Es ging um mehr als platte „Weltherrschaft“.
Moritz August von Bethmann Hollwegs Vermächtnis von 1869 für den späteren Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (1909-1917).
Kaum aus den philosophisch-theologischen Überlegungen des Kirchenmannes und Staatsrechtlers herauszulesen sind die Grundmaximen einer anti-östlichen Ausrichtung der deutschen Reichspolitik nach 1909. Der spätere Reichskanzler erfuhr auf den Knien seines Großvaters mehr über das staatliche Zusammenspiel in Europa, als er in seinen späteren Funktionen im preußischen Staatsdienst sich zu eigen gemacht haben mag. Jedenfalls bildeten die philosophische Grundausrichtung und dessen Argumentieren in der Tagespolitik eine wesentliche Hypothek. Kaum als brachial erscheinend, waren doch die Grundlinien Bethmann Hollwegscher Politik gegenüber Europa und der Welt nichts weniger als zielgerichtet und machtpolitisch orientiert. Deutschlands weiterer Aufstieg (kaum ausschliesslich Sicherung des Bestehenden) bildete das erklärte, weil – in der Sicht der Zeit – natürliche Ziel. Der Ausgang waren (trotz immerwährender „Politik der Diagonale“) Krieg und Zusammenbruch der deutschen Großmachtstellung innerhalb von vier Jahren. Ein Vorgang von dem sich unser Land nicht wieder erholen sollte.
Moritz August von Bethmann Hollweg, Rechtsgelehrter und preußischer Kulturminister der „Neuen Ära“ stellt die Religion, Kunst und Kultur ganz in den Dienst seiner Untersuchung zu Vorgeschichte und Ergebnis der preußischen und deutschen Politik zwischen 1815 und 1870.
Wie Fritz Fischer 1938 schreibt, trennten diesen dessen „Religiosität“ und „politische[n] Ideen…von den Lutherisch-Konservativen und den Liberalen“ im damaligen Preußen des Verfassungsstreits. Moritz August von Bethmann Hollweg ist auch in Zeuge der „inneren Geschichte der Restaurationszeit“, wie, als praktischer Politiker und „Kirchenmann“, ein Kämpfer für die Einigung des deutschen Protestantismus (seit 1846)“. Anklänge an die Vorstellungen Bethmann Hollwegs zu dessen „praktisch politische[r] Tätigkeit…als Konservativer“ seit 1848, wie „als Gründer und Haupt einer konservativen Oppositionspartei“, bietet dessen hier vorgeführte kleine Schrift „Über Idealismus und Realismus. Eine Zeitbetrachtung“ aus dem Juli 1869, die mir Fritz Fischer schenkte, als ich 1982 eine Habil-Schrift unter dem Aspekt des „Englisch-preußischen Bündnisses in der Krimkriegphase“ vorbereitete*.
* Fritz Fischer, Moritz August von Bethmann Hollweg und der Protestantismus (Religion, Rechts- und Staatsgedanke). Historische Studien, Heft 338, Berlin 193 (ND 1965).
Der Exkurs durch die deutsche Geschichte vor und nach Napoleon und die Betrachtung des Weges, der auf Bismarck zulief, blieb nicht in zeitgenössischen Bildern verhaftet. Wenngleich die eigene Vorstellung von der westlich basierten, auf dem Bündnis mit Frankreich oder (und) England aufbauenden Position Preußens (und Deutschlands) in der Zielrichtung gegen Osten (Russland) bestand, ebenfalls kaum zur Wirkung kam.
Auffallend auch, wie nah Bethmann Hollweg 1869 das Ministerium der neuen Ära und den Erfolg Bismarcks zusammenrückte.
Preußen-Deutschland im westlichen Kulturkreis verortet, und in engem staatlich-kulturellem Bezug mit den Leitstaaten dieser Region verstanden, dieses Modell lag den Vorstellungen der Preußischen Wochenblattpartei zugrunde, die Moritz August von Bethmann Hollweg, Graf Robert von der Goltz (Paris), der preußische Botschafter in London, Bunsen, von Bonin für die Armee und Albert Pourtalès verfolgten. Dass Bismarcks Weg ein grundsätzlich preußisch-traditionaler war, der zugleich ein Beharren in allgemein feudalistisch-monarchischen und speziell außenpolitischen Vorstellungen beinhaltete, zeigte sich mit der labilen Bündnispolitischen Lage Deutschlands zwischen 1880 und 1914. Die notwendige Korrektur „stockpreußisch“-ostelbischer Politik, versuchte Theobald von Bethmann Hollweg (aus dem westdeutschen Kulturkreis entstammend) seit 1909. Diese gelangte bis 1914 nicht mehr zu erfolgreicher Auswirkung.
Erst Konrad Adenauer, aus Rheinisch-Westfälischem Herkommen, nahm diese Linie Bethmann Holllwegschen Denkens, die auch fortschrittlich-sozialer Natur war, in der überaus erfolgreichen Innen- und Außenpolitik der Ära nach 1949 wieder auf.