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Fritz Fischers “Griff nach der Weltmacht”. Erster Weltkrieg neu beleuchtet.

Montag, 13. Februar 2012

Ein Vabanque-Spiel wurde in Gang gesetzt. In seinem Buch »Deutsche Policy of Pretention – Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914«, das 2010 in 2. Auflage erschien (BBP 11/2010), befaßt sich der Hamburger Historiker Dr. Bernd F Schulte mit den Vorgängen, die zum Krieg führten, und der Rolle, die u.a. Bethmann Hollweg dabei spielte. Die aktuellen Ergebnisse seiner Forschungen zum Kriegsausbruch 1914 stellte der Autor der »Barnimer Bürgerpost« zur Verfügung.

Der Historiker Fritz Fischer, dessen Buch »Griff nach der Weltmacht« vor 50 Jahren in der BRD die sog. »Fischer-Kontroverse« auslöste war mein Lehrer. Er hat mir vermittelt, stets auf die Quellen zurückzugehen, positiv positivistisch zu denken, und neues Material der historischen Forschung, in Beantwortung der dieser gestellten Fragen, zur Verfügung zu stellen. Ich kam zu ihm 1972 als Batterieoffizier in einem Hamburger Artillerie-Batallion, und ging 1983 im Begriff einen Platz beim Fernsehen zu finden. Dazwischen lagen meine Dissertation und ein Buch zur Balkankrise und dem »Kriegsrat« von 1912, wie zur »Verfälschung der Riezler Tagebücher«. – Auf Fischers Seite einige Rezensionen und Vorträge, ein Aufsatzband sowie der große Auftritt 1978 vor dem Hamburger Historikertag; ferner das daraus entstandene Buch »Bündnis der Eliten«, und die Kampfschrift »Wir sind nicht hineingeschliddert« (rororo) zum Kriegsausbruch 1914 ebenfalls zur »Fälschung der Riezler Tagebücher, einer 1983 hart geführten Kontroverse.

Wir scheiterten gemeinsam in dem Bestreben, mich – trotz der angespannten Bewerbungslage in der Geschichtswissenschaft – noch dort unterzubringen. Stets ging es Fischer in diesen Jahren darum, zu unterstreichen, die besondere Bedeutung von forscherischer Leistung bestehe vor allem darin, einen Beitrag zu einem größeren Ganzen zu leisten. Es ging ihm, kurz gesagt, um das Postulat aus der Geschichte zu lernen. Gemachte Fehler nicht zu wiederholen. Breitere Publizität stelle für den Historiker einen seltenen Glücksfall dar. Das hat er 1988 vor einer Versammlung von Historikern und Hamburger Würdenträgern zu seinem 80. Geburtstag vor allem betont. Mein Fernsehportrait dazu, produziert für den Hessischen Rundfunk (“ttt”), stellte Fischer ganz in sein Hamburger Umfeld, und vor allem unter den Einfluß der Ergebnisse des III. Reichs. Als er 1947 aus der Gefangenschaft zurückkam, hatte er mit den Traditionen des preußisch-deutschen Nationalstaates grundsätzlich gebrochen (Erlebnisse in Kriegsgefangenenlagern, KZ-Dachau). Diese Zäsur vollzog er zunächst auf seinem angestammten protestantisch-theologischen Arbeitsfeld (Historikertag München). Mit dieser Wende hin zum westeuropäisch-amerikanischen Kulturkreis zog sich Fischer bereits 1949 die scharfe Opposition des »Doyens« der westdeutschen Geschichtswissenschaft zu, Gerhard Ritter.

