacit feeling of the army which approved of the part played by our officers. To-day this is no more so. The army is ready to act“ Hervorh.v.m., B.S..

Der französische Gesandte führte an, es gehe darum, die Arbeit abzuschließen, die in Nord-Afrika 1830 begonnen worden sei. Es gelte nun, in den Verhandlungen mit Deutschland, Marokko von den deutschen Einflüssen zu befreien. Die öffentliche Meinung sei äußerst erregt, deshalb ein Scheitern der Verhandlungen möglich. Es sei notwendig, militärisch vorbereitet zu sein. Da die deutsche Regierung eine Konferenz ablehne, und diese bereits militärische Mittel eingesetzt habe, sei mit der Landung deutscher Kräfte im Hinterland Agadirs zu rechnen. Bereits berichtet habe er, dass der deutsche Generalstab den Fall einer Landung überprüfe. Cambon schloss:

„All this should be a warning to us. I hope that our anxieties will prove to be unnecessary, but it would be mere trifling on our part not to see the possibility of a conflict“.

48 – Komplikation: Tripoliskrieg und Türkei.

In diesem Moment äußerster Ablenkung Frankreichs und Englands durch Marokko, erklärte Italien der Türkei den Krieg um Tripolis. Goschen schrieb von „a damned shame“, und, die Italiener hätten den Türken keine Chance gelassen. „Goodness knows what it will lead to“. Die gesamte türkische Frage werde nun wieder aufgerührt und das sei besonders für England unbequem, da das Empire Millionen von Muselmanen umfasse. Goschen nahm eindeutig und impulsiv Stellung gegen Italien. Er notierte:

„And the Italian methods have been simply brutal – and more those of Brigands than of a respectable people“.

Auch der offiziellen deutschen Politik würde übel mitgespielt. Vor allem die Alldeutschen, die England der Urheberschaft ziehen, seien dumm. Schließlich werde weder der Dreibund, noch der Einfluss des Reiches in Konstantinopel, darunter zusammenbrechen. Aber diese Teile der deutschen Gesellschaft übersähen völlig, dass Großbritannien durch jeglichen Konflikt zwischen Xythen und Mohammedanern härter getroffen würde. Die Lage zeichnete sich immer schwieriger und Cambon war äußerst deprimiert, da in Paris verrückt gespielt werde, wie er dem englischen Kollegen mitteilte. Allerdings, und das konnte auch dieser nicht übergehen, hatten Paris und London die Italiener mindestens nicht gehindert, gegen ein Land vorzugehen, das weder zu Frankreich noch zum Empire gehörte. Nun weigerte sich Grey folgerichtig, Rom weitergehende Unterstützung zuzusagen. Paris allerdings hatte die Italiener ihrer vollkommenen Sympathie versichert. Goschen notierte:

„That has made a deplorable impression both here and in Turkey“.

Es bestehe, so der englische Geschäftsträger, die Gefahr, dass die bereits vor dem Abschluss stehenden deutsch-französischen Verhandlungen über Marokko scheiterten. Zumindest äußerten sich Alldeutsche und Presse in diesem Sinne.

Goschen, der in Berlin erfuhr, Italien sei in Albanien gelandet, befürchtete österreichische Gegenmaßnahmen und glaubte, der Vertrag von Berlin könnte ein zweites Mal gebrochen werden. Er notierte in seinem Tagebuch:

„It is rather pathetic to think that the Triple Alliance to two members of which Turkey has been kotowing so long – should be just the ones to bag her territory in defiance of the Treaty of Berlin [1878]. First Bosnia and now Tripoli! It ought to bring that old weather cock Turkey round in our direction again“ Hervorh.v.m., B.S..

Die Beute aus der Konflagration.

Ein paar Tage darauf war das Marokko-Abkommen bis auf z w e i Worte fertiggestellt. Doch die Kongo-Frage bleibt offen – und ebenso die Möglichkeit eines Krieges. Am 23. August versammelte der französische Premierminister die wichtigsten Regierungsmitglieder, sowie die Gesandten in Berlin, London, Rom und Petersburg in der Rue de la Boetie. Das Ergebnis der Krisenkonferenz war: Frankreich übergibt Deutschland, für die Aufgabe seiner Rechte aus dem Abkommen von 1909, die gesamten Kongo-Gebiete, die Sangha- und Kamerungrenze und das Dreieck zwischen Ouessa und dem Atlantik. Wie in Berlin, so machte sich auch in Paris Empörung über diese Konzessionen bemerkbar, die jener Unruhe ähnelte, die nach dem Rückzug von Faschoda 1898 aufgetreten war. Cambon war der Sieger des Tages. Der Kurs Frankreichs zielte nun auf das nordafrikanische Kolonialreich.

Doch was bei der neuen Verhandlungsrunde in Berlin offen blieb, war die Frage: wie lange bleibt die deutsche Regierung Herr von öffentlicher Meinung – und Presse? Und w i l l diese überhaupt „Herr der Lage“ bleiben? Am 18. September signalisierte der französische Geschäftsträger in Berlin entscheidende Fortschritte nach Paris. Goschen kam, am 1. November von Tentschach in Österreich kommend, in Berlin an, und fand die dringende Mitteilung Greys vor, keine Zeit zu verlieren, und mit Bethmann Hollweg Kontakt aufzunehmen. Der britische Außenminister suchte offenkundig negative Wirkungen einer Rede, die er zu halten im Begriff war, im Voraus zu begrenzen. Am folgenden Tage fand in der Reichskanzlei eine halbstündige, lautstarke Auseinandersetzung zwischen Bethmann Hollweg und Goschen statt. Der britische Botschafter beschrieb eindrucksvoll diese Szene, in der die ganze Spannung der voraufgegangenen Krisenmonate um Marokko erkennbar wurde:

„After compliments we went at it hammer and tongs for about 1 / 2 hour. Lots of recriminations on his part and lots of raking up old grievances – just as I expected. I dosed him with the McKenna and Cartwright incidents and he fed me up with Daily Graphic! Articles and the Times’ Military Corresp’t’s [Repington] Articles on the German Army which seem to have caused not unjustifiable irritation“ Hervorh.v.m., B.S..

Deutsche Öffentlichkeit und Machteliten gereizt.

Alarmiert wurde der englische Botschafter am Samstag, dem 2. Februar durch ein Telegramm Greys, das mitteilte

„that some communications had taken place with the Kaiser and the German chancellor through Albert Ballin the Hamburg shipowner and Ernest Cassel the Cologne-born London financier, and asking him, somewhat optimistically, to come to London ‘at once’, so that Grey could talk things over with him on ‘Monday’, that is 4 February“ Hervorh.v.m., B.S..

Christopher Howard, der Herausgeber des Goschen Tagebuchs, teilt mit, Haldane habe der Tätigkeit des britischen Botschafters kaum größere Chancen eingeräumt, da dessen Vorstellungskraft für einen Fortschritt mit Deutschland kaum genügt habe.

Der Marineminister McKenna hatte am 26. September mit seiner Rede in Abersychan – wie Sigmund Münz in der Wiener „Neuen Freien Presse“, am 22. August, mit seinem Sensationsartikel zu Äußerungen des britischen Botschafters Cartwright – Öl in das Feuer der Marokkokrise gegossen. Erst recht aber standen der Kanzler, die gesamte bürgerliche deutsche Politik, Presse und Öffentlichkeit unter dem Eindruck der berüchtigten Times-Artikel des früheren Oberst À Court Repington, welcher in sechs Folgen zwischen dem 12. und 28. Oktober 1911 das Ansehen der deutschen Armee als formidabelster Kraft auf dem militärischen Feld zertrümmert hatte. Offensichtlich wollte Grey Bethmann Hollweg, vice versa, für eine Aktion gegen willkürliche Presseberichte gewinnen. Goschen war sich der Schwere der Aufgabe bewusst. Das bestätigte kurz darauf ein weiteres Gespräch mit Kiderlen,

„who, with some reason said that before deciding whether he could act on Grey´s suggestion – it w’d be necessary for Chancellor to know exactly what Grey was going to say“.

Die deutsche Seite war offensichtlich so getroffen, dass eine Fortsetzung des deutsch-englischen Ausgleichkurses gefährdet schien.

Just in dem Moment, in dem sich der Knoten der Verhandlungen in Berlin schürzte, schrieb eine junge Frau in Boston:

„Gestern abend hörte Helmuth in der Straßenbahn Leute über ‚Krieg’ und ‚Deutschland’ reden, und einen Moment lang war uns sehr bange, denn wir müßten natürlich versuchen, nach Hause zu kommen, wenn so etwas Fürchterliches eintritt, und die einzige Route wäre über Sibirien, eine sehr lange und teure Reise. Glücklicherweise besteht aber kein Grund, daß die Marokkofrage nicht bald friedlich beigelegt werden sollte, es wäre doch Wahnsinn, in den Sandhügeln Nordafrikas Krieg zu führen. Wie ich sehe, ist das arme Italien in Mitleidenschaft gezogen, und in ganz Europa scheint große Unruhe zu herrschen. Ich habe die italienische Querele nicht genau verfolgt, aber es scheint nicht viel daran zu sein. Unter dem Sozialisten scheint überall die Neigung zu bestehen, nicht zu kämpfen, selbst wenn ihre Heimatländer beteiligt sind, und das ist sicher eine große Komplikation und wird sich vielleicht als gutes Hindernis erweisen“ Hervorh.v.m., B.S..

Die junge Frau, aus Südafrika stammend, war mit einen Neffen des Generalstabschefs Moltke verheiratet und empfing offensichtlich Impulse, die von dem Gravitationszentrum deutscher Macht ausgingen.

49 – Der Ausgleich von Berlin.

Am folgenden Tag teilte Jules Cambon mit, er werde das Marokko-Abkommen unterzeichnen. Dem englischen Botschafter schien erleichtert, wenn nicht zufrieden. Goschen fuhr in seiner Tagebuchnotiz fort:

„But he does not feel quite at ease about the Congo part of it – he thinks that France has given at ease about the Congo part of it – he thinks that France has given too much. But as the Colonial Minister here has resigned because he thinks Germany has not received enough – and as Kiderlen is being abused by most of the Press – I think Cambon can be quite satisfied“ Hervorh.v.m., B.S..

So wie sich die Verhältnisse mit England verkomplizierten, so wenig erfreulich war in Berlin die Stimmung gegenüber dem Partner Italien. Goschen beschrieb die Äußerungen der deutschen Presse zu Italien jenen gegenüber England im Burenkrieg vergleichbar. Überdies sickerte durch, dass Nicolson Staatssekretär Foreign Office und Bertie Botschafter Paris während der Krise gegen Grey, und dessen Ziele, gearbeitete hätten. Die Türken warben weiter um England und schon am 7. November waren die Wogen zwischen Bethmann Hollweg und Grey wieder geglättet. Der britische Außenminister und der deutsche Kanzler tauschten sich über die Texte ihrer beiderseitigen Reden aus und Grey änderte sogar, auf Bethmann Hollwegs Wunsch, seinen Redetext.

Auf deutscher Seite ging es um den Zugang zum Kongo. Gerade um die davon abhängende Verbindung, quer durch den Kontinent – und damit das deutsche zentrale Kolonialreich in Afrika. Das hatte Kiderlen deutlich gemacht, als er sich während der Verhandlung mit Cambon, Mitte Oktober, erhob und betonte:

„What you purpose is impossible. If you want to come to agreement you have got to allow us access to the Congo. I will not play the diplomat with you, I will say to you simply that I prefer to ask you for less territory but that I will not give way about access to the Congo“ Hervorh.v.m., B.S..

Der Franzose lenkte nicht ein. Die Verhandlung wurde vertagt. Ende Oktober schließlich sah der Jules Cambon die Möglichkeit, dass der, durch die enttäuschte deutsche öffentliche Meinung geschobene Außenminister, die Verhandlungen scheitern ließe. Der französische Geschäftsträger kam zu dem Ergebnis:

„I do not think that there will be an immediate conflict. The general state of the world does not permit of anyone, be it Gemany or ourselves, to immobilize its strength over a colonial question. There would not be conflict, but there would be grave tension that might bring about a conflict in the near future…“ Hervorh.v.m., B.S..

Krieg in kurzer Frist, das war das Denkmodell Cambons, das er erneut ausmalte. Der französische Gesandte erläuterte:

„If our negotiations fail, the German government will look to a landing at Agadir and an occupation of the Sus. It will have a Germany behind it, from the most feudal Junker to the most advanced Socialist, for the German people love anything in the nature of brute force“ Hervorh.v.m., B.S..

Was schließlich die Lösung brachte, die deutsche Kriegsdrohung oder Kiderlens leichtes Driften in Richtung der französischen Verhandlungsposition, ist letztlich gleichgültig. Am 2. November wurden die Dokumente paraphiert. Deutschland erhielt einen Teil des Französischen Kongo, gelegen zwischen Kamerun und dem Belgischen Kongo. Zugleich, über einen Landkorridor in Richtung auf Spanisch Guinea, den Zugang zum Atlantik und zwei Zugangsstellen zu Kongofluss und Sangha, so groß, dass ein Brückenschlag möglich war. Die Leistung, die der französische Botschafter und Kiderlen vollbracht hatten, unterstrichen beide in Äußerungen nach Abschluss der Verhandlungen. Cambon schrieb:

„It has never been sufficiently realized, how greatly the peace of the world was in danger during the second fortnight of August 1911“.

Und Kiderlen informierte seinen russischen Freund:

„If the intermediaries had been anybody but Jules and I, there would have been war. It is always a meritorious thing to have avoided it without humiliating either of our two countries“ Hervorh.v.m., B.S..

Enttäuschte französische und deutsche Öffentlichkeit.

Doch der Zustand der öffentlichen Meinung in Frankreich und Deutschland – gleicher Weise – blieb äußerst erregt. Während der Reichstagsdebatte erhob sich der Deutsche Kronprinz ostentativ und verließ das Parlament. Der Führer der Konservativen Partei, von der Heydebrand und der Lasa, gipfelte in seiner Rede mit dem Ausruf:

„Like a flash of lightning in the night, this has shown the German people who is its enemy. It is not conscessions that will ensure us peace, but the German sword“ Hervorh.v.m., B.S..

Die Öffentlichkeiten in Deutschland und Frankreich verhielten sich gleicher Weise aufgeregt. So traf der französische Unterhändler beim Verlassen des Parlaments Déroulède, der sich weigerte, ihm die Hand zu geben. Freunde des Botschafters warfen ihm vor, er habe Frankreichs Ehre verletzt. Offensichtlich waren die Völker, diesseits und jenseits des Rheins, für den Einsatz militärischer Macht derart erhitzt, dass ein Wechsel der Propaganda die Menschen nicht erreichte. Beide Völker glaubten sich durch den Ausgleich von Berlin betrogen.

Das System der kommunizierenden Röhren zwischen London und Berlin scheint zu funktionieren; nicht zuletzt durch Goschens Arbeit – wie Grey seinem Diplomaten telegraphisch bestätigt:

„I highly approve Your language to Chancellor and Kiderlen – you have acted with great tact and firmness in a very delicate situation“.

Berlin / London: Unterschiedliches Diplomatie-Verständnis.

Doch Kiderlens Rede in der Budget-Kommission des Reichstags stimmt den englischen Geschäftsträger völlig um. Sein skeptisches Bild von den Deutschen obsiegte. Goschen hielt fest:

„K[iderlen]´s statements are very one sided and it is obvious to me that he is trying to persuade public opinion that England gave way before Germany’s firmness and thus draw a red herring across the track of his own shortcomings – or rather those shortcomings which are attributed to him and Bethmann by their countrymen. The papers here are dreadfully abusive. They are at their old game, these Germans. After reviling us uphill and downdale – and rattling the sabre; they now say ‚’Well Grey is going to speak on Monday and we will be friendly or not.‘ They do not or will not realize that they have done all in their power to render us unfriendly – and if we made the slightest reply they will at once talk of anti-German Hetzerei – and say that we are provoking war!“ Hervorh.v.m., B.S.

In der Voraussicht, Greys Unterhausrede am 27. November, werde äußerst diffizil ausfallen, wurde Goschen signalisiert, sein Außenminister werde sehr vorsichtig vorgehen. Doch die Stimmung unter den Parlamentariern, so Goschen, könne anders ausfallen. Er schloß:

„especilly those who read the German Papers or have seen the Reichstag speeches“.

Dass die Rede sehr gut ausfiel, erleichterte den englischen Botschafter. Er kommentierte erneut:

„If he had been too conciliatory – they would have said here that it was because he was face to face [sic] with a united Germany – and had been made to mind his Ps and Qs – and change his tone by the firm and patriotic language of the German Press. But he steered a middle course. Asquith was also good and Bonar Law also – in fact the debate was for once on a high level, untained by party spirit, and worthy of the occasion and the Mother of Parliaments” Hervorh.v.m., B.S..

Goschen zeichnete in seiner Notiz unter dem 28. November überdies den Unterschied zwischen deutschem und englischem Parlamentarismus. Dort die sorgfältige Auseinandersetzung mit einer hochprofessionellen Politik, und deren Verteidigung durch einen Staatsmann. Hier wildes Pressegekläffe um einem verzweifelt kämpfenden unprofessionellen Politiker, der seine lächerliche Politik zu verteidigen versuche. Entsprach das den Tatsachen, oder liegt über all’ dem tiefe Tragik?

Goschen fragte Stumm nach dessen Meinung zu Greys Rede. Dieser antwortete, ganz befangen in der beleidigten deutschen Haltung:

„that there was nothing in it to efface the effect of Lloyd George’s speech“.

Aber, so Goschen, es sei die vorgefasste Meinung, dass diese Rede Greys die öffentliche Meinung in Deutschland nicht werde zufrieden stellen können. Bethmann Hollweg antwortete in seiner Reichstagsrede, er erwarte Worte nicht Taten. England müsse deutlich machen, dass London tatsächlich Freund Deutschlands werden wolle. Goschen merkte an:

„It was not a very cordial one as far as England was concerned: met Grey’s friendly words by saying that he wants words not deeds[sic] – and that England must shew in her policy that she really desires to be friends!“

Deutsche Presse und Öffentlichkeit seien keineswegs durch die Bethmann-Rede beruhigt. Allenfalls die Konservative Partei, was nützlich bei den Wahlen sein werde.

50 – Deutsch-englische Beziehungen: Die Zeichen stehen auf Sturm.

Vom Wert persönlicher Beziehungen.

Goschen wurde mitgeteilt, er sei in der Umgebung des Kaisers nicht beliebt. Ein Briefwechsel mit Nicolson bestätigte, dass London mit ihm sehr zufrieden sei. Doch die Standortbestimmung, der sich der englische Gesandte daraufhin selbst unterzog, zeigte die grundsätzliche Differenz zwischen den „Politiken“ in Berlin. Einmal jene der kaiserlichen Linie, welche den Ausgleich oder was auch immer mit England nicht wünschte und die zweite, politisch-diplomatische Richtung des Reichskanzlers, welche durchaus mit Goschen freundliche Beziehungen suchte. Dessen Einschätzung der Kaiserin und des Kronprinzen beruhte allerdings auf Irrtümern, denn die Kaiserin sorgte systematisch dafür, jegliche Konzilianz gegenüber England für die Zukunft auszuschließen. Goschen notierte in seinen Aufzeichnungen:

„I confess I don’t think all the Court people like me: the Emperor doesn’t I am sure. The Crown P’ce I think does – and I generally get on well with Eulenburg and Conutess Brock and certainly with the Empress. The Chancellor and I are I think very good friends. But of course there is a great deal of diff’ce between me and Lascelles – and the times are different“ Hervorh.v.m., B.S..

Bethmann Hollweg sei von Kiderlen in die Marokkoaffäre, geradezu unwissend, hineingetrieben worden ist eine verbreitete irrige Meinung einiger entfernt Beteiligter. Dass dies nicht zutraf, bestätigt Asquith, der über des Kanzlers starke „Neigung zur Präponderanz“ spricht. Das Ergebnis sei eine Enttäuschung gewesen:

„in der Handelei, die bei den endgültigen Berliner Vereinbarungen zwischen Frankreich und Deutschland im November des gleichen Jahres folgte, wobei die Welt knapp einem europäischen Krieg entgangen war, gab Deutschland alles, was es in Algeciras und dem nachfolgenden Experiment eines Kondominiums mit Frankreich in Marokko erreicht hatte, gegen einen Gebietsstreifen im französischen Kongo auf“.

Das Jahr 1911 ging dem Ende entgegen und eine Äußerung, die Bethmann Hollweg im Anschluss an ein Essen in ausgiebiger Diskussion mit Goschen tätigte, zeigte, wie der Kanzler die momentane politische Situation einordnete. Der Gesandte fragte nach Bethmann Hollwegs Neigung zur Musik. Doch der Kanzler antwortete, dass

„there was too many[sic] discords in the atmosphere – for him to play harmonious music“ Hervorh.v.m., B.S..

Grey gegenüber führte der britische Botschafter diese Episode ein wenig genauer aus:

„I dined with the Chancellor last night and we had a little friendly conversation together upon recent events. We have one great thing in common which is love of music. I asked him whether he had had time lately to play his usual Beethoven sonata before going to bed. He said ‚My dear Friend you and I like classical music with its plain and straightforward harmonies; how can I play my beloved old music with the air full of modern discords?”Hervorh.v.m., B.S..

London: Kriegsvorbereitung.

Der britische Außenminister hielt am 27. November eine Grundsatzrede, in welcher der Außenminister nachdrücklich jegliche Tendenzen der britischen Außenpolitik zu aggressivem Vorgehen gegen Deutschland dementierte. Grey eröffnete die kühne Perspektive, „in ein bis zwei Jahren“ könne

„das Gerede über den großen europäischen Krieg aufhören, und daß nicht nur Deutschland und England, sondern auch ihre beiderseitigen Freunde einander mit steigendem Wohlwollen gegenüberstehen würden“.

So war das Jahr 1911 – aus Goschens Sicht – insgesamt genommen, ein armseliges. Schließlich, neben allen persönlich-familiären Rückschlägen, hatte sich vor allem politisch die Lage verfinstert. Der englische Botschafter fasste zusammen:

„Germany and France over Morocco and Congo: Anglo-German very fishy relations and wars, rumours of war, Revolutions and Strikes all over the World!“Hervorh.v.m., B.S.

Das Kaisermanöver 1911 stand ganz im Zeichen der Marokkokrise. Zum einen wurde die Landung feindlicher Kräfte an der Küste Vorpommerns angenommen, zum anderen nahmen englische Zeitungen die Vorführungen zum Anlass, heftige Kritik am Nimbus deutscher militärischer Überlegenheit zu üben. Der Militärkorrespondent des „Berliner Tageblatt“, Oberst a.D. Gädke, beschrieb überraschend genau einige der merkwürdigen Bilder, die den Anschein kriegsmäßiger Anlage beschädigten. Dem Verteidiger Von der Goltz warf er vor,

„anstatt den Flankenmarsch Friedrichs des Großen bei Leuthen vor der Front des unbehilflichen Daun nachzumachen, hätte er sich vielleicht besser an das gehalten, was in so vielen Schlachten der Zweck aller künstlichen Manöver des großen Königs war. Das heißt: mit einem starken Flügel auf e i n e Flanke des Gegners zu fallen, den eigenen schwachen Flügel aber zu versagen“.

So gelang weder die durch Goltz angestrebte doppelte Umfassung, noch kam es zu kriegsmäßigen Gefechtsbildern. Einer „höchst unnatürliche[n], zu einer unmöglichen Lage, in der zwei rote Schützenlinien dos-à-dos Front nach Ost und West machten“. Gädke suchte dieser Mitteilung, durch ein Gegenbeispiel aus englischem Beritt, die Schärfe zu nehmen. Dieses habe „weit groteskeren[m] Umfang[e]“ besessen. Doch zitierte er dennoch einen mecklenburgischen Landwirt, der angesichts solcher Bilder rundheraus gesagt habe: „Das ist ja Quatsch!“ Dies sei die „einzige Episode“ während dieses Manövers gewesen, die „Kritik herausgefordert“ habe. Dass dennoch der Militärkorrespondent der britischen „Times“, Oberst À-Court Regington, just an den Vorführungen dieses Kaisermanövers kein gutes Haar lassen sollte, rückt zumindest die positiven Bewertungen des „Berliner Tageblatts“ in ein kritisches Licht.

Die britische Kritik dieser Herbsttage brachte die Abschlussbesprechung des Kaisers auf dem Manöverfeld in Vorpommern. So sollte eingegrabene Infanterie „die Schützengräben gleich so breit“ anlegen, „daß alle Kräfte darin untergebracht werden“ könnten. „Während der Schlacht“ hätten sich „die Kavallerie=Führer…in nächster Nähe und im Bereiche des Infanteriekampfes“ aufzuhalten. Um die Manöver „nicht friedensmäßig“ zu beeinflussen, sei durch die „Artillerieschiedsrichter… taktvolle Arbeit“ zu leisten. Die Entschlüsse der „Roten Partei“ wurden durch den bayerischen Militärbevollmächtigten Gebsattel als „kriegsmäßiger“ beurteilt „als jene von Blau“. Anders als offensichtlich bewertet, wäre die 74. Brigade in dem Gefecht bei Friedland „nahezu vernichtet worden“, so Gebsattel. Ungenügende Artilleriewirkung durch zersplitterte Unterstellungen, „am 12….drei vollkommen getrennte[n], zum Teil sehr weit von einander entfernte[n] Gefechte“ und offenbar ein vorherbestimmter Erfolg der Verteidiger unter Von der Goltz, bestätigten geradezu vollinhaltlich die als zu harsch empfundenen Vorwürfe Repingtons gegen den Ausbildungsstand der deutschen Armee. Auch Gebsattel wies auf die möglicherweise nachteilige Wirkung seines Berichtes hin. Er schrieb:

„man mag mir…vorwerfen, daß ich meinen alten Grundsatz: nur der Erfolg hat Recht! untreu würde“.

So tief wie der bayerische Militärbevollmächtigte, vermochte der Korrespondent der „Times“ nicht hinter die Kulissen zu sehen. Gebsattel gab seinem Kriegsminister einen Eindruck der korrupten Verhältnisse in der Berliner Generalstabszentrale. Er schrieb:

„Ich behaupte aber, daß der Erfolg von Blau mehr als durch die Anordnungen des A[llerhöchsten] O[ber] K[ommandos] erreicht wurde durch die – jenen, wie oben gezeigt, zum Teil sogar widersprechende – Initiative der Unterführer, durch Fehler des Gegners und durch den Umstand, daß die im Ernstfalle am 1. Tage wohl vernichtete 41. Div[ision]. am 2. Tage wieder in voller Stärke ausschlaggebend wirken konnte“.

Weiter schienen „Willkür und Ungehorsam“ in der Armee zunehmend für „Initiative“ gehalten zu werden. Dies habe gerade das Kaisermanöver dieses Jahres bewirkt. Gebsattel entschied sich in dieser Frage dennoch für den Erfolg. Er fasste zusammen:

„Wenn die dem Willen und der Absicht der oberen Leitung entgegengehende Initiative entscheidenden Erfolg hat, dann ist sie berechtigt!“

Grundsätzliche Verschiebung der militärischen Lagebeurteilung.

Im Nachhinein sollte der Kriegsminister Heeringen für den „Sommer 1911“ feststellen, die „Lage habe sich in wesentlichem Umfange“ geändert:

„Es stellte sich heraus, dass mit einer zurückhaltenden Stellungnahme Englands bei diesem Konflikt nicht mehr gerechnet werden dürfte, dass sein tätiges Eingreifen auf Seiten unserer Gegner vielmehr zu erwarten war. Russland machte, mit finanzieller Unterstützung Frankreichs riesige Anstrengungen zur Wiederherstellung seines Heeres und musste nach dem Fortfall jeder Bedrohung im Osten sehr bald als ein starker Faktor auf der uns feindlichen Seite in Rechnung gestellt werden. Andererseits war ein namhafter Teil der militärischen Kraft Italiens durch das tripolitanische Abenteuer gefesselt.
Zwar schien es nicht wahrscheinlich, dass bei der französischen Regierung zur Zeit de[a]s Bestreben[s] vorliege, einen Krieg mit Deutschland herbeizuführen. Andererseits war die chauvinistische Stimmung des französischen Volkes sehr erregt und in seiner Armee – mit veranlasst durch die zurückhaltende Militärpolitik Deutschlands – das Gefühl der eigenen Stärke wieder erwacht. Mit oder ohne den Willen der Regierung konnte gegen uns unerwartet ausbrechen“ Hervorh.v.m., B.S..

Gleichzeitig erregte die unerwartet massive Kritik westlicher Militärfachleute an der deutschen Armee Presse und politisch-militärische Fachkreise. Heeringen kommentierte diese Vorgänge, selbst noch nach 1918, äußerst detailliert:

„Dank der unerhörten Hetzereien im Ausland und der vielen Reden p.p. Unberufener im Inland stehe das deutsche Feldheer in den Augen unserer Gegner nicht mehr so achtunggebietend da, um einen Waffengang mit ihm zu scheuen. Eine neue deutsche Marine-Vorlage könne u.A. der Anlass zu einem feindlichen Vorgehen Englands geben. Dann hätten wir unbedingt den Krieg mit Frankreich, England und Russland. Ohne Verbündete finge England keinen Krieg an und wenn es wider Erwarten dies doch täte, wären wir gezwungen, alsbald auch Frankreich vor die Klinge zu nehmen. Die sicher kommende Abrechnung mit unserem westlichen Nachbarn zu verschieben, bis ein englisches isoliertes Vorgehen uns geschwächt habe, würde an Selbstmord grenzen. Könne eine ausreichende Erweiterung der deutschen Wehrkraft zu Lande und zu Wasser nicht gleichzeitig erfolgen, so müsse zunächst eine Verstärkung des Heeres in einem, den Frieden sichernden Umfang erfolgen. Kein noch so durchschlagender Erfolg auf dem Wasser mache eine entscheidende Niederlage des Landheeres wett. Auf dessen Sieg oder Niederlage ruhe das Schicksal unseres Vaterlandes“ Hervorh.v.m., B.S..

Heeringen zitierte das Schreiben Moltkes vom 2. Dezember an den Kanzler:

„Immer bleibt es Pflicht jedes Staates nicht nur den kommenden Ereignissen ruhig in’s Auge zu blicken, sondern sich auf den Tag der Entscheidung vorzubereiten, der darüber entscheiden wird, ob seine innere Kraft ihn zu weiteren Lebensforderungen berechtigt oder nicht. Auch Deutschland muss sich für diese Entscheidung rüsten. Ich halte sowohl einen Weiterbau seiner Flotte, als auch eine stärkere Heranziehung seiner waffenfähigen Mannschaft für das Heer, also eine Erhöhung seiner Friedenspräsenz für ein Gebot der Selbsterhaltung. Beides muss Hand in Hand gehen“ Hervorh.v.m., B.S..

Ein Jahr vor dem „Kriegsrat“: parallele Entwicklung.

Die am 5. Dezember abgehaltene Konferenz zwischen Kriegsministerium und Generalstab habe „über diese Ziele volle Einigkeit“ gebracht. „Wenigstens die Offiziere des Kriegs-Ministeriums“ hätten „die befriedigende Ueberzeugung“ mitgenommen,

„dass in Uebereinstimmung mit dem Generalstab durch die beabsichtigte Gesetzvorlage ein erheblicher Vorteil für die Armee geschaffen werden würde. Erst nach über Jahresfrist – im Januar 1913 – trat der Chef des Generalstabes der Armee mit der Ansicht hervor, dass er schon damals die Absichten des Kriegsministeriums für durchaus unzulänglich angesehen habe“ Hervorh.v.m., B.S..

Das leitet jedoch ex post in den Kampf um die Schuldzuteilung für den verlorenen Krieg über, der nach 1918 voll einsetzte. Folgen wir Heeringen, dann ist dies

„dem Kriegsminister und…auch keiner anderen Stelle gegenüber…zum Ausdruck gelangt. Der Generalstab nahm vielmehr[,] als das Kriegsministerium in einem Schreiben vom 16.12.[19]11 ausdrücklich betonte, dass in der Besprechung vom 5.12.[19]11 volles Einverständnis über die Absichten erzielt worden sei, die beim der neuen Heeresvorlage zu verfolgen seien, dies in seiner Antwort vom 19.12.[19]12 unwidersprochen hin“.

Am 9. Dezember teilte Wilhelm II. Müller mit, der Reichskanzler habe sich entschlossen, „die gemeinsame Vorlage im Februar-März [1912] vorzulegen“. Am 19. Dezember „verlangte“ Bethmann Hollweg den „Bericht des R[eichs]. M[arine]. A[mts]., des R[eichs].Sch[atz].A[mts]. und des Kriegsministers über [die] anzuschlagende Verstärkung des Heeres und der Marine und über [die] Kostendeckung“. Am 23. Dezember betonte der Kaiser gegenüber von Müller erneut, „die Mehrforderungen für Armee und Marine“ würden „alsbald nach Zusammentritt des neuen Reichstages eingebracht“ Hervorh.v.m., B.S.. Tirpitz wurde mitgeteilt, der Kaiser wünsche, „dass der Bauplan der Novelle gegen den ersten Entwurf wesentlich redigiert werde“. Am selben Tage berichtete Müller Wilhelm II., der Reichskanzler habe „nach wie vor ernsthaft im Auge…, die Mehrforderungen für Armee und Marine im nächsten Frühjahr einzubringen“. Er bitte jedoch, „den endgültigen Zeitpunkt der Einbringung nach den vorliegenden inner- und außenpolitischen Verhältnissen wählen“ Hervorh.v.m., B.S. zu dürfen. Bethmann Hollweg habe

„schon die Chefs der Armee- und Marineverwaltung auf den Weg der Vereinbarung im Rahmen der zur Verfügung zu stellenden Mittel verwiesen“ Hervorh.v.m., B.S..

Das lief erklärtermaßen auf „die Herabsetzung der Forderungen beider Ressorts“ hinaus. Eine „B e s c h l e u n i g u n g der Wehrvorlagen“ sei damit beabsichtigt.

Am 13. Januar 1912 forderte der Kanzler den Kriegsminister auf, „einen Gesetzentwurf über die geplanten Heeresverstärkungen auszuarbeiten, der vom R[eichs].Sch[atz].A[mt]. geprüft werden kann“. Am 26. Januar wurde dem Kanzler durch Tirpitz mitgeteilt, der Kaiser habe „das alternierende Bautempo in der Flottennovelle“ dahingehend genehmigt, „daß 1912-1917 nur 3 Linienschiffe in Bau genommen werden sollen. Drei Tage später sandte der Reichskanzler die „aufzubringenden Kosten f[ür] Herr und Flotte.

Heeringen stellte 1918 rückblickend fest:

„Da der Chef des Generalstabes der Armee für den Weiterbau der Flotte eintrat, fiel die Entscheidung zu Gunsten der gleichzeitigen Vorlage einer Heeres- und einer Marine-Vorlage an den Reichstag. Leider – möchte ich sagen, denn nun standen beide Vorlagen unter schärfstem finanziellen Druck…“.

Bereits Ende 1911 war dem Kriegsminister klar gewesen, dass unverändert an dem Grundsatz festzuhalten sei, die deutsche

„Ueberlegenheit [bestehe] wie bisher in dem besseren inneren Gehalt unseres Heeres“, [der]…auf seiner moralischen und körperlichen Tüchtigkeit, auf seiner Ausbildung und Ausrüstung, seiner Organisation und Mobilmachung beruhte“ Hervorh.v.m., B.S..

51 – Resümee.

Parallel waren der Kaiser, Tirpitz und Metternich ein letztes Mal zusammengetroffen und erörterten die deutsch-englischen Beziehungen. Über diese Konferenz berichtete Metternich, im Jahre 1927, an den Publizisten Maximilian Harden:

„…und ich betonte die günstige Stimmung in England. Tirpitz erklärte, daß er aus vertrauenswürdiger Quelle erfahren habe, daß zur Zeit der Marokkokrise, als der Kaiser an Bord seiner Jacht in norwegischen Gewässern war, englische Torpedoboote den Befehl erhalten hatten, im Falle von Feindseligkeiten die kaiserliche Jacht zu versenken. Als der Großadmiral bei der Erzählung dieses Märchens ernst seinen Bart strich und der Kaiser sich an mich wandte und ausrief: ‚Und Sie wollen, daß ich mit diesem Volk zu einer Verständigung komme’?, erkannte ich, daß die beiden das Flottengesetz bereits entschieden hatten und weitere Einwendungen nutzlos waren!“ Hervorh.v.m., B.S.

Edward Grey schrieb, nach der Agadirkrise, an den amerikanischen Präsidenten Roosevelt über die Deutschen:

„Die Deutschen, oder besser die Preußen – denn die Süddeutschen sind von verschiedenem Schlag und Temperament – sind ein sehr schwieriges Volk. Sie beginnen eine Unterhaltung damit, daß sie den anderen auf den Fuß treten, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, wenn er nicht hinsieht, und dann sind sie überrascht und sehr verärgert, wenn die Unterhaltung nicht glatt geht…Aber um gut weiterzukommen, muß man das Gefühl haben, mit jemand zu tun zu haben, dem man zutrauen kann, daß er nicht eine eigensinnige Wendung vornimmt“ Hervorh.v.m., B.S..

Übersteigerten Erwartungen durften sich die Briten, selbst den Amerikanern gegenüber, nicht hingeben. Als der neue amerikanische Botschafter, Walter Page, im Oktober 1913 an seinen Präsidenten erste Eindrücke aus London berichtete, war die europäische Entwicklung bereits weit vorangeschritten. Was aus den folgenden Ausführungen herging:

„Gott sei gepriesen für diesen Atlantischen Ozean! Er ist das geographische Fundament unserer Freiheit. Eine Zivilisation, besonders eine alte Zivilisation, ist keine leicht zu knackende Nuß. Aber ich bemerke, daß die hellsichtigen Leute ihre Gedanken auf uns gerichtet halten…Sie vergessen nie unsere Kraft, unsere Anpassungsfähigkeit, unsern mächtigen Reichtum. Sie werden fest zu uns halten, aus Gründen der Vernunft so sehr, wie aus Gründen der Verwandtschaft. Und wann immer wir auch nach der Führerschaft in der Welt trachten sollten, sie würden sie uns zugestehen – allmählich – und loyal. Sie können nicht Franzosen werden und sie mögen die Deutschen nicht. Sie müssen in unserem Boot bleiben, wegen der Sicherheit so sehr, wie wegen der Bequemlichkeit“ Hervorh.v.m., B.S..

Deutscherseits Policy of Pretention war das Ziel gewesen, einen erheblichen Zuwachs an Kolonialgebieten zu erzielen und dabei gleichzeitig zu demonstrieren, „dass die britische Demokratie zu träge und zu friedliebend sei, um im Augenblick der Gefahr die Tripleentente zu unterstützen“. Ob Grey, Churchill, Tirpitz oder Haldane, sämtlich bestätigen die Augenzeugen, den hohen Zäsurcharakter dieser Krise. Hatte doch das Inselreich, spätestens seit dem 26. Mai 1911, begonnen, sich auf einen europäischen Krieg umfassend vorzubereiten. Die Vollsitzung des Empire Verteidigungsrates 26. Mai, die außerordentliche Sitzung des Reichsverteidigungsrates 23. August, und schließlich der dort gehaltene Vortrag von General Henry Wilson, setzten die ultimativen Präparationen des Inselreiches auf den großen Krieg in Gang. Allerdings nahmen diese Bezug auf die seit 1905 andauernden, eher informellen, Stabsbesprechungen zwischen englischen und französischen Generalstabsoffizieren.
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Exkurs.

PA-AA. R 1374. Legationsrat Freiherrn v.Eckardstein, 1.1.[19]08-31.12.1914. Ebd. R 1356. Vom 8.2.1910 datiert ein anonymer Brief in den Akten des Auswärtigen Amtes an Bethmann Hollweg: „Nehmen Sie doch den Abschied-Herr von Bethmann, und lassen Sie andere Leute ans Ruder – Männer wollen wir sehen, nicht Leute die vor S.M. sich beugen und nach der Pfeife tanzen! Die Nachwelt lacht ja über solche Leute wie Sie sind, wir brauchen einen Kanzler, der Haare auf den Zähnen hat und S.M. endlich zur Vernunft bringt! Was ist sein albernes Gottesgnadentum und sein Absolutismus—Dreck! Kein denkender Mensch kann sich heute dafür erwärmen. Freie Bahn wollen wir haben, die Intelligenz soll die Sache machen wenn auch die Entwickelung nicht so schnell kommen darf, wie linksstehende Elemente es wünschen, so muss man doch vom Kanzler verlangen, dass er nicht seine Basis auf derartig veraltetem Dreckkram errichtet, bleiben Sie bei Ihren Jagden oder auf dem Felde aber lassen Sie sich nicht durch Ihren blöden Ehrgeiz dazu verleiten, ein Amt anzutreten, für das Sie absolut ungeeignet sind. Wir machen uns ja der ganzen Welt lächerlich durch Ihre Leitung! Dabei kann auch ein sonst gesinnungstreuer Deutscher Mann die Lust verlieren, ein Deutscher zu sein! Adieu Exzellenz, packen Sie Ihre Sachen!“ Hervorh.v.m.,B.S.

http://www.news4press.com/Label/Presse.asp?Mitglieder_ID=28473&Mitteilungs_ID=902667

Der Plan hinter dem Ersten Weltkrieg. Lamprecht und Bethmann Hollweg – militante Philosophie.

Sonntag, Mai 17th, 2015

Dr. Bernd F. Schulte

Neue Quellen lassen die Hintergründe der deutschen Weltkriegsplanungen deutlicher werden. Nach allen Seiten wird ein erstaunlich moderner Zugang zur Weltpolitik erkennbar. Und das vor dem Hintergrud der Schlachtfelder im Nordwesten Frankreichs (Innenansicht der Armee).

 

„Die großen Linien meisterhaft gezeichnet“.*

Lamprechts „Deutsche Geschichte“ erreichte eine breitere Öffentlichkeit. Maximilian Harden ließ ihn in seiner „Zukunft“ zu Wort kommen. Die tiefe Krise des Historismus, die sich in der einseitigen Gefolgschaft Rankes innerhalb der deutschen Historikerzunft manifestierte, wurde durch Lamprecht an die Oberfläche gespült. Diejenigen, die die deutsche Geschichte im Sinne Burckhardts nach 1871 „siegesdeutsch angestrichen“ hatten, verweigerten sich nun den Impulsen einer modernen Sozialgeschichte à la Lamprecht. Zudem stellte dieser zusätzlich Erschlaffungs- und dekadente Tendenzen in dem Deutschland vor 1914 fest, die naturgegeben von offizieller Seite Bestätigung erfuhren.*

Der Reichskanzler bestätigte dem Historiker Karl Lamprecht*, seinem Klassenkameraden aus Schulpforta, die Skizze, die dieser von der Persönlichkeit des Kaisers, in einer kleinen Schrift, entwickelt hatte. Bethmann Hollweg pflichtete bei:

„Sie haben, wie mir scheint die großen Linien, die trotz allen … sein Wesen fest bestimmen, meisterhaft gezeichnet. Und mit der gleichen Anteilnahme bin ich der psychologischen Detailschilderung gefolgt, die Sie entwerfen, und die einen doppelten Reiz [für] denjenigen hat, der im Dienste des [Tagesgeschäfts]a die Hemmungen und Reibungen [seines]b würdigen Charakters erfährt.“

Der Kanzler spielt auf einen „Grundzug“ im Charakter des Kaisers an, der aber „erst in einer späteren Zeit“ zu behandeln sein werde. Augenscheinlich war die Wirkung der Veröffentlichung Lamprechts auch in der allgemeinen Tagespresse bemerkt zu worden, und stellte sich für den Zeitgenossen sichtbar heraus, dass es zu einer „allmähliche[n] Bildung eines geschichtlichen Urteils“ über den Kaiser kam. Offensichtlich schrieb Bethmann Hollweg nach der Erfahrung der „Daily Telegraph Affäre“ und der infolgedessen stark unter Druck geratenen Position des Kaisers in der öffentlichen Meinung Deutschlands. Der Kanzler wagte sich sehr weit vor, wenn er – deutlicher werdend – seinem früheren Schulfreund gegenüber bemerkte:

„Ihre Kritik der bestehenden Zustände der Stellung des Kaisers zu ihnen möchte mich zu lebhafter Diskussion, teils zustimmender teils einschränkender, reizen.“

Das war auch das Äußerte was schriftlich zu wagen war. Bethmann Hollweg spricht offen aus, diese Diskussion „aber schriftlich auch nur zu beginnen, wage ich nicht“. Der verantwortliche Politiker schützt vor, er würde dies nur nicht tun, weil er „sicherlich nicht zum Ende kommen würde“.

Die frühmittelalterliche Phase der Ostkolonisation um 800 habe „die rationellste Verwendung von Reichtum“ in der deutschen Geschichte gezeitigt. Nur wenn es den Deutschen „im 18. und 19. Jahrhundert“ gelungen wäre, „in Amerika ein rein deutsches Land von … doppelter Grösse des Vaterlandes“ zu gewinnen,

„und wenn es uns in Zukunft gelingen könnte, die Mehrzahl unserer Kolonisation rein deutsch zu besiedeln, würde das Ergebnis mit dem des 12. und 13. Jahrhunderts zu vergleichen sein“.

„Frühere Fehler vermeiden“.

So entwickelt der Leipziger Kulturhistoriker weiter. „Erst das 19. Jahr[hundert].habe „dann

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* H.-J. Steinberg, Karl Lamprecht, in: H.-U. Wehler (Hrsg.), Deutsche Historiker, Göttingen 1973, S. 60f.     Sozialgeschichte wurde mit sozialistischer Geschichte in einen Topf geworfen.

zum neuen unerhörten Aufschwung unseres Wirtschaftslebens“ geführt und die vierte Periode unserer Reichtumsbildung“ gebracht. Immer wieder kommt Lamprecht darauf zurück, wie die „nationalen Ersparnisse“ Deutschlands in der Vergangenheit angelegt wurden. Für eines der rentabelsten Anlageunternehmen des Mittelalters hält er die „gewaltige[n] Kolonisation des Ostens“. Als Warnung für die damalige Gegenwart zu verstehen sind wohl die wiederholten Hinweise auf ein „massives[n] Wohlleben“ gerade des „erst emporgekommenen Bürgertums“ wie auch der „protzenden Verwendung des erworbenen Reichtums“ in den bildenden Künsten, „Malerschulen des 16. Jahrh[underts].“ und „edle[n] Zwecken“, Kleidung (Landsknechtstrachten), den „Trinkluxus“ der noch dazu lediglich „quantitativen Charakter“ gehabt habe.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg, und dem damit verbundenen Vorgang der „Verarmung“ sei Deutschland „erst in den letzten Menschenaltern bis auf unsere Zeiten hin wieder reich geworden“. Der Kulturhistoriker stellte die Frage, „wie die Nation den Reichtum dieser vierten Periode nütze“.

Lamprecht dringt dementsprechend nun zu einer grundlegenden Kritik seiner Zeit vor. Er entwickelt:

„Unsere hohe Kunst hatte gegen Ende des 19. Jahrh[underts]. einen Anlauf genommen, der Grosses, Ernstes, wenigstens die Jahrzehnte Überdauerndes erwarten liess. Wo ist dieser Aufschwung geblieben? Baulich, höchst bedenklich beginnen wir ins Kunstgewerbliche, wenn auch im weitesten Sinne dieses Wortes, zu stranden: in luxuriöse Wohnräume, in schwellende Ledersofas, in ein Wirrwarr schwächlicher Farben … : und die darstellenden Künste zeigen verwandte Erfahrungen. Oder leben wir der durchgängigen Ueberzeugung, dass eine einfacher ausgestattete Wohnung mit einem einzigen guten Kunst … , der Besuch eines guten Theaterstücks als den Firlefanz gehäufter Betätigung im Spielerischen überwiegen? Von dem noch äusserlichem[n] Luxus der Kleidung, des Bauens und Trinkens nicht erst zu reden. …

Ziehen wir aus dieser Lage einen einzigen Schluss. Der Deutsche seiner Natur nach auf das gründlich Ruhige angelegt, gerät nur zu leicht aus dem Häuschen, wenn er, durch steigenden Reichtum dieser Situation enthoben wird. …

Was ist nun gegen diese[r] Erscheinung zu tun, die nach allen Lehren unserer nationalen Geschichte eine höchst ernste ist? Die Geschichte des deutschen Reichtums giebt uns das Mittel einer Gegenwirkung jetzt eben an die Hand: in dem wir frühere Fehler vermeiden, müssen wir lernen reich zu sein.

