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Es ging um die Welt. Der Riskante Weg Von 1914.

Dienstag, Juli 29th, 2014

Lediglich Fehlkalkulation oder wohlüberlegter, gescheiterter Plan? Wirtschaftsrivalität (so schweizerische Diplomaten), Hochrüstung, Polykratie der Entscheidungsträger, überholte gesellschaftliche Strukturen, in Deutschland und Berlin, sollen dafür zusätzlich verantwortlich gewesen sein.

Stand etwa ein großer Wurf eher dahinter, ein übergreifendes Bild, von Rang und Bedeutung, des Deutschen Reichs in der Zukunft? Nach den Ausführungen des engen Beraters Bethmann Hollwegs, des Universalhistorikers, und Freundes, Karl Lamprecht (Leipzig), könnte dies Tatsache gewesen sein. Die politisch Verantwortlichen in Berlin scheinen, anders als etwa Goebbels und Hitler das verstanden, durchaus mit begründeten Vorstellungen, von der deutschen und internationalen Politik, ja, von einem philosophischen Überbau aus, in die Krise des Jahres 1914 gegangen zu sein.

Es schält sich hier heraus, dass der eigentliche Gegner des Deutschen Reichs im Weltkrieg Großbritannien war. Dies macht die Epochenscheide dieses ersten universalen Krieges aus. Dessen war sich der Kanzler Bethmann Hollweg von Anfang an bewusst. Blieb doch die Grundlinie deutscher Politik – Weltmachstreben plus kontinentale Hegemonie – bis 1914 unangetastet. Das läßt sich an der Rüstungspolitik des Kaiserreichs seit 1909 ablesen. Damit war jedoch das Scheitern jeglicher Ausgleichsbe- strebungen mit London programmiert. Ähnlich wie 1937/38 (Raeders Großschiffbau), als GB bereits mit Rüstung antwortete. Ebenfalls die Hoffnung auf eine Neutralität des Inselreichs – im Falle einer zentraleuropäischen, militärischen Auseinandersetzung – war bereits im April 1913, und damit an oberster Stelle, als wenig wahrscheinlich erkannt.

Auch zeigt sich am Beispiel Belgien, das Lamprecht für Bethmann Hollweg (vor dem Hintergrund der Kriegszielentwürfe) explorierte, was die europäischen Staaten, seien es Verbündete oder aber Kriegsgegner, von einer künftigen wirtschaftlichen und (oder) politischen Konföderation, als europäischer Verfaßtheit – mit dem siegreichen Deutschen Reich als Gravitationszentrum – hielten. Solange England nicht geschlagen wäre, hätte ein solcher Plan keine Chance. Allerdings gingen die Vorstellungen deutscherseits, in der Phase der eingehenderen Diskussion eines künftigen Deutschen Reiches von 1916 (nach dem gewonnen Krieg), auch in den Kriegszielen (z.B. Nordeuropa, Rußland betreffend) beträchtlich weiter, als das September-Programm Kurt Riezlers dies zeigt. Die tieferen Schichten solchen Denkens enthüllen gerade Forschungen zu den parallel anmutenden Weichenstellungen in der Krimkriegphase 1852-55 in Berlin, London und Paris.

1914 war sicherlich nicht dass Wunschdatum Berlins für eine derartig tiefgreifende Entscheidung. Zeit wäre Berlin bis 1918 geblieben, wenn es primär um die Kriegsbereitschaft Rußlands gegangen wäre. Deshalb auch die Ermutigung, den Krieg mit Serbien zu führen, die Österreich-Ungarn zuteil wurde (vgl. den Druck, der z.B. von der Wiener Botschaft, zunächst bis zum 23.7.1914, auf den Grafen Hoyos ausgeübt wurde). Aber der fortschreitende Verfall Wiens als Bündnispartner, die zunehmenden finanziellen Belastungen die das Deutsche Reich, trotz heraufziehender Konjunkturbaisse, bereits schulterte, ließen vor den Augen des Reichskanzlers den Schattenriß einer verloren gehenden hegemonialen Position Deutschlands in Europa über die Täfelung seines Arbeitszimmers in Hohenfinow huschen. Diese Überlegungen bestätigte der Kanzler 1919, vor dem Untersuchungsausschuß des Reichstages zu den Ursachen für den Verlust des Krieges.