Als Fischer dann 1959/61, fußend auf grundstürzenden Archiv-Forschungen, die Kriegsziele des kaiserlichen Deutschland, über die Hypertrophie Hitlerscher Aggressionspolitik hinaus, unterstrich beging er an sich schon, nach der überwiegenden Auffassung von damaliger westdeutscher Historikerzunft und bundesdeutscher Gesellschaft, ein Sakrileg. Dieses Buch, das unter dem provozierenden Titel »Griff nach der Weltmacht« im November 1961 auf den Buchmarkt kam, “beunruhigte” (Paul Sethe/DIE ZEIT) nicht zuletzt durch ein Kapitel, das die Entstehung des Ersten Weltkrieges, im Sinne der Deutschland belastenden Darstellung Luigi Albertinis (1950), entwickelte. Störten Fischers Darlegungen zu den deutschen Kriegszielen im Ersten Weltkrieg an sich schon die trügerische Ruhe, welche bundesdeutsche Historiker dem Thema »1914« verordnet hatten, so bot dieses Kapitel eine ungeschützte Flanke, eröffnete einen neuen (alten) “Kriegsschauplatz” und forderte die westdeutsche konservative, wissenschaftliche Fronde nachgerade zum Gegenstoß heraus.

Niemand war allerdings – aus meiner Sicht – weniger als Fischer zum Vorboten der sozial-liberalen Koalition von 1969 geeignet. Obwohl er der liberalen Bewegung an sich schon nahe stand. Dennoch gehört sein berühmtes Buch zur Vorgeschichte des innenpolitischen Wandels in Westdeutschland, der sich im Verlauf der sechziger Jahre vollzog. Auch demonstrierten Fischers Publikationen dem Ausland, daß es nun, durchaus auch in den politischen Grundsatzfragen, ein neues Deutschland gebe. Das stärkte nicht zuletzt das Vertrauen unserer früheren Kriegsgegner in die neuerstandene Bonner Republik und begünstigte die Tendenz, die BRD in die internationale Gemeinschaft zu reintegrieren.

So liegen Fischers Verdienste weniger in den immer noch hart umkämpften Deutungsunterschieden und wissenschaftlichen Grabenkämpfen um die Entstehung des Weltkrieges von 1914, als vielmehr in seiner indirekten politischen Wirkung. Wissenschaftlich übergreifend hat der Hamburger Historiker zusätzlich gegen die überkommene, diplomatiegeschichtlich akzentuierte, traditionelle Auffassung den eher sozial-und wirtschaftsgeschichtlich akzentuierten Ansatz seiner Hamburger Schule gestellt. Dieser hat Frucht getragen, und mit weiteren Forschern, die westdeutsche Geschichtswissenschaft insgesamt wieder auf internationales Niveau gehoben. So erscheint es überfällig, Fritz Fischer, der auch die Hamburger Universität auf internationalem Parkett bekannt machte, in der deutschen Wissenschafts-Republik den Platz einzuräumen, der ihm, jenseits allen kleinkarierten Streits, zukommt.

Dr. Bernd F. Schulte

Barnimer Bürgerpost, Nr. 205, 18. Jg. Ausgabe 2/2012 7.2.2012, S. 14

Das letzte Wort zu 1914 …

Donnerstag, 26. Januar 2012

http://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article13832392/Russisches-Roulette.html

Die Welt| Weltlage, Autor: Michael Stürmer| 25.01.2012 Russisches Roulette

Das letzte Wort zu 1914 ist noch nicht gesprochen. Weil die Verursachung des Zweiten Weltkriegs beim weiland Großdeutschen Reich lag, hat es sich eingebürgert, den Ersten Weltkrieg auch gleich ins deutsche Schuldkonto zu übernehmen. “Griff nach der Weltmacht”, titelte mit nachhaltiger Wirkung der Theologe und Historiker Fritz Fischer. Dass der amerikanische Diplomat und Historiker George F. Kennan 20 Jahre nach Fischer in einer großen Studie zum Niedergang des bismarckschen Bündnissystems Paris und St. Petersburg als Treiber einer Kriegsallianz gegen Österreich-Ungarn und Deutschland ausgemacht hatte und damit als Mit-Urheber der “Urkatastrophe” (Kennan) des 20. Jahrhunderts, hatte in Deutschland wenig Wirkung. Es passte nicht ins Bild.