Lerne reich zu sein: das ist das demnach erst wichtige Wort, das man der Nation zurufen möchte. Reich sein ist nicht verschwenden; reich sein heisst vorhandene Mittel verantwortlich zu großen Zwecken ausgeben: – und reich sein heisst auch sparen.7

Ist der Herr Fiscus, der verdammte Hackerfiscus, an den man zahlt, nichts, als die Gesamtheit aller Steuerzahler – also zum Teil auch man selber? Und das[s] diese Gesamtheit, die die Fehler ausmacht, die Nation, seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden gesteuert hat, so dass man in der Verheimatlichung unseres Vaterlandes, in seinen Strassen und wohlbefestigten Strömen in seinen Dörfern und Städten, in seiner … ligkeit und seinen[m] Frieden diese Steuern von mehr als sechzig Generationen seiner Ahnen heute mitgeniesst? Ist das alles so völlig klar? Und ist auch klar, dass Steuern demgemäss weiter nichts sind, als nationales Sparen zu Gunsten der eigenen und der kommenden Generationen – wie denn grossen, längst verblichenen Generationen in dieser Art für sich schon und vielleicht noch mehr für uns gespart haben? Dass also demgemäss steigender Reichtum zu einem solchen Sparen, will die Gegenwart sich nicht der Vergangenheit und Zukunft schämen, unbedingt verpflichtet? Die Finanzwirtschaft der Gegenwart ein Ausdruck des nationalen Sparens, und Sparen ein Kennzeichen echten Reichtums: das ist die Formel, unter der sich nunmehr das Finanzproblem der Gegenwart darbietet.“

Die deutsche Finanzschwäche, die über die Jahrhunderte ein Charakteristikum deutschen politischen Zustandes ist, rührt her aus der der Feudalverfassung des Mittelalters. Ohne die Etappen dieser Entwicklung hier detaillierter zu verfolgen, sei auf Lamprechts

Zusammenfassung eingegangen, die für die Epoche zwischen Mittelalter und Neuzeit von

einem „nationalen Fehler“ spricht. Der Leipziger Historiker erklärt:

„Es geht keineswegs auf die Armut der Nation zurück; im Gegenteil: der paradox sein wollte, könnte sich geradezu anschicken wollen zu beweisen, dass die Nation eben zu den Zeiten am energ wenigsten[s] gesteuert hat, in denen sie am meisten im Begriff war, reicher zu werden. Was fehlte, war vielmehr der Sinn, zu steuern; der rationelle und verständige Genuss zunehmenden Reichtums, der Wille einzusehen, dass Steuer nichts heisst als nationale Ersparnis: und das Sparen eine[s] der wichtigsten Anzeichen anständigen Reichwerdens ist. Diese Erkenntnis, und der Wille sie zu erwerben, mangelte nur zu sehr: der Staat, der Steuern einzog, erschien den Zeitgenossen schon des 14. bis 17. Jahrh[underts]. und noch nach denenihnen der der absoluten Monarchie als der bekannte „Racker“.

Lamprecht wendet diese Erkenntnisse der vergangenen 800 Jahre deutscher Geschichte auf das Kaiserreich an und führt aus:

„Man kann sagen, er [Finanzreformplan der kaiserlichen Regierung] nehme noch nicht genug auf die Besteuerung solcher Objekte Rücksicht, die erst in Zukunft ihre volle Ausgiebigkeit entwickeln werden. Man kann sagen, er sei,entsprechend der Entwicklungstendenz unseres Staatswesens, noch lange nicht demokratisch genug. Und man kann aus dieser allgemeinen Beobachtung folgern, dass einerseits der steigende Reichtum der oberen Schichten noch stärker heranzuziehen ist, dass aber andererseits die doch ebenfalls günstige wirtschaftliche Vermögenslage der niederen Klassen auch deren Heranziehung durchaus rechtfertigt, ja unbedingt fordere.“ (Hervorh. v.m., B.S.)

Auf eine unmittelbare Gefahr, in der sich das Reich im Jahre 1908 befunden habe, wird in der „Streng vertraulichen“ Mitteilung der „Vereinigung zur Förderung der Reichsfinanzreform“ an deren Mitglieder Bezug genommen. Es wird dort ausgeführt:

„Der gegenwärtigen Krisis ist seit dem Bestehen des Reiches keine andere an Bedeutung gleich gekommen. Die unglücklichen Ereignisse der allerjüngsten Zeit haben die finanzielle Beengtheit ‘des Reichs aus der bisherigen unangenehmen Notlage’ nunmehr geradezu zu einer ‘unmittelbaren Gefahr’ herausgehoben.“

Offensichtlich ging es vor allem darum, „angesichts der großen politischen Ereignisse der letzten Tage“, „vor dem Auslande wie vor dem Inlande die Stärke des nationalen Bewusstseins in Deutschland durch die erfolgreiche Durchführung der Reichsfinanzreform aufs neue darzutun.“

 

Aus „dem Denken vergangener Zeiten“.

Dass sich Bethmann Hollweg und Lamprecht einig in der Überzeugung waren, Deutschland müsse sich der modernen Zeit stärker öffnen, bestätigen die Ausführungen des Reichskanzlers aus dem Januar 1910 an seinen Freund aus Schulpfortaer Tagen. Er entwickelte seine Vorstellung von der Moderne:

„Die Theorie kann nur gewinnen, wenn sie die Beziehung zur Praxis sucht und ihre Unterscheidungen an den Problemen der Gegenwart erprobt. Sie wird auch nur dann die grosse Aufgabe der politischen Erziehung unseres Volkes, von der ein wesentlicher Teil ihr zufällt, lösen können. Auf der anderen Seite fühlt sich die praktische Arbeit auf Schritt und Tritt gehemmt durch die Herrschaft von Phrasen, oberflächlichen Wertungen, von Forderungen, die dem Denken vergangener Zeiten entsprungen, heute nur mehr eine matte Scheinberechtigung haben und theoretisch und praktisch gleich haltlos geworden sind.“

Er wendet sich vor allem gegen den „Albdruck“, der von schiefen und überlebten „Dogmen“ ausginge, die offensichtlich die deutsche politische Gegenwart noch beherrschten. Dass sich der Kanzler als durchaus in der Nachfolge Bismarcks stehend versteht, offenbart seine Formulierung:

„Ich habe oft die Empfindung, als sei die Grundaufgabe des Staatsmannes ein gewisses Hinein- horchen in die Entwicklung und eine für ihn die wesentlichsten Eigenschaften die Gabe, Tiefe und dauernde Richtung der Bewegung hinter einer oft zufälligen und enttäuschenden Oberfläche zu erkennen.“

„Politischer Idealismus“, den er einer Schrift Blondels entnimmt, die ihm Lamprecht zugesandt hatte, leitete den Reichskanzler auch politisch.14Bethmann Hollweg bezieht sich auf die besondere Rolle des Politikers in der Tagespolitik, wenn er dem eng verbundenen Leipziger Berater antwortet:

„Auch für ihre Bemerkungen zur heutigen politischen Lage danke ich Ihnen herzlich. Ihre Ansicht ist mir stets von besonderem Werte. Sie betrachten freilich als Historiker die Gegenwart im Zusammenhang großer Entwicklungsreihen und, so mag es für Sie leichter sein, hoffnungsvoll in die Zukunft zu sehen, als für mich, der ich die konkreten Schwierigkeiten jedes Augenblicks persönlich empfinde.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Kulturpolitik als „politisches Aktionsmittel“.

Das an sich idealistische politische Mittel der Kulturpolitik deduziert Lamprecht 1912, in seiner Heidelberger „Rede über auswärtige Kulturpolitik“, von jener der Amerikaner, Engländer und Franzosen. Kulturpolitik sei nämlich, so hätten die letzten zehn Jahre am Beispiel des „Gebrauch[s] der Presse zur Verunglimpfung des deutschen Ansehens“ gezeigt, politisches Aktionsmittel. Der Kulturhistoriker plädiert für „historisches Einfühlen“ und „verständnisvolle Einwirkung“ und eine äußere Kulturpolitik, die zur universalen Kulturgeschichte werde.

Lamprecht, der über den Tellerrand der bisherigen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte weit hinaussieht, erkennt,

„daß das nächste und breiteste Arbeitsfeld aller universalen Wissenschaft die Feststellung der äußeren Einwirkungen von Natur und Kultur auf die einzelnen Völker sein wird. Und dabei wird dem Universalhistoriker vor allem der Nachweis der Kulturbeziehungen zufallen.“

Politik und Geschichtswissenschaft seien in der Gegenwart „wohl stets Hand in Hand miteinander gegangen“. So hätten die italienischen, wie holländischen und wohl auch die hellenischen Renaissancen Deutschlands im 18./ 19. Jahrhundert „das nationale Gesamtleben ergriffen und mit einer Modifikation des eigenen Seins durchgeistigt“.

Der Leipziger Historiker erwartet, dass der Europäer sich wohl auch soweit schulen könne, dass er schließlich chinesisch oder japanisch denken und fühlen lerne. Lamprecht fordert auf internationaler Ebene die Zusammenarbeit der verschiedensten nationalen Historiker. Nur so könne ein kultur- und universalgeschichtlich relevantes Bild der Forschung entstehen. Die „Regelung internationaler Freundschaften und Zusammenhänge“ fasst er aber als einen wesentlichen Vorteil der Nation auf, die diesen Weg als erste beschreite. Infolgedessen fordert er:

„Möchten die bescheidenden Anfänge, die in ihrem Schoße bestehen, bald ein Interesse finden, das sie fordert und vorwärts weiset! Deutsche Geschichtswissenschaft und Geschichtsschreibung hat im 19. Jahrhundert Großes für die Einigung unseres Volkes geleistet: möchte sie im 20. Jahrhundert nicht minder ruhmreich und entscheidend in die Einheitsbewertung der Menschheit eintreten, die sich in der Entwicklung der internationalen Beziehungen immer mehr angekündigt.“

An anderer Stelle18 konkretisiert der Universalhistoriker die Verbindung zwischen Wissenschaft (Kultur-/Universalgeschichte) und Außenpolitik. Nicht als nachgeordnet aufgefasst wird der Anteil Deutschlands an einer künftigen Welt. Lamprecht sieht „die alten kosmopolitischen Auffassungen, … das nach Einheit drängende[n] Nationalbewusstsein, … abgestreift“. An dessen Stelle träte nun ein auf

„verschärfter[n] Kenntnis der internationalen Welt sich aufbauendes und sich der Weltpolitik einordnendes Bewusstsein von den eigentümlichen Gaben und den besonderen Kräften der germanischen Welt.“

In der Frankfurter Zeitung formuliert der Leipziger Historiker diesen Zusammenhang folgendermaßen:

„Die alten kosmopolitischen Auffassungen, die bei uns, man mag sagen was man will, neben dem nach Einheit drängenden Nationalbewusstsein mehr unvermittelt nebenher liefen, sind heute abgestreift.

 

„Äussere Politik der wirtschaftlichen Machtentfaltung“.

Bethmann Hollweg sei von dieser Auffassung nicht entfernt, was die Veröffentlichung seines bekannten Briefes vom Johannistag, im November 1913, gezeigt habe. Doch keinesfalls wurden die Brüche, Kanten und Ecken der Zeit übersehen. Die Entwicklung Deutschlands sei „im letzten Menschenalter … wesentlich eine Wirtschaftliche gewesen“, nämlich des „Wirtschaftslebens“, des „Unternehmertums“, des „unbarmherzigen Wettbewerbs.“ Diese Theorie, fußend auf der Darwinschen vom Kampf ums Dasein, sei zur „allgemeinen Weltanschauung“ der Gebildeten der Zeit geworden.20 Neben die „rein diplomatische[n]“ sei zunehmend „eine äussere Politik der wirtschaftlichen Machtentfaltung“ getreten. Das hätte Deutschland im besonderen kultiviert, begünstigt durch „die verhängnisvolle Gabe einseitigen Handelns“, welche zudem dem Deutschen eigentümlich sei. So sei „äussere Kulturpolitik“ im wesentlichen „Wirtschaftspolitik“ gewesen

Wirtschaftliche Betrachtung sei grundsätzlich kurzsichtig. Diese wäre jedoch moderner „Expansions-Politik“ inhärent. „Dauernde Errungenschaften“ seien auf diesem Wege nicht zu erreichen. Gleichwohl habe Deutschland „im letzten Jahrzehnt“ einen „gewaltig gestiegenen Reichtum“ angesammelt. Bei allen Postulaten, die Lamprecht hier aufstellt, ist ihm bewusst, wie wenig dankbar die Realität sein werde. Über die Zeit hinweg gültig erscheint im Anschluss:

„Es hat noch niemals ein dankbares Volk gegeben. Man glaube nicht, dass die Völker, die wir heute mit den Errungenschaften der europäischen oder germanischen Kultur beglücken, im letzten Grunde ihres Herzens uns dies danken. Sie sehen, abgesehen von wenigen Schichten der Gebildeten instinktmäßig durch jede unserer Handlungen das egoistische Motiv hindurch und sind davon weit entfernt in dem Moment, in dem sie diese Instinkte zum Handeln zusammenfassen können, darin ein Unrecht zu entdecken. Die deutsche Geschichte selbst bietet dafür genügend Beispiele. Haben uns etwa die nordischen Nationen, die Tätigkeit der Hansa, hat uns Russland die Tätigkeit der Balten gedankt? Und wir selbst, haben wir etwa die wirtschaftlich überragende Stellung der Juden mit Wohlgefallen aufgenommen?“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Deutschland solle, so der Leipziger Historiker, um dies alles zu vermeiden, auf die Wissenschaft setzen. So könne seitens der Völker die Überzeugung geweckt werden, indem die Bestrebungen der deutschen Kulturpolitik kaschiert würden, dass, „objektiv betrachtet … mit einem reinen Geiste grosser Ideen und i[n]dealer Zusammenhänge…die kulturpolitischen Bestrebungen“ geadelt würden. Das würde geeignet sein, bei „den Völkern, an die sich diese Kultur wende[t], die Überzeugung“ zu wecken,

„nicht bloß um deutscher Machtinteressen..., sondern zugleich aus den strengen Anforderungen einer universalistischen Betrachtung der Welt und aus reiner Menschlichkeit sei man ihnen näher getreten.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

„Aus dem Materialismus zu einer idealistischeren Lebensrichtung“.

Frankreich sei darauf aus, den historischen Moment zu nutzen und von bloßer „äußerer Wirtschaftspolitik zu äußerer Kulturpolitik“ vorzudringen. Damit würde „allgemeinstem internationalen Interesse“ Genüge getan. Es handele

„sich darum, den neuen idealistischen Motiven, die unsere Kultur zu durchdringen anfangen, auch auf dem Gebiete des praktischen Handelns höchster Art Eingang zu verschaffen und zwar aus der durch alle Geschichte beglaubigten Erfahrung heraus, daß nur auf diese Weise auch das praktische wirtschaftliche Handeln auf die Dauer in seinen Erfolgen gesichert werden“

könne. Das dieser Sichtweise durchaus nationale Dynamik innewohne, verleugnet der Kulturhistoriker keineswegs. Indem er auf die Horizonte der deutschen Geschichte hinweist, und von der „Verquickung jener Ideale, für die unsere Väter vor hundert Jahren stritten“, deutet, spricht er einer Verbindung „der neuen Ideale wirtschaftlich-machtpolitischen Handelns“ das Wort. Dieser „Konsequenz“ deutscher nationalen[r] Einigung“; diese „große Synthese zweier sehr verschiedenartiger Vergangenheiten“ steht für Lamprecht unmittelbar bevor. Nur, indem beide Elemente zusammenwirkten, würde, mit einiger Gewähr, mit einer „glückliche[n] weiteren Entwicklung“ des deutschen „nationalen Bewußtseins und unserer nationalen Zukunft“ zu rechnen sein.

Der Kanzler antwortet postwendend:

„Die Haltung eines großen Teils der deutschen Presse in der letzten Woche zeigt, dass die deutsche Bildung in der Tagespresse […]a schlecht vertreten ist. Die oberflächliche und […]b Art unter der man Dinge beurteilt ohne […]czugehen ist ein Symptom einer aus kulturellen wie politischen Gründen traurigen Entwicklung. Die Regierung kann dagegen protestieren, aber nur das gebildete Deutschland selbst und seine Führer können dagegen etwas ausrichten.

Für alles, was Sie in dieser Richtung getan haben und tun, bin ich Ihnen aufrichtig dankbar.

Wenn wir uns aus dem Materialismus heraus zu einer idealistischeren Lebensrichtung und damit zu den tiefsten Quellen deutscher Größe zurückwenden, so wird das schließlich auch dem Stil unseres politischen Lebens zugute kommen. Dazu ist aber nötig, daß der zurück […]d zerstückelte und in stillen Stuben isolierte Idealismus Beziehung sucht zu dem öffentlichen Leben der Nation.“(Hervorh.v.m., B.S.)

Und in Bezug auf die „Notwendigkeit einer auswärtigen Kulturpolitik“ erklärt sich der Reichskanzler, ein Vierteljahr später, vollkommen d’accord. Ja, in seinem Antwortschreiben aus dem Juni 1913 entwickelte er seine Argumentation direkt an jener Lamprechts entlang. Bethmann Hollweg führt aus:

„Ich verkenne nicht den Nutzen, den Frankreichs Politik und Wirtschaft aus dieser Kulturpropaganda zieht, noch die Rolle, die die britische Kulturpolitik für den Zusammenhalt des britischen Weltreichs spielt.“

Der Kanzler kommt sofort auf die Umsetzung der Lamprechtschen Gedanken auf die deutsche außenpolitische Zielsetzung zu sprechen. Er entwickelt:

„Auch Deutschland muss, wenn es Weltpolitik treiben will, diesen gehen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Doch sei Deutschland noch nicht so weit. Bethmann Hollweg scheint es, als ob die deutsche Nation ihrer „Kultur“, ihres „inneren Wesens“, ihres „nationalen Ideals“ noch „nicht

sicher und bewußt genug“ sei. Es sieht das „in der Eigenart der Deutschen begriffen, die in ihrer „wohl individualistischen und noch nicht ausgeglichenen Kultur“ noch „nicht die gleiche suggestive Kraft“ entwickeln „wie die britische oder französische“. Dass sie „ein junges Volk“ seien, das vielleicht allzuviel noch dem naiven Glauben an die Gewalt“ anhänge, und „die feineren Mittel“ unterschätze. Jedenfalls, und das wird hier deutlich, hält der Kanzler, Lamprecht gegenüber, an einer weltpolitischen Zukunft Deutschlands fest.

Eben dieses Denken findet in seiner Antwort Aufnahme. Bezieht sich der Historiker doch „en gros“ auf das Jahr 1813, das allgemein immer stärker auch in der Öffentlichkeit zur Wirkung komme, und betont die Pro-Österreich-Linie des Freiherrn vom Stein im Sinne einer allgemein geforderten „kräftigen auswärtigen Politik“ des Deutschen Reichs

„mit dem Endziel, wenn irgend möglich, die ständigen unglückseligen Aspirationen Frankreichs, die sich zu einer Welt-Kalamität ausgewachsen, lahmzulegen“.

Im Gegensatz zu dem politischen Konfrontationskurs des Jahres 1913 legt der Leipziger Historiker seinem Gesprächspartner Bethmann Hollweg die Lösung des Freiherrn vom Stein nahe, der „für die Ruhe Europas“ plädiert habe, die„eine innige Verbindung eines künftigen kleindeutschen Reiches mit Österreich auf Grundlage gemeinsamer Diplomatie und gemeinsamen Heerwesens“ favorisiert habe.

 

Die „soziale Verschiebung des Vierten Standes“.

Lamprecht ergänzt ferner seine allgemeinen sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Beobachtungen in Amerika und Deutschland dahin, die Wandlungen im Arbeits- und Produktionsprozess der Industrie hätten das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer verändert. Die kompliziertere Gestaltung der Produktion, der Maschinen, Wartung und Pflege, hätten dazu geführt, dass der Arbeiter nicht mehr der „Sklave der Maschine“, sondern deren „Vormund“ und „kleiner Ingenieur“ werde. Höhere Löhne und ein stärkeres Interesse des Arbeitgebers an einer besseren „allgemein technischen Bildung“ seiner Arbeiter, kurz gesagt, „geistige[n] Wandlungen“, entwickelten sich zwischen beiden zu „beinahe identischen[m] Interesse. „Ihr Gemeinsames“ sei, dass überall die qualitätslose Arbeit des Vierten Standes durch eine qualifiziertere abgelöst“ werde. Auf evolutionärem Wege entwickele sich „die technische Entwicklung von einer sozusagen naturalistischen in eine idealistische“. Nicht bloß in Amerika, sondern auch in Deutschland sei damit, auch politisch, eine „soziale Verschiebung des Vierten Standes in höhere geistige, und damit gewiss auch in vaterländische Interessen hinein, wahrscheinlich“.

Der Wissenschaftler stimmt darin offenbar mit seinem Schulkameraden Bethmann Hollweg überein und äußert im Dezember 1913:

Bleibt der jetzige Reichskanzler, so hoffe ich, daß wir in der Friedenssache in Deutschland in nicht allzu langer Zeit all die Fortschritte machen werden, welche nach Lage der Dinge bei uns möglich sind. Insbesondere wird es sich dabei auch trotz aller Schwierigkeiten von San Francisco um ein noch immerbesseres Verhältnis zu den Vereinigten Staaten handeln.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Angesichts dieser Aussichten ging es dennoch zunächst um das Festhalten der deutschen Exporte in die Welt ,und hierzu gehörte vor allem die deutsche Expansion im Orient. Der Leipziger Historiker schlägt in einem Vortrag, nach dem Kriegsbeginn 1914, den Bogen von einer Beziehung zwischen Karl dem Großen und Harun al Raschid, über die „kräftige Initiative der Türkei gegen Byzanz und Südeuropa“ bis hin zu Prinz Eugen und zur Funktion des Hauses Habsburg, die „west- und zentraleuropäische[n] Kultur gegen Osten“ zu verteidigen.

 

Grundlinien Bethmann Hollwegscher Ostpolitik.

Doch hatte sich die Beziehung zur Türkei, zwischen Preußen zunächst, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, und schließlich des Deutschen Reiches seit 1871/83, bedeutend intensiviert. Lamprecht erfasst diesen Vorgang und unterstreicht so seine enge Interdependenz mit dem Reichskanzler:

„Aber die Richtung von Abwehr und Angriff hat sich geändert. Nicht gegen den Türken, mit dem uns die gemeinsame Ehrenhaftigkeit einer mehr ritterlichen einer kaufmännisch-politischen Gesinnung verbindet, sondern gegen das Zarentum – noch nicht einmal kann man sagen auch gegen das russische Volk, – wendet sich die scharfe Abwehr Europas, und die Deutschen des Europäischen Zentrums finden sich in ihr einig mit dem lateinischen Slawentum und mit den Gebildeten wie den Massenkreisen der osmanischen Welt.“ (Hervorh.v.., B.S.)

Damit fasst der Historiker die Grundlinien Bethmann Hollwegscher Ostpolitik. Dessen Wendung gegen Petersburg, unter Zuhilfenahme der türkischen Flankenstellung, geradezu im Rücken der russischen Armeen in Westpolen, charakterisiert die Grundlinien deutschen außenpolitischen Denkens unmittelbar vor 1914. Lamprecht spricht sogar von einer „merkwürdige[n], auf den ersten Augenblick kaum verständliche[n] Wendung der Dinge“. Den Schwerpunkt deutschen außenpolitischen Wirkens im Südosten Europas begründet der Leipziger Historiker mit der „Zerstörung der französischen Seemacht“ durch England und die „überragende und rücksichtslose Weltmacht der britischen Insel“. Diese Machtverschiebung habe „eine engere wirtschaftliche Verbindung des Türkischen Reiches und der großen Reiche des europäischen Zentrums notwendig“ werden lassen. Die Türkei sei „den zentraleuropäischen Mächten verbündet“, so stellt der Leipziger Historiker fest. Wohin diese Schwerpunktverlagerung führen werde, sei noch nicht abzusehen. Doch öffnet er seinen Blick bereits weiter; das heißt auf China. So werde der Krieg zum wahren „Weltkrieg“. Doch spricht der Wissenschaftler nicht Kampf und Teilung das Wort, sondern stellt er fest, „Oberherrschaft über die Welt“ könne nicht

„die nächste große[n] Entwicklung der Menschheit sein, sondern das Nebeneinander aller wahrhaft großen Kulturen, aller wirklich lebendigen Kräfte, aller unzweifelhaft reichlichen Verdienste: dies alles ist es, das die heute verbündeten kontinentalen Völker erstreben.“(Hervorh.v.m., B.S.)

 

Gegen- oder Nebeneinander der Mächte?

Das mag auch à la longue die Überzeugung des Reichskanzlers gewesen sein. Dass Norwegen und Finnland in das deutsche politisch-strategische Denken vor 1914 mit besonderer Aufmerksamkeit einbezogen wurden, wird deutlich, wenn auf die insgesamt reservierte Haltung der Norweger gegenüber Deutschland eingehend Bezug genommen wird; und andererseits, in Beziehung auf Finnland, sich die besondere Konkurrenzsituation zwischen dem russischen und deutschen Handel darstellt. Jedenfalls wird erkennbar, dass gegen Ende 1914 ein Umschwenken dieser Nordstaaten an die Seite des Deutschen Reiches erwartet wurde.

Gleichfalls aus einem Anfang des September 1914 stammt eine grundlegende Ausarbeitung des Bonner Wirtschaftswissenschaftlers Hermann Schumacher zu möglichen Forderungen gegenüber den damaligen Feindstaaten, im Zusammenhang mit einem kommenden Friedensschluss. Die darin aufgestellten Forderungen und Vorstellungen decken sich zum großen Teil mit jenen, die in der großen Niederschrift Riezlers im Großen Hauptquartier zusammengestellt wurden („September-Programm“); und geht sogar teilweise darüber hinaus. Es lässt sich hieraus deduzieren, dass zwischen Lamprecht und dem Reichskanzler, auch in den ersten Kriegswochen, gerade hinsichtlich der zu ergreifenden Maßnahmen rund um einen möglichen Annexionsfrieden, ein Gedankenaustausch stattgefunden haben wird. Dieser konkretisierte sich Anfang 1915 in der Diskussion um die künftige Gestaltung des deutsch-belgischen Verhältnisses. Wie eng Wilhelmstraße und Lamprecht miteinander korrespondierten, zeigt das Schreiben des Ministerialdirektors (im Auswärtigen Amt) Schmitz zur aktuellen Diskussion in amerikanischer Presse und Politik zu den Kriegsereignissen an den Leipziger Historiker, und im besonderen der deutschen Kriegsführung und Staatlichkeit.

 

Seherischer Ausblick und Kraft der Tradition.

Das reichte so weit, dass der Leipziger Historiker, quasi im Auftrag des Reichskanzlers, 1914/15 die westlichen, besetzten Gebiete bereiste, um Erhebungen anzustellen, die zur künftigen Position Belgiens im deutschen Machtbereich beitragen sollten. Bei dieser Gelegenheit begegnete der Leipziger Historiker auch Wilhelm II. im Großen Hauptquartier. Ihm tritt ein insgesamt dunkelblond erscheinender Monarch gegenüber, der sich ihm leutselig nähert. Lamprecht erklärt seine Tätigkeit dahin, er „halte Vorträge, berate den Wirtschaftsausschuss“ und sähe sich

„um für eine künftige Schilderung der nationalen Erhebung 1914/15“.

Er wolle sich „noch in Belgien nützlich zu machen versuchen“. Er sei „Mitglied der belgischen Akademie und zwar tätiges, kenne Land und Leute und auch manche einflussreiche Person, z[um]. B[eispiel]. den Cardinal Mercier: da“ sei er „vielleicht zu verwenden“. Damit berührt er jedoch einen wunden Punkt. Der Kaiser antwortet:

„Der Kardinal Mercier ist ein listiger und hinterha[ä]ltiger Mann. Wir tun ihm nicht den Gefallen, ihm zu einem Martyrium zu verhelfen. Jedesmal, wenn er Schritte in dieser Hinsicht macht, wenden wir uns an den Vatikan, und der bläst die Funken aus“.

Im Gefolge kommt Wilhelm II. auf die Geschichte Belgiens zu sprechen. Er führt aus:

„Ja, hätten wir das Land nur festgehalten. Aber Österreich hat das nicht gut gemacht. Kaiser Max I. hätte das Land einfach an das deutsche Reich und die damaligen Föderations-Bestrebungen eintreten lassen sollen, statt ihm eine besondere Stellung zu geben; das hat auf die Dauer geschwächt.“

Der Kaiser unterstreicht:

„Richtig, hätte Österreich nur scharfer geführt.“

Demgegenüber betont Lamprecht, „das alte Reich“ sei nicht zu verachten. „600 Jahre eines zusammenhängenden Daseins“ seien

„ein guter Rekord; welches Reich von heute kommt darüber?“

Das veranlasst den Monarchen, auf die „unglückliche italienische Politik“ des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation einzugehen. Der Historiker-Berater des Kanzlers referiert die Äußerungen des Kaisers:

„Der Kaiser ergeht sich in sorgfältigster Schilderung der ottonischen Zeit mit Rücksicht besonders auf Heinrich I. und Otto I., vornehmlich von den Frauen, kennt die Quellen, schätzt besonders die Mathilde, daneben Edith. Ottos Heirat romantisch, cherchez[r] la femme. Das Gespräch nimmt eine Wendung auf das Verhältnis des Deutschen zu den Italienern, nach den Erfahrungen vornehmlich der staufischen Zeiten. Der Kaiser kommt hier auf die Erfahrungen seiner Reise Apulien, wo die Deutschen noch heute nicht vergessen und er als Staufer begrüsst worden sei, noch dazu mit dem alten Titel als Signor d’Adriano(?), er ist offenbar von dieser Reise sehr sympathisch berührt gewesen. Daran schliesst sich die Erklärung: für ihn sei Friedrich II. der hervorragendste der Herrscher des alten Reiches, und sehr eingehende Auseinandersetzungen über die staufische Monarchie in Sizilien-Unteritalien und die sehr kategorisch vorgetragene Erklärung: bei den Kämpfen Friedrichs II. mit den Päpsten habe es sich schon um den beiderseits erkannten prinzipiellen Gegensatz von mittelalterlicher Kirche und neuzeitlichem Staat gehandelt.“

Auf „die jüngsten Wendungen“ der „inneren [deutschen] Politik“ angesprochen, antwortet der Kaiser:

„Ich bin auch darüber sehr glücklich. Was haben die letzten vierzig Jahrenicht getan! Ich bin jetzt von einem Bataillon Landstürmern behütet, aus Jena, Apolda, Weimar: Alles Sozialdemokraten, einer schlimmer wie der andere: und alle so getreu, dass ich mich jedem von ihnen ohne Rückhalt anvertrauen würde.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Doch Lamprecht bleibt nicht ohne Zweifel, den er nicht verschweigt. Er antwortet:

„Das ist wunderbar und hoffentlich hält sich das holde Wunder im Frieden. Wir alle wünschen das und halten eine Regierung in diesem Sinne für eine Pflicht des Herrschers.“

Wilhelm II. gesteht zu:

„Das wird gewiss geschehen.“

Doch Lamprecht stößt nach:

„Weniger günstig ist der Verlauf in den letzten vierzig Jahren auf geistigem Gebiet gewesen. Wir sind an mehr als einer Stelle zurückgeblieben.“

Das kaiserliche Erstaunen wird unverkennbar. Der Leipziger Historiker ergänzt:

„Ja, Eure Majestät. Ich kenne die Universitäten im Ausland zur Genüge, um behaupten zu dürfen, dass die unseren besserer Ausstattung in den Lehrmitteln und in der Zahl des Lehrpersonals bedürfen. Ich hoffe aber, dass dies alles nach dem Kriege kommen wird. Viel wichtiger scheint mir, dass die Nation noch kein neues grosses Lehrmittel aus der neuen Zeit aus -d[er]- seit 1870 herausgearbeitet hat.“

Wilhelm II. reagiert zunehmend reservierter: „So, finden Sie das?“ Das reizt Lamprecht dazu, seine Philippika gegen das humanistische-klassische deutsche Bildungsprinzip vorzutragen. Er führt aus:

„Das klassische Ideal, Römer und vor allen Dingen Griechen, ist zurückgetreten, zum Teil durch die Schulreform, zum Teil durch innere Überholung; ein neues Ideal, das sich aus un-da [gestr.] und an der Zeit, hätte bilden können, ist nicht eingetreten. Man macht wohl neuerdings Versuche, die Nation auf ein Lebensideal, etwa der eigenen Kultur von 1800 bis 1815 festzulegen. Ich halte diese Versuche, soviel sie Schoenes mit sich bringen, aber doch grundsätzlich für gefährlich, da sie uns für ganz anders geartete Zukunftszwecke ein Ideal aus unserer Vergangenheit aufzwingen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Es handelt sich um eine kühne Attacke auf die unmittelbare deutsche Vorkriegspolitik, als auf breiter publizistischer Front mit dem Völkerschlachts-Denkmal, und vaterländischen Veranstaltungen, das Andenken der preußischen Erhebung von 1813 ins Bewusstsein des Volkes gehoben wurde.

Was zu erwarten, tritt ein. Der Kaiser reagiert:

Aber ich halte gewiss an dem klassischen Ideal fest. Das muss sich freilich mit neuen Zielen verbinden, die uns die Zeit nach dem Kriege enthüllen wird.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Damit war eine entscheidende Antwort gegeben.

 

Belgien. Militärgrenze, kommunale Freiheit, eigener Staat.

Freiheitsbewußtsein, Reichsbewußtsein, Nationalbewußtsein.

Dass es eben nicht zum Konsens gekommen war, enthüllt die Tatsache, dass der Kulturhistoriker von Rang „einen Tag nach der Unterredung … dem Kaiser ein Exemplar des [‘]Deutschen Aufstiegs[‘] und des Vortrags über Belgien (Woche 1915)“ übersandte. Ferner geht der Historiker

„in dem Briefe über das Schicksal Belgiens – Militärgrenze an Meer und Maas, kommunale Freiheit der Franken und von da aus Aufbau eines eigenen Staates unter deutschem Schutze

ein. (Hervorh.v.m., B.S.) Weiter erwähnt der Historiker – neben diesem „Ergebnis“ seiner Erkundungen in Belgien – „unter voller Anerkennung der Richtigkeit der Gesamtvorstellung des Kaisers über das Königreich Sizilien“, den „Fehler in der Einzelanschauung der Bedeutung Friedrichs II.“

Lamprecht sieht Anfang 1915, zwischen den Niederlanden und Nordfrankreich, eine neue Nation entstehen, die der gegenwärtige Krieg hervorbringen werde. Doch müsse der Historiker „auf die leisen Strömungen in der Geschichte achten, die verborgen fließen“. An den Rand der damaligen Möglichkeiten gerät der Leipziger Historiker allerdings unversehens, wenn er auf „die kräftigsten Strömungen … zur Einheit und zur Freiheit“ in Deutschland hinweist, und in einem Atemzug „die starke Entwicklung des Nationalbewußtseins und des demokratischen Gefühls“ zusammenrückt.

 

Dennoch, Lamprecht fasst sein Verständnis dieses Begriffs folgendermaßen zusammen:

„In dem Sinne, indem etwa die westeuropäischen Völker das Wort gebrauchen, im Sinne der Bezeichnung eines bestimmten Freiheitsdrang es zu neueren politischen Gestaltung, welche die Freiheit des Einzelnen, die Beweglichkeit des einzelnen, in geistiger und materieller Errichtung fördern sollen.“

Lamprecht zieht sich aus der Affäre, indem er neben „Nationalbewusstsein“ und „demokratisches Gefühl“ das „Reichsbewusstsein“ setzt. Er formuliert:

„Wir haben also hier das Begriffspaar von Einheitsdrang, Nationalbewußtsein, das wir auch Reichsbewußtsein nennen können, insofern das Reich die verkörperte Einheit darstellt, auf der einen Seite, und Freiheitsbewußtsein – natürlich auch nicht mit Liberalismus, soweit das Wort Parteibewegung bedeutet, zu verwechseln -, Staatsbürgertum auf der anderen Seite.“

Wie kompliziert allerdings eine derartige Argumentation in einem Staate sich gestaltete, der über lange Strecken seiner Geschichte Opponent der Ausbildung einer Freiheitsbewegung gewesen war, muss Lamprecht in diesem Augenblick bewusst geworden sein, denn er fährt fort:

„Der andere, der vielleicht bloß mit der Politik der Gegenwart zu tun hat, würde behaupten: das Nationalbewußtsein kam nach 1815, es litt zunächst Schiffbruch, 1848 trat es wieder hervor, bewirkte eine Revolution und scheiterte, dann kam Bismarck und besorgte das weitere“.

Doch, im Mittelalter gab es kein deutsches Nationalgefühl. Es gab aber die„ ritterlichen Gesellschaften“ Deutschlands, Frankreichs und so weiter. Lamprecht spricht in diesem Zusammenhang von einem Berufsbewusstsein der mittelalterlichen Ritterschaft, das geradezu grenzüberschreitend gewesen sei. Und er benutzt diesen Gedankengang, um dem Begriff der „internationalen Sozialdemokratie“, einem, wie wir schon gehört haben, Reizbegriff jener Jahre, näher treten zu können, um schließlich seine Interpretation der jüngeren Geschichte auszubreiten. Der Kulturhistoriker führt aus:

„Zur breiteren Entwicklung freilich kommt das Nationalbewußtsein erst viel später; gewöhnlich sagt man, erst nach dem Jahre 1875. Aber auch das ist nicht richtig. Wir stoßen hier auf eine Tradition, auf eine preußische Auffassung der Geschichte, die sehr gern an die Ereignisse von 1813 anknüpfen möchte, und die doch zugleich das Thema wieder beschränkt, indem sie vor allen Dingen die militärischen Leistungen in den Vordergrund stellt, als wenn man damals nur äußerlich von Napoleon hätte befreit sein wollen. Das ist dieselbe Tendenz, die das Wort ‘Freiheitskrieg’ in ‘Befreiungskriege’ umgesetzt hat. Wer redet heute noch von Freiheitskriegen? Die meisten kennen nur ‘Befreiungskriege’. Das aber ist ein Wort, von dem man im Jahre 1813 noch nichts gewußt hat. Damals handelte es sich um die äußere die innere Freiheit. Schon aus dieser Tatsache geht hervor, dass die Entwicklung des Nationalbewußtseins vor dieser Zeit begonnen haben muß und nicht erst mit Körner und Arndt, die schon auf einer großen Höhe der Auffassung der neuen Zeit standen. Besonders tritt in den Jahrzehnten vorher schon der Begriff Nationalbewußtsein hervor, die Anfänge jenes Begriffes, in dem wir noch heute leben. Wer an die Quellen um 1750/60/70 geht, sowohl in der Geschichte wie in der Literatur des großen Gefühlslebens dieser Zeit, der merkt das. Da findet sich bereits der scharfe Odem eines Patriotismus, wie er sich im 18. Jahrhundert voller entwickelt hat. Da sieht man, wie Personen auftreten, die ihr Leben einsetzen für politische Zwecke; es ist der Anfang einer neuen Zeit!“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Lamprecht rückt die Grenze der Periodisierung, für die Herausbildung eines deutschen Nationalbewußtseins, damit in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Er führt aus:

„Was meinen Sie wohl, ob man vor oder um 1750 den Tod fürs Vaterland als eine Leistung, als eine zu gleicher Zeit selbstverständliche Form des Opfers ansah für das Ganze des Volkes? Keine Spur! Aber Anfang der sechziger Jahre erschien Abbt’s Buch ‘Vom Tode fürs Vaterland’. Damit erhob sich zuerst die Idee des nationalen Opfersinns, von der wir heute erfüllt sind. -“

Der Kulturhistoriker sieht in Deutschland zunächst das „Pflichtbewusstsein“ hervortreten, dem später das „Freiheitsbewußtsein“ nachgefolgt sei. Er führt aus:

“In dieser Weise sehen wir langsam in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Nationalbewußtsein und mit ihm das Freiheitsbewußtsein erwachen“.

„Kosmopolitismus“ und „Pazifismus“ seien in Westeuropa erzeugt, und von dort „in das Land dampfender Ideenbildungen, … die Vereinigten Staaten von Amerika exportiert“ worden. Doch entgeht Lamprecht keineswegs den Fußangeln deutscher, autokratisch bestimmter Geschichte. Er fasst diese Problematik indem er betont, die Freiheitstendenzen des deutschen Volkes um 1815 hätten für die Zukunft des Reiches von 1914 gewonnen werden können und erläutert:

„Das Nationalbewußtsein, das deutsche, das zog sich aber nach 1813 zurück. Warum? Die Reaktion seitens der staatlichen Autoritäten war für die Entwicklung des Freiheitsbewußtseins ein schwerer Schlag. Der Ausgang, der in den 20er Jahren lag, aber sehr poesievoll; denn die, welche zuletzt an dem Gedanken festhielten und für ihn gelitten haben und teilweise selbst geblutet, das war die blühende Jugend unseres Volkes, das waren unsere Studenten. Dann war es genug. Freilich, das Freiheitsbewußtsein ließ sich nicht ganz unterdrücken, und da es im hochseligen Bundestag keinen Anlaß fand, sich zu entwickeln, ging es in die Einzelstaaten, und je kleiner diese Einzelstaaten waren, desto besser. Dort ist ein aufblühendes, kleines Parlament. Da konnte man sich aussprechen, da konnte man die Bedürfnisse übersehen, und da konnte die Einheit zwischen Fürst und Volk am leichtesten hergestellt werden, und so wird denn das Freiheitsbewußtsein praktisch das erste Ideal des deutschen Staatsbürgertums.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Dieses Spannungsverhältnis der Vergangenheit, zwischen Liberalität und Staatstreue, in dem Moment der deutschen Geschichte von 1915 fruchttragend umzusetzen, gestaltete sich für den Leipziger Historiker äußerst kompliziert; bestand doch das monarchisch-dynastische Konstrukt, an der Spitze des Deutschen Reiches von 1914, fort. Und dieses hatte, in der Phase innenpolitischer Kriegsvorbereitung 1913, an das historische Modell der nationalen Erhebung von 1813 appelliert.

Folgerichtig bewegt er sich äußerst vorsichtig um den Themenkomplex der Revolution von 1848. Der Kulturhistoriker spricht gleichwohl aus:

„Seit den 40er Jahren ist es da und Einheits- und Freiheitsbewußtsein zusammen siegen in der Revolution. Nun diese deutsche Revolution ist ja eine der allermerkwürdigsten Erscheinungen in unserer Geschichte. Denn wenn wir zu irgend etwas im Verlauf unserer Geschichte unsere vollkommene Unfähigkeit bewiesen haben, dann ist es in dem Milieu dieser Zeit. Das war eine liebenswürdige Revolution, man wollte wohl diese Leute herauswerfen, aber über das Reden kam man nicht hinaus. Drastisch ist dafür immer – Treitschke hat es zuerst zitiert – das Wort des hessischen Bauern auf die Frage, ob er den Kurfürsten noch weiter haben wolle: ‘Wenn er auch ein alter Esel ist, wir wollen ihn doch haben’. Es ist ja ganz natürlich gekommen, es gehört eben zu einer Revolution. Aber viel ist äußerlich, wie Sie wissen, nicht geschehen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Doch Lamprecht bleibt hart am Thema. Er hebt hervor:

„Falsch wäre es, wenn man glaubt, die Revolution hätte nicht gesiegt. Dies ist namentlich die gewöhnliche Auffassung, weil einiges niedergeschlagen worden ist. Gesiegt hat die Revolution in ihrem ganzen politischen Programm. Sie brauchen bloß die Verfassung der Paulskirche – des Reichsparlaments in Frankfurt – mit der heutigen Reichsverfassung zu vergleichen, um sich zu überzeugen, woher unsere Reichsverfassung kommt. Es ist ja bekannt, daß Bismarck die Reichsverfassung diktiert hat, angeblich in einer halben Stunde, nicht etwa, weil er aus den Tiefen seines Geistes heraus das in einer halben Stunde geschaffen hätte, nein, … , die Frucht war reif, überreif, und der Baum, an dem sie gehangen hatte, war das Frankfurter Parlament.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Schließlich, und es bleibt hier nichts zu leugnen, kritisiert er mit Recht, die nicht sehr elegante Struktur der Reichsverfassung und nennt diese keinen „Frack“ sondern einen „gut sitzenden[r] Rock“. Schlussendlich sei „seit den 50er und den 60er Jahren … die Einheit auf eine ganz andere Weise gewonnen“ worden. Der Leipziger Historiker betont:

„Sie wurde gewonnen militärisch-diplomatisch durch das Eingreifen Preußens. Die große Tendenz auf Einheit und Freiheit rückt vor und wirkt stark und nachdem das Reich gegründet worden war, kam es erst recht zum Fühlen in die Erscheinung. Einheit und Freiheit durchdrangen sich immer mehr, Staatsbewußtsein und Reichsbewusstsein fingen an, sich zu treffen, und man kann davon sprechen, dass die Nation im Staat und der Staat in der Nation aufging.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Das Reich von 1914. Einheit, Freiheit, und Fortschritt.

Freiheitsbewußtsein und Einheitsbewußtsein seien, so Lamprecht, „nur der Ausdruck desselben Wesens, nämlich des Wesens jener Freiheit und Höhe jed[n]er Persönlichkeit, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts anfingen“ in Deutschland „errungen zu werden“. Dessen ungeachtet, nachdem er eher ausschweifend über den seelischen Entwicklungsprozess des

Zeitalters berichtet, legt er den Finger auf die Wunde des präsenten gesellschaftlichen Zustand des Deutschland von 1914, und fragt provoziered:

„Wo endet denn diese Verknechtung des Lebens, die wir vor uns haben?

Doch sogleich verschwindet diese Schärfe in der verallgemeinernden Unschärfe der „erste[n] Grenze der Nation“, wie das 1915 genannt werden sollte. Es wird verschleiernd ausgeholt, es verbinde

„sich Einheits- und Freiheitsgefühl zu einem ganzen und beides entsproß demselben Keime, derselben tiefen letzten Wurzel der Kultur, demgeschichtlichen Fortschritt und dem Seelenleben der großen Gemeinwesen.“

Doch es fällt dennoch der Begriff „Revolution“, in Bezug auf die künftige Entwicklung des gegenwärtigen Deutschen Reiches, und das dürfte an sich Aufmerksamkeit erregt haben. Lamprecht führt, erstaunlich deutlich werdend, aus:

„In der Hauptsache läuft unsere Politik in den tiefen Gleisen einer großen Nation, die ihre Weltgeschichte hinter sich hat. Das ist eine Dampfwalze, die hört nicht auf, die walzt weiter, und wir stehen in diesem Zusammenhange auch für später.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Es blieb zugleich die, bislang nicht ausgesprochene, Problematik der Staatsbildung von 1871; verbunden mit der Rolle Preußens. Der Kulturhistoriker fasst diese Zusammenhänge schließlich realistisch:

„Seitdem kam eine Vollendung, die man eigentlich in der Form nicht hätte erwarten sollen, eine Vollendung durch das militärische-diplomatische Eingreifen Preußens. Preußen hatte freilich dabei das außerordentliche Glück, wenn wir es nicht zugleich Verdienst von Bismarck nennen wollen, daß auch sofort der große Kampf gegen den Erzfeind im Westen begann und damit auf die zwei ersten Kriege ein dritter gesetzt wurde von viel größerer Bedeutung, ein Krieg, der die Vereinigung wenigstens auf dem Gebiete der schwersten Erfahrungen durchgesetzt hat. Nun aber, was kam durch die Vormachtstellung, die Preußen gehabt hatte, in die Freiheits- und Einheitsbewegung in Deutschland hinein? Sie wissen, für ihre Großeltern und vielleicht schon Urgroßeltern sind das sehr schwere Fragen gewesen. Fragen, an denen manches Herz verblutet und manches Herz politisch zerbrochen wurde. Wir dürfen hier nicht verkennen, Preußen ist groß geworden als ein Eroberungsstaat aus kleinen Verhältnissen heraus, und die Staaten werden mit den Mitteln erhalten, mit denen sie begründet worden sind. Das ist ein sehr wahres Wort. Es liegt in der Natur Preußens, zunächst die militärische Seite besonder[s] stark zu betonen. Das ist etwas, was den früheren Generationen in Deutschland nicht in dem Grade nahe lag, sodaß sie darüber einfach hinwegsahen.“ (Hervorh.v.m, B.S.)

Wie es überhaupt möglich war, dass Deutschland unter preußischer Führung sich zusammenfand, erklärt Lamprecht, mit wissendem Blick auf die liberale Phase des jungen preußischen Kronprinzen Wilhelm nach 1848/50:

„Das große Glück war, dass Preußen damals einen Herrscher besaß, der wußte, der wußte, worum es sich handelte. Das war König Wilhelm. König Wilhelm hat lange Jahre der gezwungenen Zurückgezogenheit in Coblenz verlebt, also in dem westlichen Gebiete. Und seine Gemahlin, Kaiserin Augusta, deren Einfluß wir erst erkennen werden, wenn ihre Memoiren bekannt geworden sind, die hatte in dieser Zeit einen großen Einfluß auf ihn.Und sie war ein Kind des Weimarischen Hofes, der in all den Fragen von Einheit und Freiheit stets den Fortschritt vertreten hatte. König Wilhelm übersah das, und er unterdrückte auch echt preußisch das Bedürfnis aus in der Form: Preußen müsse in Deutschland moralische Eroberungen machen. Sie sehen, die Form ist militärisch, die dem preußischen Denken am nächsten lieg[t]en, aber moralisch sind die Eroberungen, durch die Preußen und das Reich ineinander übergehen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Der Leipziger Historiker verlängert diese optimistische, zukunftsträchtige Linie preußischer

kulturpolitischer Entwicklung, über das gegenwärtige Deutsche Reich von 1915, weiter in die Zukunft. Dazu entwickelt er näher:

„Ob der Krieg günstig oder ungünstig ausfällt, es wird sich nicht ändern lassen, und wenn der Krieg ganz besonders günstig für uns abschließen sollte, wenn wir durch ihn in eine weitere Weltgeschichte tätig eintreten sollten, wenn sich unsere Arme verlängern sollten, und wenn wir eine wirkliche Weltmacht werden sollten, dann erst recht werden diese inneren Gegensätze verschwinden. Wir können damit rechnen, dass das Deutschtum immer mehr übers Preußentum herauswachsen wird. … .“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Dem bisherigen innen- und außenpolitischen Torso von 1914 blieben so Aufgaben. Doch neben der außenpolitischen Wirkung eines siegreichen Krieges steht Lamprecht die Erwartung, einer „Revolution der sozialen Schichten“, wie er kurz durchblitzen läßt. Auch wird keinesfalls die allgemeine Befürchtung einer „künftigen Reaktion“ geleugnet; ähnlich einem Friedensschluß à la 1815. Indessen bleiben tiefer gehende, innenpolitisch-prinzipielle Fragen des staatlichen Aufbaus, auf die der Kulturhistoriker hinweist, wenn er die notwendigen inneren Auseinandersetzungen erläutert, welche bereits vor den Weltkriege begonnen hätten. Er führt im Einzelnen aus:

„Ich denke, das sind Fragen, die in das Gebiet der Förderung von Einheit und Freiheit hineingehören, da ein Staat von innerer Größe und Kraft aus eigener Wahrheit nur erwachsen kann, wenn die Menschen vorher dazu erzogen sind. Immer sind politische und pädagogische Fragen stark verquickt gewesen. Ich glaube nicht, daß in der nächsten Zeit die Fragen jemals gelöst werden können, wenn nicht vorher Prinzipienfragen weitmöglichst gefördert sind.“

Und Lamprecht erinnert an ein Ereignis an der Berliner Universität aus dem Jahre 1913. Im Zuge der Kampagne, angeschlossen an Erinnerungsveranstaltungen zu „1813“, erlebte er das vorherrschende nationale Pathos dieser Wochen. Das ging soweit, dass selbst der anwesende Kaiser eingriff und eine flammende Rede hielt. Dem Historikern bleibt bis 1915 unvergessen, wie es den Kaiser emporriss.

