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Glanz und Gloria des „Kriegerstaates“ waren nur Bluff.

Dienstag, 24. Januar 2012

»Im Juli 1914 berührte deutsche Reichspolitik Hohenfinow«, heißt es in der 2007 veröffentlichten Chronik des Ortes/1/. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg machte seit dem 4. Juli „Arbeits“-Urlaub auf seinem Schloß in Hohenfinow. Während die Welt nach dem Attentat von Sarajewo am 28. Juni am Vorabend eines Weltkrieges stand, bot Deutschland „nach außen ein vermeintlich friedliches Bild“. Doch insgeheim entfaltete sich eine hektische Betriebsamkeit. Mit den Vorgängen, die zum Krieg führten, und der Rolle, die u.a. Bethmann Hollweg dabei spielte, befaßt sich der Hamburger Historiker Dr. Bernd F. Schulte. Seine Forschungen aus den 80er Jahren erschienen vor zwei Jahren unter dem Titel »Deutsche Policy of Pretention – Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914« in 2. Auflage (BBP 11/2010), ergänzt um den neuen Aspekt des Instituts der „Krisenkonferenzen“ im Kaiserreich.

Der Autor hat nun der »Barnimer Bürgerpost« dankenswerterweise einen Text zum aktuellen Stand seiner Forschungen hinsichtlich des Kriegsausbruchs 1914 überlassen, den wir in dieser und den folgenden Ausgaben abdrucken.

Der Aufsatzband »Deutsche Policy of Pretention« oder der »Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914« kreist um den Begriff »Pretention«, der zurückgeht auf lateinisch “praetendo” – englisch “pretend” – französisch “prétendre” – gebräuchlich: “Pretension” , archaisch “Pretention”.-
Deutsche Policy of Pretention, 1904-14.

»Pretention« hieß 1914 »Bluff«. Es handelte sich um ein Modewort damaliger junger deutscher Diplomaten wie Kurt Riezler, Arthur Zimmermann oder Wilhelm von Stumm. Schließlich wurde der Fehlschlag der europäischen Regierungen in der Julikrise des Jahres 1914 mit der Formulierung entschuldigt, man habe sich eben »festgeblufft«. Das Spielerische des Vorgangs erscheint leichtfertig überbetont. Hier geht es allerdings um mehr. So wie die wissenschaftliche Interpretation der Ereignisse bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Verlaufe der neueren Diskussion seit 1961, zunächst eine eher unglückliche Fixierung auf den Juli/August feststellt, so geht es inzwischen in der allgemeinen Forschung darum, die europäische Welt zwischen 1905 und 1914 – auf deren wirtschaftliche, diplomatische, militärische und kulturgeschichtlichen Wurzeln – hin zu untersuchen.

In diesem Zusammenhang wird inzwischen von einer deutschen »brinkmanship«-Politik gesprochen. Das heißt: die Berliner Politik habe ein zunehmend bedeutenderes Risiko übernommen. Ich sehe diese allerdings im Begriff, systematisch, von Krise zu Krise gesteigert, nahezu naturwissenschaftlich und labormäßig, ein »testing the entente« vorzunehmen. Es ging Berlin darum, festzustellen, als wie solide das – in Berlin für monolithisch gehaltene – System der Entente-Bündnisse und -Absprachen – (Paris, Petersburg und London) sich herausstelle. Daraus folgte, eventuell, sich unter diplomatischem Druck ergebende, Risse festzustellen, und im Folgenden die Sprengung des Entente-Systems zu betreiben (vgl. Bethmann Hollweg im Gespräch mit Riezler, Juli 1914/Riezler-Tagebuch). Das war die erklärte Absicht und Politik des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg zwischen 1909 und 1914.

Was war nun aber dabei deutscherseits vorgeschützt, übertrieben oder vorgespiegelt? Die deutsche Politik basierte, nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, zu großen Teilen, auf dem herausragenden Ruf der preußisch bestimmten Armee. Es ist gezeigt worden, daß Kampfwertvergleiche den scheinbar unerschütterlichen Nimbus der deutschen Waffen als immer labiler erscheinen ließen. Spätestens seit der Marokkokrise von 1905 brach sich eine breit gefächerte Kritik an den deutschen taktischen und operativen Verfahren Bahn. So zum Beispiel in der »Revue Militaire des Armées Ètrangères« des französischen Generalstabes sowie englischen, französischen und russischen Magazinen, Monatsschriften und Tageszeitungen. Das geschah auf breiter Front, unter anderem an den deutschen Kaisermanövern. Die nicht unbedingt erfolgreichen diplomatischen Bemühungen Berlins verschärften in diesen Jahren zusätzlich die fortschreitende Erosion des Bildes des Auslandes von der preußisch-deutschen Armee als der »besten der Welt«.
Nicht zuletzt durch die immer wieder erneuerte Drohung, das Schwert zu ziehen, entwertete die Berliner Diplomatie noch zusätzlich ihre Pressionspolitik in den Jahren 1904/06, 1908/09 und Herbst 1912 selbst. Es wuchs in den Hauptstädten Europas, bis Ende 1912, die Überzeugung heran, nun, nach nahezu vollendeter militärischer Aufrüstung, diesem Druck künftig widerstehen zu sollen.

So kam es zu einem Krieg, in den Deutschland mit nicht vollständig modernisierter Armee eintrat. In diese Zwangslage war das Kaiserreich geraten, obwohl etwa der englische Oberst Repington, im Oktober 1911 in der Times, eindringlich davor gewarnt hatte, die deutsche Armee und deren Leistungsfähigkeit überzubewerten. Deutscherseits wurde diese Kritik, bis hinauf zum Kaiser, empört zurückgewiesen, wobei in Berlin übersehen wurde, daß jahrzehntelang Unsummen in den Schlachtflottenbau geflossen waren, die nun – wie sich herausstellen sollte – in den Streitkräften unübersehbare Lücken verursacht hatten. Die Marne erreichten im September 1914 die Armeen des deutschen rechten Heeresflügels nicht nur ohne die 1913 – im Zuge der „großen Heeresvermehrung“ – umstrittenen drei Armeekorps, sondern auch ohne ein in Führung und Gefecht, der gestellten Aufgabe, adäquates Kampfverfahren, und ohne zeitgemäße Ausrüstung und Bewaffnung der Waffengattungen.

