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Wurden die Deutschen (1911) genauso von den Engländern vorgeführt (Goschen) – wie Saddam Hussein durch die USA (April Glaspie)?

Dienstag, August 25th, 2015

Die Politik Londons steht seit 1919 unter Verdacht, den Ersten Weltkrieg gegen Deutschland bewußt ausgelöst zu haben (Windelband). Die Rolle des englischen Außenministers Edward Grey erscheint bis heute dubios. Dessen Nachlaß wird 2016 geöffnet. Schweizerische Dipliomaten äußerten 1911, England plane -aus Wirtschaftsgründen – einen Krieg gegen den Handelskonkurrenten Deutschland. Umso notwendiger erscheinen Untersuchungen zu den Jahren 1911,-12,-13 (und: 1936-39).

Inhalt

Einleitung

44 – Marokkokrise – Vorspiel.

– Die Krise kocht hoch.

45 – Flotte erst im Herbst 1914 kriegsbereit.

– Weiterentwicklung des Flottenplanes.

– Voraussetzungen für den Einsatz der Flotte. Flotte gegen England.

– Flottenplan und unmittelbare Kriegsvorbereitung.

46 – Spannungen im Entente-Verhältnis.

– Wer bestimmt in Berlin die Richtlinien der Politik?

– Krisen-Fahrpläne: London und Berlin.

47 – Die Marokkokrise auf dem Höhepunkt.

– Die Entente organisiert sich.

– London sieht Befürchtungen bestätigt.

– Berlin schlußfolgert: der Gegner heißt England.

– Crisis-Management im Kulminationspunkt.

– Anti-deutsche Partei in London.

– Berlin hat die Krise im Griff.

48 – Komplikation: Tripoliskrieg und Türkei.

– Die Beute aus der Konflagration.

– Deutsche Öffentlichkeit und Machteliten gereizt.

49 – Der Ausgleich von Berlin.

– Enttäuschte französische und deutsche Öffentlichkeit.

– Berlin / London: Unterschiedliches Diplomatie-Verständnis.

50 – Deutsch-englische Beziehungen: Die Zeichen stehen auf Sturm.

– London: Kriegsvorbereitung.

– Grundsätzliche Verschiebung der militärischen Lagebeurteilung.

– Ein Jahr vor dem „Kriegsrat“: parallele Entwicklung.

51 – Resümee.

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Einleitung.

Mit dem Deutschen Flottengesetz von 1900 war klar, dass das Deutsche Reich zum Rivalen der Seemacht England werden wollte.

Mit der Entlassung des Reichskanzlers Bülow hätte eine friedlichere Phase deutscher Politik begonnen. Diese Vorstellung war eine Täuschung. Kiderlen Wächter, der Staatssekretär des Äußeren und der Reichskanzler Bethmann Hollweg, suchten seit Juli 1909 einerseits ein engeres Verhältnis zu England, verfolgten dies jedoch andererseits keinesfalls unter Verzicht auf Flottenbau und Weltmachtstreben.

Diese Entwicklung verdichtete sich nur noch mit dem Ringen innerhalb der deutschen Führungseliten um ein Flotten-Agreement mit London. Über diesem außenpolitischen Konzept der Administration Bethmann Hollweg schwebte die Vorstellung, England auf Deutschland „zuzwingen“ zu müssen, um zu dem Ziel einer bündnispolitischen Übereinkunft zu gelangen. Sich zu früh aus dem Fenster zu lehnen, wollte der Reichskanzler unbedingt vermeiden. Abgestimmt wurde dieses Vorgehen sowohl mit dem Initiator des Flottenbaus, Admiral von Tirpitz, wie auch mit der Armeeführung Heeringen / Moltke. Weiter galt es, das Interesse des Kaisers so zu gestalten, dass einer, unter Umständen notwendig werdenden, zahlenmäßigen Schrumpfung der Flotte von dieser Seite keine Steine in den Weg gelegt wurden.

Zugleich war diesem defensiven Gedanken die offensiv charakterisierte Methodik zugrunde gelegt, die mit dem politisch-militärischen Instrument gezielt entfesselter internationaler Krisen hantierte. Deutscherseits wurde mit dem Einsatz der Armee – im Falle einer unverändert harten Haltung der Gegenseite – gedroht, und so der Eindruck erweckt, als ob ein europäischer Krieg für das Deutsche Reich kein besonderes Risiko bedeute. So war in der Marokko-Frage London durchaus zuvor von Berlin informiert, handelte jedoch auf einer der deutschen vergleichbaren Linie von Droh- und Pressions-Politik. London eröffnete mit mehreren Salven die heiße Phase der Marokkokrise und deckte sich gleichzeitig hinter Frankreich, das diplomatisch-politisch und militärisch – im Falle eines Krieges mit Deutschland – zunächst von den Schlägen der deutschen Armee getroffen würde.

Doch waren weder deutsche Flotte noch Armee im Sommer 1911 kriegsbereit. Auch mangelte es der Berliner politischen Führung, zu diesem Zeitpunkt, durchaus an ernsthaftem Kriegswillen. Tirpitz ließ, durch drängende Fragen der übrige Ressorts in die Enge manövriert, erneut erkennen, die Marine werde im Herbst 1914 kriegsbereit sein können. Dabei wurde deutlich, dass die deutschen Seestreitkräfte in deren Existenz keineswegs eine innenpolitische Krisenstrategie darstellten, sondern vielmehr ein militärisches Kampfinstrument, welches gezielt Großbritannien seiner beherrschenden Stellung als Seemacht, in einer Entscheidungsschlacht zur See, berauben sollte analog zur „Schlacht auf den Katalaunischen Feldern“ in Frankreich. Der Schwere und Komplexität dieses Weges waren sich die politisch-militärischen Exponenten des Reiches durchaus bewusst. Dass sich der Flottenplan dabei seit 1908 durchaus Stück für Stück zerlegte, und schließlich auf dem Wege zu diesem Ziel scheiterte, wurde im Verlauf des Jahres 1911 ähnlich sichtbar, wie bereits mit der Krisenkonferenz vom Juni 1909, als Bülow, einer der Träger dieser Anti-England Politik, unter dem Druck englischer Pressefehden und Invasionsfurcht, entlassen wurde. Die dabei sichtbaren unterschiedlichen Positionen zeugen jedoch keinesfalls von einer grundsätzlich zerstrittenen deutschen Führungsspitze.

Spezielle militärtechnische Voraussetzungen des weiteren Ausbaues der Flotte bedingten die Fähigkeit des Reiches unmittelbar, einen Krieg mit England zu Lande und zu Wasser führen zu können. Das ist z.B. auch im Tagebuch Josef Redlichs herausgegeben von Fritz Fellner, 1960 nachzulesen, der die essentielle Bedeutung von Kanalbau und Befestigung Helgolands in Gesprächen in Berlin dokumentiert. Die Auseinandersetzungen zwischen den Ressorts wurden hart ausgefochten. Ging es doch um die Rüstungsparität zwischen Flotte und Armee und zeichnete sich ein Riss zwischen Reichsmarineamt, Hochseeflotte und Admiralstab ab. Jede dieser Stellen verfolgte ein, pro domo, auftragsgemäßes Eigeninteresse. Der Reichskanzler ließ dementsprechend erkennen, falls die Marinerüstung erneut über Gebühr betont werde, zurücktreten zu wollen.

So festgefügt, wie allenthalben die Bündnissysteme vor 1914 verstanden werden, waren diese keineswegs. England reagierte sehr wohl auf Bethmann Hollwegs Rochade Richtung Petersburg „Entrevue von Potsdam“, November 1910 und auch Frankreich Caillaux, und tendierte zunehmend zum Ausgleich mit Berlin Jules Cambon-Kiderlen, Juli-September 1911. So schien die Politik der neuen Administration Bethmann – Kiderlen durchaus nicht erfolglos. Herrschte doch 1911 genügend Misstrauen zwischen den Entente-Partnern England, Frankreich und Russland. Die Krise des Sommer 1911 sollte hier erneut Unruhe zwischen den Hauptstädten auslösen.

Geschickt hatte der Reichskanzler die Drähte nach London geflochten und das geradezu freundschaftliche Verhältnis zu dem englischen Gesandten in Berlin ließ diesen mit besonderer Aufmerksamkeit die Gewichtsverteilung im politischen Kräfte-Parallelogramm der politischen Führungselite Berlins beobachten. Die Behauptung des publizitätssüchtigen Hilfsarbeiters bei Bethmann Hollweg, Kurt Riezler, Kiderlen habe den Reichskanzler über die offizielle Politik des Reiches 1911 im Unklaren gelassen, geht völlig fehl. Kiderlen und Bethmann Hollweg verfolgten vielmehr von Anbeginn an 1909 ein gemeinsames Konzept. Das hieß: Ausgleichspolitik mit England. In der Folge Entspannung zwischen London und Berlin. Letztlich: Freiheit des Handelns – gegebenenfalls gegenüber Paris. In diesem Sinn sollte die Krise um Marokko die Standfestigkeit der Entente testen, bis hin zum Krieg mit England und Frankreich. Die tatsächliche Haltung Greys kennen wir – bis zur Öffnung seines Nachlasses 2016 – nicht. Das Schwanken, ob nun Frankreich in any case zu unterstützen sei, war 1911 noch prävalierend. Doch war bereits die Vorbereitung von Flotte und Armee in England so weit getrieben, dass von ungenügender Kriegsvorbereitung Londons nicht gesprochen werden kann.

So blieb die Lösung der Krise des Sommer 1911 Sache der Franzosen und Deutschen. Cambon und Kiderlen spielten vorn auf der Bühne ihr diplomatisches Spiel, und das vor dem Hintergrund des Theaterdonners über der Nordsee. Der „Panthersprung“ nach Agadir in Wirklichkeit abgesichert durch den Kreuzer „Berlin“ brachte die diplomatischen Verhandlungen in Wallung, erregte aber zugleich auch die Öffentlichkeiten in Paris und Berlin. So erhielt das traditionelle Geschäft eine weniger erwünschte Breite der Aufmerksamkeit. Ein Umstand, der die bisherige Vorstellung von Wirkung und Bedeutung der Marokkokrise bis heute bestimmt.

Dass 1911 die Chancen Berlins, London doch noch zu gewinnen, wohl verspielt wurden, belegt die Auswertung der Vorgänge in den Zentral- und westeuropäischen Hauptstädten. Tatsächlich war das Reich damit in die Gewässer des Empire vorgedrungen. Hatte sich doch auch bestätigt, dass Deutschland ein zentralafrikanisches Kolonialreich und Flottenstützpunkte an der Westküste Afrikas anvisiere. Indem Grey den terminus technicus „Napoleonischer“ Politik benutzte, ließ er die Katze grundsätzlicher englischer Besorgnis heraus; und dies, angesichts deutscher hegemonialer Spielereien. Vereinsamt – ohne Bündnispartner – auf der Insel zurückzubleiben, formte sich in London als die entscheidende Sorge heraus.

Goschen betrachtete den Reichskanzer nicht als erste Besetzung. Das Bild Bethmann Hollwegs in London war demnach nicht so stark, als dass sich nicht angeboten hätte, mit diesem zu spielen. So lange Kiderlen Wächter lebte, würde dies nicht leicht sein. Dessen Einfluß auf den Kanzler war, nach Goschens in der Zentrale kolportierter Ansicht, bedeutend. Dieser sei Wachs in den Händen des Außenministers. Berlin war seit Bismarck unsicher, mit den parlamentarisch bestimmten englischen Regierungen zusammenzuarbeiten. Und auf die Frage: wer regiert in Deutschland, antworteten, nach Goschens Kenntnis, die Spitzen der Gesellschaft: keinesfalls der Kaiser; und die breiteren Schichten: Gott bewahre uns davor, dass der Kaiser allein herrsche.

So wurde die Krise um Marokko, auf der Basis der deutschen Policy of Pretention planmäßig vorbereitet, und war zunächst gezielt gegen Frankreich gerichtet. Doch dahinter stand London mit dem festen Willen, ein wirkliches Abkommen mit Deutschland – über die Neutralität Englands in einem europäischen Konflikt – nicht schließen zu wollen. So blieb Mitte Mai 1911 bestenfalls unsicher, was kommen möge. Es ging letztlich in London darum, dass Frankreich im Interessenausgleich mit England für Marokko als Einflusszone „gezahlt“ Ägypten habe, Deutschland aber nicht. So einfach funktionieren internationale Beziehungen in London. Wilhelm II. hatte mit dem englischen König, am Ende seines London-Aufenthaltes über Politisches gesprochen und unterstrichen, dass er hinter der Politik seiner Beauftragten Bethmann Hollweg und Kideren stand.

Flotte und Armee waren nach den Aussagen der Verantwortlichen im Committee of Imperial Defence bereit und sollten strategisch-übergreifend zum Schutz von Empire und Dominions eingesetzt werden. Die Flotte werde den gegnerischen Handel vernichten Mc Kenna, die Armeen in der gesamten Welt auftretende Gegner bekämpfen Haldane. Die tatsächlichen Vorhaben bei Kriegsbeginn wurden allerdings nicht erläutert.

Es ging Mitte Juli um Marokko. Kiderlen äußerte seine Kompensationsforderungen gegenüber Cambon, dieser fuhr nach Paris, um darüber zu berichten – und drei Tage später erschienen deutsche Kriegsschiffe vor Agadir. Es handelte sich um eine überfallartige Eröffnung der diplomatischen Offensive des Jahres 1911 in welche London wohlweislich informiert und einbezogen wurde. Offensichtlich um Weiterungen zu vermeiden und den Focus ganz auf Paris einzugrenzen. Die Gespräche mit Cambon entwickelten sich zudem recht zügig, schienen doch – abseits der Vereinbarungen von 1905 und 1909 – genügend Ansatzpunkte für deutsche und französische argumentative Hebel Pressionen gegeben. Darunter die Vorstellung deutscher Strategen, Druck auf Frankreich, via Spanien, an den Pyrenäen auszuüben. Auch seien Einflusszonen in Marokko kein Protektorat, so Kiderlen. Der „Panthersprung“ sollte Paris gefügig machen, Kompensationen anzubieten, was noch nicht geschehen war. Auch würden die Entente-Staaten dann Aggressoren sein, denn der Aussenminister erwartete England sicher an Frankreichs Seite, wenn diese die deutsche Flottenpräsenz vor Agadier ihrerseits militärisch beantworteten. Wenn nicht der Krieg in Berlin als sicher angesehen wurde, dann ging es mit Sicherheit um ein erneutes „testing the entente“, oder, wie es Bethmann Hollweg im Februar 1911, Lichnowski gegenüber im Salon der Gräfin Harrach erläuterte, darum, in zweiter Linie England auf Deutschland zu zu zwingen.

London war alarmiert, über die völkerrechtlichen Verbindlichkeiten hinaus, durch die Aussicht, Deutschland könne in Marokko Flottenstützpunkte anstreben ähnlich noch 1944 in einem Marinepapier. England und Frankreich stimmten sich dahin ab, zunächst zu erfahren, was Berlin wolle. Cambon gelangte zu der Erkenntnis, Kiderlen wolle Libreville. England an sich heranziehen; das war das Ziel. Frankreich sollte den französischen Kongo hergeben. Anfang 1911 hatte Grey deutlich gesagt, dass Deutschland, in dem Fall einer Aggression gegen andere Staaten, den Kontinent gegen England eine, dieser Vorgang zum englischen Kriegseintritt führe. Dementsprechend suchte London, entgegen der Tatsachen in der gegenwärtigen Krise, das Reich zum Angreifer zu stempeln Lloyd George, Mansionhaus-Rede. Kideren ließ erkennen, er werde die Angelegenheit bis Ende Juli abschließen. Gleichzeitig aber drohte der Kaiser Lascelles und Goschen, französische Soldaten mit Gewalt aus Marokko herauswerfen zu wollen. Also verstärkte sich nur das Angebot der Diplomatie, schnell Kompensationen zu vereinbaren, und so – auch der Öffentlichkeit – keine weiteren Gründe für erregte Ausbrüche zu geben.

Die Situation, die sich festgefahren hatte, wurde über London entwirrt. Goschen befürchtete nämlich, die Presse-Hetze in Deutschland würde schließlich den Staatssekretär zum Krieg zwingen. Auch Paris stand unter dem Druck der Volksmeinung, die eher einem Ende mit Schrecken, als fortdauernden Krisen zuneigte. Frankreich stand militärisch allein. Die Position Russlands, in dieser Frage, schien auch London unsicher. Doch die Verhandlungen liefen weiter. Paris hatte sich noch nicht entschieden. Die territorialen deutschen Forderungen und Zugeständnisse Frankreichs bewegten sich auf der Landkarte Afrikas.

Unsicher wurde die Lage durch die Entwicklungen um den Kaiser und Kiderlen in Berlin. Die Pressure Groups der Alldeutschen und der Armee wirkten für den Krieg, die allgemeine Lage wurde gefährlicher als um den „Panther-Sprung“ gewesen. Die deutsche Regierung lehnte eine Konferenzlösung ab wie 1914. Der Generalstab, so wurde lanciert, prüfe bereits eine Landung bei Agadier.

Ein hartes Gespräch zwischen Bethmann Hollweg und Goschen demonstrierte Anfang November die zwischen Berlin und London aufgerissenen Wunden. Hinzu kamen die Berichte der Times über den retardierten Zustand der deutschen Armee. Der Bethmannsche Ausgleichskurs schien gefährdet. Doch schließlich wurde – unter territorialen Abstrichen da und dort – ein Abkommen möglich. Beide Seiten erhielten nicht genug, um die geweckten Begehrlichkeiten der beiderseitigen öffentlichen Meinungen zu befriedigen. Es kam überdies auch zu Schuldzuweisungen zwischen London und Berlin auf dem diplomatischen Feld.

Goschen erhielt die Information aus der Zentrale, er sei in Berlin nicht beliebt. Er analysierte daraufhin die politischen Linien in der deutschen Führungsspitze. Jene des Kaisers, welche gegen England ausgerichtet war, jene des Reichskanzlers, die den Ausgleich mit London verfolgte, und die zukünftig bedeutsame des Kronprinzen und dessen Mutter, der Kaiserin. Ein sehr gutes Verhältnis konstatierte er mit dem Kronprinzen und dem Reichskanzler. Wenn auch beides wohl eher geschäftsmäßig zu verstehen ist. Immer wieder taucht der Verdacht auf, der Kanzler sei von seinem Staatssekretär außenpolitisch dominiert worden. Diese Meinung ist irrig. Asquith ordnete Bethmann Hollwegs Äußerungen zutreffender ein. Sehr wohl war sich der Kanzler bewußt, wie wenig entwicklungsfähig das deutsch-englische Verhältnis sei. Infolgedessen hielt er den „Freund“ Goschen vorsichtig auf Distanz.

Ob Greys Rede im Dezember 1911 ernst gemeint war, oder nur Teil des großen Spiels mit den Deutschen bleibt fraglich, erscheint es doch kühn, wenn der Außenminister die Illusion von einer völligen Auflösung der Gegensätze zwischen den europäischen Großmächten ausmalte. Wenn Goschen das Jahr 1911 eher als düster zusammenfasste, und dies im besonderem bezogen auf das deutsch-englische Verhältnis, dann trat ein wesentliches, in der Geschichtsschreibung eher en passant behandelt, in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Hatte dieses doch auch einen Punkt in der Klage Bethmann Hollwegs gegenüber dem Botschafter ausgemacht, als dieser um Aufklärung über den Stand der Beziehungen beider Staaten nachgesucht hatte. So gewinnt die strategische und sachliche Kritik Repingtons, wie deutscher Federn, durchaus an Gewicht, verblasste doch augenscheinlich der Glanz der „besten Armee der Welt“ gerade in dem Moment, ähnlich wie um den Jahreswechsel 1904 / 05, deren unmittelbar bevorstehenden Kriegseinsatzes gegen Frankreich.

So revidierte der Kriegsminister im Herbst des Jahres die optimistische Einschätzung der strategischen Lageentwicklung zwischen Russland und Frankreich dahin, es käme nun in erster Linie auf die Leistungsfähigkeit der Armee an, wenn das Reich bestehen wolle. Kriegsminister und Generalstabschef argumentierten somit im Herbst 1911 auf der derselben Linie. Anders als es die Geschichtsschreibung bisher sehen will. Die Tatsache, dass die Diskussion der beteiligten Ämter, im Ausgang des Jahres ebenso drängend ablief, wie im folgenden Jahr, muss näher betrachtet werden. Es erscheint durchaus möglich, dass es sich um haushaltspolitische Routine handelte, ebenso wie im Fall der großen Denkschriften zur militärpolitischen Lage des Generalstabschefs. Von den acht Denkschriften, die es gab, kennen wir nur zwei. Die Analyse der Jahre vor dem Weltkriege sollte sich demnach hüten, das Geschriebene ausschließlich vom Kriegsausbruch her, und, aufbauend auf dem 1930 im Reichsarchivwerk veröffentlichten auszugsweisen Dokumentenmaterials zu beurteilen.

Es ging im Dezember 1911 / Januar 1912 um den parallelen Weiterbau der Flotte und die Verstärkung der Armee. Damit bildete übergreifend das unveränderte Ziel: die Welt- und europäische Hegemonialmacht. Erreicht und verteidigt werden sollte dieses militärisch, gemäß dem Prinzip der, qualitativen und organisatorischen, Überlegenheit der deutschen Streitkräfte.

44 – Marokkokrise – Vorspiel.

Das deutsche Flottenbauprogramm, und dessen alarmierend rapides Wachstum, zwangen Großbritannien dazu, die „splendid isolation“, das Grundprinzip englischer Politik seit Jahrhunderten, aufzugeben. Zunächst 1897 als Schlacht- und Kreuzer-Flotte konzipiert, wurde, unter dem Eindruck des Burenkrieges, mit dem Flottengesetz des Jahres 1900 der Schritt zu einer Schlachtflotte vollzogen. Binnen siebzehn Jahren sollten zwei Geschwader mit insgesamt 32 Linienschiffen, sowie 8 großen und 24 kleinen Kreuzern und einer Kreuzer-Flotte in Stärke von 3 großen und 10 kleinen Kreuzern entstehen. Die Idee eines englischen Admirals, die noch unterlegene deutsche Flotte mit einem Präventivschlag zu vernichten, soll reine Theorie geblieben sein. Bethmann Hollweg und Unterstaatssekretär Kühlmann hatten die fatalen Wirkungen dieser Entwicklung erkannt. Deren Bestreben, den deutschen „Größenwahn“, wie Nicolson die Verhältnisse in Deutschland nachträglich charakterisiert, durch ein Kolonialreich in Mittelafrika und Asien zu bannen, bildete einen Wechsel britischer Politik, auf die ungewisse Zukunft gezogen.

Am 12. Januar 1911 trugen General- und Admiralstabschef gemeinsam um 10 Uhr, im Berliner Schloss, dem Kaiser vor. Ein „heißes Jahr“ begann.- Im März wurde bereits über englische Vorschläge zu einem Flottenabkommen diskutiert. Schließlich musste Tirpitz gegenüber dem Reichskanzler anerkennen, die Vorschläge Londons würden einerseits zwar die Überwachung des deutschen Flottenbaus erleichtern, andererseits jedoch konzedieren, Großbritannien werde ein ähnliches Angebot Japan wohl nicht unterbreiten. Er schloss, England würde so die „große[n] militärische Bedeutung unserer Flotte“ anerkennen. Allerdings würden die Engländer „die erhaltenen technischen Nachrichten stets ein Jahr früher verwenden können“.