„Mit einem plötzlichen Impuls eilte er auf das Katheder und sprach. Es kommt nicht darauf an, was er gesagt hat. Die Worte waren beinahe gleichgültig. Aber unter dem Gefühl hat wohl jeder gestanden, der diesem Aktus beigewohnt hat. Das Alte war hier verwirklicht. … . Und nachdem er gesprochen hatte, mit kurzer Vermahnung an die Studenten; an 1813 anknüpfend, an die Kombinationspflicht, Recht, Freiheit und Selbstzucht, ging er vom Katheder herunter. … .Nachdem sich die Kaiserin einen Augenblick verlegen umgesehen hatte; marschierten die beiden ab. Ich habe eine solche Einheit des inneren Gefühls, eines solchen Ernst, oder, richtiger gesagt, solche in der Luft liegende Mahnung zur Tatkraft noch nie wieder erlebt. Das ist die Kultur Preußens.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Lamprecht 1915: Es geht um Belgien.

In einem Vortrag, gehalten am 4. März 1915 zu Dresden, unterstreicht Lamprecht die besondere Verbindung zwischen Deutschland und Belgien („Über Belgien“) leitet aus den Lied „Deutschland Deutschland über Alles“, des Hugo von Hoffmannstahl, und der Tradition des Löwen von Brabant, nach den Erfolgen des Jahres 1870 zwei Aufgaben für die deutsche Zukunft her. Er sagt:

„Sie werden erstaunt sein, in dem Schlossers von den Erfolgen des Jahres 78 aus als Ziel der künftigen deutschen Bewegung zweierlei entschieden betont zu finden: einerseits: beherrscht die See! Die Deutschen sind berufen, so sehr zu herrschen – und an zweiter Stelle: macht die Völker frei! Macht sie frei von den Banden, die langsam, aber mit Sicherheit schon in dieser Zeit England um das europäische Festland schlug.“

Gemeint ist die Lage um 1840, gesehen wird der gegenwärtige Gegner: England. Der Leipziger Historiker berührt gleichzeitig die Notwendigkeit eines großen Staatsmannes im jetzt. Gemeint ist wohl hier von ihm Bethmann Hollweg. Dessen Notwendigkeit wird begründet mit dem Hinweis auf England, das „seine volle staatsmännische Kraft” in der Belgienfrage einsetzen werde – dem Zentralproblem dieses Krieges. Für Lamprecht geht es deshalb darum, den „deutschen Bruderstamm“ wiederzugewinnen. Den ihm interessant erscheinenden Volksteil bilden dabei die Flamen. Er sucht dessen verstreute Spuren in der damaligen Gegenwart auf und bemüht sich, Diesen zum erstrebenswerten künftigen Partner des Deutschen Reiches zu entwickeln. Entscheidend, „daß diese Seegrenze meistens rein flämisch“ sei. Damit berührt sich der Kulturhistoriker mit dem Strategen Helmut von Moltke, der im Januar/Februar 1913 die Präsenz eines siegreichen Deutschland am „englischen“ Kanal für notwendig hielt, wenn das Inselreich seiner Weltmachtposition verlustig gehen solle.

Alles was Kraft, Durchbildung und Ordnung im belgischen Raum ausmache, sei flämisch.

Dieser Einfluss reiche bis in die „Cinq départements“ des französischen Nordens, die hinsichtlich Baukunst und „den Resten der früheren Kultur flämische Eindrücke“ vermittelten. Zufällig reiche die Grenze zum französischen Kernland bis nahezu exakt an die deutsche Frontlinie: „ungefähr von Valenciennes an, dann hinüber bis nach Arras“. Amiens gehöre nicht mehr dazu. Ja selbst die landsmannschaftliche Verwandtschaft zwischen dem Typus des Ackerbauern „zwischen Wittenberg und Jüterbog oder in der Altmark“, mit dem Flamen an der Nordseeküste, mag für den Historiker Lamprecht, eine deutsch-belgische staatliche Verbindung vorzeichnen. Sollte das der Weg Bethmann Hollwegs gewesen sein?

Keinesfalls jedoch weist der Leipziger Historiker die Theorie von einer belgischen Neutralität rundweg zurück. Unter Hinweis auf wiederholte Diskussionen mit seinem Freunde Henri Pirenne, „dem hervorragendsten belgischen Historiker“, verweist er darauf, dass es sogar zwischen flämischem und französischem Einfluss keine tatsächliche Grenze gebe. Was den deutschen Anspruch auf die nordfranzösischen Departements sogar unterstützte. Lamprecht beschreibt eindringlich:

„Wenn man aber nach Paris weiterfährt, so gewinnt man bei Überschreitung der französisch-flämischen Grenze nicht den Eindruck, als ob das südliche Belgien von Frankreich getrennt wäre; es sieht so aus, als hänge alles einfach und fortlaufend zusammen.“

Andererseits, wenn man „von Paris nach Brüssel fährt, da hat man wieder den Eindruck, wenn man über die belgische Grenze kommt: Es ist etwas ander[e]s, es ist nicht so, daß sich die Erscheinungen einfach fortsetzen, – und nicht bloß die Gegend ändert sich, … , auch die Menschen sind anders. Die Leute, die im Hennegau wohnen, um Mons herum, … , auch die sind anderer Art als die Franzosen.“ Einfacher gestaltet sich das Problem Belgien aber nicht, wenn der Kulturhistoriker die Positionen der benachbarten Mächte analysiert. Zunächst England:

„Die stellen sich gar nicht. Sie sehen in Belgien ganz einfach den Brückenkopf ihres Einflusses auf das festländische Europa, und alles andere ist ihnen gleichgültig“. (Hervorh.v.m., B.S.)

Dann die Franzosen. Hier kommt es zum Referat des französischen Kriegsziels:

„Man will die Flamen beseitigen, man will sie loswerden. Belgien soll französisches Land werden.

Das ist klar.“

Aber, und das erklärt der deutsche Beobachter aus eigenem Erleben heraus. Der flämische Charakter sei anders. Lamprecht erläutert:

„Das ist flämischer Stammcharakter; also etwas Jähes, Starkes, in gewissem Sinne ein gewaltsames Draufgehen, klare, feste, bisweilen etwas scharfe Unterschiede, plötzliches Umschlagen der Gemütsstimmung … , ungeheure Fruchtbarkeit, Sicherheit und Lust zum Ungewöhnlichen, Vorwärtsdrängen auf allen irgendwie erschließbaren Wegen: das ist flämisch.“

 

Belgien zwischen Deutschland und England.

Aus den Wirren der Völkerwanderung heraus, über den Zusammenbruch des römischen Reiches, bis hin zu Karl dem Großen, zieht der Kulturhistoriker eine Linie, die „zwischen Rhein und Seine … ein großes, einheitliches Kulturgebiet, und zwar ein christliches“, erstehen lässt. Darauf mag sich 1914/15 ein deutsches Annexionsstreben gegründet haben. Doch es bildete sich, nach Lamprechts Auffassung „eine wallonisch-französische und eine germanische oder [eine] deutsch-flämische Grenze aus“. Der begehrte Blick auf die Küste Belgiens findet seinen Niederschlag. Der Kulturhistoriker betont nämlich erneut, und ist damit 1915 auch mit Tirpitz einig:

„Wenn sie auf den großen Dünen im Norden Belgiens spazieren gehen, so können Sie auf der einen Seite weit auf das Meer hinaussehen, auf der anderen Seite erblicken sie eine lachende Landschaft, und ihr ragen, gar nicht weit von der See entfernt, die Türme von Brügge auf. … Wenn man nunvon Kadzand nach Brügge kam, so näherte man sich dem Mittelpunkte des westeuropäischen Handels.“

Der Leipziger Wirtschaftshistoriker unterstreicht, strikt Kurs haltend, die besondere Bedeutung Belgiens in Geschichte und Gegenwart. Brügge sei also „der Sammelpunkt des westeuropäischen Handels“ gewesen. Die Industrieentwicklung habe am Ausgang des Mittelalters bis zum Yperner Tuchmarkt gereicht. Obwohl das „sogenannte Reichsflamen“ klarere Beziehungen zum Deutschen Reich unterhalten habe, „das südliche Flandern zu Frankreich“ tendierte, habe die Region gesucht, „zwischen den großen Staatskörpern Frankreichs und Deutschlands und endlich auch Englands“, ähnlich Venedig (Konkurrenz in „die klugen Kaufleute von Brügge, von Gent, von Ypern“) eine selbständige Stellung zu erkämpfen.

Im Verlauf des 15. Jahrhunderts entwickelte sich Flandern, in Konkurrenz zu Italien nördlich der Alpen, zu einem Kulturzentrum Europas. Nicht zuletzt die Kolonisation des slawischen Ostens wurde von den Bauern Flanderns mitgetragen. Gleichzeitig dehnte sich der französische staatliche Einfluss auf Flandern aus. Die Herren Flanderns waren künftig die Herzöge von Burgund. Hundert Jahre blieben die Burgunder und die flämische Kultur erreichte weitere Höhepunkte. Spanien und Österreich folgten künftig als die Herrn der südlichen Niederlande. Belgien rückte nach 1789 an den Rand der Ereignisse. Mit dem Zerfall der nordniederländischen Seeherrschaft war es um die französische oder die englische gegangen. Lamprecht formuliert übergreifend die Quintessenz dieser Jahre:

„Westeuropa ist also in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Gebiet fast ununterbrochener Kriege, bis schließlich mit dem Frieden von Paris (1815) das Übergewicht Englands entschieden ist.“

Dieses Faktum kam in der Tatsache zum Ausdruck, das Belgien mit dessen Gründung, 1830, neutral wurde. Aus der Sicht des Jahres 1915 wird dieser Vorgang als Ausdruck des englischen Bestrebens gedeutet, London habe „diese beiden Länder aus den Brückenkopf seines festländischen Einflusses benutzen“ wollen. Der Leipziger Historiker verkündet, quasi als Sprachrohr Bethmann Hollwegs, eine „großartige Besorgtheit Englands für die Neutralität Belgiens“. Trotz militärischer Zensur formuliert Lamprecht:

„Da haben wir also den politischen und militärischen Zusammenhang Belgiens mit England. Es konnte und kann England ganz gleichgültig sein, ob Belgien in seiner Kultur französischen Einflüssen unterlag oder nicht. Ja, da durch den Vormarsch der französischen Kultur die inneren Schwierigkeiten vermehrt wurden und Belgien um so mehr ‘schutzbedürftig’ ward, so konnte den Engländern das Vordringen der Franzosen nicht angenehm sein. Seit dem Jahre 1815 setzte also in Belgien in steigendem Maße eine französische Kulturpolitik ein. Dabei galten auch die Flamen für Franzosen. Man behauptete, sie seien Belgier und schon zu Caesars Zeit und dann in der Zeit des römischen Reiches in Gallien dazu bestimmt gewesen, aber Romanen zu werden.“

Es habe somit eine ständige deutsch-französische Konkurrenz um Belgien bestanden. Der Leipziger Historiker unterstreicht, die Franzosen hätten „ungeheuer viel getan, um uns (die Deutschen) zu besiegen“.

Es seien, und damit kommt Lamprecht auf seine Grundthese zurück, von deutscher Seite schwere Fehler gemacht worden. Er führt näher aus:

„Es liegt hier so, wie an vielen Stellen in der Welt: Wir glauben, in auswärtigen Dingen sei es mit bloßer M a c h t p o l i t i k getan. Das ist ein ganz grober Fehler, den ein Historiker mit drei Kreuzen ankreuzen muß. Es ist ein gänzliches Mißverstehen alles dessen, was geschichtlich bisher geschehen ist. Die Geschichte ist die Entwicklung der menschlichen Seele zu höheren Formen. Das hat überhaupt nichts mit Machtpolitik zu tun. Man gewinnt kein Volk durch Machtpolitik. Man gewinnt es auch nicht durch einseitige Wirtschaftspolitik. Ja, auf zehn Jahre vielleicht; dann merken die Leute wohl, wer in den wirtschaftlichen Beziehungen gewinnt und wer verliert. … Wir aber haben bisher in unserer äußeren Politik hierfür nicht das nötige Verständnis gehabt. … Unsere Politik war zu einseitig. Langsam erst dringt die Überzeugung durch, dass nur eine w e i t e Politik, die selbst ein offenes Herz hat, die Herzen öffnet.Nur die Politik führt uns vorwärts, welche die Dinge aus dem größten Maßstab nimmt. Nehmen Sie die Türken. Glauben Sie, daß wir die behalten werden, wenn wir ihnen nicht zeigen, daß wir ein Herz für sie haben?

Auf diesem Gebiet hat unsere Nation noch viel zu lernen und die dem Deutschen angeborenen wunderbaren Eigenschaften des Herzens wieder in ihrer ursprünglichen großen und einfachen Sicherheit zu entfalten. An mehr als einem Ort, wo Engländer und Deutsche in Wettbewerb getreten sind, hat sich herausgestellt, daß das beiden fremde Volk sich lieber zu unseren Feinden hielt, weil die geschickte und liebenswürdige äußere Form es dort mehr Herz vermuten ließ. Es ist auch nicht mit der sogenannten Ordnung und Zucht getan. Jawohl, Belgien braucht Ordnung und Zucht, das ist keine Frage. … .“ (Hervorh., v.m., B.S.)

Diese Kritik der bisherigen deutschen Außenpolitik, in Konkurrenz mit England, wendet der Kulturhistoriker auf Belgien an, von dessen gegenwärtigen Zustand er glaubt, „richtig“ unterrichtet zu sein. Doch die Bedingungen für eine deutsch-belgische Zusammenführung lagen schlecht. Lamprecht äußert sich dahin, „die wirklich führenden Schichten“ seien „einstweilen nicht zu haben“. Sie verleugneten „jede Freundschaft, die sie mit Deutschen gehabt haben“. „Also, da“ werde „man warten müssen“.

 

Die Zukunft eines „geschichtlichen Reichs“.

Der Historiker vertritt 1915 die These:

„wie auch die Dinge sich wenden werden, dieses Reich, das wir von 1871 bis heute gehabt haben,“

werden wir „vielleicht auf bis 1916 haben“. Er erwartete, dass „eine andere Form unserer politischen Existenz“ eintreten werde, „eine ganz andere Ausdehnung unserer staatlichen

Zusammensetzung, … kurz das Reich von 1871 im Begriff“ sei „ein geschichtliches Reich zu werden“. (Hervorh.v.m., B.S.) ) Der Leipziger Historiker konstatiert „einen unvergleichlichen wirtschaftlichen Aufschwung“ Deutschland nach 1871. Doch sei Deutschland auch in „einer Zeit des Idealismus“ angekommen,

„in der man nicht mehr zufrieden ist mit den bloßen wirtschaftlichen Errungenschaften, sondern in der die Seele weit darüber hinweg nach anderen Landen schaut“.

Doch sei die Frage nach der diplomatischen und militärischen Stellung Deutschlands, in Europa und in der Welt ,mit einer „ständigen Kritik unserer Diplomatie“ beantwortet worden. Diese Entwicklung beschreibt Lamprecht, der immer wieder auf Bismarck zurückgreift:

„Als Bismarck zurücktrat, sagte mir ein politisch besonders erfahrener Freund, ein älterer Mann: das ist so gut, als wenn wir drei Armeekorps verlören. Er hatte recht. Das Deutsche Reich ist in der Form, in der es besteht, unter den Umständen, in denen es sich in dem Europa fortpflanzen muß, ein zu schwacher Staat. Sie können ja daraus sehen, dass es den jetzigen Krieg nur im Zusammenhang mit einem Bundesgenossen führen kann. Es ist nicht so, dass wir die Welt beherrscht hätten, sondern es hat sich herausgestellt in dieser Zeit, dass mit diesem Reich die Welt nicht zu beherrschen ist, ja dass nicht einmal die volle würdige Stellung der Nation unter den anderen Nationen in diesem Reich allein aufrecht zu erhalten ist. Das sind die einfachen, nackten, unleugbaren Tatsachen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Der Kulturhistoriker zeichnet die bündnispolitische Abhängigkeit des Kaiserreichs und unterstreicht dessen Konditionierung durch Bismarck:

„Er hat von vornherein eine Bündnispolitik getrieben mit ganz bestimmten Zwecken, und er hat auf diesem Gebiet genial sehr früh, 1866 und noch früher, die Grundlagen gelegt, die Grundlagen jener Verbindung mit Österreich, die so lange vorbehalten und schliesslich sich so glänzend bewährt hat.“

Die schliesslich kurz vor dem Weltkrieg neu belebte Stoßrichtung deutscher Expansion in den Südosten Europas, in Richtung Kleinasien und Mesopotamien, ist nach Lamprecht bereits bei Bismarck angelegt. Bismarck sei Derjenige gewesen,

„der für Österreich eine Zukunft voraussah, in der der Schwerpunkt des Reichs mehr nach Osten hin verlegt werden sollte. Er hat also jene Beziehungen geahnt, die zuerst von Nationalökonomen, von Gelehrten schon der vierziger Jahre angedeutet worden waren, die heute hinüberführen bis nach Kleinasien, und die uns erhoffen lassen, dass die verbindende Brücke zwischen diesen grossen Einflüssen, die wir dort geweckt haben, und unserer zentraleuropäischen Stellung hergestellt werden wird.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Kritik des friedlichen alten Reichs.

Der Blick auf das „heilige römische Reich deutscher Nation“, von dem die Deutschen allgemein „nicht sehr viel Gutes in Erinnerung“ hätten, so der Wissenschaftler, offenbare „den Strümpfe strickenden Posten der Reichsarmee des 18. Jahrhunderts“. Doch habe „dieses Reich“ die „ganz unglaublich lange Dauer von beinahe 800 Jahren erreicht“. Lamprecht spricht von der „grosse[n] Kaiserzeit … des 10. bis 13. Jahrhunderts“, dem „unerhörten Glanz“ der „sächsischen und … fränkischen Kaiser“; der Stauffer. „Von Sizilien und Unteritalien aus“ sei Deutschland diese Probleme heute „im Orient zu lösen wieder begriffen“.

Zunächst sei dieser Zusammenschluss, im 10. Jahrhundert unter Heinrich I., „nicht gerade sehr fest“ gewesen. Während Heinrich eher „ein stiller, ruhiger Diplomat, ein echter Mensch der Kompromisse“ gewesen sei, trat sei Otto I. riskanter aufgetreten. Das „Reich griff über die Alpen nach Italien“. Ein zentraleuropäisches staatliches Gebilde sei erreicht gewesen. Aus der Abwehr der Magyaren habe der deutsche Raum „Landschaften“ gewonnen, wie die Ostmark Österreich, die zu einer „Grösse der Produktion“ anwuchsen, die sie noch 1915 auszeichne. Im 11. Jahrhundert griff das Reich über Burgund in die Provence. Dessen Machteinfluss reichte nun bis an die Rhonemündung. Diese Gegend hieß noch vor einigen 50 Jahren „côte d’empire“. Als Frankreich gelang, hier „gegen Ende des 15. Jahrhunderts“ nach Italien durchzubrechen, sei es – so Lamprecht – „um die Ruhe Zentraleuropas geschehen“ gewesen. Die Definition dieses Machtfaktors in der europäischen Mitte fasst der Kulturhistoriker hierauf:

„Das alte Reich bestand also nicht bloss aus der deutschen Nation, sondern es war eine Kombination von Kräften in Mitteleuropa, die so geartet waren, dass sie von niemand recht angegriffen werden konnten, denn sie waren in ihrer schönen guten Zeit noch das ganze Mittelalter hindurch einfach viel zu stark. Das Reich hatte infolgedessen auch eigentlich bis dahin niemals einen Krieg geführt. Andererseits war aber dieses Reich in seinem ganzen Bestande wieder so kompliziert konstruiert, dass es nicht eigentlich Angriffskriege führen konnte. Es war also ein friedsames Reich. Freilich ist es im Laufe der 8 Jahrhunderte dann an seinem Frieden sehr langsam zugrunde gegangen. Es hätte im Beginn der Neuzeit stärker durchorganisiert werden müssen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Es hatte die Neuzeit gleichsam verschlafen. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hielt nämlich „seine Finanzen nicht zusammen… “. Der Leipziger Historiker kommt hier zu einem Punkt von übergreifender Bedeutung. Er schreibt den Deutschen des Mittelalters, und darüber weit hinaus, ins Stammbuch:

„Das ist der kritische Punkt in beinahe allen deutschen Staatsbildungen. Sehen Sie sich die Geschichte unserer Nation durch und fragen Sie sich jetzt einmal, ob Sie einen grossen Finanzmann unter den Helden der deutschen Geschichte wissen. … Wir haben bis jetzt niemals einen grossen Finanzier gehabt. … Das ist einer der Punkte, an denen wir immer so leicht gescheitert sind. Dass ein Reich auch Geld kostet, ist aber ein Grundsatz, der doch eigentlich jedermanns Verständnis zugänig sein sollte.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Die „zentraleuropäische Föderation“.

Das 11. und 12. Jahrhundert war bestimmt durch die Ostkolonisation. So sind „2/5 des heutigen deutschen Bodens … erst vor 5 Jahrhunderten gewonnen worden“. Auch im Schatten des Heiligen Römischen Reiches breitete sich die deutsche Hanse aus. Lamprecht sieht diese Entwicklung als:

„ein allgemeiner grosser internationaler Handelsweg, der von Nowgorod aus über die Seen hinweg lief, über die Ostsee und Nordsee bis nach Bergen hin, nach London und in alle die viel berühmten Orte Flanderns bis nach Brügge, Ypern, Gent usw. Damit wurde die Grundlage für die Entwickelung der Hansa gelegt, für jene merkwürdige Form staatlicher Existenz, in der die Heere der grossen deutschen Städte diese Welt des Nordens und der internationalen Handelsbeziehungen beherrschten“.

Wie Dänemark, so auch Schweden; die nordische Staaten standen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts im Banne des kulturellen deutschen Einflusses. „Deutsches Kunsthandwerk“, „deutsche Technik“ in Schweden.

„In Bergen, der Haupthandelsstadt von Norwegen, gibt es heute noch einen Stadtteil, Tydskebrykken, deutsche Brücke, der früher der Hauptbestandteil des Handels war.“

Weiter im Westen waren, seit dem 17.,18. Jahrhundert, die niederländische Stämme dem deutschen Einfluss verloren gegangen, wie das der Kulturhistoriker 1915 nennt. Jetzt, so Lamprecht, seien die Flamen „angelomanisiert“. Es sei im neuen Reich von 1871 aber nicht gelungen,

„die starken geistigen Sympathien, die das alte Reich … unter den Völkern geschaffen hatte, aufrecht zu erhalten, sondern es ist, … , eine entgegengesetzte Strömung aufgetreten, die … heute

viel kostet, und die zu besiegen sehr schwer sein wird.“

Die Härte, gerade des „geistigen Krieg[es]“, ist Lamprecht dabei durchaus bewusst. Und das Ende – offen. Der Plan, und das war schließlich und endlich jener des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg, wird hier deutlich. Der Leipziger Historiker führt dazu, an das September-Programm des Reichskanzlers anspielend, aus:

„Dass in einer neuen Staatsbildung, die wir vielleicht zu erwarten haben, eine Kombination gefördert werden möge, die in einer erweiterten Kraft eines Gesamtstaates[n], eines konföderierten Staates, die Möglichkeit gebe, uns fern von allen Angriffen zu stellen. Wir müssen so mächtig werden, dass niemand uns angreifen kann. Wir müssen so reich in unserer inneren Organisation werden, dass es uns schwer ist einen Angriffskrieg zu führen. Dies ist die Position, die aus unserer ganzen zentraleuropäischen Stellung hervorgeht. Wer mit Deutschland das Vergnügen hat, durch den Lauf der Zeiten unter gleichzeitiger Anwesenheit von 7 so liebenswürdigen Nachbarn zu wandern, wie wir sie haben, der muss sich eben auf diese Position stellen, wird kaum anders auskommen können.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Lamprecht bewegt sich damit ganz im Fahrwasser des September-Programms von 1914. Er pocht darauf, es sei jetzt an der Zeit, dass „die volle Wirklichkeit klar vor die Blicke Deutscher, die überlegen, gestellt werden“ müsse. Zu einem deutschen Weltreiche brauche es allerdings „Jahrhunderte“ oder zumindest „Menschenalter“. Er setzte darin sein Vertrauen auf die Weiterentwicklung von „Einheit“ und „staatsbürgerlicher[n] Freiheit“ in Deutschland. Weit sei der Weg von 1764 bis 1914 gewesen, seitdem sich „langsam das Wesen eines deutschen Nationalstolzes und Nationalbewusstseins“ herausgebildet habe. Der Leipziger Historiker greift sehr viel weiter, nämlich über die französische Revolution zurück, eine Markierung, die das deutsche Kaisertum, und dessen Staatlichkeit, selbstverständlich weniger bereitwillig betrachteten. Lamprecht entwickelt:

„Und seit dieser Zeit – nicht erst etwa seit 1815 oder seit dem Wirken des Freiherrn vom Stein, sondern schon eine Generation vorher – beginnt das staatliche Interesse, entwickelt sich eine öffentliche Meinung, und diese öffentliche Meinung macht sich geltend bei den damaligen sogen[lannten]. absoluten Regierungen, und zwar so stark, dass sie eigentlich viel stärker gewirkt hat, wie irgendein Parlament heute. Von Maria T[h]eresia, die bekanntlich wirklich eine sehr große Herrscherin war, ist bekannt, dass sie, wenn im Staatsrat schwierige Fragen unter ihrem Präsidium in dieser oder jener Form gelöst wurden, sehr häufig bedenklich war und ihre Bedenken mit den Worten aussprach: Ja, was wird nun aber Schlözer dazu sagen? Schlözer war Professor in Göttingen und gab in seinem Staatsanzeiger die hervorragendste politische Zeitschrift damals heraus. Sie wollte also sagen:Was wird der Chef der öffentlichen Meinung dazu sagen? Es ist doch sehr interessant, in den späteren Korrespondenzen und sonstigen Äusserungen Friedrich des Grossen zu sehen, wie sehr er auf diese werdende[n] öffentliche Meinung Rücksicht nahm. Sie wissen, dass er von diesem Standpunkt aus die Zeitungen prinzipiell zuliess, ja gut behandelte wissen wollte prinzipiell na notabene. In Wirklichkeit stand die Sache etwas anders. Er hat, soviel ich weiss, niemals einen Journalisten eingesteckt, aber durchprügeln liess er mehrere. So bildete sich also in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine öffentliche Meinung.“

Der Einfluss einer öffentlichen Meinung auf politische Entscheidung leitet hier der Vertraute des Reichskanzlers aus dem 18. Jahrhundert her. Angewandt findet sich dieses Element   während der jüngsten Vergangenheit in der geschichtswissenschaftlichen Forschung auch auf die Entscheidungsfindung Bethmann Hollwegs im Jahre 1914. Um so interessanter erscheint, wie der Leipziger Historiker fortfährt:

„Gleichzeitig nahm der nationale Gedanke immer mehr zu, und wir sehen nun, wie diese Dinge vorwärts schreiten, wie sie schon um 1800 gewisse Höhe haben, und wie aus ihnen heraus der Widerstand Österreichs und späterhin Preussens gegen die Fremdherrschaft erwächst und wie jetzt der Gedanke der Freiheit einen doppelten Inhalt bekommt, einer äusseren Freiheit vom fremden Eroberer und zu gleicher Zeit einer inneren Freiheit, eines künftigen Staates der Ordnung und der direkteren Fortentwickelung der eigenen Kultur.“(Hervorh.v.m., B.S.)

Von hier aus erkennt Lamprecht die besondere Dynamik der Deutschen Entwicklung hin zu „Einheit“ und „Freiheit“ und „zur Entwickelung eines Staates, in dem der einzelne mit tätig ist als Staatsbürger“. Das ist Überzeugung auch Bethmann Hollwegs und dessen Ziel hinsichtlich Entwicklungsrichtung und künftiger Struktur der deutschen Staatlichkeit. Die Revolution von 1848, zumindest 1915 eine nicht ganz unproblematische Wegmarke deutscher Geschichte, da es um eine „Revolution“ ging, wird als „professorale Revolution“ gewertet. Gleichwohl schreibt der Kulturhistoriker, es sei „wesentlich mit dem Wort gekämpft worden, und es“ habe sich herausgestellt, „dass tatsächlich die bloße öffentliche Meinung, richtig kundgegeben, imstande sei, bei uns ein neues Staatsideal zu schaffen.“ Doch das Frankfurter Parlament habe in Wirklichkeit, trotz dessen offenkundiger Auflösung, gesiegt. In der Reichsverfassung von 1871 lebe fort, über jene des Norddeutschen Bundes hinweg, „der Gedanke der Männer, die in den 40er Jahren vielfach ihre Freiheit und ihr Leben für die Einheit Deutschlands opferten“.

Entscheidende Rolle im Einigungsprozess erhielt so „das militärisch-diplomatische Vorgehen Preußens“. Doch das Reich Bismarcks sei nicht identisch mit dem deutschen Vaterlande, so der Leipziger Historiker. Österreich sei nicht mit eingeschlossen. Allerdings, so betont Lamprecht, habe die Nation „eine verhältnismäßige Einheit“ erreicht, „aber keineswegs die volle; und diese verhältnismäßige Einigung“ habe „sich eben als nicht genügend, um die Nation zu stützen“ erwiesen. Österreich habe mit in Aktion treten müssen. Das seien „die nackten Wahrheiten, die sich im Laufe der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gezeigt“ hätten.

Nun 1914/15 sei „es in Deutschland zu einer so allgemeinen klaren und unzweideutigen nationalen Kundgebung edelster Höhe gekommen“. Von hierher leitet der Kulturhistoriker seinen Ansatz, darüber nachzudenken, wie sich die künftige Gestaltung des Deutschen Reiches ausnehmen könne. Jetzt im Angesicht allgemeiner Übereinstimmung sei die Gelegenheit, die „grosse[n] Fragen … in einfacher, rein sachlicher Behandlung“ zu fördern. Der Leipziger Historiker schliesst:

„Darin liegt, wie ich mir die Dinge denke, die stärkste und klarste Klammer für unsere Zukunft. Die grossen Bewegungen auf nationale Einheit und auf nationale Freiheit im Sinne eines gesetzlich durchgeführten Staatsbürgertums, diese so in sich verflochtenen und immer durcheinander greifenden Zusammenhänge, sind im Laufe der letzten anderthalb Jahrhunderte in dem Grade gefördert worden und im Staate so an Qualität und Quantität ihrer Wirkung gewachsen, dass sie heute die eigentlich entscheidenden Kräfte in der Gesamtleistung unserer Nation bilden.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Gleichzeitig will Lamprecht die fürstliche Struktur des Bundesstaates aufrecht erhalten wissen. Weil diese den „gleichmässigen Gang“ der gesellschaftlichen Entwicklung garantiere. Gleichwohl, und das wird ebenso deutlich, ist man sich an der Staatsspitze einig, wohin die äußere Gestaltung des Deutschen Reiches zielen solle. Dieses Bild trete immer mehr aus dem Nebel hervor, so der Historiker. Er sagt sogar:

„es ist jetzt nicht mehr so, dass man nicht wüsste, worum es sich ungefähr handelt“.

Es sei dies das „Bild … einer zentraleuropäischen Föderation“, das man „wohl mit einem Wort bezeichnen könnte als eine zeitgemässe Form des Wiederauflebens des alten römischen Reiches deutscher Nation“.43(Hervorh.v.m., B.S.)

 

Standards politischen Denkens.

Immer wieder kommt der Historiker auf dem Begriff der „auswärtigen Kulturpolitik“ zurück,

der ihn – bereits vor dem Krieg – in der Diskussion mit Theobald von Bethmann Hollweg, wiederholt beschäftigt hatte. Dieser sei, so formuliert der Historiker,

„einer[s] der vielen Symptome, in denen sich innerhalb unseres Volkes eine tiefe Wandlung und glückliche Fortbildung des Nationalbewusstseins angekündigt.“

Vielmehr, und das geschieht deutlicher vor dem Hintergrund der Entwicklungen seit 1914, fassen sich die besonderen Bedingungen unter denen künftig deutsche Politik getrieben werden soll. Der Kulturhistoriker greift die Stimmung der Zeit, indem er ausführt:

„Die alten kosmopolitischen Auffassungen, die bei uns, man mag sagen was man will, neben dem dem nach Einheit drängenden Nationalbewusstsein mehr unvermittelt nebenher liefen, sind heute abgestreift. An die Stelle dieser ist zu treten ein auf einer verschärften Kenntnis der internationalen Weltpolitik aufbauendes und sich der Weltpolitik einordnendes Bewusstsein von den eigentümlichen Gaben und den besonderen Kräften der germanischen Welt. ..“.

Lamprecht spricht von einem Erkenntnisprozess, der sich in dem Jahrzehnt vor dem Kriege vollzogen habe. Das Bewusstsein, dass internationale Politik vor allem aus der Konkurrenz zwischen den Staatswirtschaften bestehe, habe „eine äussere Politik der wirtschaftlichen Machtentfaltung“ hervorgebracht. Maßstab für dies alles sei der Kapitalismus. Daraus folge, dass die „äussere Kulturpolitik“ im wesentlichen „Wirtschaftspolitik“ gewesen sei. Eingeschlossen darin sei damit jedoch, „alle Kurzsichtigkeit bloss wirtschaftlicher Betrachtung“. Die Konfrontation der internationalen Mächte, „welche moderne Expansionspolitik betrieben haben und treiben“, habe ergeben,

„daß sich mit der Installation bloßer Machtmittel[,] womöglich noch im Wettbewerb der einzelnen Völker untereinander, dauernde Errungenschaft nicht sich erreichen lassen“.

Scharfe Kritik übt Lamprecht an der exzessiven, machtpolitischen Praxis auch Deutschlands. Der Kulturhistoriker betont:

„Gewiß werden mit derselben Schnelligkeit der Vorgänge, welche jede mechanistische Periode auszeichnet, eine Reihe von wirtschaftlichen Erfolgen eingeheimst. In Deutschland ist der im letzten Jahrzehnt gewaltig gestiegene Reichtum der Nation dafür das beste Zeugnis. Aber es handelt sich um Raubbau. Die Erträgnisse lassen rasch nach und in kurzer Frist ist abgewirtschaftet.“

Der Leipziger Historiker geht aber weiter. Gefordert wird in bewusster Anlehnung an die Position des Reichskanzlers:

„Eine auswärtige Kultur-Politik welche von dauerndem Erfolge begleitet werden will, darf den fremden Völkern, die Objekte ihrer Tätigkeit sind, nicht bloß mit den eigenen Bedürfnissen kommen, seien sie auch noch so geschickt über das Wirtschaftliche hinaus durch die Ueberbringung geistiger Kulturgaben maskiert. Beneficia non obtruduntur. Dies alte Römerwort umschließt eine bittere Erfahrung, die nicht bloß Einzelpersonen, sondern auch Völkern gegenüber gilt. Es genügt auch nicht, wenn man der Aufdrängung der eigenen Kultur nach den vom Reichskanzler zitierten Worten Rostands das Rezept zufügt: ‘C’est au moment qu’on veut redoubler de force, qu’il faut redoubler de grâce.’ Man muß weitergehen. Nur dann werden feste und wahrscheinlich wahrhaft glückliche Beziehungen hergestellt werden können, wo den Völkern, an die man sich wendet, die Ueberzeugung beigebracht werden kann, daß man ihre Interessen zu wahren entschlossen ist und für sie ein Herz hat.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Als Lösung bietet Lamprecht die Wissenschaft an. Eigentlich bietet er nichts Neues an, nur etwas Anderes. Nämlich ein Rezept, welches die machtpolitischen Bestrebungen, die der

deutschen Außenpolitik zugrunde liegen, mittels wissenschaftlich höherer Werte verschleiern soll. Er schreibt, es werde

„dadurch die Fortentwicklung der kulturpolitischen Bestrebungen“ geadelt „und hoffentlich auf eine Höhe“ erhoben, die den Völkern, an die sich diese Kultur wendet, die Ueberzeugung gewähren wird, nicht bloß um deutscher Machtinteressen wegen, sondern zugleich aus den strengen Anforderungen einer universalistischen Betrachtung der Welt und aus reiner Menschlichkeit“

angesprochen zu sein. (Hervorh.v.m., B.S.) Dass es sich allein um eine Variation des alten Themas und der alten Methodik handelt, also um ein lediglich verfeinertes Vorgehen, wird bestätigt, wenn der Leipziger Historiker bekennt:

„Es handelt sich darum, den neuen idealistischen Motiven, die unsere Kultur zu durchdringen anfangen, auch auf dem Gebiete des praktischen Handelns höchster Art, Eingang zu verschaffen und zwar aus der durch eine Geschichte beglaubigten Erfahrung heraus, daß nur auf diese Weise auch das praktische wirtschaftliche Handeln [sic] auf die Dauer in seinen Erfolgen gesichert werden kann.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Lamprecht will die Ideale der „deutschen natnalen Einigung“ und des „wirtschaftlich-machtpolitischen Handelns“ im Sinne einer Weiterentwicklung des deutschen Nationalbewusstseins und der deutschen „nationalen Zukunft“ verbinden.

 

Krieg: Konfrontation mit den Realitäten.

Aus dem Lande leben.

Die Erfahrung mit den besetzten Gebieten in Belgien und Nordfrankreich fördert zunehmend Lamprechts kritischen Blick auch auf die sozialen Realitäten, zum Beispiel in den belgischen Industriegebieten. Er entwickelt:

„Indem wir das Tal der Vesdre hinunterfuhren bis in die Gegend von Lüttich, würde wohl schwerlich einem der Mitfahrenden der Gedanke gekommen sein, dass er sich in einem kriegsverfolgten Lande bewege, wenn nicht gelegentlich einmal eine kleine, aber aufgeräumte Hausruine an die Bestrafung einer störrigen Bevölkerung erinnert hätte. Im übrigen aber war der neue Zustand der Dinge eigentlich nur an der Bahnbewachung kenntlich: denn da hielten sie nun treue Wacht, im Abstand von etwa 2 bis 300 Meter, die die Landsturmmänner aus Westfalen und anderen Plätzen deutschen Gebietes, die grosse schöne deutsche Bauernpfeife im Munde und das Gewehr im Riemen über der Schulter und – langweilen sich.“

Landsturmmänner lassen arme Bevölkerung an ihrer militärischen Verpflegung teilhaben. Ein Anflug von Idylle kommt auf. Wird jedoch zerstört durch die Eindrücke der industriell geprägten Landschaft um Lüttich. Der Kulturhistoriker geißelt scharf:

„Nun aber kommen wir in dem Maastal wie in den grossindustriellen Gegenden Belgiens überhaupt in eine Landschaft, in der ein gemeiner, rücksichtsloser und jeder höheren Empfindung barer Kapitalismus zerstört hat, was diese Landschaften einst an Grossem und Schönem boten. Ein wüstes Durcheinander ekelhafter, halbverbrauchter Fabrikgebäude und maschineller Einrichtungen wechselnd mit Halden für deren Anlage jede, aber auch jede Rücksichtnahme auf irgend etwas, das Schönheit heissen könnte, gefehlt hat, sind die Bestandteile dieser Landschaft. Man weiss, dass Meunier versucht hat, selbst dieser Landschaft freundliche Seiten abzugewinnen, man weiss aber auch wie wenig es ihm gelungen ist, und wie nur für die Bevölkerung dieser Gegenden in ihrer ausgemergelten Existenz und in ihrer Heranziehung des weiblichen Geschlechts für eine Fülle von Arbeiten, die sonst als Privilegium männlicher Stärke gelten, auf dem Wege einer lebhaften, weitgehenden Idealisierung ein plastischer Typ gewonnen worden ist, der eine Zeit lang, während der Jahre unseres Naturalismus angestaunt, jetzt als das Denkmal einer merkwürdigen Auffassung von dem, was Kunst sein könne, immerhin unsere Museen noch schmückt.“

Anders, als uns die Geschichtsschreibung heute entwickelt, zeichnet Lamprecht das Bild der besetzten belgischen Gebiete hinter der Front. Er rückt zurecht:

„Man darf aber nicht denken, dass das Bild, das sich heute an diese nicht übermässig zahlreichen Ruinen knüpft, traurig wäre; es ist auf gut deutsch überall aufgeräumt worden, man sieht keinerlei Schutt herumliegen, wederwährend innerhalb noch und ausserhalb der Ruinen, alles ist abgetragen, weggeführt, untergebracht, und nur noch die Mauern selbst als künftige Träger eines neuen Glücks stehen an Ort und Stelle. – Daneben aber, wenn man eingehend aufpasst, sieht man noch eine ganz andere deutsche Tätigkeit. Die vielen Verkehrswege, welche die Belgier und Franzosen gesprengt oder sonstwie beeinträchtigt haben, sind alle wieder in Ordnung gebracht. Es gibt keine Brücke mehr, die nicht wieder passierbar gemacht worden wäre und an nicht wenigen Stellen sind im Maastal wie anderwärts die alten Brücken abgerissen und durch neue, praktischere, in ein höheres und tieferes Niveau gelegte, ersetzt worden. Dabei ist keineswegs provisorisch gebaut worden, sondern alles was steht, ist solide und für die Jahrhunderte berechnet; eine Tatsache, die natürlich den Belgiern Anlass zu allerlei Prophezeiungen über die Zukunft ihres Landes gegeben hat.“

Warum unterzieht sich der Leipziger Historiker dieser Anstrengung? Denn diese war nicht zu unterschätzen, musste doch die Landschaft mit dem noch archaischen Automobil, der Eisenbahn, zu Fuß, wie auf Karre und Wagen, durchmessen werden. Lamprecht reflektiert diesen Zusammenhang und formuliert:

„So war ich denn mit einem verhältnismäßigen vagen, freilich auch umfangreichen Programm hinausgezogen in diese wunderbare Welt.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Mochte das bedeuten, dass dieses „Programm“ zugleich auch „Auftrag“ war. Auftrag des Reichskanzlers, der nach einer Forum suchte, in die das künftige Europa zu gießen sei. Hier am Beispiel des neu besetzten belgischen und nordfranzösischen Territoriums. Das, um was es ging, beschreibt der Kulturhistoriker eindeutig. Er entwickelt, „das ganze Land der deutschen Operationen“ zerfalle

„einmal in das Operationsgebiet, dem dichtesten, sehr verschieden breiten Saum gegenüber dem Feind, den man in den Gegenden, die ich kennen gelernt habe, durchschnittlich auf etwa 10 – 12 Kilometer anrechnen konnte; dann weiterhin in das Etappengebiet, dem nächsten konzentrisch gelagerten Raum, der hauptsächlich auch noch Nordfrankreich angehörte, endlich aber dem Kaiserlichen General-Gourvernement Belgien, das den grössten Teil des Königreichs, daneben auch wichtige Striche Frankreichs, z[um]. B[eispiel]. Maubeuge, umfasste“.

Lamprecht formt seine Anschauung der Verwaltung des besetzten Gebietes hinter der Front unter dem Bild eines Rittergutes, das, geführt und verwaltet durch die Armee- Oberkommandos, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft verwalte. Er führt zu den diese Struktur initiierenden Strukturen im einzelnen aus:

„Natürlich kommen die regelmäßigen Staatseinnahmen ein an direkten und indirekten Steuern. Dazu kommt aber schon ein weiteres und größeres. Die Bestände an Wald und sonstigem Grund und Boden werden natürlich in dem Bereich der Kriegs bezogen und nutzbar gemacht.“

Der Leipziger Historiker betont in allem die erfreuliche, zeitgemäße, und zweckdienliche Organisation der deutschen Heeresverwaltung. Das Ausmass der kriegswirtschaftlich durchdachten Strukturen erläutert er im Folgenden:

„Jetzt ist offenbar nicht die einfache Verwaltung, sondern schon eine gewisse Ausnutzung der fiskalischen Renten vorgesehen. Es kommen aber Fälle hinzu, in denen dies noch viel evidenter hervortritt, so in Sachen der Zuckerrüben. Viele Besitzer haben im Herbst ihr Land im Stich gelassen, die Zuckerrüben sind stehen geblieben und werden erst jetzt, wie dies schon im Laufe des Winters geschah, durch von Deutschen angestellte Kräfte entfernt und nunmehr zu Zuckerschnitzel unter sonst wie verwertet.“

Es stelle sich somit „eine Art eigene Wirtschaft des Staates ein“, so Lamprecht. Keineswegs zu leugnen war allerdings, dass die Einrichtungen, die im Lande vorgefunden worden waren, von der Armee requiriert wurden. Das deutsche Prinzip der deutschen Kriegsvorbereitung auf dem Verfahren Friedrichs II. beruhte, 1756 gegenüber Sachsen praktiziert. Der Kulturhistoriker fasst diesen Zusammenhang hier:

„So wurde[n] z.B. auf dem Wege der Requisition die eingeschlafenen Brauereien des Gebietes des II. Armeekorps wieder in Stand gesetzt und zu einer bedeutenden täglichen Produktion befähigt, die über manches zehntausend Liter hinausgeht, zum Teil sogar unendlich den Kriegern der deutschen Armee zugute kommt. In ähnlicher Weise sind auch andere Verwaltungen in Gang gesetzt worden.“

Dieser Ablauf habe sich weitgehend automatisch vollzogen. „Es fanden sich unter den Offizieren und Personen, die in dieser oder jener Richtung zu etwas Lust hatten, sie fingen es an, der Betrieb erweiterte sich und grosse Betriebe von 250, 300 ja 400 Personen entstanden“, so Lamprecht. Doch innerhalb der Armeestrukturen verschöben sich die Gewichte. Mit grosser Eindringlichkeit formuliert der Leipziger Historiker:

„Auf diese Weise wurde aber natürlich der ursprüngliche kleine Wirtschafts-Ausschuss, welche[n] die Intendantur-Inspektion neben ihren Transportsorgen für die Verwaltung des Landes entwickelt hatte, immer stärker, er wuchs mit Riesengewalt an und entwickelte nicht bloss eine einfache Administration des ihm unterstehenden Gebietes, sondern geradezu dessen Wirtschaftsverwaltung im Sinne eines größeren Rittergutes“. (Hervorh. v.m., B.S.)

 

Wirtschaftliche Durchdringung Nordwestfrankreichs und Belgiens.

Die Funktion des Historikers, quasi als Spion, die Verhältnisse in den besetzten Gebieten daraufhin abzuklopfen, inwieweit eine Verbindung zwischen belgischen, französischen und deutschen Verhältnissen möglich sein würde, offenbaren die Ausführungen Lamprechts über seine Gespräche mit den französischen Bürgermeistern und der Bevölkerung. Dabei wurde naturgegeben auch Grundsätzliches berührt. Der Historiker gibt an, sie seien

„dabei, wie es immer mit Franzosen zu gehen pflegt, bis auf die tiefsten Fragen des Krieges und den Gegensatz zwischen Recht und Unrecht zwischen Frankreich und Deutschland gekommen. In solchen Fällen habe ich es für richtig gehalten den Franzosen kurz zu sagen, sie wüssten sehr wohl,dass im deutschen Volke kein Hass gegen ihre Nation bestände und sie haben mir dies jedes Mal nicht ohne Hinweis auf das andere Verhältnis gegenüber den Engländern zugegeben.“ (Hervorh. v.m. B.S.)

Diese Überzeugung entsprach, zu diesem Zeitpunkt, durchaus bereits der Vorstellung des Reichskanzlers, der den Krieg, seit dessen Ausbruch, als mehr und mehr in eine Auseinandersetzung mit Großbritannien umlenkt verstand.