Zum Begriff des »Kriegerstaates«.
Einerseits hat Paul Kennedy/Yale in seinem berühmten Buch über den »Aufstieg und Fall der großen Mächte«(1986), vor allem am Beispiel Spaniens, Englands – wie auch Deutschlands, der EU, den USA und der UdSSR – dafür plädiert, den Akzent staatlicher Grundstrukturen nicht ausschließlich auf militärische Machtentfaltung zu setzen. Vielmehr seien, so Kennedys Urteil, die »Handelsstaaten« den »Kriegerstaaten« im Verlauf der Geschichte grundsätzlich überlegen. Diese These, die nicht zuletzt in Washington hart umstritten war (Kennedy wurde in sämtliche Ausschüsse den Kongresses geladen) , veranlaßte mich, den Begriff »Kriegerstaat«, in Bezug auf das deutsche Kaiserreich, anzuwenden (vgl. Bernd F. Schulte: Bismarck war kein Deutscher, in: „Rückbesinnen und Neubestimmen«, Hamburg 2000).

Andererseits bildete sich eine etwas ältere Interpretation im Verlauf der Diskussionen um das Buch Fritz Fischers »Griff nach der Weltmacht« (1961) heraus. Diese wissenschaftlichen und publizistischen Auseinandersetzungen um Strukturen, Modernitätsgrade und Entwicklungschancen des Kaiserreichs hinterließen eine breitere Spur in der jüngeren deutschen, sozialgeschichtlich orientierten Historiographie. Es schälte sich die Erkenntnis heraus, die mittelalterlich-feudalen, einseitig kämpferischen Versatzstücke im Erscheinungsbild des wilhelminischen Kaiserreichs (Reden, nationale Parolen, Paraden, Aufmärsche, Stechschritt, Sedanstage, Denkmäler, Kaiserreden), wie dessen hierarchisch strukturierte Gesellschaft, Armee und Verwaltung, hätten das Bewustsein des damaligen Bürgertums (bis in die Arbeiterschaft) einseitig kämpferisch-maskulin geprägt.
Diese Hypothesen, die in der jüngsten deutschen Forschung aufmerksame Ohren gefunden haben, mögen, im den Rahmen der militanten Problemlösungsversuche, welche die deutsche politische Führung zwischen 1905 und 1914 unternahm, eine Rolle gespielt haben.

Meine zu Beginn der achtziger Jahre veröffentlichten Arbeiten ließen, in Bezug auf die „Krisenkonferenz“-Problematik” innerhalb der Berliner Führungselite, wie auch hinsichtlich des Bürgerkriegs-Problems für den militärischen Bereich, und in Bezug auf die horrenden, fatalen Verluste im Verlauf des Angriffes 1914 auf Belgien und Frankreich, diese Momente bereits anklingen. So gelangte ich, unter dem Eindruck der letzten Aufgipfelung des Rüstungswettlaufs im »Kalten Krieg« zwischen den USA/NATO und der UdSSR 1979/83 zu der Überlegung, militärische Lösungswege, wo immer möglich, durch diplomatisch-politische und Ansätze der Friedensforschung, wenn nicht zu ersetzen, so doch zumindest zu »unterfüttern« (vgl. Graf Baudissins System der »Vertrauenbildenden Maßnahmen«).

Dr. Bernd F. Schulte

Barnimer Bürgerblatt, Januar 2012.

Diskussion um “Deutsche Armee” und “Fälschung der Riezler Tagebücher”.

Montag, 10. Oktober 2011

Die deutsche Armee soll keinesfalls, das ist die Haltung der vornehmlich deutschen Forschung, 1914 mit gewichtigen Schwächen in den Ersten Weltkrieg eingetreten sein. An sich zutreffend, wenn bedacht wird, dass dann – rational betrachtet – das überbordende Selbstbewußtsein der deutschen Militärs nicht zu verstehen wäre.

 

Researching World War I: A Handbook. Contributors: Robin Higham – editor, Dennis E. Showalter – editor. Publisher: Greenwood Press. Place of Publication: Westport, CT. Publication Year: 2003

S. 8
Of the specialized works, Konrad Jarausch’s biography of Bethmann admirably integrates issues of foreign and domestic policy. It can be supplemented by Jost Duelffer’s edition of Bethmann’s own memoirs and by the diaries of Berlin journalist Theodor Wolff . John Röhl stresses the personal factor in decision-making—especially the erratic personality of Kaiser William II. In broader policy contexts, Wolfgang Petter’s analysis of threat perception in the Second Reich complements Gregor Schöllgen’s fine anthology on the Reich’s foreign policy. Works with specific themes include Peter Winzen on Buelow’s Weltpolitik; Barbara Vogel and Fritz Epstein on the “Russian threat”; and Heiner Raulff on Germany’s French policy in 1904-1905 Albrecht Moritz argues that preventive war was not seriously considered during the first Morocco crisis. Bernd Schulte stresses German aggressive policies in Turkey and the Balkans.

201.  Schulte, Bernd F. Die deutsche Armee 1900-1914. Zwischen beharren und verändern [The German Army, 1900-1914. Between Inertia and Change]. Düsseldorf: Droste, 1977.
202.  Schulte, Bernd F. Die Verfaelschung der Riezler Tagebücher [The Falsification of the Riezler Diaries]. Frankfurt: Lang, 1988.
203.  Schulte, Bernd F. Vor dem Kriegsausbruch 1914. Deutschland, die Türkei und der Balkan [Before the Outbreak of War, 1914: Germany, Turkey, and the Balkans]. Düsseldorf: Droste, 1980.

 

The Kaiser’s Army: The Politics of Military Technology in Germany during the Machine Age, 1870-1918. Contributors: Eric Dorn Brose – author. Publisher: Oxford University Press. Place of Publication: New York. Publication Year: 2001.

