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1854 – 1914 – 2014. Ein Blick auf europäische Geschichte zwischen West und Ost. Bethmann Hollwegs Wende zu „Bluff“-Politik und Krieg (1912 bis 1914).

Sonntag, Januar 11th, 2015

Deutsch-Französischer Krieg:  England wird nicht zusehen.

Durch den Tod des gerade in London installierten deutschen Botschafters Baron von Marschall sah sich der Kanzler Ende September 1912 veranlasst, dem Kaiser den Fürsten Lichnowsky als Nachfolger nahe zu bringen. Der deutsche Kanzler, Theobald von Bethmann Hollweg, erläuterte:

 

“Auch nach meiner Alleruntertänigsten Meinung wäre Lichnowsky zum Botschafter an sich nicht ungeeignet”.

 

“Gegen die Fürstin als Botschafterin gerade in London” könne er allerdings “leider Bedenken nicht unterdrücken”.

 

Pünktlich, am 23. September, traf der russische Außenminister Sasonow in Balmoral ein. Nicht allein die persische Frage, sondern insbesondere die von Russland stark beeinflusste Entwicklung auf dem Balkan, bildeten den Gesprächsgegenstand. Russland beabsichtige seine Präsenz in Nordpersien weiter aufrecht zu erhalten, erläuterte Sasonow. Grey verhielt sich, wie üblich, zögernd-zurückhaltend, argumentierte mit dem schädlichen Eindruck, den dieser Umstand auf die mohammedanische Bevölkerung des Empire ausüben werde, und setzte so den russischen Aussenminister in Zugzwang, als dieser auf sein eigentliches Interesse – die Balkanentwicklung – zu sprechen kam. Bereits zu diesem Zeitpunkt gab der britische Aussenminister mit ungewöhnlicher Offenheit preis, Großbritannien werde sich genötigt sehen, Frankreich zur Hilfe zu kommen, wenn Deutschland versuchen würde, seinen westlichen Nachbarn zu zerschlagen. Nach Auskunft König Georgs V. hatte sich Gelegenheit “zu einigen langen und freundschaftlichen Gesprächen mit Sir Edward Grey” ergeben. Der britische König berichtete:

 

“Ich stimme von ganzem Herzen mit Dir überein,daß Monsieur Sasonow ein aufrechter, gerader und ehrenhafter Mann ist, und ich bin überzeugt, daß er in Sir Edward Grey einen ebensolchen fand. Nur zwischen zwei Staatsmännern mit so ähnlichen Naturen konnten alle zwischen unseren beiden Ländern bestehenden Mißverständnisse so offen erörtert und geklärt werden. Ich freue mich, sagen zu können, daß die Ergebnisse dieser Gespräche in höchstem Grade befriedigend waren” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

War es nötig, dass Sasonow seinem Kollegen Grey von dem Geheimvertrag Mitteilung machte, der im März 1912 zwischen Serbien, Bulgarien und Griechenland abgeschlossen wurde? Aber handelte es sich letztlich bei diesem Besuch des russischen Außenministers nicht eher um die Absicherung des russisch-österreichischen Konfliktes, im Gefolge des heraufziehenden Balkankrieges?

 

Bethmann Hollweg beschäftigte sich am 3. Oktober mit dem Wechsel im Amt des englischen Botschafters in Berlin und des deutschen in London. Goschen solle, so schrieb der Kanzler an Wilhelm II., durch einen einflussreicheren Vertreter ersetzt, und für den verstorbenen Baron Marschall Fürst Lichnowsky, trotz seiner exzentrischen Gattin, berufen werden. Den ganzen Vorbehalt des Kaisers zeigte dessen ausführliche Paraphe am Rande des Dokuments:

 

“Dann taugt er aber bei uns als Diplomat nichts und zeigt daß es London völlig egal ist wie es in Berlin vertreten ist. Eine Herabwürdigung für uns in unserer nationalen Ehre, und der Beweis dafür, daß die Verhandlungen ausschließlich in London geführt werden sollen. Darauf können wir uns nicht einlassen. Aendert England seinen Botschafter in Berlin nicht, so ist es klar, daß ihm nichts an einem besseren Verhältnis – politisch, diplomatischen u[nd] mit uns liegt. Und wir können es auch darauf ankommen lassen undweiterbauen!”

 

Dass Goschen, der englische Botschafter, alles tat, um mit dem Kanzler auf “good terms” zu kommen, zeigt, dass er mit Bethmann Hollweg sogar längere Zeit deutsch sprach.

Am 5. September sandte Colmar von der Goltz, der langjährige Ausbilder der türkischen Armee, über Wahnschaffe dem Reichskanzler die berühmt gewordene Rede des Lübecker Kaufmanns Possehl: „Wehrmacht und Erwerbsleben“ in welcher „die wirtschaftlichen Folgen einer Mobilmachung behandelt“ wurden. Bethmann Hollweg nahm unverzüglich die Frage auf: „Sind wir wirtschaftlich auf einen Krieg gerüstet?“ Goltz antwortete am 9. September und leitete das Dokument – mit Fragen versehen – am 17. an das Reichsamt des Innern weiter.

Am 30. September verfügte die Mobilmachungsanweisung des Warschauer Militärbezirks:

 

“Allerhöchst ist befohlen, dass die Verkündigung der Mobilisation zugleich auch die Verkündigung des Krieges gegen Deutschland ist.”
Während der Gespräche von Balmoral, so eine weitere Quelle, habe der russische Ministerpräsident Sasonow Gespräche mit der englischen Regierung geführt, in deren Verlauf er gefragt habe, ob Großbritannien “in einen Krieg eintreten” würde. Dem Russen sei geantwortet worden, das

 

hinge davon ab, wie es zum Kriege käme. Keine britische Regierung könnte ohne Deckung der öffentlichen Meinung in einen Krieg eintreten. Die öffentliche Meinung würde keinen Angriffskrieg mit dem Ziel einer Revanche oder der Einschließung Deutschlands unterstützen… . Wenn jedoch Deutschland durch seine große, ich möchte sagen beispiellose Stärke dazu verleitet wird, den Versuch zu machen, Frankreich zu vernichten, glaube ich nicht, daß wir abseits stehen und zusehen würden, sondern daß wir alles täten, Frankreich vor der Vernichtung zu bewahren” (Hervorh.v.m., B.S).

 

Kriegskurs: Die Krisenkonferenzen vom November-Dezember 1912.
So Grey zu Sazonow, bevor es zum Ausbruch der Balkankrise kam. Parallel – jedoch bereits, nachdem die Ergebnisse des Kriegs – nämlich der Verlust der türkischen Machtstellung auf dem Balkan, Realtität geworden waren – fixierte der englische König, am 5. Dezember 1912, gegenüber dem Bruder des deutschen Kaisers, am 2. Dezember, diese Position Großbritanniens erneut. Georg V. berichtete Grey:

“Prinz Heinrich von Preußen stattete mir hier vor drei Tagen einen kurzen Besuch ab. Im Laufe einer langen Unterredung über die gegenwärtige Lagefragte er mich ohne Umschweife, ob im Falle eines Krieges Deutschlands und Österreichs gegen Rußland und Frankreich England die beiden letztgenannten Mächte unterstützen würde. Ich antwortete, ‘unzweifelhaft ja, unter gewissen Umständen’. Er bekundete Überraschung und Bedauern, fragte aber nicht, welches die besonderen Umstände wären. Er sagte, er wolle dem Kaiser mitteilen, was ich ihm gesagt hätte.Natürlich muß Deutschland wissen, daß wir nicht erlauben können, daß irgendeiner unserer Freunde kampfunfähig gemachtwird” (Hervorh.v.m., B.S.).

