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Als der Angriff auf Frankreich – und damit der Krieg – 1914 scheiterte.

Donnerstag, Dezember 26th, 2013

„Still wie in einem Sterbehaus“, Im Westen alles auf eine Karte gesetzt und verspielt von Volker Ullrich, 6. Juli 1984,  08:00 Uhr, zeigt die, in der Fortsetzung der Fischer-Kontroverse, mit dem Schlagabtausch um die Riezlertagebücher neu geweckten Animositäten zwischen den Schülern der altvorderen Protagonisten [vgl. hier die beigefügten Anmerkungen zum „besseren“ Verständnis].
Bernd Schulte

Von [Zechlin-Schüler] Volker Ullrich

Der Kriegsausbruch von 1914 ist seit einiger Zeit wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Kritische Beobachter der gespannten weltpolitischen Lage zu Beginn dieses Jahrzehnts entdeckten auffällige Parallelen zur Krise vor 1914. Nicht vergessen sind die mahnenden Worte des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt an die Supermächte auf dem Höhepunkt der Afghanistan- und Iran-Krise im Frühjahr 1980. Die Furcht davor, daß bei einer der beiden die Sicherungen durchbrennen könnten, ist seither eher noch größer geworden. Mit dem Interesse am gescheiterten Krisenmanagement des Juli 1914 verbinden sich neuerdings etwas krampfhafte Bemühungen, die wissenschaftspolitischen Frontstellungen der sechziger Jahre – bekannt unter dem Namen „Fischer-Kontroverse“ – zu reaktivieren. Den Auftakt machte Fritz Fischer selber mit seinem rororo-Bändchen: „Juli 1914: Wir sind nicht hineingeschlittert“. Ein befremdlicher Titel, denn kein seriöser Historiker in der Bundesrepublik bestreitet heute – dank Fischer – noch, daß die deutsche Regierung eine Hauptveranwortung für die Auslösung des Krieges trifft. Gestritten wird allerdings noch immer um die Motive der halsbrecherischen deutschen Risikopolitik in den kritischen Julitagen. Dieser Streit wird vermutlich an Schärfe zunehmen, seitdem die wichtigste Quelle, die über die Motivfrage einigermaßen zuverlässig Auskunft zu geben schien – das Riezler-Tagebucn – ins Gerede gekommen ist. (DIE ZEIT hat ausführlich darüber berichtet.)

In diese Kontroverse der Historiker mischt sich jetzt auch der Fischer-Schüler – Bernd F. Schulte ein. Sein Buch – halb Aufsatzsammlung, halb Quellendokumentation – konzentriert sich auf zwei Themen: den „decision making process“ in der Reichsleitung vor 1914 und die Rolle der deutschen Armee in den inneren und äußeren Krisen der Vorkriegszeit – das Spezialgebiet des Verfassers.

Wie Fischer und der englische Historiker John Röhl zieht auch Schulte eine gerade Linie vom sogenannten „Kriegsrat“ am 8. Dezember 1912 – einer Krisensitzung Kaiser Wilhelms II. mit den Spitzen von Armee und Flotte – zum Kriegsausbruch 1914: Unter dem Eindruck des ersten Balkankrieges und der dadurch ausgelösten Kräfteverschiebungen zwischen Dreibund und Triple-Entente habe sich die deutsche Reichsleitung endgültig dazu entschlossen, den Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Rußland zu einem möglichst frühen Zeitpunkt herbeizuführen – in der Hoffnung, England neutralisieren zu können; darum auch die Rückverlagerung der Rüstungspriorität von der Flotte auf die Armee. Also wäre die „Nachrüstung“ von 1913 (die große Heeresreform) demnach nichts anderes gewesen als Vorrüstung auf den kommenden erwünschten Krieg.

Die neuen Fakten und Belege, die Schulte anführt, können freilich die Zweifel an dieser bestrickend einfachen Deutung nicht ausräumen. Manche der vom Autor zitierten Quellen sperren sich gegen die Vorstellung eines von langer Hand vorbereiteten und planmäßig inszenierten Hegemonialkrieges [Nein, nicht so platt: vgl. heute: Ders., Die Krisenkonferenz vom 8.12.1912, in: Jb. der Görres-Gesellschaft (1980), Die Verfälschung der Riezlertagebücher (1985), Deutsche Policy of Pretention (2009) und Das Deutschland von 1914 (2013)]. So äußerte etwa Reichskanzler Bethmann Hollweg bei der Begründung der Heeresvorlage in einer vertraulichen Sitzung der Reichshaushaltskommission im April 1913 – nach einem Bericht des württembergischen Gesandten in Berlin, v. Graevenitz –: „Wie England sich später verhalten werde, wisse es wohl jetzt selbst nicht. Nach seinen Grundsätzen werde es nicht ruhig zusehen, wenn es auch wohl nicht sogleich Partei ergreife. Kein Mensch könne die Möglichkeit eines Krieges aus der Welt schaffen. Er tue alles, um einen Krieg zu vermeiden, aber eine Garantie gebe es nicht. Im Falle eines Krieges gebe es einen Weltkrieg, und wir müssen gegen zwei Fronten kämpfen. Es sei das bedauerlich, aber nicht aus der Welt zu schaffen. Es werde ein Existenzkampf. Sollte man dem mit geringerer Rüstung entgegengehen, als man leisten könne?“ Spricht so jemand, der es partout auf den großen Kontinentalkrieg abgesehen hat?
Für diejenigen unter den Historikern, die – wie Wolfgang J. Mommsen – schon aufgrund der inneren Strukturkrise des Kaiserreichs und der polykratischen Verwerfungen im Regierungssystem ein perfekt zweckrationales Handeln in Richtung auf den Krieg in Frage stellen, hat Schulte nur beißende Ironie übrig. Er wirft ihnen vor, im Gewande moderner politikwissenschaftlicher Begrifflichkeit die alten konservativen Ladenhüter feilzubieten, und spricht triumphierend von einem „Cannae der Polykratielehre“, obwohl er deren Untauglichkeit keineswegs schlüssig nachgewiesen hat.