S. 3  Another scholarly hypothesis assumes recklessness and failed diplomacy but focuses on the unreadiness of a German Army allegedly too weighted down with aristocratic traditions to adopt expeditiously mechanical devices of destruction. This thesis, associated mainly with Bernd Schulte, has come under the fire of other historians like Dieter Storz, who reject the idea that the German Army was an aristocratic, antimodern relic of a backwardlooking era. This school sees the German Army as not only less conservative than other European armies of the time but also, in some respects, very progressive.
S. 6  Although an accurate picture of the German Army in 1914 is probably closer to Storz than to Schulte, the former’s image of calm, professional assessment of technology and steady progress toward change and reform does little justice to the historical reality.

BMP to BWM, 19 May 1893, M. Kr. 43, KAM. See also Bernd F. Schulte, Die deutsche Armee 1900–1914: Zwischen Beharren und Verändern (Düsseldorf, 1977), 261–262. His thesis that Germany adhered to antiquated tactics for internal (i.e., anti-Socialist) reasons is exaggerated but does have limited applicability to Plessen and his circle in the army.

 

The Specter of Genocide: Mass Murder in Historical Perspective. Contributors: Robert Gellately – editor, Ben Kieman – editor. Publisher: Cambridge University Press. Place of Publication: New York. Publication Year: 2003.

German political institutions were thus less able to cut short the development toward “final solutions, ” a failure that therefore encouraged the institutionalization of this tendency inside the military to a degree found nowhere else. This is the much-remarked upon “autism” of the German military, which meant that the propensity to grasp at “final solutions” became reinforced and ever more ingrained, and therefore more likely to be resorted to in future. 57

57  On Autism in Organizations: Dieter Senghaas, Rüstung- und Militarismus (Frankfurt am Main, 1972), 46–54; Bernd Schulte, “Die Armee des Kaiserreichs im Spannungsfeld zwischen struktureller Begrenzung and Kriegsrealität, 1871–1914, ” in Europäische Krise und Erster Weltkrieq; Beiträge zur Militärpolitik des Kaiserreichs, 1871–1914 (Frankfurt, 1983), 72.

 

German Professions, 1800-1950. Contributors: Geoffrey B. Cocks – editor, Konrad H. Jarausch – author. Publisher: Oxford University Press. Place of Publication: New York. Publication Year: 1990. S. 209

There is no specific study on the subaltern ranks of the officer corps. However, see scattered references in Bernd-Felix Schulte, Die deutsche Armee, 19001914: Zwischen Beharren und Verändern (Düsseldorf, 1977).

 

On Artillery. Contributors: Bruce I. Gudmundsson – author. Publisher: Praeger Publishers. Place of Publication: Westport, CT. Publication Year: 1993. S. 27

Wilhelm Balck, whose writings are so often cited in this book, was perhaps the most prolific of the German proponents of open order tactics. The leading advocates of mass tactics were Fritz Hoenig and Jakob Meckel. For more on the debate between mass tactics and “Boer tactics,” see Bruce Gudmundsson, Stormtroop Tactics: Innovation in the German Army, 1914-1918 ( New York: Praeger, 1989), ch. 2, or his “A Lesson from the Boers,” Military History Quarterly, Summer 1989, p. 38. For a political explanation of mass tactics see Bernd F. Schulte, Die deutsche Armee, 1900-1914. Zwischen Beharren und Verändern (Düsseldorf: Droste Verlag, 1977).

 

The Kaiser: New Research on Wilhelm II’s Role in Imperial Germany. Contributors: Annika Mombauer – editor, Wilhelm Deist – editor. Publisher: Cambridge University Press. Place of Publication: New York. Publication Year: 2003. S. 192ff.

Even more fraught was a discussion that took place in May 1912 between Wilhelm and the then military attaché, Lieutenant-Colonel Russell, this time on the subject of the writings of the military correspondent of The Times, Colonel Charles à Court Repington. 60 In his ‘Reminiscences’, published in 1924, Russell described the conversation as a ‘serious row’ and went on to record that he and the Emperor ‘both more or less called each other liars!’ So dramatic, indeed, was this tête-à-tête in Russell’s memory that he further observed:

I lost my temper completely, and so did he. The French Military Attaché, who was standing close by, but could not hear what was going on during this conversation, rushed back to his Ambassador and told him that war must be imminent between Great Britain and Germany.61

Russell’s official report from 1912 confirms all but the most theatrical aspects of this story. As he recorded:

the Emperor took me by the arm and led me out of earshot of any bystanders. His Majesty then commenced a violent diatribe against press correspondents in general and Colonel Repington in particular. His Majesty said that the military correspondent of The Times had written the most horrible things about the German army and had been making untold mischief in America, France and other places by his writings on this subject. 62

Following this, the Kaiser threatened to retaliate against these perceived calumnies by refusing in future to allow any other British officers to attend German army manoeuvres. However, while it was certainly true that Repington was one of the sharpest critics of the German army and had published numerous articles to this effect, he was not, at the time his words were printed, a serving officer in the British army. His writings, thus, had no official sanction, a fact Russell attempted unsuccessfully to point out to Wilhelm:

Although I did my best even to the extent of interrupting His Majesty to a greater extent than is perhaps compatible with customary deference, I was, I fear, unable to explain to, or adequately convince His Majesty that Colonel Repington’s articles were merely the result of journalistic enterprise and had nothing whatever to do with the British officers attending manoeuvres. I fear that the Emperor is unable to disassociate the two ideas in his mind. 63

Whether or not Russell’s stretching of the ‘customary deference’ constituted the ‘serious row’ that he later remembered is impossible now to say, but Wilhelm’s anger at Repington is not in doubt. It is also a fact that the Emperor chose to voice this anger to the British military attaché rather than to another member of the diplomatic corps. Indeed, as Russell noted, he seemed to have been deliberately keeping the matter back for their meeting. ‘I have not’, he wrote, ‘had an opportunity of speaking with His Majesty since the offending articles appeared and am inclined to think that he has been nursing the grievance till this moment occurred when it was possible to air it unreservedly.’ If Russell was right in this assessment, then the Kaiser’s inclination for using service attachés as a channel for expressing his anger at the writings of the British press comes into particularly sharp relief.