Inzwischen hatte die Verwaltung der besetzten Gebiete mehr und mehr den Weg in die moderne Kreditwirtschaft genommen. Der Kulturhistoriker erläutert:

„Um nämlich die Requisition vornehmen zu können, hatte der Wirtschaftsausschuss von sich aus Papiergeld ausgegeben [Moltkes Ankündigung 1914] , mit dem er zahlte, und nicht minder hatte die Stadtverwaltung von St. Quentin ein Aehnliches getan, um den Bedürfnissen des täglichen Verkehrs, wie auch zu gleicher Zeit der deutschen Requisition gerecht zu werden.“

Schließlich „zirkulierten zwei verschiedene Papier[geld]arten nebeneinander“. Alles dies erfuhr Lamprecht auf „zahlreichen Exkursionen“, die, „mit schlechtem Automobil gemacht, sehr anstrengend waren“. Der Kulturhistoriker führt eingehend die Leistungen der Römer entlang der Linie der Römerstraße von St. Quentin nach Osten vor Augen, um auf diese Art letztendlich die Einheit der Region, kulturell und funktional, am “oberen Sommethal[e]“, zu unterstreichen. Gleichzeitig kommen hin und wieder Leistungen der deutschen Besatzungsmacht vor, wie z. B. „deutsche Motorpflüge“ bei Acker- und Landarbeiten. „Ihre tiefen Furchen“ hätten “dem nordfranzösischen Landmann zum ersten Mal den reichen Untergrund seines Ackerbodens“ gezeigt, bemerkt der Leipziger Historiker nicht ohne die Arroganz des Siegers. Eigentlich ging es ihm wohl darum, den Bogen von den merowingisch-fränkischen Urkunden, und den Verhältnissen der frühmittelalterlichen Bodenverfassung zum „Wirtschaftsausschuss“ der deutschen Armee zu schlagen. Wie sich der Sieger und die geschichtliche Erkenntnis verbanden, schildert Lamprecht so:

„Weiter herauf das im Sommetal, wo wir dem Ursprung des Flüsschens nähertraten, jenes historischen Flüsschens, das Franken und Kelten einstmals deutlicher wie irgend eine andere Grenz[e]scheide schied, traten uns nun neben dem Anbau von Körnerfrüchten, insbesondere Weizen, und neben dem Anbau von Zuckerrüben mit den daran sich a knüpfenden Zuckerfabriken, die grünen weiten Flächen zunehmender grüner Weiden entgegen. Was sollte mit ihm geschehen? Aber auch hier schon hatte der Wirtschaftsausschuss gesorgt. In den letzten Tagen, die ich in St. Quentin zubrachte, kamen die ersten Züge lebenden Viehs aus Deutschland an, fern von Berlin und vom Osten her, die nun hier in den üppigen Wiesen der PBrés salés ihre Nahrung finden sollten.“

Die landwirtschaftlich-organisatorische Durchdringung Belgiens und Nordfrankreichs charakterisiert der Kulturhistoriker folgendermaßen:

„In St. Quentin waren Hühnerparks von je 1000 Hühnern, deren eifrige Legetätigkeit den deutschen Armeen zugute kamen; kurz, wohin man sah, in dem weiten Bereich des Wirtschaftsausschusses entdeckte man eine förmliche rittergutmässige Behandlung der in Frage kommenden Teile und Nordfrankreichs, und in den anderen Teilen des Landes wird es ähnlich gewesen sein.“

Auch die besondere Leistungsfähigkeit der deutschen schweren Artillerie im Kampf um die Festung Maubeuge, im weiteren Verlauf der “Sommetal-Ebene“, wird gewürdigt. Südlich, auf Château Coucy zu, führte eine weitere Fahrt an einem

„glänzenden Landsitz vorbei[führte], der jetzt dem Chef der 1. Armee, General Kluck, zur Residenz dient[e]“.

Château Coucy, so die Wirkung auf Lamprecht, drückte ihm das ganze Selbstverständnis des grundbesitzenden Adels in Frankreich vor der französischen Revolution aus. Der Historiker fasst kantig zusammen:

„Die Burg Coucy aber, in ihren wesentlichen Bestandteilen noch dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert angehörig, wenn auch mannigfach in den Formen des fünfzehnten Jahrhunderts noch dekorativ ausgebaut, erinnert noch im Ganzen an die alte Pracht der Selbständigkeit, und an die Zeiten, da ein Mann in Europa von sich sagen konnte: der König von Frankreich mag der König von Frankreich sein; und der Herzog von Burgund, der Herzog von Burgund; ich bin der Herr von Coucy.“

Alles dies führte Lamprecht zwischen „Valenciennes, Douai, Arras, Amiens, vor allen Dingen Lille“ dann

„das ganze Gestadeufer … und von da nach Belgien, eingerechnet um die Panne herum und um Veurne, Dixmuiden, Nieuport, mehr westlich“,

zu anderen Urteilen als zuvor.

Dem Gespräch mit dem Kaiser, das wir hier schon berührten, erwog der Historiker auszuweichen, führte gegen dessen Ende jedoch zu einer übergreifenden Erkenntnis, welche die gesamte Regierungszeit des Wilhelms überschattet. Das Urteil, das der Historiker fällt, bewegt sich dann auch recht nah an der Realität. Lamprecht hält fest:

„So richtig das letztere ist, was übrigens wegen Abbruch des Gespräches auszuführen mir nicht mehr möglich war, so eigenartig ist es, dass in einem Kopf, der die Geschicke frei bewegt und dem eine Kultur wie z. B. die chinesische den höchsten, wenn ich denselben Anlass zur Bewunderung höchster aufsteigender Menschlichkeit geben sollte, für diese Beziehungen, offenbar wegen zu geringer Kenntnis, keinerlei Zusammenhänge gegeben sind. Es ist, so fürchte ich, ein verhängnisvoller Mangel, der sich in der auswärtigen Politik unseres Reiches und unseres Volkes einmal bitter rächen kann.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Der Historiker hält fest, er habe „über gewisse Punkte eingehend mit dem Kaiser oder dem Kanzler oder aber dem Vorstande des Auswärtigen Amtes“ verhandeln wollen. Aber eben diese „Punkte, die sich natürlich auf das Gebiet der höheren auswärtigen Politik bezogen“, habe er „[natürlich] nicht in dem Grade“ in sich „reifen lassen können“, wie dies ihm erlaubt gewesen sei.

 

1915: Armee ohne Begeisterung.

Zu den Fragen, die er sich zur Lösung aufgegeben habe, zumal in St. Quentin und Nordfrankreich, gehöre „die religiöse Stellung der einheimischen wie der fremden Gesellschaft“. Beeindruckt erklärt Lamprecht dabei „eine schöne Seite des Katholizismus, sein[en] Universalismus“. Über ein stimmiges Gesamtbild, nämlich dem deutschen Landser beim Kirchgang, vergisst er nicht Kritik am Selbstverständnisses der Priester im Militärdienst zu üben, die sich allenthalben, quasi als Offiziere, zeigten und auftraten. Der Leipziger Historiker führt dazu aus:

„Die Geistlichen sind leider, soweit mir ein Eindruck wurde, nicht ganz in der Höhe der Möglichkeit ihres Eingreifens in den Sanitäts- und überhaupt in den Seelendienst der Armee eingestellt; insbesondere gilt dies von den evangelischen Geistlichen. Der Priester oder Pfarrer, den ich draussen entdecke, muss mir auf den ersten Augenblick schon als solcher gegenwärtig sein, er darf nicht den Versuch machen, nebenher den Offizier oder dergleichen nachzuahmen oder gar zu spielen, er muss vorwärts gehen in der Höhe seines ja allerhöchsten Berufes, und er muss von vornherein die Seelen gewinnen, durch die Treue der christliche Züge, die ein längeres Leben seinen Gesichte aufgeprägt hat. Mit jüngeren Leuten, die als Diakonpflegende in das Feld gehen, ist wenig getan. Der Verwundete sucht Erfahrung, und nur hier ordnet er sich erfahrungsmässig mit Freuden unter.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Mit dem Franziskaner-Pater Dreilink, einem Westfalen, „der … das Eiserne Kreuz trug“, führte der Kulturhistoriker Gespräche, auch über die Stimmung in der Truppe. Der Euphorie der ersten Tage sei nunmehr “etwas Müdes“, „Abgespanntes, nicht mehr recht zur Aktion Fähiges“ gefolgt Äusserlich sei dafür kein Grund zu finden,

„denn die Armee sei glänzend ernährt, durchaus auf der Höhe der körperlichen Kraft für einen neuen Feldzug, und nur dies eine, die Energie des Vorwärtsstrebens, fehle“. (Hervorh.v.m., B.S.)

Dreiling suchte eine Begründung für diese Erscheinung und fand eine eigene, emotional gefärbte Aufschlüsselung des Geschehenen. Lamprecht folgt dem durchaus nicht ablehnend, und führt aus:

„Indem er nun psychische Momente für die Erklärung dieser Erschlaffung in Anspruch nahm, meinte er, dass die Begeisterung der ersten Monate des Krieges, die ja so wunderbar war und wie ein erster berauschender Strom von den Gerüchen über die Nation hinweggegangen war, jetzt abgeblüht sei. Sie habe keine Früchte hinterlassen. In den Kelchen dieser Begeisterung habe sich keine feste Anschauung des Werdens und noch viel weniger ein Wille des in kommenden Zeiten zu Erreichenden gebildet, und indem diese festeren Anschauungen zurückträten, indem in dieser Beziehung keinerlei bestimmte Vorstellung vorhanden sei, sei der jetzige Zustand eingetreten.“ (Hervorh., v.m. B.S.)

Demgegenüber hätten, so der Historiker, in späteren Gesprächen „die Offiziere … von ihrem Standpunkt aus strikte diesen Zustand geleugnet, ja behauptet, die Soldaten seien alle in höchstem Grade kriegsbegeistert. Lamprecht betont, er habe „an einzelnen Beobachtungen deutlich wahrnehmen“ können, „dass dieses Bild nicht stimmte, und sich hier dieVorstellung von dem Kriege als Selbstzweck den Offizieren täuschend für die Beurteilung der Truppen unterschob“. Der Historiker rückt grundsätzlich von den bestehenden Zuständen ab und schlussfolgert:

„Man wird also mit dieser eigentümlichen Stimmung der Truppe rechnen müssen. Das ist keine Frage, dass in diesen psychischen Bildungen Volksheer und Söldnerheer sich beträchtlich unterscheiden und unterscheiden werden. Das Söldnerheer kämpft für den Krieg als solchen, das Volksheer wird niemals der Frage nähertreten: Warum? Man sollte meiner Ansicht nach bei der Behandlung der äusseren politischen Fragen diesen sehr schweren und gewichtigen Vorgang nicht vergessen. Er könnte im entscheidenden Augenblick eine sehr bedenkliche Wirkung auf die allgemeinen Vorgänge ausüben“. (Hervorh.,v.m., B.S.)

 

„Ein Königreich Belgien“ nicht zu erwarten.

Ein „General-Gouvernement[s] rein militärischen Charakters“.

Neben dieser Mahnung an den verantwortlichen Politiker, bei der Formulierung eines Kriegsgrundes (künftig) Vorsicht walten zu lassen, gelangt Lamprecht insgesamt, bezogen auf die deutsche Verwaltung der besetzten Gebiete, zu einem grundsätzlich positiven Urteil. Wie könnte es auch, nach dem bisher Gesagten, auch anders sein? Er arbeitet heraus:

„Man ist zufrieden mit uns, wenn man es auch nicht eingesteht und man würde, könnte man sich frei äussern, den Vorzug der deutschen Verwaltung vor der französischen eingestehen. Dabei ist man wohl in einigen Kleinigkeiten und Schwierigkeiten der persönlichen Behandlung benommen, aber diese Benommenheit geht nicht so weit, dass sie zu irgendwelchen Schwierigkeiten führte. In Summa: das Land ist gut verwaltet und wir können es mit gutem Gewissen, sollte es nötig sein, dereinst zurückgeben“. (Hervorh.v.m., B.S.)

Dahinter steht die Vorstellung der deutschen Seite (Bethmann Hollweg/Moltke) bei Kriegsbeginn, auf Paris durchzumarschieren, und, nach gewonnenen Sieg, Belgien wiederherzustellen und militärisch zu räumen.

Diesen Hintergrund sieht der Leipziger Kulturhistoriker durchaus, verfügte er doch sowohl auf der belgischen wie der deutschen Seite (General-Gouvernement/Dr. Dirr) über einige vielversprechende Verbindungen. Durchaus nicht überschwenglich, begann er in Brüssel die Runde durch die Verwaltungen. Doch harrte seiner am Ende eine bittere Erkenntnis. Zunächst standen auf belgischer Seite die Gesprächspartner noch zu sehr unter den Eindrücken des Kriegsausbruchs. Von „politischen Ergebnissen“ seiner Bemühungen war demnach keine Rede. Dass diese „fast gleich Null“ waren, begründet Lamprecht wie folgt:

„Wohin man sah, da klammerten sich vielmehr die Meinungen an die Frage nach der Entwicklung der Vlaemen und der Wallonen, und so sehr man Flaemen und Wallonen als ein Ganzes vorführte, so sehr hatte doch der Besucher den Eindruck des Gegensatzes. Es ist nicht an dem, dass Vlaemen und Wallonen in dem Verlauf der letzten Jahrzehnte zusammengewachsen wären, sondern im Gegenteil, auseinandergegangen sind sie, und die Trennung des beiderseitigen Stammesideals ist fortgeschritten schon bis zu den Fragen der Diskussion der Verwaltungsleitung und hiermit der Trennung überhaupt“. (Hervorh.v.m., B.S.)

Ein gutes Verhältnis zu den Deutschen, und um dessen Möglichkeit ging es vordringlich, so der Leipziger Historiker, sei endlich auch von den Beziehungen „zwischen Vlaemen und Wallonen“ abhängig. Diese seien aber, darüber dürfe man sich „nicht die geringste Illusion machen“, weit von einer künftigen Gemeinsamkeit entfernt. Es könne, so gesehen, von deutscher Seite ein Königreich Belgien nicht erwartet, und „nur jeder der Stämme für sich, allerdings … in gänzlicher Selbstverwaltung gefördert werden“. Das ginge sogar soweit, „dass sich Vlaemen und Wallonen der Untreue gegenüber den Deutschen bezichtigten“. Das sei, so der Kulturhistoriker, „ein Zeichen des tiefen Gegensatzes, der zwischen ihnen“ bestehe.

Mit diesem Meinungsbild ging Lamprecht „zur politischen Abteilung des General-Gouvernements“ in Brüssel. Der Leipziger Spezialist, wie der Bayer Dirr, waren sich dort einig in dem Urteil, „ein gemeinsames belgisches Nationalbewusstsein … bestehe“ nicht. Und „ein solches“ werde „auch nicht auftretenden“. Daraus, ergab sich – nach der Vorstellung des Historikers – „die weitere Lösung“ könne,

„unter diesen Umständen kaum etwas anderes sein, als die Herstellung eines General-Gouvernements rein militärischen Charakters, also der Reichsmilitär-Verwaltung über die großen militärischen Anlagen des Landes, Meeresgestade und Maaslinie, und die Unterstellung der Vlaemen unter die Meereslinie, und der Wallonen, soweit wie möglich, unter die Maaslinie mit möglichst freier Verwaltung.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Lamprechts Vorschlag für Bethmann Hollweg.

Staatenbünde unter Einschluss Chinas.

Der Leipziger Historiker entscheidet sich damit eindeutig für das, worum es ging, nämlich den mehr oder minder verklausulierten Anschluss Belgiens an das Deutsche Reich. Er spricht einer deutschen Oberhoheit das Wort und formuliert die Grade einer flämisch-wallonischen Selbstverwaltung, in deren elementaren Zuständigkeiten:

„Dies halte ich, abgesehen von Einzelheiten, die zu regeln sein würden, undnamentlich in der Verteilung beider Stämme auf die Linien, für die heute einzige mögliche Lösung der belgischen Fragen; es kann dabei später noch geändert werden, aber einstweilen muss man sehen, was die beiden Stämme in freiester Tätigkeit ihrer eigenen Verwaltung auf Grund ihrer uralten Fähigkeiten zu dieser leisten und für ihre Zwecke entwickeln werden. Für die allgemeinen Staatsaufgaben, Zoll- und Verwandtes, würden natürlich die Vlaemen und die Wallonen in den Bereich der deutschen Reichsgrenze zu fallen haben.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Diese Vorstellung entwickelte dann, an einem Sonntagmorgen, Lamprecht dem „Generalgouverneur Exzellenz von Bissing“ (und, wahrscheinlich nicht nur Diesem). Es habe sich, so der Kultrhistoriker, „nun wiederum die vollkommene Uebereinstimmung“ mit „Exzellenz Bissing, [und] Hauptmann Dirr“ ergeben. In der Konfrontation mit den belgischen Problemen stellten sich dem “sozialpsychologisch“ interessierten Historiker, zu Beginn des Jahres 1915, auch Fragen zum Zeitpunkt des „Abschluss[es] des Kampfes“. Auf das Ganze gesehen, konnte der Wissenschaftler die politische Wunschträume deutscherseits nicht stützen. Er hält fest:

   „Kein Belgier glaubt an eine Zukunft des belgischen Landes unter Deutschland, es sei denn vorher England von Deutschland endgültig als Weltmacht besiegt.“(Hervorh.v.m., B.S.)

Ja, Lamprecht schreibt seinem Schulfreund Bethmann Hollweg, deutlich werdend, ins Stammbuch:

„Wollen wir ein Reich, das den europäischen Bedürfnissen entspricht, aufrichten, so müssen wir das englische Reich endgültig und so, das[s] über seine Inferiorität kein Zweifel ist, besiegen.“

So kreist auch hier, wie bereits auf Seiten des Reichskanzlers, Ende 1914, zu erkennen, alles um die Vorstellung, gegebenenfalls eines Ausgleichs mit England oder aber eines zweiten („Punischen“) Krieges, nachdem die Auseinandersetzung auf dem Festlande mit Frankreich/Russland erfolgreich beendet wäre (Wenninger zu dem Gespräch zwischen Tirpitz und Bethmann Hollweg am 28.8.1914). Alles hänge, so der Historiker, davon ab, ob „die definitive Besiegung Englands gelingt[e]“. Hieraus entwickelt Lamprecht sein Bild eines Nachkriegseuropa oder einer Nachkriegswelt (Vgl. dazu: K.Riezler an seine Frau Käthe, 24.8.1914). Er schreibt geradezu seherisch vorausgreifend – vor allem in Bezug auf eine Rolle Chinas in dieser Konstellation:

„Ich für meine Person finde ich sie im Folgenden; in einer mehr oder minder sicheren Konföderation der europäischen germanischen Staaten, wie der Türkei mit Italien, Aegypten, Mittelafrika und China, wobei selbstverständlich die Formen der Staatenbünde bez[iehungs]w[eise]. der staatlichen Zusammenhänge sehr verschiedener Art sein können. Ich finde sie weiter darin, dass in diesen Staaten womöglich unter direkter Verbindung Chinas mit Vorderasien nicht nur eine autarkische Wirtschaft getrieben werden kann, sondern vor allen Dingen ein überreicher glänzender Kulturaustausch höchster Art eingeleitet werden kann, ein Kulturaustausch, der auf der Teilnahme von Kulturen ganz verschiedener Höhe beruhen würde. Ich glaube weiterhin daran, dass bei richtiger Behandlung der chinesischen Frage noch heute uns die militärische Uebergewalt in der Welt durch China gesichert werden kann.“ (Hervorh. v.m., B.S.)

Damit spricht der Kulturhistoriker – in Kenntnis der Vorstellungen auch des Reichskanzlers – aus, was hinter den deutschen Bestrebungen vor 1914 steckte, nämlich das Ziel, Europa – und darüber hinausgehend die Welt – militärisch zu beherrschen. Dieser Zusammenhang ist so zu verstehen, dass Lamprecht, indem er auf Chinas Potenz hinweist, versucht, dem Ziel der Berliner Führungselite gerecht zu werden und diese so für seine Idee zu gewinnen. Er schließt ab, das sei äußerst schwierig, da die Vorstellungen in Deutschland dieser künftigen Realität noch nicht entsprächen. Er erwartet allerdings:

„dass die Unkenntnis Chinas und namentlich seiner Entwicklung in Deutschland als heillos bezeichnet werden muss und sich noch einmal schwer rächen wird. Die Feinheiten der chinesischen Kultur reichen sehr wohl an die Feinheiten der Mittelländischen Kultur und es besteht keinerlei Grund, das Dogma von klassischen Altertum, das noch so viele Köpfe beherrscht, obwohl es sie es nicht zugestehen wollen, in dem Sinne zur Anwendung gelangen zu lassen, dass es in detrimentum der Chinesen gebraucht wird.“ (Hervorh. v.m., B.S.)

 

1914: Bündnispartner Österreich vor dem Aus.

Wie sich der tatsächliche Zustand Österreich-Ungarns bei Kriegsbeginn 1914 ausnahm, offenbart eine Ansprache Lamprechts, gehalten am 2. Februar 1915 in Wien. Es ging ihm darum, an Hand der „äußere[n] Ereignisse“ und der „Gesinnung“ der slawischen Böhmen, den inneren Zustand Österreich-Ungarns zu verdeutlichen. Er greift in diesem Zusammenhang zurück auf die Stimmung in der Bevölkerung rund um Prag, wie auf dem Lande, während der Mobilmachungen, anlässlich der Annexions- und Balkankrisen 1908/09 und 1912/13. Die parallele Lage im Juli 1914 beschreibt der Leipziger Historiker ähnlich optimistisch wie Admiral von Müller, der Chef des kaiserlichen Marinekabinetts, im Juli 1914. Lamprecht führt aus:

Der Anlass für diesmal so überzeugend und wurde durch das meisterhafte Ultimatum und den glänzend geschriebenen Aufruf an die Völker so plastisch geformt, dass gewisse politische Gegenstimmen davor verstummten.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Letztlich erscheinen diese Ausführungen des Historikers jenen Dietrich Bethmann Hollwegs aus dem Juni 1914 verwandt, die dem Reichskanzler ein baldiges Zusammenbrechen Österreich-Ungarns suggerierten. Dass sich hieraus der Kriegsentschluss Bethmann Hollwegs in Hohenfinow herleitete, ergibt sich aus den wiederholten Statements Dietrichs 1917 gegenüber Harry Graf Kessler.

Zumindest wurde folgerichtig Anfang 1915 bekannt, dass mit Kriegsbeginn, zum Beispiel

bei Krakau, tschechische Regimenter zum Feinde übergegangen seien, „der Verlust eines Kaparthenpasses durch das grundlose Aufgeben einer wichtigen Stellung“ durch „tschechische[r] Abteilungen verursacht worden“, und „ferner der Prozentsatz slawischer Soldaten unter den unverwundeten Gefangenen in Russland bedenklich sei“. Unzuverlässige Musterungsmannschaften, Meutereien in der Provinz (Reichenberg) und in Prag drangen hinter Kasernenmauern hervor. Anders herum: Erfindung war, „dass das Standrecht in Prag und anderwärts in Böhmen verhängt worden sei“. Unbewiesene Ankündigungen seien Drohungen geblieben, für den Fall eines russischen Einbruchs, seien „Proskriptionslisten“ vorbereitet gewesen. Andererseits seien „Kriegslieferanten“ mit Drohbriefen bedacht worden. Der Kulturhistoriker listet auf:

„Mehrere mit Kriegslieferungen voll beschäftigte Fabriken im Reichenberger Handelskammerbezirke, sind in Brand gesteckt worden und auch die große Explosion im Brüxer Kohlenrevier sei absichtlich herbeigeführt worden. Am 26. Feb[ruar] ist das Königgrätzer Lagerhaus mit riesigen Getreide[-] und Benzinvorräten von Russophilen angezündet worden“.

Die Hauptgefahr für den österreichisch-ungarischen Staat bestehe in der slawischen Intelligenz. Der Historiker weiß zu berichten:

„Veteranen-Vereine, welche Pflegestätten dynastischer und staatlicher Gefühle sind, sind in meiner tschechischen Umgebung sämtlich eingegangen, wogegen sie im deutschen Sprachgebiete florieren.

Die politische Intelligenz wird dergestalt durch den besser situierten Kleinstädter, dann durch den Lehrer, den Apotheker, Advokaten, Notar, Gerichtsbeamten und schliesslich als höchsten Exponenten durch den Journalisten und Abgeordneten.“

„Das politische Bewusstsein“ der tschechischen Bevölkerung werde gebildet:

„In der Schule. Sehen Sie sich ein Lehrbuch der tschechischen Volksschule an, so werden Sie vor allem eine Verherrlichung der einstigen Könige Böhmens, einen Kult der Libussa und dergl[eichen]. finden. Die Geschichte der Habsburger verschwindet dagegen, sie ist für den Tschechen eine Episode, zufällig als letzte und wird nicht als die glücklichste betrachtet….

In welchen Bildern sich dem Tschechen seine Geschichte darstellt sieht man, wenn man in irgend ein tschechisches öffentliches Gebäude eintritt. Dort hängt wohl ein kleines blasses Bild des Kaisers, die Wände sind aber von farbensatten Bildern des Einzuges Swatopluk-Czech’s, von Huss, von Ziska, Rieger, Palacky, etc. eingenommen“.(Hervorh., v.m., B.S.)

Eine besondere Gefahr bestehe darin,

„dass die Tschechen das Königreich Böhmen als ihr Land betrachten: sie sind das „Böhmische Volk“ wie sie auch von gewissen Kreisen eigensinnig bezeichnet werden und die Deutschen sind in ihren Augen immer nur Eindringlinge oder bestenfalls Gäste.“

Die „staatsrechtlichen Ideen der Tschechen“ seien „für die [österreichische] Monarchie gefährlich“, so Lamprecht. Und er erwähnt das Beispiel Prags, wo „der Magistrat selbst in Kriegszeiten nicht dazu bewegen“ gewesen sei, „im übertragenen Wirkungskreise in militärischen Angelegenheiten doppelsprachig zu amtieren“. Diese Gefahr erhalte erst ihre Spitze durch das „Allslawentum“ der „politisch-aktiven Tschechen“. Diese sprächen von „wir Slawen“. Hautnah wird die Stimmung im Lande durch den Ausspruch eines Oberlehrers in einer fünfklassigen Schule bei Kriegsausbruch:

„Wäre nur zwischen Russland und Deutschland der Krieg, so wäre ich trotz meiner 50 Jahre bei den Russen als Freiwilliger eingetreten, weil ich diesen Krieg mein Leben lang herbeigewünscht habe. Nun aber, da Österreich mittut, bin ich gezwungen bei dem Kampf Zuschauer zu bleiben.“

Es wird ergänzt: „Sie können sich denken, wie die Gesinnung der Tausende ist, welche den Unterricht dieses Lehrers im Laufe seiner Berufstätigkeit genossen haben“.

„Allslawentum“ und „alldeutsche[r] Bestrebungen“, so der Kulturhistoriker Lamprecht, stünden einander in Böhmen gegenüber. Der Vortragende konstatiert einen „von der tschechischen Majorität in Böhmen gegen die Deutschen angewendeten Druck“. Demgegenüber bestünde „das Alldeutschtum … nur mehr“ aus

„eine[r] Sympathie für deutsches Wesen, eine Bewunderung deutscher Erfolge, eine Hoffnung ihrem Beispiele in allem nachzukommen“.

Deutscherseits bestünde eine enge Zusammengehörigkeit mit Österreich. Schon Bismarck habe gesagt,

„Jeder deutsche Minister muss gehängt werden, der einen fussbreit österreichischen Bodens anstrebt.“

So sei, nach Lamprecht, die österreichische Monarchie allerdings durch „allslawische Tendenzen“ bedroht. Diese, hätten, ausgehend von Russland und den Balkanstaaten, „jahrelang den Angriff auf Oesterreich vorbereitet“. Dieselben hätten „auf dessen Verfall gehofft … und Teile unseres Staates erbeuten“ wollen. Frankreich habe diese Bestrebungen unterstützt. Mit diesen habe „man sich im Prager Rathaus alliiert“. Doch unter die Oberhoheit Russlands zu kommen, würde für das tschechische Böhmen, selbst in der Form eines „Königreichs bestehend aus Böhmen, Mähren und Schlesien“, kaum wirtschaftlich realistischer Wunsch sein können (Egmont Zechlin, Das Schlesische Angebot). Es wird auf Seiten des Leipziger Historikers die Überlegung favorisiert, der „Gedanke[n] an Russland“ möge „mehr gespielt“ denn real gewesen sein,

„damit Österreich aus Respekt vor dieser Macht den in Österreich wohnen Slawen ihre Wünsche befriedige“.

Weiter postuliert er, „das Ideal der gemäßigteren Tschechen“ sei nicht die „Zertrümmerung Öersterreichs“, sondern

„eine s e l b s t s t ä n d i g e S t e l l u n g Böhmens, ähnlich der von Ungarn, wobei sie, ganz wie die Magyaren die Herren des Landes wären und wobei sie namentlich bei Weitergreifen der Slawisierung deutsch-österreichischen Gebiets die entscheidende Stimme im Staate besässen. Russland, dessen Niederwerfung sie nicht wünschen, hätte die Rolle eines deus ex machina zu spielen.“

 

Lamprecht als der Berater des Reichskanzlers.

Wendung gegen England.

Lamprecht und Bethmann Hollweg spielten eng zusammen. So kam der Reichskanzler einem Ansinnen des Historikers-Freundes nach, der im Rahmen seiner Arbeit in Belgien, zwei dortigen Historikern, die augenscheinlich arretiert worden waren, die Freiheit wiederzugeben.46Weiterhin regt der Leipziger Historiker den Reichskanzler in verschiedenen Fragen der Zukunft an. Der Gegensatz zwischen Öffentlichkeit und Verwaltung berührt ihn. So scheint ihm das Eingreifen der „Bürokratie in den … Krieg, vor und nach dessen Ausbruch“, eine Überprüfung efrorderlich zu machen. So plädiert Lamprecht für die Revision der staatlichen Einrichtungen, denen er Modernitätsgrade im Vergleich zum „Militarismus“ der Zeit aberkennt. Doch gelangt der Historiker zu den eigentlichen Fragen der Zeit, indem er den konkreterer[n] Blick[e] in die Zukunft“ richtet. Wesentlich erscheint ihm dabei „die vorzugsweise Wendung“ der deutschen Politik „gegen England“, die nun „auch auf dem Kampffeld gewonnen“ sei. Sein Vorschlag:

„eine deutsche Monroe-Doktrin gegen England zu Gunsten des continentalen Europa“.

Diese sei zunächst von Deutschland aufzustellen, der dann „die Bundesgenossenschaft der europäischen Staaten“ folgen werde. Für die Bewältigung der dabei auftretenden Schwierigkeiten rät er „das Studium des zweiten amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (ca. 1806-1823)“ an.

Das Verhältnis des Historikers zum Reichskanzler war in Schulpforta „keineswegs ein sicheres und festgegründetes“ gewesen. Lamprecht schrieb bekannte Bethmann Hollweg rückblickend:

„Was uns trennte, waren wohl mehr Vorurteile verschiedenartiger Standesanschauungen als persönliche Abneigung.“

Eine besondere Würdigung seines Gegenübers formuliert der Historiker mit den Worten:

„Von dem Augenblick an, da Sie Kanzler wurden, habe ich rasch in Ihnen den ersten geistigen Kanzler des Reiches erkannt und habe an dieser Erkenntnis zähe festgehalten bis zur Gegenwart.“

 

Künftige Bestimmung Belgiens.

Quasi als politisches Vermächtnis, und Ergebnis seiner Bemühungen in Belgien 1914/15, bündelt Lamprecht noch einmal, und zudem indirekt in Opposition zu den Überlegungen der Reichsleitung, „eine politische Verselbstständigung Belgiens würde … als ein ganz grober Fehler erscheinen. Es“ genüge

„an zwei preußischen Militär-Gouvernements, unter deren bald mildem, bald starkem Regiment die beiden Stämme ihre uralte Kunst der Verwaltung unter verfassungsmässigen Durchbildung ihre Institutionen üben können. Am besten“

dürfe „das Reich nichts weiter haben als den Brückenkopf.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Deutschland als Zentrum eines Weltreiches.

Damit sind strategische Überlegungen zwischen den beiden früheren Schulkameraden berührt, die der Leipziger Historiker in den vergangenen Monaten, an Ort und Stelle, überprüft hatte. Zugleich ist die entscheidende Wendung, auch des Reichskanzlers, im Verlauf des Jahres 1914 bestätigt, schlussendlich gegen England. Lamprecht fasst diese Überlegungen übergreifend-theoretisch in seinem Bild der künftigen Funktion eines siegreichen Deutschen Reiches in Europa und der Welt. Er schreibt:

„Im übrigen sehe ich das Reich in der Auffassung unserer großen Dichter und Denker, nicht als ein Reich der Machtzusammenfügung, sondern als ein Reich kommenden grossen Friedens und einer kommenden reichen Kultur.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Diesem Machtkonstrukt in Europa nach 1916, genannt „neues“ Deutsches Reich, solle, so schien es Lamprecht, unter dem Druck militärischer Suprematie, und unter Verlust der kulturellen Eigenarten der in diesem zusammengefassten Staaten und Länder, fälschlich eine einheitliche Kultur gegeben werden. „Es würde meiner Ansicht nach völlig falsch sein, dem Reiche eine gleichmäßige Kultur geben zu wollen, schreibt der Historiker dem verantwortlichen Politiker. Am Beispiel einer entsprechenden Weltorganisation entwickelt er die Vorstellung, „die mittelafrikanische Kultur“ müsse

„neben denen des näheren Orients, … wie die europäischen unter sich, und das grosse Reich des Ostens, … China, „die eigenen Wege seiner Entwicklung entscheidend vorwärts schreiten können.“

Erneut, und in pointierter Wendung gegen das Inselreich, spricht sich Lamprecht für die Möglichkeit aus, Deutschland zum Zentrum eines solchen Reiches zu machen. Nicht zuletzt dazu befählgt durch „immerhin grosse, aber doch begrenzte Reichtümer.“ Das „neue Ideal“ dieses „grossen Reiches“ sei, „England, als ursprünglicher Seeräuberstaat zu treffen nicht in der Lage“ gewesen. Viel weiterreichend, als es deutsche Diplomatie bislang gewagt habe, sieht der Kulturhistoriker die Fundamente dieses Reiches, in seiner Verteidigung gegen die „englische[n] Form der Herrschaft“ in 1915 „vierhundert Millionen Chinesen“.

Lamprecht warnt seinen Gesprächspartner allerdings sofort davor, solch weitreichenden Gedanken,Raum zu geben, angesichts der, diesen in Opposition gegenüberstehenden, traditionellen Sicht – insbesondere zentriert um die monarchische Spitze des Staates. Der Leipziger Spezialist führt näher aus:

„Ich fand für diese Gedanken auch Hindernisse beim Kaiser und sah, dass sie wesentlich mitgegeben waren durch seine Auffassung von der Stellung des klassischen Altertums. Dieses unglückselige Vorteil, das auf nichts beruhend, die Geschichte der Griechen und Römer als eine für sich stehende ausgibt und allem anderen gegenüber setzt, wird uns in unserer Geschichte noch sehr viel Schwierigkeiten machen.“ (Hervoh.v.m., B.S.)

Der Historiker erteilt damit einer frühen erscheinungsform fatalen rassischen Denkens in Mitteleuropa eine fulminante Absage. Lamprechts Denken öffnete damit die Chance, vierzig Jahre deutschen Niedergangs zu vermeiden. Er folgert:

„Ich habe die Geschichte Japans und Chinas in den letzten anderthalb Jahrzehnten genügend genau studiert, um mich überzeugt zu halten, dass von einem spezifischen Uebergewicht der mittelmeerischen Rassen, gegenüber den mittelmeerisch-ostasiatischen Rassen und auch gegenüber China nicht die Rede sein kann und dass speziell China, auf das wir uns stützen müssen und das uns in so vielen Dingen so unendlich ähnlich ist, auch heute noch reich ist an künstlerischem, wissenschaftlichem und musikalischem Schaffen.“

Abschließend betont der Historiker, gegenüber seinem früheren Schulkameraden, die Bedeutung dieser Gedanken nachdrücklich.

Karl Gotthart Lamprecht (* 25. Februar 1856 in ; † 10. Mai 1915 in Leipzig) war ein deutscher Historiker. Lamprecht, Professor für Geschichte an der Universität Leipzig wurde vor allem bekannt durch seine Rolle im Methodenstreit der Geschichtswissenschaft.

 

                                                                    ANNEX.

Über Belgien nach geschichtlichen und persönlichen Erfahrungen. Durchgesehene und ergänzte Niederschrift eines am 4. März 1915 zu Dresden gehaltenen Vortrages. Das auch Träumerisch-Utopische dieser Sicht deutet sich an, wenn Lamprecht sagt: „Die Landschaft nimmt an Frische der Farben außerordentlich zu, das Grün ist heller, die Vegetation ist stärker, wir sehen eine Fülle von graswüchsigem Boden, das Vieh weidet draußen, vom Meer kommt ein milder Hauch, welchen die Gegend dem Golfstrom, jenem großen Wärmekanal des westlichen Europa, verdankt.“

Vgl. ders., Belgien: Geschichte und persönliche Erfahrung. Halle, 9.II.1915, S. 1 – 35. Darin Anklänge an die spätere Westforschung des Dritten Reiches (S. 2), ist die Rede vom französischen Einfluss auf die Wallonen (S.3) und sucht Lamprecht die Flamen als künftige Partner Deutschlands aufzubauen (S. 4ff.). Der innere Bezug, der Regionen und Zonen zu- und miteinander, der umstrittene deutsche oder französische Charakter Karls des Großen, die Bedeutung des Kölner Doms, die geistigen Beziehungen bis nach Metz, Aachen im europäischen Maßstab; all das bis zur Bedeutung des Golfstromes, findet bei Lamprecht statt (S. 13). Belgien zwischen Flamen und Wallonen verloren, geteilt, schwach. Doch aus der Geschichte, gerade der Wirtschaftsgeschichte heraus, wächst Flandern zu historischer Größe (S. 18). England wird kritischer gesehen. Das „Bombardement“ auf die Küste Flanderns wird erwähnt. Es finden sich kritische Äußerungen über Charakter, Kultur und Bräuche, z. B. In London (S. 20: „Aber wenn man von dieser äusseren Adrettheit absieht, so ist der Eindruck gegenüber England nicht befriedigend. Uebrigens gilt ganz dasselbe in viel höherem Grade für Frankreich.“). Und Holland? „… alles, was damit zusammenhängt, in Holland weit höher steht als in Belgien;…“ Es kommt zu einem positiven Urteil über den belgischen Kardinal Mercier (ganz im Gegenteil zu den tatsächlichen Verhältnissen) und es liegt Betonung auf dem tiefen Graben zwischen Belgiern und Holländern (S. 22). Lamprecht fasst zusammen (S. 25): „Die Frage ist deshalb von Bedeutung, weil in der belgischen Gesellschaft zwei Meinungen sich gegenüberstehen, die eine, wonach Belgien ein ausgesprochener Nationalitätenstaat ist und beide Stämme zusammen mitFrankreich nichts zu tun haben, und die andere, wonach Belgien nur ein Annex der französischen Geschichte ist. Das dritte, dass ein Bevölkerungsbestandteil noch sagen würde, das Ganze sei zunächst ein Annex der deutschen Geschichte, existiert nicht.“ (Hervorh.,v.m., B.S.) Lamprecht betont, er habe eine „sehr genaue Anschauung darüber, was gemacht werden soll“ (Belgien). Er zitiert die Geschichte des 9. bis 11. Jahrhunderts und entwickelt „ein einziges grosses Kulturgebiet“ zwischen Seine und Rhein – „und noch darüber hinaus etwa bis in die Gegend von Dortmund“ (S. 26, 28, 29). Kultur und Reichtum der Geschichte, Welthandel, machten die nordbelgischen Handelsstädte zu Zentren früher Demokratie. So sucht Lamprecht, aus der Leistung des alten Reiches heraus, Modelle für die Zukunft des künftigen Europa zu formen (S. 31: „Alle die gewaltigen Expansionen, die wir im alten Reich erlebt haben, sind heute vergessen, begraben.“). Flandern heißt zur Zeit des Herzogs von Burgund: Musik, Kultur, Kunst. Das Zentrum seiner Überlegungen, Belege für eine deutsche Zukunft Belgiens zu finden, muss Lamprecht als falsch bestätigen. Denn „Flandern ist im Mittelalter niemals deutsch gewesen. Das ist eine ganz falsche Vorstellung“ (Hervorh.v.m., B.S.) (S. 32). Österreich in den spanischen Nachfolgeländern wird kritisch abgestraft. Habsburg habe an Ober- wie Niederrhein „nichts für deutsches Wesen getan“. Und, mit dem Auftreten Englands in der europäischen Geschichte, beginnt jener Zeitraum, der für die Gegenwart des Jahres 1914 von Interesse ist: „Im 19. Jahrhundert ist dann die Summe der ganzen Niederlande in eine Funktion (?) hereingeraten innerhalb des Bereichs der englischen Weltherrschaft. Nachdem im Beginn des 19. Jahrhunderts in der Zeit der napoleonischen Kriege die Weltherrschaft Englands gegenüber Frankreich entschieden war, kam es England darauf an, gegenüber Deutschland eine Sicherung zu haben, einenBrückenkopf. Den Brückenkopf den wir jetzt haben wollen, hat sich England geschaffen in den Niederlanden.“ (S. 33) (Hervorh. v.m., B.S.) In der Summe spricht Lamprecht realistisch von den Flamen als „einem echt deutschen Stamme“, der aber “schwer lenkbar“ sei. (S. 35). Politisches Archiv Auswärtiges Amt 1200 (117-251). NL Graf Zech bis Mai 1940, gesandter Julius Gra v. Zech, den Haag, Bl. 2: „ Die geografische Lage Hollands und seiner überseeischen Besitzungen zwingt das Land zu einer Politik guter Nachbarschaft mit den beiden Rivalen, Deutschland und England. Ein engerer Anschluß an eine der beiden Großmächte ist nicht möglich; ein England nicht, weil die lange, durch keinerlei natürliche Hindernisse geschützte Ostgrenze einen deutschen Einfall immer als die am mittelbarsten drohende und am schwersten abzuwehrende Gefahr erscheinen läßt; und an Deutschland nicht, weil die Kolonien, in denen in normalen Zeiten die Wurzeln holländischer Kraft und holländischen Reichtums liegen, im Ernstfall dem Zugriff durch die Engländer ungeschützt preisgegeben sind.“

1854-1914-2014—Europäische Bürgerkriege.————Die USA und Rußland sind absteigende Mächte.

Donnerstag, Januar 29th, 2015

Was bedeutet nun 1854, die Krimkrieg-Phase, und 1914 – der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die dazugehörigen Kriegsziele der Mächte – für uns heute – nämlich 2015?

 

   Inhalt

   Pendellage zwischen West und Ost.

  

   1. Kapitel: Das Englische Bündnis („Struggle for Mastery in Europe“)

 

   Liberal-Konservativer Einfluß auf König Friedrich Wilhelm IV.

   Reluctant Preußen-Deutschland.

   Der König und das Verhältnis zu Russland.

   Europas politische Lage um die Mitte des Jahrhunderts.

   Englands Kriegsentschluß.

   Verhandlungspositionen Berlins und Londons.

   Palmerstone reserviert gegenüber Pourtalès.

   London und Berlin: wenig flexibel.

   Gebundene Hände rundum.

   Bunsens Votum für die Westmächte und Annektionen.

    Für und Gegen die Reduktion Russlands.

    Bunsens große Annexion-Denkschrift: „Jetzt oder Nie!“

Der Aufstieg Preußens inauguriert.

    Offizielles Ziel: Restituierung des europäischen Gleichgewichts.

    Annexionen.                                                                                                                                             

    Sicherer Sieg.

    Bunsen: Die Westmächte sind stärker als Russland.

    Navalistische und Festlandsmächte.

 

 2. Kapitel: „Germany’s Drive to the West“?

     Die deutschen Kriegsziele 1914.

     Ein System indirekter Beherrschung.

     Sicherung der deutschen Machtstellung.

     Militärstrategisch.

     Industriell.

     Belgien als Operationsbasis gegen England.

     Russland schonen.

      Annexionen an der Ostsee, in Polen und Moldavien.

      Die Idee „Volk ohne Raum“ (Grimm): Siedlungsraum im Osten.

      Suprematie durch russischen Staatsbankrott.

      Industrie in Belgien und Ostfrankreich enteignen.

      Ein deutsches Kolonialreich in Europa, Afrika und Asien.

      

 3. Kapiel: Deutscher Expansionismus vorgezeichnet („Volk ohne Raum“)

      Bunsen: Preußen stärken durch Annektionen.

      London umwirbt noch eimal Preußen.

      Auf der Höhe der Krise 1854: Analog 1914/2014.

      Hoffnungen, Gefährdungen, Tatsachen.

     

4. Kapitel: Die Tradition des „Generalkrieges“ gegen Russland

      Englischer Angriffsplan 1853.

      Bunsen für den „europäischen Generalkrieg“ (von Finnland bis zum Kaukasus).

      Der andere Weg der preußischen Politik.

Absage an Großmachtstatus, Risiko und aktive Politik.

     

      Wochenblatt-Partei für englisches Bündnis und Großmachtstatus.

Gegen eine Neutralität Preußens.

Für die Kombination mit Österreich und den Westmächten.

 

      Englands Kriegsentschluß.

      Die Nebenregierung Prinz Alberts und das Preußische Bündnis.

      Englands Kriegsplan und preußisches Schwanken.

      Unsicherheitsfaktor: Das revolvierende Frankreich.

      Die Anti-Ost-Ausrichtung Westeuropas.

 

      Entwicklungsbremse: die preußisch-österreichische Dichotomie.

      Um die politische Deutungshoheit zwischen Ost und West.

      Das englische Bündnis – ein Traum. Das Scheitern der Usedom/

      Wedellschen Mission.

 

      Schluß.

      Gefahr durch den Abstieg Rußlands und der USA

      (zunehmender Militarismus—Kampf um die Suprematie auf der Nordhalbkugel—           

       Konkurrenz der Weltmachtaspiraten).

Preußen, England, Rußland (1854). Deutschland, USA, Russland (2014)

 1914

 2014

                                                                     _________________

 

Pendellage zwischen West und Ost.

Hier geht es um die Hintergründe eines preußisch-englischen Bündnisses in der Krimkriegphase, 1852-55. Allerdings, das darf nicht verschwiegen werden, regt die Beschäftigung mit diesem Zeitraum dazu an, Fragen an die heutige deutsche und europäische Politik zu stellen. Schließlich befinden sich beide geographischen Räume, damals wie heute, in der politisch-strategischen Situation einer Pendellage zwischen Ost und West. Dass kein Staat, zum jeweils notwendigen Zeitpunkt, militärisch für alle Eventualitäten gerüstet ist, bildet eine der Binsenweisheiten der Geschichte. England und Preußen hatten, um die Mitte des 19. Jahrhunderts keine Reibungspunkte, verfügten in ihrer Geschichte über durchaus passable Erfahrungen miteinander, und hatten auch kulturgeschichtlich vergleichbare Wurzeln.

 

1. Kapitel:  Das englische Bündnis („Struggle for Mastery in Europe“)

Liberal-Konservativer Einfluß auf König Friedrich Wilhelm IV.

So überrascht es durchaus wenig, wenn sich gegen Ende der vierziger Jahre in Preußen eine Gruppe von Wissenschaftlern, Offizieren und Diplomaten, mit liberalkonservativem Hintergrund, zusammenfand, die ein Bündnis mit England (gegen Russland) vertrat. Vertreter dieser Gruppe befanden sich in hohen militärischen und diplomatischen Stellungen, wie etwa Baron Bunsen, der Preußen, als Botschafter in London, vertrat. Unterstützt durch eine enge Beziehung zu dem damaligen preußischen König Friedrich Wilhelm IV., konnte der Diplomat und Gelehrte seine  außenpolitischen Vorstellungen höchsten Ortes zur Wirkung bringen. Dass sich dem durchaus traditionell begründete Widerstände in Berlin entgegenstellten, wird hier Gegenstand der Darstellung sein.

Reluctant Preußen-Deutschland.

Irgendwann sollte, im Verlauf der folgenden Jahre, der Vorwurf laut werden, der offizielle Vertreter der preußischen Politik, Ministerpräsident Otto von Manteuffel, würde „mit der Wirklichkeit der Dinge Verstecken spielen“. Hiermit ist ein Moment berührt, das durchaus – über die geschichtlichen Schranken hinweg – ein Schlaglicht wirft auf unsere heutige politische Situation in Deutschland und Europa. Ohne auf die spezifische Machtkonstellation der Führugselite in Berlin, während der fünfziger Jahre, näher eingehen zu wollen, sei dennoch betont, dass der Blick Preußens damals, ähnlich wie der Blick der Bundesregierung heute, nach Osten gerichtet war. Es bestanden seit 1807, zwischen Preußen und Russland, enge Beziehungen. Diese hatten sich von 1815 an zu einer russischen Überlegenheit ausgewachsen, zumindest über Preußen – wenn nicht sogar über Deutschland. Schließlich und endlich war, in der Schleswig-Holsteinischen Frage 1848/52, mit dem Diktat von Olmütz gegen Preußen, und damit auch für die deutsche Einigung, klar geworden, dass es um blanke russische Machtpolitik ging.

Der König und das Verhältnis zu Russland.

Das Gefühl offenkundiger Unterlegenheit führte in der deutschen Öffentlichkeit allgemein zu blankem Hass gegenüber Russland, wie ein hochgestellter britischer Beobachter bemerkte. Und auch, obgleich durch die Tradition mit Russland verbunden, standen die preußischen Konservativen vollkommen unter der Prärogative, ein Aufstieg Preußens gehe vor. Insofern standen sich die leitende politische Kraft in Berlin und deren Kritiker, das liberalkonservative Wochenblatt durchaus nicht unvereinbar gegenüber. Schließlich tendierte jedoch der dazwischen stehende Ministerpräsident durchaus dazu, Russland distanziert gegenüber zu treten. Überlagert wurde dieses, zur Entscheidung heranstehende Problem, durch den fortdauernden, latenten Dualismus zwischen Preußen und Österreich in Deutschland. Der Druck, vor dem Hintergrund der miteinander konkurrierenden konservativen und progressiven Fronten in Berlin, sich für oder gegen Österreich entscheiden zu müssen, verführte den König zu einer permanent in alle Richtungen schwankenden, entscheidungslosen Politik. Friedrich Wilhelm verstärkte diesen Eindruck zusätzlich dadurch, dass er zu dem Mittel politischer Missionen griff, was einerseits Hoffnungen schürte, andererseits den Widerstand der Berufsdiplomaten hervorrief, und in der Folge zu tiefer Enttäuschung in den Hauptstädten Europas führte. Es bleibe dahingestellt, ob – wie Winfried Baumgart betont – ein Sekretär des Königs hätte originären Einfluss auf die Wahl der außenpolitischen Methoden ausgeübt, oder aber dieses Verfahren eher zutiefst Ausdruck der Persönlichkeit des Monarchen war und blieb.

Europas politische Lage Mitte des Jahrhunderts.