Kurz bevor in Berlin der Kanzler und Tirpitz in Verhandlungen eintreten, ist dem Kriegsminister klar, dass

„die Lücken in unseren Kampftruppen…erst in 2 bzw. 3 Jahren ausgefüllt werden“.

Heeringen ging davon aus, „in dieser vertrauensseligen Lage“ sei „Frankreich jedenfalls unser[er] sicherer Gegner bei etwaigen Verwicklungen“. Russland, diesem „zwar verbündet“, wurde „nach den Potsdamer Abmachungen im Herbst 1910 und bei seiner noch vorhandenen militärischen Schwäche“ nicht „an einem deutsch-französischen Krieg“ teilnehmend erwartet.

„Von England schien mehr eine moralische Unterstützung unserer Gegner, als ein Eingreifen mit Heer und Flotte zu erwarten“.

Und „Oesterreich würde zweifellos mit voller Kraft zu Deutschland stehen, während Italien mindestens einen Teil des französischen Heeres fesseln würde“. So die Einschätzung Heeringens, die sicherlich auch aus Quellen des Generalstabs gespeist war.

Der Kaiser schrieb am 15. Februar an Georg V., als wenn er selbst der englische König wäre, über Queen Victoria, sein Verhältnis zu seiner Großmutter und deren letzte Stunden. Er versah sich jedoch nicht, auf das diplomatisch-politische Feld anzuspielen:

„…die Gründerin der Größe Britanniens, hat zwischen ihrem Lande sowie ihrem Volke und mir ein unlösbares, besonders enges Band geschaffen, das ich in meinem Herzen hüte und hege“.

Der deutsch-französische „Kondominiums-Vertrag“ über Marokko von 1909 hatte an sich gut funktioniert. Die Konkurrenz zwischen französischen und deutschen Firmen trat jedoch in den folgenden Monaten ein. Als Rebellen die Hauptstadt des Magreb-Staates besetzten, und Gefahr für Leib und Leben der christlichen Kolonie in Rabat bestand, entsandte Frankreich Truppen. Darüber orientierte der französische Botschafter in Berlin den deutschen Außenminister Kiderlen-Wächter am 5. März. Dieser antwortete finster und wenig Zukunft verheißend, damit seien die Akte von Algeciras und der Vertrag von 1909 Makulatur. Deutschland sehe sich nun frei, seine Interessen dort in vollem Umfang wahrzunehmen. Der Außenminister, und er nicht allein, war sich darüber klar, die Gelegenheit zu benutzen, um über einer krisenhaft untermalten Verhandlung mit Frankreich, dieses von England und Rußland ab zu sprengen. Am 3. Mai fixierte er diesen seinen Gedanken in der Form eines Memorandums.

Am 4. Mai hatten sich Bethmann Hollweg und Tirpitz zur Erörterung der „Agreement Angelegenheit“ getroffen. Bereits am Vortage legte der Legationsrat Stumm ein Antwort-Memorandum Tirpitz vor. Am 5. Mai, in Karlsruhe, beabsichtigte der Kanzler die Genehmigung des Kaisers dazu einzuholen, um dann noch vor der Reise Wilhelms II. nach England, Mitte Mai, diese der britischen Regierung zu übermitteln. Tirpitz machte „die schwersten Bedenken“ geltend. Er hob darauf ab, im Jahre 1909, als die Verhandlungen begonnen hätten, sei die Lage anders gewesen. Nun, nachdem der Etat 1911 bewilligt sei, kämen „nur mehr Ersatzbauten in Frage“. Zwischen 1912 und 1918 würden „nur zwei Schiffe pro Jahr gestapelt“. Ab 1918 sei, gemäß Flottengesetz, „automatisch“, mit drei Schiffe pro Jahr zu rechnen. Es sei

„also klar, daß von 1912 ab jede Verlangsamung des Bautempos gleichbedeutend ist mit einer Verminderung der gesetzlich vorgeschriebenen Schiffszahl und damit einem Bruch des Flottengesetzes. Ein Entgegenkommen den Engländern gegenüber in dieser Richtung ist daher ohne Beseitigung des Flottengesetzes und ohne erhebliche Verminderung unserer Seemacht ausgeschlossen. Die Beibehaltung des zweier Tempos über 1917 hinaus würde unseren Flottenbestand von 60 auf 40 Schiffe d.h. um ein volles Drittel verringern“ Hevorh.v.m., B.S..

Tirpitz schloss, „die Entscheidung über die in dem Memorandum angeschnittenen Frage“, berühre „die Weltmachtstellung des deutschen Reiches“. Daraufhin entwickelte sich das folgende Gespräch:

„Kanzler: Nach Ihrer Ansicht wird also das Flottengesetz nach 1917 auch schon dann gefährdet, wenn wir uns die nächsten 6 Jahre auf ein Bautempo von zwei Schiffen pro Jahr festlegen. Falls die Engländer sich uns gegenüber auf ein Bautempo von 3 Schiffen pro Jahr für die nächsten 6 Jahre verpflichten, gibt es also keine Kompensation mehr auf dem Marinegebiet außer der Reduzierung des Bautempos nach 1917.
Staatssekretär: Es entsteht für uns die große Gefahr dauernd auf 2 Schiffe jährlich festgenagelt zu werden, dann wenn wir es als möglich angesehen haben, 6 Jahre lang jährlich 2 Schiffe zu bauen und England 3 würde der Übergang im Jahre 1918 von 2 auf 3 Schiffe jährlich schwierig sein. Es wird niemand mehr das Motiv dazu verstehen. Dazu kommt, dass im Jahre 1918 die gesamten Schiffsbauten aus Steuern, statt wie bisher teilweise aus Anleihen bestritten werden müssen. Es bedarf also im Jahre 1918 für das 3.Schiff einer besonderen Steuerbewilligung von 50 Millionen steigend von 1918 – 1921 um jährlich 12 Millionen. Ich kann mir keine andere Kompensation als Reduzierung des Bautempos nach 1917 vorstellen.
Kanzler: Aber durch das Flottengesetz ist doch das dreier Tempo von 1918 ab gesetzmäßig festgelegt?
Staatssekretär: Ja, das ist es. Aber wenn die Verhältnisse mächtiger sind ist das Flottengesetz nur mehr ein Stück Papier. Ferner: Das Flottengesetz sieht ja eigentlich ständig ein dreier Tempo vor mit geringen Ausnahmen, die dadurch hervorgerufen sind, daß die Schiffszahl nicht ganz 60 sondern nur 58 beträgt. Zufälle und Verhältnisse haben es leider gefügt, daß für 6 Jahre lang ein zweier Tempo eingeschoben werden musste. Um den Gedanken des dreier Tempos aufzufrischen bzw. nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wird es vielleicht notwendig werden, das 6 jährige zweier Tempo zu unterbrechen durch Vorziehen von 1 – 2 Schiffen.
Kanzler: Ist dazu ein Gesetzakt notwendig?
Staatssekretär: Ja. Ohne Gesetzakt ist es nicht angängig.
Kanzler: An mir ist es den Engländern jetzt zu antworten. Ein politisches Agreement wird, wie ich glaube, durch die Verhältnisse von selbst kommen. Was das Marine Agreement anbetrifft, so bin ich sachlich derselben Ansicht wie Sie d.h. ein Marine Agreement ist in der Tat nicht möglich. Ich würde aber unhöflich sein, wenn ich jede Besprechung eines Marine Agreements ablehnen würde. Sie sind einverstanden, wenn ich Ihre Ansicht dem Kaiser vortrage?
Staatsekretär: Einverstanden.

Kanzler: Sie sind also gegen den Vorschlag eines Agreements?
Staatsekretär: Ja. Es ich nicht zu übersehen, wie die Engländer einen solchen Vorschlag auffassen und welche Konsequenzen sie daraus ziehen. Kommen sie mit einem Vorschlag für ein Marine Agreement, so kann es nur ein solcher sein, den wir ablehnen müssen und damit laden wir uns das odium auf.
Staatssekretär: Fragt, ob der Reichskanzler ihn nach dem Vortrage bei Seiner Majestät nochmals zu Rate ziehen wolle.
Kanzler: Entgegnet, was hätten Sie denn für Änderungen?
Staatssekretär: Macht in dem Memorandum die Änderungen in Blei und erklärt, er mache diese Änderungen aus dem Stegreif ohne die Absendung des Memorandums an sich befürworten zu können.
Kanzler: Ich glaube Sie dahin zu verstehen, daß Sie befürworten, wir legen uns bei dem Agreement fest.
Staatssekretär: Ja“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Beim letzten Händedruck, bei der Abreise Wilhelms II. aus London, brach der Monarch die bis zu diesem Moment gute Stimmung: er sprach von Marokko und über seine gemischten Gefühle angesichts einer Politik, welche die Krise für ihre Zwecke instrumentalisierte. Bethmann Hollweg registrierte sehr aufmerksam, dass Georg V. auf die Aussage des Kaisers, er werde es wegen Marokkos niemals zum Kriege kommen lassen, nichts erwidert habe. Tatsächlich wollte der Kaiser Georg V. in London auf den bevorstehenden „Panthersprung“ nach Agadir hingewiesen haben. Dies bestätigte ein Schreiben des britischen Gesandten in Kopenhagen, Spring-Rice. Dieser habe während einer Flottenbesichtigung vor Stettin dem König von Schweden mitgeteilt, „daß er König Georg von seiner Absicht, ein Schiff nach Südmarokko zu senden“ erzählt habe. Der englische König „habe gegen das Unternehmen keinen Einspruch erhoben“.

Wilhelm II. fasste das Flottengesetz als Mittel der deutschen Politik auf, das England „zur Verständigung mit“ Deutschland zwänge. Also sei aus seiner Sicht, deren „ungestörter Aus- und Weiterbau [ein]…unbedingtes Erfordernis“. Bethmann Hollweg griff telegraphisch ein, indem er dem Kaiser riet, „die Besprechungen [mit England] kühl und nüchtern fortzusetzen, ohne von unserer Seite Empressement zu zeigen“. Bisher sei zudem „die politische Verständigung in den Vordergrund“ geschoben worden. Der Kanzler betonte, schon das „aide mémoire“, das vor kurzem übergeben wurde, habe „die Durchführung des Flottengesetzes“ als „conditio sine qua non“ herausgestellt. Auf die Details des Zweier- und Dreier-Tempos empfahl Bethmann Hollweg erst dann einzugehen, „wenn sich aus der Art der Vorschläge“, welche England machen würde, „ergibt, daß sie für eine politische Verständigung schon reif sind“. Bethmann Hollwegs Kalkül berücksichtigte:

„Andernfalls würden Sie, wie ich fürchte, neuerdings Mißtrauen schöpfen. Wenn gleich auch ich vollkommen Euerer Majestät Standpunkt teile, daß nur der tatsächliche Ausbau unserer Flotte die Engländer zur Vernunft bringen wird“ Hervorh.v.m., B.S..

Die Krise kocht hoch.

Allerdings sah Bethmann Hollweg den „politischen Charakter der Engländer“, der ohne Vertrauen in die deutsche Politik, diese „nicht zum Ziele gelangen“ lassen würde. Just in diesen Tagen teilte Grey dem deutschen Botschafter mit:

„Ich sollte Ihnen sagen, daß wir in Bezug auf Marokko keine uninteressierte Haltung einnehmen könnten. Wir müßten unsere vertraglichen Verpflichtungen gegen Frankreich und unsere eigenen Interessen in Marokko in Betracht ziehen. Wir wären der Meinung, daß durch die Entsendung eines deutschen Schiffes nach Agadir eine neue Situation geschaffen worden wäre“ Hervor.v.m., B.S..

Der Botschafter Metternich übermittelte am 1. Juli Sir Arthur Nicolson, das Kanonenboot „Panther“ sei nach Agadir entsandt, „um Leben und Eigentum gewisser in der Gegend ansässiger ‚Hamburger Kaufleute’ zu schützen“. Am 4. Juli betonte Grey den harten Standpunkt Großbritanniens, das an jeder Verhandlung beteiligt sein wollte, da dessen Interessen in diesem Raume bedeutender seien als diejenigen des Reiches. Gut gewählt war dieser Moment nicht nur aus Gründen der englischen Innenpolitik. Auch sah sich Berlin in der Lage, über den – zumindest Deutschland nicht feindlich gesinnten – französischen Ministerpräsidenten Caillaux zu einer Trennung Frankreichs von England, und weiter, einer gehörigen Kompensationszahlung zu kommen. In London schwieg Deutschland siebzehn Tage lang. Währendem forderte Kiderlen Wächter von Jules Cambon in Berlin den gesamten französischen Kongo; anderenfalls schwerste Konsequenzen nicht ausgeschlossen würden. Am 21. Juli drang Grey, im Gespräch mit Metternich darauf, an den Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich beteiligt zu werden. Dieser diplomatische Hinweis wurde noch am selben Tag durch den Theaterdonner der Rede Lloyd Georges vor Bankiers der Londoner City untermalt. Der Text der Rede war zuvor mit Asquith und Grey abgestimmt. Lloyd George drohte, wenn Berlin versuchen sollte, Großbritannien in dieser Frage zu übergehen,

„dann muß ich sagen, daß ein Frieden um diesen Preis für ein großes Land wie das unsere eine unerträgliche Erniedrigung bedeuten würde“ Hervorh.v.m., B.S..

Die deutsche Antwort war ein so schroffer Vorschlag, dass Grey annahm, es werde zum Krieg kommen. Es wurden Warnungen an die Flotte herausgegeben, Übungen verschoben und die Bewachung der Depots verstärkt. Sofort milderte Kiderlen Cambon gegenüber den Ton.

45 – Flotte erst im Herbst 1914 kriegsbereit.

Tirpitz schrieb am 1. August an Bethmann Hollweg „über die Einbringung einer Mar[ine]. Novelle“. Am 30. August 1911, vor dem Hintergrund der noch schwelenden Marokkokrise, diskutierte Tirpitz die deutschen Möglichkeiten, England Zugeständnisse auf dem Flottensektor zu machen. „Zur Zeit“ sei diese „für den Krieg mit England in besonders ungünstiger Lage“ Hervorh.v.m., B.S.:

„Innere und außenpolitische Rücksichten müssen m.E. zurücktreten gegen die rein militärischen bei der Wahl dieses Augenblicks d.h. wir dürfen nicht eher die Folgen einer Provokation auf uns nehmen, bevor die Flotte in ihrem jetzigen Stande der Indiensthaltung…dem Gegner ebenbürtig ist“ Hervorh.v.m., B.S..

Die Flotte war wiederum nicht kriegsbereit. Tirpitz suchte das zu bemänteln, indem er darauf hinwies, „noch vor Kurzem“ sei „von entsprechenden Stellen in der Flotte“ – dem Zentrum seiner fachlichen Gegner – behauptet worden,

„daß der gegenwärtige Augenblick unsere Flotte nicht in der zu fordernden militärischen Verfassung findet und daß dieser Moment erst eintreten wird
a. wenn unsere Hochseeflotte aus modernen Linienschiffen und Kreuzern besteht und
b. der Kanal für diese Schiffe fahrbereit ist“.

Tirpitz legte sich für die Flotte, auf den Termin eines möglichen Krieges auf den Herbst 1914 fest. Hier wird, nach 1909 erneut, das Jahr 1914 als möglicher Zeitpunkt benannt und gezeigt, dass durchaus in der deutschen Führungsspitze terminlich-zeitlich für diesen Fall vorgedacht wurde. Tirpitz schrieb:

„Somit wäre Herbst 1914 als der Zeitpunkt ins Auge zu fassen, von dem an wir der Wirkung von Machterweiterungsabsichten über das Flottengesetz hinaus auf unseren Gegner mit dem Vertrauen entgegensehen können, daß der Einsatz unserer Flotte ihm so ernsten Schaden zufügen wird, daß damit der gesammte nationale Aufwand für unsere maritime Rüstung seinen Zweck haben wird“ Hervorh.v.m., B.S..

Gerade jetzt, im Angesicht der Kriegskrise um Marokko, erachtete der Staatssekretär „die Wucht der militärischen Gründe für die schleunige Beseitigung unserer militärischen Schwäche“ als günstig. Erneut betonte Tirpitz den Krieg als mögliche Folge einer Marinenovelle. „Die damit vorhandene Kriegswahrscheinlichkeit der Flotte bis 1914“ sähe diese „in ungünstiger Verfassung“. Er schlug vor:

„Den Zeitpunkt abwarten, bis dahin die Zeit ausnutzen und d a n n vom festen militärischen Boden aus in der beabsichtigten Weise vorgehen, um das für Deutschlands Lebensinteressen gebotene Kräftemaß zur englischen Flotte herzustellen, erscheint mir hiernach folgerichtig“ Hervorh.v.m., B.S..

Der Flottenbau stand damit, ab ovo, zumindest in Korrespondenz mit einem zuvor festgelegten Plan. Gegenüber dem Reichskanzler gestand Tirpitz zu, dass die „unzureichende Marine“ die „Ursache“ der im Moment „schwierigen Position“ Deutschlands sei. Der Staatssekretär folgerte jedoch, eine umfangreichere Marinevorlage sei aus diesem Grunde notwendig. Aus anderem Anlass fasste Tirpitz die Ziele des Flottenbaues, gegenüber dem Chef des Marinekabinetts, noch einmal zusammen. Zwar wollten die Politiker „eine starke Flotte hinter sich haben“, so führte er aus, doch bis es soweit sei, wären sie nicht bereit, die „schweren Friktionen und Krisen“ zu ertragen, die auf dem Wege dahin notwendig entstünden. Tirpitz sah sich der Front der Marinebefehlshaber und Politiker gegenüber, die ihm im Zuge der Marokkokrise den Vorwurf machten, sein Kriegsinstrument sei in der aktuellen Lage unbrauchbar. Ergänzt wurde diese Phalanx der Flottengegner um den Staatssekretär des Reichsschatzamtes und die „Vertreter der Armeeinteressen“.

Weiterentwicklung des Flottenplanes.

Am 30. September betonte der Kaiser seinem Kanzler gegenüber, er wolle die deutsche Flottenpolitik neu bestimmen. Es handele sich, so schrieb Wilhelm II., um „ein klar erkennbares, festzulegendes Ziel für die Zukunft“ der Flotte, und damit die des Reichs. Der bisher geltende Risikogedanke müsse durch

„ein anderes, faßbares, klar erkennbares Ziel, um unser Volk zu dirigieren und seinem Wunsch nach Seegeltung entgegenzukommen“

ersetzt werden Hervorh.v.m., B.S.. Von einem Politik bestimmenden Einfluss der Öffentlichkeit war somit nicht die Rede, sondern ganz im Gegenteil davon, die öffentliche Meinung im Reich zu „dirigieren“. Trotz des 2er und 3er Tempos, im künftigen deutschen Flottenbau, auftretende Spannungen mit England könnten dazu führen, dass „die Briten trotzdem übermäßige Bauten“ durchführten. Dann, so meinte Wilhelm II., würden

„sie vor der Welt das Odium der Provokation und feindlicher Absichten gegen uns auf sich“

laden Hervorh.v.m., B.S.. Wilhelm II. forderte von Bethmann Hollweg eine „nationale That“, die den Gegner England aber zugleich nicht provoziere.

Flottenbefehlshaber, Reichskanzler, Auswärtiges Amt und Reichsschatzamt – wie „Armee-Interessen“ – verbündeten sich gegen den Flottenbau. Das entwickelte Tirpitz im September in einer Aufzeichnung, augenscheinlich im Angesicht des unmittelbar drohenden Krieges mit England und Frankreich. Der Staatssekretär schrieb, in Anlehnung an die Ausführungen des Reichskanzlers:

„Reichskanzler und Auswärtiges Amt seien zwar in erster Linie daran interessiert, für die Führung der auswärtigen Politik eine starke Flotte hinter sich zu haben. Es ließe sich aber nicht verhindern, daß die Schaffung einer solchen Flotte auf dem Gebiet der äußeren Politik zu schweren Friktionen und Krisen führen könne“.

Tirpitz gab zu erkennen, er wisse von einer Koalition der Flottenbefehlshaber, darunter auch der Admiralstabschef, gegen das Reichsmarine-Amt. Der Staatssekretär nahm ausdrücklich Bezug auf Gespräche „des Grafen von Baudissin mit dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts Schoen als es sich um Agreements-Vorschläge auf einseitiger Basis“ gehandelt habe und suchte zu erwirken, dass Wilhelm II. „unzulässige und gefährliche unbedachte[r] Kritiken“ per Kabinettschreiben verbiete.

Voraussetzungen für den Einsatz der Flotte. Flotte gegen England.

Daraufhin berief am 3. Oktober Bethmann Hollweg Tirpitz zu sich. Der Kanzler unterstrich, dass gegenüber England jede Spitze zu vermeiden sei; was der Marinevertreter jedoch betreibe. Tirpitz argumentierte, in enger Anlehnung an Wilhelm II., „der Risikogedanke“ genüge nicht mehr. „Etwas Greifbares, Zahlenmäßiges [sei] nötig“. Der Staatssekretär betonte ferner, auf die durch den Tripoliskrieg veränderte Situation eingehend, „jetzt dränge er aber zu handeln“ Hervorh.v.m., B.S.. Tirpitz führte aus, er schaffe eine „klare Position, frei von allen aggressiven Gedanken“. Bethmann Hollweg gab zu bedenken, es handele sich „aber doch um [eine] direkte Bezugnahme auf [die] engl[ische]. Flotte“. Er, der Kanzler, „habe doch immer vertreten, wir bauten die Flotte gegen Niemanden“. Daraufhin ließ Tirpitz die Katze aus dem Sack. Er antwortete, er habe

„diesen Ausspruch immer bedauert. Jeder habe doch gewußt, daß wir geg[en]. E[ngland]. bauen“ Hervorh.v.m., B.S..

Offensichtlich ging es dem Reichskanzler darum, die Tirpitz’ Forderung abzuwehren, eine Flottennovelle sofort für das Frühjahr, bzw. spätestens den Herbst 1912, anzukündigen. Bethmann Hollweg resümierte:

„Faßt man diese beiden Gesichtspunkte zusammen, so würde die Motivierung der Flottennovelle auf die Behauptung hinauslaufen, daß die Ereignisse dieses Sommers die Gefahren eines Krieges zwischen Deutschland und England, wofern Deutschland überhaupt noch eine aktive ‚Weltpolitik’ führen wolle, derart nähergerückt hätten, daß die Vermehrung der deutschen Flotte bis zur Relation von 2 zu 3 notwendig sei“.

Zu den „marinetechnischen“ Werten, der innenpolitischen Bedeutung und außenpolitischen Implikationen, wünschte Bethmann Hollweg die Position des Staatssekretärs des Reichsmarine-Amtes zu klären. Der Reichskanzler stellte in Aussicht:

„Mein Urteil über die auswärtige Situation Deutschlands, die Einwirkung der Marokkopolitik und der Tripolisaffäre auf dieselbe und über die Rückwirkungen einer Flottennovelle auf sie, werde ich Seiner Majestät demnächst vortragen. Dabei werde ich die Eventualität eines Krieges mit England ins Auge zu fassen haben. Zu diesem Zweck bitte ich Eure Exzellenz um eine Äußerung darüber, inwieweit unsere Chancen in einem solchen Kriege von der Fertigstellung des Kanals und der Helgoländer Anlagen abhängig sind“ vgl. Fritz Fellner, Tagebuch Redlich-Hervorh.v.m.,B.S..

Dass es unmittelbar um die Frage eines Krieges mit England ging, ist damit für diesen Zeitpunkt belegt. Es bestand offensichtlich direkte Kriegsgefahr.