Georg V. machte über sein Gespräch mit dem Prinzen Heinrich ebenfalls dem Grafen Mensdorff, dem Gesandten Österreich-Ungarns, Mitteilung. Der König sagte, der Prinz “sei von seiner Erklärung,daß wir Deutschland nicht gestatten würden, Frankreich oder Rußland zu zermalmen, entsetzt gewesen (Hervorh.v.m., B.S.). Er, der König, habe dann seinen deutschen Vetter gefragt:

“Glaubst Du, daß wir weniger Ehrgefühl haben als Ihr? Ihr habt Allianzen mit Unterschriften, wir Ententen ohne Unterschriften, wir können aber weder Frankreich noch Rußland niederwerfen lassen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Damit war der tatsächliche Grund für den Ausbruch des Kaisers vom 8. Dezember offengelegt.

Grey antwortete dem Britischen König am 9. Dezember. Er schrieb über die Hintergründe der Äußerung Haldanes gegenüber Lichnowsky:

“Sir Edward Grey hält es für gefährlich, wenn die deutsche Regierung in der Meinung gelassen würde, daß England unter gar keinen Umständen Frankreich und Rußland unterstützen würde, wenn Deutschland und Österreich diese Mächte bekriegten; er hält es für sehr glücklich, daß Eure Majestät in der Lage waren, Prinz Heinrich eine Antwort zu erteilen, die es unmöglich macht, daß er einen solchen falschen Eindruck nach Berlin mitnimmt” (Hervorh.v.m., B.S.).

Grey stellte im Folgenden klar heraus, welches das mögliche Szenario des kommenden Krieges sein könne. Keinesfalls bestand demnach in London Unklarheit über die Gefahren der Lage. Grey führte aus:

Euer Majestät Regierung ist im Falle eines Krieges in keiner Weise festgelegt und die öffentliche Meinung Englands ist, soweit Sir Edward Grey dies beurteilen kann, gegen einen sich aus einem Streit um Serbien ergebenden Krieg eingestellt. Wenn jedoch Österreich Serbien angriffe und Deutschland daraufhin gegen Rußland zu Felde zöge, wenn dieses Serbien zu Hilfe käme, und wenn auf diese Weise Frankreich in den Krieg verwickelt würde, dann könnte sich für England die Notwendigkeit ergeben, für die Verteidigung seiner Stellung in Europa und für den Schutz seiner eigenen Zukunft und Sicherheit zu kämpfen (so wie der deutsche Kanzler erklärt hat, daß Deutschland kämpfen würde).”

Inzwischen hatte Prinz Heinrich dem Kaiser über das Gespräch mit Georg V. in York Cottage berichtet, England werde “vielleicht neutralbleiben, keinesfalls auf Deutschlands Seite tretenund wahrscheinlich sein Gewicht in die leichtere Waagschale werfen” (Hervorh.v.m., B.S.). Wilhelm II. bemerkte dazu:

“Bereits erledigt, es geht mit Frankreich”.

Diese Erkenntnis bildete den Ausgangspunkt für die Einberufung des sogenannten “Kriegsrates” vom Sonntag, dem 8. Dezember 1912, durch den Kaiser. Prinz Heinrich berichtete Georg V. über die Reaktion seines Bruders:

“Ich berichtete ihm, ich hätte die Überzeugung gewonnen, daß, falls Deutschland in einen Krieg mit Rußland und in der Folge auch mit Frankreich verwickelt werden sollte, England vielleicht neutral bliebe, doch sei zu befürchten, es werde sich unter Umständen auf die Seite unserer Feinde schlagen. In seiner Antwort schrieb Wilhelm, meine Eindrücke seien leider richtig, denn auch Haldanehabe in seiner Unterhaltung mit dem deutschen Botschafter, die am 6. Dezember, dem gleichen Tage, an dem ich liebenswürdigerweise von Dir in Sandringham empfangen wurde, stattfand, unumwunden und offiziell im Namen von Sir Edward Grey genau das gleiche erklärt. Wilhelm fügte hinzu, er müsse, wenn es auch einen ziemlichen Schock verursacht habe, daraus dieKonsequenzen ziehen.
Wir alle sind der Ansicht, daß England mit dieser Haltung seinen alten Grundsatz verfolgt, keiner Nation zu gestatten, auf dem Kontinent die Vorherrschaftan sich zu reißen. Ich hoffe, Du bist Dir dessen bewußt, daß die Verantwortung, die England damit für den Frieden der Welt übernimmt, sehr groß ist. …
Denke nicht, Georgie, daß wir uns fürchten, aber wir wünschen niemandem Schlechtes! Bitte erwäge die Lage noch einmal, bevor es zu spät ist! Wenn England und Deutschland einig wären, wer auf dieser Welt würde sich noch etwas herauszunehmen wagen? Haldanes Erklärung vom 6. läßt leider keinen Zweifel und Du wirst Dich nicht wundern, wenn wir inZukunft alles tun, was wir können, um uns gegen jeden Schlag vorzubereiten, der gegen uns geführt werden könnte, um unsere Existenz zu ruinieren”.

 

Diese Linie dynastischer Politik ergänzte gekonnt, und gar nicht unintelligent, wie dies der Unterstaatssekretär im britischen Foreign Office, Nicolson, sieht, das diplomatisch-politische Bemühen Bethmann Hollwegs um eine Annäherung zwischen England und Deutschland. Welches das taktisch-strategische Ziel solcher Anstrengungen war, ließ dieser Brief des Prinzen Heinrich in einer Mischung aus Lockung, Schmeichelei und Drohung ahnen.

Der Münchener Historiker Karl Alexander von Müller hat 1938 die Dichotomie des Greyschen Urteils folgendermaßen zusammengefasst:

“War sein letztes Ziel der Frieden Europas oder war es die Niederhaltung Deutschlands um jeden Preis, oder bewegte er sich unentschieden zwischen beiden hin und her?”

Jedenfalls bescheinigte Grey in seinen Memoiren den Deutschen, “in diesem Augenblick jedoch keinen Krieg” gewünscht zu haben, “obgleich sie nicht die sichere Straße zum Frieden” hätten gehen wollen (Hervorh.v.m.,B.S.). Jetzt erst, nach der Kriegserklärung Österreichs an Serbien, am 28. Juli, forderte Deutschland Mäßigung. Doch es war, nach des Historikers Trevelyans Meinung, zu spät. Rußland glaubte nun, um Serbien zu retten, mobil machen zu müssen. Da die russische Bereitstellung weit langsamer, als jene der Mittelmächte sei. Petersburg machte am 30. August mobil. Der deutsche Generalstabschef, Generaloberst Helmut von Moltke, noch bevor er darüber genaue Nachricht in Händen hatte, übte Druck auf Österreich aus, sofort mobil zu machen. Deutschland werde sofort folgen (Hervorh.v.m., B.S.). Grey deutete in einem Schreiben an den amerikanischen Außenminister Spring Rice an, wo das “Movens” dieser Krise angesiedelt sei, nämlich in Berlin:

“Erst fünf Tage später waren Rußland und Österreich im Kriegszustand, und hätte man sie allein gelassen, hätte es keinen Krieg gegeben”.

Und 1915 schärfte sich der Blick des englischen Außenministers weiter:

“Je öfter ich daran denke, desto schrecklicher scheint mir, daß Deutschland sich weigerte, einer Konferenz im Juli des letzten Jahres zuzustimmen.” (Hervorh.v.m., B.S.)

Diese Sicht behielt Grey auch nach seiner Amtszeit bei. Den inneren Zusammenhang der Vorgänge konnte er nicht durchschauen, solange er die unbedingten Friedensziele der Deutschen axiomatisch setzte. Der Leiter des Britischen Foreign Office fasste die Ereignisse treffend zusammen. Die Frage nach den Motiven der deutschen Seite blieb:

“Ich dachte, die Deutschen seien aus dem Grunde gegen eine Konferenz, weil Rußland sie zur Mobilmachung benutzen würde, und wenn Deutschland das zu seinem Einspruch angeführt hätte, hätte ich gegen die Mobilmachung oder die Kriegsvorbereitungen Rußlands bis zu einer Konferenz Einspruch erheben können” (Hervorh.v.m., B.S.)