Im Verlauf einer ersten Phase politischer Kontakte mit London waren es zumeist der liberal-konservativen Wochenblattpartei nahestehende  Wissenschaftler-Diplomaten, die auf Wunsch der Führungsspitze um den König in Berlin vor Ort explorierten. Diese kamen mit der überraschenden Meldung zurück, Österreich sei Preußens eigentlicher Gegner (Niebuhr). Wien unterlaufe die preußischen Annäherungsversuche, indem man sich Paris zuwende. Preußen seinerseits beschreite den Weg nach London, in der Erkenntnis des schwankenden Bodens auf dem die Beziehungen zu Österreich im Grunde ständen. Doch auch London befände sich im Zwiespalt, da Paris im Begriff stehe, die  napoleonische Politik wieder aufzunehmen.

Englands Kriegsentschluß.

Schließlich überschnitten sich auf dem Kontinent, in Belgien, die Operationslinien sowohl Londons, wie Paris’ und auch jene Berlins. Mochte Frankreich nach Belgien greifen, dann würden England, wie  auch Preußen, hier militärisch gefordert sein. Sehr gut zu verstehen war, vor diesem Hintergrund, der Rat Bunsens, vorsichtig zu taktieren und sich nicht einseitig festzulegen. Umso erstaunlicher erscheint es deshalb, wenn der preußische Gesandte, gegen Anfang des Jahres 1853 feststellte, England mache sich daran, einen Krieg mit Russland vorzubereiten. Und noch erstaunlicher: Es gehe um einen europäischen Krieg. In Berlin schien es möglich, dass die liberal-konservative Wochenblatt-Partei in die Regierung einträte. Die „Heilige Allianz“ der Monarchien im europäischen Osten ging offensichtlich ihrem Ende entgegen.

Verhandlungspositionen Berlins und Londons.

Dieser Entwicklung des Jahres 1853 entsprach der König, mit der Entsendung des leitenden Wochenblatt-Partei-Mitgliedes Albert von Pourtalés, nach London. Whitehall suchte nach wie vor verlässliche Bündnispartner. Preußen schien, zumindest militärisch, einen solchen darstellen zu können. Doch stellte Berlin Forderungen, die den Bewegungsspielraum Londons einschränken mussten. Hatte doch Preußen direkte Grenzen mit Russland, stand doch Österreich nach wie vor zwischen den Fronten, und drohte aus Polen der Funke der Revolution jederzeit herüber zu springen, und bedrängte nach wie vor Petersburg Berlin durch dessen „pressure group“ vor Ort. Demgegenüber fürchtete London eine, und das ist der Begriff der Zeit, „entente cordiale“ zwischen Preußen und Österreich. Tatsächlich aber ging es, aus der Sicht des preußichen Botschafters Bunsen, darum, dass Österreich sich an der Donau und den Kaparthen eine starke Position verschafft habe, und Preußen die Verteidigung Deutschlands am Rhein überlasse. Dass es sich um den entscheidenden Punkt handle, machte er deutlich, indem er den Begriff „Lebensfrage“ für die preußische Politik in die Diskussion warf. Ein „mot clef“, das 1914 zwischen Theobald von Bethmann Hollweg und Jules Cambon erneut fallen sollte, und das hier, 1853, die Forderung gegenüber England verschärfte, dessen Flotte in der Ostsee gegen Russland aufmarschieren zu lassen.

Palmerstone reserviert gegenüber Pourtalès.

Doch die Geheimmission Pourtalès scheiterte. Obwohl am 2. Januar 1854 ein Vertreter Petersburgs versuchte, Preußen in der Folge von dem pro-englischen Kurs abzubringen, gelangten doch Pourtalès und Palmerstone, in einem abschließenden Gespräch, am 3. Januar dieses Jahres, nicht zur gewünschten Übereinkunft. Preußen suchte zunächst den Umfang einer Kooperation mit England auszuloten, weiter stand ständig eine französische Bedrohung am Rhein im Raum, und schließlich konnte (oder wollte) Palmerstone Preußen keine verbrieften Garantien zusagen. Die Verhandlungspartner operierten offenkundig noch, in einer ersten Phase der Verhandlungen, auf einer ersten Stufe der wechselseitigen Kompensationen, und warteten wohl noch auf das Entgegenkommen der Gegenseite. Überraschend war jedoch die Erkenntnis,  London habe sich ganz unkompliziert zu einem Krieg gegen Russland entschlossen. Kurz darauf fand der Berliner Emissär Gelegenheit, dem Partner in London Lord Clarendon gegenüber, noch eimal seine Bedingungen zu formulieren.

London und Berlin: wenig flexibel.

Pourtalès forderte eine englische Flotte in der Ostsee, sowohl zum Schutz der preußischen Küsten – wie dessen Seehandel. Weiter blickte Berlin sorgenvoll in Richtung Kopenhagen. Gegen jede Bedrohung von dort sollte England gleichfalls eintreten (eine Sorge, die 1914 ebenfalls eine Rolle spielen sollte). Es sei nämlich zu verhindern, dass etwa Kiel und Flensburg zu russischen Stützpunkten würden, auf die sich eine russische Armee, bei deren Vorgehen nach Süden, stützen könne. London seinerseits wollte in keinem Fall in den preußisch-österreichischen Antagonismus hineingezogen werden. Preußen seinerseits bot daraufhin an: sowohl eine Demarche in Petersburg wie die bewaffnete Neutralität, und, im Fall einer weiteren günstigen Entwicklung des Verhältnisses, eine sich verstetigende Koorperation.

Gebundene Hände rundum.

In Berlin allerdings kämpften Wochenblatt-Partei- und Kreuzzeitungs-Anhänger verbissen um den Einfluss auf den König. Die Liberal-Konservativen sahen die russische Herrschaft bis an den Rhein reichen. Unter diesem Vorzeichen hatten die Preußen wenig Sinn für die Interessen Englands, das sich dafür entschieden hatte, den Krieg gegen Russland derart zu führen, dass der russische Einfluss auf Mitteleuropa für längere Zeit nicht mehr spürbar wäre. Auch nahm eine traditionelle Vorstellung die Köpfe gefangen, Frankreich könne seine Grenzen nach Osten ausdehnen. Der Kreuzzeitungs-Vertreter Gerlach belastet die Wochenblatt-Partei mit dem Vorwurf, diese dränge zum Krieg mit Russland. Dahinter steckte zusätzlich die Frage, was Wien tun werde. Es lag nahe, dass Österreich, gestützt auf Russland, seinen Einfluss, zu Ungunsten Preußens, auf Deutschland verstärken würde. London warb zudem um Wien, hegte jedoch letztendlich kein Vertrauen in die Wiener Diplomatie.

Dieselbe Position verfocht der preußische Botschafter in London, der – nach innen und außen – vehement für einen Krieg gegen Russland eintrat und betonte, die Macht des Zarenreichs sei unschädlich zu machen und eine „große Vereinigte Flotte“ müsse „das Werk der Zerstörung im Schwarzen Meer“ vollenden.  Der Kaiser von Russland habe den Krieg haben wollen. Nun müsse Petersburg gezwungen werden, die Donaufürstentümer zu räumen. England und Frankreich würden an Preußen und Österreich zunehmend die Frage richten, ob diese dabei mitwirken würden oder nicht. Wenn Berlin ausweichend antwortete, käme die Antwort: „So seid ihr entweder keine Großmacht oder feindlich“. Ein österreichisches Nein würde bedeuten: Krieg in Italien.

Demgegenüber forderte Friedrich Wilhelm IV. seinerseits eine klare Antwort aus Whitehall. Der Monarch verschwieg keineswegs, er erwarte, das kleine Ländchen Neuenburg in der Schweiz als Kompensation zugesprochen zu erhalten. Andererseits sah der König seinen Plänen bereits durch die Tatsache den Boden entzogen, dass nämlich die preußische Armee nicht kriegsbereit war. Diese Antwort gab der Kronprinz Wilhelm seinem Bruder, auf dessen Forderung hin, ein militärisches Gutachten zur Lage zu erstellen. Allerdings lag ein Aufmarschplan gegen Russland bereit.

 

 3. Kapiel: Deutscher Expansionismus vorgezeichnet („Volk ohne Raum“)

Bunsens Votum für die Westmächte und Annektionen.

Doch Bunsen in London lockte weiter mit territorialem Gewinn, den ein Krieg mit Russland verspräche. Im Jahr 1854, die Lage spitzte sich auf allen Fronten gleichzeitig zu, beharrte der Diplomat auf der Notwendigkeit, „die bestehende Länderverteilung einer Kritik zu unterwerfen“. Allerdings drückte Lord Clarendon nun seinerseits auf das Tempo. Er forderte „binnen 8 Tagen“ eine Entscheidung Berlins. Der Gesandte hielt dem entgegen, im europäischen Maßstab könne man sich vergegenwärtigen, dass Frankreich einen Plan gegen Italien habe. Preußen könne es nun nicht gleichgültig sein, dass Österreich dort angegriffen werde. Temperamentvoll wies er den Gedanken einer wie auch immer gearteten Neutralität Preußens zurück. Er forderte, Preußen und Österreich müssten eindeutig Stellung beziehen, doch andererseits seien finanzielle Belastungen aufzufangen, die durch Mobilmachung, Verluste an den Börsen, sowie bei Handel und Gewerbe, wie der Schifffahrt, zu gewärtigen seien. Eben den Westmächten neigte Bunsen mehr zu, als dem „unfreundlich, anmaßend und rücksichtslos“ auftretenden Russland.

Für und Gegen die Reduktion Russlands.

Friedrich Wilhelm dagegen sprach von protestantischer Gemeinsamkeit mit England, Schutz Österreichs vor der Revolution, der Garantie europäischen Besitzstandes, der Unantastbarkeit des Deutschen Bundesterritoriums und seinem Ländchen Neuenburg in der Schweiz. Überdies forderte der Monarch, falls die Westmächte zum Mittel der Insurrektion greifen würden, um das Zarenreich in die Luft zu sprengen, was bekanntlich Bethmann Hollweg 63 Jahre später betrieb, werde er sich mit Petersburg und Wien, auf Tod und Leben verbinden. Es stand also zu erwarten, dass ein Revolutionskrieg die gänzliche Auflösung Mitteleuropas im Gefolge haben werde. Gegen diese Realität der politischen Lage wurde, bedingt durch die schwer einschätzbare Politik des neuen französischen Kaisers Napoleons III., sowie jener Österreichs und auch Preußens, die Frage gestellt: würde Frankreich mit England gehen, ginge darum, eine „lang vorhergesehene[n] Frage“ zu lösen, nämlich jene der drohenden Machtstellung Russlands „nicht allein gehen die Türkei, sondern d[as]em [ganze] gesamten übrige[n] Europa [gegenüber], also eine Machtfrage. Kurz: es gehe darum, „der aggressiven und anmaßenden Macht Russlands entgegenzutreten“.

Bunsens große Annexions-Denkschrift: „Jetzt oder nie!“

Auf diesen Kurs, die Macht des russischen Reiches zu brechen, schwenkte Josias von Bunsen in London ungesäumt ein. Mit dem Instrument einer großen Denkschrift suchte er seinen Dynasten zu bestimmen, ein Bündnis mit England einzugehen. Friedrich der Große, Pitt und Napoleon hätten das nicht erreicht, was jetzt möglich sei, so lautete Bunsens Parole. Schon während des 7-jährigen Krieges bestand demnach in London ein gewisses Misstrauen gegenüber Russland. Der Botschafter eruierte, so eines der begleitenden Dokumente, gegenwärtig seien die politischen Eliten in den westlichen Hauptstädten überzeugt, „der Zweck des großen Kampfes werde sein, Rußland auf seine natürlichen Grenzen zurückzuweisen“. In dem Bewusstsein, das historische Zeitfenster werde sich bald schließen, appellierte Bunsen dringend an seinen König mit dem Ausruf: «Jetzt oder nie!«. Er führte an, die räuberische Politik des Zaren Alexander habe darin bestanden, Preußen eine ganze Provinz, und Schweden Finnland entrissen zu haben. Weiter wies er auf das schwere Joch hin, unter welches Russland Preußen und Österreich zwischen 1817 und 1848 gebeugt habe. Russland wünsche kein starkes Deutschland. Trete Preußen an die Seite Englands und Frankreichs, dann würde das ein solches Gewicht ergeben, dass der Kampf kurz und schnell entschieden werde. Damit findet sich bereits hier, wie 1914, die Vorstellung vom kurzen Krieg, der bereits dann beendet sein werde, “wenn das Laub fällt“. In gleicher Weise empfand Bunsen diesen Kampf Europas mit Russland ebenfalls als „Weltkampf“, als „Kampf der Imperien“, wie dies bei Theobald von Bethmann Hollweg und Karl Lamprecht vor 1914 der Fall war.

– Offizielles Ziel: Restituierung des europäischen Gleichgewichts.

Der Gesandte appellierte dafür, gleichsam über den eigenen Schatten zu springen, die Machtziele Englands und Frankreichs zurücktreten zu lassen, und alle Kraft in die Restituierung des europäischen Gleichgewichts zu investieren, zu Gunsten der von Russland beschädigten Mächte. Aus seiner Sicht war das Gewicht Preußens so groß, „daß der Kampf kurz, die Entscheidung nahe und ohne große Erschütterungen möglich sei, ja sicher“.

Bunsen sucht Friedrich Wilhelm IV. gleichsam mit den dann gegebenen territorialen Möglichkeiten Preußens im Osten zu ködern. Es gehe um große Veränderungen.

– Annexionen.

Im Norden müsse Schweden die Aaland-Inseln und Finnland erhalten. Im Süden sei die russische Herrschaft auf dem Schwarzen Meer zu brechen, und von diesem nicht nur die Krim abzutrennen. Doch eine neue „Weltdictatur“ solle so nicht errichtet werden. Wir erinnern sehr wohl: das Rußland der autokraischen Zaren war Europa zu mächtig geworden. Hier, so Bunsen weiter, solle sich Österreich ausdehnen. Preußen dagegen müsse die polnische Königskrone anstreben. Dafür könne Österreich Galizien, und Preußen die polnische, östliche Hälfte des Großherzogtums zum Opfer bringen. Diese Forderungen scheinen uns sehr wohl mit der Kriegszieldiskussion der Jahre 1914-17 verwandt.

– Sicherer Sieg.

Bunsen umwirbt seinen König noch einmal eindringlich: „Schließt sich Preußen im gegenwärtigen Augenblicke an die Westmächte und Österreich an, … so legt es ein so entscheidendes Gewicht in die Waagschale, daß der Kampf  kurz, die Entscheidung nahe und ohne große Erschütterungen möglich, ja sicher ist.“

Bunsen: Die Westmächte sind stärker als Russland.

Navalistische und Festlandsmächte.

In keinem Fall solle Preußen gegenüber Österreich zurückstehen. Wien solle auf Böhmen und Mähren verzichten, sich verteidigungsfähige Grenzen verschaffen und der Tatsache in die Augen sehen, dass die Erblande von Deutschland losgerissen wurden. Preußen, und nicht Österreich, solle Deutschland beherrschen oder leiten. Und das, was nun folgt, entspricht den Gedanken des Leipziger Univeralhistorikers Karl Lamprecht, der seinen Schulfreund Bethmann Hollweg vor und im Weltkrieg vor Augen führte, es solle eine zentrale europäische Konföderation entstehen. Bei Bunsen hieß das 1854: bestehend aus den „Mittelmächte[n] Europas, Schweden, Dänemark, Holland, Sardinien und Neapel“. Ausdrücklich warnt der Londoner Geschäftsträger davor, gegen die Westmächte zu votieren, denn „die freiere Position der beiden Seemächte“ bedeute, dass diese jederzeit „Einfluß genug“ besäßen, um „andere Mächte entweder für sich zu gewinnen oder ihnen jede feindselige Politik unmöglich zu machen“. „Preußen würde am Rhein wie am Njemen allein stehen, und – allein geschlagen werden“.

 

 2. Kapitel: „Germany’s Drive to the West“?

Die deutschen Kriegsziele 1914.

Ein System indirekter Beherrschung.

Der Weg von 1854 nach 1914 führt zu den Kriegszielen Bethmann Hollwegs vom August/ September. Wie eng dabei der Austausch zwischen den höheren Beratern des Kanzlers und den Vertretern der einzelnen Industrieverbände, und sonstigen Interessengruppen, war, zeigen sowohl die Statements Kurt Riezlers von 1930, in denen er behauptet, von Roselius und Mannesmann bis zu Falkenhayn reiche die Idee wirtschaftlicher Annexionen und imperialistischer Ziele. Diese hätten quasi in der Luft gelegen. Den Teil eines umfassenderen Konzeptes bildeten diese Vorstellungen, nämlich des Krieges mit der imperialen Weltmacht England, die Deutschland beerben wollte. So war etwa die Idee eines mitteleuropäischen Staatenbundes, als Urzelle der künftigen Weltmacht Deutschland, unbestritten. Riezler sagte dazu 1930, „die Grundidee sei die Schaffung eines mitteleuropäischen Staatenbundes unter Führung Deutschland[s] gewesen. An diesem Bund sollten Frankreich und Belgien durch den Frieden angegliedert werden. Unter Schonung der Souveränität und unter Wahrung der territorialen Integrität dieser Staaten, sollten alle Staaten durch Zollunion u[nd]. a[nderem]. untereinander einen Block bilden, gegen den ‘angelsächsischen Wirtschaftsimperalismus`. Die Neutralen hätten diesem Bunde beitreten müssen; es sei ihnen nichts anderes übriggeblieben, da sie ja sofort in die Abhängigkeit dieses unter deutscher Führung stehenden europäischen Wirtschaftsbundes geraten wären“.

Es sind, von verschiedenen Seiten, den Zeitgenossen wie der historischen Forschung in Deutschland, Thesen aufgestellt worden, wie etwa jene, es seien im Großen Hauptquartier, um eine Schreibmaschine herumstehend, spontan Ideen gesammelt worden und so die Kriegsziele von 1914 entstanden. Oder, es habe in Luxemburg, um den Reichskanzer herum, immer eine Zentrale der Anti-Annexionisten gegeben, den „Bethmann-Kreis“. Als Fritz Fischer 1961 diese Vorgänge aufdeckte, concedierte dessen großer Gegner Gerhard Ritter: man gewinne „daraus den Eindruck“, Bethmann Hollweg habe „im Hauptquartier vor dem Wendepunkt der Marneschlacht, unter dem Einfluss viel zu optimistischer Berichte des Generalstabs immerhin ernsthaft den Gedanken erwogen, Frankreich ein für alle Mal unschädlich zu machen“ (analog Goebbels und Hitler im August 1939).

Sicherung der deutschen Machtstellung.

– Militärstrategisch.

Dass auch dies zutrifft, zeigt eine Denkschrift im Nachlass des Bethmann-Freundes und Universalhistorikers, Karl Lamprecht, welche die Gedanken zweier Bonner Nationalökonomen wiedergibt; und die jedenfalls vor dem 2. September 1914 fertiggestellt war. In dieser geht es in erster Linie um die politischen und wirtschaftlichen Ziele, die eine deutsche Machtstellung sichern und befestigen sollten. Diese sei vorrangig gegen England auszubauen. Dieser Gedanke entsprach durchaus den Vorstellungen des Generalstabschefs von Moltke, Anfang des Jahres 1913, und jenen Tirpitz’ (Januar 1915); auf denen der deutsche Operationsplan, in dessen Focussierung auf Belgien und Nordfrankreich, gründete. So ging es von Anfang an um die Weltstellung Englands, die, nur über die Okkupation der belgischen und nordfranzösischen Küsten, ernsthaft zu bedrohen sei. Entsprechend ging Hitler 1940 zum Angriff auf Westeuropa über und besetzte die holländischen, belgischen wie französichen Küsten und Hafenplätze. Es reichten bereits 1914 die Planungen von einer Bedrohung der englischen Küste, deren Seehäfen, wie der Themsemündung etc., über die Kontrolle des Mittelmeeres, bis zum Erwerb von Marokko und Tunis, als Grundlagen der Überlegung, wie Frankreich ein für allemal unschädlich zu machen sei, und damit eine für das britische Empire unerträgliche strategische Basis zu gewinnen wäre. Dazu sei weiter die Westgrenze von Lüttich bis Belfort wirtschaftlich wie militärisch zu befestigen. Frankreich sollte schwer getroffen werden. Das sei zu bewerkstelligen über die  „Minderung seines territorialen Bestandes an der Nordsee und am Mittelmeer, sowie durch die Auferlegung einer schweren Kriegsentschädigung“.

– Industriell.

  Belgien als Operationsbasis gegen England.

Die französische Industrie sei zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Es wäre ferner an die Wiederherstellung Belgiens nicht in der alten Form zu denken. Es sprächen eben wirtschaftliche Gründe dagegen. Belgien war, künftig in der Form einer „self governing Colonie“ vorstellbar. Südliche Gebiete, von den Wallonen besiedelt, „die belgische Provinz Luxemburg, mit Teilen der Provinzen Namur und Lüttlich, vielleicht sogar bis zur Masslinie, seien dem Großherzogtum Luxemburg“ zuzuschlagen. Weiter ging es um die Erzgebiete und Kohlelager Frankreichs im Nordwesten um Lille herum.

Russland schonen.

Anders sollte mit Antwerpen und Gent, mit den Hafen- und Industriegebieten dort, umgegangen werden. Uns interessieren hier jedoch vor allem die ausführlichen Vorstellungen, die sich auf Russland bezogen. Diese wurden entwickelt, auf Grund der engen Bündnisbeziehungen zwischen Petersburg und Paris mit dem französisch-russischen Bündnis von 1892. Dieses sei zunächst zu sprengen. Im Gegensatz zu den brachialeren Vorstellungen von 1854/55, sagt 1914 der erste Satz zu Russland, dieses dürfe „nicht, wie Frankreich, in seinem Lebensnerv getroffen werden“. Es dürften „höchstens Gebiete entzogen werden, die nicht zum eigentlichen Russentum gehören. Auch muss das Streben stets darauf gerichtet sein, den Gegensatz zwischen Russen und Polen in alter Schärfe zu erhalten“.

Annexionen an der Ostsee, in Polen und Moldavien.

Der Verlauf der künftigen deutschen Ostgrenze wurde weitgehend fixiert. Eine Verbesserung der bisherigen ungünstigen Grenze sei zu erreichen. Im Vorgriff auf militärische Sachverständige formuliert die Denkschrift, die „Grenzlinie“ verlaufe künftig „etwa vom Treffpunkt der drei Grenzen im Südosten Schlesiens zunächst – den Grenzfluß des Gouvernements Petrikau etwa bis Thomaschew verfolgend – so Nowo Georgiewsk am Einfluß des Narew in die Weichsel, von dort weiter im Tale des Narew und seines Nebenflusses Bobr bis Grodno und endlich von dort, Wilna und Dünaburg außerhalb liegen lassend, an die Düna und weiter nach Norden an den Rigaer Meerbusen östlich von Riga“.

Vorteilhaft schien, dass „die neue Grenzlinie…kaum länger als die bisherige“ sei und „auch strategisch den Vorzug verdiene[e]“. „In der östlichen Hälfte der Ostsee“ könne ein „Kriegshafen“ entstehen, „von dem aus … die russische Ostseeküste mit Petersburg“ zu bedrohen sei.  Angegliedert werden sollten „Gebiete“ wie das um „Lods, das so oft ‘eine deutsche Industriestadt’ genannt worden“ sei. „5000 deutsche[n] Kolonien, die im russischen Weichselgebiet“ angenommen wurden, ‘besetzen hauptsächlich den nordwestlichen Grenzstreifen’ der dem Reich mit angegliedert werden würde. Festungen wie Grodno und Kowno seien die einzigen Städte in diesem neuen Gebiet. Riga, als bekanntlich deutscher Wurzel, „und die Industriestädte im südwestlichen Polen“, bauten ebenfalls auf deutschen Gründungen auf, so die Denkschrift.

Die Idee „Volk ohne Raum“ (Grimm). Siedlungsraum im Osten.

Wie breit offenbar das Interesse an starker Expansion nach Osten war, zeigt der Abschnitt „e)“ dieser Ausführungen: „Wichtiger ist aber, daß sich auf die dargelegte Art auch für die Zwecke der inneren Kolonisation ein Tätigkeitsfeld gewinnen läßt, das an Ausdehnung Ost- und Westpreußen bedeutend übertrifft. Mit Ausnahme des Lodser Industriegebiets scheint hier auf dem Boden Russisch-Polens die Bevölkerung nicht dicht zu sein und noch schwächer ist das Land der katholischen Litauer in den Gouvernements Suwalkie, Kowno und Wilna, sowie der protestantischen Letten in Kurland bevölkert. Schon an sich ist Raum für eine großzügige Besiedlung der deutschen Kolonisten vorhanden. Er muß aber – worauf noch zurückzukommen ist, … – künstlich noch beträchtlich vergrößert werden, damit aus unserem Bevölkerungsüberschuß hier ein starkes Germanenbollwerk geschaffen, dem Zuwachs an Industrie auch ein Zuwachs an Landwirtschaft gegenübergestellt und damit das politische Gleichgewicht gewahrt, die Volksernährung weiter verselbstständigt und eine Versorgung mit ländlichen Arbeitern vom Ausland emanzipiert werde“.

Suprematie durch russischen Staatsbankrott.

Zunächst sei das Bündnis mit Frankreich zu sprengen, die russischen Zentralbanken zu schwächen und, was zu erwarten sei: das wäre ein starker Kurssturz der russischen Staatspapiere. Im Einzelnen wird ausgeführt: „Ein solcher völliger oder teilweiser Staatsbankrott würde das besiegte Frankreich schwerer treffen, als alle anderen Länder zusammen. Es würde ihm für lange Zeit die Lust, vielleicht auch die Kraft nehmen, auf weitere finanzielle Abenteuer Rußland gegenüber sich einzulassen“.

Deutschland „als finanzieller Retter“ Russlands, das war wohl eher ein Traum von Wissenschaftlern. Lamprecht setzte setzte als Kommentar daneben, ein „?“-Zeichen. Interessant, dass exakt wie im Märzprogramm des Botschafters Bunsen, von 1854, hier Schweden Finnland, „als Preis für seine Neutralität“, zugesprochen erhält. Allerdings verbunden mit der Auflage, „eine Kolonisation großen Stils“ durchzuführen und dadurch dem „Germanentum Europas“ derart zurückgewonnenes Gebiet zu erhalten.

Industrie in Belgien und Ostfrankreich enteignen.

Im Folgenden wird in den Überlegungen der deutschen Reichsleitung auf Belgien Bezug genommen, und damit dessen zentrale Position seit Kriegsplanung, operationsplan und Kriegsbeginn. Die Problematik zwischen Flamen und Wallonen, sowie daraus möglicherweise zu ziehende Vorteile für eine Assoziierung mit dem  Deutschen Reich, wird eingehend betrachtet. Insoweit bis zu der Überlegung, gegebenfalls Luxemburg zu vergrößern, einer Einverleibung von Teilen Belgiens näher zu treten und vor allem die Produktionsmittel des Landes in die Hand zu nehmen. Für Lamprecht unverständlich, da ohne übergreifend „höhere Gesichtspunkte“, wie er anmerkte, konzentriert sich Schumacher 1914 ganz auf den „Kriegsschatz von 500 Millionen Mark Mittel zum Neu- und Ausbau“ der Flotte. Hier mit Bethmann Hollweg durchaus konform, der am 31. August Tirpitz gegenüber vom Einsatz der Hochseeflotte abriet. Das könne, mit größerer Aussicht auf Erfolg, im Nachgang (zum Friedensschluß) mit Unterstützung der dann erbeuteten französchen geschehen. Einen „Fonds zur Versorgung der Kriegsinvaliden und“ Gefallener, sowie „zum Ausbau“ des „Kabelwesens“ und der „Nachrichtendienste[s]“, der „innere[n] Kolonisation“ und für die „Enteignung in neu erworbenen Gebieten“ wurde gleichfalls ins Auge gefaßt.

„Große Städte mit rein französischer Bevölkerung, wie Nancy und Lunéville“, sollten nicht annektiert werden, „denn wir können sie national nicht verdauen“. Das von den Nationalökonomen propagierte Mittel der Enteignung, um die von Frankreich abzutrennenden Gebiete in die Hand zu nehmen, nahm sich bei weiten nicht so charmant aus, wie das die verharmlosend-überhebliche Formulierung Kurt Riezlers, Clemens Delbrücks und Bethmann Hollwegs im Septemberprogramm für die deutsche Expansion in Mitteleuropa in Aussicht stellte. Es leibt zu fragen: Ist der Weg von NATO und EU heute „charmanter“?

Die herben finanz- und geldpolitischen Erfahrungen von 1870 gipfeln in der Bemerkung: „Wo aber ein Bedarf nach baren Zahlungsmittel überhaupt nicht vorliegt, ist die Kriegsentschädigung gewissermaßen in Naturalien zu leisten: in Grund und Boden, gewerblichen Produktionsanlagen oder ihren Aktien, Eisenbahnen u[nd]. Ä[hnlichem].“

Auf die Kohleindustrie dieser Gebiete am Pas de Calais legen die Gutachter besonderen Wert. Wie das gesamte deutsche Oberkommando sind diese der Überzeugung, die Küste der Departements du Nord und des Departement de Calais seien im festen militärischen Besitz zu halten. Daraus ergebe sich fast von selbst, dass auch auf die Kohleindustrie dieser Gebiete schwer die Hand zu legen sei. Die Großindustrie ihrerseits habe Frankreich zu erobern. Und dies durch den Griff nach den Rohstoffen und den Produktionsmitteln der betroffenen Staaten.

Ein deutsches Kolonialreich in Europa, Afrika und Asien.

Im Osten seien deutsche Aussiedler anzusetzen, welche die innere Kolonisation vorantrieben. Dafür wären weite Gebiete frei zu machen. Russland sollte so, durch die Ansiedlung deutscher Siedler, geschwächt werden. Um die zunächst verlorenen Kolonien wieder zu gewinnen, war durchaus – im Einklang mit dem durch Belgien und Nordfrankreich ausgreifenden deutschen Operationsplan – erwogen, den belgischen Kongo zu erwerben. Keinesfalls wurde daran gedacht, eine Rückgabe nach einem Friedensschluss zu betreiben. So wie dies Bethmann Hollweg gegenüber dem englischen Botschafter Goschen, am 2.8.1914, offen gelassen hatte. Vielmehr sollte ein deutsches Mittelafrika durch eben diese Kolonie Belgiens Wirklichkeit werden; ein deutscher kolonialer Block, der sich von der Westküste Afrikas bis zur Ostküste, quer durch den Kontinent, erstrecken würde. Weiter entwickeln die Bonner Wissenschaftler den Griff nach Marokko (analog einer Forderung der Marine, 1944). Schließlich wird so deutlich, es bildete das alleinige Ziel des Krieges, das Erbe des britischen Empire anzutreten. Denn, so das Urteil der Gutachter von 1914, ausgreifende Ziele, nun gegenüber England, seien schließlich erst nach einem Sieg über das Inselreich zu verwirklichen. Das formulierten die Bonner Wirtschaftswissenschaftler, indem sie ausführten:

„Sollten wir endlich England gegenüber einen Sieg erringen, der uns die Beanspruchung eines kolonialen Siegespreises ermöglicht, so dürften an erster Stelle die ehemaligen Burenstaaten mit Rhodesien zur Verbindung mit unserem übrigen Kolonialbesitz und an zweiter Stelle Singapore undCeylon in Frage kommen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Damit wurde die damals, und bereits vor dem Krieg, herrschende Hypertrophie des Denkens noch einmal brachial unterstrichen und verdeutlicht, dass es Deutschland in Wahrheit keinesfalls lediglich um die Neuordnung der europäischen sondern der Weltkarte ging. Hier durchaus mit Bunsen einig, der 1854 offiziell keinesfalls eine neue „Weltdiktatur“ wollte. Wiewohl er, angesichts des zögerlichen Königs, dieses wohl zurückgestellt haben mag. Denn der Durchbruch Preußens zur fest etablierten Großmacht mochte durchaus als Zwischenziel gelten.

Bunsen: Preußen stärken durch Annektionen.

Diese, Bunsen im März 1854 zur Last gelegten, exzessiven Annektionsziele gegenüber Russland wiedersprachen allerdings frontal der Politik des Zauderns und Verzögerns, die Friedrich Wilhelm IV. verfolgte. Der preußische Gesandte in London vertrat damit eindeutig die Vorstellung derjenigen Gruppe, die das Bündnis mit den Westmächten vertrat, und votierte so unübersehbar für den Krieg mit Russland. In der Folge entzündete sich ein Flächenbrand im politischen Berlin, der sich zwischen den politischen Parteien liberaler und konservativer Prägung explosionsartig ausbreitete. Einerseits die Quasi-Nötigung des Königs, andererseits Vorstöße und Äußerungen von verantwortlichen Mitgliedern der Wochenblatt-Partei, wie zum Beispiel Albert von Pourtalès, führten zu einem Machtkampf zwischen den Parteigängern liberaler und konservativer Prägung am preußischen Hof. Damit überschritt die Diskussion um die Pro-Ost oder Pro-West Orientierung der preußischen Außenpolitik ihren Kulminationspunkt. Der Versuch scheiterte, dem König das englische Bündnis abzupressen. Damals trat, mit dem Ausscheiden der Wochenblatt-Partei aus sämtlichen politischen Positionen, ein – in dessen Fernwirkung von geschichtlichem Ausmaß –  geradezu schicksalhafter politischer Erdrutsch ein. Die Auswirkungen dieser Tage im März 1854 sollten bis in unsere Tage reichen.

London umwirbt noch eimal Preußen.

Denn, so wie Bunsen, nach seiner Einlassung und der Ablehnung des englischen Bündnisses durch den Dynasten, fragte, wo nun Preußens „Stellung in Europa“ und in Deutschland bliebe, so stellt sich diese Frage, im Jahre 2014, der Berliner und Brüsseler und NATO-Politik. Schließlich sehen diese Mächte sich, heute wie damals, gezwungen, zwischen West- und Ostanbindung zu entscheiden. Als erhellend mögen sich heute die Ausführungen Lord Clarendons lesen, die dieser im Gespräch mit Bunsen machte, und an die Addresse des preußischen Königs wie dessen Ministerpräsidenten richtete. Er führte gegenüber Bunsen, quasi in der Funktion eines „Brautwerbers“, aus, Preußens „Heer, das wisse man, könne in 14 Tagen jeden Einfall unmöglich machen. Außerdem rücke jetzt Oesterreich mit 150.000 Mann heran, an die Donaulinie. Am meisten aber betrübt, … dass Eure Exzellenz [von Manteuffel] noch von der ‘türkischen Frage’ … . sprächen. Er wolle sagen, es sei nicht allein eine europäische Frage, sondern eine deutsche, und wieder insbesondere eine preußische Frage. Preußen solle sich nicht verhehlen, dass seine Freunde für es zitterten: seine politische Bedeutung, als erste deutsche, und größte protestantische Macht des Festlandes stehe auf dem Spiel. Er spreche als Engländer, als Protestant, als Freund. Oesterreich habe Preußen überflügelt: noch sei es Zeit anzuknüpfen an alles Gethane. Der Krieg könne nicht lange dauern: … es werde nicht mal zweier Feldzüge bedürfen“. (Hervorh.v.m., B.S.)

Auf der Höhe der Krise 1854: Analog 1914/2014.

Hoffnungen, Gefährdungen, Tatsachen.

So wie das Bild vom kurzen Krieg des Jahres 1914 auftritt, so hatte Bunsen, angesichts des erneuten russischen Druckes auf Berlin, „den Kriegschutz der englischen Flotte in der Ostsee, [und] zum Schluss die preußische Erwerbung der russischen Ostseeprovinzen sehr deutlich zwischen den Zeilen verlangt“.

Doch war die Lage keineswegs so geartet, dass sich ein frisch-fromm-fröhlicher Krieg bereitwillig vom Zaune brechen ließ. Einerseits war die russische „Präponderanz an der Spree“ wieder hergestellt „und befestigt“. Auch der Versuch, „Preußen und den König unabhängiger von Rußland zu stellen, war völlig gescheitert“. Berlin erkannte zunehmend die Gefahr, in ein „zentral europäisches Kriegs-Theater“ hineingezogen zu werden. Einmal an der „Heerstraße zwischen Ost und West“ gelegen, weiter wenn Polen von den Westmächten angegriffen werden sollte, und ferner, wenn sich Preußen weiter neutral hielte, würden die anderen Mächte keine Veranlassung sehen, den Kriegsschauplatz nicht von der Donau an die Newa oder den Rhein zu verlegen.

Mitte des Monats März klärte sich der Kriegswille Englands und Frankreichs so weit, dass es zu einem Kriegshilfe-Vertrag mit dem Osmanischen Reich kam. Weiter aber verstärkte sich gleichzeitig der Druck Frankreichs auf die Rheinlinie, und Ende des Monats schien es möglich, dass Paris auf Berlin marschierte. Demgegenüber aber vertrat der Londoner Geschäftsträger nach wie vor seinen Plan einer Vergrößerung Preußens auf Kosten Russlands. Der Vorwurf der Bunsen gemacht wurde, darüber ein Abkommen getroffen zu haben, entsprach jedoch keinesfalls den Gegebenheiten. Allerdings hatte er sich wohl, für die preußischen Verhältnisse zu deutlich, zum Parteigänger der Kriegspläne Englands gemacht.

 

 4. Kapitel: Die Tradition des „Generalkrieges“ gegen Russland

Englischer Angriffsplan.

Es erscheint durchaus nicht fernab, wenn wir heute – unter dem Gesichtswinkel der Ukraine- und Krimkrise – uns in Erinnerung rufen, dass die NATO gleichwohl in den vergangenen 10 Jahren das Gleiche getan hat, was Bunsen am 1.3.1854 Friedrich Wilhelm IV. vorschlug; nämlich Russland durch Gebietsabtretungen derart zu schwächen, dass es als Großmacht und Machtfaktor auf Jahre, beziehungsweise Jahrzehnte, nicht mehr in Erscheinung treten könne. Eine Entwicklung die sich nach 1991, dem Zusammenbruch der UdSSR, auch tatsächlich vollzog. Und die Einbettung in eine westliche Staatengruppe, viele mögen an die NATO und die EU denken, fand ihre Parallele in den Besprechungen des preußischen Botschafters in London. Weiter mögen sogar Parallelen zu der Enthüllung der Angriffspläne der britischen Führungselite auf Russland, im Oktober 1853 nachzuzeichnen sein. Auch der Prinzgemahl Albert hatte gegenüber Bunsen, bereits vor geraumer Zeit, ähnliche Vorstellungen geäußert. Der preußische Geschäftsträger erklärte im Nachhinein, deutlicher werdend, im Oktober 1853 – das Osmanische Reich erklärte Russland den Krieg – habe er auf Schloss Windsor, aus der Hand Palmerstones, den Plan der Westmächte zur Kenntnis erhalten, wie mit Russland verfahren werden solle. Es sei „der Beschluss der Westmächte [gewesen], im Interesse europäischen Gleichgewichts, eventuell zu einer Gebiets-Verringerung Rußlands alle Kräfte aufzubieten“.

Es habe sich dabei um „vier Denkschriften über die orientalische Frage“ gehandelt. Diese seien aus den Federn des Prinzen Albert, der Lords Aberdeen, Russell und Palmerstone geflossen. Dieser habe „die Idee eines Austausches der Lombardei gegen die [Donau-]Fürstentümer“ vertreten, um Österreich mit ins Boot zu holen. Diesen Plan habe ihm, im Monat Februar, der Prinz Albert, bestätigt. Nun seien London und Paris hinter diesen Plan – und auch die lombardischen-walachische Rochade mit Österreich – getreten; das sei am 14. Februar bestätigt worden. Lord Clarendon habe über die „Grundidee des Operationplanes“ gesprochen, und er, der preussische Gesandte, habe über den „Beschluß der Westmächte“ nach Berlin berichtet. Gerüchte über die „’Eroberungs-Pläne’ der Westmächte“ seien seit November 1853 in London im Umlauf gewesen. Bunsen habe sich bemüht, eine Erklärung Englands dazu zu erhalten. Nachdem London und Paris Übereinkünfte getroffen hätten, sei auch Lord Clarendon bereit gewesen, dazu Erklärungen abzugeben. Dieser habe formuliert:

„Preußen welches von dem unmittelbaren Kampfplatz an der Donau entfernt ist, und seine Ostgrenze offen hat, gegen Rußland, das mit einem starken Heere, schlagfertig in Polen steht, kann an den ersten Kriegs-Operationen nicht teilnehmen, und darf nicht gedrängt werden, während England und Frankreich zur See, und Oesterreich, – wie angenommen wird – an der Donau einschreiten“.

Bunsen für den „europäischen Generalkrieg“ (von Finnland bis zum Kaukasus).

Preußen solle eine ehrgeizigere Politik verfolgen, empfiehlt Bunsen dem, der Wochenblatt-Partei zuneigenden, Kronprinzen. Damit widerrät der Geschäftsträger seiner Formulierung, er habe keinesfalls zu einer offensiven Politik gegenüber Russland geraten. Bunsen plädiert – neben einer ehrgeizigeren Politik – dafür, den bestehenden Einfluss auf den König zu koordinieren und unter Beachtung „strenger Disziplin, Verschwiegenheit und Muth sowohl gegenüber dem Auslande als namentlich gegenüber einer öffentlichen Meinung zu handeln, der man die letzten Zwecke nicht von Hause aus mitteilen“ könne. Bunsen warnt den Kronprinzen Wilhelm „vor einer gefährlichen Zukunft“. Bunsen plädiert offen für den Krieg mit Russland, und die Aufwertung Preußens durch Annexionen. Diese Vorstellung des preußischen Geschäftsträgers berührte sich mit den Zielen der Westmächte gegenüber Russland, nämlich nicht mehr lediglich den Krieg „an der Donau“ in Form „eine[r] Lokalisierung zu führen“, und lediglich „das begangene Unrecht Rußlands für diesmal zu ahnden, sondern … die Wiederkehr ähnlicher Übergriffe ein für allemal [und] ein Russisches Übergewicht über Mitteleuropa auf sein Maß zurückführen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Hier berühren sich die Kriegsausbrüche 1854 und 1914. Die Lokalisung des Konfliktes 1914 auf Serbien berührt sich mit dem Plan von 1854, zunächst in Moldavien gegen Rußland anzusetzen. Dass rasch diese begrenzte Vorstellung überlaufen wurde, und das 1854 wie 1914, drängt sich hier auf. Der preußiche Botschafter sieht das „europäische Gleichgewicht“ nunmehr „gegen Rußland gerichtet“, nachdem die Quadrupel-Allianz inzwischen durch das Wiener Protokoll sich zu einer „Quadrupelaction“ gegen Russland vereinigen werde. So nimmt Bunsen erneut eindeutig Stellung gegen den „Lokalkrieg“, und verwendet er sich mit aller Energie für den „europäische[n] General-Krieg“ der „kurz und entscheidend“ ausfallen werde. Hier der erneute Bezug zu 1914. Das Bild vom kurzen Krieg war vor 1914 leitend in den Köpfen, sowohl der Generalstäbler wie der leitenden Politiker. Dieser Generalkrieg dehne sich „von Finnland bis nach der Donau und  Kaukasisen hinunter“. Diese Vorstellung mochte schon den unbedarften Beobachter überraschen, haftet dieser doch bereits im damaligen Maßstab ein Geruch von Weltkrieg an. So verdient diese Aussage des preußischen leitenden Diplomaten in London insgesamt, und im Zusammenhang, zitiert zu werden. Bunsen faßte geradezu provozierend scharf zusammen:

„Jedenfalls wird der See- und Lokal-Krieg langwierig und unentschieden sein, deshalb ungeheure Opfer ohne entsprechendes Resultat verschlingen:der europäische General-Krieg gegen Rußland ist kurz und entscheidend. … Der Zweck des Krieges gegen Rußland muß doch zunächst der sein, Rußland zu bezwingen. Ist dies geschehen, so legt man ihm solche Friedensbedingungen auf, als für die Ruhe und das Wohl Europas notwendig erscheinen. Aus diesem Gesichtspunkt kann nicht der Lokalkrieg am Schwarzen und Baltischen Meer, sondern allein der Generalkrieg von Finnland bis nach der Donau und Kaukasienhinunter, rational erscheinen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Damit war das Kriegsziel, der Zweck des Russlandkrieges, aus der preußisch-liberalen Sicht offengelegt. Bunsen wagte offensichtlich, dies so deutlich zu sagen, da er sich mit den Vorstellungen in London und Paris eins wusste.

Der andere Weg der preußischen Politik. Absage an Großmachtstatus, Risiko und aktive Politik.

Doch in Berlin herrschte, im Kabinett Manteuffel, die Vorstellung von „der Herstellung eines Neutralitätsgebietes von 70 Mill[ionen]. in der Mitte von Europa“. Der Londoner Geschäftsträger erwartete jedoch, „dieses Neutralitätsgebiet würde Rußland volle Freiheit geben, den Krieg an der Donau u[nd]. etwa in Finnland mit überlegenen Kräften zu führen“.

Damit hatte sich Bunsen sehr weit vorgewagt, und die Kreuzzeitung, wie der Ministerpräsident, sahen sich folgerichtig in der Lage, einen erneuten Angriff gegen Bunsen zu führen, um den Störenfried endlich zu entfernen. Doch diesmal griff die Intrigue weiter aus und auch der Kriegsminister – wie Albert von Pourtalès, Usedom und Robert von der Goltz – wurden miterfaßt. Selbst der Prinz von Preußen verliess darauf Berlin, in der Erkenntnis, seine liberalen Anhänger würden aus der Zentrale der Macht verdrängt. Letztlich hatte wohl das Argument der Gerlach, Stahl und Bismarck, Bunsen habe „es … dahin bringen“ wollen, „einen Krieg der Heiligen Allianz gegen die Westmächte herbeizuführen“ zu dem, für die Konserativen, durchschlagenden Erfolg geführt und den König letztlich dazu bestimmt, sich gegen die Wochenblatt-Partei  und deren liberales Umfeld zu entscheiden. Blanke Kriegsangst war es demnach, die Preußen vor einem eindeutigen Votum für die Westmächte, und damit dem Krieg, bewahrte. Schließlich war die preußische Armee nicht kriegsbereit. Ein entscheidendes Faktum, das auch 2014 auf Bundeswehr, NATO und EU zutrifft.

Dennoch, und letztlich pro forma, fragte Friedrich Wilhelm IV. bei Moritz August von Bethmann Hollweg an, ob dessen Wochenblatt-Partei „gegen oder für diese“ seine „unwiderruflichen Entschlüsse“ stimme. Für die darauf folgende erstmalige außenpolitische Diskussion in der Kammer des Preußischen Landtages bereitete Robert von der Goltz daraufhin eine grundlegende Stellungnahme der liberal-konservativen Parteigänger zu den Eventualitäten eines „englischen Bündnisses“ vor.

Wochenblatt-Partei für englisches Bündnis und Großmachtstatus.

Gegen eine Neutralität Preußens.

Weder ein die „isolierte Neutralität“ respektierendes Preußen, noch ein – mit den Westmächten erfolgloses Österreich – und folglich ein „ringsum cerniertes Preußen“ – schienen Goltz weiterer Beachtung wert. Stattdessen entwickelt er seine Sicht der strategischen Lage Europas: „Die Westmächte haben für sich gegen Rußland die Herrschaft zur See … Hierdurch wird Rußland verhindert, dem Neutralitäts Complex irgendeine bedeutende Hüfe zu leisten. …

Sie haben gegen Oesterreich den Bestand von ganz Italien namentlich Piemont, die Blockade von Triest, so wie den Aufstand in Ungarn und derLombardei.

Deutschland und dessen Zersplitterung und die geringe Widerstandsfähigkeit am Oberrhein, die Vernichtung des maritimen Exports, die Beschäftigung mehrerer Armeekorps allein zur Besetzung der langen Ostseeküste: Endlich den englischen von Oesterreich nicht unterstützten Kampf am Rhein gegen das mit Belgien verbündete Frankreich. Dänemark wie Holland dürften wahrscheinlich von den Westmächten gleichfalls zum kriegerischen Einschreiten gegen Deutschland genötigt werden“.

Eine „Complentatitive Neutralität“ erschien somit von der Goltz wenig erstrebenswert. Die Westmächte seien zu einem derartigen Vorgehen entschlossen. Preußen drohten, im Falle der Neutralität, härtere Kämpfe, als wenn Berlin am Russland-Krieg teilnähme. Allein die Verbindung mit England würde Preußen sichern. Damit wäre die Rheinlinie geschützt. Bliebe Preußen dagegen isoliert oder „complexiv neutral“, so würde es England und Frankreich gegen sich haben.

Für die Kombination mit Österreich und den Westmächten.

Denn der Weg führe über Österreich, mit dem man sich verständigen könne, und dessen Unterstützung das Verhältnis mit den Westmächten zu kontrollieren erlaube. So sieht Goltz die preußische und die österreichische Armee bereits marschieren, und erwartet, dass den „russischen Armeen im Caukasus, an der Donau und in Finnland wie an der Ostsee“ der Rückhalt entzogen werde.

Damit würde auch den Westmächten, mit ihren Armeen in Verbindung mit den Türken, Carcassen und Schweden, die Tür zum Sieg offenstehen. Allerdings, und dieses Argument war allen preußischen Stellen gemeinsam, bestünde die Gefahr, dass die Westmächte, so Berlin sich in deren Hand begebe, dieses die Zeche allein zahlen ließen.

Englands Kriegsentschluß.

Doch das englische Bündnis fand in London herausragende Unterstützung. Der Prinzgemahl der Queen Victoria, Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, betrieb geradezu eine Nebenregierung zur offiziellen englischen Politik, in dem Bestreben, das Bündnis mit Preußen Wirklichkeit werden zu lassen.

Bunsen hatte, in intensiven Kontakten mit dem Prinzgemahl das preußisch-englische Verhältnis verbessert, mit dem Ziel ein Bündnis mit London zu schließen. Dass ihm im Folgenden vorgeworfen wurde, er habe Gebietsabtretungen auf Kosten Russlands vereinbart, war in der speziellen Konfliktsituation am Berliner Hof begründet. Der Botschafter gab im Nachhinein an, der Prinzgemahl Albert habe ihm vor etwa sechs Monaten, im Herbst 1853, bereits mitgeteilt, was geschehen würde. Dasselbe sei auch gegenüber dem Prinzen von Preußen geschehen. Es ging, bereits zu diesem Zeitpunkt, das heißt parallel zur Kriegserklärung des Osmanischen Reiches an Russland, um Palmerstones Angriffsplan auf Russland.