Müller berichtete dem Kaiser, die Unterredung zwischen Bethmann Hollweg und Tirpitz habe „erhebliche politische Bedenken des Reichskanzlers ergeben“. Bethmann Hollweg habe dem Staatssekretär den Auftrag erteilt, einige Fragen „zur Beurteilung der marine-politischen Situation“ zu beantworten. Müller stellte der Kanzler in Aussicht, er werde „in den nächsten Tagen in Hubertusstock“ in der Angelegenheit dem Kaiser Vortrag halten. Auch Müller enthüllte am Ende seines Schreibens, es sei um unmittelbar drängende Entschlüsse gegangen. Er schloss, „ob die politischen Verhältnisse das sofortige Handeln nützlich oder angängig erscheinen lassen“ Hervorh.v.m., B.S., könne er nicht entscheiden. Parallel hatte Bethmann Hollweg den Chef des Admiralstabs um ein Gutachten „über die Abhängigkeit unserer Kriegschancen von der Fertigstellung des Kanals und der Helgoländer Anlagen“ gebeten.

Heeringen antwortete:

„Unsere Chancen in einem Kriege gegen England sind unter den augenblicklichen Verhältnissen nicht groß. Der Grund hierfür liegt in dem gegenseitigen Stärkeverhältnis der Seestreitkräfte. Der Kanal hat seine Bedeutung zunächst nur darin, daß er die Konzentration unserer Flotte vor Kriegsausbruch oder bei einer Mobilmachung wesentlich erleichtert. Solange er für eine Anzahl unserer Schiffe nicht benutzbar ist, sind wir gezwungen, den Aufmarsch früher vorzunehmen, als nach der Fertigstellung nötig sein würde. Im frühen Verlauf des Krieges kann der Kanal Bedeutung erlangen, wenn es sich darum handelt, einer Ostseeflotte entgegenzutreten. Es ist aber nicht wahrscheinlich, daß gerade England seine großen Schiffe den Gefahren einer Ostseekriegführung angesichts unserer Torpedo- und Unterseeboote aussetzen wird.
Helgoland soll unseren Torpedo- und Unterseebooten einen vorgeschobenen Stützpunkt für Unternehmungen in der Nordsee sichern. Die Anlagen für die Unterseeboote sind jetzt fertig, 16 Unterseeboote sind oder werden in kurzer Zeit bereit sein. Liegen Unterseeboote bei Helgoland, so sichern sie zunächst nicht nur die Deutsche Bucht gegen eine englische Blockade, sondern auch Hafen und Insel gegen eine Beschießung.
Daß die Festungswerke der Insel noch nicht fertig sind, fällt daher, wenigstens für die erste Zeit des Krieges, nicht mehr so ins Gewicht. Dazu kommt. daß die Südgruppe der Werke noch in diesem Winter fertig werden soll. Das Wichtigste in Bezug auf Helgoland ist also schon geschehen. Die endgültige Fertigstellung des Kanals und der Helgoländer Anlagen verbessert hiernach unsere Kriegführung in bestimmten Richtungen.
Maßgeblich für unsere Chancen England gegenüber sind aber weder der nicht fertige Kanal noch das unvollendete Helgoland, sondern lediglich die doppelte Überlegenheit der englischen Flotte über die deutsche. Auch nach Fertigstellung der genannten Bauten wären daher unsere Chancen für diesen Kriegsfall nicht entscheidend besser als heute. Diese Tatsache bedeutet für uns eine dauernde Gefahr, der durch Erstellen eines richtigeren Stärkeverhältnisses baldigst begegnet werden sollte“.

Der Admiralstabschef bezeichnete diesen Punkt als von „außerordentlichen[r] militärischen[r] Bedeutung“.

„Naturgemäß müssen wir bei jeder weiteren Verstärkung durch eine Zeit hindurch, die im Hinblick auf England eine gewisse Gefahr in sich schließt. Dies wird sich aber niemals vermeiden lassen, wenn wir überhaupt jemals zu militärisch brauchbaren Chancen England gegenüber kommen wollen“.

Heeringen machte sich zum Sprachrohr des weiteren Flottenbaus und plädierte mit Nachdruck dafür, der Flotte „zur Erhaltung des inneren moralischen Elements wie zum äußeren Erfolg“ unbedingt zu einer „militärisch brauchbaren Chance gegen England“ zu verhelfen. Abschließend glaubte der Admiralstabschef, verneinen zu können, England werde Deutschland „allein mit Krieg bedrohen“. Geriete das Reich mit einer anderen Macht in Konflikt, führt er weiter aus, dann allerdings würde die Sache anders aussehen. Er folgerte:

„Ist dies zutreffend, so müssen wir unsere Flotte möglichst bald auf eine brauchbare Höhe für den Krieg mit England bringen“.

Flottenplan und unmittelbare Kriegsvorbereitung.

Wie allgemein in der Marine, so vertrat auch der Chef des Admiralstabes damit die Theorie, „den Engländern imponiert…nur Stärke und Macht. Sind diese auf unserer Seite vertreten, so werden auch die Aussichten auf politische Erfolge unter Aufrechterhaltung des Friedens erheblich steigen“. Bethmann Hollweg ersuchte Tirpitz zu diesem Zeitpunkt „um [die] schriftliche Darstellung der Gründe für [die] Notwendigkeit der Einbringung einer Flottennovelle“. Daraufhin entwarf Tirpitz eine Erklärung, welche der Kanzler für die Marokko-Debatte des Reichstages benötigte.

Ein Krieg mit England stand demnach außer Frage. Deutschland war im Jahre 1911 dazu nicht in der Lage. Zudem entwickelte Admiral von Müller, in Anlehnung an Tirpitz, dem Reichskanzler Bedenken gegenüber dessen Formel für die diskutierte Flottenergänzung. Auch der Kaiser habe in Hubertusstock „die augenblickliche politische Lage“, als Argument für eine Flottennovelle, angeführt. Am 15. Oktober stimmte Wilhelm II. zu, „in diesem Herbst eine Erklärung im Reichtage über das anzustrebende Stärkeverhältnis n i c h t“ abzugeben. Der Chef des Marine-Kabinetts fixierte in einer Aktennotiz den Stand der Verhandlungen mit England. Diese enthält Ausführungen über den Gegenstand einer Unterredung von Müllers mit dem englischen Botschafter Goschen, die im Beisein des Außenministers Kiderlen-Waechter stattfand. Ausgeführt wurde, „so lange England sich nicht zu einer deutsch freundlichen Politik entschließe“, sei auch eine „Verständigung in der Flottenabmachung ausgeschlossen“. Müller bestätigte, Deutschland „erkenne die englische Suprematie auf See an“, um dann anzuschließen:

„Aber wir können keine so erdrückende Suprematie anerkennen, daß England jederzeit ohne…Risiko über uns herfallen kann, sondern wir wollen so stark sein, daß wir bei einem Angriff Englands gegen uns die englische Flotte so zurichten, daß sie von den anderen Nationen nicht mehr gefürchtet zu werden braucht“ Hervorh.v.m., B.S..

Müller suchte Goschen zu beweisen, dass „von einer Beschränkung im Flottenbau für Deutschland nicht die Rede sein könne, wenn nicht auch alle anderen großen Staaten in dieses Abkommen mit einbezogen würden“.

Am 4. November wurde das Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich über Marokko geschlossen, das die gleichnamige Krise abschloss. Während der Marokkokrise äußert sich der englische Außenminister vor dem Unterhaus zur Wahrscheinlichkeit eines Krieges. Grey fasste das labile Verhältnis Großbritanniens zu Frankreich und Rußland zusammen:

„und beide, Frankreich und Rußland, wissen sehr wohl, daß die englische Meinung eine herausfordernde oder aggressive Handlung gegen Deutschland nicht unterstützen würde“.

Tirpitz berichtete Bethmann Hollweg am 19. Oktober über seine Unterredung mit dem Reichsschatzsekretär. Der Kaiser sandte am 24. Oktober den Chef des Zivilkabinetts „mit dem Auftrage“ zu Wermuth, „unter allen Umständen Mittel für die Flottennovelle flüssig zu machen“. Der Befehlshaber der Flotte, Admiral Holtzendorff, griff in diesem Stadium in die Diskussion mit einem Schreiben an Tirpitz ein. Der Admiral äußerte sich zur „Entwicklung der Flotte und der Besserung der Kriegsbereitschaft“. Reichskanzler, Admiralstab und Reichsschatzamt erhielten daraufhin den „Entwurf zur Flottennovelle 1912“. Der Chef des Admiralstabes antwortete am 24. November, und stimmte zu. Bethmann Hollweg telegraphierte dem Kaiser, „der vorgelegte Reichsetat“ enthalte „noch nichts von der Flottennovelle“. Wermuth äußerte sich parallel „zu den Kosten“. Der Kriegsminister erklärte am 29. November „seine Bereitwilligkeit zur Teilnahme an den Verhandlungen“. Der Chef des Admiralstabes berichtete Tirpitz „über seine Unterredung mit dem Kriegsminister am 30. November. Noch am selben Tage wehrte sich Bethmann Hollweg. Valentini, der Chef des Zivilkabinetts, wirkte auf den Kanzler ein, eine „ernste[n] Krisis“ zu vermeiden und deshalb die Marinenovelle einzubringen. Selbst ein Rücktritt Bethmann Hollwegs wurde nicht ausgeschlossen. Schließlich forderte der Kanzler am 4. Dezember den Kriegsminister auf, „baldmöglichst genaue Angaben über den Bedarf der Armeeverwaltung für die nächste 5 jährige Finanzperiode“ zu machen. Der Kriegsminister „hat keine Bedenken[,] dass sein Etat zu dem in Aussicht genommenen Termin im Bundesrat zur Beratung gestellt wird“.

46 – Spannungen im Entente-Verhältnis.

Der englische Botschafter in Petersburg, George Buchanan, zeigte sich erstaunt, dass Petersburg, trotz der Haltung des Reichs in der Annexionsfrage des Jahreswechsels 1908 / 09, das deutsche Volk „mit Nachsicht beurteilte und ihm nicht jenen bitteren Groll entgegenbrachte wie Österreich“. Bei Antritt seiner Mission in der russischen Hauptstadt äußerte derGesandte offen die Besorgnis des englischen Königs, angesichts der deutsch-russischen Verhandlungen seit Potsdam. Auch Sazonow gegenüber betonte der britische Gesandte wenige Wochen später, England hätte

„den geringsten Einwand gegen die Pflege guter Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland…, daß wir aber fürchteten, dies könnte auf unsere Kosten geschehen. So gerne wir selbst mit Deutschland zu einer Verständigung in den Rüstungsfragen gelangten, würden wir doch niemals daran denken, einen Schritt zu tun, der uns unsere Freundschaft mit Rußland und Frankreich kosten könnte“Hervorh.v.m., B.S..

Jedenfalls entwickelte der englische Gesandte das Bild einer weitaus offeneren europäischen Staatengesellschaft, als bislang in der Geschichtswissenschaft – unter dem Eindruck des „Kalten Krieges“ seit 1948 – üblich. Eine Interaktion der verschiedenen Staaten unter- und miteinander fand demnach, selbst über die Hürden der Bündnisgruppierungen hinweg, statt. Fehler Sazonows in den Verhandlungen mit Kiderlen Wächter über die Bagdadbahn hatten Russland gebunden, und dazu gezwungen den Widerstand gegen dieses Projekt aufzugeben. Gleichzeitig bedeuteten diese Abkommen eine arge Belastung der britisch-russischen Beziehungen. Jedenfalls ging es Anfang 1912, zwischen London und Petersburg, um das Überleben der Entente von 1907 über Persien. Jedenfalls stand eine Revision des englisch-russischen Verhältnisses zur Diskussion.

Wilhelm II. parlierte beim Neujahrsempfang 1911 mit den englischen Botschafter. Augenscheinlich bemüht um gute Atmosphäre, sprach der Kaiser möglichst positiv. Goschen berichtete:

„Said he had exchanged very cordial letters with the King etc. Bewailed the state of politics in England – and said he had received many very ‘violent’ letters from his friends in England on the subject. Added that he had great confidence in the conservative instincts of the British people being sufficiently strong to prevent any too radical change“.

Der französische Botschafter beobachtete den Gedankenaustausch zwischen Berlin und London offensichtlich mit Misstrauen. Jules Cambon äußerte gegenüber Goschen sein Missvergnügen:

„Cambon chaffed me afterwards at the ‘Cour’ made to me by their Majesties – and attributed it to our new ‘Alliance’.!!“

Wie sehr die Entrevue von Potsdam das Kalkül der Westmächte England und Frankreich störte, enthüllte die Unterredung zwischen Goschen und Zimmermann am übernächsten Tag. Vorgeblich sollten die Russen zu Deutschlands Vorschlägen von 1907 nicht schriftlich geantwortet haben. Doch sickerte durch, Sazonow habe, nach den Potsdamer Gesprächen, den ersten Artikel der Übereinkunft zur Bagdadbahn Berlin übersandt. Doch Goschen schloss:

„He told Pansa the same thing – adding that such a note as that alluded to in the Novoe Wremja and French and English Press – would be far too comprehensive for what has taken place up till now between the two Go’ts. this is strange: for while Zimmenmann is saying this – the German Press inspired and otherwise is fulminating ag´st what it considers to be an attempt on the part of the French, Russian and English Press to attenuate the Chancellor´s statememt in the Reichstag – viz. ‘That it has again at Potsdam been made clear that neither Country will join any combination having any aggressive point ag’st the other.’’ The Novoe Wremja limited this to ‘Persia or Turkey’ – while the German Press regards B[ethmann].H[ollweg]’s statement as a general ‘entente’ not to join etc. It is a matter of opinion which of the statements is strongest – the general one – or the one wh[ich]. specially mentions two countries.“ Hervorh.v.m., B.S.

Der Artikel I des deutsch-russischen Abkommens zur Bagdadbahn beschäftigte Paris und London gleicherweise. Der englische Botschafter resümierte:

„As a matter of fact this is a tolerably correct reproduction of the draft Memo, embodying the Potsdam and Petersburg negotiations: which was sent some time ago a fortnight? by Sassonow to German Government without submitting it beforehand to either B’h or F’h Ambassadors – or appenently to Czar. It contained the Art[icle].I about the Bagdad R’way which has caused so much annoyance and disapp’t to French and us, as by it Russia practically detaches herself from us as regards B’d Railway. He told Buchanan that he only meant ‘Railway as far as Bagdad’, but there is no doubt that Kiderlen will hold him to the letter and won’t allow him to wriggle out – i.e. without a row – because there is nothing signed yet“ Hervorh.v.m., B.S..

Schließlich schälte sich heraus, wie sehr das englisch / französisch-russische Bündnis unter Druck stand. Misstrauen regierte. Goschen notierte am 9. Januar in seinem Tagebuch:

„The situation is very confused. Officially French tranquil and certain that nothing has passed either at Potsdam or St. Petersburg which need disturb their minds as to solidarity of Russo-French alliance. But really they are furious and consider that a great blow has been struck against the Alliance and that Sassonow has been made to go much further than he meant, by Kiderlen. I share this view and so does Cambon“ Hervorh.v.m., B.S..

Wer bestimmt in Berlin die Richtlinien der Politik?

Zu diesem Zeitpunkt erschien der Reichskanzler dem Engländer als vielseitiger Kosmopolit mit preußisch-bürokratischen Neigungen. Zugleich erschien Bethmann Hollweg in diplomatischen Verhandlungen als „a novice“. Intellektuell hielt Goschen den Kanzler für fähig; keineswegs jedoch für einen Staatsmann von europäischem Rang. Im Juli 1910 folgte Kiderlen Wächter auf Schoen als Außenminister. Goschen bezeichnete diesen Wechsel als Unglück. Wenig später schrieb er an Nicolson, der neue Staatssekretär des Auswärtigen „would never go in for cheap and showy success at the expense of a rival“ und kurz darauf folgte das Urteil, dass

„Kiderlen has already got the whole direction of Foreign Affairs into his hands and that the Chancellor, as regards that department is like wax in his hands“ Hervorh.v.m., B.S..

Im November 1910 bedrängte ihn der Reichskanzler, Auskunft über Solidität und Kurs der englischen Regierung in der Zukunft zu geben. Goschen antwortete:

„I always tell him that I cannot see into the future and that the only thing I know about politics art home is that our Foreign Policy is always continuous. Men may change and perhaps Methods but the groundwork of our Foreign Policy always remains the same“.

Ende des Jahres fasste der englische Botschafter die politische Situation in Deutschland zusammen. Goschen zeichnete für Nicolson ein ernüchterndes Bild:

„Talking of the Emperor it is a strange thing how much he has lost in the eyes of his people. I hear it from all sides – and I have come to the conclusion that it is now only abroad that He is looked upon with the respect and belief in his Powers which he used to enjoy in Germany. I was perfectly astonished at my shooting party the other day to hear how he was criticized. For instance they were talking of the present Chancellor and bewailing the fact that there was now not a single great man in Germany capable of directing the affairs of the Empire. I said, ‘Well at all events you have the Emperor.’ They as much as said God help us if we have only ththe expense of a rival“ und kurz darauf folgte das Urteil, dass

„Kiderlen has already got the whole direction of Foreign Affairs into his hands and that the Chancellor, as regards that department is like wax in his hands“ Hervorh.v.m., B.S..

Im November 1910 bedrängte ihn der Reichskanzler, Auskunft über Solidität und Kurs der englischen Regierung in der Zukunft zu geben. Goschen antwortete:

„I always tell him that I cannot see into the future and that the only thing I know about politics art home is that our Foreign Policy is always continuous. Men may change and perhaps Methods but the groundwork of our Foreign Policy always remains the same“.

Ende des Jahres fasste der englische Botschafter die politische Situation in Deutschland zusammen. Goschen zeichnete für Nicolson ein ernüchterndes Bild:

„Talking of the Emperor it is a strange thing how much he has lost in the eyes of his people. I hear it from all sides – and I have come to the conclusion that it is now only abroad that He is looked upon with the respect and belief in his Powers which he used to enjoy in Germany. I was perfectly astonished at my shooting party the other day to hear how he was criticized. For instance they were talking of the present Chancellor and bewailing the fact that there was now not a single great man in Germany capable of directing the affairs of the Empire. I said, ‘Well at all events you have the Emperor.’ They as much as said God help us if we have only the Emperor to rely on – what they did say any way was that His Majesty had certain high ideals and thought he could do a lot of things better than any one else – but ‘as for directing the affairs of[f] the Empire – why – he is not in the least in touch with his people and has no notion whatever of politics – either external or internal’! This, mind you, was from men who know him well and are continually about him. This is what the big people say – the lower ranks are still harder on him“ Hervorh.v.m., B.S.

Krisen-Fahrpläne: London und Berlin.

Anfang Februar 1911 legte Kiderlen Wächter seinen Fahrplan für Marokko dem Kanzler vor. Dieser sollte zur Grundlage der Beschlussfassung bei Wilhelm II. werden. Darin vertrat Kiderlen die Auffassung, Ziel von Verhandlungen über Marokko müsse sein, den ganzen französischen Kongo zu gewinnen. Im Fall einer Teilung des belgischen Kolonialreiches sollte der Kongo die Brücke zu Ostafrika schlagen. Drohen wollte der Außenminister mit der Forderung, Marokko und Casablanca zu evakuieren. Doch der Staatssekretär erwartete nicht, dass die Franzosen die Drohung annehmen würden. So startete die Aktion am 6. April, mit der Ankündigung abweichender deutscher Ansichten, zu Marokko. All dem unterlag der Gedanke, Frankreich stehe Deutschland auf der ganzen Linie feindlich im Wege. Deshalb, so die Ansicht der deutschen Führung, Frankreich sei der Hauptgegner.

Am 9. Mai interpretierte Jules Cambon, gegenüber seiner Pariser Zentrale, die deutsche Taktik:

„Perhaps I need see in Germany’s attitude no more than a wish to intimidate us, to recover what she has abandoned and to get the most she can out of other affairs after having ascertained the weakness of our opposition. Be that as it may, our moral obligations towards our nationals and towards the countries with which we have signed agreements, our dignity as a great nation and the importance of a rightly-understood relation between ourselves and Germany, require us to follow out the programme of prudent activity that we have decided upon“ Hervorh.v.m., B.S..

Noch Mitte Mai fand sich Goschen, angesichts der deutsch-russischen Annäherung, im Foreign Office mit Nicolsons Depressionen konfrontiert. Der Gesandte hielt fest:

„Had a good talk with Nico[lson]: but found him rather depressed and of course unable to give me news of any decided policy. Drift seemed to me to be the order of the the day – as there is a decided revirement for Germany in British Public Opinion – and the idea of the Gov’t seems to be to take count of this by spreading negotiations over a long time – even tho’ they know that no definite agreement is likely. This is an unpleasant position – 1. for H[is].M[ajesty’s]. Amb’r at Berlin. 2. for Nico whose child the Triple Entente is. I am to see Grey on Monday“.

Doch auch der Außenminister sah den Weg nun nicht mehr klar vorgezeichnet. Der englische Botschafter notierte für seine Aufzeichnungen:

„Good conversation with Sir E. Grey: but I don’t see the way clear ahead – nor does he!“

Am 18. Mai dinierte Goschen mit Grey. Eine entscheidende Aussprache auf höchster Ebene. Der englische Geschäftsträger in Berlin hielt fest:

„Lunched with Grey. The party being He, Asquith Nicolson and myself. Most interesting and rather alarming. We did have a good talk – and I found Asquith and Grey quite sound on For[eign].Pol[itics]. I wish I could say the same for their internal ones“.

Die Einweihung des Queen Victoria-Denkmals vor dem Buckingham Palace und die Krönung König Georg V. führten Goschen zweimal nach London, sodass er Anfang Juli erneut mit Grey im Foreign Office über Marokko sprechen konnte. Goschen merkte an, es sei „a good talk about Marocco“ gewesen. Zeitgleich die Krönung des neuen Königs und die bedeutende Rede Asquiths im Unterhaus zu Marokko. Goschen zog scharf die Grenzen und Bruchlinien der europäischen Politik nach – selbst mit Frankreich, aber vor allem zu Deutschland:

„Had a final talk with Nico[lson]: and we were very satisfied with Asquith’s declaration in the House of Commons that the desp[atch]. of the German ship to Agadir created a new situation – and that if it raised international questions – and a German occupation was threatened – we should be solid with France and keep a sharp eye on every thing that might affect B’h interests. Our idea is that France paid us for letting her alone as regards Morocco – by giving us free hand in Egypt: if Germany goes to Morocco – situation changed because she has paid us nothing“.

Goschen erfuhr während seines England-Aufenthaltes von Georg V., in einer einstündigen Unterredung, von dessen Gesprächen mit Wilhelm II. Goschen notierte am 22. Mai:

„He was most gracious and kind and talked with me for an hour on German and other affairs. He told me that only on the last day before going had the Emperor talked politics with him – and on the subject of Marocco. The K[aiser]. seems to have kept his end up very well. He is dead against any binding naval or pol[itical]. arrangement – and told me to try and stop it!…“Hervorh.v.m., B.S..