Eine Warnung kommt aus China, wo auf die Frage nach der Bedeutung der Französischen Revolution von 1789 gelegentlich die Antwort kommt: zu früh für eine abschließende Beurteilung. Jetzt kommt aus den Vereinigten Staaten, Harvard University Press, eine ähnliche Botschaft: “Die russischen Ursprünge des Ersten Weltkriegs” (“The Russian Origins of the First World War”, von Sean McMeekin). Die These: “Die Tatsache, dass der Schwerpunkt des Kämpfens und Sterbens entsprechend dem Schlieffen-Plan in Frankreich und Belgien lag, färbt die allgemeine Erinnerung an den Konflikt und beherrscht die Literatur. Aber nicht einmal der besessenste Historiker der Westfront kann verneinen, dass die tieferen Gründe des Konflikts im Osten lagen.”

Der russische Griff nach dem Erbe der Osmanen geht weit zurück auf Peter den Großen, der Zaren und Kommissaren die Mission hinterließ, die Dardanellen für Mütterchen Russland einzusammeln. 1878 blockierte Bismarck durch ein Gipfeltreffen in Berlin (“Der ganze Balkan ist nicht die heilen Knochen eines pommerschen Grenadiers wert”) Russlands Ausgreifen ins östliche Mittelmeer und verhinderte Krieg. Dem “ehrlichen Makler” wurde schlecht gedankt. Paris und St. Petersburg verbündeten sich, um Europas Landkarte mit dem Bajonett umzuzeichnen.

In Paris kann man bis heute die Brücke Alexandre III bewundern, die in Sichtweite der deutschen Botschaft die Seine ohne Zwischenpfeiler überspannt: Denkmal einer schicksalhaften Allianz. ——————————————————————————————–
Leser-Kommentare

Daß Frankreich, Rußland und England – durch eine deutsche “Policy of Pretention” zusammengebracht wurden, wird übersehen. —————————————————————————————————

Pretention
Dass Problem des Kriegsausbruchs 1914 kreist um den Begriff »Pretention« und geht zurück auf

lateinisch »praetendo« – englisch »pretend« – französisch »prétendre« –gebräuchlich: »Pretension« – und archaisch »Pretention«. –
»Pretention « hieß 1914 »Bluff«. Es handelte sich um ein Modewort der damaligen Diplomatie. Schließlich wurde der Fehlschlag der europäischen Regierungen in der Julikrise des Jahres 1914 mit der Formulierung entschuldigt, man habe sich eben »festgeblufft«. Das Spielerische des Vorgangs wurde leichtfertig überbetont. Hier geht es allerdings um mehr. So wie die wissenschaftliche Interpretation der Ereignisse bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Verlaufe der neueren Diskussion seit 1961, eine eher unglückliche Fixierung auf den Juli/August feststellt, so geht es inzwischen in der allgemeinen Forschung darum, die europäische Welt zwischen 1905 und 1914 hinsichtlich deren wirtschaftlichen, diplomatischen, militärischen und kulturgeschichtlichen Wurzeln zu untersuchen.

In diesem Zusammenhang wird inzwischen von einer deutschen »brinkmanship«-Politik gesprochen. Das heißt: die Berliner Politik habe ein zunehmend bedeutenderes Risiko übernommen. Ich sehe die deutsche Politik dabei, systematisch, von Krise zu Krise gesteigert, nahezu naturwissenschaftlich und labormäßig, ein »testing the entente« vorzunehmen. Es ging darum, festzustellen, als wie solide das – in Berlin als monolithisch aufgefaßte – System der Entente-Bündnisse und Absprachen – zwischen Paris, Petersburg und London – sich herausstelle. Es ging ferner darum, eventuell auftretende Risse zu erkennen, und im Folgenden eine mögliche Sprengung der Verbindungen zu betreiben. Das war die erklärte Absicht und Politik des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg zwischen 1909 und 1914.