Vom Kriegsentschluss Englands – bis zur Entwicklung der Diskussion von verschiedenen Operatiosplänen des Prinzen Albert und der Lords Russel, Aberdeen und Palmerstone – gelangt London, Ende des Monats Februar 1854, zu dem lombardisch-walachischen Austausch- und Ausgleichsplan, zwischen Österreich-Sardinien/Piemont und Frankreich.  Der preußische Geschäftsträger wurde erneut in die inner-englische Diskussion eingebunden, indem Lord Clarendon ihm die Grundidee des Operstionsplanes gegen das Zarenreich erläuterte.

Es gab also einen englischen Kriegsentschluss, der aus dem Herbst 1853 datierte. Bunsen war vorsichtig in der Formulierung einer möglichen Beteiligung Preußens er bestätigt: „Preußen welches von dem unmittelbaren Kampfplatz an der Donau entfernt ist, und seine Ostgrenze offen hat, gegen Rußland, das mit einem starken Heere, schlagfertig in Polen steht, kann an dem ersten Kriegs-Operationen nicht teilnehmen, und darf nicht gedrängt werden …“

Die Nebenregierung Prinz Alberts und das Preußische Bündnis.

Der Briefwechsel des Prinzgemahls Albert mit seinen Verwandten in Deutschland fördert einen regen Gedankenaustausch zu Tage, der nachweist, wie entschieden und zielgerichtet die Londoner Führung auf den Krieg in Russland zusteuerte. Von der Erwartung, dass England allein den Kampf  mit Russland nicht bestehen werde, ausgehend, schien Preußen den geeigneten Bündnispartner darzustellen. „In Preußen“ sei doch „die Nation nichts, der König und sein Ministerium alles“. Aus der Sicht der Coburger allerdings mangelte es in Berlin an einer befähigten Persönlichkeit. In London herrschte die Überzeugung, wenn eine solche aufträte, „morgen einem Bündnis Englands mit Preußen nichts im Wege“ stehen würde.

Entscheidend für die Fortdauer dieser Entschlusslosigkeit Berlins blieb, und sollte in Zukunft bleiben, die Bindung der englischen Regierung an das Parlament und dessen notwendige Zustimmung zu jeglicher Bündnisvereinbarung. Das, was Bismarck gegen Ende der achtziger Jahre, und Bethmann Hollweg zu Beginn des neuen Jahrhunderts, beschäftigen sollte, wurde hier im März 1854 verfestigt und  angesichts der doktrinären Sicht der Preußen, und der eher locker-flexiblen Haltung Englands, unüberbrückbar.

Es wurde von englischer Seite bekräftigt:

„Wenn Preußen unsere Allianz für den gegenwärtigen Konflikt sucht, so werden wir antworten: wir können die Allianz nicht versprechen ohne den Consens des Parlamentes zu haben, und wir sind – im Voraus gewiß, daß das Parlament für eine solche causa belli den Consens nicht geben wird. Anders wäre die Sache, wenn die Kriegsursache große Interessen berührte und Russland oder Frankreich mit in den Kampf hineinzöge. Auch dann könnten wir nichts versprechen ohne Consensus des Parlamentes, aber dieses würde in einem solchen Fall die Zustimmung wohl ertheilen“.

Prinz Albert signalisierte ein besonderes Interesse an einem Bündnis mit Preußen, und gewann damit quasi Position und Bedeutung einer Nebenregierung. Während Coburg eher mit einem Bündnis zwischen London und Paris rechnete, betonte der Prinzgemahl „ein viel directeres Interesse  Preußens an der Frage als England oder Frankreich“.  Diese sei „für Deutschland eine Lebensfrage, während sie für uns ganz anderer Art ist; denn an der ganzen langen Linie der preußischen [und] der oesterreichischen Grenze drückte der russische Coloss, während wir gar keine Berührung mit ihm haben außer die Indignation, welche die unglaublichen Rechtsverletzungen auf allen Teilen des Kontinents hier erregen“.(Hervorh.v.m., B.S.)

Englands Kriegsplan und preußisches Schwanken.

Und im Folgenden entwickelte Prinz Albert den Kriegplan und die Kriegsvorbereitung der Westmächte. Er entwickelte: „Unsere Kriegsoperationen gehen vorwärts und zumal so schnell als die französischen. Die Flotte in der Ostsee wird ausgezeichnet schön, wenn nicht etwas zu schwer für das schwarze Meer. Die 25.000 Mann für Constantinopel [von denen] 10.000 gerade in Malta angekommen, die Artillerie wird durch Frankreich gehen und auf des Kaisers Wunsch durch Paris marschieren!! Wer hätte sich so etwas vor einem Jahr denken können!“

Doch gleichzeitig machten sich sich die Folgen des System Manteuffel in Berlin bemerkbar, eines “de faire semblant“. Die erneute Zurückhaltung Preußens ließ es möglich erscheinen, Preußen werde nun „auf die russische Seite geworfen“. Die Coburger erkannten die Schwäche Berlins in dessen König Friedrich Wilhelm. Herzog Ernst schrieb dem Prinzgemahl, der König liebe es „mit sspitzigen Instrumenten zu spielen, sie aber nicht zu gebrauchen“. Die Kreuzzeitung plädiere für ein Bündnis mit Russland. Es ging um eine Art von Neutralität. In dem künftigen Kampf mit Russland stehe Preußen wohl zwischen den Fronten, so des Coburgers scharfe Beobachtung. Auch der preußische Ministerpräsident stehe zwischen den Fronten und neige wohl einem Bündnis mit Russland zu. Was Maneuffel den Westmächten offeriere, sei jedoch lediglich eine Art von Neutralität. Darin, so Herzog Ernst, entstehe eine große Gefahr für Preußen, das „für den großen Kampf, der sich jetzt vorbereite“, verloren sei. In Süddeutschland werde zumal geäußert, Preußen entwickele sich an der Zeit vorbei. Dieses sei nicht mehr nur ein deutscher sondern ein europäischer Großstaat. Zudem sei die Konfusion in Berlin größer denn je, und es grassiere der Glaube, eine, wie auch immer geartete, Neutralität könne den Krieg mit Russland verhindern. Kurz gesagt, Preußen werde sich zwischen einem kriegsbereiten Österreich und den Westmächten in eine neutrale Sackgasse hineinentwickeln.

Dahinter stecke, so Friedrich von Baden, in Berlin dennoch die Überzeugung, dieses könne unmöglich mit Russland gehen. Andererseits aber werde versucht, die „Wendung gegen dasselbe so lange als möglich [zu] verzögern“, um schließlich „sagen zu können, man sei gezwungen“. Es überrascht, wie entschlossen der Großherzog von Baden „für das entschiedene Vorgehen gegen Rußland, als den glücklicheren Weg“ votiert.

Unsicherheitsfaktor: Das revolvierende Frankreich.

Doch kompliziert die französische Politik zusätzlich die labile Entwicklung zwischen West und Ost. Napoleon III. sucht nämlich einen außenpolitischen Erfolg in Norditalien und droht, Sardinien-Piemont, die italienische Befreiungsbewegung, gegen Österreich loszulassen, um so Wien an die Seite der Westmächte zu zwingen. Ähnlich wie Bethmann Hollweg/Kiderlen 1911 in der zweiten Marokko-Krise mit England zu verfahren suchten (Bethmanns Gespräch mit Lichnowski im Februar).

Im persönlichen Gespräch hatte der Kaiser Herzog Ernst durchaus diese Möglichkeit als naheliegend dargestellt, zumal er das Risiko eines Zurückschlagens der Revolution auf Frankreich in Kauf zu nehmen schien, übergreifend zugunsten seiner Interessen und der europäischen Stellung Frankreichs.

Wie sehr Napoleon jedoch mit dem Feuer spielte, wird deutlich, wenn wir uns das ungeheure Leiden Europas unter den kriegerischen Folgen der Französischen Revolution zwischen 1789 und 1815 vor Augen führen, und  uns zusätzlich vergegenwärtigen, wie sehr, und nahezu Atom-bombengleich die Gefahr der Revolution, noch um die Mitte des Jahrhunderts, im allgemeinen Bewusstsein der Menschen verankert war (vgl. Leopold von Gerlach zu Bismarck).

Die Anti-Ost-Ausrichtung Westeuropas.

Demgegenüber überrascht natürlich auch die Einheit des Kriegswillens der englischen Führungseliten im Gegesatz zu der zerrissenen Haltung Berlins. London war entschlossen, gründlich mit Russland aufzuräumen. Eine Abstinenz Österreichs vom Krieg gegen Russland, so Herzog Ernst, werde – nach der Aussage Napoleons –  zum Krieg in der Lombardei führen. Feinsinnig deutete der französische Kaiser an, er werde „in einem solchen Fall, selbst wenn er wolle, die revolutionäre Partei Italiens … nicht zurückhalten können“.

Regierung und Hof in London seien einer Haltung in deren Entschlossenheit, den Krieg mit Russland durchzuführen. Die englische Diplomatie sei – zu einem Zeitpunkt zu dem in Berlin noch um moralische Instanzen in der Politik gerungen wurde – nach wie vor bestimmt von einer „Interessen-Politik“. Man solle sich nicht täuschen, es sei ganz und gar nicht das Ziel Londons, „einen betrügerischen Frieden“ herbeizuführen. Beschlossen sei nun, ob mit Paris, Wien oder Berlin, oder nicht, „die letzten Ursachen der Störung des Friedens gründlich zu entfernen und damit die Gefahr der Wiederkehr künftiger Störungen zu beseitigen“. Interessant auch wie Prinz Albert diesen Zusammenhang seinerseits darstellt, und ferner, wie nah diese Argumentation von 1854 jener im Berlin des Jahres 1914 kommt. Der Prinzgemahl der Queen Victoria unterstreicht:

„Die Hauptsache ist, den nun unvermeidlichen Krieg so schnell als möglich zu beenden. Das kann nur geschehen, wenn Europa fest zusammensteht; ein solches Zusammenhalten gibt zugleich die beste Garantie dafür, dass dieFrage, um derentwillen der Krieg geführt wird, nicht in andere ausarte, die ihr ursprünglich fremd sind. … Aber gewiss ist, dass wenn Europa jetzt gegen Rußland zusammenhält, die Lösung der Interessen Europas entsprechen muß, während sie die Realisierung der Interessen Rußlands unmöglich macht“.

Was aber nun machen 1854 die Interessen Europas aus? Ist Russland der alte Gegner Europas? Und wie nimmt sich das heute aus? Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha spricht von einem „intimen[r] Haß gegen Rußland“ im deutschen Volk. War es allein die Revolutionsfurcht, die damals die Politikergehirne beherrschte, die, wie Prinz Albert vertritt, Preußen und Österreich an Russland band? Die Pressionspolitik Russlands seit 1815, und die Verhältnissen von 1848, 1850, 1854 drängen sich auf im Vergleich mit 2014. Steht, so die Frage heute, angesichts der jüngsten Ereignisse, eine Entwicklung wie damals, nämlich eine Politik des Abstandnehmens von Petersburg, nach Jahrzehnten wieder an? In den schicksalschwangeren Wochen des März 1854 formuliert dazu der Prinz-Gemahl der Queen Victoria einige Leitgedanken. Er hält fest:

„Die öffentliche Meinung Deutschlands ist seit langem wesentlich anti-russisch. In der deutschen Nation ist ein intimer Haß gegen Rußland. Würde Deutschland in einen Krieg mit Frankreich für  Rußland gerathen, so würde durch das entgegen stehende Nationalgefühl die Vertheidigung Deutschlands wesentlich vielleicht entscheidend paralysiert werden“.

Entwicklungsbremse: die preußisch-österreichische Dichotomie.

Interessant, wie ausgeprägt in Preussen nach wie vor das diffiziele Verhältnis zu Wien im Vordergrund stand. Auf der einen Seite herrschte noch das Gefühl, wie zu Zeiten Friedrich Wilhelm I., nämlich einer  inneren Verpflichtung Berlins für Wien, der alten Kaisermacht, andererseits die Dichotomie zwischen Preußen und Österreich, die mit Friedrich II., und den schlesischen Kriegen, aufgebrochen war. So lag, aus der Sicht des Prinzen Albert, das Haupthindernis für ein preußisch-englisches Bündnis in Berlin. Einmal sei der Einfluss Österreichs auf Preußen ungebrochen, andererseits bekämpften sich „unterhalb des Königs … zwei Parteien … deren Siege oder Niederlagen die Schwankungen der preußischen Politik“ hervorbrächten. Zunächst die Kreuzzeitungs-Partei, welche „die russischen Intentionen“ favorisiere. Diese habe einige Zeit lang auch die österreichischen Interessen vertreten.

Der Ministerpräsident stand zwischen dem König und den Parteien, und neigte, während der Krim-Krise, den Vorstellungen der westlich orientierten Wochenblatt-Partei zu. Entscheidend schien es dem Prinzen, die „russische Partei“ am Berliner Hofe zu entmachten. Denn selbst die Wochenbättler, die durchaus anti-österreichisch, aber noch weit mehr anti-russisch seien, tendierten im Grunde nach London und Paris. Jedenfalls würden diese sich einer „Action Oesterreichs gegen Rußland aufrichtig und ohne Hintergedanken anschließen“. So stehe, aus der Sicht des Londoner Hofes, die den deutschen Verhältnissen eigentümliche preußisch-österreichische Rivalität einer zügigen Fortentwicklung der deutschen und europäischen Verhältnisse entgegen. Und die Kreuzzeitungs-Partei, so Prinz Albert, habe schließlich erklärt, „wenn sich Oesterreich gegen

Rußland ausspreche“, würde sie „ein Bündnis mit Rußland dem mit Öst[errei]ch vorziehen“. Der Prinzgemahl erläutert, diese Partei habe „stets nur einen oesterreichischen Schein gehabt“, und würde sich sofort „bei Unglücksfällen der Coalition … im Bunde mit Rußland gegen Oesterreich … wenden“.

Um die politische Deutungshoheit zwischen Ost und West.

So bekämpften sich die verschiedenen Sichten in Berlin im Schatten eines unentschlossenen Königs. Eine Situation, die vordergründig an den Reichskanzler von 1914, und, unter Umständen, die Bundeskanzlerin von 2014 erinnert. Diese kämpften 1852/54 allerdings derart erbittert, dass die Argumente. wie jenes der Revolution, wie der Vorwurf, eine antiquierte Politik zu vertreten, sich unversöhnlich im Raum stießen. Das ging so weit, dass Bismarcks Plan, das Rheinland – um Kompensationen in Italien zu gewinnen – Frankreich zu überlassen, von der Wochenblatt-Partei als in der sozialen Ideologie der ostelbischen Junker verankert sah. Dahinter verbarg sich der Vorwurf, die Konservativen würden Preußen allein lassen. Dagegen schwelte hinter der Position der Liberal-Konservativen deren tiefes Misstrauen gegenüber dem griechisch-orthodox bestimmten Zarentum. Andererseits, so hieß es, werde Russland nie völlig aus Europa ausscheiden. Für die Konservativen bestand die Gefahr, Preußen werde „bloß die Kohlen für die Westmächte aus dem Feuer holen“, falls sich Berlin in den Krieg mit Petersburg hineinziehen lasse.

Die Wochenblatt-Partei ihrerseits betonte daraufhin die Gunst der geschichtlichen Lage, „einen Schritt vorwärts zu tun auf der Bahn zu preußischer Größe“. Dies wurde erschwert durch die Erwartung, auch Albert von Pourtalès, Frankreich werde sich dem entgegenstellen, und stets auch an einem „englischen Bündnis“ beteiligt sein. Eine Ausdehung Frankreichs, auf dessen traditionellen Bahnen territorialer Expansion, nämlich nach Nordosten, wurde in Berlin akut befürchtet. Dagegen aber würde gerade das preußisch-englische Bündnis wirken. Pourtalès vertrat somit gegenüber Manteuffel die Poition, zunächst mit England zu gehen, und darauf „mit dem uns dann zu Dank verpflichteten Großbritannien nach Westen hin Front zu machen“. Hier blitzt die Idee des „Festlandsdegens“ auf, die in Deutschland später – vor 1914 und nach 1934 – zur Geltung kommen sollte. Es schwang jedoch in den Vorstellungen der Wochenblatt-Partei ein durchaus aggressiver Unterton mit. Nämlich jenes erklärte Ziel, des Aufstieges Preußens zu einer gefestigten Großmachtposition. Eine Projektion, welche dem – nach 1870 – halbhegemonialen bismarckischen Reich ebenfalls innewohnen sollte. So erklärt sich das ständige Ringen der preußischen Vertreter mit den westlichen Verhandlungspartnern um die Anerkennung und Berücksichtigung Berlins als „ständige Großmacht“.

Einerseits von London bedrängt, sich außenpolitisch dem Krieg mit Rußland anzuschließen, andererseits vom österreichischen Kaiser genötigt, die preußische Armee Front nach Osten aufnehmen zu lassen, sah sich der preußische König innenpolitisch gezwungen, sich zwischen der liberal-konservativen Vorstellung des Landgewinns im Osten durch Krieg und jener der konservativen Kreuzeitung, mit Rußland gegen Frankreichs auflebenden Exopansionismus die Rheinlinie zu halten, zu entscheiden. Bunsens große Denkschrift zu den orientalischen Verhältissen hatte Friedrich Wilhelm schlaglichtartig die der Situation innewohnenden Gefahren vor Augen geführt, und zum erschreckten Zurückweichen des Königs vor so viel geschichtsmächtiger Konsequenz geführt. Schließlich waren sich die Liberalen (Bunsen) durchaus der fragilen Grenzen und ökonomischen Schwächen Preußens bewußt, das anders als das, hinter den Karparten und der Donau geschützt stehende Österreich, jederzeit vom kalten Lufthauch der russischen Armee gestreift werden konnte.

Dies gewichtige Argument ließ Bismarck für den „nordischen Dreibund“ votieren, war er aber doch gleichzeitig eher ein Vertreter der von den Liberalen verfolgten kühlen Interessenpolitik, die das konserative Lager seinerseits jedoch aus innerster Überzeugung zurückwies. In Deutschland überlagerten sich so nicht nur die preußische und die österreichische Politik, sondern bestärkte das unverkennbare Zögern Preußens auch den Verdacht der süddeutschen und mitteldeutschen Staaten, es mit Berlin nicht mit einer kommenden Führungsmacht zu tun zu haben. Eine Situation und ein Gedanke, die als von den Eindrücken des Jahres 2014 bekräftigt erscheinen könnten.

Bunsens Freund, Prinz Albert, findet harsche Worte zum Verhalten der Berliner Politik, enttäuscht diese doch dessen Wunsch ntscheidend, Preußen möge künftig mit dem Westen zusammengehen. Mit dem Ausscheren des Königs aus den Plänen der Liberalen, Preußen in die Arme Londons zu werfen, fallen einerseits harte Worte gegen Friedrich Wilhelm IV, andererseits aber zerfasert gleichzeitig  die Wochenblatt-Partei, deren Vertreter entmachtet, nun aus der Machtzentrale ausscheiden.

Im Schwarzen Meer laufen gleichzeitig erste Flottenoperationen, stoßen die Türken nach Norden und werden die Russen aus den Donaufürstentümern herausgedrängt. Das fördert in Berlin postwendend die leichtfertige Haltung, nun sei ja kein Grund mehr für überstürzte Rüstungen. Auch eine Haltung, die uns  1911, 1912 und 1914 bei Wilhelm II. immer wieder, und auch heute, begegnet, welche nun aber, 2014, unverzüglich die Retourkutsche Rußlands förder, militärisch NATO und EU überlegen zu sein. Solch kurzsichtiges Denken, so Pourtalès, fördere jedoch weiteren Macht- und Einflußverlust Berlins in Deutschland. Was folgt, entspricht vollkommen dieser Aussage. Österreich baut gegenüber Rußland eine einflußreiche Drohkulisse auf, und intensiviert damit die Verbindung zu den Westmächten. Geradezu seherisch fällt nun der Kommentar Pourtalès’ aus, der zu Bunsens und Jasmunds Forderung zurückkehrt und den „Kampf gegen die Übermacht Rußlands“ fordert. Diese sei auf Dauer zu brechen. Darin nun ganz einig mit London. Dies könne ausschließlich an der Ostsee eintreten. Die Westmächte seien hier ohne Mittel. Österreich werde im Norden ebenfalls nichts nützen. Dieses besetzte seinerseits gleichzeitig die Donaufürstentümer. Da Friedrich Wilhelm zu solchen Entschlüssen nicht fähig war, schlug sich nun Pourtalès in der Folge auf die Seite des Parlaments und votierte er, darin seiner Zeit weit voraus, in Bezug auf künftige vrfassungspolitische Entwicklungen, gegen die Monarchie.

Das englische Bündnis – ein Traum. Scheitern der Usedom/Wedellschen Mission.

Doch dies täuscht nicht darüber hinweg, dass die Wochenblatt Anhänger ihre Wunden leckten und politisch kaum noch Einfluss besaßen. So träumte dann auch Moritz August von Bethmann Hollweg gegenüber Usedom, im Dezember 1855, eher von künftiger Machtbeteiligung, als er wohl eben daran glaubte. Dennoch, eine zweite Mission, oder eine dritte oder vierte – wer weiß das genau – die Usedom Wedelsche, betrieb den Traum eines englischen Bündnisses erneut. Wenngleich deren Schicksal dem der voraufgegangenen entsprechen sollte. Denn erneut trat der Ministerpräsident von Manteuffel als Gegner dieser Art von Königs-Diplomatie auf. Auch traten Diplomaten in preußischen Diensten auf die Seite ihres Ministerpräsidenten, und dennoch zeigte sich erneut das besondere Interesse der Nebenregierung des englischen Hofes an einem solchen Projekt. Dabei fiel besonders ins Gewicht, mit welchen Worten die Queen den Gesandten Usedom begrüßte. Sie betonte, „die Schleifung von Sebastopol, [die] Reduction der Russischen Kriegsmarine im Schwarzen Meer etc. als ‘Consequence’ der 4 Garantie-Punkte Englands“.

Nicht zuletzt die wiederholten Fehlversuche, in London ein Bündnis zu Stande zu bringen, bedingten nun für Usedom-Wedel eine zusätzliche Hürde. London zeigte sich nämich inzwischen gegenüber preußischen Spezial-Missionen allergisch. Dennoch unterhielt sich Prinz Albert von Sachsen-Courg und Gotha, Gemahl der Queen, äußerst „offen und erfolgreich“ mit den beiden preußischen Gesandten. Das politische London machte letztendlich allerdings Front gegen die Preußen. Es wurde argumentiert, „die bisherige Politik“ Berlins „habe sich praktisch als bloße Schutzwehr Rußlands erwiesen“. Österreich schien auf die Seite der Westmächte gewechselt zu haben, und wurde nunmehr als Gegner Preußens verstanden. Ein Bündnis mit Berlin erschien deshalb nutzlos, da  „Preußen sein Heer gegen Rußland aufstelle, wenn Rußland sich etwa darauf verlassen könne, daß dieses Heer doch niemals gegen Rußland, sondern entstehenden Falls vielleicht ja gar gegen Österreich gebraucht werden würde? In dieser Sicherheit könne Rußland dann seine ganze Kriegsmacht aus Polen herausziehen u[nd] anderweitig verwenden“.

Russland werde durch Preußen entlastet. Das war einer der entscheidenden Eindrücke des Jahres  1855. Usedom reichte diesen Vorwurf postwendend weiter an Manteuffel, der wiederum im Gegenzug die Gesandten in London zu desavouieren suchte. Der Emissär warf dem Ministerpräsidenten vor, mit der „Wirklichkeit der Dinge verstecken zu spielen“. Doch der König stand nun überraschendenderweise entschlossen an der Seite Usedoms und forderte, „die bisherigen Schritte in London bei Lord Clarendon … fortzusetzen“. Die gegenüber Preußen weiterhin gereizte Atmosphäre hatte jedoch Bestand. Das meldete Usedom nach Berlin und erhielt daraufhin die Antwort, der König plane inzwischen „eine mit der Spitze gegen Rußland gerichtete bewaffnete Neutralität“. Preussen wolle weiterhin unabhängig in seinen Entscheidungen bleiben, herrsche doch nach wie vor eine bedeutende Sorge, angesichts der möglicherweise aus dem Westen importierten Revolution. Vor allem schaute Berlin mit Sorge nach Osten: auf Polen. Das nicht zu Unrecht, denn schließlich schien das berechtigt, da eine revolutionäre Bewegung in Polen das „gesamte Staatensystem in den Grundfesten … erschüttern“ mochte. So stand kurioserweise neben Preußen, England und Frankreich, auch Russland bereit in Polen militärisch zu intervenieren.

Alles lief darauf hinaus, dass Preußen im kommenden Frühjahr blockiert werden würde. Berlin schien inaktiv bis zum casus foederis. Dieses Verhalten gefährdete jedoch zugleich dessen beständige Großmachtstellung. Die Westmächte schätzten Preussen gering, und Österreich suchte die Entfremdung auszunutzen, welche zwischen Berlin, Paris und London eintrat. Gleichzeitig aber nahm der König seine Politik des „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß“ wieder auf. Nun beabsichtigtete die offizielle Politik Berlins auf das österreichischem Bündnis überhaupt zu verzichten, und, „im Sinne Pourtalès und Bunsens[,] den förmlichen Anschluss Preußens an die Westmächte“ zu vollziehen. Insgesamt schien der König Zeit gewinnen zu wollen. Einerseits drängte er mit dem Vertragsentwurf vom 4. Februar 1855 auf den Abschluß eines Bündnisses. Andererseits betont Manteuffel wiederum am 8. Februar, „die  Action Preußens sei von seiner Selbstbestimmung abhängig zu machen“; und schließlich folgte kurz darauf ein Telegramm des Königs, das vor zu großer Eile warnte. Übergreifend betrachtet, gingen die Kriege von 1854 und 1914 von ähnlichen Grundvoraussetzungen aus. Beide Mal ging es darum, „de repousser par la force des armes toutes aggression future de la Russie“.

Dazu war Berlin zu diesem Zeitpunkt, und in dieser politischen Konstellation, 1854 offensichtlich nicht bereit. Doch Lord Clarendon öffnete abschließend Usedom-Wedell gegenüber die Hoffnung, eine Revision dieser Haltung möge die Zukunft bringen, „that Prußia may think consistent with her honor and her interests“.

Schluß.

Gefahr durch den Abstieg Rußlands und der USA (zunehmender Militarismus, Kampf um die Suprematie auf der Nordhalbkugel, Konkurrenz der Weltmachtaspiraten).

Preußen, England, Rußland (1854). Deutschland, USA, Russland (2014)

England und Frankreich führten aus eigenem Entschluss den Krieg gegen Russland auf der Krim. Die russische Armee wurde auf dem Festland nach Norden zurückgeworfen, und sah sich in der Flanke und auf eigenem Territorium, vor Sewastopol gestellt.

Die Erwartungen der konserativen Kreuzzeitungsparteie wurden enttäuscht. Es kam in dem Unheilsjahr 1854 weder zu einem preußisch-russischen Bündnis noch zu einem allgmeinen europäischen Krieg. In Wien hatte die Kriegspartei gesiegt – in Preußen jene der Tauben. Anders als es bisher in der Forschung gesehen wurde, wird hier die Position vertreten, aus den Äußerungen des preußischen Botschafters in London, Bunsen, seien die radikalen tatsächlichen Vorstellungen ausgesprochen, zumindest jene des liberal-konserativen Teils der preußischen politischen Elite. Doch einerseits hielten politisch-theologische und juristische Vorstellungen der Vergangenheit den Gedanken an ein preußisch-englisches Bündnis wach. Vergangenheit war zu diesem Zeitpunkt bereits das konservative Bild eines preußisch-österreichischen Blocks, um den herum sich ein neues Europa bilden sollte.

Verschiedene Blickrichtungen, die eine nach Westen – die andere nach Osten, bestimmten in Berlin das politische Denken der Zeit. Die preußischen Konservativen verstanden das englische Bündnis in Kontinuität lediglich als Gegengewicht zu Frankreich. Keinesfalls aber als Alternative für das russische. Letzlich aus moralischem Getändel heraus, versagte sich die Kreuzzeitung bereits zu diesem Zeitpunkt einem Bündnis, das sämtliche Komplikationen der kommenenden einhundert Jahre aufgelöst haben würde. Der westlich orientierte liberale Geist in Preußen konnte sich gegen die konservative Tradition nicht durchsetzen. Das Aufflammen dieser Bewegung nach 1850 erstarb mit der Entlassung der Parteigänger der Wochenblatt- Partei aus den Regierungsfunktionen, im Zuge der Diskussion um die Thesen Bunsens um ein preußisch-englisch-französisches Bündnis gegen Russland 1853-54. Die Liberal-Konservativen warnten vor einer möglichen Herrschaft Russlands bis zum Rhein. Die Verhandlungen mit London scheiterten, da die Hände aus vielerei Gründen gebunden waren.

Wie der deutschen Administration von 1914 um Theobald von Bethmann Hollweg beabsichtigte die Wochenblatt-Partei Bündnisse mit westlichen europäischen Staaten, wie Frankreich und England, zu fördern, um so für Berlin die außenpolitische Handlungsfreiheit zurückzugewinnen. Russland dagegen war ihr innenpolitisch-verfassungsrechtlich ein Greuel, ein Hort der Reaktion. England erschien demgegenüber als das Zentrum der Freiheit.  Die Bindung an den Westen, die in Deutschland sich erst mit Adenauer durchsetzen sollte, quasi die Position der NATO und EU von heute, griff noch nicht. Die Grundprinzipien des Handelns aber, waren mit Bunsens und Riezlers Denkschriften von 1854 und 1914 bereits festgelegt.

In Preußen ging es darum, im Zuge einer Zurückdrängens des russischen Übergewichts, und dies in Verbindung mit England, die preußische Außenpolitik zu aktivieren, und dessen Machtstellung neu zu bestimmen, um das alte Prestige wieder zu gewinnen. Preußen, als Vorreiter des Kampfes gegen Russland, konnte damit zugleich zur Führungsmacht Deutschlands werden. Nicht zu vernachlässigen war gleichzeitig der betont anti österreichische Akzent, den sowohl Bismarck bei den Konservativen, als auch die deutschen Liberalen vertraten. So auch das Wochenblatt aus dem Januar 1852, welches das preußische Heer England in einem kontinentalen Krieg zur Verfügung stellen wollte. Doch der Kulminationspunkt der Entwicklung des Wochenblattes war Ende des Jahres 1853 überschritten, als Graf Albert von Pourtalès im Auswärtigen Amt die orientalischen Angelegenheiten bearbeitete. Zwischen den Fronten stand der Ministerpräsident von Manteuffel, der zunehmend mehr der pro-russischen Position der Kreuzzeitung zuneigte. Gegen Ende des Jahres 1853 wechselte Preußen immer wieder die Fronten. Als im März 1854, mit der entscheidenden Audiemz vor dem König, die Wochenblatt-Vertreter die Erklärung abgaben, eine Sondermission nach London nur übernehmen zu können, wenn Friedrich Wilhelm IV. ein  förmliches Bündnis mit den Westmächten schlösse, und, gegebenenfalls auch zum Krieg gegen Russland bereit sei, katapultierte Friedrich Wilhelm die Liberalen „Bethmänner“ aus seiner Umgebung. Letztlich aus Angst vor der Sprengkraft des Revolutionsgedankens in der damaligen europäischen, politschen Szene.

Weiter vertrat die Denkschrift Bunsens, die ganz auf Konfrontation ging, und die Wiederherstellung Polens vorsah, das Kriegsbild vom kurzen Krieg wie 1914 und stand im Duktus der Verhandlungen des August/September 1914 und Dezember 1940. Die Coburgischen Ernestiner sollten das Königreich Sachsen erhalten, und Russland zerstückelt werden. Ferner die Ostseeprovinzen, unter Einschluss Petersburgs an Preußen und Schweden fallen. Berlin sollte danach von Österreich Schlesien und Mähren erhalten, während Österreich die Lombardei gegen die Donaufürstentümer tauschen, und Schweden die Aalandineln und Finnland in Besitz nehmen sollte. Damit war bereits 1854 der Kerngedanke der späteren deutschen Expansion im Osten ausgesprochen, und stellt sich akut die Frage nach den Vorstellugen von NATO und EU heute. Kurz gesagt: welces Kriegsbild hat die NATO?

Mit der Entmachtung der Wochenblatt-Minister war auch die Phase der Konservativ-Liberalen in Berlin vorerst zu Ende. Es hieß, Bunsen sei plump aufgetreten, habe den König vor den Kopf gestoßen und Friedrich Wilhelm wolle nun Bismarck zum Ministerpräsidenten machen. Auch der Prinz von Preußen wurde isoliert, und wandte sich verärgert ab. Dessen anti-russischen Tendenzen passten zur Wochenblattbewegung und nicht zur Politik des preußischen Königs. Es triumphierten die Konservativen auch im Abgeordnetenhaus. Erst mit dem Ministerium der neuen Ära von 1858 sollten die liberalen Kräfte um Moritz August von Bethmann Hollweg erneut zur Wirkung kommen. Hier findet sich die Grundposition, die der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg ab 1909 wieder aufnehmen sollte. Dieser übernahm die Forderungen fast aller Liberalen um die Mitte des 19. Jahrhunderts, nämlich die Feindschaft gegen Russland, und nutzte diese als Brücke zur Sozialdemokratie der Vorweltkriegsphase. Es war bereits 1854 Allgemeinbesitz, Russland besitze ein zu schwaches Bürgertum. Das despotische System werde durch liberale Reformen fallen. Ein breiter Russehaß solle die deutsche Bevölkerung beherrschen, so der Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha.

1914.

Damals wie heute geht es um die Rolle Russlands in Europa. Navalistische Mächte stehen wie 1854 gegen die Festlandsmacht. Damals sollten die preußisch-englischen Gemeinsamkeiten betont werden. Preußen stand vor der Entscheidung, wohin es kulturell-weltanschaulich gehören wollte. Ähnliches gilt heute für Deutschland, oder gar die EU. Bethmann Hollweg verfolgte dieses Ziel im Ersten Weltkrieg. Von Konstantin Frantz, über Felix Fürst Schwarzenberg bis zu Naumann, Rathenau und Theobald von Bethmann Hollweg führte die Idee, Europa unter preußisch-deutscher Führung zusammenzufassen. Die NATO/EU heute greift nach Kiew – nicht Rußland. Ähnlich 1914, als es um nicht um russisch besiedelte Territorien ging. Auch den Haß der Polen gegen die Russen, der am Leben erhalten werden sollte. Wie 1854 die Koalition gegen Rußland, so bildet die NATO heute keinen geschlossenen Block mehr. 1854 ging es um Annexionen an der Ostsee, Polen und Moldavien. 1914 ähnlich. Die Idee des „Volk ohne Raum“ war geboren. Siedlungsland für verdiente Unteroffiziere sollte gewonnen werden. Oder, wie Ludendorff 1915 an Moltke schrieb, die Armee müsse befriedigt werden.

Die preußischen Konservativen standen ganz im Bann der Befreiungsbewegung von 1813. Sie erwarteten den Krieg mit Frankreich, und sahen in einem Bündnis mit England lediglich dessen Funktion, korrespondierend mir der Verteidigung der Rheinlinie. Einerseits fürchtete das konservative Preußen Frankreich als den Hort der Revolution. Die Revolution war eine gefährliche Waffe gegen die Monarchien. Es wurde erwartet: ein preußisch-englisches Bündnis könne andererseits Russland in die Isolierung treiben, und eine französisch-russische Annäherung heraufbeschwören. Dieses essentielle Problem sollte sich Bismarck, auf anderer Ebene, nach 1877 stellen. Auf der Höhe der Berliner Krise mischten sich Hoffnungen, Gefährdungen, wie die Konstanten der Rechnung, analog zu 1914 und heute.

Doch der Weg der Modernisierung Preußens war steinig und lang. Aus der wirtschaftlichen Rezession zu Anfang des 19. Jahrhunderts ging Berlin gestärkt hervor. Der  Niveauunterschied zu Westeuropa, der über 300 Jahre angedauert hatte, wurde überwunden. Zwischen 1820 und 1850 brachte die Wachstumsrate in Landwirtschaft, Verkehrswesen und Industrie linear 1,2%. Im Deutschen Bund errang Preußen damit wirtschaftlich die Suprematie. Der militärisch-politische Sieg von 1866 über Österreich war industriell, wirtschafts- und finanzpolitisch (DDD-Banken) vorgezeichnet. Nur zögernd folgte die staatliche Verwaltung dieser neuen Entwicklung. Gleichwohl zeichnete sich die Regierung Manteuffel durch die, wenngleich zögernde, Überwindung der merkantilistischen Staatspraxis aus.

Bismarcks Außenpolitik war gekennzeichnet durch „Vorurteilsfreiheit… und Realismus“. Ihm oblag es, die Umorientierung der preußischen Außenpolitik, nach dem Frieden von Paris 1856, zu vollziehen. Frankreich war inzwischen zur ersten Macht in Europa aufgestiegen, und sollte der künftige Bündnispartner Preußens werden. Bismarck verfolgte das Ziel, den deutschen Mittelstaaten die Rheinbund-Option abzuschneiden. So begann etwas völlig Neues, was mit dem Krimkrieg, dem wohl letzten Kabinettskrieg alten Stils, und dem Feldzug von 1859 in Norditalien, begonnen hatte.

Dass die überkommene Pentarchie der europäischen Mächte Vergangenheit war, war allseits anerkannt. Die Stringenz des engshen Anriffsplan auf Russland, das Diktum Bunsens vom „europäischen Generalkrieg“ von Finnland bis zum Kaukasus wurde abgelehnt. Wie sieht das Kriegsbild der NATO/EU von heute aus? Ist der Plan der NATO-Erweiterung ausgeträumt, weil die Mitgliedsstaaten ihre Armeen abgerüstet haben, und auf kurze Sicht ein Zusammenwirken mit den USA problematisch erscheint. Trifft doch Friedrich Wilhelms Besorgnis zu, den Krieg mit Russland eventuell allein ausfechten zu müssen. Damals, 1854, betrogen von Frankreich und England, heute den USA.

2014.

Was bedeutet nun 1854, die Krimkrieg-Phase, und 1914 – der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die dazugehörigen Kriegsziele der Mächte – für uns heute – nämlich 2015? Immer wieder, in den letzten 30 Jahren, konnte das Gefühl aufkommen, in einer Vorkriegszeit zu leben. In der Geschichte – wie 1815, 1918/19, 1945 – wiederholt sich derselbe Vorgang. Das internationale System formiert sich neu. Innerhalb eines Jahrzehnts wird darüber entschieden, welche der siegreichen Mächte des zu Ende gegangen Konfliktes noch an der Spitze stehen wird.

Absteigende Mächte neigen dazu, mit militärischen Mitteln den Verfall zu stoppen. Das trifft auf das Deutsche Reich nach 1871/1904/05, das britische Empire um 1930 und erneut 1956, wie die Sowjetunion der Afghanistan-Phase zu. In solchen Phasen entwickelt sich eine besondere Sensibilität der Führungseliten für die Eventualitäten, die aus derartigen Situationen entspringen können. In den achtziger Jahren, im Angesicht möglicher künftiger konventioneller Kriege in Europa, wurde das historische Datenmaterial unter dem Gesichtspunkt untersucht, wie es zu den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts gekommen war. Nicht zuletzt die politologischen Ansätze der frühen siebziger Jahre führten dazu, über die Gefahren nachzudenken, die aus einer Umklammerung der Sowjetunion dieser Jahre durch USA, China und NATO entstehen könnten. Und dies unter der, von verschiedenen Seiten, im Verlauf der achtziger Jahre erneut  (Paul M. Kennedy) dargestellten historisch-politischen Fragestellung vom „Aufstieg und Verfall der Kulturen“ (G.P.Gooch).

Weiter ging es, mit einem weiteren analytischen Ansatz, um die möglicherweise erfolgreiche Blockade militärischer Auseinandersetzungen zwischen Großstaaten; und dies hinsichtich des Modells, zum Beispiel Henry Kissingers, über die vermeintlich vollendete Restitution der Welt nach 1815. Deren Klammerfunktion jedoch, durch die Repression Russlands, bedingt durch den Krim-Krieg, zu eben deren Ende führte. Zum Ausschluss militärischer Gewalt aus dem internationalen System kam es jedoch nicht. Doch, so erwartete die Wissenschaft, der Ausschluss von Kriegen zwischen Großstaaten könne zum gewaltfreien Wandel hinsichtlich Einflüssen, Ressourcen- verteilung etc. führen. Es galt die Annahme zu widerlegen, nach einem durchgekämpften Konflikt würde die Machtverteilung eindeutiger als zuvor ausfallen. Ein friedlicher Prozeß werde bei weitem nicht zu so klare Ergebnisse zeitigen. Im Falle des Deutschen Reiches hätte das bedeuten können, dass es nicht zu dessen Gründung gekommen wäre. Auch der Friede von Frankfurt, 1871, führte zu keinem eindeutigen Ergebnis. Erreichte doch Deutschland lediglich eine halbhegenoniale Position, und verschoben sich, bevor der nächste Konflikt zwischen den Mächten sich abzeichnete, die Paritäten zwischen den europäischen Mächten, entsprechend deren industriellen, militärischen und diplomatisch-politischen Schwerpunkten.

So auch nach 1945. Kriege unter Großstaaten führen zumeist zu eindeutigen Hierarchien. Diese haben, nach allgemeiner Meinung, auch längeren Bestand. Dass jedoch diese Kräfteverteilung durchaus zunehmend labiler wird, kann die Führungsmacht an Veränderungen auf ökonomischem,  industriellem und technologischem Gebiet erkennen. Der „index of concentration“ mag über die volle Breite der vielfältigen Sektoren, diese Antwort im Verlauf der 80iger Jahre, auch bezogen auf die USA, und, vor allem die UdSSR, gegeben haben. Der Abgleich der Fähigkeiten der Leitmacht und der konkurrierenden Großmächte kann zu der Erkenntnis führen, daß – trotz Handel und Wandel – erste Differenzen auftreten. Während das Interesse der USA, während der 80iger Jahre, gegenüber der UdSSR, darauf  hinauslief, zu erkennen, in wieweit sich die Satrapenstaaten in Comecon und Warschauer Pakt, aus deren Machtbereich zu lösen versuchten; ebenso aber unterlagen und unterliegen seit 1991 auch die USA ähnlichen divergierenden Tendenzen in deren Bündnissystem (NATO/EU).

Gleichwohl, das Ergebnis für den Fall UdSSR ergab: es mochten sich die Prozesse eines engeren Zusammenschlusses im Bündnis, wie auch eben die Tendenz durchsetzen, größere Selbständigleit von der Hegemonialmacht zu erreichen. Zudem werde sich, bei nachlassender Kontrolle über die Satrapenmächte, diese zunehmend schwächer und fahriger gestalten. Diese Erwartungen wurden gespiegelt durch Ereignisse, die im westlichen Glacis des Machtbereiches der Sowjetunion eintraten. 1953, -56 und -68 griff Moskau in diesen Prozess, nachlassender Gravitation, regulierend ein. Gemäß den o.e. Erwartungen nach siegreich beendete Kriegen, entsprach diese zunehmende Abschleifung der Machtposition Moskaus unter Andropow/Gromyko, jener bei Bethmann Hollweg/Moltke, Hitler/Ribbentrop und Stalin/ Molotow. Stets war zunehmende Führungsschwäche dafür verantwortlich, wenn der jeweilige Großstaat auf einen Moment der Schwäche zusteuerte. Die staatstragenden Kräfte finden in derartigen Konstellationen, das ist das Ergebnis der Analyse der letzten 150 Jahre, keine angemessene Antwort auf die Veränderung der allgemein politischen Verhältnisse (auch der russische Zar Nikolaus I).

Einseitige Reaktionen belegen die unangemessene Reaktion der (oft) einseitig militärisch geprägten Führungseliten. Krampfartig wird nach neuen Bündniskontakten gesucht, werden die militärischen Ressurcen verstärkt, was einzig und ledigich einen vordergründigen Effekt von Selbstbestätigung erzielt. Damit sind diese Großstaaten im Begriff abzusteigen, und verfügen, im Vergleich mit den Verhältnissen der übrigen Staaten, über einen überzogen verstärkten Militärsektor. Gleichzeitig erreicht dieses kriselnde Machtgebilde einen geringen Erfolg als jene Staaten, die mit geringeren Machtmitteln operieren.

Zusätzlich erliegen solche Mächte der Versuchung, militärisch überzureagieren, und sich vermehrt in Streitigkeiten verwickeln zu lassen. Eine der wesentlichen Wirkungen bildet die Eskalation des Machteinsatzes. Führungsmächte im besonderen sind, im Moment des Abgleitens von vorheriger Macht und Größe, also geneigt, kurz-oder mittelfristig, weniger flexibel und anpassungsfähig zu reagieren. Die Effekte zunehmender Militarisierung in Staatsführung und Gesellschaft, vor allem eine kämpferische Auffassung von allgemeiner Politik, bewirken in wachsendem Masse Misserfolge, und damit verbunden, ein eskalierendes Krisenmanagement; führen zu wachsender Kriegsbereitschaft. Dies mag in unseren neusten Zeiten für die USA, wie für Russland, aber auch die EU, zutreffen. Im Weltmaßstab jedenfalls steht die Nordhalbkugel nicht mehr an der Spitze der Etwicklung. Das hat der rasante Aufstieg Chinas angekündigt (linerarer stabiler Zuwachs des Bruttosozialproduktes, P.M.Kennedy, 1986). Das Deutsche Reich von 1914 jedenfalls beschritt diesen Weg.

Das in der jüngeren Vergangenheit international immer mehr um sich greifende Mittel der Militarisierung hat dazu geführt, dass heutige Gesellschaften zunehmend gefährdeter, verlustbedrohter und kriegsgefährdeter erscheinen. Die Sicherheitsrisiken, die sich mittlerweile auf der Entscheidungsebene der Großstaaten und Bündnisse ergeben, mögen auch auf Fehlrechnungen der jeweils dominanten Sicherheitseliten zurückgehen, und noch verschärfend in einseitig militärisch charakterisierte interationale Machtauseinandersetzungen hineinwirken. Je überzeugender die militärischen Facheliten, auch aufgrund technologischer Fortentwicklung, voraussagen können, welche Mächte sich auf welcher Seite aufstellen werden, welche Machtmittel insgesamt, und wo, vereinigt sein können, um so überzeugender können diese Eliten den Ausgang eines solchen Krieges vorhersagen (1854 Palmerstone, Clarendon, 1914 Moltke/Jagow, 1940 Blomberg, v.Brauchitsch).

Aber warum soll gekämpft werden? Die schwächere Seite will nicht, wie stärkere muss nicht kämpfen. Der Kompromiss, Schachmatt oder Kapitulation. Der Weg zum Krieg, in den Erwägungen der Führungseliten absteigender Mächte, kann sich in folgenden Schritten vollziehen:

1.    Bewußtwerden nachlassender industrieller Fähigkeiten,(1854, 1914, 1991(2014),

2.   Erfahrung des Nachlassens der Kräfte in Bezug auf die eigene Einflussphäre (1991ff.),

        3.   Verstärken von Bündnisverpflichtungen (1854, 1912/13, 2014),

        4.   Verstärken der militärischen Rüstung (1851/54, 1913/14, 2010ff.),

        5.   Zunehmende Verwicklung in militärische Auseinandersetzungen (1848ff., 1991ff.),

         6.   Fortsetzung dieser Entwicklung, mit Zielrichtung auf den allgemeinen Krieg (1852ff., 1911/14, 2013).

Wie 1980 könnte die Wissenschaft heute die Antwort auf die Frage geben, wie lange solche, mehr und mehr sich autistisch verhaltende Mächte und Machtblöcke, im Bewusstsein des Abschwunges ihrer Entwicklung, zögern werden, mehr und mehr in Bedrängnis gebracht, und durch Aufrüstung unter Druck gesetzt, zum Mittel des Krieges zu greifen. Und heute handelt es sich um Russland u n d  die USA.

Dazu können die sorgfältige Analyse der wirtschaftlichen und industriellen, wie der damit zusammenhängenden, Kriterien verhelfen. Auch für die Jahre vor 1870 fördert das ein Spektrum der „jungen Mächte“ zutage, die geeignet schienen die Seniorstaaten zu verdrängen. In den modernen Kriegen mehr als in den vorausgegangenen Jahrhunderten, zeigt der Umfang des militärisch-finanziellen Engagements des Siegers rund um die Erde, den Grad der großmächtigen Potenz dieser Macht  im Aufstieg auf den Gipfel oder deren Abstieg. In unseren Tagen treten in diesem Zusammenhang heute die USA verstärkt in den Fokus des Interesses. Ein Ermüdungsprozess der bisherigen Supermacht ist unverkennbar zwischen Korea, Berlin, Kuba, Vietnam, Persien einerseits und Kuwait, Irak, Afghanistan andererseits. Heute sind hinzugetreten: Nordafrika und Ägypten bis Syrien und Krim.