Returning then to the proposition that ‘after the turn of the century the Kaiser had little to do with the British military and naval attachés’, it is clear that this judgement needs modification. In reality, far from being marginalized after 1900, the service attachés in Berlin acted as important intermediaries between the Kaiser and the authorities in London. Through them, Wilhelm was able to request British ministerial visits, involve himself in the ceremonial aspects of British military affairs, indicate his annoyance with British government policy, and rail against the iniquities of the British press. Of course, there were other–more correct–avenues through which he could have maintained these very same dialogues, but, largely owing to his military predilections, he preferred to engage with the attachés. Indeed, Wilhelm treated with them in a manner, if not always with a cordiality, that significantly exceeded their station. As a result of this idiosyncrasy, the service attachés played a very particular and significant part in the AngloGerman diplomatic discourse, thereby truly illustrating Paul Kennedy’s notion of military diplomacy in a military monarchy.
62 Russell, Report no. 23/12, 27 May 1912, PRO, FO 371/1376, fos. 88–91.
63 Ibid.
64 Ibid.
60 Useful information on Repington can be found in A. J. A. Morris (ed.), The Letters of Lieutenant-Colonel Charles à Court Repington CMG, Military Correspondent of the Times, 1903–1918, Sutton 1999; see also Bernd F. Schulte, Die Deutsche Armee 1900–1914: Zwischen Beharren und Verandern, Düsseldorf 1977.

S. 202
In peacetime, Wilhelm II liked to bask in the illusion that in war he would be ‘his own chief of staff’, and announced this to mollify those who criticized the younger Moltke’s abilities on the latter’s appointment. Yet experts were well aware that the Kaiser’s operative abilities were not sufficient ‘to lead three soldiers over the gutter’. 29 It was thus only to be expected that the monarch was not really involved in planning operations during the war, and that in many cases, despite the reports made to him, he was not even adequately briefed about events. This was deliberate. The responsible political and military figures systematically excluded the Kaiser because they feared his interference. As early as August 1914 Falkenhayn, at that time still Prussian War Minister, told the military representative of Bavaria, General von Wenninger, that the Kaiser is not told more than diplomats and courtiers. The main thing is the numbers of POWs, cannons, etc. Now he is no longer told about anything that is at the planning stage; all he hears about is what has already happened, and only the favourable events. 30

30  Wenninger diary, 31 Aug. 1914, cited in Bernd Felix Schulte, ‘Neue Dokumente zu Kriegsausbruch and Kriegsverlauf 1914′, Militärgeschichtliche Mitteilungen (MGM), 25 (1979), p. 161.
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Die Fälschung der Riezler Tagebücher.

Anders als in Deutschland, wo die Hauptaufgabe von Wissenschaft und Publizistik die Verteidigung der, nicht zu verteidigenden, Rolle des vormaligen Kieler Historikers Karl Erdmann ist, sieht zumindest die amerikanische und englische Wissenschaft den Diskusionsbedarf um die Fälschung des Riezler Tagebuchs. Und damit natürlich auch der Rolle Deutschlands bei Ausbruch des grossen Krieges von 1914.

 

The Lions of July: Prelude to War, 1914. Contributors: William Jannen Jr. – author. Publisher: Presidio Press. Place of Publication: Novato,CA. Publication Year: 1997. S. 392

Chapter 7:  Second Thoughts

1. Quoted in Jarausch, “The Illusion of Limited War”, 53; —–, The Enigmatic Chancellor, 148-59; Kurt Riezler, Tagebücher-Aufsätze-Dokumente, ed. Karl Dietrich Erdmann, Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts, vol. 48 (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1972), 183. There is a controversy over Erdmann’s editing of the Riezler diary, particularly the entries from 7 July through 14 August 1914, HYPERLINK “http://www.questia.com/read/88973990″ \t “_top” ibid. , 181-95, the so-called Blockblätter or Hohenfinow entries. Kurt Riezler instructed his family to destroy his diary, but the Riezler family destroyed only the prewar portion of the diary after selected sections were copied for publication. Some German scholars now argue that the 7 July through 14 August entries were revised by Riezler to hide the fact that Bethmann and the German government actively wanted a continental war in 1914, Bernd Sösemann, “Die Tagebücher Kurt Riezlers. Untersuchungen zu ihrer Echtheit und Edition”, Historische Zeitschrift 236, no. 2 ( April, 1983): 327-69. Erdmann replied in the same issue, “Zur Echtheit der Tagebücher Kurt Riezlers. Eine Antikritik, ibid. , 371-402. The controversy was investigated by Bernd F. Schulte, Die Verfälschung der Riezler Tagebücher ( Frankfurt a/M; Bern; New York: Peter Lang, 1985). Schulte concludes that the entries were rewritten after the war but that he cannot discover to what extent the rewritten entries differ from the originals. Friends of Riezler’s who read, or heard Riezler read from, his diary in the 1930s, remembered after World War II that the diary made Bethmann sound like he wanted war. But one witness, who had extensive conversations with Riezler, and who made memoranda of most of them, said Riezler described Bethmann as being afraid of a world war — although he was prepared to risk it to save Austria — and as utterly opposed to annexing more land in the event of victory, which is the portrait which comes through in the diary as published by Erdmann, and in the published German documents on the war, and which is adopted in this book. Since Bethmann’s private papers and Riezler’s original prewar diary entries have been lost or destroyed, the controversy has probably gone as far as it can go.

 

Modern Germany Reconsidered, 1870-1945. Contributors: Gordon Martel – editor. Publisher: Routledge. Place of Publication: New York. Publication Year: 1992.

21 An interim evaluation now exists by Bernd F. Schulte, Die Verfälschung der Riezler Tagebücher. Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der 50er und 60er Jahre (Frankfurt, 1985).

 

Forging the Collective Memory: Government and International Historians through Two World Wars. Contributors: Keith Wilson – editor. Publisher: Berghahn Books. Place of Publication: Providence, RI. Publication Year: 1996. S. 125f.