Ende Mai fanden im Rahmen des Commitee of Imperial Defence Verhandlungen zu Leitfragen der britischen Politik statt. So hielt der Marineminister McKenna einen Vortrag zum „Hauptziel“ der englischen Flottenstrategie in Kriegszeiten. Dabei wurde ausgeführt, „das Ziel der Reichsflotte“ sei, „durch vereinte Anstrengungen der Marine die Herrschaft über das Meer mit der geringsten nur möglichen Verzögerung an sich zu bringen“. Dabei solle „dem Feind das Meer“ verschlossen werden. Das heiße „nicht nur die Küsten unserer Inseln, sondern, mit Ausnahme von Kanada, alle Dominions von jeder Invasionsangst sich frei fühlen“ dürften,

„und daß der Handel des Reiches gesichert wäre. Der Feind hingegen weder die Möglichkeit hätte, seine Truppen zu transportieren, noch seinen Handel fortzusetzen und, daß der wirtschaftliche Druck durch Zerstörung des Überseehandels für fast jeden modernen Staat so schwerwiegend würde, daß dies“,

wie McKenna annahm, „schon noch etwas mehr als einen lähmenden Schlag bedeuten müßte“. Lord Haldane erörterte die besonderen Bedingungen, unter denen eine englische Armee gebildet worden sei:

„Wir haben Seegrenzen, die wir besser und viel billiger verteidigen können, wenn wir uns zu diesem Zwecke in weitem Maße auf die Flotte stützen. Unsere Kräfte konzentrieren wir vor allem auf die Schaffung einer Überseearmee oder vielmehr einer Reihe von Überseearmeen: eine für die Verteidigung von Indien, eine andere für die Verteidigung von Afrika und wieder andere für die Bildung der ägyptischen Besatzungen und der Besatzungen im Mittelmeer; und überdies haben wir unsere Aufmerksamkeit auf eine Expeditionsarmee gerichtet, die fertig zum Mobilisieren in unserem Lande bereitsteht und nach irgendeinem Teil der Dominions der Krone gesandt werden kann, falls sie sie zu ihrer Hilfe benötigen“ Hervorh.v.m., B.S..

Eben dieses Moment wurde betont, um die Zustimmung der Mitglieder des Empire zu erwirken. Wenngleich Haldane dies unter vollständiger Verzeichnung der wahren Absichten der Armeereorganisation unternahm. Haldane umriss lediglich den Umfang der zur Verfügung stehenden Verbände:

„Wir haben zu Hause eine sehr kleine Armee, aber wir haben in Indien etwa 77000 Mann britischer Truppen, wir haben anderswo, in Afrika und Ägypten, weitere britische Truppen und auch Truppen für die Mittelmeer-Besatzungen und andere Orte, wodurch eine Gesamtheit von etwa 115000 Mann zusammenkommt. Überdies haben wir eine Expeditionsarmee, bereit, daheim mobilisiert zu werden, und über 167000 Mann stark, wenn sie mobilisiert ist, und noch eine gute Anzahl anderer Truppen. Wir haben alles zusammen so etwas wie 300000 auf lange Frist angeworbene Mann und noch mehr; dadurch unterscheiden wir uns gänzlich von den Armeen des Kontinents“ Hervorh.v.m., B.S..

Wiederum ging Haldane jedoch über die tatsächliche Zielstellung der Kräfte des Expeditionskorps im Heimatland hinweg:

„Die beiden Ziele, wofür die gesamte Armee existiert, die der Dominions sowohl wie die britische, sind lokale Verteidigung die wie Sie sehen werden, für uns zu Hause eine weniger bedeutsame Angelegenheit ist, Überseeverteidigung und gegenseitige Hilfe“.

Bei dieser Gelegenheit wurde ebenfalls die „Koordination der Handlung aller Regierungs-Departements im Moment des Kriegsausbruches“ behandelt. Von mangelhafter Vorbereitung Englands in diesem Mai 1911, und danach, kann demnach wohl kaum gesprochen werden.

47 – Die Marokkokrise auf dem Höhepunkt.

Vor seiner Abfahrt nach London hatte Wilhelm II. in Berlin über das deutsche Vorgehen in der Marokkofrage klärende Gespräche mit dem Reichskanzler und dem Staatssekretär des Auswärtigen geführt. Seine positive Haltung, einem Flottenabkommen gegenüber, sollte sich im wesentlichen bis 1913 nicht ändern.

Die Mitte des Monats Juli stand bevor, als Goschen in Berlin mit Jules Cambon zusammentraf und dieser ihm die Ereignisse auseinander setzte. Goschen notierte am 10. Juli:

„Long talk to Cambon, who told me everything that had passed – which was in fact and in brief that after a conversation with Kiderlen at Kissingen in which latter had made certain proposals with regard to compensation outside Morocco – Cambon went home to lay these proposals before his Gov’t – and before he could do so owing to change of Gov’t and only 3 days after Kid.’s proposals – Agadir happened.
Cambon furious naturally. Went raving to Schoen and gave a bit of his mind as regards K[iderlen]’s proceeding.
He then came back here – and had a conversation with K[iderlen]. which beginning, naturally, very stiffly ended by the same proposals as K[iderlen]. had made at Kissingen“ Hervorh.v.m., B.S..

In einem Gespräch mit dem deutschen Kronprinzen erfuhr der französische Botschafter, dieser nehme nicht an, die Franzosen würden sich aus Marokko zurückziehen. Es ginge lediglich darum, dass Deutschland seinen Anteil erhielte; dann könne Frankreich machen was es wolle. Kiderlen ließ als Stichwort für diese Kompensation „Mogador“ fallen. Die Idee, so der Botschafter, freie Hand für Frankreich gegen Mogador, sei eine Versuchung für deutsche Gehirne. Cambon fuhr nach Bad Kissingen, um mit Kiderlen zu verhandeln. Dieser lag durchaus nicht falsch, wenn er betonte:

„I do not contest your influence in Marocco, but influence is not the same as protectorate, and it is a veritable protectorate that you are setting about organizing in Marocco. That is not contemplated either in the act of Algeciras or in the Agreement of 1909“.

Der Staatssekretär des Auswärtigen wollte ein Angebot Frankreichs hören. Cambon mahnte Paris, Spanien nicht zu vergessen, in dessen Arme sich Deutschland sofort begeben würde. Spanische Unterstützung an den Pyreneen: ein Traum deutscher Strategen. So oder ähnlich äußerte sich der Gesandte in Richtung Paris.

Hinsichtlich einer schnellen Lösung beurteilten Cambon und Goschen gleicherweise die Lage sehr skeptisch. Drei Tage später kam es erneut zu heftigen Verhandlungen zwischen Kiderlen und dem französischen Botschafter. Der englische Geschäftsträger bemerkte:

„The demands are shocking – w[hic]h. may – or may not be – K[iderlen]’s fault. K[iderlen]. sent for me and talked about meeting of B’h and German Squadrons at Molde under H[is].M[ajesty].’s eye! He took a line which I sh’d not have expected: but in wh. I quite agreed“.

Am 1. Juli der Paukenschlag. Botschafter Schoen teilte am Sonntag, dem 1. Juli mit, das Kanonenboot Panther sei gerade in die Bay von Agadir eingelaufen um deutsche Interessen zu schützen. Wilhelm II. und Kiderlen buhlten um die Urheberschaft dieser Aktion. Kiderlen schrieb seiner Freundin:

„But with this ship at Agadir, I could land troops the moment I recognized that the war was inevitable. Our adversaries for England would without doubt be on the side of France would send warships to Agadir, and then we should no longer be the aggressors; this would be a great advantage, firstly before the world, secondly vis à vis our allies, with whom we only have a defensive alliance, and thirdly [sic] before our own people also who, the moment we are attacked, would rise as one man, the Socialists included“ Hervorh.v.m., B.S..

Dass „das Volk“ die deutsche Regierung in den Krieg treibe, von dieser These eines deutschen Historikers, hielt der Staatssekretär offenbar nichts.

Die Entente organisiert sich.

In London trat das Kabinett auf die Nachricht vom „Panthersprung“ hin sofort zusammen. Goschen wurde ersucht, in Berlin eine Aufklärung des Vorganges zu verlangen. „Die britische Regierung könne sich in Marokko nicht ‚desinteressieren‘ und erwarte eine Aufklärung der deutschen Absichten“. England war nun einmal über die Entente mit Frankreich, und den Vertrag von Algeciras, mit der Marokkofrage verbunden. Es schien, als ob Deutschland die Absicht verfolge, „mit Gewalt oder Handeln eine Flottenbasis an der Atlantischen Küste zu errichten“ Hervorh.v.m, B.S..

Die Abstimmung zwischen Paris und London lief darauf hinaus, dass Caillaux mitteilte, die Deutschen sollten zunächst mitteilen, welche Art Kompensation sie schließlich forderten. Am 11. Juli traf Jules Cambon den Kanzler, der sich über den zunehmenden Lärm um Marokko beklagte. Schließlich sei ihm unbequem, wenn in der deutschen Öffentlichkeit der Eindruck entstünde, das Reich würde nicht das bekommen was ihm zustehe. Diese Wendung war wohl mehr Attitüde denn Realität, mehr als große Geste gegenüber dem Franzosen als Republikaner gemeint und damit für die Galerie gesprochen. Bethmann Hollweg, der demnach keineswegs von der Außenpolitik abgeschlossen war, riet dem französischen Gesandten, Kiderlen in Bad Kissingen aufzusuchen. Mit dem „Panthersprung“ war Bewegung in die schleppende Diskussion gebracht und der Außenminister war seinem Ruf treu geblieben, Dinge nicht säumig zu behandeln. Am 16. Juli fand die Unterredung zwischen Jules Cambon und Kiderlen statt und der französische Botschafter kam zu dem Ergebnis, sein Gesprächspartner wolle Frankreich unter Druck setzen, um schließlich einen Atlantikhafen als Ersatz für Agadir zu erhandeln. Kiderlen wolle Libreville, das sei die Konzession um die es gehe.

Was das deutsche Bemühen nur erfolgversprechender erscheinen ließ, nämlich England an Berlin heranzuziehen, während der Versuch unternommen wurde, Frankreich zu bedeutenden kolonialen Kompensationen in Mittelafrika zu veranlassen. Mitte Juli eröffnete dann Kiderlen seinem Gesprächspartner, er wolle den ganzen französischen Kongo. Als der Franzose daraufhin fragte, wie sie dann zum Meer kommen sollten, antwortete der deutsche Außenminister: „Über die Eisenbahn, die wir bauen werden“.

An eben diesem Freitag teilte Kiderlen, deutlich warnend, dem französischen Botschafter mit, er werde die Verhandlungen nicht weiterführen,

„if every thing they He and Cambon say is communicated by French Gov[ernmen]t. to French Press“.

London sieht Befürchtungen bestätigt.

Am 26. Mai 1911 war das „Committee of Imperial Defence”, der britische Reichsverteidigungsrat, in London zusammengetreten. Grey gab die „streng vertrauliche Darstellung der internationalen Lage“. Unverkennbar, so führte er aus, sei eine Wirkung der Ententen mit Frankreich und Russland, die „beträchtliche Eifersucht von Deutschland“. Der Außenminister stellte klar und unmissverständlich die einer unter Umständen möglichen Einigung mit Deutschland zugrundeliegende Idee heraus. Grey führte aus:

„Wenn wir öffentlich Freundschaft mit Deutschland schließen, so muß es eine Freundschaft sein, in die wir unsere bereits vorhandenen Freunde in Europa hineinnehmen und an der sie Teilnehmer werden. Daneben muß es klar und deutlich sichtbar werden, daß es keine Aussicht auf Störung des Friedens zwischen Deutschland und Frankreich oder Deutschland und Rußland gibt“ Hervorh.v.m., B.S..

Gefahr, räumte Grey ein, bestehe nur im Falle „Napoleonischer Politik“ einer der Kontinentalmächte. Der Außenminister betonte als unbedingte Schallgrenze jeglicher englischer Politik der freien Hand:

„Aber ich bin mir vollkommen dessen bewußt, wenn eine Situation sich ergeben sollte, und die Gefahr entspränge, daß die Mächte oder eine Mächtegruppe solch beherrschende Stellung in Europa erstrebten, die sie auf dem europäischen Kontinent nicht nur zu Gebietern über Krieg und Frieden, sondern auch über die Diplomatie aller anderen Mächte Europas werden ließe, wenn wir dann, im Fortschreiten dieses Prozesses, um Hilfe angerufen würden und ruhig dabeisäßen und zusähen, dann müßten wir einsehen lernen, daß das Resultat ein großes europäisches Bündnis wäre, außerhalb dessen wir ohne Freund zurückbleiben würden“ Hervorh.v.m., B.S..

Das grundlegende Moment bei einem Kriegsentschluss und folgendem Einsatz einer Landarmee auf dem Kontinent könne nur sein:

„daß unter solch außergewöhnlichen Umständen, wie ich sie erwähnte, möglicherweise die Frage sich ergeben könnte, ob wir mit Gewalt in europäische Angelegenheiten eingreifen sollen, und wenn wir es täten, so wäre es einzig, weil die Seemacht und die Notwendigkeit, die Herrschaft über das Meer zu behalten, grundlegende Ursache und Motiv unseres Handelns wären“ Hervorh.v.m., B.S..

Unverkennbar wurde die Gefahr erkannt, Deutschland könne

„mit seiner mächtigen Armee, wenn es eine Flotte, stärker als die britische Flotte hätte, uns offenkundig nicht nur zur See vernichten, sondern in sehr kurzer Zeit mit seiner Armee in London sein“ Hervorh.v.,m, B.S..

Berlin schlußfolgert: der Gegner heißt England.

Parallel fraß sich in Deutschland der Gedanke fest, der „Krieg mit England“ sei „unvermeidbar“. Es müsse und werde „der Germanismus vorherrschen“. England sei „der Koloß mit tönernen Füßen“. Eine Überzeugung, die der Osteuropaspezialist Otto Hoetsch an der Berliner Universität für Rußland vertrat.

Dass Deutschland sich vierzehn Tage in Schweigen gehüllt habe, trifft demnach keineswegs zu. Damit fällt auch die Begründung, die Rede Lloyd Georges am 21. Juli, anlässlich des Diners des Lord Mayor von London für die Bankiers der City, sei die Antwort auf deutsche Missachtung gewesen. Keineswegs soll eine Drohung oder Herausforderung darin enthalten gewesen sein, war doch der Eindruck in Deutschland ein völlig anderer. Von Grey und Asquith bestätigt, sagte Lloyd George nichts weiter, als dass, wenn sich

„England dort, wo seine Interessen ernstlich berührt sind, so behandeln ließe, als wäre es ohne Geltung im Rate der Völker, dann, betone ich ausdrücklich, wäre Friede um diesen Preis für ein so großes Land, wie das unsere, eine nicht zu ertragende Demütigung“ Hervorh.v.m., B.S..

Diese Rede habe, so Asquith, eine „crise des nerfs“ in Berlin hervorgerufen. Nicht zuletzt durch englisches Spiel hinter den Kulissen verstärkt. Alles trieb auf eine weitere Verschärfung der internationalen Krise zu. Daraufhin suchte Asquith am 27. Juli der Situation die Schärfe zu nehmen, indem er im Unterhaus erklärte:

„Wir haben es für richtig erachtet, von Anfang an zu erklären, daß wir bei dem Mißlingen einer Beilegung, wie ich sie andeutete, aktiver Teilnehmer an der Erörterung über die Lage werden müßten. Das wäre unser Recht als Signatarmacht des Vertrages von Algeciras; es wäre unsere Verpflichtung nach den Sätzen des Abkommens mit Frankreich von 1904, es wäre unsere Pflicht zur Verteidigung durch weitere Entwicklung direkt berührter britischer Interessen“ Hervorh.v.m., B.S..

Tirpitz äußerte sich am 1. August, gegenüber Bethmann Hollweg, „über die Einbringung einer Mar[ine].Novelle“. Mitte des Monats zeigte Kiderlen Bereitschaft, bis zum 18. die Sache abzuschließen. Goschen meinte, Kiderlen könne das ernst meinen. In Bad Homburg, zwei Tage später, übte Wilhelm II. direkten Druck auf Goschen und Lascelles aus. Nach dem Abendessen auf Schloss Friedrichshof, die Hitze des Tages stand selbst auf der Terrasse, nahm der Kaiser Goschen eine Dreiviertelstunde ins Gebet. Goschen berichtete:

„He was rampant about Lloyd George’s speech and our interference – and said that without that Germany and France would have arranged matters long ago. I reminded him of Agadir and we had some warm work: he abused us like pickpockets. And said that if France didn´t give him the compensation he wanted he would have every French soldier out of Morocco by force if necessary“ Hervorh.v.m., B.S..

Crisis-Management im Kulminationspunkt.

Das war nicht fast eine Kriegserklärung, das war eine letzte Warnung vor dem Schiessen. In Berlin zurück, stellte der englische Geschäftsträger fest, dass Jules Cambon und Kiderlen immer noch nicht weiter gekommen waren. Am 17. August verfinsterte sich die Lage, da der Franzose die angebotenen Kompensationen schmälerte und die französischen Forderungen steigerte. Kiderlen machte auf Goschen einen ernsten und deprimierten Eindruck. Durch französische Pressemitteilungen zusätzlich in die Enge getrieben, sah der deutsche Außenminister fast keinen Bewegungsspielraum mehr für Konzessionen deutscherseits. Dazu die aufgeheizte Stimmung im Volke. Goschen schrieb:

„German public opinion, he said, was up in arms – not only Pan Germans but every one“.

Wiederum suchte Kiderlen, da die Detailverhandlungen zwischen de Selves und Schön ebenfalls stockten, eine zehntägige Unterbrechung der Verhandlungen zu erreichen. Der englische Botschafter sah jedoch die kochende deutsche Volksseele und befürchtete, eine weitere Verzögerung werde durch die Presse dazu benutzt werden, das Feuer weiter zu schüren. Kiderlen und Bethmann Hollweg wollten inzwischen den Kaiser in Wilhelmshöhe unterrichten, Cambon solle offiziell zu Konsultationen nach Paris gehen. Alles das könne gefährlich werden, vermutete Goschen. Das enge persönliche Verhältnis zwischen dem englischen und dem französischen Botschafter führte zu enger Abstimmung zwischen London und Paris, letztlich aber auch Berlin, obwohl dies der französischen Regierung verborgen blieb.

Die Verhandlungen wurden am 19. August unterbrochen. Der französische Geschäftsträger ging nach Paris. War jedoch genauso deprimiert wie Kiderlen zuvor, denn die Pariser Zentrale machte es dem Unterhändler nicht leicht. Wollte Frankreich den Krieg? Der ungarische Gesandte Szögyenyi brachte aus Wilhelmshöhe neue Nachrichten, die belegten, dass der Kaiser im Begriff war mit Großbritannien zu brechen; doch einen Krieg wollte er vermeiden. Jules Cambon dagegen schien nicht kriegsunwillig. Er argumentierte gegenüber Goschen:

„that the people are tired of ‘Alertes’ like Casablanca and Agadir – and are beginning to say ‘better finish it off now – we may be beaten – but any thing is better than perpetual worry and unrest.’“ Hervorh.v.m., B.S..

In Paris war gleichwohl noch nicht die Entscheidung für oder gegen ein Kolonialreich im Norden Afrikas gefallen. Deshalb suchte der französische Botschafter, den englischen Gedanken einer Konferenz, nicht als Ziel der französischen Verhandlungen zu bezeichnen. Schließlich verhandelten die Deutschen noch und Krieg würde möglicherweise in Berlin einer Konferenz à la 1905 vorgezogen werden. Auch signalisierten weder Grey noch Iswolski Bereitschaft, Frankreich militärisch gegen Deutschland zu unterstützen.

Es klang im Hause Goschen gleichzeitig beim Besuch eines russischen Emissärs die Nähe zwischen deutscher und russischer Politik in der Marokkofrage an. So gesehen hatte die „Entrevue von Potsdam“ dem Reich jene Bewegungsfreiheit zurückgebracht, welche Bethmann Hollweg, Kiderlen und Wilhelm II. für ihr so harsches Auftreten vor Agadir anstrebten. Goschen fragte sich, warum hält sich Botkin zu diesem Zeitpunkt eine Woche in Berlin auf? Wie in Wahrheit beängstigend die Lage am 21. August 1911 war, bestätigte der Botschafter in seiner Tagebuchnotiz:

„I told him [Badischer Gesandter Berckheim] I regarded the present situation like I regarded Ghosts – I don’t believe in them but am frightened of them. So I don’t believe there will be war – but I am deadly anxious about it“ Hervorh. v.m., B.S..

Jules Cambon sprach am 28. Juli erneut mit Kiderlen, der – im Falle definitiver französischer Angebote – deutsche Konzessionen in Togo und an der Grenze zum Tschad andeutete. Der französische Gesandte schwieg dazu mangels genauer Instruktion. Der Meinungsbildungsprozess in Paris war noch nicht abgeschlossen. Kiderlen ging mit Bethmann Hollweg zum „Befehlsempfang“ und zur Begrüßung des Kaisers nach Swinemünde, wo Wilhelm II. seine Nordlandreise beendete. Was würde er mitbringen? Krieg oder Frieden? Der französische Botschafter suchte die interministerielle Diskussion in der Pariser Zentrale zu beenden, indem darauf hinwies:

„In the Colonial Office they would like to offer odd scraps, whereas the real point is to know whether we were going to seize the occasion to consolidate our North African Empire from the Atlantic to Tripoli or forego it for ever“ Hervorh.v.m., B.S..

Nach dem 28. Juli, Kiderlen kehrte nach Berlin zurück, war Caillaux in Paris völlig klar, dass es nur um Krieg oder Kapitulation gehen werde. Dennoch liefen die Verhandlungen weiter. Das Tauziehen ging um Shari, Ubangi, Gaboon und den halben französischen Kongo. Auch Togo, „Duck’s Beak“ und das Tschad Territorium wurden von deutscher Seite genannt. Am 9. August wurde die Forderung nach Gamboon zurückgezogen, für den Fall, dass Kompensationen zwischen Kamerun und Umbangi zugestanden würden.

Anti-deutsche Partei in London.

Tyrell, der deutschfeindliche Unterstaatssekretär im Foreign Office in London berichtete, König Georg V. habe Lloyd George, den er immens bewundere, zu seiner Rede beglückwünscht. Tyrell war ein Repräsentant der pro-französischen Linie im Kabinett. Er begrüßte einen möglichen Abgang der Morley, Harcourt etc. und sagte,

„we can get on perfectly without them!!“

Im Verlauf des Gespräches äußerte sich er sich zusätzlich zur augenblicklichen politischen Situation. Goschen bemerkte:

„Tyrell says that he doesn’t think the French will fight – that the French will make some rotten agreement – and that we shall have to bear the brunt of German hatred. The latter will be the case whatever happens“ Hervorh.v.m., B.S..

Berlin hat die Krise im Griff.

Zimmermann, ganz im Sinne der kaustischen deutschen Rechnung, ja nicht den Kontakt zu England in der Krise zu verlieren, sprach bei Goschen vor und demonstrierte seine Besorgnis angesichts der Entwicklung um Marokko. Er äußerte:

„Who is Lloyd G[eorge]. that he should dare to terrorize a Great Power like Germany?“

Jules Cambon sprach bei Goschen vor und berichtete, die Verhandlungen mit Kiderlen zu Marokko stünden kurz vor dem Abschluss. Die Marokkofrage sei beinahe beigelegt. Goschen schrieb:

„K[iderlen]. had been in a very good humour and had sent for a bottle of Port wine, which they drank while negotiating! C[ambon]. said that he considered that as far as he was concerned the question was finished – i.e. that he considered himself responsible for the Morocco part of the buisiness – and the F’h Gov’t for the Congo part w[hic]h. was yet to be settled. He said that the French Gov’t and Press were so much in the hands of Colonial financiers that he could not answer for what w’d be done“ Hervorh.v.m., B.S..

Am 12. August, nach einem Abendessen in Friedrichshof bei Kronberg, hatte Goschen eine heftige Auseinandersetzung mit dem Kaiser zu Marokko. Wilhelm II. wünschte demnach die Lösung der Krise. Ausschließlich beeindruckten ihn die Vorwürfe der alldeutschen Presse, er sei ängstlich.