Es waren das schwere Stunden, zwischen dem 28. Juni und dem 5. Juli 1914, in denen Theobald von Bethmann Hollweg entschied, das Wagnis einer kriegerischen Lösung des europäischen Problems sei einzugehen.

Eine überschätzte Quelle. Riezlers Aufzeichnungen aus dem Juli 1914.

Mittwoch, Juli 16th, 2014

Die Tagebücher XXXa und b aus dem Juni – Juli 1914 sind bislang unbekannt. Jedenfalls enthielten diese, nebst den Aufzeichnungen aus den Jahren 1908 bis 1914, weit eingehendere Schilderungen, als dies aus den bunt zusammengestellten Blockblättern hervorgeht. Zum Beispiel spricht Riezler in dem Original-Tagebuch bereits die Kriegsschuld an. Theodor Heuß und die amerikanische Autorin Toni Stolper haben die Originale noch gesehen. So kann Frau Stolper über Aspekte berichten, die uns noch verborgen sind. Etwa entstand das Problem der Kriegsschuld bereits mit dem Kriegsausbruch. So etwa bei Bülow, Tirpitz u.a. Ein Zeuge: der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Müller.
Auch im Nachlaß Theodor Heuß befanden sich dessen Stellungnahmen zur Lektüre der Original-Tagebücher. Wolfgang Mommsen hat diese gesehen, durfte darüber aber keine Mitteilung machen. Es ist zu erwarten, dass diese in die Richtung der Aussagen von Toni Stolper gingen. Allerdings ist auch aus anderen Gründen wenig Honig aus den Papieren, und dem Nachlaß, Kurt Riezlers zu saugen. Riezler war ein konservativ-liberales Mitglied der damaligen Führungselite und hat es säuberlich über die Jahrzehnte vermieden, durch zu viel Enthüllung dem deutschen Nimbus zu schaden.

Berlin, 16.7.2014 Bernd F. Schulte

Bernd F. Schulte: A House Divided Against Itself,Über den deutschen Umgang mit Staatsgeheimnissen, in: Ders., Aufstieg oder Niedergang. Deutschland zwischen Mittelalter und Postmoderne. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe I, Bd. 4, Norderstedt 2008, S. 161-201.
Ders., Riezler Affäre: Eine feuergefährliche Frage, in: Ders., Das Deutsche Reich von 1914. Europäische Konföderation und Weltreich, in: Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe II, Bd. 2, Norderstedt 2013, S. 77-83 (2014 als e-book).
Ders.: Was Deutsche wissen dürfen – und was nicht (1914-2008). „Ein Staatsgeheimnis“ oder „Die Diskussion um die Fälschung der Riezler Tagebücher“, ebd., S. 92-106.
Ders., Einleitung, in: Weltmacht durch die Hintertür. Deutsche Nationalgeschichte in der Diskussion. Ebd., Reihe I, Bd. 2. Norderstedt 2003.
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http://www.focus.de/wissen/experten/buelow/das-geheimnis-der-riezler-tagebuecher-der-reichskanzler-der-den-weltkrieg-wollte_id_3973079.html

Streitfrage zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Große Kriegslüge – Drängte der Reichskanzler auf den Ersten Weltkrieg? Mittwoch, 16.07.2014, 11:15 · von FOCUS-Online-Experte Ralf Bülow

Eine wichtige Quelle zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs sind die Notizen von Kurt Riezler, der im Juli 1914 fast täglich mit Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg zusammentraf. Ihre Echtheit ist aber seit langem umstritten. FOCUS-Online-Experte Ralf Bülow erklärt den Hintergrund.

Vor genau einem Jahrhundert, im Juli des Jahres 1914, lief in den Zentren der europäischen Großmächte der Countdown zur Katastrophe. Am 28. Juni 1914 ermordete ein bosnischer Serbe den Wiener Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau in Sarajewo, der Hauptstadt der damals österreichischen Provinz Bosnien-Herzegowina. Seitdem suchten Minister, Monarchen und Militärs nach einer passenden Antwort auf dieses Verbrechen.