Schließlich machte Grey die “preußische Natur” für den Kriegsausbruch verantwortlich. Ohne Zweifel traf es zu, dass in Berlin genügend Warnungen vor einem englischen Kriegseintritt bekannt wurden. Trevelyan fasst zusammen:

“Seit 1906 hatte Grey ihr von Zeit zu Zeit mitgeteilt, im Falle eines Angriffs auf Frankreich nicht auf unsere Neutralität zu rechnen. Im Dezember 1912 hatte der König selbst eine ähnliche Botschaft durch den Prinzen Heinrich von Preußen an den Kaiser gerichtet, die durch Haldanes gleichzeitige Worte mit der gleichen Wirkung unterstrichen wurden. Schließlich erhielt Bethmann-Hollweg selbst am 29. Juli 1914 die Warnung ohne Umschweife durch Greys entrüstete Ablehnung auf sein Angebot für eine englische Neutralität. Der deutsche Kaiser bot für den Fall, daß England nicht am Kriege teilnähme, an, nur französische Kolonienund keine weiteren Provinzen nach dem deutschen Siege zu annektieren” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der britische Außenminister glaubte,

“daß die Eroberung Frankreichsgegen das Deutschlands erste und größte militärische Absicht gerichtet war, eine deutsche Herrschaft in Europa bedeuten würde, gleich unwiderstehlich wie das römische Imperium, mit England in der Rolle des verurteilten Kartago. Und die Möglichkeit einer sofortigen französischen Niederlage war sehr groß, wenn wir abseits blieben – sie war, wie wir jetzt wissen, eine Sicherheit. Und Grey war sicher, daß in der Folge wir selbst vernichtet würden, wenn wir nicht sofort und als einiges Volk in den Krieg eintraten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Schließlich jedoch war aus britischer Sicht entscheidend, dass Großbritannien einig in den Krieg ging. Das formulierte der Aussenminister so:
“Ich hatte die Hoffnung, daß es mein Schicksal sei, das Land vor dem Krieg zu bewahren. Abervielleicht war meine wirkliche Aufgabe, es geeint in den Krieg zu führen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Es bleibt offen, ob anonyme Wirkkräfte oder zielgerichteter Wille des Staatssekretärs überwogen. In Großbritannien übte die große Gruppe der Neutralisten gewichtigen Einfluss im Entscheidungsprozeß aus. Diese sahen nicht, “wie völlig und schnell Frankreich und Belgien” ohne die Hilfe Englands geschlagen gewesen wären. So gesehen, entbehrte Greys Haltung nicht der realen Basis, wenngleich von verschiedenen Seiten Bedenken gegen sein Vorgehen geltend gemacht wurden.

 

Bethmann Hollweg und die Präventivkriegsforderung.
Dass Bethmann Hollweg über die negative Entwicklung der Lage, welche marinestrategisch zum Gegenstand der Erörterungen gemacht wurde, informiert war, zeigte dessen exploratorisches Gespräch mit Admiral von Müller während des Jagdaufenthaltes in Letzlingen, am 8. November 1912. Der Reichskanzler habe gefragt, “ob Deutschland seine Bundespflicht Österreich gegenüber aufrecht erhalten” solle, “auch wenn Österreich durch seine Forderungen (Serbien dürfe nicht Albanien annektieren u[nd]. keinen Hafen an der Adria bekommen) einen Krieg heraufbeschwöre“. Das klang durchaus danach, als ob Bethmann Hollweg sich Anfang November 1912 bereits in Erwägungen befunden habe, die einen europäischen Krieg berücksichtigten.
Müller berichtete dementsprechend am 9. November, “der Kanzler” habe bei den Beratungen in Letzlingen “von vornherein … eine forsche Haltung eingenommen”. Er habe dann

“im Laufe des Tages mit S[einer]. M[ajestät]. in diesem Sinne gesprochen u[nd]., wie er glaubt, S[eine]. M[ajestät]. überzeugt, daß das Fallen Lassen Oesterreichs unmöglich sei”.

Die Kriegsbereitschaft der deutschen Flotte wurde jedoch nicht bestätigt. Eine Frage, die naturgemäß jegliche Option angesichts eines großen europäischen Krieges impliziert haben würde. Auch die Reise nach Springe am Deister erhielt “ein stark politisches Gepräge”, denn offenkundig wurde auch hier auf höchster Ebene beraten. Naturgemäß herrschte eine “recht ernste Stimmung” unter “den anwesenden deutschen und österreichischen Gästen”. Angesichts der am folgenden Tag, dem 23. November, bekannt werdenden “kriegerische[n] Haltung Rußlands” hielt die “trübe Stimmung” an. Sasonow habe

“auf Vorstellung von Pourtalès [,der] Entfesselung eines großen Krieges wegen der serbischen Adriaaspirationen[,] mit der Schulter gezuckt u[nd]. nichts geantwortet”.

Den österreichischen Gästen, um den Erzherzog Franz Ferdinand, ging es zunächst um die Zusage deutscher Unterstützung bei einer möglichen militärischen Substitution der “wirtschaftlichen Herrschaft” Österreich-Ungarns “über Serbien“. Dies vermittelte der Direktor der Deutschen Bank, und Orientexperte, Arthur von Gwinner, dem Chef des Marinekabinetts Admiral von Müller, dem Reeder Albert Ballin und dem Admiralstabschef Josias von Heeringen. Und der Reichskanzler gab dem Generalstabschef, wie im Tagebuch Hopman – und an anderer Stelle – vermerkt, die Zusage, eine große Heeresvermehrung betreiben zu wollen.

Der englische Gesandte teilte Nicolson in London mit, falls Russland gegen Österreich-Ungarn vorginge, Deutschland diesem beispringen werde, “then of course France must also chip in” und England würde “confronted with a perfect beast of a problem”. Goschen analysierte weiter:

“To my mind it means a catastrophe which ever way we solve it. Because it would be a catastrophe in itself to be dragged into a terrible war for a question originally paltry in itself and one in which we have no interest whatever. But – where should we be if we were to hold aloof? I shudder to think of it. What friends should we have left? And what figure should we cut?” (Hervorh.v.m., B.S.).

Panslawismus war ihm gleicherweise unheimlich. Die Schwäche der Nikolaus und Sazonow ebenfalls.
Dass die seit 1903 betriebene deutsche Politik des Ausgleichs und der Vertrauensbildung zu einem Erfolg geführt habe, konstatierte Müller nach einem Essen beim Staatssekretär des Auswärtigen, Kiderlen Wächter. Er habe hier eine “sehr ruhige Auffassung der Lage” vorgefunden. Der Außenminister habe sogar betont, “diese sei entschieden günstiger als 1909 …, da heute sowohl Italien, wie auch England” auf deutscher Seite stünden. Just in diesem Moment herrschte in Königsberg Unruhe wegen des ummittelbar drohenden russischen Aufmarsches. Auch der Kanzler verbreitete am Tag darauf zielbewusst eine betont ruhige Auffassung der Lage. Dass diese Entspannung der Situation, schließlich wiederum aus London kompliziert wurde, gehörte zu den Stereotypen deutscher Politik in den letzten Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Müller berichtete unter dem 3. Dezember, bei einem Vortrag im Schloss habe der Kaiser “sehr unter dem Eindruck der etwas unentschiedenen englischen Annäherung an Deutschland” gestanden. Bereits zu diesem Zeitpunkt befand sich Wilhelm II. in einer gereizten Stimmung gegenüber Großbritannien. Nunmehr sollte nicht mehr “auf Worte” vertraut werden, lautete die Devise, “sondern Taten” sollten abgewartet werden.