Überhaupt ist Schulte nicht zimperlich, wenn es darum geht, mit den Kontrahenten Fritz Fischers ins Gericht zu gehen. Die Rundumschläge, zu denen er immer wieder ausholt, wollen freilich nicht recht zur Empfindsamkeit passen, mit der er auf Kritik an seinen eigenen Forschungen reagiert [U. bewarb sich beim Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung 1985, einen Verriß des Buches über die Verfälschung der Riezlertagebücher schreiben zu dürfen. Vgl. Ders., Weltmacht durch die Hintertür (2003)]. Allein zehn Druckseiten verwendet er darauf, um eine unfreundliche Besprechung seines Buches „Vor dem Kriegsausbruch. Deutschland, die Türkei und der Balkan“ (1980) durch den amerikanischen Historiker Ulrich Trumpener zurückzuweisen. Peinlich genug: Alle Rezensenten, die das Buch irgendwann einmal positiv erwähnt haben, werden fein säuberlich der Reihe nach genannt [angesichts der Methode der konservativen Gegner der Fischerschule, einschließlich G. Ritters Verleumdung Fischers bei ausländischen Historikern 1962, dieser sei Nazi und Schüler Erich Seebergs und Assistent bei Hans Frank gewesen; erneuert aus Potsdam 2001 ff.-von Seiten Protestantischer Theologen um Konrad Jarausch/Potsdam. Vgl. dazu: Ders., Aufstieg oder Niedergang (2008)].

Sehr viel überzeugender wirkt Schulte dort, wo er auf hemdsärmelige Polemik und kleinliche Rechthaberei verzichtet [vgl. www.forumfilm.com zu Ders., Europäische Krise und Erster Weltkrieg] und sich seinem zweiten Problembereich zuwendet: der Frage nach den Gründen für das Scheitern des deutschen Feldzugsplans im August/September 1914. Er zeigt: Nicht die Führungsschwächen des deutschen Generalstabschefs von Moltke, auch nicht jene berühmten fehlenden drei Armeekorps, sondern strukturelle Defekte der deutschen Armee waren die Ursache für das militärische Debakel an der Marne. Ausbildung, Taktik und Bewaffnung hielten nicht Schritt mit dem gesellschaftlichen und technischen Wandel in den letzten Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg. Mangel an Flexibilität und Improvisation, Überbetonung der Disziplin, Festhalten an den Rezepten des deutsch-französischen Krieges von 1870/71, verspätete Einführung neuer Waffensysteme – all dies zusammen führte dazu, daß die deutsche Heeresführung der militärischen Konfrontation, auf die sie zusteuerte, im Grunde nicht gewachsen war [da, wo sich U. zur Sache äußert, kann er nicht widersprechen].

Mit dem „Blitzkrieg“ im Westen wurde alles auf eine Karte gesetzt und verspielt. Nach den ersten militärischen Erfolgen berauschten sich Militärs und Politiker noch an der Vision eines Kontinentaleuropa unter deutscher Führung – Basis der angestrebten deutschen Weltmachtposition. Schulte bringt dafür einen neuen Beleg, einen Brief des Kapitäns zur See Widenmann an Großadmiral von Tirpitz von Ende August 1914 [vgl. hier: Karl-Heinz Janßen,
in: Die Zeit, 1981] Kriegszielforderungen findet, wie sie wenig später auch im „September-Programm“ Bethmann Hollwegs auftauchen.

Der Stimmungsumschwung im Großen Hauptquartier in Luxemburg spiegelt sich in dem Tagebuch des bayerischen Militärbevollmächtigten General von Wenninger aus den ersten Kriegswochen, das der Autor entdeckt und publiziert hat [der konservative Afflerbach/Schüler W. Mommsens, tut so, als ob er das Tagebuch allein gefunden hätte, vgl. Ders., Rückbesinnen und Neubestimmen ((2000)] .

„Es ist wie in einem Sterbehaus – man geht auf den Zehen, die Generalstabsoffiziere huschen mit gesenkten Augen an einem vorbei – nur nicht ansprechen, nicht fragen.“ Am 30. Juli – als der Krieg zur Gewißheit geworden war – hatte Wenninger notiert: „Ich eile ins Kriegsministerium. Überall strahlende Gesichter, – Händeschütteln auf den Gängen; man gratuliert sich, daß man über den Graben ist.“

Zwischen beiden Eintragungen liegen sechs Wochen – eine kurze Zeitspanne, in der aber die militärischen und politischen Eliten des Kaiserreichs von manchen langgehegten Illusionen Abschied nehmen mußten.

1914 Heute. Neues Licht auf das informelle Regierungssystem des Kaiserreichs.

Samstag, März 17th, 2012
Barnimer Bürgerbote an der Spitze der Forschung. Neue Interpretation des deutschen Regierungssystems vor 1914.

"erinnert", in: Barnimer Bürgerbote, 3/2012, S. 14

Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“. Erster Weltkrieg neu beleuchtet.