62. Ibid., pp. 559, 576. Ritter to Herzfeld, 30 October 1961; and Ritter to Epstein, 15 February 1963. On another occasion, Ritter denounced his Hamburg colleague as a ‘student of the arch-Nazi Erich Seeberg and accused him of having gained his chair at Hamburg University in 1942 through the influence of Walter Frank, head of the Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands. Bernd F. Schulte, Die Verfälschung der Riezler Tagebücher: Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der 50iger und 60iger Jahre ( Frankfurt, Bern, and New York, 1985), p. 145.
Fischer’s defenders are conspicuously silent on the matter of his alleged Nazi past; it is inconceivable, of course, that any scholar could have attained an important academic post in 1942 without the official sanction of the Nazi regime. See Karl-Heinz Janssen, ‘Historischer Realismus’, Die Zeit, 2 March 1973, p. 15. In any case, it is illuminating that an ‘old-Nazi’ such as Fischer should have been able to come to the position on the origins of the war that he did in Griff nach der Weltmacht, while a self-proclaimed anti-Nazi such as Ritter continued to tout the position of the patriotic self-censors from the 1920s.

S. 114f.

To be sure, the vendetta conducted against Kantorowicz would not remain an isolated case. In 1932, several German historians, led by Hermann Oncken, Hermann Schumacher, and Fritz Hartung, conspired to deny the young radical scholar Eckart Kehr the Rockefeller Fellowship that Charles A. Beard had helped Kehr secure for study in the United States.
59  And as recently as February 1964, West Germany’s foreign minister, Gerhard Schröder, acting upon the recommendations of Gerhard Ritter and Karl Dietrich Erdmann, formally rescinded Goethe Institute travel funds awarded Fritz Fischer for a planned lecture tour of the United States, a tour that Ritter equated with ‘a national tragedy’. Apparently, the Foreign Ministry was quite prepared once more to take on the role of patriotic self-censor. It was only through the efforts of a dozen American scholars, led by Klaus Epstein, that Fischer’s visit came about.
60  Ritter not only spoke of what he decried as Fischer’s penchant for ‘political masochism’, but poured out all his bitterness in a letter to Klaus Epstein’s father, Fritz, a scholar also hounded out of German academia after 1933, by referring to Fischer as ‘an old Nazi who had so quickly managed to convert to democracy’ after 1945.
61 Ritter’s real grudge against Fischer was that the Hamburg historian with his Griff nach der Weltmacht had reopened the entire war-guilt issue, an issue ‘that one had believed belonged to a distant past’.
62  In that one sentence to his colleague Theodor Schieder at Köln, Ritter expressed his generation’s horror that perhaps the ‘patriotic sef-censorship’ of the Weimar Republic had not succeeded after all. It was a fitting eulogy for this unfortunate chapter of German historiography. And the passions engendered by the ‘ Fischer controversy’ certainly parallelled those of the Kantorowicz and Kehr scandals both in substance and in acrimony. Careers both before and after the Second World War all too often hinged upon one’s stance on the issue of ‘war guilt’.

Eine erste Besprechung zu Bernd F. Schulte, Deutsche Policy of Pretention.

Mittwoch, 1. September 2010

DIE TAGESZEITUNG. Junge Welt
Mittwoch, 1. September 2010, Nr. 202

Expansion als Staatsziel. Rezension. Ein Aufsatzband über die deutsche Hegemonialpolitik liefert komplexe Einsichten zur Vorgeschichte und zu den Ursachen des Ersten Weltkriegs
Von Alexander Bahar

Wer die aktuelle politische Weltlage in ihrer ganzen Explosivität begreifen will, der muß sich mit der europäischen Krise des Jahres 1914 beschäftigen. Unheilvolle Parallelen drängen sich dabei auf.

Ein 2009 in zweiter Auflage erschienener Aufsatzband aus dem Jahr 1983 zur »Policy of Pretention« des deutschen Kaiserreichs liefert hierzu eine Fülle an Material und unbequemen Einsichten. Dabei wird das teilweise verwirrende Spektrum des innenpolitischen Kräftespiels im Deutschen Reich akribisch herausgearbeitet. Autor ist der Historiker und Publizist Bernd F. Schulte, ein Schüler des berühmten Hamburger Zeitgeschichtlers Fritz Fischer. Schulte war Dozent an Hamburger Hochschulen und hat Filme und Fernsehsendungen produziert.

Die für den historischen Laien bisweilen schwer zugänglichen, weil aus der Fachdiskussion heraus entstandenen Aufsätze und Vorträge schlagen einen Bogen über 25 Jahre Weltkriegsforschung. »Dieser Band faßte 1982/83 jene Fragen und Antworten zum Forschungsstand ›Erster Weltkrieg‹ zusammen, die in der damaligen westdeutschen Geschichtsschreibung nicht zur Kenntnis genommen wurden«, heißt es in der Vorbemerkung zur Neuauflage.

Obwohl die Entstehungszeit der Aufsätze zum Teil weit über dreißig Jahre zurückliegt, haben die darin behandelten Fragen wenig an Aktualität eingebüßt. Und es gilt heute verstärkt, was der Autor als wesentlichen Grund für das Publikumsinteresse an der Erstauflage nennt, als die sogenannte NATO-Nachrüstung die Menschen bewegte: Es »entstand der Eindruck, nicht mehr in einer Nachkriegszeit, sondern in einer Vorkriegszeit zu leben«.

Die von Schulte in seiner Einleitung zur Erstauflage mit Bedauern konstatierte »Tendenzwende innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft«, die Mitte der 1970er Jahre einsetzte, »weg von einer progressiven Interpretation (Theorie-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte) zurück zu der traditionellen, neubelebten Diplomatiegeschichte alter Prägung in einer ›neuen politischen Geschichte‹, unter Verwendung modisch gewordener Versatzstücke aus der Politikwissenschaft (›Polykratielehre‹)«, hat längst, spätestens aber im Gefolge der Abwicklung der DDR- (Geschichts-)Wissenschaft, alle Bereiche der historischen Forschung erfaßt. Die offiziöse »historische Analyse«, die sich in Schultes Worten 1983 noch »anschickt (e), in die Diktion apologetischer, letztlich das Schicksal bemühender Erklärungsversuche zurückzufallen«, hat diesen Anpassungs- und Verfallsprozeß inzwischen weitgehend vollzogen.