Mittlerweile sind die zeitgeschichtlichen Entwicklungen über die Grundfragen der 80iger Jahre hinaus fortgeschritten. Dazu diente die Analyse von Militärausgaben und quantitativer Stärke der Armeen. Das berühmte „Panzerzählen“ der Friedensforschungsinstitute. Eine mehr oder minder arg überschätzte Einrichtung, ging es doch auf diesen ertragreichen Feldern nicht so sehr um „Friedens-“, als vielmehr Kriegsforschung. Leitvektoren der Analyse bildeten unter anderem, für die Zeit zwischen 1816 und 1970/80, Eisen- und Stahlproduktion sowie der industrielle Energieverbrauch. Die „jungen Mächte“ waren ein zentrales Ergebnis dieser Analysen.  Ob dies nun für Preußen, Frankreich und Sardinien-Piemont um 1850 zutrifft oder für Deutschland und Japan in den 30iger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Es ging und geht um die Verdrängung der Senior Staaten. Die Parameter des Umfanges der getätigten Initiativen, Investitionen und des räumlichen Engagements, nach erfolgreichen Kriegen, sollte zeigen, ob der betreffende Sieger-Großstaat sich noch im Zustand des Aufstieges oder bereits des Niederganges befand (befindet). Es ging 1850/1914 (zaristisches Rußland), und geht heute, um die Bestimmung des Momentes, in dem 1991/2014 ein Nachlassen der Befähigung einer Haupt- und Vormächte (UdSSR 1978-82/ Rußland 2014) gegeben ist (war), maßgebenden Einfluss auszuüben, wenn dieser

a) in eine zunehmende Zahl militärischer Auseinandersetzungen verwickelt werde. Ein bloßer clash wird wohl kaum dazu führen, bis an den Rand eines Krieges zu gehen. Allerdings könnte dieser Punkt überschritten werden, wenn eine Mobilmachung, ein Aufmarsch militärischer Kräfte, Gewaltanwendung oder Kampfhandlungen einträten (Krim, Donez  2014/15). Für die Beherrschbarkeit solcher Eskalationen mögen für Rußland 1953, 1956, 1967, 1968 sprechen.

b) derartige militarisierte Streitigkeiten finden sich öfter innerhalb, oder an den Rändern von Einflusszonen bündnispolitischer Nachkriegsbildungen, als außerhalb derselben.

c) die Ergebnisse derartiger Entwicklungen werden sich von Mal zu Mal ernüchternder gestalten (für die USA: 1952/53 Korea, 1956 Suez, 1958 Berlin, 1962 Kuba, 1978 Persien, 1963-1975 Vietnam; heute: Kuwait, Irak, Afghanistan, Syrien/Isis-Mossul).

Wirklich angezeigt ist, zu erkennen, wie brisant sich die Lage inzwischen gestaltet; so muss die Politik der USA daraufhin untersucht werden, ob, infolge vermehrter Rüstung, das innenpolitische Prestige absinkt, dementsprechend gemäßigte Lösungen an Attraktivität verlieren, und, einer zunehmenden Militarisierung der Außenpolitik Raum gegeben wird. Empirisch gefragt, bleibt zu klären, ob zunehmende Bündnisverpflichtungen verstärkte militärische Mobilmachungen zur Folge haben.

Vor dem Hintergrund dieser, nunmehr ebenfalls labilen, Machtlage der USA, und der aus der inferioren Machtposition Russlands hervorgehenden Offensive mit begrenztem Ziel im Donezbecken, ergeben sich neue Gefährdungspotentiale, denn die Konfliktpartner erscheinen beide angeschlagen und zu sämtlichen, hier aufgezeigten, Fehlreaktionen fähig. Ob es nun sinnfällig wäre, ähnlich wie in den Jahren 1853-55 zwischen England, Österreich, Preußen und Frankreich mit Russland durchgeführt, in extenso und in Kontinuität zu verhandeln, führt wohl damals wie heute nicht zu dem Ergebnis, den beiderseits noch verführerischen kriegerischen Konflikt zu vermeiden.

Zum dem Ziel, dem Urteil der Geschichte zu gelangen, mögen folgende Fragen führen:

–        Wie regelmäßig beginnt sich eine Nachkriegshierarchie aufzulösen?

–        Wie schnell, wie weitgehend geschieht das?

–        Erkennen nationale Sicherheits-Eliten die sich verändernden Macht- und Einflusskonfigurationen; und              wie frühzeitig vollzieht sich das?

–        Erkennen diese exakt, und in welchem Ausmaß, die Realität oder über- oder unterschätzen sie diese?

–        Antworten diese, wie hypnotisiert, mit der Verstärkung ihrer Bündnis- und Militärverpflichtungen oder            konzentrieren sich diese auf die Verstärkung der Armee – oder Beides?

Falls die Neigung absinkender Mächte zu militarisierter und weniger einfallsreicher Außenpolitik, geringere Erfolgsraten in Auseinandersetzungen hervorbringt, wird der Selbstbestätigung-Prozess verstärkt und schließlich: lassen derartige Erfahrungen solche Mächte kriegsbereiter werden, als die historische Erfahrung uns vermuten ließe? Diese Annahme war bisher keineswegs bestätigt. Es ging letztlich darum zu untersuchen, die Bedeutung der Militarisierung von Gesellschaften im Zusammenhang mit deren machtpolitischem Absinken. Weiterhin steht die Frage nach dem Prozess im Raum, durch welchen die Nationen fortfahren, das Wüten des Krieges denjenigen aufzuladen, die von ihnen Frieden erwarten.

Ursache und Anlass für diese Überlegungen war die Beobachtung, dass zwischen 1960 und 1980, sowohl die UdSSR, als auch die USA, sich mit einem äußerst zwiespältigen Absinken ihrer Befähigung konfrontiert sahen, internationale Ereignisse zu beeinflussten und zu kontrollieren. Eine betonte Zunahme der Militarisierung der Außenpolitiken, und die stetige Zunahme der Militäraufwendungen waren festzustellen. Es bildete das Erkenntnisleitende Interesse derartiger Studien in den Jahren 1983/84 in den USA, ob die Sorge vor den Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Menschheit im Vordergrund stand, oder eher das Abklopfen der Machtbasis der UdSSR auf  mögliche kriegerische Lösungen in Zentraleuropa. Diese Frage wird heute, im Angesicht von Krim- und Donezkrise neu gestellt. Dass es um eine mögliche Konfrontation zwischen den beiden Systemen ging und dass der Gedanke an die Vergleichsfälle 1852-54 und 1914 „die kriegerische Frivolität alternder Reiche“ in jenen Jahren leitend waren, überrascht den Beobachter aus Deutschland weder damals noch heute.

Ist doch die Erkenntnis des Jahres 1989 keinesfalls eine, das bündnispolitische Vertrauen stärkende. Es ist inzwischen Europa aufgebrochen, selbst Weltmacht zu werden, und haben sich die USA entschieden, dies zu verhindern. Ein Riß geht dementsprechend durch die NATO. Provoziert letztendlich durch eine abgesetzte US-Außenpolitik gegenüber Rest-Rußland, das als Machtfaktor von bemerkenswerter Wertigkeit von Washington nicht mehr anerkannt wird. Entscheidemd für alles was folgt mag sein, dass die USA – ähnlich wie England im Herbst 1853 – einseitig entschieden hat, die Machtpräsenz Rußlands endgültig entscheidend zu mindern. Und das in Fortsetzung der Schläge, die diese 1991ff. erlitten hat. Die Gegenbewegungen Russlands sind in dieser Rechnung zu vernachlässigen. Gleichzeitig erfüllt diese besondere Aggressivität in der US-Außenpolitik eine weitere Bedingung für den heißen Konflikt, nämlich wird westlicherseits auf die EU-Politik der Ausdehnung nach Osten seit 1991 „draufgesattelt“. Damit aber zieht die EU – veranlasst durch US-Amerikanisches Vorgehen, jene Schläge (lokalisierter konventioneller Krieg in Europa) auf sich, die sich dadurch ergeben, dass Russland lediglich die EU, nicht aber die USA in der Ukraine treffen kann. Die USA möglicherweise dem expansionistischen Ziel England/Preußens 1854 und Deutschlands 1914 folgen. Mögen also die Generäle in Moskau, auf die Frage- „was können wir gegen die USA tun(?)“- dasselbe geantwortet haben, wie Moltke in der Krisenkonferenz vom Juni 1909: „wir können (lediglich) einen Krieg mit der Ukraine vom Zaun brechen – mehr aber nicht“. Alles Reden und Unterhandeln, also alle Politologie in der Geschichte in being (Steinmeier) wird, so traurig das ist,  nicht weiterhelfen, wenn der Krieg im Vorhinein beschlossen ist, wie von England im Herbst 1853 auf Schloß Windsor, und in Deutschland vor 1914.

Das“Institut“ der Krisenkonferenzen im informellen Regierungssystem des Kaiserrreichs.

Sonntag, Januar 11th, 2015

1854 – 1914 – 2014. Ein Blick auf europäische Geschichte zwischen West und Ost. Bethmann Hollwegs Wende zu „Bluff“-Politik und Krieg (1912 bis 1914).

Sonntag, Januar 11th, 2015

Deutsch-Französischer Krieg:  England wird nicht zusehen.

Durch den Tod des gerade in London installierten deutschen Botschafters Baron von Marschall sah sich der Kanzler Ende September 1912 veranlasst, dem Kaiser den Fürsten Lichnowsky als Nachfolger nahe zu bringen. Der deutsche Kanzler, Theobald von Bethmann Hollweg, erläuterte:

 

“Auch nach meiner Alleruntertänigsten Meinung wäre Lichnowsky zum Botschafter an sich nicht ungeeignet”.

 

“Gegen die Fürstin als Botschafterin gerade in London” könne er allerdings “leider Bedenken nicht unterdrücken”.

 

Pünktlich, am 23. September, traf der russische Außenminister Sasonow in Balmoral ein. Nicht allein die persische Frage, sondern insbesondere die von Russland stark beeinflusste Entwicklung auf dem Balkan, bildeten den Gesprächsgegenstand. Russland beabsichtige seine Präsenz in Nordpersien weiter aufrecht zu erhalten, erläuterte Sasonow. Grey verhielt sich, wie üblich, zögernd-zurückhaltend, argumentierte mit dem schädlichen Eindruck, den dieser Umstand auf die mohammedanische Bevölkerung des Empire ausüben werde, und setzte so den russischen Aussenminister in Zugzwang, als dieser auf sein eigentliches Interesse – die Balkanentwicklung – zu sprechen kam. Bereits zu diesem Zeitpunkt gab der britische Aussenminister mit ungewöhnlicher Offenheit preis, Großbritannien werde sich genötigt sehen, Frankreich zur Hilfe zu kommen, wenn Deutschland versuchen würde, seinen westlichen Nachbarn zu zerschlagen. Nach Auskunft König Georgs V. hatte sich Gelegenheit “zu einigen langen und freundschaftlichen Gesprächen mit Sir Edward Grey” ergeben. Der britische König berichtete:

 

“Ich stimme von ganzem Herzen mit Dir überein,daß Monsieur Sasonow ein aufrechter, gerader und ehrenhafter Mann ist, und ich bin überzeugt, daß er in Sir Edward Grey einen ebensolchen fand. Nur zwischen zwei Staatsmännern mit so ähnlichen Naturen konnten alle zwischen unseren beiden Ländern bestehenden Mißverständnisse so offen erörtert und geklärt werden. Ich freue mich, sagen zu können, daß die Ergebnisse dieser Gespräche in höchstem Grade befriedigend waren” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

War es nötig, dass Sasonow seinem Kollegen Grey von dem Geheimvertrag Mitteilung machte, der im März 1912 zwischen Serbien, Bulgarien und Griechenland abgeschlossen wurde? Aber handelte es sich letztlich bei diesem Besuch des russischen Außenministers nicht eher um die Absicherung des russisch-österreichischen Konfliktes, im Gefolge des heraufziehenden Balkankrieges?

 

Bethmann Hollweg beschäftigte sich am 3. Oktober mit dem Wechsel im Amt des englischen Botschafters in Berlin und des deutschen in London. Goschen solle, so schrieb der Kanzler an Wilhelm II., durch einen einflussreicheren Vertreter ersetzt, und für den verstorbenen Baron Marschall Fürst Lichnowsky, trotz seiner exzentrischen Gattin, berufen werden. Den ganzen Vorbehalt des Kaisers zeigte dessen ausführliche Paraphe am Rande des Dokuments:

 

“Dann taugt er aber bei uns als Diplomat nichts und zeigt daß es London völlig egal ist wie es in Berlin vertreten ist. Eine Herabwürdigung für uns in unserer nationalen Ehre, und der Beweis dafür, daß die Verhandlungen ausschließlich in London geführt werden sollen. Darauf können wir uns nicht einlassen. Aendert England seinen Botschafter in Berlin nicht, so ist es klar, daß ihm nichts an einem besseren Verhältnis – politisch, diplomatischen u[nd] mit uns liegt. Und wir können es auch darauf ankommen lassen undweiterbauen!”

 

Dass Goschen, der englische Botschafter, alles tat, um mit dem Kanzler auf “good terms” zu kommen, zeigt, dass er mit Bethmann Hollweg sogar längere Zeit deutsch sprach.

Am 5. September sandte Colmar von der Goltz, der langjährige Ausbilder der türkischen Armee, über Wahnschaffe dem Reichskanzler die berühmt gewordene Rede des Lübecker Kaufmanns Possehl: „Wehrmacht und Erwerbsleben“ in welcher „die wirtschaftlichen Folgen einer Mobilmachung behandelt“ wurden. Bethmann Hollweg nahm unverzüglich die Frage auf: „Sind wir wirtschaftlich auf einen Krieg gerüstet?“ Goltz antwortete am 9. September und leitete das Dokument – mit Fragen versehen – am 17. an das Reichsamt des Innern weiter.

Am 30. September verfügte die Mobilmachungsanweisung des Warschauer Militärbezirks:

 

“Allerhöchst ist befohlen, dass die Verkündigung der Mobilisation zugleich auch die Verkündigung des Krieges gegen Deutschland ist.”
Während der Gespräche von Balmoral, so eine weitere Quelle, habe der russische Ministerpräsident Sasonow Gespräche mit der englischen Regierung geführt, in deren Verlauf er gefragt habe, ob Großbritannien “in einen Krieg eintreten” würde. Dem Russen sei geantwortet worden, das

 

hinge davon ab, wie es zum Kriege käme. Keine britische Regierung könnte ohne Deckung der öffentlichen Meinung in einen Krieg eintreten. Die öffentliche Meinung würde keinen Angriffskrieg mit dem Ziel einer Revanche oder der Einschließung Deutschlands unterstützen… . Wenn jedoch Deutschland durch seine große, ich möchte sagen beispiellose Stärke dazu verleitet wird, den Versuch zu machen, Frankreich zu vernichten, glaube ich nicht, daß wir abseits stehen und zusehen würden, sondern daß wir alles täten, Frankreich vor der Vernichtung zu bewahren” (Hervorh.v.m., B.S).

 

Kriegskurs: Die Krisenkonferenzen vom November-Dezember 1912.
So Grey zu Sazonow, bevor es zum Ausbruch der Balkankrise kam. Parallel – jedoch bereits, nachdem die Ergebnisse des Kriegs – nämlich der Verlust der türkischen Machtstellung auf dem Balkan, Realtität geworden waren – fixierte der englische König, am 5. Dezember 1912, gegenüber dem Bruder des deutschen Kaisers, am 2. Dezember, diese Position Großbritanniens erneut. Georg V. berichtete Grey:

“Prinz Heinrich von Preußen stattete mir hier vor drei Tagen einen kurzen Besuch ab. Im Laufe einer langen Unterredung über die gegenwärtige Lagefragte er mich ohne Umschweife, ob im Falle eines Krieges Deutschlands und Österreichs gegen Rußland und Frankreich England die beiden letztgenannten Mächte unterstützen würde. Ich antwortete, ‘unzweifelhaft ja, unter gewissen Umständen’. Er bekundete Überraschung und Bedauern, fragte aber nicht, welches die besonderen Umstände wären. Er sagte, er wolle dem Kaiser mitteilen, was ich ihm gesagt hätte.Natürlich muß Deutschland wissen, daß wir nicht erlauben können, daß irgendeiner unserer Freunde kampfunfähig gemachtwird” (Hervorh.v.m., B.S.).

Georg V. machte über sein Gespräch mit dem Prinzen Heinrich ebenfalls dem Grafen Mensdorff, dem Gesandten Österreich-Ungarns, Mitteilung. Der König sagte, der Prinz “sei von seiner Erklärung,daß wir Deutschland nicht gestatten würden, Frankreich oder Rußland zu zermalmen, entsetzt gewesen (Hervorh.v.m., B.S.). Er, der König, habe dann seinen deutschen Vetter gefragt:

“Glaubst Du, daß wir weniger Ehrgefühl haben als Ihr? Ihr habt Allianzen mit Unterschriften, wir Ententen ohne Unterschriften, wir können aber weder Frankreich noch Rußland niederwerfen lassen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Damit war der tatsächliche Grund für den Ausbruch des Kaisers vom 8. Dezember offengelegt.

Grey antwortete dem Britischen König am 9. Dezember. Er schrieb über die Hintergründe der Äußerung Haldanes gegenüber Lichnowsky:

“Sir Edward Grey hält es für gefährlich, wenn die deutsche Regierung in der Meinung gelassen würde, daß England unter gar keinen Umständen Frankreich und Rußland unterstützen würde, wenn Deutschland und Österreich diese Mächte bekriegten; er hält es für sehr glücklich, daß Eure Majestät in der Lage waren, Prinz Heinrich eine Antwort zu erteilen, die es unmöglich macht, daß er einen solchen falschen Eindruck nach Berlin mitnimmt” (Hervorh.v.m., B.S.).

Grey stellte im Folgenden klar heraus, welches das mögliche Szenario des kommenden Krieges sein könne. Keinesfalls bestand demnach in London Unklarheit über die Gefahren der Lage. Grey führte aus:

Euer Majestät Regierung ist im Falle eines Krieges in keiner Weise festgelegt und die öffentliche Meinung Englands ist, soweit Sir Edward Grey dies beurteilen kann, gegen einen sich aus einem Streit um Serbien ergebenden Krieg eingestellt. Wenn jedoch Österreich Serbien angriffe und Deutschland daraufhin gegen Rußland zu Felde zöge, wenn dieses Serbien zu Hilfe käme, und wenn auf diese Weise Frankreich in den Krieg verwickelt würde, dann könnte sich für England die Notwendigkeit ergeben, für die Verteidigung seiner Stellung in Europa und für den Schutz seiner eigenen Zukunft und Sicherheit zu kämpfen (so wie der deutsche Kanzler erklärt hat, daß Deutschland kämpfen würde).”

Inzwischen hatte Prinz Heinrich dem Kaiser über das Gespräch mit Georg V. in York Cottage berichtet, England werde “vielleicht neutralbleiben, keinesfalls auf Deutschlands Seite tretenund wahrscheinlich sein Gewicht in die leichtere Waagschale werfen” (Hervorh.v.m., B.S.). Wilhelm II. bemerkte dazu:

“Bereits erledigt, es geht mit Frankreich”.

Diese Erkenntnis bildete den Ausgangspunkt für die Einberufung des sogenannten “Kriegsrates” vom Sonntag, dem 8. Dezember 1912, durch den Kaiser. Prinz Heinrich berichtete Georg V. über die Reaktion seines Bruders:

“Ich berichtete ihm, ich hätte die Überzeugung gewonnen, daß, falls Deutschland in einen Krieg mit Rußland und in der Folge auch mit Frankreich verwickelt werden sollte, England vielleicht neutral bliebe, doch sei zu befürchten, es werde sich unter Umständen auf die Seite unserer Feinde schlagen. In seiner Antwort schrieb Wilhelm, meine Eindrücke seien leider richtig, denn auch Haldanehabe in seiner Unterhaltung mit dem deutschen Botschafter, die am 6. Dezember, dem gleichen Tage, an dem ich liebenswürdigerweise von Dir in Sandringham empfangen wurde, stattfand, unumwunden und offiziell im Namen von Sir Edward Grey genau das gleiche erklärt. Wilhelm fügte hinzu, er müsse, wenn es auch einen ziemlichen Schock verursacht habe, daraus dieKonsequenzen ziehen.
Wir alle sind der Ansicht, daß England mit dieser Haltung seinen alten Grundsatz verfolgt, keiner Nation zu gestatten, auf dem Kontinent die Vorherrschaftan sich zu reißen. Ich hoffe, Du bist Dir dessen bewußt, daß die Verantwortung, die England damit für den Frieden der Welt übernimmt, sehr groß ist. …
Denke nicht, Georgie, daß wir uns fürchten, aber wir wünschen niemandem Schlechtes! Bitte erwäge die Lage noch einmal, bevor es zu spät ist! Wenn England und Deutschland einig wären, wer auf dieser Welt würde sich noch etwas herauszunehmen wagen? Haldanes Erklärung vom 6. läßt leider keinen Zweifel und Du wirst Dich nicht wundern, wenn wir inZukunft alles tun, was wir können, um uns gegen jeden Schlag vorzubereiten, der gegen uns geführt werden könnte, um unsere Existenz zu ruinieren”.

 

Diese Linie dynastischer Politik ergänzte gekonnt, und gar nicht unintelligent, wie dies der Unterstaatssekretär im britischen Foreign Office, Nicolson, sieht, das diplomatisch-politische Bemühen Bethmann Hollwegs um eine Annäherung zwischen England und Deutschland. Welches das taktisch-strategische Ziel solcher Anstrengungen war, ließ dieser Brief des Prinzen Heinrich in einer Mischung aus Lockung, Schmeichelei und Drohung ahnen.

Der Münchener Historiker Karl Alexander von Müller hat 1938 die Dichotomie des Greyschen Urteils folgendermaßen zusammengefasst:

“War sein letztes Ziel der Frieden Europas oder war es die Niederhaltung Deutschlands um jeden Preis, oder bewegte er sich unentschieden zwischen beiden hin und her?”

Jedenfalls bescheinigte Grey in seinen Memoiren den Deutschen, “in diesem Augenblick jedoch keinen Krieg” gewünscht zu haben, “obgleich sie nicht die sichere Straße zum Frieden” hätten gehen wollen (Hervorh.v.m.,B.S.). Jetzt erst, nach der Kriegserklärung Österreichs an Serbien, am 28. Juli, forderte Deutschland Mäßigung. Doch es war, nach des Historikers Trevelyans Meinung, zu spät. Rußland glaubte nun, um Serbien zu retten, mobil machen zu müssen. Da die russische Bereitstellung weit langsamer, als jene der Mittelmächte sei. Petersburg machte am 30. August mobil. Der deutsche Generalstabschef, Generaloberst Helmut von Moltke, noch bevor er darüber genaue Nachricht in Händen hatte, übte Druck auf Österreich aus, sofort mobil zu machen. Deutschland werde sofort folgen (Hervorh.v.m., B.S.). Grey deutete in einem Schreiben an den amerikanischen Außenminister Spring Rice an, wo das “Movens” dieser Krise angesiedelt sei, nämlich in Berlin:

“Erst fünf Tage später waren Rußland und Österreich im Kriegszustand, und hätte man sie allein gelassen, hätte es keinen Krieg gegeben”.

Und 1915 schärfte sich der Blick des englischen Außenministers weiter:

“Je öfter ich daran denke, desto schrecklicher scheint mir, daß Deutschland sich weigerte, einer Konferenz im Juli des letzten Jahres zuzustimmen.” (Hervorh.v.m., B.S.)

Diese Sicht behielt Grey auch nach seiner Amtszeit bei. Den inneren Zusammenhang der Vorgänge konnte er nicht durchschauen, solange er die unbedingten Friedensziele der Deutschen axiomatisch setzte. Der Leiter des Britischen Foreign Office fasste die Ereignisse treffend zusammen. Die Frage nach den Motiven der deutschen Seite blieb:

“Ich dachte, die Deutschen seien aus dem Grunde gegen eine Konferenz, weil Rußland sie zur Mobilmachung benutzen würde, und wenn Deutschland das zu seinem Einspruch angeführt hätte, hätte ich gegen die Mobilmachung oder die Kriegsvorbereitungen Rußlands bis zu einer Konferenz Einspruch erheben können” (Hervorh.v.m., B.S.)

Schließlich machte Grey die “preußische Natur” für den Kriegsausbruch verantwortlich. Ohne Zweifel traf es zu, dass in Berlin genügend Warnungen vor einem englischen Kriegseintritt bekannt wurden. Trevelyan fasst zusammen:

“Seit 1906 hatte Grey ihr von Zeit zu Zeit mitgeteilt, im Falle eines Angriffs auf Frankreich nicht auf unsere Neutralität zu rechnen. Im Dezember 1912 hatte der König selbst eine ähnliche Botschaft durch den Prinzen Heinrich von Preußen an den Kaiser gerichtet, die durch Haldanes gleichzeitige Worte mit der gleichen Wirkung unterstrichen wurden. Schließlich erhielt Bethmann-Hollweg selbst am 29. Juli 1914 die Warnung ohne Umschweife durch Greys entrüstete Ablehnung auf sein Angebot für eine englische Neutralität. Der deutsche Kaiser bot für den Fall, daß England nicht am Kriege teilnähme, an, nur französische Kolonienund keine weiteren Provinzen nach dem deutschen Siege zu annektieren” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der britische Außenminister glaubte,

“daß die Eroberung Frankreichsgegen das Deutschlands erste und größte militärische Absicht gerichtet war, eine deutsche Herrschaft in Europa bedeuten würde, gleich unwiderstehlich wie das römische Imperium, mit England in der Rolle des verurteilten Kartago. Und die Möglichkeit einer sofortigen französischen Niederlage war sehr groß, wenn wir abseits blieben – sie war, wie wir jetzt wissen, eine Sicherheit. Und Grey war sicher, daß in der Folge wir selbst vernichtet würden, wenn wir nicht sofort und als einiges Volk in den Krieg eintraten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Schließlich jedoch war aus britischer Sicht entscheidend, dass Großbritannien einig in den Krieg ging. Das formulierte der Aussenminister so:
“Ich hatte die Hoffnung, daß es mein Schicksal sei, das Land vor dem Krieg zu bewahren. Abervielleicht war meine wirkliche Aufgabe, es geeint in den Krieg zu führen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Es bleibt offen, ob anonyme Wirkkräfte oder zielgerichteter Wille des Staatssekretärs überwogen. In Großbritannien übte die große Gruppe der Neutralisten gewichtigen Einfluss im Entscheidungsprozeß aus. Diese sahen nicht, “wie völlig und schnell Frankreich und Belgien” ohne die Hilfe Englands geschlagen gewesen wären. So gesehen, entbehrte Greys Haltung nicht der realen Basis, wenngleich von verschiedenen Seiten Bedenken gegen sein Vorgehen geltend gemacht wurden.

 

Bethmann Hollweg und die Präventivkriegsforderung.
Dass Bethmann Hollweg über die negative Entwicklung der Lage, welche marinestrategisch zum Gegenstand der Erörterungen gemacht wurde, informiert war, zeigte dessen exploratorisches Gespräch mit Admiral von Müller während des Jagdaufenthaltes in Letzlingen, am 8. November 1912. Der Reichskanzler habe gefragt, “ob Deutschland seine Bundespflicht Österreich gegenüber aufrecht erhalten” solle, “auch wenn Österreich durch seine Forderungen (Serbien dürfe nicht Albanien annektieren u[nd]. keinen Hafen an der Adria bekommen) einen Krieg heraufbeschwöre“. Das klang durchaus danach, als ob Bethmann Hollweg sich Anfang November 1912 bereits in Erwägungen befunden habe, die einen europäischen Krieg berücksichtigten.
Müller berichtete dementsprechend am 9. November, “der Kanzler” habe bei den Beratungen in Letzlingen “von vornherein … eine forsche Haltung eingenommen”. Er habe dann

“im Laufe des Tages mit S[einer]. M[ajestät]. in diesem Sinne gesprochen u[nd]., wie er glaubt, S[eine]. M[ajestät]. überzeugt, daß das Fallen Lassen Oesterreichs unmöglich sei”.

Die Kriegsbereitschaft der deutschen Flotte wurde jedoch nicht bestätigt. Eine Frage, die naturgemäß jegliche Option angesichts eines großen europäischen Krieges impliziert haben würde. Auch die Reise nach Springe am Deister erhielt “ein stark politisches Gepräge”, denn offenkundig wurde auch hier auf höchster Ebene beraten. Naturgemäß herrschte eine “recht ernste Stimmung” unter “den anwesenden deutschen und österreichischen Gästen”. Angesichts der am folgenden Tag, dem 23. November, bekannt werdenden “kriegerische[n] Haltung Rußlands” hielt die “trübe Stimmung” an. Sasonow habe

“auf Vorstellung von Pourtalès [,der] Entfesselung eines großen Krieges wegen der serbischen Adriaaspirationen[,] mit der Schulter gezuckt u[nd]. nichts geantwortet”.

Den österreichischen Gästen, um den Erzherzog Franz Ferdinand, ging es zunächst um die Zusage deutscher Unterstützung bei einer möglichen militärischen Substitution der “wirtschaftlichen Herrschaft” Österreich-Ungarns “über Serbien“. Dies vermittelte der Direktor der Deutschen Bank, und Orientexperte, Arthur von Gwinner, dem Chef des Marinekabinetts Admiral von Müller, dem Reeder Albert Ballin und dem Admiralstabschef Josias von Heeringen. Und der Reichskanzler gab dem Generalstabschef, wie im Tagebuch Hopman – und an anderer Stelle – vermerkt, die Zusage, eine große Heeresvermehrung betreiben zu wollen.

Der englische Gesandte teilte Nicolson in London mit, falls Russland gegen Österreich-Ungarn vorginge, Deutschland diesem beispringen werde, “then of course France must also chip in” und England würde “confronted with a perfect beast of a problem”. Goschen analysierte weiter:

“To my mind it means a catastrophe which ever way we solve it. Because it would be a catastrophe in itself to be dragged into a terrible war for a question originally paltry in itself and one in which we have no interest whatever. But – where should we be if we were to hold aloof? I shudder to think of it. What friends should we have left? And what figure should we cut?” (Hervorh.v.m., B.S.).

Panslawismus war ihm gleicherweise unheimlich. Die Schwäche der Nikolaus und Sazonow ebenfalls.
Dass die seit 1903 betriebene deutsche Politik des Ausgleichs und der Vertrauensbildung zu einem Erfolg geführt habe, konstatierte Müller nach einem Essen beim Staatssekretär des Auswärtigen, Kiderlen Wächter. Er habe hier eine “sehr ruhige Auffassung der Lage” vorgefunden. Der Außenminister habe sogar betont, “diese sei entschieden günstiger als 1909 …, da heute sowohl Italien, wie auch England” auf deutscher Seite stünden. Just in diesem Moment herrschte in Königsberg Unruhe wegen des ummittelbar drohenden russischen Aufmarsches. Auch der Kanzler verbreitete am Tag darauf zielbewusst eine betont ruhige Auffassung der Lage. Dass diese Entspannung der Situation, schließlich wiederum aus London kompliziert wurde, gehörte zu den Stereotypen deutscher Politik in den letzten Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Müller berichtete unter dem 3. Dezember, bei einem Vortrag im Schloss habe der Kaiser “sehr unter dem Eindruck der etwas unentschiedenen englischen Annäherung an Deutschland” gestanden. Bereits zu diesem Zeitpunkt befand sich Wilhelm II. in einer gereizten Stimmung gegenüber Großbritannien. Nunmehr sollte nicht mehr “auf Worte” vertraut werden, lautete die Devise, “sondern Taten” sollten abgewartet werden.

Damit gab der Monarch bereits am 3. Dezember die Grundlagen Bethmannscher Englandpolitik auf. Gesehen werden muss, dass zu diesem Zeitpunkt die heißgelaufene allgemeine politische Situation – trotz aller Abwiegelungsversuche der deutschen Politik nach innen – unklar ließ, ob die Russen nicht doch zu den Waffen greifen würden. “Russische Kriegsgelüste”, und die Bedeutung der “Großfürstenpartei” in der Petersburger Politik, beunruhigten dementsprechend die Abendgespräche in den Berliner Führungszirkeln. Dieses Gemenge aus allgemeinen marine-, landstrategischen und politischen Optionen, vor dem Hintergrund der konkreten Kriegskrise auf dem Balkan, in die sämtliche europäischen Staaten, über den Zusammenbruch der Türkei, verwickelt waren, führte am Sonntag-Vormittag des 8. Dezember 1912 zu einer weiteren Krisenkonferenz im Berliner Schloss, die sich vor allem mit den militärischen Schlussfolgerungen und Maßnahmen beschäftigte, die zu ergreifen seien, nachdem der englische Kriegsminister Haldane dem deutschen Botschafter in London eröffnet hatte, Deutschland dürfe mit einer englischen Neutralität, im Falle eines Krieges mit Frankreich, nicht rechnen.

Haldane habe begründet, so notierte Müller, gemäß den Ausführungen des Kaisers gegen 11 Uhr im Berliner Schloß, die Haltung des Inselreiches läge nun rückhaltlos offen. “England” könne “nicht dulden, daß die „balance of power“ in Europa gestört werde”. Damit war die Rechnung mit der englischen Neutralität kompliziert, die Bethmann Hollweg seit Antritt seines Amtes im Juli 1909 zielstrebig verfolgt hatte. Wie der Kaiser es offen sagte – und seit Anfang Dezember erkannte – war des Kanzlers Außenpolitik insgesamt kompromittiert. Denn dieser steuerte ebenso zielstrebig, auf diese “erwünschte Klärung der Situation”, auf einen Krieg mit Rußland zu, der, wenn dieses “den Serben stütze”, auch für das Reich “unvermeidlich” sein werde. Ganz im Einklang mit den Grundzügen des deutschen Operationsplanes gegen Frankreich, schloss Wilhelm II. an, sei es die Aufgabe der Diplomatie, nun nach Osten Bündnispartner zu sammeln – darunter „in zentraler Stellung Österreich-Ungarn“ – sodass die deutsche Armee “frei” sei, „um den Krieg mit ganzer Wucht gegen Frankreich zu führen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Gleichzeitig wurde das Lieblingsthema Wilhelms II. behandelt, nämlich der Krieg mit der Seemacht Großbritannien, welche die Flotte – ebenfalls in Einklang mit den Operationsplänen und Vorbereitungen der letzten Jahre – zu führen habe:

“Die Flotte müsse sich natürlich auf den Krieg gegen England einrichten. Der vom Ch[ef]. d[es].Admiralst[abs]. im letzten Vortrage erwähnte Fall eines Krieges gegen Rußland allein, werdenach der Haldaneschen Erklärung außer Betracht bleiben. Also gleich Unterseebootskrieg gegen englische Truppentransporte in der Schelde bzw. bei Dünkirchen, Minenkrieg in [der] Themse. An Tirpitz: Schleunige Mehrbauten von U-Booten etc. Empfehlung einer Konferenz aller interessierten Marinestellen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

Im Duktus der Krisenkonferenz vom 3. Juni 1909.
Diese Konferenz vom 8. Dezember erhält ihre besondere Bedeutung, ähnlich wie jene am 3. Juni 1909 (Krisenkonferenz zur Kriegsgefahr mit England), durch die Gegenwart beider Wehrmachtsteile, nämlich des Admiralstabschefs Heeringen und des Chefs des Generalstabes Moltke. Überdies war die Flotte, vertreten durch den Verantwortlichen für die Rüstung, Tirpitz, sowie den Chef des Marinekabinetts. Moltke fasste das Ergebnis der Konferenz, mit seinem Votum für einen Krieg gegen Rußland, zusammen; was letztlich nichts anderes war, als die Unterstützung der Englandpolitik des Reichskanzlers und die Ablehnung der anti-West, also gegen England, gerichteten Zielsetzungen Tirpitz’. Die Konkurrenz zwischen Armee und Flotte trat nunmehr offen zutage, denn der Leiter des Reichsmarine Amts sah sich inzwischen gehalten, offen für ein Hinausschieben des großen Kampfes um 11/2 Jahre” zu plädieren.- Das heißt – bis Juli 1914. Erst nach 1919 nahm Müller seinen Aufzeichnungen die Spitze, als klar war, dass im Zuge einer Diskussion um die Schuld am Weltkriege, derartige Äußerungen eine besondere Bedeutung erhalten würden. Dass sich die politische Führung des Reiches keinesfalls in bedeutender Distanz zu dieser, im Kreis der militärischen Spezialisten abgehaltenen, Konferenz befand, belegt die Notiz Müllers vom Nachmittag des 8. Dezember, die zeigt, dass der Reichskanzler unverzüglich über diese Vorgänge, und deren für ihn relevante Ergebnisse, in Kenntnis gesetzt wurde. Unmittelbar darauf begann die Umsetzung der hier, im Angesicht der Krise getätigten Beschlüsse. So schrieb am 11. Dezember der „Innenminister“ Delbrück an Bethmann Hollweg „wegen der Verhinderung von Ausfuhren kriegswichtiger Güter nach Rußland”. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Kanzler in Berlin. Am folgenden Tag hegte Bethmann Hollweg keine Bedenken, gegen eine Beurlaubung von Soldaten und Offizieren über Weihnachten. Auch bezeichnete er nun gegenüber dem Kriegsminister die Bewachung von Eisenbahnbauten als nicht mehr erforderlich. Parallel finden sich in den Akten der Reichskanzlei Publikationen zur Notwendigkeit eines deutsch-englischen Krieges und zur wirtschaftlichen Kriegsbereitschaft.
Wilhelm II. nahm in einem Gespräch mit dem schweizerischen Botschafter, am 10. Dezember im Neuen Palais zu Potsdam, ausdrücklich Bezug auf den nunmehr unvermeidlichen Kampf mit den den Slawen. D.h. Russland. Er schrieb am 15. Dezember an Ballin, noch ganz im Bann der Informationen, die Erzherzog Franz Ferdinand, im Umfeld von Springe, vermittelt hatte:

Die slawischen Untertanen in Österreich waren sehr erregt geworden, und konnten nur durch energisches Auftreten der Gesamtmonarchie gegen Serbien in Ruhe gehalten werden. Wenn wir zur Waffe zu greifen gezwungen wären, so war es für uns, um Österreich zu helfen, nicht nur Rußland abzuwehren, sondern sich überhaupt der Slawen zu erwehren und deutsch zu bleiben…Ein Rassenkampf, der uns nicht erspart bleiben wird, denn es handelt sich um die Zukunft der habsburgischen Monarchie und die Existenz unseres Vaterlandes. Also eine Existenzfrage für die Germanen auf dem europäischen Kontinent!” (Hervorh.v.m., B.S.)

Der Kaiser, so der Britische Premier Asquith, sei “im Grunde ein Slawengegner geworden und bis zum Ende geblieben”. Bei dieser Gelegenheit bestätigte Wilhelm II., er habe “militärisch stets mit England als Feind gerechnet” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

1913: Das Jahr der Vorbereitung.

Italien.

Zu den militärischen Abmachungen mit Italien, für die Jahre 1913/14, ergaben sich im Laufe des Jahres gravierende Zweifel, hinsichtlich der Frage, ob “hinter der italienischen Absage einer Entsendung von Hilfskräften an den Oberrhein die verborgene Gefahr” steckte, “daß Italien im entscheidenden Augenblick überhaupt neutral bleiben würde”. Daraufhin, so sollte das Reichsarchiv, die offiziöse Stelle für Faktenerhebung und Interpretation, 1919 feststellen, habe Moltke versucht,

“durch erneute Verhandlungen mit dem italienischen Generalstabe ein Faustpfand in die Hand zu bekommen, durch das Italien im Fall eines europäischen Krieges zur Erfüllung seiner Bündnispflichten angehalten werden sollte. Dem von ihm nach Rom entsandten Oberquartiermeister Generalmajor Graf Waldersee gelang es auch, im Herbst 1913 zunächst die grundsätzliche Zustimmung des dreibundfreundlichen italienischen Generalstabschefs Generals Pollio zurWiederherstellung der alten Abmachung über die Entsendung einer italienischen Armee an den Oberrhein zu erlangen. Im Frühjahre 1914 wurde dann in Berlin durch den italienischen General Zuccari die bestimmte Zusage gemacht, daß eine Armee von drei Armeekorps und zwei Kavallerie-Divisionen zur unmittelbaren Unterstützung Deutschlands über die Alpen gesandt werden würde, und ihr Transport mittels österreichischer Bahnen im einzelnen geregelt. War somit auf der einen Seite im Frieden alles getan, was das Verharren Italiens im Dreibunde im Kriegsfall zu gewährleisten schien, so hütete sich General von Moltke doch wohlweislich, die unmittelbare militärische Hilfeleistung dieses Verbündeten auf dem Kriegsschauplatz nördlich der Alpen als einen feststehenden und unbedingt notwendigen Faktor in die Rechnung seines Operationsplaneseinzustellen. Er widerstand daher auch dem Wunsche des österreichischen Generalstabschefs, für den in Aussicht gestellten Kräftezuschuß an italienischen Truppen eine Verstärkung der von Deutschland für den Osten bestimmten Streitkräfte von vornherein eintreten zu lassen. ´Zur Zeit muß man mit den gegebenen Verhältnissen rechnen´, schrieb er am 13. März 1914 dem General von Conrad, ´und wir müssen den Krieg so beginnen, als ob die Italiener überhaupt nicht zu erwarten wären. Wir können daher zunächst keine Änderungen in den einmal getroffenen Dispositionen eintreten lassen… Eurer Excellenz haben eine zu klare Einsicht in das Wesen des Krieges, um mir nicht zuzustimmen, wenn ich an dem Grundsatz festhalte, erst unsere Hauptkräfte einzusetzen, um den nächsten und gefährlichsten Gegner zu schlagen. Ist dies gelungen, können wir die dann frei werdende Kräfte gegen den zweiten einsetzen´” (Hervorh.v.m., B.S.).

Moltke habe, so das Reichsarchiv, ferner “auch noch in anderer Beziehung die Kräfte Italiens im Kriegsfalle dem gemeinsamen Interesse dienstbar zu machen” versucht. “In Übereinstimmung mit den Chefs des italienischen und österreichischen[handschr. Einschub] Generalstabes” habe der deutsche Generalstabschef “auf Abmachungen für ein einheitliches Zusammenwirken der maritimen Streitkräfte Italiens, Österreichs und so weit möglich auch Deutschlands, im Mittelmeer” gedrungen. “Ein hierauf bezügliches Flottenabkommen wurde im Sommer 1913 geschlossen”, betonte das Reichsarchiv nach 1918. Die hochbedeutsame Denkschrift Waldersees aus dem Mai 1914 habe dennoch herausgearbeitet, als “wie wenig zuverlässig aber auch weiterhin die Haltung Italiens im deutschen Generalstab beurteilt wurde”. Es ging natürlich nach dem verlorenen Krieg darum, der Äußerung die aggressive Spitze zu nehmen.

 

England.
Dass inzwischen auch in der Wilhelmstraße, das heißt in Auswärtigem Amt und Reichskanzlei, eine neue Epoche längst begonnen hatte, bestätigte Wilhelm II. am 1. Februar 1913 in einem privaten Gespräch mit von Müller. Es ging  bei dieser Gelegenheit zunächst um das englisch-russische Verhältnis in Kleinasien, und die Warnung Englands an die Adresse Rußlands, hier nicht weiter offensiv zu werden. Der Kaiser zitierte darauf den neuen Staatssekretär des Auswärtigen, und Nachfolger des verstorbenen von Kiderlen-Waechter, Jagow, der geäußert haben sollte, “er würde der erste sein, der S[einer].Maj[estät]. den Krieg empföhle, wenn man versuchen wollte, Deutschlands Rechte in und auf Kleinasien anzutasten”. Dagegen habe sich der Staatssekretär gleichzeitig dagegen gewehrt, zu den “politischen Verhältni[ssen]” vor der Budgetkommission des Reichstages zu sprechen. Über diese solle “z[ur]. Z[ei]t. am besten so wenig wie möglich gesagt werden”. Daß sich die Stimmung zunehmend verdüsterte, zeigte zusätzlich die vaterländische Rede des Kaisers anlässlich der Jubiläums-Feierlichkeiten der Berliner Universität. Wilhelm II. benutzte dort demonstrativ das “Wort des eisernen Kanzlers: „Wir Deutschen fürchten Gott u[nd]. sonst nichts auf der Welt“.

Auch in London zeigtigten die Vorgänge der letzten Wochen noch einmal Reflexe. So las König Georg dem Unterstaatssekretär im Foreign Office, am 18. Februar 1913, einen Brief des Prinzen Heinrich von Preußen vor, der noch einmal das Gespräch von Sandringham, vom 5.12.1912, reflektierte. Nicolson berichtete darüber Grey:

Prinz Heinrich schrieb, der Kaiser wäre von dem, was der König gesagt hatte,überrascht gewesen aber noch mehr durch die Tatsache, daß Haldane am gleichen Tage praktisch genau die gleiche Sprache gegenüber dem Fürsten Lichnowsky gebraucht hatte. Der Kaiser bemerkte, daß er nunwisse, wie er sich zu verhalten habe: er hätte immer zugunsten des Friedens gehandelt, aber im Hinblick auf die mögliche und wahrscheinliche Haltung Großbritanniens in zukünftigen Konfliktenkönnte er nicht getadelt werden, wenn er alle Vorbereitungen träfe, um jeder Möglichkeit zu begegnen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Am 8. Dezember hatte König Georg den Außenminister über sein Gespräch mit Prinz Heinrich von Preußen informiert. Der Monarch schrieb:

“Im Verlaufe einer langen Unterhaltung fragte er mich unumwunden, ob England im Falle, daß Deutschland und Österreich mit Rußland und Frankreich in einen Krieg verwickelt würden, den beiden letzteren Mächten seinen Beistand gewähren würde. Ich antwortete: ‘Zweifellos ja – unter gewissen Umständen.’ Er gab seinemErstaunen und seinem Bedauern Ausdruck, fragte jedoch nicht, was unter ‘gewissen Umständen’ zu verstehen sei. Er sagte, er würde dem Kaiser berichten, was ich ihm erzählt hätte. Ich halte es für richtig, Deutschland wissen zu lassen, daß wir nicht zusehen können, wie einer unserer Freunde zerschlagen wird. Ich glaube, ich mußte Sie wissen lassen, was zwischen mir und des Kaisers Bruder in dieser Beziehung gesprochen wurde.”

Eine Äußerung, die – möglicherweise – erst in diesen Tagen London erreichte, zugleich jedoch recht genau die Situation in Berlin um den 8. Dezember 1912 umreißt.
Präventivschlag gegen Frankreich im Frühjahr?
Bis Ende März 1913 sollte sich die “politische[r] Lage” nicht wesentlich entspannen, denn die Balkankrise glimmte weiter und so nahm der Reichskanzler gern, anlässlich eines Spazierrittes im Tiergarten, die Gelegenheit wahr, mit dem flottenpolitischen Berater des Kaisers, Admiral von Müller, über die sich entwickelnde “Wehrvorlage u[nd]. [die] Orientkrise” zu sprechen. Parallel bemühte sich Bethmann Hollweg um gute Beziehungen zu Großbritannien. Die Akten des Foreign Office belegen, wie der Kanzler, zum Beispiel im Verlauf des Jahres 1912, versuchte, über den Vorschlag einer Union von Sansibar und Pemba mit England über Kolonialfragen ins Gespräch zu kommen. Gleichzeitig suchte der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Stumm, bei Bertie Konzessionen des Inselstaats zu erhandeln und Kühlmann dachte, territoriale Absprachen sollten einem deutsch-englischen Flottenabkommen vorausgehen. Ganz und gar nicht entspannt stellte sich aus britischer Sicht die europäische Lage dar, denn Nachrichten legten die Annahme nah, Deutschland plane, Frankreich im Frühjahr 1913 zu überfallen (vgl. Bernd F. Schulte, Die deutsche Armee 1900-1914. Zwischen Tradition und Moderne, Düsseldorf 1977).
Interessant erscheint, dass Georg V. den österreichischen Botschafter, den Grafen Mensdorff, warnte eigenmächtig zu handeln, weil dies zur Explosion panslawistischer Gefühle in Rußland führen könne, und damit zu einem Kriege. Noch im folgenden Jahre muss diese Warnung den Österreichern in den Ohren geklungen haben. Erneut herrschte bei Wilhelm II. “helle Aufregung über Skutari u[nd]. [den] Fürsten von Montenegro”. Die Entscheidung, die Hochseeflotte im Jahre 1913 nicht in spanische Gewässer auslaufen zu lassen, die der Reichskanzler erwirkte, offenbarte eine deutliche Sprache. Schließlich jedoch war Ende April, mit dem Fall der Hafenstadt Skutari, klar, dass – trotz vielfältiger Aufregung in Wien, Bulgarien, Serbien und Griechenland – nicht mehr mit einem “europäischen Kriege” zu rechnen sei. Als sich jedoch König Nikita weigerte, auf Skutari zu verzichten, erklärte Österreich, es wolle, „falls die anderen Mächte nicht mitmachen, [es] allein gegen Montenegro vorgehen“. Daraufhin blieb Bethmann Hollweg jedoch dabei, er hielte “die Situation für nicht kritisch”. Im Reichsmarine-Amt wurde daraufhin angenommen, die Mächte würden “einen modus vivendi“ finden. Zum Kriege” habe “keine Großmacht jetzt Lust”. Inzwischen schwenkte auch Frankreich auf die Linie einer friedlichen “Lösung durch Nachgeben Montenegros” ein. Die Botschafterkonferenz in London tendierte ebenfalls in diese Richtung. Rußland hatte sich Frankreich angeschlossen. Serbien und Bulgarien rückten von Nikita ab. Am 5. Mai, mit der Nachricht, “daß Montenegro nachgiebt und Skutari bedingungslos den Großmächten überliefert”, ging ein Aufatmen auch durch das politische Berlin, und die Börse verzeichnete eine “starke Aufwärtsbewegung”. Am 8. Mai beschloss die Botschafter-Reunion in London, “1000 Mann internationaler Truppen, darunter 100 deutsche”, in Skutari zu stationieren. Die Krise, die zuletzt durch die Mitwirkung Großbritanniens  überwunden wurde, hatte zu einer deutsch-englischen Annäherung geführt, die nicht zuletzt nach außen mit der Heirat der Tochter des Kaisers, Prinzessin Victoria Luise, mit dem Welfenprinzen Ernst August von Cumberland und Braunschweig-Lüneburg, bestätigt wurde.