Montag, Februar 13th, 2012

Ein Vabanque-Spiel wurde in Gang gesetzt. In seinem Buch »Deutsche Policy of Pretention – Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914«, das 2010 in 2. Auflage erschien (BBP 11/2010), befaßt sich der Hamburger Historiker Dr. Bernd F Schulte mit den Vorgängen, die zum Krieg führten, und der Rolle, die u.a. Bethmann Hollweg dabei spielte. Die aktuellen Ergebnisse seiner Forschungen zum Kriegsausbruch 1914 stellte der Autor der »Barnimer Bürgerpost« zur Verfügung.

Der Historiker Fritz Fischer, dessen Buch »Griff nach der Weltmacht« vor 50 Jahren in der BRD die sog. »Fischer-Kontroverse« auslöste war mein Lehrer. Er hat mir vermittelt, stets auf die Quellen zurückzugehen, positiv positivistisch zu denken, und neues Material der historischen Forschung, in Beantwortung der dieser gestellten Fragen, zur Verfügung zu stellen. Ich kam zu ihm 1972 als Batterieoffizier in einem Hamburger Artillerie-Batallion, und ging 1983 im Begriff einen Platz beim Fernsehen zu finden. Dazwischen lagen meine Dissertation und ein Buch zur Balkankrise und dem »Kriegsrat« von 1912, wie zur »Verfälschung der Riezler Tagebücher«. – Auf Fischers Seite einige Rezensionen und Vorträge, ein Aufsatzband sowie der große Auftritt 1978 vor dem Hamburger Historikertag; ferner das daraus entstandene Buch »Bündnis der Eliten«, und die Kampfschrift »Wir sind nicht hineingeschliddert« (rororo) zum Kriegsausbruch 1914 ebenfalls zur »Fälschung der Riezler Tagebücher, einer 1983 hart geführten Kontroverse.

Wir scheiterten gemeinsam in dem Bestreben, mich – trotz der angespannten Bewerbungslage in der Geschichtswissenschaft – noch dort unterzubringen. Stets ging es Fischer in diesen Jahren darum, zu unterstreichen, die besondere Bedeutung von forscherischer Leistung bestehe vor allem darin, einen Beitrag zu einem größeren Ganzen zu leisten. Es ging ihm, kurz gesagt, um das Postulat aus der Geschichte zu lernen. Gemachte Fehler nicht zu wiederholen. Breitere Publizität stelle für den Historiker einen seltenen Glücksfall dar. Das hat er 1988 vor einer Versammlung von Historikern und Hamburger Würdenträgern zu seinem 80. Geburtstag vor allem betont. Mein Fernsehportrait dazu, produziert für den Hessischen Rundfunk („ttt“), stellte Fischer ganz in sein Hamburger Umfeld, und vor allem unter den Einfluß der Ergebnisse des III. Reichs. Als er 1947 aus der Gefangenschaft zurückkam, hatte er mit den Traditionen des preußisch-deutschen Nationalstaates grundsätzlich gebrochen (Erlebnisse in Kriegsgefangenenlagern, KZ-Dachau). Diese Zäsur vollzog er zunächst auf seinem angestammten protestantisch-theologischen Arbeitsfeld (Historikertag München). Mit dieser Wende hin zum westeuropäisch-amerikanischen Kulturkreis zog sich Fischer bereits 1949 die scharfe Opposition des »Doyens« der westdeutschen Geschichtswissenschaft zu, Gerhard Ritter.

Als Fischer dann 1959/61, fußend auf grundstürzenden Archiv-Forschungen, die Kriegsziele des kaiserlichen Deutschland, über die Hypertrophie Hitlerscher Aggressionspolitik hinaus, unterstrich beging er an sich schon, nach der überwiegenden Auffassung von damaliger westdeutscher Historikerzunft und bundesdeutscher Gesellschaft, ein Sakrileg. Dieses Buch, das unter dem provozierenden Titel »Griff nach der Weltmacht« im November 1961 auf den Buchmarkt kam, „beunruhigte“ (Paul Sethe/DIE ZEIT) nicht zuletzt durch ein Kapitel, das die Entstehung des Ersten Weltkrieges, im Sinne der Deutschland belastenden Darstellung Luigi Albertinis (1950), entwickelte. Störten Fischers Darlegungen zu den deutschen Kriegszielen im Ersten Weltkrieg an sich schon die trügerische Ruhe, welche bundesdeutsche Historiker dem Thema »1914« verordnet hatten, so bot dieses Kapitel eine ungeschützte Flanke, eröffnete einen neuen (alten) „Kriegsschauplatz“ und forderte die westdeutsche konservative, wissenschaftliche Fronde nachgerade zum Gegenstoß heraus.

Niemand war allerdings – aus meiner Sicht – weniger als Fischer zum Vorboten der sozial-liberalen Koalition von 1969 geeignet. Obwohl er der liberalen Bewegung an sich schon nahe stand. Dennoch gehört sein berühmtes Buch zur Vorgeschichte des innenpolitischen Wandels in Westdeutschland, der sich im Verlauf der sechziger Jahre vollzog. Auch demonstrierten Fischers Publikationen dem Ausland, daß es nun, durchaus auch in den politischen Grundsatzfragen, ein neues Deutschland gebe. Das stärkte nicht zuletzt das Vertrauen unserer früheren Kriegsgegner in die neuerstandene Bonner Republik und begünstigte die Tendenz, die BRD in die internationale Gemeinschaft zu reintegrieren.