Damit gab der Monarch bereits am 3. Dezember die Grundlagen Bethmannscher Englandpolitik auf. Gesehen werden muss, dass zu diesem Zeitpunkt die heißgelaufene allgemeine politische Situation – trotz aller Abwiegelungsversuche der deutschen Politik nach innen – unklar ließ, ob die Russen nicht doch zu den Waffen greifen würden. “Russische Kriegsgelüste”, und die Bedeutung der “Großfürstenpartei” in der Petersburger Politik, beunruhigten dementsprechend die Abendgespräche in den Berliner Führungszirkeln. Dieses Gemenge aus allgemeinen marine-, landstrategischen und politischen Optionen, vor dem Hintergrund der konkreten Kriegskrise auf dem Balkan, in die sämtliche europäischen Staaten, über den Zusammenbruch der Türkei, verwickelt waren, führte am Sonntag-Vormittag des 8. Dezember 1912 zu einer weiteren Krisenkonferenz im Berliner Schloss, die sich vor allem mit den militärischen Schlussfolgerungen und Maßnahmen beschäftigte, die zu ergreifen seien, nachdem der englische Kriegsminister Haldane dem deutschen Botschafter in London eröffnet hatte, Deutschland dürfe mit einer englischen Neutralität, im Falle eines Krieges mit Frankreich, nicht rechnen.

Haldane habe begründet, so notierte Müller, gemäß den Ausführungen des Kaisers gegen 11 Uhr im Berliner Schloß, die Haltung des Inselreiches läge nun rückhaltlos offen. “England” könne “nicht dulden, daß die „balance of power“ in Europa gestört werde”. Damit war die Rechnung mit der englischen Neutralität kompliziert, die Bethmann Hollweg seit Antritt seines Amtes im Juli 1909 zielstrebig verfolgt hatte. Wie der Kaiser es offen sagte – und seit Anfang Dezember erkannte – war des Kanzlers Außenpolitik insgesamt kompromittiert. Denn dieser steuerte ebenso zielstrebig, auf diese “erwünschte Klärung der Situation”, auf einen Krieg mit Rußland zu, der, wenn dieses “den Serben stütze”, auch für das Reich “unvermeidlich” sein werde. Ganz im Einklang mit den Grundzügen des deutschen Operationsplanes gegen Frankreich, schloss Wilhelm II. an, sei es die Aufgabe der Diplomatie, nun nach Osten Bündnispartner zu sammeln – darunter „in zentraler Stellung Österreich-Ungarn“ – sodass die deutsche Armee “frei” sei, „um den Krieg mit ganzer Wucht gegen Frankreich zu führen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Gleichzeitig wurde das Lieblingsthema Wilhelms II. behandelt, nämlich der Krieg mit der Seemacht Großbritannien, welche die Flotte – ebenfalls in Einklang mit den Operationsplänen und Vorbereitungen der letzten Jahre – zu führen habe:

“Die Flotte müsse sich natürlich auf den Krieg gegen England einrichten. Der vom Ch[ef]. d[es].Admiralst[abs]. im letzten Vortrage erwähnte Fall eines Krieges gegen Rußland allein, werdenach der Haldaneschen Erklärung außer Betracht bleiben. Also gleich Unterseebootskrieg gegen englische Truppentransporte in der Schelde bzw. bei Dünkirchen, Minenkrieg in [der] Themse. An Tirpitz: Schleunige Mehrbauten von U-Booten etc. Empfehlung einer Konferenz aller interessierten Marinestellen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

Im Duktus der Krisenkonferenz vom 3. Juni 1909.
Diese Konferenz vom 8. Dezember erhält ihre besondere Bedeutung, ähnlich wie jene am 3. Juni 1909 (Krisenkonferenz zur Kriegsgefahr mit England), durch die Gegenwart beider Wehrmachtsteile, nämlich des Admiralstabschefs Heeringen und des Chefs des Generalstabes Moltke. Überdies war die Flotte, vertreten durch den Verantwortlichen für die Rüstung, Tirpitz, sowie den Chef des Marinekabinetts. Moltke fasste das Ergebnis der Konferenz, mit seinem Votum für einen Krieg gegen Rußland, zusammen; was letztlich nichts anderes war, als die Unterstützung der Englandpolitik des Reichskanzlers und die Ablehnung der anti-West, also gegen England, gerichteten Zielsetzungen Tirpitz’. Die Konkurrenz zwischen Armee und Flotte trat nunmehr offen zutage, denn der Leiter des Reichsmarine Amts sah sich inzwischen gehalten, offen für ein Hinausschieben des großen Kampfes um 11/2 Jahre” zu plädieren.- Das heißt – bis Juli 1914. Erst nach 1919 nahm Müller seinen Aufzeichnungen die Spitze, als klar war, dass im Zuge einer Diskussion um die Schuld am Weltkriege, derartige Äußerungen eine besondere Bedeutung erhalten würden. Dass sich die politische Führung des Reiches keinesfalls in bedeutender Distanz zu dieser, im Kreis der militärischen Spezialisten abgehaltenen, Konferenz befand, belegt die Notiz Müllers vom Nachmittag des 8. Dezember, die zeigt, dass der Reichskanzler unverzüglich über diese Vorgänge, und deren für ihn relevante Ergebnisse, in Kenntnis gesetzt wurde. Unmittelbar darauf begann die Umsetzung der hier, im Angesicht der Krise getätigten Beschlüsse. So schrieb am 11. Dezember der „Innenminister“ Delbrück an Bethmann Hollweg „wegen der Verhinderung von Ausfuhren kriegswichtiger Güter nach Rußland”. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Kanzler in Berlin. Am folgenden Tag hegte Bethmann Hollweg keine Bedenken, gegen eine Beurlaubung von Soldaten und Offizieren über Weihnachten. Auch bezeichnete er nun gegenüber dem Kriegsminister die Bewachung von Eisenbahnbauten als nicht mehr erforderlich. Parallel finden sich in den Akten der Reichskanzlei Publikationen zur Notwendigkeit eines deutsch-englischen Krieges und zur wirtschaftlichen Kriegsbereitschaft.
Wilhelm II. nahm in einem Gespräch mit dem schweizerischen Botschafter, am 10. Dezember im Neuen Palais zu Potsdam, ausdrücklich Bezug auf den nunmehr unvermeidlichen Kampf mit den den Slawen. D.h. Russland. Er schrieb am 15. Dezember an Ballin, noch ganz im Bann der Informationen, die Erzherzog Franz Ferdinand, im Umfeld von Springe, vermittelt hatte:

Die slawischen Untertanen in Österreich waren sehr erregt geworden, und konnten nur durch energisches Auftreten der Gesamtmonarchie gegen Serbien in Ruhe gehalten werden. Wenn wir zur Waffe zu greifen gezwungen wären, so war es für uns, um Österreich zu helfen, nicht nur Rußland abzuwehren, sondern sich überhaupt der Slawen zu erwehren und deutsch zu bleiben…Ein Rassenkampf, der uns nicht erspart bleiben wird, denn es handelt sich um die Zukunft der habsburgischen Monarchie und die Existenz unseres Vaterlandes. Also eine Existenzfrage für die Germanen auf dem europäischen Kontinent!” (Hervorh.v.m., B.S.)

Der Kaiser, so der Britische Premier Asquith, sei “im Grunde ein Slawengegner geworden und bis zum Ende geblieben”. Bei dieser Gelegenheit bestätigte Wilhelm II., er habe “militärisch stets mit England als Feind gerechnet” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

1913: Das Jahr der Vorbereitung.

Italien.

