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Das letzte Wort zu 1914 …

Donnerstag, 26. Januar 2012

http://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article13832392/Russisches-Roulette.html

Die Welt| Weltlage, Autor: Michael Stürmer| 25.01.2012 Russisches Roulette

Das letzte Wort zu 1914 ist noch nicht gesprochen. Weil die Verursachung des Zweiten Weltkriegs beim weiland Großdeutschen Reich lag, hat es sich eingebürgert, den Ersten Weltkrieg auch gleich ins deutsche Schuldkonto zu übernehmen. “Griff nach der Weltmacht”, titelte mit nachhaltiger Wirkung der Theologe und Historiker Fritz Fischer. Dass der amerikanische Diplomat und Historiker George F. Kennan 20 Jahre nach Fischer in einer großen Studie zum Niedergang des bismarckschen Bündnissystems Paris und St. Petersburg als Treiber einer Kriegsallianz gegen Österreich-Ungarn und Deutschland ausgemacht hatte und damit als Mit-Urheber der “Urkatastrophe” (Kennan) des 20. Jahrhunderts, hatte in Deutschland wenig Wirkung. Es passte nicht ins Bild.

Eine Warnung kommt aus China, wo auf die Frage nach der Bedeutung der Französischen Revolution von 1789 gelegentlich die Antwort kommt: zu früh für eine abschließende Beurteilung. Jetzt kommt aus den Vereinigten Staaten, Harvard University Press, eine ähnliche Botschaft: “Die russischen Ursprünge des Ersten Weltkriegs” (“The Russian Origins of the First World War”, von Sean McMeekin). Die These: “Die Tatsache, dass der Schwerpunkt des Kämpfens und Sterbens entsprechend dem Schlieffen-Plan in Frankreich und Belgien lag, färbt die allgemeine Erinnerung an den Konflikt und beherrscht die Literatur. Aber nicht einmal der besessenste Historiker der Westfront kann verneinen, dass die tieferen Gründe des Konflikts im Osten lagen.”

Der russische Griff nach dem Erbe der Osmanen geht weit zurück auf Peter den Großen, der Zaren und Kommissaren die Mission hinterließ, die Dardanellen für Mütterchen Russland einzusammeln. 1878 blockierte Bismarck durch ein Gipfeltreffen in Berlin (“Der ganze Balkan ist nicht die heilen Knochen eines pommerschen Grenadiers wert”) Russlands Ausgreifen ins östliche Mittelmeer und verhinderte Krieg. Dem “ehrlichen Makler” wurde schlecht gedankt. Paris und St. Petersburg verbündeten sich, um Europas Landkarte mit dem Bajonett umzuzeichnen.

In Paris kann man bis heute die Brücke Alexandre III bewundern, die in Sichtweite der deutschen Botschaft die Seine ohne Zwischenpfeiler überspannt: Denkmal einer schicksalhaften Allianz. ——————————————————————————————–
Leser-Kommentare

Daß Frankreich, Rußland und England – durch eine deutsche “Policy of Pretention” zusammengebracht wurden, wird übersehen. —————————————————————————————————

Pretention
Dass Problem des Kriegsausbruchs 1914 kreist um den Begriff »Pretention« und geht zurück auf

lateinisch »praetendo« – englisch »pretend« – französisch »prétendre« –gebräuchlich: »Pretension« – und archaisch »Pretention«. –
»Pretention « hieß 1914 »Bluff«. Es handelte sich um ein Modewort der damaligen Diplomatie. Schließlich wurde der Fehlschlag der europäischen Regierungen in der Julikrise des Jahres 1914 mit der Formulierung entschuldigt, man habe sich eben »festgeblufft«. Das Spielerische des Vorgangs wurde leichtfertig überbetont. Hier geht es allerdings um mehr. So wie die wissenschaftliche Interpretation der Ereignisse bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Verlaufe der neueren Diskussion seit 1961, eine eher unglückliche Fixierung auf den Juli/August feststellt, so geht es inzwischen in der allgemeinen Forschung darum, die europäische Welt zwischen 1905 und 1914 hinsichtlich deren wirtschaftlichen, diplomatischen, militärischen und kulturgeschichtlichen Wurzeln zu untersuchen.