So liegen Fischers Verdienste weniger in den immer noch hart umkämpften Deutungsunterschieden und wissenschaftlichen Grabenkämpfen um die Entstehung des Weltkrieges von 1914, als vielmehr in seiner indirekten politischen Wirkung. Wissenschaftlich übergreifend hat der Hamburger Historiker zusätzlich gegen die überkommene, diplomatiegeschichtlich akzentuierte, traditionelle Auffassung den eher sozial-und wirtschaftsgeschichtlich akzentuierten Ansatz seiner Hamburger Schule gestellt. Dieser hat Frucht getragen, und mit weiteren Forschern, die westdeutsche Geschichtswissenschaft insgesamt wieder auf internationales Niveau gehoben. So erscheint es überfällig, Fritz Fischer, der auch die Hamburger Universität auf internationalem Parkett bekannt machte, in der deutschen Wissenschafts-Republik den Platz einzuräumen, der ihm, jenseits allen kleinkarierten Streits, zukommt.

Dr. Bernd F. Schulte

Barnimer Bürgerpost, Nr. 205, 18. Jg. Ausgabe 2/2012 7.2.2012, S. 14

Das letzte Wort zu 1914 …

Donnerstag, Januar 26th, 2012

http://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article13832392/Russisches-Roulette.html

Die Welt| Weltlage, Autor: Michael Stürmer| 25.01.2012 Russisches Roulette

Das letzte Wort zu 1914 ist noch nicht gesprochen. Weil die Verursachung des Zweiten Weltkriegs beim weiland Großdeutschen Reich lag, hat es sich eingebürgert, den Ersten Weltkrieg auch gleich ins deutsche Schuldkonto zu übernehmen. „Griff nach der Weltmacht“, titelte mit nachhaltiger Wirkung der Theologe und Historiker Fritz Fischer. Dass der amerikanische Diplomat und Historiker George F. Kennan 20 Jahre nach Fischer in einer großen Studie zum Niedergang des bismarckschen Bündnissystems Paris und St. Petersburg als Treiber einer Kriegsallianz gegen Österreich-Ungarn und Deutschland ausgemacht hatte und damit als Mit-Urheber der „Urkatastrophe“ (Kennan) des 20. Jahrhunderts, hatte in Deutschland wenig Wirkung. Es passte nicht ins Bild.

Eine Warnung kommt aus China, wo auf die Frage nach der Bedeutung der Französischen Revolution von 1789 gelegentlich die Antwort kommt: zu früh für eine abschließende Beurteilung. Jetzt kommt aus den Vereinigten Staaten, Harvard University Press, eine ähnliche Botschaft: „Die russischen Ursprünge des Ersten Weltkriegs“ („The Russian Origins of the First World War“, von Sean McMeekin). Die These: „Die Tatsache, dass der Schwerpunkt des Kämpfens und Sterbens entsprechend dem Schlieffen-Plan in Frankreich und Belgien lag, färbt die allgemeine Erinnerung an den Konflikt und beherrscht die Literatur. Aber nicht einmal der besessenste Historiker der Westfront kann verneinen, dass die tieferen Gründe des Konflikts im Osten lagen.“

Der russische Griff nach dem Erbe der Osmanen geht weit zurück auf Peter den Großen, der Zaren und Kommissaren die Mission hinterließ, die Dardanellen für Mütterchen Russland einzusammeln. 1878 blockierte Bismarck durch ein Gipfeltreffen in Berlin („Der ganze Balkan ist nicht die heilen Knochen eines pommerschen Grenadiers wert“) Russlands Ausgreifen ins östliche Mittelmeer und verhinderte Krieg. Dem „ehrlichen Makler“ wurde schlecht gedankt. Paris und St. Petersburg verbündeten sich, um Europas Landkarte mit dem Bajonett umzuzeichnen.

In Paris kann man bis heute die Brücke Alexandre III bewundern, die in Sichtweite der deutschen Botschaft die Seine ohne Zwischenpfeiler überspannt: Denkmal einer schicksalhaften Allianz. ——————————————————————————————–
Leser-Kommentare

Daß Frankreich, Rußland und England – durch eine deutsche „Policy of Pretention“ zusammengebracht wurden, wird übersehen. —————————————————————————————————

Pretention
Dass Problem des Kriegsausbruchs 1914 kreist um den Begriff »Pretention« und geht zurück auf

lateinisch »praetendo« – englisch »pretend« – französisch »prétendre« –gebräuchlich: »Pretension« – und archaisch »Pretention«. –
»Pretention « hieß 1914 »Bluff«. Es handelte sich um ein Modewort der damaligen Diplomatie. Schließlich wurde der Fehlschlag der europäischen Regierungen in der Julikrise des Jahres 1914 mit der Formulierung entschuldigt, man habe sich eben »festgeblufft«. Das Spielerische des Vorgangs wurde leichtfertig überbetont. Hier geht es allerdings um mehr. So wie die wissenschaftliche Interpretation der Ereignisse bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Verlaufe der neueren Diskussion seit 1961, eine eher unglückliche Fixierung auf den Juli/August feststellt, so geht es inzwischen in der allgemeinen Forschung darum, die europäische Welt zwischen 1905 und 1914 hinsichtlich deren wirtschaftlichen, diplomatischen, militärischen und kulturgeschichtlichen Wurzeln zu untersuchen.