Zu den militärischen Abmachungen mit Italien, für die Jahre 1913/14, ergaben sich im Laufe des Jahres gravierende Zweifel, hinsichtlich der Frage, ob “hinter der italienischen Absage einer Entsendung von Hilfskräften an den Oberrhein die verborgene Gefahr” steckte, “daß Italien im entscheidenden Augenblick überhaupt neutral bleiben würde”. Daraufhin, so sollte das Reichsarchiv, die offiziöse Stelle für Faktenerhebung und Interpretation, 1919 feststellen, habe Moltke versucht,

“durch erneute Verhandlungen mit dem italienischen Generalstabe ein Faustpfand in die Hand zu bekommen, durch das Italien im Fall eines europäischen Krieges zur Erfüllung seiner Bündnispflichten angehalten werden sollte. Dem von ihm nach Rom entsandten Oberquartiermeister Generalmajor Graf Waldersee gelang es auch, im Herbst 1913 zunächst die grundsätzliche Zustimmung des dreibundfreundlichen italienischen Generalstabschefs Generals Pollio zurWiederherstellung der alten Abmachung über die Entsendung einer italienischen Armee an den Oberrhein zu erlangen. Im Frühjahre 1914 wurde dann in Berlin durch den italienischen General Zuccari die bestimmte Zusage gemacht, daß eine Armee von drei Armeekorps und zwei Kavallerie-Divisionen zur unmittelbaren Unterstützung Deutschlands über die Alpen gesandt werden würde, und ihr Transport mittels österreichischer Bahnen im einzelnen geregelt. War somit auf der einen Seite im Frieden alles getan, was das Verharren Italiens im Dreibunde im Kriegsfall zu gewährleisten schien, so hütete sich General von Moltke doch wohlweislich, die unmittelbare militärische Hilfeleistung dieses Verbündeten auf dem Kriegsschauplatz nördlich der Alpen als einen feststehenden und unbedingt notwendigen Faktor in die Rechnung seines Operationsplaneseinzustellen. Er widerstand daher auch dem Wunsche des österreichischen Generalstabschefs, für den in Aussicht gestellten Kräftezuschuß an italienischen Truppen eine Verstärkung der von Deutschland für den Osten bestimmten Streitkräfte von vornherein eintreten zu lassen. ´Zur Zeit muß man mit den gegebenen Verhältnissen rechnen´, schrieb er am 13. März 1914 dem General von Conrad, ´und wir müssen den Krieg so beginnen, als ob die Italiener überhaupt nicht zu erwarten wären. Wir können daher zunächst keine Änderungen in den einmal getroffenen Dispositionen eintreten lassen… Eurer Excellenz haben eine zu klare Einsicht in das Wesen des Krieges, um mir nicht zuzustimmen, wenn ich an dem Grundsatz festhalte, erst unsere Hauptkräfte einzusetzen, um den nächsten und gefährlichsten Gegner zu schlagen. Ist dies gelungen, können wir die dann frei werdende Kräfte gegen den zweiten einsetzen´” (Hervorh.v.m., B.S.).

Moltke habe, so das Reichsarchiv, ferner “auch noch in anderer Beziehung die Kräfte Italiens im Kriegsfalle dem gemeinsamen Interesse dienstbar zu machen” versucht. “In Übereinstimmung mit den Chefs des italienischen und österreichischen[handschr. Einschub] Generalstabes” habe der deutsche Generalstabschef “auf Abmachungen für ein einheitliches Zusammenwirken der maritimen Streitkräfte Italiens, Österreichs und so weit möglich auch Deutschlands, im Mittelmeer” gedrungen. “Ein hierauf bezügliches Flottenabkommen wurde im Sommer 1913 geschlossen”, betonte das Reichsarchiv nach 1918. Die hochbedeutsame Denkschrift Waldersees aus dem Mai 1914 habe dennoch herausgearbeitet, als “wie wenig zuverlässig aber auch weiterhin die Haltung Italiens im deutschen Generalstab beurteilt wurde”. Es ging natürlich nach dem verlorenen Krieg darum, der Äußerung die aggressive Spitze zu nehmen.

 

England.
Dass inzwischen auch in der Wilhelmstraße, das heißt in Auswärtigem Amt und Reichskanzlei, eine neue Epoche längst begonnen hatte, bestätigte Wilhelm II. am 1. Februar 1913 in einem privaten Gespräch mit von Müller. Es ging  bei dieser Gelegenheit zunächst um das englisch-russische Verhältnis in Kleinasien, und die Warnung Englands an die Adresse Rußlands, hier nicht weiter offensiv zu werden. Der Kaiser zitierte darauf den neuen Staatssekretär des Auswärtigen, und Nachfolger des verstorbenen von Kiderlen-Waechter, Jagow, der geäußert haben sollte, “er würde der erste sein, der S[einer].Maj[estät]. den Krieg empföhle, wenn man versuchen wollte, Deutschlands Rechte in und auf Kleinasien anzutasten”. Dagegen habe sich der Staatssekretär gleichzeitig dagegen gewehrt, zu den “politischen Verhältni[ssen]” vor der Budgetkommission des Reichstages zu sprechen. Über diese solle “z[ur]. Z[ei]t. am besten so wenig wie möglich gesagt werden”. Daß sich die Stimmung zunehmend verdüsterte, zeigte zusätzlich die vaterländische Rede des Kaisers anlässlich der Jubiläums-Feierlichkeiten der Berliner Universität. Wilhelm II. benutzte dort demonstrativ das “Wort des eisernen Kanzlers: „Wir Deutschen fürchten Gott u[nd]. sonst nichts auf der Welt“.

Auch in London zeigtigten die Vorgänge der letzten Wochen noch einmal Reflexe. So las König Georg dem Unterstaatssekretär im Foreign Office, am 18. Februar 1913, einen Brief des Prinzen Heinrich von Preußen vor, der noch einmal das Gespräch von Sandringham, vom 5.12.1912, reflektierte. Nicolson berichtete darüber Grey:

Prinz Heinrich schrieb, der Kaiser wäre von dem, was der König gesagt hatte,überrascht gewesen aber noch mehr durch die Tatsache, daß Haldane am gleichen Tage praktisch genau die gleiche Sprache gegenüber dem Fürsten Lichnowsky gebraucht hatte. Der Kaiser bemerkte, daß er nunwisse, wie er sich zu verhalten habe: er hätte immer zugunsten des Friedens gehandelt, aber im Hinblick auf die mögliche und wahrscheinliche Haltung Großbritanniens in zukünftigen Konfliktenkönnte er nicht getadelt werden, wenn er alle Vorbereitungen träfe, um jeder Möglichkeit zu begegnen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Am 8. Dezember hatte König Georg den Außenminister über sein Gespräch mit Prinz Heinrich von Preußen informiert. Der Monarch schrieb:

“Im Verlaufe einer langen Unterhaltung fragte er mich unumwunden, ob England im Falle, daß Deutschland und Österreich mit Rußland und Frankreich in einen Krieg verwickelt würden, den beiden letzteren Mächten seinen Beistand gewähren würde. Ich antwortete: ‘Zweifellos ja – unter gewissen Umständen.’ Er gab seinemErstaunen und seinem Bedauern Ausdruck, fragte jedoch nicht, was unter ‘gewissen Umständen’ zu verstehen sei. Er sagte, er würde dem Kaiser berichten, was ich ihm erzählt hätte. Ich halte es für richtig, Deutschland wissen zu lassen, daß wir nicht zusehen können, wie einer unserer Freunde zerschlagen wird. Ich glaube, ich mußte Sie wissen lassen, was zwischen mir und des Kaisers Bruder in dieser Beziehung gesprochen wurde.”