Der französische Botschafter berichtete, am 16. August werde unter der Leitung des Kanzlers eine Ministerrunde zu Marokko tagen. Dies habe der Kaiser befohlen, dem Bethmann Hollweg und Kiderlen am folgenden Tag in Wilhelmshöhe Vortrag halten würden. Die Situation war nach wie vor angespannt durch die von Berlin ausgestreuten Gerüchte über einen unmittelbar bevorstehenden Krieg um Marokko. Erst recht das Gefühl der deutschen Nation, Frankreich zu Lande nicht mehr fürchten zu müssen, und nun die Gewissheit, auch zur See den Kampf wagen zu können, hatte dazu geführt, dass der westliche Nachbar nurmehr als Satellit Großbritanniens begriffen wurde. So hatte Wilhelm II. – auf der Höhe der Krise, und auf Rat Kiderlen’s – die deutsche Flotte mobilisieren wollen. Dieser, das Schlimmste befürchtend, fuhr nach Swinemünde. Er berichtete darüber seinem russischen Freund:

„I have arrived on board the Hohenzollern. The ‘Fur’ was on deck, and led off by saying, ‘Tell me about your friend Jules’. Then the Emperor solemny promised me that he would be ready for the last extremity the moment I should think it necessary“ Hervorh.v.m., B.S..

Dass die Lage gefährlicher war, als zum Zeitpunkt des „Panthersprungs“, zeigte Cambon’s Bericht, abgesandt am Tag seiner Abreise, zu den Beratungen in Paris:

„German opinion at this moment is irritated, and I must remark that it is much more so than at the time of the Casablanca affair – there is no comparison. The Casablanca incident was a local affair; it raised controversial questions that arbitration could settle. But the present crisis concerns general policy. It can touch honour and prestige both for the France and Germany. It concerns every nation. At the time of the Casablanca incident what we had against us was the Pan-German elements, which are always hostile to us. But we had in our favour the tacit feeling of the army which approved of the part played by our officers. To-day this is no more so. The army is ready to act“ Hervorh.v.m., B.S..

Der französische Gesandte führte an, es gehe darum, die Arbeit abzuschließen, die in Nord-Afrika 1830 begonnen worden sei. Es gelte nun, in den Verhandlungen mit Deutschland, Marokko von den deutschen Einflüssen zu befreien. Die öffentliche Meinung sei äußerst erregt, deshalb ein Scheitern der Verhandlungen möglich. Es sei notwendig, militärisch vorbereitet zu sein. Da die deutsche Regierung eine Konferenz ablehne, und diese bereits militärische Mittel eingesetzt habe, sei mit der Landung deutscher Kräfte im Hinterland Agadirs zu rechnen. Bereits berichtet habe er, dass der deutsche Generalstab den Fall einer Landung überprüfe. Cambon schloss:

„All this should be a warning to us. I hope that our anxieties will prove to be unnecessary, but it would be mere trifling on our part not to see the possibility of a conflict“.

48 – Komplikation: Tripoliskrieg und Türkei.

In diesem Moment äußerster Ablenkung Frankreichs und Englands durch Marokko, erklärte Italien der Türkei den Krieg um Tripolis. Goschen schrieb von „a damned shame“, und, die Italiener hätten den Türken keine Chance gelassen. „Goodness knows what it will lead to“. Die gesamte türkische Frage werde nun wieder aufgerührt und das sei besonders für England unbequem, da das Empire Millionen von Muselmanen umfasse. Goschen nahm eindeutig und impulsiv Stellung gegen Italien. Er notierte:

„And the Italian methods have been simply brutal – and more those of Brigands than of a respectable people“.

Auch der offiziellen deutschen Politik würde übel mitgespielt. Vor allem die Alldeutschen, die England der Urheberschaft ziehen, seien dumm. Schließlich werde weder der Dreibund, noch der Einfluss des Reiches in Konstantinopel, darunter zusammenbrechen. Aber diese Teile der deutschen Gesellschaft übersähen völlig, dass Großbritannien durch jeglichen Konflikt zwischen Xythen und Mohammedanern härter getroffen würde. Die Lage zeichnete sich immer schwieriger und Cambon war äußerst deprimiert, da in Paris verrückt gespielt werde, wie er dem englischen Kollegen mitteilte. Allerdings, und das konnte auch dieser nicht übergehen, hatten Paris und London die Italiener mindestens nicht gehindert, gegen ein Land vorzugehen, das weder zu Frankreich noch zum Empire gehörte. Nun weigerte sich Grey folgerichtig, Rom weitergehende Unterstützung zuzusagen. Paris allerdings hatte die Italiener ihrer vollkommenen Sympathie versichert. Goschen notierte:

„That has made a deplorable impression both here and in Turkey“.

Es bestehe, so der englische Geschäftsträger, die Gefahr, dass die bereits vor dem Abschluss stehenden deutsch-französischen Verhandlungen über Marokko scheiterten. Zumindest äußerten sich Alldeutsche und Presse in diesem Sinne.

Goschen, der in Berlin erfuhr, Italien sei in Albanien gelandet, befürchtete österreichische Gegenmaßnahmen und glaubte, der Vertrag von Berlin könnte ein zweites Mal gebrochen werden. Er notierte in seinem Tagebuch:

„It is rather pathetic to think that the Triple Alliance to two members of which Turkey has been kotowing so long – should be just the ones to bag her territory in defiance of the Treaty of Berlin [1878]. First Bosnia and now Tripoli! It ought to bring that old weather cock Turkey round in our direction again“ Hervorh.v.m., B.S..

Die Beute aus der Konflagration.

Ein paar Tage darauf war das Marokko-Abkommen bis auf z w e i Worte fertiggestellt. Doch die Kongo-Frage bleibt offen – und ebenso die Möglichkeit eines Krieges. Am 23. August versammelte der französische Premierminister die wichtigsten Regierungsmitglieder, sowie die Gesandten in Berlin, London, Rom und Petersburg in der Rue de la Boetie. Das Ergebnis der Krisenkonferenz war: Frankreich übergibt Deutschland, für die Aufgabe seiner Rechte aus dem Abkommen von 1909, die gesamten Kongo-Gebiete, die Sangha- und Kamerungrenze und das Dreieck zwischen Ouessa und dem Atlantik. Wie in Berlin, so machte sich auch in Paris Empörung über diese Konzessionen bemerkbar, die jener Unruhe ähnelte, die nach dem Rückzug von Faschoda 1898 aufgetreten war. Cambon war der Sieger des Tages. Der Kurs Frankreichs zielte nun auf das nordafrikanische Kolonialreich.

Doch was bei der neuen Verhandlungsrunde in Berlin offen blieb, war die Frage: wie lange bleibt die deutsche Regierung Herr von öffentlicher Meinung – und Presse? Und w i l l diese überhaupt „Herr der Lage“ bleiben? Am 18. September signalisierte der französische Geschäftsträger in Berlin entscheidende Fortschritte nach Paris. Goschen kam, am 1. November von Tentschach in Österreich kommend, in Berlin an, und fand die dringende Mitteilung Greys vor, keine Zeit zu verlieren, und mit Bethmann Hollweg Kontakt aufzunehmen. Der britische Außenminister suchte offenkundig negative Wirkungen einer Rede, die er zu halten im Begriff war, im Voraus zu begrenzen. Am folgenden Tage fand in der Reichskanzlei eine halbstündige, lautstarke Auseinandersetzung zwischen Bethmann Hollweg und Goschen statt. Der britische Botschafter beschrieb eindrucksvoll diese Szene, in der die ganze Spannung der voraufgegangenen Krisenmonate um Marokko erkennbar wurde:

„After compliments we went at it hammer and tongs for about 1 / 2 hour. Lots of recriminations on his part and lots of raking up old grievances – just as I expected. I dosed him with the McKenna and Cartwright incidents and he fed me up with Daily Graphic! Articles and the Times’ Military Corresp’t’s [Repington] Articles on the German Army which seem to have caused not unjustifiable irritation“ Hervorh.v.m., B.S..

Deutsche Öffentlichkeit und Machteliten gereizt.

Alarmiert wurde der englische Botschafter am Samstag, dem 2. Februar durch ein Telegramm Greys, das mitteilte

„that some communications had taken place with the Kaiser and the German chancellor through Albert Ballin the Hamburg shipowner and Ernest Cassel the Cologne-born London financier, and asking him, somewhat optimistically, to come to London ‘at once’, so that Grey could talk things over with him on ‘Monday’, that is 4 February“ Hervorh.v.m., B.S..

Christopher Howard, der Herausgeber des Goschen Tagebuchs, teilt mit, Haldane habe der Tätigkeit des britischen Botschafters kaum größere Chancen eingeräumt, da dessen Vorstellungskraft für einen Fortschritt mit Deutschland kaum genügt habe.

Der Marineminister McKenna hatte am 26. September mit seiner Rede in Abersychan – wie Sigmund Münz in der Wiener „Neuen Freien Presse“, am 22. August, mit seinem Sensationsartikel zu Äußerungen des britischen Botschafters Cartwright – Öl in das Feuer der Marokkokrise gegossen. Erst recht aber standen der Kanzler, die gesamte bürgerliche deutsche Politik, Presse und Öffentlichkeit unter dem Eindruck der berüchtigten Times-Artikel des früheren Oberst À Court Repington, welcher in sechs Folgen zwischen dem 12. und 28. Oktober 1911 das Ansehen der deutschen Armee als formidabelster Kraft auf dem militärischen Feld zertrümmert hatte. Offensichtlich wollte Grey Bethmann Hollweg, vice versa, für eine Aktion gegen willkürliche Presseberichte gewinnen. Goschen war sich der Schwere der Aufgabe bewusst. Das bestätigte kurz darauf ein weiteres Gespräch mit Kiderlen,

„who, with some reason said that before deciding whether he could act on Grey´s suggestion – it w’d be necessary for Chancellor to know exactly what Grey was going to say“.

Die deutsche Seite war offensichtlich so getroffen, dass eine Fortsetzung des deutsch-englischen Ausgleichkurses gefährdet schien.

Just in dem Moment, in dem sich der Knoten der Verhandlungen in Berlin schürzte, schrieb eine junge Frau in Boston:

„Gestern abend hörte Helmuth in der Straßenbahn Leute über ‚Krieg’ und ‚Deutschland’ reden, und einen Moment lang war uns sehr bange, denn wir müßten natürlich versuchen, nach Hause zu kommen, wenn so etwas Fürchterliches eintritt, und die einzige Route wäre über Sibirien, eine sehr lange und teure Reise. Glücklicherweise besteht aber kein Grund, daß die Marokkofrage nicht bald friedlich beigelegt werden sollte, es wäre doch Wahnsinn, in den Sandhügeln Nordafrikas Krieg zu führen. Wie ich sehe, ist das arme Italien in Mitleidenschaft gezogen, und in ganz Europa scheint große Unruhe zu herrschen. Ich habe die italienische Querele nicht genau verfolgt, aber es scheint nicht viel daran zu sein. Unter dem Sozialisten scheint überall die Neigung zu bestehen, nicht zu kämpfen, selbst wenn ihre Heimatländer beteiligt sind, und das ist sicher eine große Komplikation und wird sich vielleicht als gutes Hindernis erweisen“ Hervorh.v.m., B.S..

Die junge Frau, aus Südafrika stammend, war mit einen Neffen des Generalstabschefs Moltke verheiratet und empfing offensichtlich Impulse, die von dem Gravitationszentrum deutscher Macht ausgingen.

49 – Der Ausgleich von Berlin.

Am folgenden Tag teilte Jules Cambon mit, er werde das Marokko-Abkommen unterzeichnen. Dem englischen Botschafter schien erleichtert, wenn nicht zufrieden. Goschen fuhr in seiner Tagebuchnotiz fort:

„But he does not feel quite at ease about the Congo part of it – he thinks that France has given at ease about the Congo part of it – he thinks that France has given too much. But as the Colonial Minister here has resigned because he thinks Germany has not received enough – and as Kiderlen is being abused by most of the Press – I think Cambon can be quite satisfied“ Hervorh.v.m., B.S..

So wie sich die Verhältnisse mit England verkomplizierten, so wenig erfreulich war in Berlin die Stimmung gegenüber dem Partner Italien. Goschen beschrieb die Äußerungen der deutschen Presse zu Italien jenen gegenüber England im Burenkrieg vergleichbar. Überdies sickerte durch, dass Nicolson Staatssekretär Foreign Office und Bertie Botschafter Paris während der Krise gegen Grey, und dessen Ziele, gearbeitete hätten. Die Türken warben weiter um England und schon am 7. November waren die Wogen zwischen Bethmann Hollweg und Grey wieder geglättet. Der britische Außenminister und der deutsche Kanzler tauschten sich über die Texte ihrer beiderseitigen Reden aus und Grey änderte sogar, auf Bethmann Hollwegs Wunsch, seinen Redetext.

Auf deutscher Seite ging es um den Zugang zum Kongo. Gerade um die davon abhängende Verbindung, quer durch den Kontinent – und damit das deutsche zentrale Kolonialreich in Afrika. Das hatte Kiderlen deutlich gemacht, als er sich während der Verhandlung mit Cambon, Mitte Oktober, erhob und betonte:

„What you purpose is impossible. If you want to come to agreement you have got to allow us access to the Congo. I will not play the diplomat with you, I will say to you simply that I prefer to ask you for less territory but that I will not give way about access to the Congo“ Hervorh.v.m., B.S..

Der Franzose lenkte nicht ein. Die Verhandlung wurde vertagt. Ende Oktober schließlich sah der Jules Cambon die Möglichkeit, dass der, durch die enttäuschte deutsche öffentliche Meinung geschobene Außenminister, die Verhandlungen scheitern ließe. Der französische Geschäftsträger kam zu dem Ergebnis:

„I do not think that there will be an immediate conflict. The general state of the world does not permit of anyone, be it Gemany or ourselves, to immobilize its strength over a colonial question. There would not be conflict, but there would be grave tension that might bring about a conflict in the near future…“ Hervorh.v.m., B.S..

Krieg in kurzer Frist, das war das Denkmodell Cambons, das er erneut ausmalte. Der französische Gesandte erläuterte:

„If our negotiations fail, the German government will look to a landing at Agadir and an occupation of the Sus. It will have a Germany behind it, from the most feudal Junker to the most advanced Socialist, for the German people love anything in the nature of brute force“ Hervorh.v.m., B.S..

Was schließlich die Lösung brachte, die deutsche Kriegsdrohung oder Kiderlens leichtes Driften in Richtung der französischen Verhandlungsposition, ist letztlich gleichgültig. Am 2. November wurden die Dokumente paraphiert. Deutschland erhielt einen Teil des Französischen Kongo, gelegen zwischen Kamerun und dem Belgischen Kongo. Zugleich, über einen Landkorridor in Richtung auf Spanisch Guinea, den Zugang zum Atlantik und zwei Zugangsstellen zu Kongofluss und Sangha, so groß, dass ein Brückenschlag möglich war. Die Leistung, die der französische Botschafter und Kiderlen vollbracht hatten, unterstrichen beide in Äußerungen nach Abschluss der Verhandlungen. Cambon schrieb:

„It has never been sufficiently realized, how greatly the peace of the world was in danger during the second fortnight of August 1911“.

Und Kiderlen informierte seinen russischen Freund:

„If the intermediaries had been anybody but Jules and I, there would have been war. It is always a meritorious thing to have avoided it without humiliating either of our two countries“ Hervorh.v.m., B.S..

Enttäuschte französische und deutsche Öffentlichkeit.

Doch der Zustand der öffentlichen Meinung in Frankreich und Deutschland – gleicher Weise – blieb äußerst erregt. Während der Reichstagsdebatte erhob sich der Deutsche Kronprinz ostentativ und verließ das Parlament. Der Führer der Konservativen Partei, von der Heydebrand und der Lasa, gipfelte in seiner Rede mit dem Ausruf:

„Like a flash of lightning in the night, this has shown the German people who is its enemy. It is not conscessions that will ensure us peace, but the German sword“ Hervorh.v.m., B.S..

Die Öffentlichkeiten in Deutschland und Frankreich verhielten sich gleicher Weise aufgeregt. So traf der französische Unterhändler beim Verlassen des Parlaments Déroulède, der sich weigerte, ihm die Hand zu geben. Freunde des Botschafters warfen ihm vor, er habe Frankreichs Ehre verletzt. Offensichtlich waren die Völker, diesseits und jenseits des Rheins, für den Einsatz militärischer Macht derart erhitzt, dass ein Wechsel der Propaganda die Menschen nicht erreichte. Beide Völker glaubten sich durch den Ausgleich von Berlin betrogen.

Das System der kommunizierenden Röhren zwischen London und Berlin scheint zu funktionieren; nicht zuletzt durch Goschens Arbeit – wie Grey seinem Diplomaten telegraphisch bestätigt:

„I highly approve Your language to Chancellor and Kiderlen – you have acted with great tact and firmness in a very delicate situation“.

Berlin / London: Unterschiedliches Diplomatie-Verständnis.

Doch Kiderlens Rede in der Budget-Kommission des Reichstags stimmt den englischen Geschäftsträger völlig um. Sein skeptisches Bild von den Deutschen obsiegte. Goschen hielt fest:

„K[iderlen]´s statements are very one sided and it is obvious to me that he is trying to persuade public opinion that England gave way before Germany’s firmness and thus draw a red herring across the track of his own shortcomings – or rather those shortcomings which are attributed to him and Bethmann by their countrymen. The papers here are dreadfully abusive. They are at their old game, these Germans. After reviling us uphill and downdale – and rattling the sabre; they now say ‚’Well Grey is going to speak on Monday and we will be friendly or not.‘ They do not or will not realize that they have done all in their power to render us unfriendly – and if we made the slightest reply they will at once talk of anti-German Hetzerei – and say that we are provoking war!“ Hervorh.v.m., B.S.

In der Voraussicht, Greys Unterhausrede am 27. November, werde äußerst diffizil ausfallen, wurde Goschen signalisiert, sein Außenminister werde sehr vorsichtig vorgehen. Doch die Stimmung unter den Parlamentariern, so Goschen, könne anders ausfallen. Er schloß:

„especilly those who read the German Papers or have seen the Reichstag speeches“.

Dass die Rede sehr gut ausfiel, erleichterte den englischen Botschafter. Er kommentierte erneut:

„If he had been too conciliatory – they would have said here that it was because he was face to face [sic] with a united Germany – and had been made to mind his Ps and Qs – and change his tone by the firm and patriotic language of the German Press. But he steered a middle course. Asquith was also good and Bonar Law also – in fact the debate was for once on a high level, untained by party spirit, and worthy of the occasion and the Mother of Parliaments” Hervorh.v.m., B.S..

Goschen zeichnete in seiner Notiz unter dem 28. November überdies den Unterschied zwischen deutschem und englischem Parlamentarismus. Dort die sorgfältige Auseinandersetzung mit einer hochprofessionellen Politik, und deren Verteidigung durch einen Staatsmann. Hier wildes Pressegekläffe um einem verzweifelt kämpfenden unprofessionellen Politiker, der seine lächerliche Politik zu verteidigen versuche. Entsprach das den Tatsachen, oder liegt über all’ dem tiefe Tragik?

Goschen fragte Stumm nach dessen Meinung zu Greys Rede. Dieser antwortete, ganz befangen in der beleidigten deutschen Haltung:

„that there was nothing in it to efface the effect of Lloyd George’s speech“.

Aber, so Goschen, es sei die vorgefasste Meinung, dass diese Rede Greys die öffentliche Meinung in Deutschland nicht werde zufrieden stellen können. Bethmann Hollweg antwortete in seiner Reichstagsrede, er erwarte Worte nicht Taten. England müsse deutlich machen, dass London tatsächlich Freund Deutschlands werden wolle. Goschen merkte an:

„It was not a very cordial one as far as England was concerned: met Grey’s friendly words by saying that he wants words not deeds[sic] – and that England must shew in her policy that she really desires to be friends!“

Deutsche Presse und Öffentlichkeit seien keineswegs durch die Bethmann-Rede beruhigt. Allenfalls die Konservative Partei, was nützlich bei den Wahlen sein werde.

50 – Deutsch-englische Beziehungen: Die Zeichen stehen auf Sturm.

Vom Wert persönlicher Beziehungen.

Goschen wurde mitgeteilt, er sei in der Umgebung des Kaisers nicht beliebt. Ein Briefwechsel mit Nicolson bestätigte, dass London mit ihm sehr zufrieden sei. Doch die Standortbestimmung, der sich der englische Gesandte daraufhin selbst unterzog, zeigte die grundsätzliche Differenz zwischen den „Politiken“ in Berlin. Einmal jene der kaiserlichen Linie, welche den Ausgleich oder was auch immer mit England nicht wünschte und die zweite, politisch-diplomatische Richtung des Reichskanzlers, welche durchaus mit Goschen freundliche Beziehungen suchte. Dessen Einschätzung der Kaiserin und des Kronprinzen beruhte allerdings auf Irrtümern, denn die Kaiserin sorgte systematisch dafür, jegliche Konzilianz gegenüber England für die Zukunft auszuschließen. Goschen notierte in seinen Aufzeichnungen:

„I confess I don’t think all the Court people like me: the Emperor doesn’t I am sure. The Crown P’ce I think does – and I generally get on well with Eulenburg and Conutess Brock and certainly with the Empress. The Chancellor and I are I think very good friends. But of course there is a great deal of diff’ce between me and Lascelles – and the times are different“ Hervorh.v.m., B.S..

Bethmann Hollweg sei von Kiderlen in die Marokkoaffäre, geradezu unwissend, hineingetrieben worden ist eine verbreitete irrige Meinung einiger entfernt Beteiligter. Dass dies nicht zutraf, bestätigt Asquith, der über des Kanzlers starke „Neigung zur Präponderanz“ spricht. Das Ergebnis sei eine Enttäuschung gewesen:

„in der Handelei, die bei den endgültigen Berliner Vereinbarungen zwischen Frankreich und Deutschland im November des gleichen Jahres folgte, wobei die Welt knapp einem europäischen Krieg entgangen war, gab Deutschland alles, was es in Algeciras und dem nachfolgenden Experiment eines Kondominiums mit Frankreich in Marokko erreicht hatte, gegen einen Gebietsstreifen im französischen Kongo auf“.

Das Jahr 1911 ging dem Ende entgegen und eine Äußerung, die Bethmann Hollweg im Anschluss an ein Essen in ausgiebiger Diskussion mit Goschen tätigte, zeigte, wie der Kanzler die momentane politische Situation einordnete. Der Gesandte fragte nach Bethmann Hollwegs Neigung zur Musik. Doch der Kanzler antwortete, dass

„there was too many[sic] discords in the atmosphere – for him to play harmonious music“ Hervorh.v.m., B.S..

Grey gegenüber führte der britische Botschafter diese Episode ein wenig genauer aus:

„I dined with the Chancellor last night and we had a little friendly conversation together upon recent events. We have one great thing in common which is love of music. I asked him whether he had had time lately to play his usual Beethoven sonata before going to bed. He said ‚My dear Friend you and I like classical music with its plain and straightforward harmonies; how can I play my beloved old music with the air full of modern discords?”Hervorh.v.m., B.S..

London: Kriegsvorbereitung.

Der britische Außenminister hielt am 27. November eine Grundsatzrede, in welcher der Außenminister nachdrücklich jegliche Tendenzen der britischen Außenpolitik zu aggressivem Vorgehen gegen Deutschland dementierte. Grey eröffnete die kühne Perspektive, „in ein bis zwei Jahren“ könne

„das Gerede über den großen europäischen Krieg aufhören, und daß nicht nur Deutschland und England, sondern auch ihre beiderseitigen Freunde einander mit steigendem Wohlwollen gegenüberstehen würden“.