In diesem Zusammenhang wird inzwischen von einer deutschen »brinkmanship«-Politik gesprochen. Das heißt: die Berliner Politik habe ein zunehmend bedeutenderes Risiko übernommen. Ich sehe die deutsche Politik dabei, systematisch, von Krise zu Krise gesteigert, nahezu naturwissenschaftlich und labormäßig, ein »testing the entente« vorzunehmen. Es ging darum, festzustellen, als wie solide das – in Berlin als monolithisch aufgefaßte – System der Entente-Bündnisse und Absprachen – zwischen Paris, Petersburg und London – sich herausstelle. Es ging ferner darum, eventuell auftretende Risse zu erkennen, und im Folgenden eine mögliche Sprengung der Verbindungen zu betreiben. Das war die erklärte Absicht und Politik des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg zwischen 1909 und 1914.

Was war nun aber dabei deutscherseits vorgeschützt, übertrieben oder vorgespiegelt? Die deutsche Politik basierte, nach dem deutschfranzösischen Krieg von 1870/71, zu großen Teilen auf dem herausragenden Ruf der preußisch bestimmten Armee. Es ist gezeigt worden, daß Kampfwertvergleiche den anscheinend unerschütterlichen Nimbus der deutschen Waffen als immer labiler erscheinen ließen. Spätestens seit der Marokkokrise von 1905 brach sich eine breit gefächerte Kritik an den deutschen taktischen und operativen Verfahren Bahn. Zum Beispiel in der »Revue Militaire des Armées Ètrangères« des französischen Generalstabes sowie englischen, französischen und russischen Magazinen, Monatsschriften und Tageszeitungen. Das geschah in einer breiten Kritik unter anderem am Beispiel der deutschen Kaisermanöver. Die nicht unbedingt erfolgreichen diplomatischen Bemühungen Berlins in diesen Jahren verschärften zusätzlich die fortschreitende Erosion des Bildes der Zeitgenossen von der preußisch-deutschen Armee als der »besten der Welt«.

Nicht zuletzt durch den immer wieder aufgenommenen Appell, das Schwert zu ziehen, entwertete, abgesehen von diesem technischen Hintergrund, die Berliner Diplomatie ihre Pressionspolitik 1904/ 06, 1908/09 und im Herbst 1912 selbst. Es wuchs in den Hauptstädten Europas bis Ende 1912 die Überzeugung heran, nun, bei nahezu vollendeter militärischer Rüstung, diesem Druck künftig widerstehen zu sollen. So kam es zu einem Krieg, in den Deutschland mit noch nicht vollendeter Rüstung eintrat. In diese Zwangslage war Berlin geraten, obwohl etwa der englische Oberst Repington, im Oktober 1911 in der Times, eindringlich davor gewarnt hatte, die deutsche Armee und deren Leistungsfähigkeit überzubewerten. Deutscherseits wurde diese Kritik, bis hinauf zum Kaiser, empört zurückgewiesen, wobei in Berlin übersehen wurde, daß jahrzehntelang Unsummen in den Schlachtflottenbau geflossen waren, die nun – wie sich herausstellen sollte – in der Armee unübersehbare Lücken verursacht hatten.

Die Marne erreichten, im September 1914, die Armeen des deutschen rechten Heeresflügels nicht nur ohne die 1913 umstrittenen drei Armeekorps, sondern auch ohne ein in Führung und Gefecht konkurrenzfähiges Kampfverfahren und ohne zeitgemäße Ausrüstung und Bewaffnung der Waffengattungen.