In diesem Zusammenhang wird inzwischen von einer deutschen »brinkmanship«-Politik gesprochen. Das heißt: die Berliner Politik habe ein zunehmend bedeutenderes Risiko übernommen. Ich sehe die deutsche Politik dabei, systematisch, von Krise zu Krise gesteigert, nahezu naturwissenschaftlich und labormäßig, ein »testing the entente« vorzunehmen. Es ging darum, festzustellen, als wie solide das – in Berlin als monolithisch aufgefaßte – System der Entente-Bündnisse und Absprachen – zwischen Paris, Petersburg und London – sich herausstelle. Es ging ferner darum, eventuell auftretende Risse zu erkennen, und im Folgenden eine mögliche Sprengung der Verbindungen zu betreiben. Das war die erklärte Absicht und Politik des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg zwischen 1909 und 1914.

Was war nun aber dabei deutscherseits vorgeschützt, übertrieben oder vorgespiegelt? Die deutsche Politik basierte, nach dem deutschfranzösischen Krieg von 1870/71, zu großen Teilen auf dem herausragenden Ruf der preußisch bestimmten Armee. Es ist gezeigt worden, daß Kampfwertvergleiche den anscheinend unerschütterlichen Nimbus der deutschen Waffen als immer labiler erscheinen ließen. Spätestens seit der Marokkokrise von 1905 brach sich eine breit gefächerte Kritik an den deutschen taktischen und operativen Verfahren Bahn. Zum Beispiel in der »Revue Militaire des Armées Ètrangères« des französischen Generalstabes sowie englischen, französischen und russischen Magazinen, Monatsschriften und Tageszeitungen. Das geschah in einer breiten Kritik unter anderem am Beispiel der deutschen Kaisermanöver. Die nicht unbedingt erfolgreichen diplomatischen Bemühungen Berlins in diesen Jahren verschärften zusätzlich die fortschreitende Erosion des Bildes der Zeitgenossen von der preußisch-deutschen Armee als der »besten der Welt«.

Nicht zuletzt durch den immer wieder aufgenommenen Appell, das Schwert zu ziehen, entwertete, abgesehen von diesem technischen Hintergrund, die Berliner Diplomatie ihre Pressionspolitik 1904/ 06, 1908/09 und im Herbst 1912 selbst. Es wuchs in den Hauptstädten Europas bis Ende 1912 die Überzeugung heran, nun, bei nahezu vollendeter militärischer Rüstung, diesem Druck künftig widerstehen zu sollen. So kam es zu einem Krieg, in den Deutschland mit noch nicht vollendeter Rüstung eintrat. In diese Zwangslage war Berlin geraten, obwohl etwa der englische Oberst Repington, im Oktober 1911 in der Times, eindringlich davor gewarnt hatte, die deutsche Armee und deren Leistungsfähigkeit überzubewerten. Deutscherseits wurde diese Kritik, bis hinauf zum Kaiser, empört zurückgewiesen, wobei in Berlin übersehen wurde, daß jahrzehntelang Unsummen in den Schlachtflottenbau geflossen waren, die nun – wie sich herausstellen sollte – in der Armee unübersehbare Lücken verursacht hatten.

Die Marne erreichten, im September 1914, die Armeen des deutschen rechten Heeresflügels nicht nur ohne die 1913 umstrittenen drei Armeekorps, sondern auch ohne ein in Führung und Gefecht konkurrenzfähiges Kampfverfahren und ohne zeitgemäße Ausrüstung und Bewaffnung der Waffengattungen.

Der Begriff des »Kriegerstaates«
Einerseits hat Paul Kennedy in seinem berühmten Buch über den »Aufstieg und Fall der großen Mächte« (1986), vor allem am Beispiel Spaniens, Englands – wie auch Deutschlands, der USA und der UdSSR – dafür plädiert, den Akzent staatlicher Grundstruktur und Politik nicht ausschließlich auf militärische Machtentfaltung zu setzen. Vielmehr seien, so Kennedys Urteil, die »Handelsstaaten« den »Kriegerstaaten« im Verlauf der Geschichte grundsätzlich überlegen. Diese These, die nicht zuletzt in Washington hart umstritten war, veranlaßte mich, den Begriff »Kriegerstaat«, in Bezug auf das deutsche Kaiserreich, anzuwenden (vgl. »Bismarck war kein Deutscher«, in: »Rückbesinnen und Neubestimmen«, 2000).

Andererseits bildete sich die etwas ältere Bedeutung im Verlauf der Diskussionen um das Buch Fritz Fischers »Griff nach der Weltmacht« (1961) heraus. Diese wissenschaftlichen und publizistischen Auseinandersetzungen um Strukturen, Modernitätsgrade und Entwicklungschancen des Kaiserreichs hinterließen eine breitere Spur in der jüngeren deutschen, sozialgeschichtlich orientierten, Historiographie. Es bildete sich die Erkenntnis heraus, die mittelalterlich-feudalen, einseitig kämpferischen Versatzstücke im Erscheinungsbild des wilhelminischen Kaiserreichs (Reden, nationale Parolen, Paraden, Aufmärsche, Stechschritt, Sedanstage, Denkmäler), wie dessen hierarchisch strukturierte Gesellschaft, Armee und Verwaltung, hätten das Bewusstsein des damaligen Bürgertums (bis in die Arbeiterschaft) einseitig kämpferisch-maskulin geprägt.

Diese Hypothesen, die in der jüngsten deutschen Forschung aufmerksame Ohren gefunden haben, mögen, in den Rahmen der militanten Problemlösungsversuche, welche die deutsche politische Führung zwischen 1905 und 1914 unternahm, hineingespielt haben.