Ihre politischen Planungen, die schließlich zum Ersten Weltkrieg führten, spielten sich meist hinter den Kulissen ab, und nur wenige Außenstehende konnten das Denken und Handeln der Entscheider verfolgen. Zu ihnen gehörte Kurt Riezler, ein Mitarbeiter der Berliner Reichskanzlei. Der 32-jährige Münchner war Vertrauter des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg und im Juli 1914 oft mit ihm zusammen, entweder in Berlin oder in Bethmann Hollwegs Gutshaus im nahen Hohenfinow. Riezler hinterließ Tagebücher aus der Kriegszeit. Riezler emigrierte 1938 in die USA und lebte ab 1954 in Rom. Er starb 1955 in München. Im seinem Nachlass fanden sich Tagebücher in Form von Schulkladden, die die Jahre 1910 und 1911 sowie die des Ersten Weltkriegs erfassten. Außerdem tauchten 19 Blätter mit Aufzeichnungen für die Zeit vom 7. Juli bis 14. August 1914 auf.

Die Forschung wurde in den späten 1950er-Jahren auf diese Texte aufmerksam. 1972 erschienen sie in einer gedruckten Edition des Historikers Karl Dietrich Erdmann.

Die Tagebuch-Blätter zum Juli 1914, also zur direkten Vorgeschichte des Krieges, stellen vor allem Reflexionen zur politischen Lage dar und dokumentieren Aussagen des Reichskanzlers. Für den 14. Juli berichtet Riezler den bekannten Ausspruch Bethmann Hollwegs vom „Sprung ins Dunkle“, der zugleich „schwerste Pflicht“ sei. Die Kriegserklärungen von Österreich-Ungarn und Deutschland Ende Juli und Anfang August kommen jedoch nicht vor.

Kurz nach Erscheinen der Druckversion der Tagebücher äußerten die Historiker Fritz Fellner und Bernd Sösemann die begründete Vermutung, dass die 19 Blätter aus dem Sommer 1914 keine Originalfassungen darstellen, sondern Überarbeitungen sind, die Riezler nach später verschwundenen Notizen anfertigte. Der Historiker Bernd F. Schulte entdeckte 1985, dass sich die erste, auf den 7. Juli 1914 datierte Eintragung jener Blätter auf Ereignisse bezieht, die erst am 25. Juli stattfanden.

Was in den verschollenen Kladden über die schicksalhaften Julitage stand, bleibt Spekulation. Es gibt aber den Bericht eines Zeitzeugen, der Kurt Riezler im amerikanischen Exil traf und dem er aus seinen ursprünglichen Aufzeichnungen vorlas. Demnach war Reichskanzler Bethmann Hollweg schon vor Beginn des Ersten Weltkriegs kriegswillig. Ein anderer Zeitzeugenbericht spricht von „kriegslustigen Äußerungen“, die Riezler verzeichnet hätte.

Man sollte also seine Tagebuch-Blätter, die heute im Bundesarchiv liegen, wieder einmal aus der Schublade holen. Vielleicht klärt sich dann auch die Bedeutung vom „Sprung ins Dunkle“. Dieser war nämlich keine ureigene Schöpfung Bethmann Hollwegs, sondern findet sich bereits im Politiker-Englisch des 19. Jahrhunderts.

Vor 100 Jahren: Sehenden Auges alles riskiert – und verloren.Wie es zum Ersten Weltkrieg kam.

Donnerstag, Juli 10th, 2014

http://www.news4press.com/JuliAugust-1914-Sehenden-Auges-alles-r_838856.html

Nicht Schicksal, Irrtum oder undefinierte Mächte führten Europa und die Welt in den Ersten Weltkrieg. Überschätztes kalkuliertes Risiko, Kampf um Imperien und wirtschaftlichen Einfluss, nicht zuletzt auch rassische Vorstellungen, machten das Denken der Zeit aus. Das überbetont Kämpferische Element in Kultur und Geisteshaltung bedingten eine überzogene Bereitschaft zu Kampf und Krieg. Diese alte Welt steuerte direkt in den Abgrund. Eingehende Kritik des Geschehenen und konsequente Schlussfolgerungen setzten sich künftig nicht durch. So kam es zu einem weiteren weltumfassenden Kampf.

Bernd F. Schulte, Das Deutsche Reich von 1914. Europäische Konföderation und Weltreich. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe II, Bd. 2. Norderstedt (Dr.Schulte) 2013 (e-book: 2014).