Der Begriff des »Kriegerstaates«
Einerseits hat Paul Kennedy in seinem berühmten Buch über den »Aufstieg und Fall der großen Mächte« (1986), vor allem am Beispiel Spaniens, Englands – wie auch Deutschlands, der USA und der UdSSR – dafür plädiert, den Akzent staatlicher Grundstruktur und Politik nicht ausschließlich auf militärische Machtentfaltung zu setzen. Vielmehr seien, so Kennedys Urteil, die »Handelsstaaten« den »Kriegerstaaten« im Verlauf der Geschichte grundsätzlich überlegen. Diese These, die nicht zuletzt in Washington hart umstritten war, veranlaßte mich, den Begriff »Kriegerstaat«, in Bezug auf das deutsche Kaiserreich, anzuwenden (vgl. »Bismarck war kein Deutscher«, in: »Rückbesinnen und Neubestimmen«, 2000).

Andererseits bildete sich die etwas ältere Bedeutung im Verlauf der Diskussionen um das Buch Fritz Fischers »Griff nach der Weltmacht« (1961) heraus. Diese wissenschaftlichen und publizistischen Auseinandersetzungen um Strukturen, Modernitätsgrade und Entwicklungschancen des Kaiserreichs hinterließen eine breitere Spur in der jüngeren deutschen, sozialgeschichtlich orientierten, Historiographie. Es bildete sich die Erkenntnis heraus, die mittelalterlich-feudalen, einseitig kämpferischen Versatzstücke im Erscheinungsbild des wilhelminischen Kaiserreichs (Reden, nationale Parolen, Paraden, Aufmärsche, Stechschritt, Sedanstage, Denkmäler), wie dessen hierarchisch strukturierte Gesellschaft, Armee und Verwaltung, hätten das Bewusstsein des damaligen Bürgertums (bis in die Arbeiterschaft) einseitig kämpferisch-maskulin geprägt.

Diese Hypothesen, die in der jüngsten deutschen Forschung aufmerksame Ohren gefunden haben, mögen, in den Rahmen der militanten Problemlösungsversuche, welche die deutsche politische Führung zwischen 1905 und 1914 unternahm, hineingespielt haben.

Meine zu Beginn der achtziger Jahre veröffentlichten Arbeiten ließen in Bezug auf die Krisenkonferenz-Problematik innerhalb der Berliner Führungsspitze, wie hinsichtlich des Bürgerkriegs-Problems im militärischen Bereich und hinsichtlich der horrenden, fatalen deutschen Verluste beim Angriff 1914 auf Belgien und Frankreich, diese Momente bereits anklingen. So gelangte ich, unter dem Eindruck der letzten Aufgipfelung des Rüstungswettlaufs im »Kalten Krieg« zwischen den USA/NATO und der UdSSR 1979/83 zu der Überlegung, militärische Lösungswege wo immer möglich durch diplomatisch-politische und Ansätze der Friedensforschung wenn nicht zu ersetzen, so doch zumindest zu »unterfüttern« (Graf Baudissins System der »Vertrauenbildenden Maßnahmen«).

Dr. BERND F. SCHULTE

Glanz und Gloria des „Kriegerstaates“ waren nur Bluff.

Dienstag, 24. Januar 2012

»Im Juli 1914 berührte deutsche Reichspolitik Hohenfinow«, heißt es in der 2007 veröffentlichten Chronik des Ortes/1/. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg machte seit dem 4. Juli „Arbeits“-Urlaub auf seinem Schloß in Hohenfinow. Während die Welt nach dem Attentat von Sarajewo am 28. Juni am Vorabend eines Weltkrieges stand, bot Deutschland „nach außen ein vermeintlich friedliches Bild“. Doch insgeheim entfaltete sich eine hektische Betriebsamkeit. Mit den Vorgängen, die zum Krieg führten, und der Rolle, die u.a. Bethmann Hollweg dabei spielte, befaßt sich der Hamburger Historiker Dr. Bernd F. Schulte. Seine Forschungen aus den 80er Jahren erschienen vor zwei Jahren unter dem Titel »Deutsche Policy of Pretention – Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914« in 2. Auflage (BBP 11/2010), ergänzt um den neuen Aspekt des Instituts der „Krisenkonferenzen“ im Kaiserreich.