Meine zu Beginn der achtziger Jahre veröffentlichten Arbeiten ließen in Bezug auf die Krisenkonferenz-Problematik innerhalb der Berliner Führungsspitze, wie hinsichtlich des Bürgerkriegs-Problems im militärischen Bereich und hinsichtlich der horrenden, fatalen deutschen Verluste beim Angriff 1914 auf Belgien und Frankreich, diese Momente bereits anklingen. So gelangte ich, unter dem Eindruck der letzten Aufgipfelung des Rüstungswettlaufs im »Kalten Krieg« zwischen den USA/NATO und der UdSSR 1979/83 zu der Überlegung, militärische Lösungswege wo immer möglich durch diplomatisch-politische und Ansätze der Friedensforschung wenn nicht zu ersetzen, so doch zumindest zu »unterfüttern« (Graf Baudissins System der »Vertrauenbildenden Maßnahmen«).

Dr. BERND F. SCHULTE

Glanz und Gloria des „Kriegerstaates“ waren nur Bluff.

Dienstag, Januar 24th, 2012

»Im Juli 1914 berührte deutsche Reichspolitik Hohenfinow«, heißt es in der 2007 veröffentlichten Chronik des Ortes/1/. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg machte seit dem 4. Juli „Arbeits“-Urlaub auf seinem Schloß in Hohenfinow. Während die Welt nach dem Attentat von Sarajewo am 28. Juni am Vorabend eines Weltkrieges stand, bot Deutschland „nach außen ein vermeintlich friedliches Bild“. Doch insgeheim entfaltete sich eine hektische Betriebsamkeit. Mit den Vorgängen, die zum Krieg führten, und der Rolle, die u.a. Bethmann Hollweg dabei spielte, befaßt sich der Hamburger Historiker Dr. Bernd F. Schulte. Seine Forschungen aus den 80er Jahren erschienen vor zwei Jahren unter dem Titel »Deutsche Policy of Pretention – Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914« in 2. Auflage (BBP 11/2010), ergänzt um den neuen Aspekt des Instituts der „Krisenkonferenzen“ im Kaiserreich.

Der Autor hat nun der »Barnimer Bürgerpost« dankenswerterweise einen Text zum aktuellen Stand seiner Forschungen hinsichtlich des Kriegsausbruchs 1914 überlassen, den wir in dieser und den folgenden Ausgaben abdrucken.

Der Aufsatzband »Deutsche Policy of Pretention« oder der »Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914« kreist um den Begriff »Pretention«, der zurückgeht auf lateinisch „praetendo“ – englisch „pretend“ – französisch „prétendre“ – gebräuchlich: „Pretension“ , archaisch „Pretention“.-
Deutsche Policy of Pretention, 1904-14.

»Pretention« hieß 1914 »Bluff«. Es handelte sich um ein Modewort damaliger junger deutscher Diplomaten wie Kurt Riezler, Arthur Zimmermann oder Wilhelm von Stumm. Schließlich wurde der Fehlschlag der europäischen Regierungen in der Julikrise des Jahres 1914 mit der Formulierung entschuldigt, man habe sich eben »festgeblufft«. Das Spielerische des Vorgangs erscheint leichtfertig überbetont. Hier geht es allerdings um mehr. So wie die wissenschaftliche Interpretation der Ereignisse bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Verlaufe der neueren Diskussion seit 1961, zunächst eine eher unglückliche Fixierung auf den Juli/August feststellt, so geht es inzwischen in der allgemeinen Forschung darum, die europäische Welt zwischen 1905 und 1914 – auf deren wirtschaftliche, diplomatische, militärische und kulturgeschichtlichen Wurzeln – hin zu untersuchen.

In diesem Zusammenhang wird inzwischen von einer deutschen »brinkmanship«-Politik gesprochen. Das heißt: die Berliner Politik habe ein zunehmend bedeutenderes Risiko übernommen. Ich sehe diese allerdings im Begriff, systematisch, von Krise zu Krise gesteigert, nahezu naturwissenschaftlich und labormäßig, ein »testing the entente« vorzunehmen. Es ging Berlin darum, festzustellen, als wie solide das – in Berlin für monolithisch gehaltene – System der Entente-Bündnisse und -Absprachen – (Paris, Petersburg und London) sich herausstelle. Daraus folgte, eventuell, sich unter diplomatischem Druck ergebende, Risse festzustellen, und im Folgenden die Sprengung des Entente-Systems zu betreiben (vgl. Bethmann Hollweg im Gespräch mit Riezler, Juli 1914/Riezler-Tagebuch). Das war die erklärte Absicht und Politik des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg zwischen 1909 und 1914.

Was war nun aber dabei deutscherseits vorgeschützt, übertrieben oder vorgespiegelt? Die deutsche Politik basierte, nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, zu großen Teilen, auf dem herausragenden Ruf der preußisch bestimmten Armee. Es ist gezeigt worden, daß Kampfwertvergleiche den scheinbar unerschütterlichen Nimbus der deutschen Waffen als immer labiler erscheinen ließen. Spätestens seit der Marokkokrise von 1905 brach sich eine breit gefächerte Kritik an den deutschen taktischen und operativen Verfahren Bahn. So zum Beispiel in der »Revue Militaire des Armées Ètrangères« des französischen Generalstabes sowie englischen, französischen und russischen Magazinen, Monatsschriften und Tageszeitungen. Das geschah auf breiter Front, unter anderem an den deutschen Kaisermanövern. Die nicht unbedingt erfolgreichen diplomatischen Bemühungen Berlins verschärften in diesen Jahren zusätzlich die fortschreitende Erosion des Bildes des Auslandes von der preußisch-deutschen Armee als der »besten der Welt«.
Nicht zuletzt durch die immer wieder erneuerte Drohung, das Schwert zu ziehen, entwertete die Berliner Diplomatie noch zusätzlich ihre Pressionspolitik in den Jahren 1904/06, 1908/09 und Herbst 1912 selbst. Es wuchs in den Hauptstädten Europas, bis Ende 1912, die Überzeugung heran, nun, nach nahezu vollendeter militärischer Aufrüstung, diesem Druck künftig widerstehen zu sollen.

