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Vor 100 Jahren: Sehenden Auges alles riskiert – und verloren.Wie es zum Ersten Weltkrieg kam.

Donnerstag, Juli 10th, 2014

http://www.news4press.com/JuliAugust-1914-Sehenden-Auges-alles-r_838856.html

Nicht Schicksal, Irrtum oder undefinierte Mächte führten Europa und die Welt in den Ersten Weltkrieg. Überschätztes kalkuliertes Risiko, Kampf um Imperien und wirtschaftlichen Einfluss, nicht zuletzt auch rassische Vorstellungen, machten das Denken der Zeit aus. Das überbetont Kämpferische Element in Kultur und Geisteshaltung bedingten eine überzogene Bereitschaft zu Kampf und Krieg. Diese alte Welt steuerte direkt in den Abgrund. Eingehende Kritik des Geschehenen und konsequente Schlussfolgerungen setzten sich künftig nicht durch. So kam es zu einem weiteren weltumfassenden Kampf.

Bernd F. Schulte, Das Deutsche Reich von 1914. Europäische Konföderation und Weltreich. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe II, Bd. 2. Norderstedt (Dr.Schulte) 2013 (e-book: 2014).

Das Deutsche Reich von 1914 stand auf der Basis der, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, um die liberal-konservative „Wochenblatt-Partei“ in Preußen gewonnenen politischen Anschauungen. Von deren Gründer, dem aus dem Rheinland stammenden Staatsrechtler Moritz August von Bethmann Hollweg (Professor für Staatsrecht an der Universität Bonn – und Kirchenpolitiker), führt eine gerade Linie zu dessen Enkel, dem Reichskanzler von 1914, Theobald von Bethmann Hollweg. Dieser war befreundet mit dem Universal-Historiker Karl Lamprecht (Leipzig), der dem künftigen Deutschen Reich, im Kampf um die Weltmachtstellung mit England, die notwendige geistesgeschichtliche Fundierung lieferte.

Diese Hintergründe werden deutlich, wenn der Leser von
Bernd F. Schultes: „Deutsches Reich von 1914. Europäische Konföderation und Weltmacht“

bis in das Schlusskapitel vordringt. Steht doch dieses Buch ganz unter der Fragestellung nach den Gründen und Anlässen und inneren Triebkräften, die dazu geführt haben, dass Deutschland 1914 in den Ersten Weltkrieg eintrat. Nicht zuletzt die Anregung seines Lehrers, des Hamburger Historikers Fritz Fischer, führte Schulte dazu, die Linien, die von der Krimkriegs-Lage 1854/55 zu der Anti-Ost-Option des Kanzlers von 1914 führten nachzuziehen. Allerdings wurde Bethmann Hollweg erst im Verlauf der ersten Kriegswochen klar, dass dieser Krieg nicht gegen Russland und Frankreich, sondern England geführt wurde. Eine Erkenntnis wohl auch seines einsamen Weihnachtsfestes an der Front 1914.

Eigentlich ohne Wahl war der Reichskanzler angesichts der finanziellen und allgemein-politischen Entwicklungen Anfang des Jahres 1914 ( z. B. Pressefehde des Generalstabes in der „Frankfurter Zeitung“ gegen Russland), als ihm sein Cousin, Dietrich von Bethmann Hollweg, Legationsrat an der kaiserlichen Botschaft in Wien, in einer wirtschaftlichen Denkschrift die aktuelle, verfahrene Lage Österreich-Ungarns vor Augen führte (hier erstmals veröffentlicht). In der ihm eigenen energischen Art entwickelte Dietrich, es sei mit dem Zusammenbruch, und das sowohl wirtschaftlich wie militärisch, der Donau-Monarchie zu rechnen; wenn nicht in den nächsten Monaten, so doch in kürzester Frist. Diese Denkschrift erreichte den Reichskanzler unmittelbar vor der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo, und stellte, von einem zum anderen Moment, die gesamte deutsche politische Ausrichtung zur Disposition.