Der Autor hat nun der »Barnimer Bürgerpost« dankenswerterweise einen Text zum aktuellen Stand seiner Forschungen hinsichtlich des Kriegsausbruchs 1914 überlassen, den wir in dieser und den folgenden Ausgaben abdrucken.

Der Aufsatzband »Deutsche Policy of Pretention« oder der »Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914« kreist um den Begriff »Pretention«, der zurückgeht auf lateinisch “praetendo” – englisch “pretend” – französisch “prétendre” – gebräuchlich: “Pretension” , archaisch “Pretention”.-
Deutsche Policy of Pretention, 1904-14.

»Pretention« hieß 1914 »Bluff«. Es handelte sich um ein Modewort damaliger junger deutscher Diplomaten wie Kurt Riezler, Arthur Zimmermann oder Wilhelm von Stumm. Schließlich wurde der Fehlschlag der europäischen Regierungen in der Julikrise des Jahres 1914 mit der Formulierung entschuldigt, man habe sich eben »festgeblufft«. Das Spielerische des Vorgangs erscheint leichtfertig überbetont. Hier geht es allerdings um mehr. So wie die wissenschaftliche Interpretation der Ereignisse bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Verlaufe der neueren Diskussion seit 1961, zunächst eine eher unglückliche Fixierung auf den Juli/August feststellt, so geht es inzwischen in der allgemeinen Forschung darum, die europäische Welt zwischen 1905 und 1914 – auf deren wirtschaftliche, diplomatische, militärische und kulturgeschichtlichen Wurzeln – hin zu untersuchen.

In diesem Zusammenhang wird inzwischen von einer deutschen »brinkmanship«-Politik gesprochen. Das heißt: die Berliner Politik habe ein zunehmend bedeutenderes Risiko übernommen. Ich sehe diese allerdings im Begriff, systematisch, von Krise zu Krise gesteigert, nahezu naturwissenschaftlich und labormäßig, ein »testing the entente« vorzunehmen. Es ging Berlin darum, festzustellen, als wie solide das – in Berlin für monolithisch gehaltene – System der Entente-Bündnisse und -Absprachen – (Paris, Petersburg und London) sich herausstelle. Daraus folgte, eventuell, sich unter diplomatischem Druck ergebende, Risse festzustellen, und im Folgenden die Sprengung des Entente-Systems zu betreiben (vgl. Bethmann Hollweg im Gespräch mit Riezler, Juli 1914/Riezler-Tagebuch). Das war die erklärte Absicht und Politik des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg zwischen 1909 und 1914.

Was war nun aber dabei deutscherseits vorgeschützt, übertrieben oder vorgespiegelt? Die deutsche Politik basierte, nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, zu großen Teilen, auf dem herausragenden Ruf der preußisch bestimmten Armee. Es ist gezeigt worden, daß Kampfwertvergleiche den scheinbar unerschütterlichen Nimbus der deutschen Waffen als immer labiler erscheinen ließen. Spätestens seit der Marokkokrise von 1905 brach sich eine breit gefächerte Kritik an den deutschen taktischen und operativen Verfahren Bahn. So zum Beispiel in der »Revue Militaire des Armées Ètrangères« des französischen Generalstabes sowie englischen, französischen und russischen Magazinen, Monatsschriften und Tageszeitungen. Das geschah auf breiter Front, unter anderem an den deutschen Kaisermanövern. Die nicht unbedingt erfolgreichen diplomatischen Bemühungen Berlins verschärften in diesen Jahren zusätzlich die fortschreitende Erosion des Bildes des Auslandes von der preußisch-deutschen Armee als der »besten der Welt«.
Nicht zuletzt durch die immer wieder erneuerte Drohung, das Schwert zu ziehen, entwertete die Berliner Diplomatie noch zusätzlich ihre Pressionspolitik in den Jahren 1904/06, 1908/09 und Herbst 1912 selbst. Es wuchs in den Hauptstädten Europas, bis Ende 1912, die Überzeugung heran, nun, nach nahezu vollendeter militärischer Aufrüstung, diesem Druck künftig widerstehen zu sollen.