So war das Jahr 1911 – aus Goschens Sicht – insgesamt genommen, ein armseliges. Schließlich, neben allen persönlich-familiären Rückschlägen, hatte sich vor allem politisch die Lage verfinstert. Der englische Botschafter fasste zusammen:

„Germany and France over Morocco and Congo: Anglo-German very fishy relations and wars, rumours of war, Revolutions and Strikes all over the World!“Hervorh.v.m., B.S.

Das Kaisermanöver 1911 stand ganz im Zeichen der Marokkokrise. Zum einen wurde die Landung feindlicher Kräfte an der Küste Vorpommerns angenommen, zum anderen nahmen englische Zeitungen die Vorführungen zum Anlass, heftige Kritik am Nimbus deutscher militärischer Überlegenheit zu üben. Der Militärkorrespondent des „Berliner Tageblatt“, Oberst a.D. Gädke, beschrieb überraschend genau einige der merkwürdigen Bilder, die den Anschein kriegsmäßiger Anlage beschädigten. Dem Verteidiger Von der Goltz warf er vor,

„anstatt den Flankenmarsch Friedrichs des Großen bei Leuthen vor der Front des unbehilflichen Daun nachzumachen, hätte er sich vielleicht besser an das gehalten, was in so vielen Schlachten der Zweck aller künstlichen Manöver des großen Königs war. Das heißt: mit einem starken Flügel auf e i n e Flanke des Gegners zu fallen, den eigenen schwachen Flügel aber zu versagen“.

So gelang weder die durch Goltz angestrebte doppelte Umfassung, noch kam es zu kriegsmäßigen Gefechtsbildern. Einer „höchst unnatürliche[n], zu einer unmöglichen Lage, in der zwei rote Schützenlinien dos-à-dos Front nach Ost und West machten“. Gädke suchte dieser Mitteilung, durch ein Gegenbeispiel aus englischem Beritt, die Schärfe zu nehmen. Dieses habe „weit groteskeren[m] Umfang[e]“ besessen. Doch zitierte er dennoch einen mecklenburgischen Landwirt, der angesichts solcher Bilder rundheraus gesagt habe: „Das ist ja Quatsch!“ Dies sei die „einzige Episode“ während dieses Manövers gewesen, die „Kritik herausgefordert“ habe. Dass dennoch der Militärkorrespondent der britischen „Times“, Oberst À-Court Regington, just an den Vorführungen dieses Kaisermanövers kein gutes Haar lassen sollte, rückt zumindest die positiven Bewertungen des „Berliner Tageblatts“ in ein kritisches Licht.

Die britische Kritik dieser Herbsttage brachte die Abschlussbesprechung des Kaisers auf dem Manöverfeld in Vorpommern. So sollte eingegrabene Infanterie „die Schützengräben gleich so breit“ anlegen, „daß alle Kräfte darin untergebracht werden“ könnten. „Während der Schlacht“ hätten sich „die Kavallerie=Führer…in nächster Nähe und im Bereiche des Infanteriekampfes“ aufzuhalten. Um die Manöver „nicht friedensmäßig“ zu beeinflussen, sei durch die „Artillerieschiedsrichter… taktvolle Arbeit“ zu leisten. Die Entschlüsse der „Roten Partei“ wurden durch den bayerischen Militärbevollmächtigten Gebsattel als „kriegsmäßiger“ beurteilt „als jene von Blau“. Anders als offensichtlich bewertet, wäre die 74. Brigade in dem Gefecht bei Friedland „nahezu vernichtet worden“, so Gebsattel. Ungenügende Artilleriewirkung durch zersplitterte Unterstellungen, „am 12….drei vollkommen getrennte[n], zum Teil sehr weit von einander entfernte[n] Gefechte“ und offenbar ein vorherbestimmter Erfolg der Verteidiger unter Von der Goltz, bestätigten geradezu vollinhaltlich die als zu harsch empfundenen Vorwürfe Repingtons gegen den Ausbildungsstand der deutschen Armee. Auch Gebsattel wies auf die möglicherweise nachteilige Wirkung seines Berichtes hin. Er schrieb:

„man mag mir…vorwerfen, daß ich meinen alten Grundsatz: nur der Erfolg hat Recht! untreu würde“.

So tief wie der bayerische Militärbevollmächtigte, vermochte der Korrespondent der „Times“ nicht hinter die Kulissen zu sehen. Gebsattel gab seinem Kriegsminister einen Eindruck der korrupten Verhältnisse in der Berliner Generalstabszentrale. Er schrieb:

„Ich behaupte aber, daß der Erfolg von Blau mehr als durch die Anordnungen des A[llerhöchsten] O[ber] K[ommandos] erreicht wurde durch die – jenen, wie oben gezeigt, zum Teil sogar widersprechende – Initiative der Unterführer, durch Fehler des Gegners und durch den Umstand, daß die im Ernstfalle am 1. Tage wohl vernichtete 41. Div[ision]. am 2. Tage wieder in voller Stärke ausschlaggebend wirken konnte“.

Weiter schienen „Willkür und Ungehorsam“ in der Armee zunehmend für „Initiative“ gehalten zu werden. Dies habe gerade das Kaisermanöver dieses Jahres bewirkt. Gebsattel entschied sich in dieser Frage dennoch für den Erfolg. Er fasste zusammen:

„Wenn die dem Willen und der Absicht der oberen Leitung entgegengehende Initiative entscheidenden Erfolg hat, dann ist sie berechtigt!“

Grundsätzliche Verschiebung der militärischen Lagebeurteilung.

Im Nachhinein sollte der Kriegsminister Heeringen für den „Sommer 1911“ feststellen, die „Lage habe sich in wesentlichem Umfange“ geändert:

„Es stellte sich heraus, dass mit einer zurückhaltenden Stellungnahme Englands bei diesem Konflikt nicht mehr gerechnet werden dürfte, dass sein tätiges Eingreifen auf Seiten unserer Gegner vielmehr zu erwarten war. Russland machte, mit finanzieller Unterstützung Frankreichs riesige Anstrengungen zur Wiederherstellung seines Heeres und musste nach dem Fortfall jeder Bedrohung im Osten sehr bald als ein starker Faktor auf der uns feindlichen Seite in Rechnung gestellt werden. Andererseits war ein namhafter Teil der militärischen Kraft Italiens durch das tripolitanische Abenteuer gefesselt.
Zwar schien es nicht wahrscheinlich, dass bei der französischen Regierung zur Zeit de[a]s Bestreben[s] vorliege, einen Krieg mit Deutschland herbeizuführen. Andererseits war die chauvinistische Stimmung des französischen Volkes sehr erregt und in seiner Armee – mit veranlasst durch die zurückhaltende Militärpolitik Deutschlands – das Gefühl der eigenen Stärke wieder erwacht. Mit oder ohne den Willen der Regierung konnte gegen uns unerwartet ausbrechen“ Hervorh.v.m., B.S..

Gleichzeitig erregte die unerwartet massive Kritik westlicher Militärfachleute an der deutschen Armee Presse und politisch-militärische Fachkreise. Heeringen kommentierte diese Vorgänge, selbst noch nach 1918, äußerst detailliert:

„Dank der unerhörten Hetzereien im Ausland und der vielen Reden p.p. Unberufener im Inland stehe das deutsche Feldheer in den Augen unserer Gegner nicht mehr so achtunggebietend da, um einen Waffengang mit ihm zu scheuen. Eine neue deutsche Marine-Vorlage könne u.A. der Anlass zu einem feindlichen Vorgehen Englands geben. Dann hätten wir unbedingt den Krieg mit Frankreich, England und Russland. Ohne Verbündete finge England keinen Krieg an und wenn es wider Erwarten dies doch täte, wären wir gezwungen, alsbald auch Frankreich vor die Klinge zu nehmen. Die sicher kommende Abrechnung mit unserem westlichen Nachbarn zu verschieben, bis ein englisches isoliertes Vorgehen uns geschwächt habe, würde an Selbstmord grenzen. Könne eine ausreichende Erweiterung der deutschen Wehrkraft zu Lande und zu Wasser nicht gleichzeitig erfolgen, so müsse zunächst eine Verstärkung des Heeres in einem, den Frieden sichernden Umfang erfolgen. Kein noch so durchschlagender Erfolg auf dem Wasser mache eine entscheidende Niederlage des Landheeres wett. Auf dessen Sieg oder Niederlage ruhe das Schicksal unseres Vaterlandes“ Hervorh.v.m., B.S..

Heeringen zitierte das Schreiben Moltkes vom 2. Dezember an den Kanzler:

„Immer bleibt es Pflicht jedes Staates nicht nur den kommenden Ereignissen ruhig in’s Auge zu blicken, sondern sich auf den Tag der Entscheidung vorzubereiten, der darüber entscheiden wird, ob seine innere Kraft ihn zu weiteren Lebensforderungen berechtigt oder nicht. Auch Deutschland muss sich für diese Entscheidung rüsten. Ich halte sowohl einen Weiterbau seiner Flotte, als auch eine stärkere Heranziehung seiner waffenfähigen Mannschaft für das Heer, also eine Erhöhung seiner Friedenspräsenz für ein Gebot der Selbsterhaltung. Beides muss Hand in Hand gehen“ Hervorh.v.m., B.S..

Ein Jahr vor dem „Kriegsrat“: parallele Entwicklung.

Die am 5. Dezember abgehaltene Konferenz zwischen Kriegsministerium und Generalstab habe „über diese Ziele volle Einigkeit“ gebracht. „Wenigstens die Offiziere des Kriegs-Ministeriums“ hätten „die befriedigende Ueberzeugung“ mitgenommen,

„dass in Uebereinstimmung mit dem Generalstab durch die beabsichtigte Gesetzvorlage ein erheblicher Vorteil für die Armee geschaffen werden würde. Erst nach über Jahresfrist – im Januar 1913 – trat der Chef des Generalstabes der Armee mit der Ansicht hervor, dass er schon damals die Absichten des Kriegsministeriums für durchaus unzulänglich angesehen habe“ Hervorh.v.m., B.S..

Das leitet jedoch ex post in den Kampf um die Schuldzuteilung für den verlorenen Krieg über, der nach 1918 voll einsetzte. Folgen wir Heeringen, dann ist dies

„dem Kriegsminister und…auch keiner anderen Stelle gegenüber…zum Ausdruck gelangt. Der Generalstab nahm vielmehr[,] als das Kriegsministerium in einem Schreiben vom 16.12.[19]11 ausdrücklich betonte, dass in der Besprechung vom 5.12.[19]11 volles Einverständnis über die Absichten erzielt worden sei, die beim der neuen Heeresvorlage zu verfolgen seien, dies in seiner Antwort vom 19.12.[19]12 unwidersprochen hin“.

Am 9. Dezember teilte Wilhelm II. Müller mit, der Reichskanzler habe sich entschlossen, „die gemeinsame Vorlage im Februar-März [1912] vorzulegen“. Am 19. Dezember „verlangte“ Bethmann Hollweg den „Bericht des R[eichs]. M[arine]. A[mts]., des R[eichs].Sch[atz].A[mts]. und des Kriegsministers über [die] anzuschlagende Verstärkung des Heeres und der Marine und über [die] Kostendeckung“. Am 23. Dezember betonte der Kaiser gegenüber von Müller erneut, „die Mehrforderungen für Armee und Marine“ würden „alsbald nach Zusammentritt des neuen Reichstages eingebracht“ Hervorh.v.m., B.S.. Tirpitz wurde mitgeteilt, der Kaiser wünsche, „dass der Bauplan der Novelle gegen den ersten Entwurf wesentlich redigiert werde“. Am selben Tage berichtete Müller Wilhelm II., der Reichskanzler habe „nach wie vor ernsthaft im Auge…, die Mehrforderungen für Armee und Marine im nächsten Frühjahr einzubringen“. Er bitte jedoch, „den endgültigen Zeitpunkt der Einbringung nach den vorliegenden inner- und außenpolitischen Verhältnissen wählen“ Hervorh.v.m., B.S. zu dürfen. Bethmann Hollweg habe

„schon die Chefs der Armee- und Marineverwaltung auf den Weg der Vereinbarung im Rahmen der zur Verfügung zu stellenden Mittel verwiesen“ Hervorh.v.m., B.S..

Das lief erklärtermaßen auf „die Herabsetzung der Forderungen beider Ressorts“ hinaus. Eine „B e s c h l e u n i g u n g der Wehrvorlagen“ sei damit beabsichtigt.

Am 13. Januar 1912 forderte der Kanzler den Kriegsminister auf, „einen Gesetzentwurf über die geplanten Heeresverstärkungen auszuarbeiten, der vom R[eichs].Sch[atz].A[mt]. geprüft werden kann“. Am 26. Januar wurde dem Kanzler durch Tirpitz mitgeteilt, der Kaiser habe „das alternierende Bautempo in der Flottennovelle“ dahingehend genehmigt, „daß 1912-1917 nur 3 Linienschiffe in Bau genommen werden sollen. Drei Tage später sandte der Reichskanzler die „aufzubringenden Kosten f[ür] Herr und Flotte.

Heeringen stellte 1918 rückblickend fest:

„Da der Chef des Generalstabes der Armee für den Weiterbau der Flotte eintrat, fiel die Entscheidung zu Gunsten der gleichzeitigen Vorlage einer Heeres- und einer Marine-Vorlage an den Reichstag. Leider – möchte ich sagen, denn nun standen beide Vorlagen unter schärfstem finanziellen Druck…“.

Bereits Ende 1911 war dem Kriegsminister klar gewesen, dass unverändert an dem Grundsatz festzuhalten sei, die deutsche

„Ueberlegenheit [bestehe] wie bisher in dem besseren inneren Gehalt unseres Heeres“, [der]…auf seiner moralischen und körperlichen Tüchtigkeit, auf seiner Ausbildung und Ausrüstung, seiner Organisation und Mobilmachung beruhte“ Hervorh.v.m., B.S..

51 – Resümee.

Parallel waren der Kaiser, Tirpitz und Metternich ein letztes Mal zusammengetroffen und erörterten die deutsch-englischen Beziehungen. Über diese Konferenz berichtete Metternich, im Jahre 1927, an den Publizisten Maximilian Harden:

„…und ich betonte die günstige Stimmung in England. Tirpitz erklärte, daß er aus vertrauenswürdiger Quelle erfahren habe, daß zur Zeit der Marokkokrise, als der Kaiser an Bord seiner Jacht in norwegischen Gewässern war, englische Torpedoboote den Befehl erhalten hatten, im Falle von Feindseligkeiten die kaiserliche Jacht zu versenken. Als der Großadmiral bei der Erzählung dieses Märchens ernst seinen Bart strich und der Kaiser sich an mich wandte und ausrief: ‚Und Sie wollen, daß ich mit diesem Volk zu einer Verständigung komme’?, erkannte ich, daß die beiden das Flottengesetz bereits entschieden hatten und weitere Einwendungen nutzlos waren!“ Hervorh.v.m., B.S.

Edward Grey schrieb, nach der Agadirkrise, an den amerikanischen Präsidenten Roosevelt über die Deutschen:

„Die Deutschen, oder besser die Preußen – denn die Süddeutschen sind von verschiedenem Schlag und Temperament – sind ein sehr schwieriges Volk. Sie beginnen eine Unterhaltung damit, daß sie den anderen auf den Fuß treten, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, wenn er nicht hinsieht, und dann sind sie überrascht und sehr verärgert, wenn die Unterhaltung nicht glatt geht…Aber um gut weiterzukommen, muß man das Gefühl haben, mit jemand zu tun zu haben, dem man zutrauen kann, daß er nicht eine eigensinnige Wendung vornimmt“ Hervorh.v.m., B.S..

Übersteigerten Erwartungen durften sich die Briten, selbst den Amerikanern gegenüber, nicht hingeben. Als der neue amerikanische Botschafter, Walter Page, im Oktober 1913 an seinen Präsidenten erste Eindrücke aus London berichtete, war die europäische Entwicklung bereits weit vorangeschritten. Was aus den folgenden Ausführungen herging:

„Gott sei gepriesen für diesen Atlantischen Ozean! Er ist das geographische Fundament unserer Freiheit. Eine Zivilisation, besonders eine alte Zivilisation, ist keine leicht zu knackende Nuß. Aber ich bemerke, daß die hellsichtigen Leute ihre Gedanken auf uns gerichtet halten…Sie vergessen nie unsere Kraft, unsere Anpassungsfähigkeit, unsern mächtigen Reichtum. Sie werden fest zu uns halten, aus Gründen der Vernunft so sehr, wie aus Gründen der Verwandtschaft. Und wann immer wir auch nach der Führerschaft in der Welt trachten sollten, sie würden sie uns zugestehen – allmählich – und loyal. Sie können nicht Franzosen werden und sie mögen die Deutschen nicht. Sie müssen in unserem Boot bleiben, wegen der Sicherheit so sehr, wie wegen der Bequemlichkeit“ Hervorh.v.m., B.S..

Deutscherseits Policy of Pretention war das Ziel gewesen, einen erheblichen Zuwachs an Kolonialgebieten zu erzielen und dabei gleichzeitig zu demonstrieren, „dass die britische Demokratie zu träge und zu friedliebend sei, um im Augenblick der Gefahr die Tripleentente zu unterstützen“. Ob Grey, Churchill, Tirpitz oder Haldane, sämtlich bestätigen die Augenzeugen, den hohen Zäsurcharakter dieser Krise. Hatte doch das Inselreich, spätestens seit dem 26. Mai 1911, begonnen, sich auf einen europäischen Krieg umfassend vorzubereiten. Die Vollsitzung des Empire Verteidigungsrates 26. Mai, die außerordentliche Sitzung des Reichsverteidigungsrates 23. August, und schließlich der dort gehaltene Vortrag von General Henry Wilson, setzten die ultimativen Präparationen des Inselreiches auf den großen Krieg in Gang. Allerdings nahmen diese Bezug auf die seit 1905 andauernden, eher informellen, Stabsbesprechungen zwischen englischen und französischen Generalstabsoffizieren.
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Exkurs.

PA-AA. R 1374. Legationsrat Freiherrn v.Eckardstein, 1.1.[19]08-31.12.1914. Ebd. R 1356. Vom 8.2.1910 datiert ein anonymer Brief in den Akten des Auswärtigen Amtes an Bethmann Hollweg: „Nehmen Sie doch den Abschied-Herr von Bethmann, und lassen Sie andere Leute ans Ruder – Männer wollen wir sehen, nicht Leute die vor S.M. sich beugen und nach der Pfeife tanzen! Die Nachwelt lacht ja über solche Leute wie Sie sind, wir brauchen einen Kanzler, der Haare auf den Zähnen hat und S.M. endlich zur Vernunft bringt! Was ist sein albernes Gottesgnadentum und sein Absolutismus—Dreck! Kein denkender Mensch kann sich heute dafür erwärmen. Freie Bahn wollen wir haben, die Intelligenz soll die Sache machen wenn auch die Entwickelung nicht so schnell kommen darf, wie linksstehende Elemente es wünschen, so muss man doch vom Kanzler verlangen, dass er nicht seine Basis auf derartig veraltetem Dreckkram errichtet, bleiben Sie bei Ihren Jagden oder auf dem Felde aber lassen Sie sich nicht durch Ihren blöden Ehrgeiz dazu verleiten, ein Amt anzutreten, für das Sie absolut ungeeignet sind. Wir machen uns ja der ganzen Welt lächerlich durch Ihre Leitung! Dabei kann auch ein sonst gesinnungstreuer Deutscher Mann die Lust verlieren, ein Deutscher zu sein! Adieu Exzellenz, packen Sie Ihre Sachen!“ Hervorh.v.m.,B.S.

http://www.news4press.com/Label/Presse.asp?Mitglieder_ID=28473&Mitteilungs_ID=902667

Strategie von Einst- Gegenwart heute. Schlieffen,Moltke,Mackinder-Obama. Europa von den USA verraten?

Sonntag, Januar 11th, 2015

policy-of-pretention

Wie Deutschland England am Kanal treffen wollte.

Wie Deutschland England am Kanal treffen wollte.

 

Der deutsche Aufmarsch von 1913/14 war bestimmt durch die enge Abstimmung zwischen militäischer Planung und politischem Ziel.

 

 

 

 

 

Bernd F. Schulte(c)

The German War-Plan of 1913/14 unveiled.

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This thesis (some news at linkedin/books reviews) is well known since the „Groener-School“ (Kuhl, Kluck, Groener, W.Foerster) attacked the former Chief of the General Staff, Generaloberst Helmuth von Moltke and his warplan (Bredt 1929).

Even the youngest publication of the „Forschungsamt der Bundeswehr“/Potsdam is following this path. In reality Moltke was of higher quality, and, in his strategic thinking, much more far reaching than viewed up till now. Not to speak of his close partnership with the Imperial Chancellor von Bethmann Hollweg and his „policy of pretention“. First, this as to the general warplan of Imperial Germany as whole, and secondly, in respect to the attended operations on the western and the eastern fronts.

In the east, Moltke even recognized the eventuality that russian forces might propell westward up to the river Oder, east of Berlin. For this reason, the fortress Küstrin was held on a modern standard (à la Brialmont): a belt-system of forts, resembling for instance Verdun. Even to be seen today in the landscape of the „Oderbruch“. In the west, Moltke thoroughly prepared the annihilation of the French armies of attack in Lorrain, between Metz and Strasbourg. His planning was characterized by a „unité de doctrine“, consisting of a sensible construct of attack and retreat. Sort of strategic „souplesse“, resembling the former French tactics, in the 1880ies.

Following the French forces, in full retreat, on the french forces‘ heels, the 6th German Army (Bavarian) should have to follow through the „Gap of Charmes“ (in the French line of fortresses between Verdun and Belfort), in order to reach hand to the 4th and 5th armies west of Verdun.

The 1st and 2nd German armies of the right wing had to take up front against the French forces, attacking out of Paris (Gallieni) in general direction: Reims/Verdun. Never the grand turn around westwars to Paris had been an option. The leading idea of the German military elite in those times remained completely d’accord with it’s glorious past, as well as with the intentions of the German emperor William IInd, who spoke of the battle of anihilation on the „Fields of Catalaun“ (450 pst J.Ch.), near Troyes. He wished a huge, doublesize „Sedan“. In his view: quite comprehensible, the originial German military thinking of those times, followed sort of a redline between Sedan (1870) and the Marne (1914).

The research of the „Imperial Archive“ at Potsdam (1919-1946) was centered around political objectives (after 1914/19, preparing the second attempt, meant: WW II, by outlining weak leaders and their faults like those at the river Sambre etc.) and combined research on the nowadays lost archive material. This of course revealed more than the commanders in chief, between the 3rd and the 2nd armies, were able to recognize in the dust of the Champaign-region. As well as the very eager von Kluck and von Kuhl of the 1st army, rushing for and aiming to Paris.

Moltke, on his side, was leading by strategic directives. A form of military leading, developed and executed in between 1864 and 1914 by the prussian army to a high standard, more general in tendence than in custom today, but furtheron following the great tradition of his uncle, the successfull Fieldmarschall of 1866/1870.

And: on th 4th of september 1914 he held back the 1st army and ordered a new objective: front against Paris! All this had nothing to do with the so called „Schlieffen-Plan“ of 1904/05. This paper Moltke found in February 1906 on his desk (Secret Archive of the Great General Staff). Forming more or less the simple heritage of the retired general count Schlieffen (containing his thesis, to spend in future more money for the army), and whom his rival, Colmar von der Goltz-Pascha, the instructor of the turkish army, named the „sleeping Ulan“.