Eine Äußerung, die – möglicherweise – erst in diesen Tagen London erreichte, zugleich jedoch recht genau die Situation in Berlin um den 8. Dezember 1912 umreißt.
Präventivschlag gegen Frankreich im Frühjahr?
Bis Ende März 1913 sollte sich die “politische[r] Lage” nicht wesentlich entspannen, denn die Balkankrise glimmte weiter und so nahm der Reichskanzler gern, anlässlich eines Spazierrittes im Tiergarten, die Gelegenheit wahr, mit dem flottenpolitischen Berater des Kaisers, Admiral von Müller, über die sich entwickelnde “Wehrvorlage u[nd]. [die] Orientkrise” zu sprechen. Parallel bemühte sich Bethmann Hollweg um gute Beziehungen zu Großbritannien. Die Akten des Foreign Office belegen, wie der Kanzler, zum Beispiel im Verlauf des Jahres 1912, versuchte, über den Vorschlag einer Union von Sansibar und Pemba mit England über Kolonialfragen ins Gespräch zu kommen. Gleichzeitig suchte der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Stumm, bei Bertie Konzessionen des Inselstaats zu erhandeln und Kühlmann dachte, territoriale Absprachen sollten einem deutsch-englischen Flottenabkommen vorausgehen. Ganz und gar nicht entspannt stellte sich aus britischer Sicht die europäische Lage dar, denn Nachrichten legten die Annahme nah, Deutschland plane, Frankreich im Frühjahr 1913 zu überfallen (vgl. Bernd F. Schulte, Die deutsche Armee 1900-1914. Zwischen Tradition und Moderne, Düsseldorf 1977).
Interessant erscheint, dass Georg V. den österreichischen Botschafter, den Grafen Mensdorff, warnte eigenmächtig zu handeln, weil dies zur Explosion panslawistischer Gefühle in Rußland führen könne, und damit zu einem Kriege. Noch im folgenden Jahre muss diese Warnung den Österreichern in den Ohren geklungen haben. Erneut herrschte bei Wilhelm II. “helle Aufregung über Skutari u[nd]. [den] Fürsten von Montenegro”. Die Entscheidung, die Hochseeflotte im Jahre 1913 nicht in spanische Gewässer auslaufen zu lassen, die der Reichskanzler erwirkte, offenbarte eine deutliche Sprache. Schließlich jedoch war Ende April, mit dem Fall der Hafenstadt Skutari, klar, dass – trotz vielfältiger Aufregung in Wien, Bulgarien, Serbien und Griechenland – nicht mehr mit einem “europäischen Kriege” zu rechnen sei. Als sich jedoch König Nikita weigerte, auf Skutari zu verzichten, erklärte Österreich, es wolle, „falls die anderen Mächte nicht mitmachen, [es] allein gegen Montenegro vorgehen“. Daraufhin blieb Bethmann Hollweg jedoch dabei, er hielte “die Situation für nicht kritisch”. Im Reichsmarine-Amt wurde daraufhin angenommen, die Mächte würden “einen modus vivendi“ finden. Zum Kriege” habe “keine Großmacht jetzt Lust”. Inzwischen schwenkte auch Frankreich auf die Linie einer friedlichen “Lösung durch Nachgeben Montenegros” ein. Die Botschafterkonferenz in London tendierte ebenfalls in diese Richtung. Rußland hatte sich Frankreich angeschlossen. Serbien und Bulgarien rückten von Nikita ab. Am 5. Mai, mit der Nachricht, “daß Montenegro nachgiebt und Skutari bedingungslos den Großmächten überliefert”, ging ein Aufatmen auch durch das politische Berlin, und die Börse verzeichnete eine “starke Aufwärtsbewegung”. Am 8. Mai beschloss die Botschafter-Reunion in London, “1000 Mann internationaler Truppen, darunter 100 deutsche”, in Skutari zu stationieren. Die Krise, die zuletzt durch die Mitwirkung Großbritanniens  überwunden wurde, hatte zu einer deutsch-englischen Annäherung geführt, die nicht zuletzt nach außen mit der Heirat der Tochter des Kaisers, Prinzessin Victoria Luise, mit dem Welfenprinzen Ernst August von Cumberland und Braunschweig-Lüneburg, bestätigt wurde.

Nicolson schrieb im Nachhinein von “der langen Feindschaft”, der mit dieser Heirat ein Ende gesetzt worden sei. Gleichzeitig wird deutlich, dass es Grey peinlich vermied, der Versuchung zu erliegen, einer Vermischung von dynastischen und diplomatischen Beziehungen stattzugeben. Den Kern dieser Veranstaltung bildete das politische Interesse des Reiches, zu einem Ausgleich mit England zu kommen. Diesen Zusammenhang enthüllten ergänzend die Äußerungen des Kaisers, der später behauptete, vom russischen Zaren und dem englischen König “die Zusicherung erhalten zu haben, daß ihre Regierungen die Integrität des ottomanischen Restreiches respektieren würden”.

Lord Stamfordham hielt Wilhelm II. eine längere Vorlesung, darüber, wie töricht die britische Regierung sei,

sich mit den lateinischen Staaten gegen die Teutonen zu verbünden, und anzunehmen, daß er der Enkelsohn der Königin Victoria, jemals zulassen könne, daß England zur See bedroht würde; daß England die gelbe Gefahr nicht sehen wolle, die doch die einzige wirkliche Bedrohung der westlichen Zivilisation darstelle” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kaiser führte, ganz im Sinne der Entschlüsse gegen Ende des Jahres 1912, aus:

“Sehen Sie sich diese Marokkoaffaire an!-… Ich weiß, daß Sir John French in Frankreich war, oder doch Ihre Generalstabsoffiziere, und das Sie den Franzosen versprochen haben, 100 000 Mann hinüberzusenden; das ist es, was uns gekränkt hat. Ich bin ein Mann des Friedens, aber jetzt muß ich mein Land rüsten, so daß ich alle, die über mich herfallen wollen, zerschlagen kann; und ich werde sie auch zerschlagen. Wenn Österreich von Rußland angegriffen wird, bin ich verpflichtet, ihm zu helfen; man kann den alten Kaiser nach allem, was er in der Vergangenheit an Kummer und Sorge erleben mußte, nicht im Stiche lassen. Zwischen Rußland und Deutschland gibt es keine Animosität. Sie sprechen sehr viel vom Gleichgewicht der Mächte und daß sie der Entente nur deswegen beigetreten seien, um [sie] es zu erhalten; aber es ist Deutschland, das das Gleichgewicht erhält” (Hervorh.v.m., B.S.).

Nach der Abreise des Königs von England aus Berlin, schloss sich ein “allgemeines Friedensgeläute in [der] deutsche[n]r und englische[n]r Presse” an. Prompt kam der französische Präsident Poincaré nach Berlin, um die Zweifel auszuräumen, die durch die Verhandlungen Großbritanniens mit dem Reich zur Bagdadbahn entstanden waren.

Postwendend fuhr im Anschluss der französische Präsident Poincaré nach London, um Zweifel auszuräumen, die infolge der Verhandlungen Greys mit Berlin zur Bagdadbahn entstanden sein mochten. Im Umfeld, eben dieses politisch-gesellschaftlichen Ereignisses, stieg die Möglichkeit einer Veröffentlichung von Briefen Wilhelms II. “aus den Jahren [18]88 u[nd]. [18]89″ auf, die Lord Charles Beresford in seinen Memoiren vorgeblich plante. Damals, habe der Kaiser England ermuntert, “seine Flotte zu verstärken…als notwendiges Friedensinstrument in Europa”. Auch habe der Kaiser dies geradezu als “Maßstab” empfohlen,

to be able to meet any coalition of other powers”.

Wieso Wilhelm II. im Dezember 1912, von eben dieser Haltung Englands überrascht sein konnte, bleibt damit unerfindlich. Jedenfalls riet Müller davon ab, die Publikation zuzulassen. Auch war es nicht gelungen, im Rahmen der deutsch-englischen Heirat, den Verzicht der Welfen auf das 1866 durch Preußen annektierte Königreich Hannover zu erreichen. Dass die Verwandtschaftsverhältnisse sich nicht einfach gestalteten, hatten bereits Beobachtungen um den vorbereitenden Besuch “der Cumberländischen” in Berlin gezeigt. Müller berichtete, es habe eine “ziemlich gezwungene Stimmung” geherrscht, da eben der “Verzicht auf Hannover” abgelehnt worden sei.

 

1913: Bethmann Hollweg für Krieg.
Bethmann Hollweg ergriff in einem Brief an den polnischen Großmagnaten Graf Hutten-Czapski die Gelegenheit, einem konservativen Parteiführer seine Sicht zum neuen Heeresgesetz darzulegen. Der Kanzler konzedierte einerseits, auch ihm gefielen „die [Wehr-]Steuern“ genauso wenig wie des Grafen politischen Freunden. Bethmann Hollweg meinte jedoch, mit einem Seitenhieb auf seinen Vorgänger Bülow, und erläuternd zu seiner gegenwärtigen Verhandlungstaktik gegenüber Bundesstaaten, Parlament und Parteien:

„ Mit einer Krisis, die einer Niederlage gleichgekommen wäre, durfte die Sache aus inneren und äußeren Gründen unter keinen Umständen enden. Das zwang zu Nachgiebigkeiten, die unerfreulich sind“.