So kam es zu einem Krieg, in den Deutschland mit nicht vollständig modernisierter Armee eintrat. In diese Zwangslage war das Kaiserreich geraten, obwohl etwa der englische Oberst Repington, im Oktober 1911 in der Times, eindringlich davor gewarnt hatte, die deutsche Armee und deren Leistungsfähigkeit überzubewerten. Deutscherseits wurde diese Kritik, bis hinauf zum Kaiser, empört zurückgewiesen, wobei in Berlin übersehen wurde, daß jahrzehntelang Unsummen in den Schlachtflottenbau geflossen waren, die nun – wie sich herausstellen sollte – in den Streitkräften unübersehbare Lücken verursacht hatten. Die Marne erreichten im September 1914 die Armeen des deutschen rechten Heeresflügels nicht nur ohne die 1913 – im Zuge der „großen Heeresvermehrung“ – umstrittenen drei Armeekorps, sondern auch ohne ein in Führung und Gefecht, der gestellten Aufgabe, adäquates Kampfverfahren, und ohne zeitgemäße Ausrüstung und Bewaffnung der Waffengattungen.

Zum Begriff des »Kriegerstaates«.
Einerseits hat Paul Kennedy/Yale in seinem berühmten Buch über den »Aufstieg und Fall der großen Mächte«(1986), vor allem am Beispiel Spaniens, Englands – wie auch Deutschlands, der EU, den USA und der UdSSR – dafür plädiert, den Akzent staatlicher Grundstrukturen nicht ausschließlich auf militärische Machtentfaltung zu setzen. Vielmehr seien, so Kennedys Urteil, die »Handelsstaaten« den »Kriegerstaaten« im Verlauf der Geschichte grundsätzlich überlegen. Diese These, die nicht zuletzt in Washington hart umstritten war (Kennedy wurde in sämtliche Ausschüsse den Kongresses geladen) , veranlaßte mich, den Begriff »Kriegerstaat«, in Bezug auf das deutsche Kaiserreich, anzuwenden (vgl. Bernd F. Schulte: Bismarck war kein Deutscher, in: „Rückbesinnen und Neubestimmen«, Hamburg 2000).

Andererseits bildete sich eine etwas ältere Interpretation im Verlauf der Diskussionen um das Buch Fritz Fischers »Griff nach der Weltmacht« (1961) heraus. Diese wissenschaftlichen und publizistischen Auseinandersetzungen um Strukturen, Modernitätsgrade und Entwicklungschancen des Kaiserreichs hinterließen eine breitere Spur in der jüngeren deutschen, sozialgeschichtlich orientierten Historiographie. Es schälte sich die Erkenntnis heraus, die mittelalterlich-feudalen, einseitig kämpferischen Versatzstücke im Erscheinungsbild des wilhelminischen Kaiserreichs (Reden, nationale Parolen, Paraden, Aufmärsche, Stechschritt, Sedanstage, Denkmäler, Kaiserreden), wie dessen hierarchisch strukturierte Gesellschaft, Armee und Verwaltung, hätten das Bewustsein des damaligen Bürgertums (bis in die Arbeiterschaft) einseitig kämpferisch-maskulin geprägt.
Diese Hypothesen, die in der jüngsten deutschen Forschung aufmerksame Ohren gefunden haben, mögen, im den Rahmen der militanten Problemlösungsversuche, welche die deutsche politische Führung zwischen 1905 und 1914 unternahm, eine Rolle gespielt haben.

Meine zu Beginn der achtziger Jahre veröffentlichten Arbeiten ließen, in Bezug auf die „Krisenkonferenz“-Problematik“ innerhalb der Berliner Führungselite, wie auch hinsichtlich des Bürgerkriegs-Problems für den militärischen Bereich, und in Bezug auf die horrenden, fatalen Verluste im Verlauf des Angriffes 1914 auf Belgien und Frankreich, diese Momente bereits anklingen. So gelangte ich, unter dem Eindruck der letzten Aufgipfelung des Rüstungswettlaufs im »Kalten Krieg« zwischen den USA/NATO und der UdSSR 1979/83 zu der Überlegung, militärische Lösungswege, wo immer möglich, durch diplomatisch-politische und Ansätze der Friedensforschung, wenn nicht zu ersetzen, so doch zumindest zu »unterfüttern« (vgl. Graf Baudissins System der »Vertrauenbildenden Maßnahmen«).

Dr. Bernd F. Schulte

Barnimer Bürgerblatt, Januar 2012.

Wie’s die USA sehen: Deutschlands „inoffizielles Wirtschaftsimperium in Mitteleuropa“.

Samstag, Januar 7th, 2012

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58233

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und dem „Small Wars Journal“ wird seit dem 29.11.2011 die Meinung vertreten, Europa solle durch Deutschland regiert werden wie das Deutsche Reich durch Preußen.