Nicolson schrieb im Nachhinein von “der langen Feindschaft”, der mit dieser Heirat ein Ende gesetzt worden sei. Gleichzeitig wird deutlich, dass es Grey peinlich vermied, der Versuchung zu erliegen, einer Vermischung von dynastischen und diplomatischen Beziehungen stattzugeben. Den Kern dieser Veranstaltung bildete das politische Interesse des Reiches, zu einem Ausgleich mit England zu kommen. Diesen Zusammenhang enthüllten ergänzend die Äußerungen des Kaisers, der später behauptete, vom russischen Zaren und dem englischen König “die Zusicherung erhalten zu haben, daß ihre Regierungen die Integrität des ottomanischen Restreiches respektieren würden”.

Lord Stamfordham hielt Wilhelm II. eine längere Vorlesung, darüber, wie töricht die britische Regierung sei,

sich mit den lateinischen Staaten gegen die Teutonen zu verbünden, und anzunehmen, daß er der Enkelsohn der Königin Victoria, jemals zulassen könne, daß England zur See bedroht würde; daß England die gelbe Gefahr nicht sehen wolle, die doch die einzige wirkliche Bedrohung der westlichen Zivilisation darstelle” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kaiser führte, ganz im Sinne der Entschlüsse gegen Ende des Jahres 1912, aus:

“Sehen Sie sich diese Marokkoaffaire an!-… Ich weiß, daß Sir John French in Frankreich war, oder doch Ihre Generalstabsoffiziere, und das Sie den Franzosen versprochen haben, 100 000 Mann hinüberzusenden; das ist es, was uns gekränkt hat. Ich bin ein Mann des Friedens, aber jetzt muß ich mein Land rüsten, so daß ich alle, die über mich herfallen wollen, zerschlagen kann; und ich werde sie auch zerschlagen. Wenn Österreich von Rußland angegriffen wird, bin ich verpflichtet, ihm zu helfen; man kann den alten Kaiser nach allem, was er in der Vergangenheit an Kummer und Sorge erleben mußte, nicht im Stiche lassen. Zwischen Rußland und Deutschland gibt es keine Animosität. Sie sprechen sehr viel vom Gleichgewicht der Mächte und daß sie der Entente nur deswegen beigetreten seien, um [sie] es zu erhalten; aber es ist Deutschland, das das Gleichgewicht erhält” (Hervorh.v.m., B.S.).

Nach der Abreise des Königs von England aus Berlin, schloss sich ein “allgemeines Friedensgeläute in [der] deutsche[n]r und englische[n]r Presse” an. Prompt kam der französische Präsident Poincaré nach Berlin, um die Zweifel auszuräumen, die durch die Verhandlungen Großbritanniens mit dem Reich zur Bagdadbahn entstanden waren.

Postwendend fuhr im Anschluss der französische Präsident Poincaré nach London, um Zweifel auszuräumen, die infolge der Verhandlungen Greys mit Berlin zur Bagdadbahn entstanden sein mochten. Im Umfeld, eben dieses politisch-gesellschaftlichen Ereignisses, stieg die Möglichkeit einer Veröffentlichung von Briefen Wilhelms II. “aus den Jahren [18]88 u[nd]. [18]89″ auf, die Lord Charles Beresford in seinen Memoiren vorgeblich plante. Damals, habe der Kaiser England ermuntert, “seine Flotte zu verstärken…als notwendiges Friedensinstrument in Europa”. Auch habe der Kaiser dies geradezu als “Maßstab” empfohlen,

to be able to meet any coalition of other powers”.

Wieso Wilhelm II. im Dezember 1912, von eben dieser Haltung Englands überrascht sein konnte, bleibt damit unerfindlich. Jedenfalls riet Müller davon ab, die Publikation zuzulassen. Auch war es nicht gelungen, im Rahmen der deutsch-englischen Heirat, den Verzicht der Welfen auf das 1866 durch Preußen annektierte Königreich Hannover zu erreichen. Dass die Verwandtschaftsverhältnisse sich nicht einfach gestalteten, hatten bereits Beobachtungen um den vorbereitenden Besuch “der Cumberländischen” in Berlin gezeigt. Müller berichtete, es habe eine “ziemlich gezwungene Stimmung” geherrscht, da eben der “Verzicht auf Hannover” abgelehnt worden sei.

 

1913: Bethmann Hollweg für Krieg.
Bethmann Hollweg ergriff in einem Brief an den polnischen Großmagnaten Graf Hutten-Czapski die Gelegenheit, einem konservativen Parteiführer seine Sicht zum neuen Heeresgesetz darzulegen. Der Kanzler konzedierte einerseits, auch ihm gefielen „die [Wehr-]Steuern“ genauso wenig wie des Grafen politischen Freunden. Bethmann Hollweg meinte jedoch, mit einem Seitenhieb auf seinen Vorgänger Bülow, und erläuternd zu seiner gegenwärtigen Verhandlungstaktik gegenüber Bundesstaaten, Parlament und Parteien:

„ Mit einer Krisis, die einer Niederlage gleichgekommen wäre, durfte die Sache aus inneren und äußeren Gründen unter keinen Umständen enden. Das zwang zu Nachgiebigkeiten, die unerfreulich sind“.

Zu den Widerständen des grundbesitzenden Adels gab der Reichskanzler zu bedenken:

„Man verlangt von der Regierung, daß sie durch dick und dünn geht, aber die Regierung durch dick und dünn unterstützen will Keiner. Trotz alledem bleibt die Heeresvorlage eine Tat, der wir uns nicht zu schämen brauchen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Mehr als nur eine bloße Andeutung sollte allerdings die hingeworfene Bemerkung zum außenpolitischen Fortgang seiner Bemühungen um England sein:

„Mit England geht es langsam, aber man soll die Geduld nicht verlieren“.

Dass der Reichskanzler im Dezember 1912 eingehend mit dem Kaiser über die Eventualität eines Krieges diskutiert hatte, offenbarte Wilhelm II. am 15. Dezember 1913 – also ein Jahr später – seinem Chef des Marinekabinetts. Wilhelm II. führte aus, er habe bemerkt,

“wie interessant es sei, daß der Reichskanzler sich jetzt doch an den Gedanken eines Krieges gewöhnt habe, er der noch vor einem Jahr ausgesprochen, er werde nie im Stande sein, zu einem Krieg zu raten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kaiser hatte demnach, um den 8. Dezember 1912, wie mit seinem Bruder, dem Prinzen Heinrich, auch mit Bethmann Hollweg, die zu diesem Zeitpunkt wiederholt diskutierte Frage eines Krieges, erörtert und dabei einen ablehnenden Bescheid erhalten. Selbst die Frau des Reichskanzlers war zu diesem Zeitpunkt, im Gespräch mit Müller, auf diese Frage eingegangen, hatte jedoch erklärt, “ihr Mann würde unter keinen Umständen für einen Krieg zu haben sein” (Hervorh.v.m., B.S.). Diese Haltung war offenbar bis Ende 1913 einem gravierenden Wandel unterworfen. Nach dem Tode seiner Frau, im Mai 1914, und bedeutendem Vermögensverlust durch die Spielleidenschaft seines älteren Sohnes, zeigte sich der Reichskanzler dieser Eventualität gegenüber weit offener als zuvor. Jedenfalls war der noch allseits präsumierte  „Gegensatz zwischen militärischer und politischer Leitung“, zu diesem Zeitpunkt, keineswegs gegeben. Selbst “mit einer längeren Dauer des Krieges” war vorgeblich nicht zu rechnen. Zusätzlich ließ der Kaiser wieder einmal eine Änderung seiner Haltung erkennen. Anlässlich des 25 jährigen Regierungsjubiläums, 1913, betonte Wilhelm II., es sei ihm möglich gewesen, den “Frieden zu bewahren, [und er] hoffe auch weiter [den] Frieden erhalten zu können”, um darauf zu erklären,

“wenn es aber erforderlich sei[,] die Thore des Janustempels zu öffnen, dann werde er sie weit aufreißen …” (Hervorh.v.m., B.S.).

Die britische Regierung bot der Deutschen – allerdings ohne eigenen Verlust – die portugiesischen Kolonien an. Im August entwarfen Grey und Lichnowski den entsprechenden Vertrag. Der Abschluss wurde allerdings verschoben, da der britische Aussenminister diesen zunächst dem Parlament vorlegen wollte. Es ging um Angola, den nördlichen Teil von Mozambique, die Inseln St. Thomé und Principe. Allerdings hätte die Geschichte um den Handel mit den portugiesischen Kolonien, den England seit 1898 betrieben hatte, die deutsche Seite skeptisch stimmen müssen. Mit in diesen Zusammenhang spielten die Abmachungen zwischen Berlin und Petersburg hinein, die 1910 in Potsdam geschlossen wurden. Rußland stimmte dem Weiterbau der Bagdadbahn Richtung Kuwait, und deren Anschluss an die persische Grenze zu. Ein Anschluss an die, von Nordpersien her, projektierte russische Transpersienbahn eröffnete die Möglichkeit eines Vordringens der Deutschen bis an die indische Westgrenze, was Grey äußerst besorgt beobachtete.

 

Unveränderte Parallelrüstung von Flotte und Heer.
Die Dinge trieben immer deutlicher einer Explosion zu. Denn die politische Spannung hatte, seit dem Beginn der Kanzlerschaft Bethmann Hollweg im Jahre 1909, kaum nachgelassen; ja, unter der Stufenfolge der internationalen Krisen nur zugenommen. Angesichts dieser Entwicklung plante der Admiralstab Mitte Dezember 1913 die beiden Schlachtkreuzer “Goeben u[nd]. Breslau” aus dem Mittelmeer zurück zu ziehen. Und auch der Chef des Generalstabes eröffnete am 24. Dezember, auf der Rückfahrt von Potsdam nach Berlin, Müller seine Bedenken angesichts der ungenügenden deutschen “Kriegsbereitschaft” und der “Ziellosigkeit” der deutschen “u[nd]. namentlichder österreichischen Politik” (Hervorh.v.m., B.S.). Das zeigt, wie ernst die Lage eingeschätzt wurde, und wie offen in den Führungszirkeln die, bis heute nicht umfassend gewürdigten, Interdependenzen zwischen den Ressorts zutage traten. Moltke sprach offen über zwei, der bei einer künftigen Kriegsauslösung entscheidenden, Momente, nämlich

“über [die] Unmöglichkeit der Respektierung der Neutralität Belgiens u[nd]. über die unklare Persönlichkeit des österreichischen ThronfolgersErzherzog Franz Ferdinand” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der deutsche Schlag gegen Belgien/Frankreich und die österreichische Funktion in der deutschen Rechnung, die deutsche Grenze zu Rußland durch eine Offensive nach Polen hinein zu decken, bildeten offensichtlich das Hauptthema während dieser Autofahrt von der Weihnachtsfeier im Neuen Palais zu Potsdam zurück nach Berlin. Dass gerade Moltke auf die für das Reich, im Sinne der Planung, ungünstige Haltung des Erzherzogs Franz Ferdinand, hinwies, zeigt, dass die seit Ende 1912 erkennbare Ablehnung des großen Krieges mit Rußland durch den Erzherzog, die gesamte deutsche politisch-strategische Planung zu zerstören geeignet schien. Dass Franz Ferdinand aus deutscher Sicht nicht mehr die Bedeutung besaß, wie noch im November 1912, unterstreicht eine Beobachtung während des Jagdaufenthaltes in der Göhrde bei Lüchow, wo Wilhelm II. “unter gänzlicher Nichtbeachtung seines Vornehmsten Gastes Skat” spielte. Dass sich die Entscheidung für den Krieg weiter verfestigt hatte, belegte die “übliche” Ansprache des Kaisers an die Kommandierenden Generale der Armee. Müller hatte bereits am 1. Januar 1913 festgehalten, Wilhelm II. sei “reichlich feindlich” aufgetreten. Daraufhin teilte der Kommandierende General des VIII. Armeekorps, Tülff von Tschepe und Weidenbach, nach seiner Rückkehr aus Berlin, den Offizieren seines Stabes in Koblenz mit:

“Meine Herren, in diesem Jahr geht es los”!
Der Kaiser hatte, entsprechend der Wende deutscher Außen- und Rüstungspolitik im Schwerpunkt zurück nach Europa, seit dem Beginn des Jahres 1912, seine Liebe für die Armee wieder entdeckt. So häuften sich zum Beispiel im Jahre 1913 Vorträge des Monarchen zu heeresgeschichtlichen Themen, wie zum Beispiel der Schlacht bei Gravelotte-St.Privat und den Armeemanövern des Jahres 1913. Am 30. Juli, während der Nordlandreise Wilhelm II., zeigte sich darauf offen die Abkehr des Kaisers von der letztlich erfolglosen Flotte. Der Monarch äußerte, er “habe diese Erörterungen [es ging um die geplante[n] Weiterreise der Flotte] satt”. Er solle “immer Hinz u[nd]. Kunz fragen und nur unterschreiben, was die…Marine für gut” befände.

“Das habe ich nun satt – zum Teufel[,] ich bin der Allerhöchste Kriegsherr, ich entscheide nicht, sondern ich befehle”[!]

Zusätzlich vollzog der Kaiser nunmehr seine Abkehr von Russland. Jedenfalls hatte Wilhelm II. bereits Anfang des Jahres die Meinung vertreten, “nicht Österreich[,] sondern Rußland sei der Störenfried”. Am 13. Dezember ließ der Monarch seinem Widerwillen über den Zaren freien Lauf. Ihm war “auf dem Wege über Kokowzov- Pourtal[è]s” zu Ohren gekommen, durch die deutsche Militärmission in Constantinopel habe “das Verhältnis zwischen Deutschland u[nd]. Rußland eine Trübung erfahren”. Der Kaiser sprach gegenüber Müller von einer “neueste[n] Unverschämtheit Rußlands”. Dass zwei Seelen in der Brust Wilhelms II. Platz hatten, zeigte wenig später dessen Äußerung im engsten Kreis, “er, der Kaiser, habe gleich zu Anfang seiner Regierung gesagt, ´Meine Regierungszeit wird eine Friedens-Zeit; meine Aufgabe wird nicht sein, Kriege zu führen, sondern das Reich zu konsolidieren Erg[änzung]: so etwa wie Friedrich Wilhelm d[er]. I[.], mein Nachfolger kann dann wieder Krieg führen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

Die Rüstungsprorität bei der Armee.
Diese Entwicklung der Vorstellungen Wilhelms II. kam der Absicht des Reichskanzlers entgegen, nämlich Rußland für den in Aussicht genommenen großen Krieg als Gegner aufzubauen. Dafür war Bethmann Hollweg seit dem November 1912 gewillt, zusätzliche Finanzmittel aufzubringen, um die Armee für den Landkrieg mit Rußland und Frankreich vorzubereiten und bestätigte diese Planung gegenüber Müller am 5. Januar 1913. Auch um mitzuteilen, dass die inzwischen durch den Kaiser erneut angemahnte Marinenovelle chancenlos sein werde. Dass der Chef des Marinekabinetts, als Vertreter der Flotte, nicht zustimmen konnte, war klar, und der Kanzler beabsichtigte, mit Hilfe dieser Unterredung eher, die Botschaft von der Rüstungspriorität der Armee zuverlässig Tirpitz zu signalisieren. Hatte doch Bethmann Hollweg, vor dem 10. Dezember 1912, bereits dem Feldmarschall Colmar von der Goltz bestätigt, für die Rüstungen der Armee werde “jede Forderung bewilligt” (Hervorh.v.m., B.S.). Darüber hinaus signalisierte der Reichskanzler, bereits zu diesem Zeitpunkt, er werde sich einem Präventivkrieg nicht von vornherein verschliessen. Nach vielfältiger Vorbereitung teilte der Kanzler schließlich am 5. Januar 1913 dem Kaiser mit, er beabsichtige eine große “Militärvorlage” in Gang zu setzen. Wilhelm II. war augenscheinlich tatsächlich für die Armee gewonnen und reagierte nunmehr “sehr freudig”. Daraufhin ergänzte Bethmann Hollweg, “daß mit Rücksicht auf dievertrauensvoller werdenden Beziehungen zu England[,] jetzt eine Marinenovelle nicht kommen dürfe” (Hervorh.v.m., B.S.). Dass dieses Mal der Geisteswandel des Kaisers gründlicher ausgefallen war, als gewöhnlich, sollte sich am 30. Juli zeigen. Damit war die Katze aus dem Sack. Als Tirpitz die Nachricht, die Müller überbrachte, erhielt, äußerte er sich nur “sehr großspurig und abfällig über den ‚Umfall‘ des Kaisers”.

Churchill skizzierte Anfang 1914 die Rüstungslage in einem Memorandum für Asquith. Er führte zu den Armeestärken aus, die “militärischen Kräfte” der englischen Armee seien “zwischen 1911 und 1914 nicht wesentlich vergrößert” worden und fuhr fort:

“Anders war es auf dem Kontinent. Durch die Reichskonstitution war der Friedensstand der deutschen Armee mit eins vom Hundert der Bevölkerung festgesetzt und so blieb es bis 1912. Durch das Armeegesetz des gleichen Jahres (durchgegangen nach der Marokkokrise) wurde das Verhältnis fallengelassen und die Armee (bei eine Bevölkerung von 66 000 000) auf 723 000 erhöht. Im folgenden Jahre (1913), während der Balkanunruhen, ging ein neues Armeegesetz durch, das die Friedensstärke der deutschen Armee auf 870 000 festsetzte. Für Deckung der Kosten wurde eine ‚Ausnahmesteuer‘ von 1 000 000 Mark erhoben. (‚Wehrbeitrag’)”

 

Regiert wird um den Kaiser herum.
Am 5. Januar war im Reichsmarine Amt ein Kabinett-Schreiben eingekommen, worin mitgeteilt wurde, der Kaiser habe

“beim Vortrage des Kab[inett].Chefs am 4. [Januar] diesem den Auftrag gegeben, dem Staatss[ekretär]. zu sagen, daß er eine Beschleunigung des Bautempos der großen Schiffe durch die politische Lage für geboten erachte. Das Dreiertempo solle wieder voll hergestellt und für den nächsten Etat zunächst ein Linienschiff und 2 große Kreuzer gefordert werden. Der Staatssekr[etär]. solle am 11. [Januar] Vortrag darüber halten und vorher mit dem Reichskanzler und Kriegsminister Rücksprache nehmen, die Abschrift des Schreiben erhalten hätten”.

Diese Willensäußerung des Kaisers demonstrierte nichts anderes als dessen politisch-geistige Isolierung vom politischen Prozess und den Ausschluss des Kaisers aus dem politischen Führungszirkel in Berlin. Tirpitz sah sich infolgedessen einer sehr schwierigen Lage gegenüber, da er die “Ersatzbauten für ‚Prinz Heinrich‚, ‚Fürst Bismarck‘ und ‚Friedr[ich]. Carl‚” vorziehen müsse. “Darauf ginge der Reichskanzler unter keinen Umständen ein, und werde natürlich auch schließlich beim Kaiser durchdringen. Er sei also unter allen Umständen der Blamierte”. Sofort wurde geschäftiges Arbeiten im Reichsmarine Amt ausgelöst und die “entsprechende Novelle” umredigiert. Es kam, wie nicht anders zu erwarten, das Signal: “Das ganze Halt!”, das Geheimrat Meißner vom Auswärtigen Amt überbrachte, der ein weiteres Kabinett-Schreiben vorlegte, das nach dem Vortrag des Reichskanzlers beim Kaiser, am 6. Januar, niedergelegt, nun Bethmann Hollwegs Argumente enthielt. “Mit Rücksicht auf die von ihm für erforderlich gehaltenen, sehr großen Forderungen der Armee”, solle „von irgendwelchen Zuwendungen für die Flotte zunächst Abstand“ genommen werden. Daraufhin verschob Wilhelm II. nunmehr die Marineforderungen auf das Jahr 1914. Für die Marine bedeutete das den Abschied von der bisherigen relativen Rüstungspriorität der Flotte gegenüber der Armee. Aber darüber hinaus fiel damit, im Gefolge der Krisenkonferenz vom 8. Dezember 1912, eine “Entscheidung von gewaltiger Bedeutung”, denn damit wurde praktisch von dem “Streben[,] allmählich an England heranzukommen”, Abstand genommen und nunmehr entschieden, künftig “in erster Linie wieder reine Kontinentalpolitik zu …

Münkler/Berlin : Zu Bethmann Hollweg begrenzte Übersicht.

Freitag, August 22nd, 2014

Ich habe mir erlaubt, Münkler zu kommentieren, da Jäger / FAZ (wieder mal) wenig offen war für meine Ergänzungen. 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.07.2014, Nr. 155, S. 13

Der Reichskanzler war kein verantwortungsloser Hasardeur [natürlich nicht]

Einblicke in einen inneren Kampf: Die Notizen Kurt Riezlers illustrieren nichts anderes [?] als das Psychodrama des Reichskanzlers Bethmann Hollweg auf dem Weg in den Ersten Weltkrieg. Eine Replik auf Bernd Sösemann.

Von Herfried Münkler

Der Verlauf der Julikrise 1914 ist in den letzten Wochen und Monaten einer neuerlichen Diskussion unterzogen worden. Der Berliner Historiker Bernd Sösemann hat einen editionsphilologischen Aspekt mit weitreichender Schlussfolgerung in die Debatte eingebracht: Er macht darauf aufmerksam, dass in dem auf den 7. Juli 1914 datierten Eintrag Kurt Riezlers, eines Mannes aus der engsten Umgebung des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg, die Lage in Polen nicht als „unhaltbar“, wie in der Edition der Tagebücher durch Karl Dietrich Erdmann zu lesen, sondern als „hinhaltbar“ bezeichnet wird (F.A.Z. vom 25. Juni).

Sösemann schließt daraus, dass der Reichskanzler den auf ihm lastenden Entscheidungs- und Handlungsdruck nicht so dramatisch empfunden habe wie häufig dargestellt [ja, nicht unbedingt 1914 als Kriegsbeginn]: Seine Schlussfolgerung lautet, Bethmann habe im Juli 1914 „ein unverantwortliches Hasardspiel“ getrieben und Deutschland mutwillig in einen Krieg geführt, von dessen Unvermeidlichkeit er nicht überzeugt war [Sösemann läßt nun raus, was er 1983 aus Karrieregründen nicht wollte, vgl. meine Gespräche mit ihm 1984/ Das Deutsche Reich von 1914 (2013f.)/und sein diffuser Kontakt mit Fischer hinter meinem Rücken!].

In seiner Argumentation bezieht sich Sösemann auch auf eine in den siebziger [80iger] Jahren geführte Debatte über den Quellenwert der Riezler-Tagebücher. Die Originale zeigen nämlich, dass sich die fraglichen Passagen zur Julikrise nicht im [vorhandenen] Tagebuch finden, sondern offenbar nachträglich, vermutlich auf der Grundlage später vernichteter Tagebuch-Notizen [Tagebücher XXXa und XXXXb, Weltmacht durch die Hintertür, 2003], angefertigt worden sind. Es handelt sich also nicht um Momentaufnahmen des historischen Augenblicks, sondern eine retrospektive [geglättete, B.S.: Die Verfälschung der RiezlerTagebücher, 1985] Darstellung des Geschehens. Sösemann weist darauf hin, aber dann vergisst er das auch wieder, denn sonst hätte er aus seiner Entzifferung nicht so weitreichende Schlussfolgerungen ziehen können. Minutiöse Quellenarbeit verbindet sich mit großzügigem Quellenarrangement, um dem herausgelesenen Schwanken Riezlers – und damit Bethmanns – zwischen einer pessimistischen und einer optimistischen Lagebeurteilung des Reichskanzlers doch noch Relevanz für die Deutung des Weges in den Krieg zu verschaffen.[sic]

Alternativ zu Sösemann lässt sich fragen, welche Lagebeurteilung sich unter Ausklammerung des fraglichen Wortes in Riezlers Einträgen findet, inwieweit diese mit den politischen Konstellationen vom Juli 1914, wie wir sie heute kennen, übereinstimmt und was wir damit über den Wahrnehmungshorizont und die Urteilsfähigkeit Bethmanns erfahren. Im Lichte dessen wäre die Frage zu stellen, ob Riezler womöglich „hinhaltbar“ geschrieben, aber „unhaltbar“ gemeint hat und was das im Hinblick auf das Psychodrama Bethmanns im Juli 1914 bedeuten könnte. Es fällt auf, dass der Reichskanzler in Riezlers Notizen während der ersten Juliwochen nicht als Gestalter des Geschehens auftritt, sondern eher als dessen Betrachter und Kommentator [es handelte sich um ein Gespräch, das zur Grundlage der Blockblätter genommen wurde, Rückbesinnen und Neubestimmen, 2000]. Das könnte Riezlers spezifischer Perspektive geschuldet sein, der selbst nur Beobachter war. Aber das ist unwahrscheinlich, denn Riezler selbst konstatiert Ende Juli eine Veränderung Bethmanns, in deren Folge der Reichskanzler wieder zum politischen Akteur geworden sei [M. uninformiert: vom 5.-25.7.14 war Bethmann im Urlaub. Die Phase der „inneren Vorbereitung-es galt nach außen still zu halten].

Es spricht also vieles dafür, dass uns Riezlers Aufzeichnungen den Blick auf einen inneren Kampf Bethmanns eröffnen, in dessen Verlauf der Kanzler seine bisherige Ablehnung eines Krieges aufgibt und auf die Position derer einschwenkt, die den Krieg für unvermeidlich halten und ihn zu einem für Deutschland günstigen Zeitpunkt führen wollen [neue deutsche Lehre von der Verantwortlichkeit der Militärs (s. Blasius in der FAZ), die den Kanzer „überredeten“]. Diese Position hatte seit längerem Generalstabschef Helmuth von Moltke d. J. vertreten. Unter dem Eindruck der verlängerten Militärdienstzeit in Frankreich und der allmählich in Gang kommenden Heeresvergrößerung der Russen drang er darauf, den Krieg möglichst bald zu führen[aber man hatte Zeit bis 1918]. „Besser eher als später“, lautete sein Kriegsmantra. Bethmann hatte die Dinge anders gesehen: Deutschland war im Frieden mächtig und wohlhabend geworden. Es hatte keine unmittelbaren Ansprüche gegenüber seinen Nachbarn, und die Rolle des Störenfrieds, die das Reich im ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts gespielt hatte, war durch eine Annäherung an Großbritannien aufgegeben [Merkwürdig, gab es doch: Bosnien (08/09), Marokko (11), Balkan (12), Liman-Krise (13), Pressefehde mit Rußland (3/14)!] worden, mit der die verhärteten Konstellationen der einander entgegengesetzten Bündnisse überbrückt oder doch aufgeweicht werden sollten [nein: Entrevue von Potsdam: „England auf uns zuzwingen“, BH 2/11 = sehr viel militanter].

Diese Politik hatte im Balkankrieg von 1912 Früchte gezeitigt, als es Bethmann im Zusammenwirken mit dem britischen Außenminister Grey gelungen war, den Krieg zu lokalisieren und so zu seiner baldigen Beendigung beizutragen [Variation des o.g. Themas, aber: dadurch, dass BH Armee und Flotte weiter aufrüstete, war der Ausgleich mit England bloße Chimäre. Ja: sogar der Versuch, Zeit zu gewinnen, um dann umso sicherer zuschlagen zu können]. Dabei hatte man auf die Donaumonarchie und das Zarenreich, die beide ihre Truppen schon mobilgemacht hatten, beruhigend eingewirkt. Gegen das Konkurrenzparadigma, das Moltke vertrat, setzte Bethmann auf das [zwischengeschaltete] Kooperationsparadigma, und er war davon überzeugt, dass Letzteres den deutschen Interessen am besten entsprach. Warum handelte Bethmann im Juli 1914 nicht in eben diesem Sinne?

Die Passage in Riezlers Notizen, in der sich das von Sösemann herausgegriffene „unhaltbar“ oder „hinhaltbar“ findet, könnte darüber Aufschluss geben: Zunächst erwähnt Riezler den kürzlich erfolgten Tod von Bethmanns Frau und bringt die melancholische Stimmung der Landschaft um Hohenfinow, das Gut Bethmanns, damit in Verbindung. Aber schon in der nächsten Zeile geht es um die politische Lage: „die englisch-russischen Verhandlungen über eine Marineconvention, Landung in Pommern“. Mehr noch als die späteren Überlegungen zur strategischen Entwicklung in Russisch-Polen ist das dieSchlüsselpassage [Betrugsvorwurf, s. Schröder, der deutschen historischen Zunft, soll BH exculpieren und Grey ins Soll setzen] des Riezlerschen Textes. Durch einen deutschen Spion in der russischen Botschaft in London [Benno v.Siebert] hatte Bethmann von diesen Geheimverhandlungen erfahren. Unter anderem ging es um ein Zusammenwirken britischer und russischer Marineeinheiten in der Ostsee, das im Kriegsfall die Anlandung russischer Marineinfanterie an der pommerschen Küste absichern sollte [nicht neu/überraschend: war bereits Grundlage des Kaisermanövers 1911 in Vorpommern /vgl. Oberst à Court Repington/Times]. Damit drohte Deutschland eine dritte Front. Entgegen Bethmanns Erwartungen hatte sich der Einkreisungsring um Deutschland nicht gelockert, sondern schloss sich nunmehr auch im Norden [wo steht das?]. Bethmann stand vor der Frage, ob Moltke womöglich recht hatte und es nur noch darum ging, wann – und nicht mehr ob – man Krieg führte [war entschieden, der Kaiser im Dezember 1913 zu Frau von Bethmann, vgl. mein Aufsatz in Freie Welt].

Noch beunruhigender war, dass Grey, als man deutscherseits auf eine Erklärung der Briten drang, erklärt hatte, es würden gar keine Gespräche geführt. Damit war Bethmanns Vertrauen [sic] in den Mann, den er als Partner seiner Entspannungspolitik angesehen hatte, zerstört. Die in Riezlers Text anschließenden Bemerkungen über die „Vertrauensseligkeit“ Lichnowskys, des deutschen Botschafters in London, sind in diesem Kontext zu lesen. „Der liesse sich von den Englaendern hereinlegen“, notiert Riezler [anders: der war gedacht als „Nebelwand“ der „guten“ Deutschen vor deren wahren Zielen, vgl. BH-Goschen, 3.8.1914 – BH: „Fetzen Papier“]. Bethmann wollte sich nicht mehr hereinlegen lassen [Marke: „beleidigte Leberwurst“, das war nicht Bethmann!]. Dementsprechend abweisend hat er sich in der Julikrise gegenüber britischen Verhandlungsangeboten verhalten [dann erst recht: wie dumm!, Es waren diese Administratoren der deutschen Politik-Elite „keine Pazifisten“, vgl. B.W.v.Bülow/Bethmann Kreis]. Das Vertrauen, auf das eine Politik des Ausgleichs und der Entspannung angewiesen ist, war dahin. Das war einer der ausschlaggebenden Unterschiede zwischen den Krisenverläufen von 1912 und 1914 [Nein: keine moderne „Ausgleichs“- und Entspannungspolitik, M. versteht Bethmann nicht. Stattdessen Diplomatie bismarckischer Prägung des Lockens, Verführens, Übertölpens].

Im unmittelbaren Anschluss daran folgen dann die Bemerkungen zur Lage in Polen: „Russlands militärische Macht schnell wachsend; bei strategischem Ausbau Polens die Lage hinhaltbar/unhaltbar. Oesterreich immer schwächer und unbeweglicher.“ Sösemann sieht sich genötigt, seine zutreffende Entzifferung, die nicht zum Gesamtduktus der Passage passt, zu erläutern, und verweist auf das Projekt einer dritten Eisenbahnlinie im Osten, auf der die deutschen Truppen schneller bewegt und effektiver eingesetzt werden könnten. Aber in dem von Sösemann herangezogenen Text ist vom „Osten“ und nicht von „Polen“ die Rede, wie in der Notiz Riezlers. Was Riezler meint, ist nämlich der Bau russischer Eisenbahnlinien in dem zum Zarenreich gehörenden Polen (und nur Russisch-Polen ist 1914 als Polen bezeichnet worden) und die damit verbundene Sorge, infolgedessen könnten starke russische Kräfte früher, als im Schlieffenplan angenommen, zur Großoffensive gegen Deutschland antreten [richtig].

Es war in Berlin bekannt, dass die Franzosen auf den Bau dieser Eisenbahnlinien drangen und auch die erforderlichen Finanzmittel dafür bereitgestellt hatten. Der Bau strategischer Eisenbahnlinien in Polen würde die geostrategische Lage Deutschlands dramatisch verschlechtern. Das spricht dafür, dass die von Karl Dietrich Erdmann vorgenommene stillschweigende Korrektur, über deren editorische Unzulässigkeit nicht diskutiert werden muss, das Geschriebene dem offenkundig Gemeinten angenähert hat, während Sösemanns zutreffende Entzifferung es hingegen davon entfernt. Dieses Problem wird auch durch die von Riezler überlieferte Bemerkung Moltkes nicht gelöst, wonach man es schaffen werde, die Russen im Osten aufzuhalten. Diese Bemerkung bezog sich nämlich auf das „Eher“ und nicht das „Später“.

Tatsächlich entwickelte sich im August 1914 die militärische Lage im Osten für die Deutschen so dramatisch, dass der Oberbefehlshaber der 8. Armee zeitweilig erwog, seine Truppen über die Weichsel zurückzuziehen und damit ganz Ostpreußen den Russen preiszugeben. Das hätte nicht nur psychologisch, sondern auch strategisch weitreichende Folgen gehabt. Denn dann wäre die Flankenbedrohung der Russen aus Ostpreußen heraus weggefallen und Generalstabschef Shilinski hätte sein Vorhaben eines Großangriffs auf die schlesischen Industriereviere und von dort aus auf Berlin umsetzen können. Um das zu verhindern, löste Moltke nicht nur Generaloberst von Prittwitz, den Kommandeur der 8. Armee, ab und ersetzte ihn durch den aus dem Ruhestand geholten General von Hindenburg, sondern verlegte auch zwei Armeekorps von der West- an die Ostfront, was weitreichende Folgen für den Verlauf der Marneschlacht hatte. Wenn Riezler seine Aufzeichnungen nachträglich überarbeitet und neu geschrieben hat, dann im Wissen um den Kriegsverlauf im August und September 1914. Das macht es noch wahrscheinlicher, dass er „unhaltbar“ gemeint, als er „hinhaltbar“ geschrieben hat [der Generalstab plante, notfalls bis an die Oder zurückzugehen. Die „Zivilisten“ haben keine Vorstellung von der Radikalität des militärischen Denkens. Dass Moltke die Nerven verlor ist bekannt. Wenn das auch erst für 31.7./1.8.1914 und die Marneschlacht bekannt].

Aber es bleibt natürlich, dass im Autograph „hinhaltbar“ und nicht „unhaltbar“ steht. Lässt sich das erklären? Es ist klar, dass jeder Erklärungsversuch nur Plausibilität, aber keine Sicherheit für sich beanspruchen kann. Bethmanns melancholischer Fatalismus in den ersten drei Juliwochen, seine Selbstzweifel und die allmähliche innere Verabschiedung von der von ihm zuvor vertretenen Entspannungspolitik [Kaum: die Entscheidung war zwischen dem 28.6. und 5.7.1914 in Hohenfinow gefallen. Darüber wußte Dietrich von BH.Das Deutsche Reich von 1914 (2013). Alles was R. hörte, war nachträgliches Raisonnieren] bieten einen Hinweis: Was Riezler schildert, ist das Psychodrama des Reichskanzlers, der, das Scheitern der von ihm verfolgten Politik vor Augen, im Gespräch mit seinem Adlatus Riezler die Lage noch einmal durchgeht, sie dabei womöglich dramatischer darstellt, als sie tatsächlich ist, und sich so zu einem Politikwechsel motiviert, den er im Prinzip für falsch hält [? – und längst getroffen hat. R. ist nicht so wichtig, wie er sich selbst nahm; und, von dem au fond konservativen R. ist keine Kritik an dem Gesagten und dem Kanzler zu erwarten. Erst recht nicht in der Überarbeitung von 1929].

Die anschließenden Passagen in Riezlers Text, in denen es um die Schwäche des verbündeten Österreich [die Denkschrift Dietrich Bethmann Hollwegs, 24.6.1914] und den sich abzeichnenden Bündniswechsel Italiens geht, sind weitere Elemente einer Lagebeurteilung, die Bethmann in einen melancholischen Fatalismus führt [er entscheidet ich für das Risiko, um den Weltmachtstatus des Reichs, und die Option, vollwertige Weltmacht zu werden, offenzuhalten]. Er kommentiert das Geschehen, aber er handelt nicht [er wählt das Risiko, mit dem Krieg Österreichs gegen Serbien. Sein Vetter drückt auf Hoyos. Graf Stolberg auf den Ballhausplatz; die Deutschen führen den Österreichern die zitternde Hand]. Wahrscheinlich haben Bethmann und Riezler auch über die Möglichkeit des Zeitgewinns gesprochen. So sind die Risiken gegeneinander abgewogen worden, und von dieser Risikoabwägung ragt das „hinhaltbar“ wie die Mastspitze eines versunkenen Schiffes in den Text hinein [sie sprachen auch über die „Kriegsschuld“ (vgl. Th. Heuss-Toni Stolper). Also ging das Gespräch sehr viel weiter. Nämlich dieses erstreckte sich bis auf die Konsequenzen des Kriegsentschlusses. vgl. BH an Bülow, Tirpitz]. Sie erinnert an ein Projekt, dessen Beendigung wir in Riezlers Aufzeichnungen nachverfolgen können. Der Abzug der Libido vom Kooperationsprojekt, hätte der Wiener Zeitgenosse Sigmund Freud gesagt, war schon fast vollzogen, aber doch noch nicht ganz, und das „hinhaltbar“ ist das letzte Zeugnis des Psychodramas, das Bethmann durchschritt [nein: BH war sehr viel realistischer. Vgl. Wenniger: voller Aktionismus, als der Krieg erklärt ist, 1.8.1914. Bethmann läuft energisch durch mehrere Zimmer – agiert. Was sonst?].

Herfried Münkler lehrt Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch „Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918“.
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I have taken the liberty to comment Münkler as Jäger / Feulliton/FAZ (again) was little open for my supplements.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.07.2014, no. 155, p 13
 
The Chancellor was not an irresponsible gambler [of course not]
 
Insights into an inner struggle: The notes Kurt Riezler illustrate otherwise as the psychodrama of Chancellor Bethmann Hollweg on the way in the First World War [?]. A Reply to Bernd Sösemann.
 
By Herfried Münkler
 
The course of the crisis in July 1914 has been subjected in recent weeks and months, a renewed discussion. The Berlin historian Bernd Sösemann has introduced an edition philological aspect with far reaching conclusion in the debate: He points out that in the dated on July 7, 1914 entry Kurt Riezler, a man from the closest vicinity of Chancellor von Bethmann-Hollweg, the situation is not known in Poland as „untenable“ how to read in the edition of the diaries by Karl Dietrich Erdmann, rather than „hinhaltbar“ (FAZ, June 25).
 
Sösemann concludes that the Chancellor had not felt the weighing on him for decision and action pressure so dramatically illustrated how often [yes, not necessarily in 1914 as the beginning of the war] : His conclusion is, Bethmann had in July 1914 „an irresponsible gamble „driven and Germany deliberately led into a war, of whose inevitability he was not convinced [Sösemann now lets out what he 1983 would not for career reasons, cf. my conversations with him in 1984 / The German Reich (1914, 2013f.) / and its diffuse contact with fishing behind my back!] .
 
In his argument, Sösemann also relates to a in the seventies [80 ‚] years debate about the value of the source Riezler diaries. The originals show in fact that there are the passages in question to the July crisis in the [existing] diary, but apparently later, presumably on the basis of later annihilated diary notes [Journals XXXa and XXXXb, world power have been made ​​through the back door, 2003] . So this is not about snapshots of the historical moment, but a retrospective [smoothed, BS: The falsification of RiezlerTagebücher, 1985] representation of the action. Sösemann points out, but then he forgets again, because otherwise he could not have so draw far-reaching conclusions from its decipherment. Meticulous source work combines with a generous source package to the read-out vacillation Riezler – but still gain between a pessimistic and an optimistic assessment of the Chancellor relevance for the interpretation of the way in the war [sic]
 
As an alternative to Sösemann be wondering which assessment is found excluding the word in question in Riezler entries to what extent these with the political constellations in July 1914 as we know it today, matches and what we learn thus on the horizon of perception and judgment Bethmann. In light of the question would be to ask whether Riezler possibly „hinhaltbar“ written, but has „unsustainable“ meant and what it could mean in terms of the psychodrama Bethmann in July 1914. It is noticeable that the Chancellor does not occur in Riezler notes during the first weeks of July as a designer of events, but rather as the observer and commentator [it was a conversation that was used as the basis of the block leaves, return hesitation and re-determining , 2000] . This could be due Riezler specific perspective, who himself was only an observer. But this is unlikely, because Riezler even stated the end of July a change Bethmann, which resulted in the Chancellor had become again a political actor [M. uninformed: from 5-25.07.14 Bethmann was on vacation. The phase of „inner-preparation task was to keep silent outwardly] .
 
So there is much to suggest that we Riezler records provide a view of an inner struggle Bethmann, in the course of which the Registrar has withdrawn its previous rejection of war and embarks on the position of those that keep the war as inevitable and cheap it one for Germany want lead time [new German doctrine of the responsibility of the military (see Fig. Blasius in the FAZ) , the „persuaded“ the Kanzer]. This position had represented for a long time Chief of Staff Helmuth von Moltke d. J.. Under the impact of extended military service in France and gradually coming into motion magnification army of Russians he insisted to carry on the war as soon as possible [but you had time to 1918]. „Better sooner than later,“ was his mantra war. Bethmann had seen things differently: Germany had become powerful and prosperous in peace. It had no immediate claims against its neighbors, and the role of a maverick who had played the empire in the first decade of the twentieth century, was abandoned by a rapprochement with Great Britain [Strangely, there were: Bosnia (8.9) , Morocco (11), the Balkans (12), Liman crisis (13), press feud with Russia (3/14)!] have been, with bridging the hardened constellations of the opposing alliances, or at least should be softened [no: Entrevue of Potsdam: „England zuzwingen on us,“ BH 11.02 = very much militant] .
 
This policy had produced in the Balkan War of 1912 fruits, as it was Bethmann succeeded in cooperation with the British Foreign Minister Grey to localize the war and thus contribute to its early termination [variation of the above Theme, however: the fact that BH army and navy continue arming, the settlement with England was a mere chimera. Yes: even the attempt to gain time in order to then strike the surer can] . Obviously, these guys, calm acting on the Danube Monarchy and the Czarist Empire, both of which had already mobilized their troops. Against the competition paradigm that took Moltke, Bethmann sat on the [intermediary] cooperative paradigm, and he was convinced that the latter was best suited to the German interests. Why Bethmann negotiated in July 1914 not in the same spirit?
 
The passage in Riezler notes, in which place the picked out of Sösemann „unsustainable“ or „hinhaltbar“ could also provide information: First Riezler mentioned the recent death of Bethmann’s wife and brings the melancholy mood of the landscape around Hohenfinow, the Good Bethmann , therewith. But in the very next line is about the political situation, „the Anglo-Russian negotiations on a Convention Navy, landing in Pomerania“. Even more than the later reflections strategic in Russian Poland to the development is the dieSchlüsselpassage [fraud allegation, s. Schröder, the German historical profession, BH should exculpieren and Grey put into the target] of Riezlerschen text. By a German spy in the Russian embassy in London [Benno v.Siebert] Bethmann had heard of these secret negotiations. Among other things, it came to an interaction of British and Russian naval forces in the Baltic Sea, which should secure the landing of Russian marines on the Pomeranian coast in the event of war [new / surprising not, has been the focus of the Imperial maneuvers in 1911 in Pomerania / see. Colonel à Court Repington / Times] . Thus Germany threatened a third front. Contrary to expectations, the encirclement Bethmann had not loosened to Germany, but joined now also in the north [where is it?] . Bethmann was faced with the question whether Moltke might was right and it was just a matter of when – and not whether – one led war [was decided that the Emperor in December 1913 Mrs von Bethmann, see my essay in. Free world] .
 
Even more worryingly, Grey, as one German hand insisted on a statement of the British, had declared that it would be held no discussions. Thus Bethmann trust [sic] was in the man whom he had regarded as his partner détente, destroyed. The subsequent text in Riezler remarks on the „gullibility“ Lichnowsky, the German Ambassador in London, are to be read in this context. „The could be fooled by the English,“ Riezler [quoted differently: who was conceived as a „smokescreen“ of the „good“ Germans before their true aims, see BH-Goshen, 03/08/1914 – BH. „Scrap of paper „] . Bethmann would no longer be fooled [ Brand: „huff“, which was not Bethmann!] . Accordingly repellent he has behaved in the July crisis of British negotiating deals [then a fortiori: how stupid !, It was these administrators of German policy elite „not pacifists“, see BWvBülow / Bethmann circle.] . The trust to which a policy of balance and relaxation is dependent, was gone. That was one of the crucial differences between the curves crisis of 1912 and 1914 [No: no modern „compensation“ – and détente, M. Bethmann not understand. Instead of Bismarck’s diplomacy coining the enticement, seduction, Übertölpens].
 
„And the location at a strategic expansion of Poland hinhaltbar / untenable Austria becoming weaker and immovable Russia’s military power growing fast..“: Immediately After that then follow the comments on the situation in Poland Sösemann feels obliged to explain its true decipherment, which does not fit the general scheme of the passage, and refers to the project of a third railway line in the east, on the German troops moved faster and could be used more effectively. But in the text cited by Sösemann is mentioned, as in the note Riezler from „Eastern“ and not of „Poland“. What Riezler says, is namely the construction of Russian railway lines in the Tsar Empire belonging to Poland (and only Russian Poland in 1914 when Poland was called) could and concern associated, as a result, strong Russian forces earlier than expected in the Schlieffen Plan, the major offensive against Germany compete [right] .
 
It was announced in Berlin that the French invaded the construction of railway lines and also the necessary funds were provided for. The construction of strategic railway lines in Poland would worsen the geostrategic situation in Germany dramatically. This suggests that the evaluation conducted by Karl Dietrich Erdmann tacit correction, need not be discussed on the editorial inadmissibility, the writing has approached the obvious what is meant, while Sösemanns correct deciphering it, however it away. This problem is not solved by the traditional Riezler remark Moltke, after which you’ll manage to stop the Russians in the east. This remark was referring namely to the „wedding“ and not the „Later“.
 
In fact, the military situation in the East for the Germans developed in August 1914 so dramatic that the commander of the 8th Army was considering temporarily withdraw its troops over the Vistula and East Prussia thus revealing the Russians. This would not only psychologically, but also strategically had far-reaching consequences. Because then the flank threat of the Russians would have removed out from East Prussia and chief of staff Zhilinsky could implement his plan a major attack on the Silesian industrial areas and from there to Berlin. To prevent this, Moltke not only solved Colonel General of Prittwitz, the commander of the 8th Army, and replaced it with the fetched out of retirement, General von Hindenburg, but also moved two army corps from the Western to the Eastern Front, which is far-reaching consequences had for the course of the battle of the Marne. If Riezler has his notes revised later and rewritten then in the knowledge of the course of the war in August and September 1914 That makes it even more likely that he was „untenable“ meant when he wrote „hinhaltbar“ [the General Staff planned , if necessary, go back to the Oder. The „civilians“ have no idea of ​​the radical nature of military thought. That Moltke lost his nerve is known. If known only for 31.7. / 08/01/1914 and the Battle of the Marne] .
 
But it is natural that in the autograph „hinhaltbar“ and not „untenable“ position. Can this be explained? It is clear that any attempt at explanation can only claim plausibility, but no security for themselves. Bethmann’s melancholy fatalism in the first three weeks of July, his self-doubt and the gradual adoption of the inner previously represented by him détente [Hardly: the decision was between 28.6. and 07.05.1914 fallen in Hohenfinow. In Dietrich knew of BH.Das German Empire of 1914 (2013) . Everything R. heard was, subsequent Raison kidneys] offer a hint: What Riezler describes the psychodrama of the Chancellor of the failure of it pursues policy in mind, talking to his aide Riezler the situation again goes through, she knows, maybe dramatic represents, as it actually is, and so motivated to a change in policy, which he holds in principle for false [? – And has long since taken. R. is not as important as he took himself; and, by the au fond conservative R. is not a criticism of the said and the chancellor expected. Especially not in the revision of 1929] .
 
The subsequent passages in Riezler text in which it [the memorandum Dietrich Bethmann Hollweg, 24/06/1914] and the emerging alliance Italy’s change comes to the weakness of the allied Austria , are more elements of a situation assessment, Bethmann in a melancholy fatalism leads [I he decides to risk in order to keep open the superpower status of the empire, and the option to become full-fledged world power] . He commented on the events, but he does not act [he selects the risk, with the war of Austria against Serbia. His cousin pushes Hoyos. Count Stolberg on the Ballhausplatz; Germans lead the Austrians trembling hand] . Probably Bethmann and Riezler also talked about the possibility of gaining time. So the risks are weighed against each other, and of this risk assessment dominates the „hinhaltbar“ as the top of the mast of a sunken ship into the text [they also talked about the „war guilt“ (cf.. Theory. Heuss-Toni Stolper). So the conversation went much further. Namely, this extended even to the consequences of the war decision. cf. bra Bülow, Tirpitz] . Reminds you of a project whose completion we can track records in Riezler. The withdrawal of the libido from the cooperation project, the Viennese contemporary of Sigmund Freud would have said, was almost completed, but not quite, and the „hinhaltbar“ is the last testimony of psychodrama, the Bethmann walked through the [no: BH was very much more realistic. See Wenniger. Activism full when war is declared, 01/08/1914. Bethmann running energetically through several rooms – acts. What else?] .
 
Herfried Münkler teaches Political Theory at the Humboldt-Universität zu Berlin. Last year his book „The Great War. The World 1914-1918“ appeared.