Der Reichskanzler hat 1919, vor dem Untersuchungsausschuss des Reichstags zu den Ursachen des Weltkrieges, indirekt die nun aufgetretene Fragestellung von 1914 kommentiert. Bethmann Hollweg führte aus, es sei in diesem Augenblick darum gegangen, zu entscheiden, ob Deutschland und Österreich das Risiko eines Krieges mit Serbien, und dahinter eines europäischen Krieges, zumindest mit Frankreich und Russland, eingehen sollten; oder, falls dieser Weg nicht beschritten werden würde, künftig auf eine halb-hegemoniale Großmacht-Position und Weltmachtaspirationen zu verzichten. Der Reichskanzler hatte zwischen dem 28. Juni und dem 5. Juli 1914 Zeit, diese Entscheidung zu fällen. Es ist bekannt, wie Deutschland, und nicht zuletzt, und u.a. (vgl. Unterstaatssekretär Zimmermann), Dietrich von Bethmann Hollweg (vgl. Tagebuch Harry Graf Kessler, 1917) Österreich in den Serbien-Krieg hineindrängten, und was aus diesem vordergründig, lokalisierten Konflikt entstand.

Schultes Buch zeigt, in seltener Komprimierung, was trotz verlorener Nachlässe und sekretierter Bestände in den Archiven, 100 Jahre nach den Ereignissen schließlich zu Tage tritt. So bleibt, neben vielem anderen, was dieser Aufsatzband enthält, und was bis in die jüngste Zeit hineinreicht, ein naturalistischer Blick auf die Umstände wie der größte „Kladeradatsch der Geschichte“ entstand; ein versnobter Begriff, benutzt von Beteiligten in den höchsten Berliner Ministerien, und kennzeichnend für das Hasadeurhafte damaliger Sinnesart.

Glanz und Gloria des „Kriegerstaates“ waren nur Bluff.

Dienstag, Januar 24th, 2012

»Im Juli 1914 berührte deutsche Reichspolitik Hohenfinow«, heißt es in der 2007 veröffentlichten Chronik des Ortes/1/. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg machte seit dem 4. Juli „Arbeits“-Urlaub auf seinem Schloß in Hohenfinow. Während die Welt nach dem Attentat von Sarajewo am 28. Juni am Vorabend eines Weltkrieges stand, bot Deutschland „nach außen ein vermeintlich friedliches Bild“. Doch insgeheim entfaltete sich eine hektische Betriebsamkeit. Mit den Vorgängen, die zum Krieg führten, und der Rolle, die u.a. Bethmann Hollweg dabei spielte, befaßt sich der Hamburger Historiker Dr. Bernd F. Schulte. Seine Forschungen aus den 80er Jahren erschienen vor zwei Jahren unter dem Titel »Deutsche Policy of Pretention – Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914« in 2. Auflage (BBP 11/2010), ergänzt um den neuen Aspekt des Instituts der „Krisenkonferenzen“ im Kaiserreich.

Der Autor hat nun der »Barnimer Bürgerpost« dankenswerterweise einen Text zum aktuellen Stand seiner Forschungen hinsichtlich des Kriegsausbruchs 1914 überlassen, den wir in dieser und den folgenden Ausgaben abdrucken.

Der Aufsatzband »Deutsche Policy of Pretention« oder der »Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914« kreist um den Begriff »Pretention«, der zurückgeht auf lateinisch „praetendo“ – englisch „pretend“ – französisch „prétendre“ – gebräuchlich: „Pretension“ , archaisch „Pretention“.-
Deutsche Policy of Pretention, 1904-14.

»Pretention« hieß 1914 »Bluff«. Es handelte sich um ein Modewort damaliger junger deutscher Diplomaten wie Kurt Riezler, Arthur Zimmermann oder Wilhelm von Stumm. Schließlich wurde der Fehlschlag der europäischen Regierungen in der Julikrise des Jahres 1914 mit der Formulierung entschuldigt, man habe sich eben »festgeblufft«. Das Spielerische des Vorgangs erscheint leichtfertig überbetont. Hier geht es allerdings um mehr. So wie die wissenschaftliche Interpretation der Ereignisse bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Verlaufe der neueren Diskussion seit 1961, zunächst eine eher unglückliche Fixierung auf den Juli/August feststellt, so geht es inzwischen in der allgemeinen Forschung darum, die europäische Welt zwischen 1905 und 1914 – auf deren wirtschaftliche, diplomatische, militärische und kulturgeschichtlichen Wurzeln – hin zu untersuchen.