There is, so to say, a lot of work left to the historians, open minded and not dominated by the interest of Gerhard Ritter (1956), who was calling the German military elite the loser of the First World War. By this defending the imperial politics of Bethmann Hollweg, and by this it’s positive tradition in the future to come past 1956.

German Historian on Mackinders Heartlands Masters – GEOPOLITICS

 
2.

 

  1. Bernd F. SchulteGuido Giacomo Preparata, Conjuring Hitler. How Britain and America made ​​the Third Reich, New York 2005, S. XIX and 311th“Conjuring Hitler“ defends the thesis that England and the United States would have made Hitler. Much more interesting, however, are two other aspects; namely that the First World War had been operated by systematically England and the realization that this type of strategy today – pursued by the United States against Europe – in our days.Based on the idea lies in England (Mackinder 1900), Eurasia (i.e. Germany and Russia in the composite) were stronger than the flanking powers („island states“) be. To prevent this, the powers fight on the mainland is to steer such that the continental European states competed with each other and thus in the long run a united front (west and east – including against Japan) itself can not emerge.To examine the documents listed in detail, we save ourselves here; but note that the method of Anglo-Saxon international relations always after a morally positive designed, pattern seems to drain (triggering war, crusade ideas, etc.). But what may not exclude that, formerly in London – now an elementary own war intent could be based in Washington. Seem to be that these days come out military conflicts from the fashion, forces itself on us now, since now „at war“ with financial, and monetary resources (eg to Europe) is. The American Preparata so – possibly – 2005 a US-American stratagem laid bare.From:
    http://www.forumfilm.de/link.php?dir=preparata

Das“Institut“ der Krisenkonferenzen im informellen Regierungssystem des Kaiserrreichs.

Sonntag, Januar 11th, 2015

Riezler 1930: „Riskante Partie aus Furcht (vor Rußland)“. Stattdessen: Bethmann Hollweg geht den Weg des Risikos.

Montag, Juli 28th, 2014

„Ist es wirklich notwendig, daß das Volk der Dichter und Denker noch länger als ein Jahrfünft scharfes Denken mit Philosophie – und welche Philosophie meint man – und Erfahrungsreiches Maßhalten mit Schwäche verwechsele“?
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Inhalt

Deutsch-Französischer Krieg: England wird nicht zusehen.
Kriegskurs: Die Krisenkonferenzen vom November-Dezember 1912.
Bethmann Hollweg und die Präventivkriegs-Forderung.

Im Duktus der Krisenkonferenz vom 3. Juni 1909.
1913: Das Jahr der Vorbereitung.
Italien.
England.
Präventivschlag gegen Frankreich im Frühjahr?

1913: Bethmann Hollweg für Krieg.

Des Kanzlers überlegene Armee- und Marinerüstung.
Die Rüstungpriorität bei der Armee.
Regiert wird um den Kaiser herum.
Das Scheitern des Flottenplans. Tirpitz verliert an Einfluß.
England rüstet weiter.
Das Bündnis Bethmann Hollweg-Moltke: Konzentration auf die Armee.

Rußland zum Gegner aufbauen. Die Disposition des Kriegsausbruchs.
Moltkes Lagebeurteilung Ende 1912.
Beziehungen zu Schweden: Kreist das Reich Rußland ein?
Der schwindende Nimbus der „besten Armee der Welt“.
Die „jüngere Linie“ deutscher Politik formiert sich.
Hat sich Berlin bereits für Krieg entschieden?
Bethmann Hollweg gerät unter Beschuß.

Rezept Bethmann Hollwegs: Frieden durch Brüskieren?
Tirpitz warnt vor dem Kriegstreiber England.
Stringentes Plädoyer für den Präventivkrieg.
Der europäische Krieg ist heute noch zu bestehen.
Die Lagebeurteilung Waldersees – negativ.
Waldersee/Moltke: Folgerungen 1914, Kritik des Reichsarchivs 1919.

7.7.1914: Eine rüstungspolitische Wende? Tradition gegen Moderne.
Moltke fordert sofortiges Handeln.
Verhindert der irische Bürgerkrieg und Englands militärisches Eingreifen?
1914: England, Frankreich und Rußland kriegsbereit?
Kurt Riezler 1930: „Eine riskante Partie aus Furcht“.

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Deutsch-Französischer Krieg: England wird nicht zusehen.

Durch den Tod des gerade in London installierten deutschen Botschafters Baron von Marschall sah sich der Kanzler Ende September 1912 veranlasst, dem Kaiser den Fürsten Lichnowsky als Nachfolger nahe zu bringen. Der deutsche Kanzler, Theobald von Bethmann Hollweg, erläuterte:

„Auch nach meiner Alleruntertänigsten Meinung wäre Lichnowsky zum Botschafter an sich nicht ungeeignet“.

„Gegen die Fürstin als Botschafterin gerade in London“ könne er allerdings „leider Bedenken nicht unterdrücken“.

Pünktlich, am 23. September, traf der russische Außenminister Sasonow in Balmoral ein. Nicht allein die persische Frage, sondern insbesondere die von Russland stark beeinflusste Entwicklung auf dem Balkan, bildeten den Gesprächsgegenstand. Russland beabsichtige seine Präsenz in Nordpersien weiter aufrecht zu erhalten, erläuterte Sasonow. Grey verhielt sich, wie üblich, zögernd-zurückhaltend, argumentierte mit dem schädlichen Eindruck, den dieser Umstand auf die mohammedanische Bevölkerung des Empire ausüben werde, und setzte so den russischen Außenminister in Zugzwang, als dieser auf sein eigentliches Interesse – die Balkanentwicklung – zu sprechen kam. Bereits zu diesem Zeitpunkt gab der britische Außenminister mit ungewöhnlicher Offenheit preis, Großbritannien werde sich genötigt sehen, Frankreich zur Hilfe zu kommen, wenn Deutschland versuchen würde, seinen westlichen Nachbarn zu zerschlagen. Nach Auskunft König Georgs V. hatte sich Gelegenheit „zu einigen langen und freundschaftlichen Gesprächen mit Sir Edward Grey“ ergeben. Der britische König berichtete:

„Ich stimme von ganzem Herzen mit Dir überein, daß Monsieur Sasonow ein aufrechter, gerader und ehrenhafter Mann ist, und ich bin überzeugt, daß er in Sir Edward Grey einen eben solchen fand. Nur zwischen zwei Staatsmännern mit so ähnlichen Naturen konnten alle zwischen unseren beiden Ländern bestehenden Mißverständnisse so offen erörtert und geklärt werden. Ich freue mich, sagen zu können, daß die Ergebnisse dieser Gespräche in höchstem Grade befriedigend waren“ (Hervorh.v.m., B.S.).

War es nötig, dass Sasonow seinem Kollegen Grey von dem Geheimvertrag Mitteilung machte, der im März 1912 zwischen Serbien, Bulgarien und Griechenland abgeschlossen wurde? Aber handelte es sich letztlich bei diesem Besuch des russischen Außenministers nicht eher um die Absicherung des russisch-österreichischen Konfliktes, im Gefolge des heraufziehenden Balkankrieges?

Bethmann Hollweg beschäftigte sich am 3. Oktober mit dem Wechsel im Amt des englischen Botschafters in Berlin und des deutschen in London. Goschen solle, so schrieb der Kanzler an Wilhelm II., durch einen einflussreicheren Vertreter ersetzt, und für den verstorbenen Baron Marschall Fürst Lichnowsky, trotz seiner exzentrischen Gattin, berufen werden. Den ganzen Vorbehalt des Kaisers zeigte dessen ausführliche Paraphe am Rande des Dokuments:

„Dann taugt er aber bei uns als Diplomat nichts und zeigt daß es London völlig egal ist wie es in Berlin vertreten ist. Eine Herabwürdigung für uns in unserer nationalen Ehre, und der Beweis dafür, daß die Verhandlungen ausschließlich in London geführt werden sollen. Darauf können wir uns nicht einlassen. Aendert England seinen Botschafter in Berlin nicht, so ist es klar, daß ihm nichts an einem besseren Verhältnis – politisch, diplomatischen u[nd] mit uns liegt. Und wir können es auch darauf ankommen lassen und weiterbauen!“

Dass Goschen, der englische Botschafter, alles tat, um mit dem Kanzler auf „good terms“ zu kommen, zeigt, dass er mit Bethmann Hollweg sogar längere Zeit deutsch sprach.

Am 5. September sandte Colmar von der Goltz, der langjährige Ausbilder der türkischen Armee, über Wahnschaffe dem Reichskanzler die berühmt gewordene Rede des Lübecker Kaufmanns Possehl: „Wehrmacht und Erwerbsleben“ in welcher „die wirtschaftlichen Folgen einer Mobilmachung behandelt“ wurden. Bethmann Hollweg nahm unverzüglich die Frage auf: „Sind wir wirtschaftlich auf einen Krieg gerüstet?“ Goltz antwortete am 9. September und leitete das Dokument – mit Fragen versehen – am 17. an das Reichsamt des Innern weiter.

Am 30. September verfügte die Mobilmachungs-Anweisung des Warschauer Militärbezirks:

„Allerhöchst ist befohlen, dass die Verkündigung der Mobilisation zugleich auch die Verkündigung des Krieges gegen Deutschland ist.“

Während der Gespräche von Balmoral, so eine weitere Quelle, habe der russische Ministerpräsident Sasonow Gespräche mit der englischen Regierung geführt, in deren Verlauf er gefragt habe, ob Großbritannien „in einen Krieg eintreten“ würde. Dem Russen sei geantwortet worden, das

„hinge davon ab, wie es zum Kriege käme. Keine britische Regierung könnte ohne Deckung der öffentlichen Meinung in einen Krieg eintreten. Die öffentliche Meinung würde keinen Angriffskrieg mit dem Ziel einer Revanche oder der Einschließung Deutschlands unterstützen… . Wenn jedoch Deutschland durch seine große, ich möchte sagen beispiellose Stärke dazu verleitet wird, den Versuch zu machen, Frankreich zu vernichten, glaube ich nicht, daß wir abseits stehen und zusehen würden, sondern daß wir alles täten, Frankreich vor der Vernichtung zu bewahren“ (Hervorh.v.m., B.S).

Kriegskurs: Die Krisenkonferenzen vom November-Dezember 1912.

So Grey zu Sazonow, bevor es zum Ausbruch der Balkankrise kam. Parallel – jedoch bereits, nachdem die Ergebnisse des Kriegs – nämlich der Verlust der türkischen Machtstellung auf dem Balkan, Realtität geworden waren – fixierte der englische König, am 5. Dezember 1912, gegenüber dem Bruder des deutschen Kaisers, am 2. Dezember, diese Position Großbritanniens erneut. Georg V. berichtete Grey:

„Prinz Heinrich von Preußen stattete mir hier vor drei Tagen einen kurzen Besuch ab. Im Laufe einer langen Unterredung über die gegenwärtige Lage fragte er mich ohne Umschweife, ob im Falle eines Krieges Deutschlands und Österreichs gegen Rußland und Frankreich England die beiden letztgenannten Mächte unterstützen würde. Ich antwortete, ‚unzweifelhaft ja, unter gewissen Umständen‘. Er bekundete Überraschung und Bedauern, fragte aber nicht, welches die besonderen Umstände wären. Er sagte, er wolle dem Kaiser mitteilen, was ich ihm gesagt hätte. Natürlich muß Deutschland wissen, daß wir nicht erlauben können, daß irgendeiner unserer Freunde kampfunfähig gemacht wird“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Georg V. machte über sein Gespräch mit dem Prinzen Heinrich ebenfalls dem Grafen Mensdorff, dem Gesandten Österreich-Ungarns, Mitteilung. Der König sagte, der Prinz „sei von seiner Erklärung, daß wir Deutschland nicht gestatten würden, Frankreich oder Rußland zu zermalmen, entsetzt gewesen (Hervorh.v.m., B.S.). Er, der König, habe dann seinen deutschen Vetter gefragt:

„Glaubst Du, daß wir weniger Ehrgefühl haben als Ihr? Ihr habt Allianzen mit Unterschriften, wir Ententen ohne Unterschriften, wir können aber weder Frankreich noch Rußland niederwerfen lassen“(Hervorh.v.m., B.S.).

Damit war der tatsächliche Grund für den Ausbruch des Kaisers vom 8. Dezember offen gelegt.

Grey antwortete dem Britischen König am 9. Dezember. Er schrieb über die Hintergründe der Äußerung Haldanes gegenüber Lichnowsky:

„Sir Edward Grey hält es für gefährlich, wenn die deutsche Regierung in der Meinung gelassen würde, daß England unter gar keinen Umständen Frankreich und Rußland unterstützen würde, wenn Deutschland und Österreich diese Mächte bekriegten; er hält es für sehr glücklich, daß Eure Majestät in der Lage waren, Prinz Heinrich eine Antwort zu erteilen, die es unmöglich macht, daß er einen solchen falschen Eindruck nach Berlin mitnimmt“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Grey stellte im Folgenden klar heraus, welches das mögliche Szenario des kommenden Krieges sein könne. Keinesfalls bestand demnach in London Unklarheit über die Gefahren der Lage. Grey führte aus:

„Euer Majestät Regierung ist im Falle eines Krieges in keiner Weise festgelegt und die öffentliche Meinung Englands ist, soweit Sir Edward Grey dies beurteilen kann, gegen einen sich aus einem Streit um Serbien ergebenden Krieg eingestellt. Wenn jedoch Österreich Serbien angriffe und Deutschland daraufhin gegen Rußland zu Felde zöge, wenn dieses Serbien zu Hilfe käme, und wenn auf diese Weise Frankreich in den Krieg verwickelt würde, dann könnte sich für England die Notwendigkeit ergeben, für die Verteidigung seiner Stellung in Europa und für den Schutz seiner eigenen Zukunft und Sicherheit zu kämpfen (so wie der deutsche Kanzler erklärt hat, daß Deutschland kämpfen würde).“

Inzwischen hatte Prinz Heinrich dem Kaiser über das Gespräch mit Georg V. in York Cottage berichtet, England werde „vielleicht neutral bleiben, keinesfalls auf Deutschlands Seite treten und wahrscheinlich sein Gewicht in die leichtere Waagschale werfen“ (Hervorh.v.m., B.S.). Wilhelm II. bemerkte dazu:

„Bereits erledigt, es geht mit Frankreich“.

Diese Erkenntnis bildete den Ausgangspunkt für die Einberufung des sogenannten „Kriegsrates“ vom Sonntag, dem 8. Dezember 1912, durch den Kaiser. Prinz Heinrich berichtete Georg V. über die Reaktion seines Bruders:

„Ich berichtete ihm, ich hätte die Überzeugung gewonnen, daß, falls Deutschland in einen Krieg mit Rußland und in der Folge auch mit Frankreich verwickelt werden sollte, England vielleicht neutral bliebe, doch sei zu befürchten, es werde sich unter Umständen auf die Seite unserer Feinde schlagen. In seiner Antwort schrieb Wilhelm, meine Eindrücke seien leider richtig, denn auch Haldane habe in seiner Unterhaltung mit dem deutschen Botschafter, die am 6. Dezember, dem gleichen Tage, an dem ich liebenswürdigerweise von Dir in Sandringham empfangen wurde, stattfand, unumwunden und offiziell im Namen von Sir Edward Grey genau das gleiche erklärt. Wilhelm fügte hinzu, er müsse, wenn es auch einen ziemlichen Schock verursacht habe, daraus die Konsequenzen ziehen.
Wir alle sind der Ansicht, daß England mit dieser Haltung seinen alten Grundsatz verfolgt, keiner Nation zu gestatten, auf dem Kontinent die Vorherrschaft an sich zu reißen. Ich hoffe, Du bist Dir dessen bewußt, daß die Verantwortung, die England damit für den Frieden der Welt übernimmt, sehr groß ist. …
Denke nicht, Georgie, daß wir uns fürchten, aber wir wünschen niemandem Schlechtes! Bitte erwäge die Lage noch einmal, bevor es zu spät ist! Wenn England und Deutschland einig wären, wer auf dieser Welt würde sich noch etwas herauszunehmen wagen? Haldanes Erklärung vom 6. läßt leider keinen Zweifel und Du wirst Dich nicht wundern, wenn wir in Zukunft alles tun, was wir können, um uns gegen jeden Schlag vorzubereiten, der gegen uns geführt werden könnte, um unsere Existenz zu ruinieren“.

Diese Linie dynastischer Politik ergänzte gekonnt, und gar nicht unintelligent, wie dies der Unterstaatssekretär im britischen Foreign Office, Nicolson, sieht, das diplomatisch-politische Bemühen Bethmann Hollwegs um eine Annäherung zwischen England und Deutschland. Welches das taktisch-strategische Ziel solcher Anstrengungen war, ließ dieser Brief des Prinzen Heinrich in einer Mischung aus Lockung, Schmeichelei und Drohung ahnen.

Der Münchener Historiker Karl Alexander von Müller hat 1938 die Dichotomie des Greyschen Urteils folgendermaßen zusammengefasst:

„War sein letztes Ziel der Frieden Europas oder war es die Niederhaltung Deutschlands um jeden Preis, oder bewegte er sich unentschieden zwischen beiden hin und her?“

Jedenfalls bescheinigte Grey in seinen Memoiren den Deutschen, „in diesem Augenblick jedoch keinen Krieg“ gewünscht zu haben, „obgleich sie nicht die sichere Straße zum Frieden“ hätten gehen wollen (Hervorh.v.m.,B.S.). Jetzt erst, nach der Kriegserklärung Österreichs an Serbien, am 28. Juli, forderte Deutschland Mäßigung. Doch es war, nach des Historikers Trevelyans Meinung, zu spät. Rußland glaubte nun, um Serbien zu retten, mobil machen zu müssen. Da die russische Bereitstellung weit langsamer, als jene der Mittelmächte sei. Petersburg machte am 30. August mobil. Der deutsche Generalstabschef, Generaloberst Helmut von Moltke, noch bevor er darüber genaue Nachricht in Händen hatte, übte Druck auf Österreich aus, sofort mobil zu machen. Deutschland werde sofort folgen (Hervorh.v.m., B.S.). Grey deutete in einem Schreiben an den amerikanischen Außenminister Spring Rice an, wo das „Movens“ dieser Krise angesiedelt sei, nämlich in Berlin:

„Erst fünf Tage später waren Rußland und Österreich im Kriegszustand, und hätte man sie allein gelassen, hätte es keinen Krieg gegeben“.

Und 1915 schärfte sich der Blick des englischen Außenministers weiter:

„Je öfter ich daran denke, desto schrecklicher scheint mir, daß Deutschland sich weigerte, einer Konferenz im Juli des letzten Jahres zuzustimmen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Diese Sicht behielt Grey auch nach seiner Amtszeit bei. Den inneren Zusammenhang der Vorgänge konnte er nicht durchschauen, solange er die unbedingten Friedensziele der Deutschen axiomatisch setzte. Der Leiter des Britischen Foreign Office fasste die Ereignisse treffend zusammen. Die Frage nach den Motiven der deutschen Seite blieb:

„Ich dachte, die Deutschen seien aus dem Grunde gegen eine Konferenz, weil Rußland sie zur Mobilmachung benutzen würde, und wenn Deutschland das zu seinem Einspruch angeführt hätte, hätte ich gegen die Mobilmachung oder die Kriegsvorbereitungen Rußlands bis zu einer Konferenz Einspruch erheben können“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Schließlich machte Grey die „preußische Natur“ für den Kriegsausbruch verantwortlich. Ohne Zweifel traf es zu, dass in Berlin genügend Warnungen vor einem englischen Kriegseintritt bekannt wurden. Trevelyan fasst zusammen:

„Seit 1906 hatte Grey ihr von Zeit zu Zeit mitgeteilt, im Falle eines Angriffs auf Frankreich nicht auf unsere Neutralität zu rechnen. Im Dezember 1912 hatte der König selbst eine ähnliche Botschaft durch den Prinzen Heinrich von Preußen an den Kaiser gerichtet, die durch Haldanes gleichzeitige Worte mit der gleichen Wirkung unterstrichen wurden. Schließlich erhielt Bethmann-Hollweg selbst am 29. Juli 1914 die Warnung ohne Umschweife durch Greys entrüstete Ablehnung auf sein Angebot für eine englische Neutralität. Der deutsche Kaiser bot für den Fall, daß England nicht am Kriege teilnähme, an, nur französische Kolonien und keine weiteren Provinzen nach dem deutschen Siege zu annektieren“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der britische Außenminister glaubte,

„daß die Eroberung Frankreichs, gegen das Deutschlands erste und größte militärische Absicht gerichtet war, eine deutsche Herrschaft in Europa bedeuten würde, gleich unwiderstehlich wie das römische Imperium, mit England in der Rolle des verurteilten Karthago. Und die Möglichkeit einer sofortigen französischen Niederlage war sehr groß, wenn wir abseits blieben – sie war, wie wir jetzt wissen, eine Sicherheit. Und Grey war sicher, daß in der Folge wir selbst vernichtet würden, wenn wir nicht sofort und als einiges Volk in den Krieg eintraten“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Schließlich jedoch war aus britischer Sicht entscheidend, dass Großbritannien einig in den Krieg ging. Das formulierte der Außenminister so:

„Ich hatte die Hoffnung, daß es mein Schicksal sei, das Land vor dem Krieg zu bewahren. Aber vielleicht war meine wirkliche Aufgabe, es geeint in den Krieg zu führen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Es bleibt offen, ob anonyme Wirkkräfte oder zielgerichteter Wille des Staatssekretärs überwogen. In Großbritannien übte die große Gruppe der Neutralisten gewichtigen Einfluss im Entscheidung-Prozess aus. Diese sahen nicht, „wie völlig und schnell Frankreich und Belgien“ ohne die Hilfe Englands geschlagen gewesen wären. So gesehen, entbehrte Greys Haltung nicht der realen Basis, wenngleich von verschiedenen Seiten Bedenken gegen sein Vorgehen geltend gemacht wurden.

Bethmann Hollweg und die Präventivkriegs-Forderung.

Dass Bethmann Hollweg über die negative Entwicklung der Lage, welche Flottenstrategisch zum Gegenstand der Erörterungen gemacht wurde, informiert war, zeigte dessen exploratorisches Gespräch mit Admiral von Müller während des Jagdaufenthaltes in Letzlingen, am 8. November 1912. Der Reichskanzler habe gefragt, „ob Deutschland seine Bundespflicht Österreich gegenüber aufrecht erhalten“ solle, „auch wenn Österreich durch seine Forderungen (Serbien dürfe nicht Albanien annektieren u[nd]. keinen Hafen an der Adria bekommen) einen Krieg heraufbeschwöre“. Das klang durchaus danach, als ob Bethmann Hollweg sich Anfang November 1912 bereits in Erwägungen befunden habe, die einen europäischen Krieg berücksichtigten.

Müller berichtete dementsprechend am 9. November, „der Kanzler“ habe bei den Beratungen in Letzlingen „von vornherein … eine forsche Haltung eingenommen“. Er habe dann

„im Laufe des Tages mit S[einer]. M[ajestät]. in diesem Sinne gesprochen u[nd]., wie er glaubt, S[eine]. M[ajestät]. überzeugt, daß das Fallen Lassen Oesterreichs unmöglich sei“.