Zu den Widerständen des grundbesitzenden Adels gab der Reichskanzler zu bedenken:

„Man verlangt von der Regierung, daß sie durch dick und dünn geht, aber die Regierung durch dick und dünn unterstützen will Keiner. Trotz alledem bleibt die Heeresvorlage eine Tat, der wir uns nicht zu schämen brauchen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Mehr als nur eine bloße Andeutung sollte allerdings die hingeworfene Bemerkung zum außenpolitischen Fortgang seiner Bemühungen um England sein:

„Mit England geht es langsam, aber man soll die Geduld nicht verlieren“.

Dass der Reichskanzler im Dezember 1912 eingehend mit dem Kaiser über die Eventualität eines Krieges diskutiert hatte, offenbarte Wilhelm II. am 15. Dezember 1913 – also ein Jahr später – seinem Chef des Marinekabinetts. Wilhelm II. führte aus, er habe bemerkt,

“wie interessant es sei, daß der Reichskanzler sich jetzt doch an den Gedanken eines Krieges gewöhnt habe, er der noch vor einem Jahr ausgesprochen, er werde nie im Stande sein, zu einem Krieg zu raten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kaiser hatte demnach, um den 8. Dezember 1912, wie mit seinem Bruder, dem Prinzen Heinrich, auch mit Bethmann Hollweg, die zu diesem Zeitpunkt wiederholt diskutierte Frage eines Krieges, erörtert und dabei einen ablehnenden Bescheid erhalten. Selbst die Frau des Reichskanzlers war zu diesem Zeitpunkt, im Gespräch mit Müller, auf diese Frage eingegangen, hatte jedoch erklärt, “ihr Mann würde unter keinen Umständen für einen Krieg zu haben sein” (Hervorh.v.m., B.S.). Diese Haltung war offenbar bis Ende 1913 einem gravierenden Wandel unterworfen. Nach dem Tode seiner Frau, im Mai 1914, und bedeutendem Vermögensverlust durch die Spielleidenschaft seines älteren Sohnes, zeigte sich der Reichskanzler dieser Eventualität gegenüber weit offener als zuvor. Jedenfalls war der noch allseits präsumierte  „Gegensatz zwischen militärischer und politischer Leitung“, zu diesem Zeitpunkt, keineswegs gegeben. Selbst “mit einer längeren Dauer des Krieges” war vorgeblich nicht zu rechnen. Zusätzlich ließ der Kaiser wieder einmal eine Änderung seiner Haltung erkennen. Anlässlich des 25 jährigen Regierungsjubiläums, 1913, betonte Wilhelm II., es sei ihm möglich gewesen, den “Frieden zu bewahren, [und er] hoffe auch weiter [den] Frieden erhalten zu können”, um darauf zu erklären,

“wenn es aber erforderlich sei[,] die Thore des Janustempels zu öffnen, dann werde er sie weit aufreißen …” (Hervorh.v.m., B.S.).

Die britische Regierung bot der Deutschen – allerdings ohne eigenen Verlust – die portugiesischen Kolonien an. Im August entwarfen Grey und Lichnowski den entsprechenden Vertrag. Der Abschluss wurde allerdings verschoben, da der britische Aussenminister diesen zunächst dem Parlament vorlegen wollte. Es ging um Angola, den nördlichen Teil von Mozambique, die Inseln St. Thomé und Principe. Allerdings hätte die Geschichte um den Handel mit den portugiesischen Kolonien, den England seit 1898 betrieben hatte, die deutsche Seite skeptisch stimmen müssen. Mit in diesen Zusammenhang spielten die Abmachungen zwischen Berlin und Petersburg hinein, die 1910 in Potsdam geschlossen wurden. Rußland stimmte dem Weiterbau der Bagdadbahn Richtung Kuwait, und deren Anschluss an die persische Grenze zu. Ein Anschluss an die, von Nordpersien her, projektierte russische Transpersienbahn eröffnete die Möglichkeit eines Vordringens der Deutschen bis an die indische Westgrenze, was Grey äußerst besorgt beobachtete.

 

Unveränderte Parallelrüstung von Flotte und Heer.
Die Dinge trieben immer deutlicher einer Explosion zu. Denn die politische Spannung hatte, seit dem Beginn der Kanzlerschaft Bethmann Hollweg im Jahre 1909, kaum nachgelassen; ja, unter der Stufenfolge der internationalen Krisen nur zugenommen. Angesichts dieser Entwicklung plante der Admiralstab Mitte Dezember 1913 die beiden Schlachtkreuzer “Goeben u[nd]. Breslau” aus dem Mittelmeer zurück zu ziehen. Und auch der Chef des Generalstabes eröffnete am 24. Dezember, auf der Rückfahrt von Potsdam nach Berlin, Müller seine Bedenken angesichts der ungenügenden deutschen “Kriegsbereitschaft” und der “Ziellosigkeit” der deutschen “u[nd]. namentlichder österreichischen Politik” (Hervorh.v.m., B.S.). Das zeigt, wie ernst die Lage eingeschätzt wurde, und wie offen in den Führungszirkeln die, bis heute nicht umfassend gewürdigten, Interdependenzen zwischen den Ressorts zutage traten. Moltke sprach offen über zwei, der bei einer künftigen Kriegsauslösung entscheidenden, Momente, nämlich

“über [die] Unmöglichkeit der Respektierung der Neutralität Belgiens u[nd]. über die unklare Persönlichkeit des österreichischen ThronfolgersErzherzog Franz Ferdinand” (Hervorh.v.m., B.S.).

Der deutsche Schlag gegen Belgien/Frankreich und die österreichische Funktion in der deutschen Rechnung, die deutsche Grenze zu Rußland durch eine Offensive nach Polen hinein zu decken, bildeten offensichtlich das Hauptthema während dieser Autofahrt von der Weihnachtsfeier im Neuen Palais zu Potsdam zurück nach Berlin. Dass gerade Moltke auf die für das Reich, im Sinne der Planung, ungünstige Haltung des Erzherzogs Franz Ferdinand, hinwies, zeigt, dass die seit Ende 1912 erkennbare Ablehnung des großen Krieges mit Rußland durch den Erzherzog, die gesamte deutsche politisch-strategische Planung zu zerstören geeignet schien. Dass Franz Ferdinand aus deutscher Sicht nicht mehr die Bedeutung besaß, wie noch im November 1912, unterstreicht eine Beobachtung während des Jagdaufenthaltes in der Göhrde bei Lüchow, wo Wilhelm II. “unter gänzlicher Nichtbeachtung seines Vornehmsten Gastes Skat” spielte. Dass sich die Entscheidung für den Krieg weiter verfestigt hatte, belegte die “übliche” Ansprache des Kaisers an die Kommandierenden Generale der Armee. Müller hatte bereits am 1. Januar 1913 festgehalten, Wilhelm II. sei “reichlich feindlich” aufgetreten. Daraufhin teilte der Kommandierende General des VIII. Armeekorps, Tülff von Tschepe und Weidenbach, nach seiner Rückkehr aus Berlin, den Offizieren seines Stabes in Koblenz mit:

“Meine Herren, in diesem Jahr geht es los”!
Der Kaiser hatte, entsprechend der Wende deutscher Außen- und Rüstungspolitik im Schwerpunkt zurück nach Europa, seit dem Beginn des Jahres 1912, seine Liebe für die Armee wieder entdeckt. So häuften sich zum Beispiel im Jahre 1913 Vorträge des Monarchen zu heeresgeschichtlichen Themen, wie zum Beispiel der Schlacht bei Gravelotte-St.Privat und den Armeemanövern des Jahres 1913. Am 30. Juli, während der Nordlandreise Wilhelm II., zeigte sich darauf offen die Abkehr des Kaisers von der letztlich erfolglosen Flotte. Der Monarch äußerte, er “habe diese Erörterungen [es ging um die geplante[n] Weiterreise der Flotte] satt”. Er solle “immer Hinz u[nd]. Kunz fragen und nur unterschreiben, was die…Marine für gut” befände.