In diesem Zusammenhang wird inzwischen von einer deutschen »brinkmanship«-Politik gesprochen. Das heißt: die Berliner Politik habe ein zunehmend bedeutenderes Risiko übernommen. Ich sehe diese allerdings im Begriff, systematisch, von Krise zu Krise gesteigert, nahezu naturwissenschaftlich und labormäßig, ein »testing the entente« vorzunehmen. Es ging Berlin darum, festzustellen, als wie solide das – in Berlin für monolithisch gehaltene – System der Entente-Bündnisse und -Absprachen – (Paris, Petersburg und London) sich herausstelle. Daraus folgte, eventuell, sich unter diplomatischem Druck ergebende, Risse festzustellen, und im Folgenden die Sprengung des Entente-Systems zu betreiben (vgl. Bethmann Hollweg im Gespräch mit Riezler, Juli 1914/Riezler-Tagebuch). Das war die erklärte Absicht und Politik des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg zwischen 1909 und 1914.

Was war nun aber dabei deutscherseits vorgeschützt, übertrieben oder vorgespiegelt? Die deutsche Politik basierte, nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, zu großen Teilen, auf dem herausragenden Ruf der preußisch bestimmten Armee. Es ist gezeigt worden, daß Kampfwertvergleiche den scheinbar unerschütterlichen Nimbus der deutschen Waffen als immer labiler erscheinen ließen. Spätestens seit der Marokkokrise von 1905 brach sich eine breit gefächerte Kritik an den deutschen taktischen und operativen Verfahren Bahn. So zum Beispiel in der »Revue Militaire des Armées Ètrangères« des französischen Generalstabes sowie englischen, französischen und russischen Magazinen, Monatsschriften und Tageszeitungen. Das geschah auf breiter Front, unter anderem an den deutschen Kaisermanövern. Die nicht unbedingt erfolgreichen diplomatischen Bemühungen Berlins verschärften in diesen Jahren zusätzlich die fortschreitende Erosion des Bildes des Auslandes von der preußisch-deutschen Armee als der »besten der Welt«.
Nicht zuletzt durch die immer wieder erneuerte Drohung, das Schwert zu ziehen, entwertete die Berliner Diplomatie noch zusätzlich ihre Pressionspolitik in den Jahren 1904/06, 1908/09 und Herbst 1912 selbst. Es wuchs in den Hauptstädten Europas, bis Ende 1912, die Überzeugung heran, nun, nach nahezu vollendeter militärischer Aufrüstung, diesem Druck künftig widerstehen zu sollen.

So kam es zu einem Krieg, in den Deutschland mit nicht vollständig modernisierter Armee eintrat. In diese Zwangslage war das Kaiserreich geraten, obwohl etwa der englische Oberst Repington, im Oktober 1911 in der Times, eindringlich davor gewarnt hatte, die deutsche Armee und deren Leistungsfähigkeit überzubewerten. Deutscherseits wurde diese Kritik, bis hinauf zum Kaiser, empört zurückgewiesen, wobei in Berlin übersehen wurde, daß jahrzehntelang Unsummen in den Schlachtflottenbau geflossen waren, die nun – wie sich herausstellen sollte – in den Streitkräften unübersehbare Lücken verursacht hatten. Die Marne erreichten im September 1914 die Armeen des deutschen rechten Heeresflügels nicht nur ohne die 1913 – im Zuge der „großen Heeresvermehrung“ – umstrittenen drei Armeekorps, sondern auch ohne ein in Führung und Gefecht, der gestellten Aufgabe, adäquates Kampfverfahren, und ohne zeitgemäße Ausrüstung und Bewaffnung der Waffengattungen.