Die »Fischer-Kontroverse«

Ausgangs- und Orientierungspunkt von Schultes Aufsätzen bildet die sogenannte Fischer-Kontroverse der 1960er Jahre. Zur Erinnerung: Der Hamburger Zeitgeschichtsprofessor Fritz Fischer hatte mit einem 1959 veröffentlichten Aufsatz sowie insbesondere mit seiner 1961 erschienenen Monographie »Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18« die deutsche Geschichtswissenschaft gründlich aufgemischt. Mit pointierten Thesen setzte sich Fischer darin deutlich von dem in Deutschland bis dahin gültigen Forschungsstand ab – und löste so eine hitzige Kontroverse aus.

Fischers Arbeiten beruhten auf akribischen Quellenrecherchen, vor allem der gründlichen Auswertung der Akten des Auswärtigen Amtes und der Reichskanzlei. Im Potsdamer Zentralarchiv war er auf das »Septemberprogramm« des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg aus dem Jahr 1914 gestoßen, das in Erwartung eines raschen deutschen Sieges weitreichende Annexionen in Frankreich und den Beneluxstaaten sowie koloniale Inbesitznahmen in Zentralafrika vorsah. Dieses Programm, schrieb Fischer, stellte »keine isolierten Forderungen des Kanzlers dar, sondern repräsentierte Ideen führender Köpfe der Wirtschaft, Politik und des Militärs«, die darin formulierten Richtlinien seien »im Prinzip Grundlage der gesamten deutschen Kriegszielpolitik bis zum Ende des Krieges« gewesen (Griff, Sonderausgabe 1967, S. 95).

Ein Tabubruch

Deutschland, so legten es die Quellen nahe, war also keineswegs rein defensiv in den Krieg »hineingeschlittert«, sondern hatte von Anfang an weitreichende hegemoniale Kriegsziele verfolgt. Als Nachkriegsordnung schwebte den verantwortlichen Stellen die Schaffung eines von Deutschland beherrschten »Mitteleuropa« vor, das sich als Zollverband unter deutscher Führung von Frankreich bis Polen erstrecken sollte. Weitergehend stellte Fischer heraus, daß das projektierte Ziel einer deutschen Hegemonie in Europa schon lange Zeit vor dem Krieg konzipiert worden war.

Konkret konnte Fischer zudem nachweisen, daß das Attentat vom 28. Juni 1914 in Sarajewo für die deutsche Reichsleitung der willkommene Anlaß für die Verwirklichung ihrer weitreichenden Ziele war, daß sie Österreich-Ungarn zum Krieg gegen Serbien geradezu gedrängt und – im Gegensatz zu ihren offiziellen Bekundungen – eine friedliche Beilegung oder doch zumindest eine Eindämmung des Konflikts systematisch hintertrieben hatte.

Fischer schloß: Indem sie »im Vertrauen auf die deutsche militärische Überlegenheit es im Juli 1914 bewußt auf einen Konflikt mit Rußland und Frankreich ankommen ließ«, trage »die deutsche Reichsführung den entscheidenden Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges« (Griff, Sonderausgabe 1967, S. 82). »Nach außen und gegenüber der eigenen Nation« habe die Reichsleitung im Juli 1914 planmäßig die Fiktion eines »Überfalls« inszeniert (ebd., Vorwort, S. 7). Die »gegenüber Rußland so systematisch aufgebaute Kriegsschuldfiktion« habe durch die »Mobilisierung der antizaristischen Affekte innerhalb der Sozialdemokratie« »eine Ausschaltung jeder grundsätzlichen Opposition der Sozialdemokratie« und damit die nationale Einheitsfront des 4. August 1914 ermöglicht (ebd., S. 80/88). Der deutschen Geschichtswissenschaft warf der Hamburger Historiker vor, daß sie diese »Überfallthese« der deutschen Reichsleitung unkritisch übernommen habe (ebd., Vorwort, S. 7). Fischers Thesen wurden seinerzeit von der offiziösen westdeutschen Geschichtswissenschaft als Tabubruch empfunden und mehrheitlich empört zurückgewiesen.

Eskalation zum Weltkrieg »Große Heeresvermehrung« für den Aggressionskrieg

In späteren Werken akzentuierte und verschärfte Fischer seine Position: Deutschland habe spätestens seit 1911 bewußt auf einen allgemeinen Krieg hingearbeitet. Zunehmend betonte Fischer dabei auch das über den Ersten Weltkrieg hinausreichende »Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik« und verwies damit auf die gesellschaftlichen und politischen Entstehungsbedingungen des Faschismus und des »Dritten Reiches«.

Stand bei Fischer die Kriegszielpolitik des deutschen Kaiserreichs im Mittelpunkt des Forschungsinteresses, spürt Schulte den auf einen Krieg zusteuernden Entscheidungsprozessen innerhalb der deutschen politischen und militärischen Führungselite bis ins letzte Drittel des 18. Jahrhunderts nach. Wie der Hamburger Historiker nachweist, lief das Konstrukt der »Policy of Pretension«, der deutschen Hegemonialpolitik, seit 1905 nahezu zwangsläufig früher oder später auf einen Kriegsentschluß hinaus. Konkret akzentuiert Schulte in diesem Zusammenhang das Instrument der Krisenkonferenzen im deutschen Kaiserreich, wobei sich eine rote Linie von der Krisenkonferenz im März 1905, über die im Juni 1909 bis hin zu den entscheidenden Konferenzen vom November/Dezember 1912 ziehen läßt: der Krisenkonferenz in Springe vom 23.November 1912 und dem sogenannten Kriegsrat vom 8. Dezember 1912 ziehen lasse. In allen Fällen handelte es sich um Zusammenkünfte auf höchster politischer und militärischer Ebene. Wie Schulte im Detail nachweist, belegen die Krisenkonferenzen nicht nur eine zielstrebige deutsche Vorbereitung auf den Krieg, sondern sind darüber hinaus auch als »Eskalationsstufe zum Weltkrieg« (S. 18) zu verstehen.