So kam es zu einem Krieg, in den Deutschland mit nicht vollständig modernisierter Armee eintrat. In diese Zwangslage war das Kaiserreich geraten, obwohl etwa der englische Oberst Repington, im Oktober 1911 in der Times, eindringlich davor gewarnt hatte, die deutsche Armee und deren Leistungsfähigkeit überzubewerten. Deutscherseits wurde diese Kritik, bis hinauf zum Kaiser, empört zurückgewiesen, wobei in Berlin übersehen wurde, daß jahrzehntelang Unsummen in den Schlachtflottenbau geflossen waren, die nun – wie sich herausstellen sollte – in den Streitkräften unübersehbare Lücken verursacht hatten. Die Marne erreichten im September 1914 die Armeen des deutschen rechten Heeresflügels nicht nur ohne die 1913 – im Zuge der „großen Heeresvermehrung“ – umstrittenen drei Armeekorps, sondern auch ohne ein in Führung und Gefecht, der gestellten Aufgabe, adäquates Kampfverfahren, und ohne zeitgemäße Ausrüstung und Bewaffnung der Waffengattungen.

Zum Begriff des »Kriegerstaates«.
Einerseits hat Paul Kennedy/Yale in seinem berühmten Buch über den »Aufstieg und Fall der großen Mächte«(1986), vor allem am Beispiel Spaniens, Englands – wie auch Deutschlands, der EU, den USA und der UdSSR – dafür plädiert, den Akzent staatlicher Grundstrukturen nicht ausschließlich auf militärische Machtentfaltung zu setzen. Vielmehr seien, so Kennedys Urteil, die »Handelsstaaten« den »Kriegerstaaten« im Verlauf der Geschichte grundsätzlich überlegen. Diese These, die nicht zuletzt in Washington hart umstritten war (Kennedy wurde in sämtliche Ausschüsse den Kongresses geladen) , veranlaßte mich, den Begriff »Kriegerstaat«, in Bezug auf das deutsche Kaiserreich, anzuwenden (vgl. Bernd F. Schulte: Bismarck war kein Deutscher, in: „Rückbesinnen und Neubestimmen«, Hamburg 2000).

Andererseits bildete sich eine etwas ältere Interpretation im Verlauf der Diskussionen um das Buch Fritz Fischers »Griff nach der Weltmacht« (1961) heraus. Diese wissenschaftlichen und publizistischen Auseinandersetzungen um Strukturen, Modernitätsgrade und Entwicklungschancen des Kaiserreichs hinterließen eine breitere Spur in der jüngeren deutschen, sozialgeschichtlich orientierten Historiographie. Es schälte sich die Erkenntnis heraus, die mittelalterlich-feudalen, einseitig kämpferischen Versatzstücke im Erscheinungsbild des wilhelminischen Kaiserreichs (Reden, nationale Parolen, Paraden, Aufmärsche, Stechschritt, Sedanstage, Denkmäler, Kaiserreden), wie dessen hierarchisch strukturierte Gesellschaft, Armee und Verwaltung, hätten das Bewustsein des damaligen Bürgertums (bis in die Arbeiterschaft) einseitig kämpferisch-maskulin geprägt.
Diese Hypothesen, die in der jüngsten deutschen Forschung aufmerksame Ohren gefunden haben, mögen, im den Rahmen der militanten Problemlösungsversuche, welche die deutsche politische Führung zwischen 1905 und 1914 unternahm, eine Rolle gespielt haben.