Zum Begriff des »Kriegerstaates«.
Einerseits hat Paul Kennedy/Yale in seinem berühmten Buch über den »Aufstieg und Fall der großen Mächte«(1986), vor allem am Beispiel Spaniens, Englands – wie auch Deutschlands, der EU, den USA und der UdSSR – dafür plädiert, den Akzent staatlicher Grundstrukturen nicht ausschließlich auf militärische Machtentfaltung zu setzen. Vielmehr seien, so Kennedys Urteil, die »Handelsstaaten« den »Kriegerstaaten« im Verlauf der Geschichte grundsätzlich überlegen. Diese These, die nicht zuletzt in Washington hart umstritten war (Kennedy wurde in sämtliche Ausschüsse den Kongresses geladen) , veranlaßte mich, den Begriff »Kriegerstaat«, in Bezug auf das deutsche Kaiserreich, anzuwenden (vgl. Bernd F. Schulte: Bismarck war kein Deutscher, in: „Rückbesinnen und Neubestimmen«, Hamburg 2000).

Andererseits bildete sich eine etwas ältere Interpretation im Verlauf der Diskussionen um das Buch Fritz Fischers »Griff nach der Weltmacht« (1961) heraus. Diese wissenschaftlichen und publizistischen Auseinandersetzungen um Strukturen, Modernitätsgrade und Entwicklungschancen des Kaiserreichs hinterließen eine breitere Spur in der jüngeren deutschen, sozialgeschichtlich orientierten Historiographie. Es schälte sich die Erkenntnis heraus, die mittelalterlich-feudalen, einseitig kämpferischen Versatzstücke im Erscheinungsbild des wilhelminischen Kaiserreichs (Reden, nationale Parolen, Paraden, Aufmärsche, Stechschritt, Sedanstage, Denkmäler, Kaiserreden), wie dessen hierarchisch strukturierte Gesellschaft, Armee und Verwaltung, hätten das Bewustsein des damaligen Bürgertums (bis in die Arbeiterschaft) einseitig kämpferisch-maskulin geprägt.
Diese Hypothesen, die in der jüngsten deutschen Forschung aufmerksame Ohren gefunden haben, mögen, im den Rahmen der militanten Problemlösungsversuche, welche die deutsche politische Führung zwischen 1905 und 1914 unternahm, eine Rolle gespielt haben.

Meine zu Beginn der achtziger Jahre veröffentlichten Arbeiten ließen, in Bezug auf die „Krisenkonferenz“-Problematik“ innerhalb der Berliner Führungselite, wie auch hinsichtlich des Bürgerkriegs-Problems für den militärischen Bereich, und in Bezug auf die horrenden, fatalen Verluste im Verlauf des Angriffes 1914 auf Belgien und Frankreich, diese Momente bereits anklingen. So gelangte ich, unter dem Eindruck der letzten Aufgipfelung des Rüstungswettlaufs im »Kalten Krieg« zwischen den USA/NATO und der UdSSR 1979/83 zu der Überlegung, militärische Lösungswege, wo immer möglich, durch diplomatisch-politische und Ansätze der Friedensforschung, wenn nicht zu ersetzen, so doch zumindest zu »unterfüttern« (vgl. Graf Baudissins System der »Vertrauenbildenden Maßnahmen«).

Dr. Bernd F. Schulte

Barnimer Bürgerblatt, Januar 2012.

Ein vergessener Weg deutscher Tradition. Von Moritz A. Bethmann Hollweg zu Theobald von Bethmann Hollweg.

Mittwoch, September 1st, 2010

Es ging um mehr als platte „Weltherrschaft“.

Moritz August von Bethmann Hollwegs Vermächtnis von 1869 für den späteren Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (1909-1917).

Kaum aus den philosophisch-theologischen Überlegungen des Kirchenmannes und Staatsrechtlers herauszulesen sind die Grundmaximen einer anti-östlichen Ausrichtung der deutschen Reichspolitik nach 1909. Der spätere Reichskanzler erfuhr auf den Knien seines Großvaters mehr über das staatliche Zusammenspiel in Europa, als er in seinen späteren Funktionen im preußischen Staatsdienst sich zu eigen gemacht haben mag. Jedenfalls bildeten die philosophische Grundausrichtung und dessen Argumentieren in der Tagespolitik eine wesentliche Hypothek. Kaum als brachial erscheinend, waren doch die Grundlinien Bethmann Hollwegscher Politik gegenüber Europa und der Welt nichts weniger als zielgerichtet und machtpolitisch orientiert. Deutschlands weiterer Aufstieg (kaum ausschliesslich Sicherung des Bestehenden) bildete das erklärte, weil – in der Sicht der Zeit – natürliche Ziel. Der Ausgang waren (trotz immerwährender „Politik der Diagonale“) Krieg und Zusammenbruch der deutschen Großmachtstellung innerhalb von vier Jahren. Ein Vorgang von dem sich unser Land nicht wieder erholen sollte.