Bei der deutsch-österreichischen Krisenkonferenz im Jagdschloß am »Saupark« in Springe war die Crème de la crème der regionalen Würdenträger wie auch der Berliner und Wiener Führungsspitzen vertreten. Die Konferenz stand im Schatten der Ereignisse auf dem Balkan, wo die türkische Machtposition erdrutschartig unter den Schlägen der griechischen, montenegrinischen und bulgarischen Armeen zusammengebrochen war. Durch den damit verbundenen Ausfall der Türkei als möglicher Bündnispartner des Deutschen Reiches– in erster Linie gegenüber Rußland am Kaukasus– waren tiefgreifende strategische Kräfteverschiebungen zwischen der Tripleallianz und dem Dreibund eingetreten. Zugleich war damit auch ein verstärkter Druck der russischen Armee auf Österreich-Ungarn und die deutsche Ostgrenze zu erwarten, den der Große Generalstab noch 1911 durch die beschleunigte Aufrüstung der türkischen Armee glaubte auffangen zu können. Die gestärkte Stellung des infolge der Balkankriege auf nahezu die doppelte Fläche angewachsenen Serbiens gegenüber Österreich-Ungarn ließ in Wien darüber hinaus Befürchtungen hinsichtlich einer Einwirkung Serbiens auf die Slawen innerhalb der Donaumonarchie aufkommen.

Aufrüstungskurs

Im Ergebnis der Konferenz erteilte zwar Wilhelm II. »seinem fürstlichen Gesprächspartner Franz Ferdinand für den Moment eine klare Absage (…), einem Krieg Österreichs mit Serbien militärische Unterstützung zu leisten«. Andererseits erhielt aber der Generalstabschef, wie Schulte anhand der Quellen nachweist, schon hier die entscheidenden rüstungspolitischen Zusagen von Seiten des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg für eine massive personelle Aufstockung des deutschen Heeres (S.332).

Nach seiner Rückkehr aus Springe schrieb Generalstabschef Moltke am 25.11.1912 an das Kriegsministerium: »Wir müssen m. E. noch weiter gehen und unserem gesamten Heere die Stärke geben, die allein den endgültigen Erfolg in dem nächsten Kriege verbürgt, den wir zwar mit Bundesgenossen, aber doch im wesentlichen mit eigener Kraft um Deutschlands Größe zu führen haben. Wir müssen uns entschließen, wenigstens unser Menschenmaterial auszunutzen.« (S. 20)

“Der türkische Zusammenbruch auf dem Balkan bildete auch den Hintergrund des von Wilhelm II. am 8. Dezember 1912 einberufenen »Kriegsrats«, an dem u. a. der Chef des Reichsmarineamtes, Admiral Alfred von Tirpitz, der Admiralstabschef Heeringen, der Generalstabschef Moltke und der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Müller, teilnahmen. Verschärft wurde die Lage durch einen Bericht des deutschen Botschafters in London, wonach Großbritannien jetzt nachdrücklich mit der uneingeschränkten Unterstützung Frankreichs drohte, falls es zum Krieg auf dem Balkan zwischen Österreich und Serbien käme. Aus Sicht Wilhelms II. fiel damit die gesamte Politik des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg seit 1909 in sich zusammen, deren vorrangige Aufgabe darin bestanden hatte, Großbritannien in einem kommenden Kontinentalkrieg durch gute beiderseitige Beziehungen zu einer neutralen Haltung zu bewegen. Nach dem Tagebuch des Marinekabinettschefs, Admiral von Müller, äußerte sich der Kanzler während der Zusammenkunft: »Um den Krieg mit ganzer Wucht gegen Frankreich zu führen«, müsse die Flotte »sich natürlich« unverzüglich »auf den Krieg mit England einrichten«. Generalstabschef Moltke soll darauf geantwortet haben, er ‚halte einen Krieg für unvermeidbar. (und) je eher je besser.’“ Demgegenüber widersprach Tirpitz laut einer erstmals 1982 von Schulte veröffentlichten Tagebuchnotiz des engen Tirpitz-Mitarbeiters Kapitän z. S. Hopman, es liege »im Interesse der Marine (…), (den) Krieg wenn möglich noch 1-2 Jahre hinauszuschieben. Auch (die) Armee könne bis dahin noch viel tun zur besseren Ausnutzung unseres Bevölkerungsüberschusses«. Nach Tirpitz’ Einspruch wurde die Forderung des Kaisers, den Krieg sofort auszulösen, mit Rücksicht auf den Stand der Flottenrüstung für den Augenblick zwar zurückgewiesen, eine kriegerische Auseinandersetzung im gleichen Zug jedoch für frühestens 1914 ins Auge gefaßt.“

In der Folge forderte Wilhelm II. unverzügliche Maßnahmen von Armee und Flotte zur Vorbereitung einer Invasion Großbritanniens sowie die propagandistische Vorbereitung eines erwarteten umfassenden Krieges mit Stoßrichtung vor allem gegen Rußland. Von den Diplomaten erwartete der Kaiser die Optimierung der Bündnislage durch Verträge mit Rumänien, Bulgarien, Griechenland und der Türkei. »Auf diese Weise plante der Monarch, der deutschen Armee – analog zu ihrem Operationsplan – die Zeit zum Vernichtungsschlag gegen Frankreich zu sichern«, schreibt Schulte (S. 337 f.).

Bereits einen Tag später, am 9. Dezember 1912, wies Wilhelm II. seinen Kriegsminister Josias von Herringen an, eine »Große Heeresvermehrung« vorzubereiten. Dies bedeutete nichts anderes als einen Höchstinstanzlichen Kurswechsel: gegen die Flotten- und zugunsten der Armeerüstung. Derart abgesichert, ergriff in der Folge Generalstabschef Moltke »die Initiative in der Durchführung der Kriegsvorbereitung« (S. 349), die gleichzeitig die Wende deutscher Politik zurück zur Kontinentalpolitik festlegte. Am 9. Januar 1913 umriß der Generalstab in einer ausführlichen Erörterung mit Vertretern des Kriegsministeriums seine Forderungen. Ein künftiger Krieg sollte demnach mit Rücksicht auf die Armeerüstung vorrangig ein mittelfristig (bis 1916) zu führender Kontinentalkrieg gegen die Flügelmächte Frankreich und Rußland sein. Dieser Stoßrichtung trug der vom Generalstab im Februar 1913 verabschiedete Schlieffen-Plan Rechnung, der vorsah, die Seemacht Großbritannien zu Lande (in Frankreich) zu treffen. »Damit war jedoch«, schließt Schulte, »die Intention des Kaisers, der den Seekrieg mit England im Auge hatte, beiseite geschoben, und das Konzept Bethmann Hollwegs, das gegen Rußland (festlandorientiert und damit armeebasiert) gerichtet war, hatte gesiegt.« (S. 35)