Meine zu Beginn der achtziger Jahre veröffentlichten Arbeiten ließen, in Bezug auf die „Krisenkonferenz“-Problematik” innerhalb der Berliner Führungselite, wie auch hinsichtlich des Bürgerkriegs-Problems für den militärischen Bereich, und in Bezug auf die horrenden, fatalen Verluste im Verlauf des Angriffes 1914 auf Belgien und Frankreich, diese Momente bereits anklingen. So gelangte ich, unter dem Eindruck der letzten Aufgipfelung des Rüstungswettlaufs im »Kalten Krieg« zwischen den USA/NATO und der UdSSR 1979/83 zu der Überlegung, militärische Lösungswege, wo immer möglich, durch diplomatisch-politische und Ansätze der Friedensforschung, wenn nicht zu ersetzen, so doch zumindest zu »unterfüttern« (vgl. Graf Baudissins System der »Vertrauenbildenden Maßnahmen«).

Dr. Bernd F. Schulte

Barnimer Bürgerblatt, Januar 2012.

That’s it! Springe – Heeresvermehrung – Kriegsentschluß.

Dienstag, 27. Oktober 2009

Als Tirpitz seinem Mitarbeiter Hopman über die Krisenkonferenz im Jagdschloß Springe vom Vortage berichtete, war die Entscheidung bereits gefallen. Das, was der Kaiser, Schlieffen und Bülow 1905, Bethmann Hollweg, Bülow, Tirpitz, Schoen, Metternich und Moltke 1909 diskutiert hatten, war nun, am 24.11.1912, Wirklichkeit geworden.

Trotz des Sträubens der Flotte, die sich nicht sinnlos im Kampf mit der englischen Grand Fleet opfern wollte, hatte sich die Führungsspitze des Reichs bei dieser Gelegenheit zu dazu entschlossen, binnen Monaten den großen Entscheidungskampf zwischen Slawen und Germanen zu führen. Deutschland bereitete, mit der umfangreichsten Heeresvermehrung seit 1871, den Kampf mit Rußland vor, der – nach Aussage des Kaisers (9.12.1912) – in Kürze als “Rassenkampf” folgen werde. Der Gegner stand künftig im Osten und Panslawismus und Pangermanismus (vgl. Stalin/Hitler) schienen grundlegend unvereinbar.

Der Konflikt zwischen den Balkanbundstaaten (hinter denen Rußland stand) und der Türkei, leitete direkt in die Auseinandersetzung der “germanischen” Staaten Deutschland und Österreich über; mit den romanischen und slawischen Mächten Frankreich und Rußland. Sch. weist darüber hinaus nach, dass die Lehre von der Polykratie zwischen den Entscheidungsträgern im Kaiserreich eine Legende ist. Vielmehr herrschte seit der Gründung des Reichs eine enge Interdependenz der Ämter, gerade zwischen den politischen und militärischen. Dies haben die Beteiligten von 1914 uni sono zurückgewiesen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand.

Damit eröffnet sich eine neue Sicht auf die Entscheidungen von 1914, die deutscherseits aussichtsreicher waren, als bisher gesehen. Das auch infolge der Wirtschafts- und Volkskraft wie der allgemein vorausgesetzten militärischen Präponderanz des Reichs. – Nur, diese Pläne scheiterten.

Europäische Krise und Erster Weltkrieg

Dienstag, 4. August 2009

Der Sammelband aus dem Jahre 1983 kommt als E-Book. Erweitert um eine Vorbemerkung und einen neuen Klappentext.-
Die 2. Auflage dieses Bandes wird in den nächsten Tagen vorgestellt. Der Titel:
“Deutsche Policy of Pretention. Niedergang eines Kriegerstaates, 1871-1914. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe II, Bd. 1.”
Im Internet kann die breite Reaktion auf “Europäische Krise” seit 1983 verfolgt werden (vgl. google “scholar” oder dort: “Dr. Bernd F. Schulte, Europäische Krise”).