Das Deutsche Reich von 1914 stand auf der Basis der, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, um die liberal-konservative „Wochenblatt-Partei“ in Preußen gewonnenen politischen Anschauungen. Von deren Gründer, dem aus dem Rheinland stammenden Staatsrechtler Moritz August von Bethmann Hollweg (Professor für Staatsrecht an der Universität Bonn – und Kirchenpolitiker), führt eine gerade Linie zu dessen Enkel, dem Reichskanzler von 1914, Theobald von Bethmann Hollweg. Dieser war befreundet mit dem Universal-Historiker Karl Lamprecht (Leipzig), der dem künftigen Deutschen Reich, im Kampf um die Weltmachtstellung mit England, die notwendige geistesgeschichtliche Fundierung lieferte.

Diese Hintergründe werden deutlich, wenn der Leser von
Bernd F. Schultes: „Deutsches Reich von 1914. Europäische Konföderation und Weltmacht“

bis in das Schlusskapitel vordringt. Steht doch dieses Buch ganz unter der Fragestellung nach den Gründen und Anlässen und inneren Triebkräften, die dazu geführt haben, dass Deutschland 1914 in den Ersten Weltkrieg eintrat. Nicht zuletzt die Anregung seines Lehrers, des Hamburger Historikers Fritz Fischer, führte Schulte dazu, die Linien, die von der Krimkriegs-Lage 1854/55 zu der Anti-Ost-Option des Kanzlers von 1914 führten nachzuziehen. Allerdings wurde Bethmann Hollweg erst im Verlauf der ersten Kriegswochen klar, dass dieser Krieg nicht gegen Russland und Frankreich, sondern England geführt wurde. Eine Erkenntnis wohl auch seines einsamen Weihnachtsfestes an der Front 1914.

Eigentlich ohne Wahl war der Reichskanzler angesichts der finanziellen und allgemein-politischen Entwicklungen Anfang des Jahres 1914 ( z. B. Pressefehde des Generalstabes in der „Frankfurter Zeitung“ gegen Russland), als ihm sein Cousin, Dietrich von Bethmann Hollweg, Legationsrat an der kaiserlichen Botschaft in Wien, in einer wirtschaftlichen Denkschrift die aktuelle, verfahrene Lage Österreich-Ungarns vor Augen führte (hier erstmals veröffentlicht). In der ihm eigenen energischen Art entwickelte Dietrich, es sei mit dem Zusammenbruch, und das sowohl wirtschaftlich wie militärisch, der Donau-Monarchie zu rechnen; wenn nicht in den nächsten Monaten, so doch in kürzester Frist. Diese Denkschrift erreichte den Reichskanzler unmittelbar vor der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo, und stellte, von einem zum anderen Moment, die gesamte deutsche politische Ausrichtung zur Disposition.

Der Reichskanzler hat 1919, vor dem Untersuchungsausschuss des Reichstags zu den Ursachen des Weltkrieges, indirekt die nun aufgetretene Fragestellung von 1914 kommentiert. Bethmann Hollweg führte aus, es sei in diesem Augenblick darum gegangen, zu entscheiden, ob Deutschland und Österreich das Risiko eines Krieges mit Serbien, und dahinter eines europäischen Krieges, zumindest mit Frankreich und Russland, eingehen sollten; oder, falls dieser Weg nicht beschritten werden würde, künftig auf eine halb-hegemoniale Großmacht-Position und Weltmachtaspirationen zu verzichten. Der Reichskanzler hatte zwischen dem 28. Juni und dem 5. Juli 1914 Zeit, diese Entscheidung zu fällen. Es ist bekannt, wie Deutschland, und nicht zuletzt, und u.a. (vgl. Unterstaatssekretär Zimmermann), Dietrich von Bethmann Hollweg (vgl. Tagebuch Harry Graf Kessler, 1917) Österreich in den Serbien-Krieg hineindrängten, und was aus diesem vordergründig, lokalisierten Konflikt entstand.

Schultes Buch zeigt, in seltener Komprimierung, was trotz verlorener Nachlässe und sekretierter Bestände in den Archiven, 100 Jahre nach den Ereignissen schließlich zu Tage tritt. So bleibt, neben vielem anderen, was dieser Aufsatzband enthält, und was bis in die jüngste Zeit hineinreicht, ein naturalistischer Blick auf die Umstände wie der größte „Kladeradatsch der Geschichte“ entstand; ein versnobter Begriff, benutzt von Beteiligten in den höchsten Berliner Ministerien, und kennzeichnend für das Hasadeurhafte damaliger Sinnesart.