Geschichtslügen gekontert

Bereits am 20. Januar 1913 stellte der Generalstab den »Aufmarschplan Deutschlands« in einem Dreibundkrieg fertig. Auf der Basis dieser Vorentscheidungen und auf Initiative des Monarchen kam es schließlich im Juni 1913 zu der von Moltke unterstützten »Großen Heeresvermehrung«, nach Schulte nichts anderes als die »Vorbereitung der Armee für den großen Krieg mit den Flügelmächten Frankreich und Rußland und damit zugleich für den europäischen Krieg, der in neunzig Prozent zum Weltkrieg führen würde«. (S. 37)

»Nicht ausschließlich Wilhelm II.«, das zeigen laut Schulte »die Quellen zu den Krisenkonferenzen in Springe und Berlin, sondern der Verbund von Politik und den Kräften der kaiserlichen Umgebung, das heißt des Hofes (mit ›Maison Militaire‹), der Militärs, aber auch der Vertreter der ›pressure groups‹ aus Industrie, Landwirtschaft und Bürokratie bestimmten den Kurs der deutschen Politik.« (S. 344) Völlig widersinnig sei daher die dem traditionellen Ansatz zugrundeliegende Annahme, »die ›au fond‹ friedensliebenden Führungseliten des Kaiserreichs seien unter dem Druck einer kriegswilligen Öffentlichkeit letztlich zum Kriege gezwungen worden«, urteilt der Autor und schließt: »Eine solche Geschichtsschreibung stellt die historische Wirklichkeit auf den Kopf.« (ebd.)

Indem er die Institution der »Krisenkonferenzen« im Kaiserreich als zentrale Schaltstelle der politischen Entscheidungsfindung auf höchster Ebene bloßlegt, entzieht der Band der These der sogenannten Düsseldorfer Schule den Boden, die u.a. von Wolfgang Mommsen adaptiert wurde, es sei aufgrund der inneren Strukturen des wilhelminischen Kaiserreichs, dem informellen Regierungsstil Wilhelms II., von einer Polykratie, einer angeblichen »Zerklüftetheit der Entscheidungsträger« in Berlin und einer angeblichen »Unregierbarkeit des deutschen Reiches« auszugehen. Die insbesondere von Mommsen vertretene »Polyvalenzthese« entlarvt Schulte als bloße »politikwissenschaftliche Sprachregelung«, die bei aller Bemühtheit nicht den Eindruck verdrängen könne, »daß (hier) die historische Analyse hinter dem Nebel modischer Begrifflichkeit sich anschickt, in die Diktion apologetischer, letztlich das Schicksal bemühender Erklärungsversuche zurückzufallen«. (S. 15)

Damit untermauert Schulte die von Fischer seinerzeit im Verlauf der Debatte entwickelte These eines Angriffs-, Durchbruchs- oder Hegemonialkrieges des Deutschen Reiches, der fortgeschrittene Vertreter der Verteidigungskriegsthese wie Egmont Zechlin und Karl Dietrich Erdmann die These eines deutschen Präventivkriegs entgegenstellt hatten.

Gegen den Zeitgeist

In weiteren Aufsätzen geht Schulte der Frage nach, warum das Deutsche Reich im Weltkrieg nicht den von den Führungseliten in Wirtschaft, Militär und Politik erwarteten militärischen Erfolg erzielte. Laut Schulte ist dies insbesondere in den tiefer liegenden strukturellen Defiziten des deutschen Staatswesens und dessen Streitkräften – etwa hinsichtlich Ausbildungsstand und Waffentechnik – begründet. In überlebten gesellschaftlichen Strukturen erstarrt, habe die politische und militärische Führung die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Ein nur mittelmäßiges Management habe schließlich Fehlschläge wie die Marneschlacht verursacht, die irreparabel waren. Den Fokus richtet der Autor auch auf den – angesichts von Staatsstreich-, Anarchismus-, Streik-, Revolutions- und Bürgerkriegsdrohung – von den kaiserlichen Militärbehörden immer schärfer konturierten Sicherheitsaspekt, der im Hinblick auf die deutschen Kriegsvorbereitungen analysiert und ausgeleuchtet wird.

Der auch 27 Jahre nach dem Erscheinen der Erstauflage offenkundige Wert des Buches für das Verständnis der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs wird leider durch einige unübersehbare Mängel geschmälert. Das ist zum entscheidenden Teil der Tatsache geschuldet, daß es sich um eine Sammlung unabhängig voneinander und nicht aufeinander abgestimmter Fachaufsätze und -vorträge handelt, die zudem noch im Nachgang zu einer historischen Kontroverse entstanden sind. Das erklärt die vielen Redundanzen. Auch ist es dem Autor nicht gelungen, den Verlauf und die Bedeutung dieser durchaus interessanten und für die deutsche Geschichtswissenschaft aufschlußreichen Kontroverse in seiner Einführung allgemeinverständlich darzustellen. Hinzu kommen editorische Mängel. So ist bei manchen Beiträgen nicht eindeutig ersichtlich, wann und wo sie zuerst erschienen sind. Auch der unkommentierte Abdruck von Besprechungen eigener Bücher des Autors und das Fehlen eines wissenschaftlichen Apparates wirken sich ungünstig auf die Lektüre aus. Die sehr ausführliche Darstellung verliert sich zudem zu oft in Details, wobei die Frage nach der historisch-politischen Relevanz in den Hintergrund tritt. Ein guter Lektor wäre hier hilfreich gewesen. Der stand wohl nicht zur Verfügung, denn der Band ist als »Book on Demand« erschienen, praktisch also im Eigenverlag. Womit wir bei der grundsätzlichen Frage angelangt wären: Welcher arrivierte Verlag würde sich eines derart sperrigen wie verdienstvollen, weil gegen den Zeitgeist schwimmenden Werks heute noch annehmen?

Bernd F. Schulte: Deutsche Policy of Pretention – Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871–1914. Books on Demand, Norderstedt 2009, 396 Seiten, 22,80 Euro. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen. Reihe II. Band 1, ISBN 978-3837022513