“Das habe ich nun satt – zum Teufel[,] ich bin der Allerhöchste Kriegsherr, ich entscheide nicht, sondern ich befehle”[!]

Zusätzlich vollzog der Kaiser nunmehr seine Abkehr von Russland. Jedenfalls hatte Wilhelm II. bereits Anfang des Jahres die Meinung vertreten, “nicht Österreich[,] sondern Rußland sei der Störenfried”. Am 13. Dezember ließ der Monarch seinem Widerwillen über den Zaren freien Lauf. Ihm war “auf dem Wege über Kokowzov- Pourtal[è]s” zu Ohren gekommen, durch die deutsche Militärmission in Constantinopel habe “das Verhältnis zwischen Deutschland u[nd]. Rußland eine Trübung erfahren”. Der Kaiser sprach gegenüber Müller von einer “neueste[n] Unverschämtheit Rußlands”. Dass zwei Seelen in der Brust Wilhelms II. Platz hatten, zeigte wenig später dessen Äußerung im engsten Kreis, “er, der Kaiser, habe gleich zu Anfang seiner Regierung gesagt, ´Meine Regierungszeit wird eine Friedens-Zeit; meine Aufgabe wird nicht sein, Kriege zu führen, sondern das Reich zu konsolidieren Erg[änzung]: so etwa wie Friedrich Wilhelm d[er]. I[.], mein Nachfolger kann dann wieder Krieg führen” (Hervorh.v.m., B.S.).

 

Die Rüstungsprorität bei der Armee.
Diese Entwicklung der Vorstellungen Wilhelms II. kam der Absicht des Reichskanzlers entgegen, nämlich Rußland für den in Aussicht genommenen großen Krieg als Gegner aufzubauen. Dafür war Bethmann Hollweg seit dem November 1912 gewillt, zusätzliche Finanzmittel aufzubringen, um die Armee für den Landkrieg mit Rußland und Frankreich vorzubereiten und bestätigte diese Planung gegenüber Müller am 5. Januar 1913. Auch um mitzuteilen, dass die inzwischen durch den Kaiser erneut angemahnte Marinenovelle chancenlos sein werde. Dass der Chef des Marinekabinetts, als Vertreter der Flotte, nicht zustimmen konnte, war klar, und der Kanzler beabsichtigte, mit Hilfe dieser Unterredung eher, die Botschaft von der Rüstungspriorität der Armee zuverlässig Tirpitz zu signalisieren. Hatte doch Bethmann Hollweg, vor dem 10. Dezember 1912, bereits dem Feldmarschall Colmar von der Goltz bestätigt, für die Rüstungen der Armee werde “jede Forderung bewilligt” (Hervorh.v.m., B.S.). Darüber hinaus signalisierte der Reichskanzler, bereits zu diesem Zeitpunkt, er werde sich einem Präventivkrieg nicht von vornherein verschliessen. Nach vielfältiger Vorbereitung teilte der Kanzler schließlich am 5. Januar 1913 dem Kaiser mit, er beabsichtige eine große “Militärvorlage” in Gang zu setzen. Wilhelm II. war augenscheinlich tatsächlich für die Armee gewonnen und reagierte nunmehr “sehr freudig”. Daraufhin ergänzte Bethmann Hollweg, “daß mit Rücksicht auf dievertrauensvoller werdenden Beziehungen zu England[,] jetzt eine Marinenovelle nicht kommen dürfe” (Hervorh.v.m., B.S.). Dass dieses Mal der Geisteswandel des Kaisers gründlicher ausgefallen war, als gewöhnlich, sollte sich am 30. Juli zeigen. Damit war die Katze aus dem Sack. Als Tirpitz die Nachricht, die Müller überbrachte, erhielt, äußerte er sich nur “sehr großspurig und abfällig über den ‚Umfall‘ des Kaisers”.

Churchill skizzierte Anfang 1914 die Rüstungslage in einem Memorandum für Asquith. Er führte zu den Armeestärken aus, die “militärischen Kräfte” der englischen Armee seien “zwischen 1911 und 1914 nicht wesentlich vergrößert” worden und fuhr fort:

“Anders war es auf dem Kontinent. Durch die Reichskonstitution war der Friedensstand der deutschen Armee mit eins vom Hundert der Bevölkerung festgesetzt und so blieb es bis 1912. Durch das Armeegesetz des gleichen Jahres (durchgegangen nach der Marokkokrise) wurde das Verhältnis fallengelassen und die Armee (bei eine Bevölkerung von 66 000 000) auf 723 000 erhöht. Im folgenden Jahre (1913), während der Balkanunruhen, ging ein neues Armeegesetz durch, das die Friedensstärke der deutschen Armee auf 870 000 festsetzte. Für Deckung der Kosten wurde eine ‚Ausnahmesteuer‘ von 1 000 000 Mark erhoben. (‚Wehrbeitrag’)”

 

Regiert wird um den Kaiser herum.
Am 5. Januar war im Reichsmarine Amt ein Kabinett-Schreiben eingekommen, worin mitgeteilt wurde, der Kaiser habe

“beim Vortrage des Kab[inett].Chefs am 4. [Januar] diesem den Auftrag gegeben, dem Staatss[ekretär]. zu sagen, daß er eine Beschleunigung des Bautempos der großen Schiffe durch die politische Lage für geboten erachte. Das Dreiertempo solle wieder voll hergestellt und für den nächsten Etat zunächst ein Linienschiff und 2 große Kreuzer gefordert werden. Der Staatssekr[etär]. solle am 11. [Januar] Vortrag darüber halten und vorher mit dem Reichskanzler und Kriegsminister Rücksprache nehmen, die Abschrift des Schreiben erhalten hätten”.

Diese Willensäußerung des Kaisers demonstrierte nichts anderes als dessen politisch-geistige Isolierung vom politischen Prozess und den Ausschluss des Kaisers aus dem politischen Führungszirkel in Berlin. Tirpitz sah sich infolgedessen einer sehr schwierigen Lage gegenüber, da er die “Ersatzbauten für ‚Prinz Heinrich‚, ‚Fürst Bismarck‘ und ‚Friedr[ich]. Carl‚” vorziehen müsse. “Darauf ginge der Reichskanzler unter keinen Umständen ein, und werde natürlich auch schließlich beim Kaiser durchdringen. Er sei also unter allen Umständen der Blamierte”. Sofort wurde geschäftiges Arbeiten im Reichsmarine Amt ausgelöst und die “entsprechende Novelle” umredigiert. Es kam, wie nicht anders zu erwarten, das Signal: “Das ganze Halt!”, das Geheimrat Meißner vom Auswärtigen Amt überbrachte, der ein weiteres Kabinett-Schreiben vorlegte, das nach dem Vortrag des Reichskanzlers beim Kaiser, am 6. Januar, niedergelegt, nun Bethmann Hollwegs Argumente enthielt. “Mit Rücksicht auf die von ihm für erforderlich gehaltenen, sehr großen Forderungen der Armee”, solle „von irgendwelchen Zuwendungen für die Flotte zunächst Abstand“ genommen werden. Daraufhin verschob Wilhelm II. nunmehr die Marineforderungen auf das Jahr 1914. Für die Marine bedeutete das den Abschied von der bisherigen relativen Rüstungspriorität der Flotte gegenüber der Armee. Aber darüber hinaus fiel damit, im Gefolge der Krisenkonferenz vom 8. Dezember 1912, eine “Entscheidung von gewaltiger Bedeutung”, denn damit wurde praktisch von dem “Streben[,] allmählich an England heranzukommen”, Abstand genommen und nunmehr entschieden, künftig “in erster Linie wieder reine Kontinentalpolitik zu …