Was war nun aber dabei deutscherseits vorgeschützt, übertrieben oder vorgespiegelt? Die deutsche Politik basierte, nach dem deutschfranzösischen Krieg von 1870/71, zu großen Teilen auf dem herausragenden Ruf der preußisch bestimmten Armee. Es ist gezeigt worden, daß Kampfwertvergleiche den anscheinend unerschütterlichen Nimbus der deutschen Waffen als immer labiler erscheinen ließen. Spätestens seit der Marokkokrise von 1905 brach sich eine breit gefächerte Kritik an den deutschen taktischen und operativen Verfahren Bahn. Zum Beispiel in der »Revue Militaire des Armées Ètrangères« des französischen Generalstabes sowie englischen, französischen und russischen Magazinen, Monatsschriften und Tageszeitungen. Das geschah in einer breiten Kritik unter anderem am Beispiel der deutschen Kaisermanöver. Die nicht unbedingt erfolgreichen diplomatischen Bemühungen Berlins in diesen Jahren verschärften zusätzlich die fortschreitende Erosion des Bildes der Zeitgenossen von der preußisch-deutschen Armee als der »besten der Welt«.

Nicht zuletzt durch den immer wieder aufgenommenen Appell, das Schwert zu ziehen, entwertete, abgesehen von diesem technischen Hintergrund, die Berliner Diplomatie ihre Pressionspolitik 1904/ 06, 1908/09 und im Herbst 1912 selbst. Es wuchs in den Hauptstädten Europas bis Ende 1912 die Überzeugung heran, nun, bei nahezu vollendeter militärischer Rüstung, diesem Druck künftig widerstehen zu sollen. So kam es zu einem Krieg, in den Deutschland mit noch nicht vollendeter Rüstung eintrat. In diese Zwangslage war Berlin geraten, obwohl etwa der englische Oberst Repington, im Oktober 1911 in der Times, eindringlich davor gewarnt hatte, die deutsche Armee und deren Leistungsfähigkeit überzubewerten. Deutscherseits wurde diese Kritik, bis hinauf zum Kaiser, empört zurückgewiesen, wobei in Berlin übersehen wurde, daß jahrzehntelang Unsummen in den Schlachtflottenbau geflossen waren, die nun – wie sich herausstellen sollte – in der Armee unübersehbare Lücken verursacht hatten.

Die Marne erreichten, im September 1914, die Armeen des deutschen rechten Heeresflügels nicht nur ohne die 1913 umstrittenen drei Armeekorps, sondern auch ohne ein in Führung und Gefecht konkurrenzfähiges Kampfverfahren und ohne zeitgemäße Ausrüstung und Bewaffnung der Waffengattungen.

Der Begriff des »Kriegerstaates«
Einerseits hat Paul Kennedy in seinem berühmten Buch über den »Aufstieg und Fall der großen Mächte« (1986), vor allem am Beispiel Spaniens, Englands – wie auch Deutschlands, der USA und der UdSSR – dafür plädiert, den Akzent staatlicher Grundstruktur und Politik nicht ausschließlich auf militärische Machtentfaltung zu setzen. Vielmehr seien, so Kennedys Urteil, die »Handelsstaaten« den »Kriegerstaaten« im Verlauf der Geschichte grundsätzlich überlegen. Diese These, die nicht zuletzt in Washington hart umstritten war, veranlaßte mich, den Begriff »Kriegerstaat«, in Bezug auf das deutsche Kaiserreich, anzuwenden (vgl. »Bismarck war kein Deutscher«, in: »Rückbesinnen und Neubestimmen«, 2000).

Andererseits bildete sich die etwas ältere Bedeutung im Verlauf der Diskussionen um das Buch Fritz Fischers »Griff nach der Weltmacht« (1961) heraus. Diese wissenschaftlichen und publizistischen Auseinandersetzungen um Strukturen, Modernitätsgrade und Entwicklungschancen des Kaiserreichs hinterließen eine breitere Spur in der jüngeren deutschen, sozialgeschichtlich orientierten, Historiographie. Es bildete sich die Erkenntnis heraus, die mittelalterlich-feudalen, einseitig kämpferischen Versatzstücke im Erscheinungsbild des wilhelminischen Kaiserreichs (Reden, nationale Parolen, Paraden, Aufmärsche, Stechschritt, Sedanstage, Denkmäler), wie dessen hierarchisch strukturierte Gesellschaft, Armee und Verwaltung, hätten das Bewusstsein des damaligen Bürgertums (bis in die Arbeiterschaft) einseitig kämpferisch-maskulin geprägt.