Moritz August von Bethmann Hollweg, Rechtsgelehrter und preußischer Kulturminister der „Neuen Ära“ stellt die Religion, Kunst und Kultur ganz in den Dienst seiner Untersuchung zu Vorgeschichte und Ergebnis der preußischen und deutschen Politik zwischen 1815 und 1870.

Wie Fritz Fischer 1938 schreibt, trennten diesen dessen „Religiosität“ und „politische[n] Ideen…von den Lutherisch-Konservativen und den Liberalen“ im damaligen Preußen des Verfassungsstreits. Moritz August von Bethmann Hollweg ist auch in Zeuge der „inneren Geschichte der Restaurationszeit“, wie, als praktischer Politiker und „Kirchenmann“, ein Kämpfer für die Einigung des deutschen Protestantismus (seit 1846)“. Anklänge an die Vorstellungen Bethmann Hollwegs zu dessen „praktisch politische[r] Tätigkeit…als Konservativer“ seit 1848, wie „als Gründer und Haupt einer konservativen Oppositionspartei“, bietet dessen hier vorgeführte kleine Schrift „Über Idealismus und Realismus. Eine Zeitbetrachtung“ aus dem Juli 1869, die mir Fritz Fischer schenkte, als ich 1982 eine Habil-Schrift unter dem Aspekt des „Englisch-preußischen Bündnisses in der Krimkriegphase“ vorbereitete*.

* Fritz Fischer, Moritz August von Bethmann Hollweg und der Protestantismus (Religion, Rechts- und Staatsgedanke). Historische Studien, Heft 338, Berlin 193 (ND 1965).

Der Exkurs durch die deutsche Geschichte vor und nach Napoleon und die Betrachtung des Weges, der auf Bismarck zulief, blieb nicht in zeitgenössischen Bildern verhaftet. Wenngleich die eigene Vorstellung von der westlich basierten, auf dem Bündnis mit Frankreich oder (und) England aufbauenden Position Preußens (und Deutschlands) in der Zielrichtung gegen Osten (Russland) bestand, ebenfalls kaum zur Wirkung kam.

Auffallend auch, wie nah Bethmann Hollweg 1869 das Ministerium der neuen Ära und den Erfolg Bismarcks zusammenrückte.

Preußen-Deutschland im westlichen Kulturkreis verortet, und in engem staatlich-kulturellem Bezug mit den Leitstaaten dieser Region verstanden, dieses Modell lag den Vorstellungen der Preußischen Wochenblattpartei zugrunde, die Moritz August von Bethmann Hollweg, Graf Robert von der Goltz (Paris), der preußische Botschafter in London, Bunsen, von Bonin für die Armee und Albert Pourtalès verfolgten. Dass Bismarcks Weg ein grundsätzlich preußisch-traditionaler war, der zugleich ein Beharren in allgemein feudalistisch-monarchischen und speziell außenpolitischen Vorstellungen beinhaltete, zeigte sich mit der labilen Bündnispolitischen Lage Deutschlands zwischen 1880 und 1914. Die notwendige Korrektur „stockpreußisch“-ostelbischer Politik, versuchte Theobald von Bethmann Hollweg (aus dem westdeutschen Kulturkreis entstammend) seit 1909. Diese gelangte bis 1914 nicht mehr zu erfolgreicher Auswirkung.

Erst Konrad Adenauer, aus Rheinisch-Westfälischem Herkommen, nahm diese Linie Bethmann Holllwegschen Denkens, die auch fortschrittlich-sozialer Natur war, in der überaus erfolgreichen Innen- und Außenpolitik der Ära nach 1949 wieder auf.