Deutschland, und damit Europa, stünden gegen die USA und China. Deutschland strebe, quasi durch Europa, „nach einer globalen Führungsrolle“. Diese Meinung vertritt, das ist nicht ohne Bedeutung, ein Amerikaner. Die Urangst der transatlantischen Bündnispartner USA und Großbritannien, Eurasien – das heißt Deutschland plus Sibirien, Zentralasien und Russland – sei nicht zu dominieren ( aus dem Jahre 1900/ Macinder), wird hier neu aufgenommen. Corn („langjähriger politischer Berater der Washingtoner Diplomatie“/Foreign Service Institute der US-Regierung) unterliegt, bei der Abwehr einer solchen Theorie, der Täuschung, die reine Zahl der Chinesen bedeute zugleich deren ökonomische und organisatorische Überlegenheit. Dass dies nicht so sein muß, gerade bezogen auf kommunistische Staatsgebilde, hat uns der Zusammenbruch der UdSSR 1991 demonstriert. Somit erscheint es durchaus nicht ausgemacht, dass die 82 Millionen Deutsche (plus den Rest Europas) nicht den Chinesen Widerpart leisten könnten.

Unzweifelhaft besitzt die Wirtschaft, beim Wiederaufstieg Deutschlands, eine zentrale Funktion. Es ist zugleich eine Plattitüde internationaler Beziehungen, dass Staaten ihren wirtschaftlichen Einfluss auch in der Außen- und Militärpolitik zur Wirkung bringen. Wenn Deutschland ein „Konzept der Geo-Ökonomie“ besäße, wäre dies nur zu begrüßen. Aber, das Funktionieren des europäischen wirtschaftlichen Bundes zu optimieren, als Bestreben hinzustellen, einseitig deutsche Exporte zu bevorzugen, und damit die deutsche Konkurrenzfähigkeit gegenüber China zu optimieren, dreht den Zusammenhang einseitig mit dem Gesicht gen Osten. Erzeugt also eine Konkurrenz Deutschlands mit China, die typischerweise – zum Leidwesen der Amerikaner und Engländer – nicht besteht. Dass die deutsche Europapolitik wirtschaftlich im Augenblick zu Härten gegenüber Staaten führt, die durch eigenes Wirtschaften in eine Überschuldungs-Lage geraten sind, ist nicht zu leugnen, stellt aber die bittere Medizin dar, die Europa insgesamt schlucken muss, wenn es künftig bestehen will. Deutschland zahlt dafür, nicht zuletzt, mit verloren gegangenen Exporten.

Dass die Amerikaner die Entwicklung der Europäischen Union zu einer zentral organisierten und geführten Fiskalunion stört, liegt auf der Hand, denn eine politische Union Europas (mag diese auch von Berlin „geführt“ sein) bildet eine Konkurrenz für den Weltmachtstatus der USA. Hierfür das Beispiel der Verpreußung Deutschlands nach 1871 anzuführen, bleibt blass. Interessanter erscheint hier schon der Hinweis auf die „enge außenpolitische Kooperation (Berlins) mit Moskau“ (vergleiche wiederum Macinder 1900 – und Bismarcks Außenpolitik 1871-79, wie Bethmann Hollwegs, Nov. 1910 bis Febr. 1914), denn diese würde den außenpolitischen Interessen Washingtons prinzipiell zuwiderlaufen. Erneut blickt Corn mit besonderem Interesse, auf die vermeintliche Konkurrenz zwischen Deutschland und China. Auch sucht er die Beziehungen Deutschlands zu den übrigen EU-Staaten ganz unter dem Bild eines Gewaltverhältnisses zu problenatisieren. Das Bild vom „Zwang“, dass hier benutzt wird, steigert sich sogar zu der Assoziation vom „sanfteren, freundlicheren ‚Anschluss'“. Es wird geradezu anrüchige Nähe zum historischen Beispiel erreicht – und damit eine Grenze des Geschmacks berührt.

Was allerdings das State-Departement als Leitbild für die weitere Gestaltung Europas vorschwebt, enthüllt Corn, indem er auf das Habsburgerreich von 1866 bis 1918 hinweist, das „den Geist Europas [ge]atmet[e]“ habe. War es doch Österreichs Inkontinenz, die im Juni 1914 in Berlin bewußt wurde, und zu Entscheidungen veranlaßte. Ganz in die Diktion der USA von 1916/18, und 1941/45 verfällt er, wenn von „dem brutal germanisierenden deutschen Kaiserreich“ geschrieben, und davor gewarnt wird, in Berlin das von den USA gefürchtete Phantom zu verfolgen, „aus der Europäischen Union ein größeres Kaiserreich“ machen zu wollen.

Weit entfernt davon, die Augen vor den Gefahren einer weiteren Ausgestaltung und Entwicklung der Europäischen Union, hin zu einem Bundesstaat, verschließen zu wollen, denn dies würde endgültig bedeuten, dass Europa als mögliche Weltmacht „den Handschuh in den Ring“ würfe, ist doch zu sehen, dass wir uns bereits mitten im Konflikt mit den USA um den Weltmachtstatus Europas befinden. Dies zeigen die hier behandelten Artikel, die als Mahnung davor, diesen Weg weiter zu verfolgen, interpretiert werden können. Soll doch auf diese Art offenkundig Sand in das anlaufende Getriebe von Reformen der EU, hin zu einem zielgerichteter organisierten Staatenverbund, gestreut werden. Abgelebte Animositäten, zwischen den Mitgliedern der Europäischen Union wiederzubeleben, erscheint Washington dafür offenkundig geeignet.