Diese Hypothesen, die in der jüngsten deutschen Forschung aufmerksame Ohren gefunden haben, mögen, in den Rahmen der militanten Problemlösungsversuche, welche die deutsche politische Führung zwischen 1905 und 1914 unternahm, hineingespielt haben.

Meine zu Beginn der achtziger Jahre veröffentlichten Arbeiten ließen in Bezug auf die Krisenkonferenz-Problematik innerhalb der Berliner Führungsspitze, wie hinsichtlich des Bürgerkriegs-Problems im militärischen Bereich und hinsichtlich der horrenden, fatalen deutschen Verluste beim Angriff 1914 auf Belgien und Frankreich, diese Momente bereits anklingen. So gelangte ich, unter dem Eindruck der letzten Aufgipfelung des Rüstungswettlaufs im »Kalten Krieg« zwischen den USA/NATO und der UdSSR 1979/83 zu der Überlegung, militärische Lösungswege wo immer möglich durch diplomatisch-politische und Ansätze der Friedensforschung wenn nicht zu ersetzen, so doch zumindest zu »unterfüttern« (Graf Baudissins System der »Vertrauenbildenden Maßnahmen«).

Dr. BERND F. SCHULTE

“Diesmal machen wirs mit den anderen” (Europa), W. Schäuble Dt.Fernsehen, Sonntag 2002.

Donnerstag, 15. September 2011

13 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Ein dritter “Griff nach der Weltmacht”?, 4. Januar 2004
Von Ein Kunde / AMAZON.DE

Rezension bezieht sich auf: Weltmacht durch die Hintertür: Deutsche Nationalgeschichte in der Diskussion (Taschenbuch)

Der gewichtige Band von 529 Seiten, bringt die Aufsätze von vier Autoren, die unter dem Blickwinkel “Deutsche Nationalge-schichte in der Diskussion” zusammengefasst wurden. Bernd F. Schulte, der Autor und Herausgeber, fasst darin vor allem seine kritische Sicht deutscher Politik vor 1914 zusammen.

Dass die Tagebücher von Kurt Riezler, die 1972 etwas unglücklich ediert wurden, kein authentisches Bild der Vorstellungen des verantwortlichen Reichskanzlers bei Kriegsausbruch 1914 enthalten, wird detailliert erörtert – und mit neuen Einsichten aus dem Briefwechsel Toni Stolper-Theodor Heuss belegt. Die Tatsache, dass diejenigen deutschen Historiker, die in den 60iger Jahren Fritz Fischer, Sch.’s Lehrer, mit allen Mitteln bekämpften, während des III.Reiches zu den “Schwerträgern” des Systems zählten, richtet neue Schlaglichter auf das Funktionieren einer ganzen Wissenschaft. Deren kurz angebundenes Verfahren bei der Abhandlung von Problemen deutscher Geschichte mit dem Ersten Weltkrieg steht so im direkten Zusammenhang mit den vor 1945 dominierenden Leitvorstellungen deutscher Fachwissenschaft. Dass selbst im neuen Jahrhundert Fackelträger dieser Tradition Einfluss ausüben, erscheint schwer möglich, ist jedoch nach Sch’es Darstellung Fakt.

Sch. bleibt bei 1945 (und etwa Gerhard Ritter) nicht stehen, sondern zeichnet auch ein schwarz-weiss getöntes Bild heutiger Vorstellungen innerhalb der bundesdeutschen bewaffneten Macht. Fussend auf den “roten Fäden”, die Wolfram Wette aus der Produktion deutscher Kriegs- und Militärgeschichte bis 1945 zieht, John Moses Schlaglichtern auf den Bewusstseinsstand der Führungseliten des Kaiserreiches, und deren “Deutschem Weg von 1914″, wie Helmut Ottos Bild des ständisch-verkrusteten Militärtheoretikers Alfred Graf von Schlieffen, kann Schulte seine Theorie von dem ungebrochenen Fortleben des deutschen “Griffs nach der Weltmacht”(Fritz Fischer, 1961) – selbst über 1945 hinaus – schlüssig entwickeln. Dieser, wenngleich über das Vehikel Europa verwirklicht, wäre allerdings derart riskant, so Schulte, dass dies besser nicht Wirklichkeit würde.