Die Kriegsbereitschaft der deutschen Flotte wurde jedoch nicht bestätigt. Eine Frage, die naturgemäß jegliche Option angesichts eines großen europäischen Krieges impliziert haben würde. Auch die Reise nach Springe am Deister erhielt „ein stark politisches Gepräge“, denn offenkundig wurde auch hier auf höchster Ebene beraten. Naturgemäß herrschte eine „recht ernste Stimmung“ unter „den anwesenden deutschen und österreichischen Gästen“. Angesichts der am folgenden Tag, dem 23. November, bekannt werdenden „kriegerische[n] Haltung Rußlands“ hielt die „trübe Stimmung“ an. Sasonow habe

„auf Vorstellung von Pourtalès [,der] Entfesselung eines großen Krieges wegen der serbischen Adriaaspirationen[,] mit der Schulter gezuckt u[nd]. nichts geantwortet“.

Den österreichischen Gästen, um den Erzherzog Franz Ferdinand, ging es zunächst um die Zusage deutscher Unterstützung bei einer möglichen militärischen Substitution der „wirtschaftlichen Herrschaft“ Österreich-Ungarns „über Serbien“. Dies vermittelte der Direktor der Deutschen Bank, und Orientexperte, Arthur von Gwinner, dem Chef des Marinekabinetts Admiral von Müller, dem Reeder Albert Ballin und dem Admiralstabschef Josias von Heeringen. Und der Reichskanzler gab dem Generalstabschef, wie im Tagebuch Hopman – und an anderer Stelle – vermerkt, die Zusage, eine große Heeresvermehrung betreiben zu wollen.

Der englische Gesandte teilte Nicolson in London mit, falls Russland gegen Österreich-Ungarn vorginge, Deutschland diesem beispringen werde, „then of course France must also chip in“ und England würde „confronted with a perfect beast of a problem“. Goschen analysierte weiter:

„To my mind it means a catastrophe which ever way we solve it. Because it would be a catastrophe in itself to be dragged into a terrible war for a question originally paltry in itself and one in which we have no interest whatever. But – where should we be if we were to hold aloof? I shudder to think of it. What friends should we have left? And what figure should we cut?“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Panslawismus war ihm gleicherweise unheimlich. Die Schwäche der Nikolaus und Sazonow ebenfalls.

Dass die seit 1903 betriebene deutsche Politik des Ausgleichs und der Vertrauensbildung zu einem Erfolg geführt habe, konstatierte Müller nach einem Essen beim Staatssekretär des Auswärtigen, Kiderlen Wächter. Er habe hier eine „sehr ruhige Auffassung der Lage“ vorgefunden. Der Außenminister habe sogar betont, „diese sei entschieden günstiger als 1909 …, da heute sowohl Italien, wie auch England“ auf deutscher Seite stünden. Just in diesem Moment herrschte in Königsberg Unruhe wegen des ummittelbar drohenden russischen Aufmarsches. Auch der Kanzler verbreitete am Tag darauf zielbewusst eine betont ruhige Auffassung der Lage. Dass diese Entspannung der Situation, schließlich wiederum aus London kompliziert wurde, gehörte zu den Stereotypen deutscher Politik in den letzten Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Müller berichtete unter dem 3. Dezember, bei einem Vortrag im Schloss habe der Kaiser „sehr unter dem Eindruck der etwas unentschiedenen englischen Annäherung an Deutschland“ gestanden. Bereits zu diesem Zeitpunkt befand sich Wilhelm II. in einer gereizten Stimmung gegenüber Großbritannien. Nunmehr sollte nicht mehr „auf Worte“ vertraut werden, lautete die Devise, „sondern Taten“ sollten abgewartet werden.

Damit gab der Monarch bereits am 3. Dezember die Grundlagen Bethmannscher Englandpolitik auf. Gesehen werden muss, dass zu diesem Zeitpunkt die heißgelaufene allgemeine politische Situation – trotz aller Abwiegelungs-Versuche der deutschen Politik nach innen – unklar ließ, ob die Russen nicht doch zu den Waffen greifen würden. „Russische Kriegsgelüste“, und die Bedeutung der „Großfürstenpartei“ in der Petersburger Politik, beunruhigten dementsprechend die Abendgespräche in den Berliner Führungszirkeln. Dieses Gemenge aus allgemeinen See-, Landstrategischen und politischen Optionen, vor dem Hintergrund der konkreten Kriegskrise auf dem Balkan, in die sämtliche europäischen Staaten, über den Zusammenbruch der Türkei, verwickelt waren, führte am Sonntag-Vormittag des 8. Dezember 1912 zu einer weiteren Krisenkonferenz im Berliner Schloss, die sich vor allem mit den militärischen Schlussfolgerungen und Maßnahmen beschäftigte, die zu ergreifen seien, nachdem der englische Kriegsminister Haldane dem deutschen Botschafter in London eröffnet hatte, Deutschland dürfe mit einer englischen Neutralität, im Falle eines Krieges mit Frankreich, nicht rechnen.

Haldane habe begründet, so notierte Müller, gemäß den Ausführungen des Kaisers gegen 11 Uhr im Berliner Schloß, die Haltung des Inselreiches läge nun rückhaltlos offen. „England“ könne „nicht dulden, daß die „balance of power“ in Europa gestört werde“. Damit war die Rechnung mit der englischen Neutralität kompliziert, die Bethmann Hollweg seit Antritt seines Amtes im Juli 1909 zielstrebig verfolgt hatte. Wie der Kaiser es offen sagte – und seit Anfang Dezember erkannte – war des Kanzlers Außenpolitik insgesamt kompromittiert. Denn dieser steuerte ebenso zielstrebig, auf diese „erwünschte Klärung der Situation“, auf einen Krieg mit Rußland zu, der, wenn dieses „den Serben stütze“, auch für das Reich „unvermeidlich“ sein werde. Ganz im Einklang mit den Grundzügen des deutschen Operationsplanes gegen Frankreich, schloss Wilhelm II. an, sei es die Aufgabe der Diplomatie, nun nach Osten Bündnispartner zu sammeln – darunter „in zentraler Stellung Österreich-Ungarn“ – sodass die deutsche Armee „frei“ sei, „um den Krieg mit ganzer Wucht gegen Frankreich zu führen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Gleichzeitig wurde das Lieblingsthema Wilhelms II. behandelt, nämlich der Krieg mit der Seemacht Großbritannien, welche die Flotte – ebenfalls in Einklang mit den Operationsplänen und Vorbereitungen der letzten Jahre – zu führen habe:

„Die Flotte müsse sich natürlich auf den Krieg gegen England einrichten. Der vom Ch[ef]. d[es].Admiralst[abs]. im letzten Vortrage erwähnte Fall eines Krieges gegen Rußland allein, werde nach der Haldaneschen Erklärung außer Betracht bleiben. Also gleich Unterseebootskrieg gegen englische Truppentransporte in der Schelde bzw. bei Dünkirchen, Minenkrieg in [der] Themse. An Tirpitz: Schleunige Mehrbauten von U-Booten etc. Empfehlung einer Konferenz aller interessierten Marinestellen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Ganz im Duktus der Krisenkonferenz vom Juni 1909.

Diese Konferenz vom 8. Dezember erhält ihre besondere Bedeutung, ähnlich wie jene am 3. Juni 1909 (Krisenkonferenz zur Kriegsgefahr mit England), durch die Gegenwart beider Wehrmachtsteile, nämlich des Admiralstabschefs Heeringen und des Chefs des Generalstabes Moltke. Überdies war die Flotte, vertreten durch den Verantwortlichen für die Rüstung, Tirpitz, sowie den Chef des Marinekabinetts. Moltke fasste das Ergebnis der Konferenz, mit seinem Votum für einen Krieg gegen Rußland, zusammen; was letztlich nichts anderes war, als die Unterstützung der Englandpolitik des Reichskanzlers und die Ablehnung der anti-West, also gegen England, gerichteten Zielsetzungen Tirpitz‘. Die Konkurrenz zwischen Armee und Flotte trat nunmehr offen zutage, denn der Leiter des Reichsmarine Amts sah sich inzwischen gehalten, offen für ein Hinausschieben des großen Kampfes um 11/2 Jahre“ zu plädieren.- Das heißt – bis Juli 1914. Erst nach 1919 nahm Müller seinen Aufzeichnungen die Spitze, als klar war, dass im Zuge einer Diskussion um die Schuld am Weltkriege, derartige Äußerungen eine besondere Bedeutung erhalten würden. Dass sich die politische Führung des Reiches keinesfalls in bedeutender Distanz zu dieser, im Kreis der militärischen Spezialisten abgehaltenen, Konferenz befand, belegt die Notiz Müllers vom Nachmittag des 8. Dezember, die zeigt, dass der Reichskanzler unverzüglich über diese Vorgänge, und deren für ihn relevante Ergebnisse, in Kenntnis gesetzt wurde. Unmittelbar darauf begann die Umsetzung der hier, im Angesicht der Krise getätigten Beschlüsse. So schrieb am 11. Dezember der „Innenminister“ Delbrück an Bethmann Hollweg „wegen der Verhinderung von Ausfuhren kriegswichtiger Güter nach Rußland“. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Kanzler in Berlin. Am folgenden Tag hegte Bethmann Hollweg keine Bedenken, gegen eine Beurlaubung von Soldaten und Offizieren über Weihnachten. Auch bezeichnete er nun gegenüber dem Kriegsminister die Bewachung von Eisenbahnbauten als nicht mehr erforderlich. Parallel finden sich in den Akten der Reichskanzlei Publikationen zur Notwendigkeit eines deutsch-englischen Krieges und zur wirtschaftlichen Kriegsbereitschaft.

Wilhelm II. nahm in einem Gespräch mit dem schweizerischen Botschafter, am 10. Dezember im Neuen Palais zu Potsdam, ausdrücklich Bezug auf den nunmehr unvermeidlichen Kampf mit den den Slawen. D.h. Russland. Er schrieb am 15. Dezember an Ballin, noch ganz im Bann der Informationen, die Erzherzog Franz Ferdinand, im Umfeld von Springe, vermittelt hatte:

„Die slawischen Untertanen in Österreich waren sehr erregt geworden, und konnten nur durch energisches Auftreten der Gesamtmonarchie gegen Serbien in Ruhe gehalten werden. Wenn wir zur Waffe zu greifen gezwungen wären, so war es für uns, um Österreich zu helfen, nicht nur Rußland abzuwehren, sondern sich überhaupt der Slawen zu erwehren und deutsch zu bleiben…Ein Rassenkampf, der uns nicht erspart bleiben wird, denn es handelt sich um die Zukunft der habsburgischen Monarchie und die Existenz unseres Vaterlandes. Also eine Existenzfrage für die Germanen auf dem europäischen Kontinent!“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Der Kaiser, so der Britische Premier Asquith, sei „im Grunde ein Slawengegner geworden und bis zum Ende geblieben“. Bei dieser Gelegenheit bestätigte Wilhelm II., er habe „militärisch stets mit England als Feind gerechnet“ (Hervorh.v.m., B.S.).

1913: Das Jahr der Vorbereitung.

Italien.

Zu den militärischen Abmachungen mit Italien, für die Jahre 1913/14, ergaben sich im Laufe des Jahres gravierende Zweifel, hinsichtlich der Frage, ob „hinter der italienischen Absage einer Entsendung von Hilfskräften an den Oberrhein die verborgene Gefahr“ steckte, „daß Italien im entscheidenden Augenblick überhaupt neutral bleiben würde“. Daraufhin, so sollte das Reichsarchiv 1919 feststellen, habe Moltke versucht,

„durch erneute Verhandlungen mit dem italienischen Generalstabe ein Faustpfand in die Hand zu bekommen, durch das Italien im Fall eines europäischen Krieges zur Erfüllung seiner Bündnispflichten angehalten werden sollte. Dem von ihm nach Rom entsandten Oberquartiermeister Generalmajor Graf Waldersee gelang es auch, im Herbst 1913 zunächst die grundsätzliche Zustimmung des Dreibundfreundlichen italienischen Generalstabschefs Generals Pollio zur Wiederherstellung der alten Abmachung über die Entsendung einer italienischen Armee an den Oberrhein zu erlangen. Im Frühjahre 1914 wurde dann in Berlin durch den italienischen General Zuccari die bestimmte Zusage gemacht, daß eine Armee von drei Armeekorps und zwei Kavallerie-Divisionen zur unmittelbaren Unterstützung Deutschlands über die Alpen gesandt werden würde, und ihr Transport mittels österreichischer Bahnen im einzelnen geregelt. War somit auf der einen Seite im Frieden alles getan, was das Verharren Italiens im Dreibunde im Kriegsfall zu gewährleisten schien, so hütete sich General von Moltke doch wohlweislich, die unmittelbare militärische Hilfeleistung dieses Verbündeten auf dem Kriegsschauplatz nördlich der Alpen als einen feststehenden und unbedingt notwendigen Faktor in die Rechnung seines Operationsplanes einzustellen. Er widerstand daher auch dem Wunsche des österreichischen Generalstabschefs, für den in Aussicht gestellten Kräftezuschuß an italienischen Truppen eine Verstärkung der von Deutschland für den Osten bestimmten Streitkräfte von vornherein eintreten zu lassen. ´Zur Zeit muß man mit den gegebenen Verhältnissen rechnen´, schrieb er am 13. März 1914 dem General von Conrad, ´und wir müssen den Krieg so beginnen, als ob die Italiener überhaupt nicht zu erwarten wären. Wir können daher zunächst keine Änderungen in den einmal getroffenen Dispositionen eintreten lassen… Eurer Excellenz haben eine zu klare Einsicht in das Wesen des Krieges, um mir nicht zuzustimmen, wenn ich an dem Grundsatz festhalte, erst unsere Hauptkräfte einzusetzen, um den nächsten und gefährlichsten Gegner zu schlagen. Ist dies gelungen, können wir die dann frei werdende Kräfte gegen den zweiten einsetzen´“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Moltke habe, so das Reichsarchiv, ferner „auch noch in anderer Beziehung die Kräfte Italiens im Kriegsfalle dem gemeinsamen Interesse dienstbar zu machen“ versucht. „In Übereinstimmung mit den Chefs des italienischen und österreichischen [handschr. Einschub] Generalstabes“ habe der deutsche Generalstabschef „auf Abmachungen für ein einheitliches Zusammenwirken der maritimen Streitkräfte Italiens, Österreichs und so weit möglich auch Deutschlands, im Mittelmeer“ gedrungen. „Ein hierauf bezügliches Flottenabkommen wurde im Sommer 1913 geschlossen“, betonte das Reichsarchiv nach 1918. Die hochbedeutsame Denkschrift Waldersees aus dem Mai 1914 habe dennoch herausgearbeitet, als „wie wenig zuverlässig aber auch weiterhin die Haltung Italiens im deutschen Generalstab beurteilt wurde“. Es ging natürlich nach dem verlorenen Krieg darum, der Äußerung die aggressive Spitze zu nehmen.

England.

Dass inzwischen auch in der Wilhelmstraße, das heißt in Auswärtigem Amt und Reichskanzlei, eine neue Epoche längst begonnen hatte, bestätigte Wilhelm II. am 1. Februar 1913 in einem privaten Gespräch mit von Müller. Es ging bei dieser Gelegenheit zunächst um das englisch-russische Verhältnis in Kleinasien, und die Warnung Englands an die Adresse Rußlands, hier nicht weiter offensiv zu werden. Der Kaiser zitierte darauf den neuen Staatssekretär des Auswärtigen, und Nachfolger des verstorbenen von Kiderlen Waechter, Jagow, der geäußert haben sollte, „er würde der erste sein, der S[einer].Maj[estät]. den Krieg empföhle, wenn man versuchen wollte, Deutschlands Rechte in und auf Kleinasien anzutasten“. Dagegen habe sich der Staatssekretär gleichzeitig dagegen gewehrt, zu den „politischen Verhältni[ssen]“ vor der Budgetkommission des Reichstages zu sprechen. Über diese solle „z[ur]. Z[ei]t. am besten so wenig wie möglich gesagt werden“. Daß sich die Stimmung zunehmend verdüsterte, zeigte zusätzlich die vaterländische Rede des Kaisers anlässlich der Jubiläums-Feierlichkeiten der Berliner Universität. Wilhelm II. benutzte dort demonstrativ das „Wort des eisernen Kanzlers: „Wir Deutschen fürchten Gott u[nd]. sonst nichts auf der Welt“.

Auch in London zeigtigten die Vorgänge der letzten Wochen noch einmal Reflexe. So las König Georg dem Unterstaatssekretär im Foreign Office, am 18. Februar 1913, einen Brief des Prinzen Heinrich von Preußen vor, der noch einmal das Gespräch von Sandringham, vom 5.12.1912, reflektierte. Nicolson berichtete darüber Grey:

Prinz Heinrich schrieb, der Kaiser wäre von dem, was der König gesagt hatte, überrascht gewesen aber noch mehr durch die Tatsache, daß Haldane am gleichen Tage praktisch genau die gleiche Sprache gegenüber dem Fürsten Lichnowsky gebraucht hatte. Der Kaiser bemerkte, daß er nun wisse, wie er sich zu verhalten habe: er hätte immer zugunsten des Friedens gehandelt, aber im Hinblick auf die mögliche und wahrscheinliche Haltung Großbritanniens in zukünftigen Konflikten könnte er nicht getadelt werden, wenn er alle Vorbereitungen träfe, um jeder Möglichkeit zu begegnen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Am 8. Dezember hatte König Georg den Außenminister über sein Gespräch mit Prinz Heinrich von Preußen informiert. Der Monarch schrieb:

„Im Verlaufe einer langen Unterhaltung fragte er mich unumwunden, ob England im Falle, daß Deutschland und Österreich mit Rußland und Frankreich in einen Krieg verwickelt würden, den beiden letzteren Mächten seinen Beistand gewähren würde. Ich antwortete: ‚Zweifellos ja – unter gewissen Umständen.‘ Er gab seinem Erstaunen und seinem Bedauern Ausdruck, fragte jedoch nicht, was unter ‚gewissen Umständen‘ zu verstehen sei. Er sagte, er würde dem Kaiser berichten, was ich ihm erzählt hätte. Ich halte es für richtig, Deutschland wissen zu lassen, daß wir nicht zusehen können, wie einer unserer Freunde zerschlagen wird. Ich glaube, ich mußte Sie wissen lassen, was zwischen mir und des Kaisers Bruder in dieser Beziehung gesprochen wurde.“

Eine Äußerung, die – möglicherweise – erst in diesen Tagen London erreichte, zugleich jedoch recht genau die Situation in Berlin um den 8. Dezember 1912 umreißt.

Präventivschlag gegen Frankreich im Frühjahr?

Bis Ende März 1913 sollte sich die „politische[r] Lage“ nicht wesentlich entspannen, denn die Balkankrise glimmte weiter und so nahm der Reichskanzler gern, anlässlich eines Spazierrittes im Tiergarten, die Gelegenheit wahr, mit dem Flottenpolitischen Berater des Kaisers, Admiral von Müller, über die sich entwickelnde „Wehrvorlage u[nd]. [die] Orientkrise“ zu sprechen. Parallel bemühte sich Bethmann Hollweg um gute Beziehungen zu Großbritannien. Die Akten des Foreign Office belegen, wie der Kanzler, zum Beispiel im Verlauf des Jahres 1912, versuchte, über den Vorschlag einer Union von Sansibar und Pemba mit England über Kolonialfragen ins Gespräch zu kommen. Gleichzeitig suchte der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Stumm, bei Bertie Konzessionen des Inselstaats zu erhandeln und Kühlmann dachte, territoriale Absprachen sollten einem deutsch-englischen Flottenabkommen vorausgehen. Ganz und gar nicht entspannt stellte sich aus britischer Sicht die europäische Lage dar, denn Nachrichten legten die Annahme nah, Deutschland plane, Frankreich im Frühjahr 1913 zu überfallen.

Interessant erscheint, dass Georg V. den österreichischen Botschafter, den Grafen Mensdorff, warnte eigenmächtig zu handeln, weil dies zur Explosion panslawistischer Gefühle in Rußland führen könne, und damit zu einem Kriege. Noch im folgenden Jahre muss diese Warnung den Österreichern in den Ohren geklungen haben. Erneut herrschte bei Wilhelm II. „helle Aufregung über Skutari u[nd]. [den] Fürsten von Montenegro“. Die Entscheidung, die Hochseeflotte im Jahre 1913 nicht in spanische Gewässer auslaufen zu lassen, die der Reichskanzler erwirkte, offenbarte eine deutliche Sprache. Schließlich jedoch war Ende April, mit dem Fall der Hafenstadt Skutari, klar, dass – trotz vielfältiger Aufregung in Wien, Bulgarien, Serbien und Griechenland – nicht mehr mit einem „europäischen Kriege“ zu rechnen sei. Als sich jedoch König Nikita weigerte, auf Skutari zu verzichten, erklärte Österreich, es wolle, „falls die anderen Mächte nicht mitmachen, [es] allein gegen Montenegro vorgehen“. Daraufhin blieb Bethmann Hollweg jedoch dabei, er hielte „die Situation für nicht kritisch“. Im Reichsmarine-Amt wurde daraufhin angenommen, die Mächte würden „einen modus vivendi“ finden. Zum Kriege“ habe „keine Großmacht jetzt Lust“. Inzwischen schwenkte auch Frankreich auf die Linie einer friedlichen „Lösung durch Nachgeben Montenegros“ ein. Die Botschafterkonferenz in London tendierte ebenfalls in diese Richtung. Rußland hatte sich Frankreich angeschlossen. Serbien und Bulgarien rückten von Nikita ab. Am 5. Mai, mit der Nachricht, „daß Montenegro nachgiebt und Skutari bedingungslos den Großmächten überliefert“, ging ein Aufatmen auch durch das politische Berlin, und die Börse verzeichnete eine „starke Aufwärtsbewegung“. Am 8. Mai beschloss die Botschafter-Reunion in London, „1000 Mann internationaler Truppen, darunter 100 deutsche“, in Skutari zu stationieren. Die Krise, die zuletzt durch die Mitwirkung Großbritanniens überwunden wurde, hatte zu einer deutsch-englischen Annäherung geführt, die nicht zuletzt nach außen mit der Heirat der Tochter des Kaisers, Prinzessin Victoria Luise, mit dem Welfenprinzen Ernst August von Cumberland und Braunschweig-Lüneburg, bestätigt wurde.

Nicolson schrieb im Nachhinein von „der langen Feindschaft“, der mit dieser Heirat ein Ende gesetzt worden sei. Gleichzeitig wird deutlich, dass es Grey peinlich vermied, der Versuchung zu erliegen, einer Vermischung von dynastischen und diplomatischen Beziehungen statt zu geben. Den Kern dieser Veranstaltung bildete das politische Interesse des Reiches, zu einem Ausgleich mit England zu kommen. Diesen Zusammenhang enthüllten ergänzend die Äußerungen des Kaisers, der später behauptete, vom russischen Zaren und dem englischen König „die Zusicherung erhalten zu haben, daß ihre Regierungen die Integrität des ottomanischen Restreiches respektieren würden“.

Lord Stamfordham hielt Wilhelm II. eine längere Vorlesung, darüber, wie töricht die britische Regierung sei,

„sich mit den lateinischen Staaten gegen die Teutonen zu verbünden, und anzunehmen, daß er der Enkelsohn der Königin Victoria, jemals zulassen könne, daß England zur See bedroht würde; daß England die gelbe Gefahr nicht sehen wolle, die doch die einzige wirkliche Bedrohung der westlichen Zivilisation darstelle“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kaiser führte, ganz im Sinne der Entschlüsse gegen Ende des Jahres 1912, aus:

„Sehen Sie sich diese Marokkoaffaire an!-… Ich weiß, daß Sir John French in Frankreich war, oder doch Ihre Generalstabsoffiziere, und das Sie den Franzosen versprochen haben, 100 000 Mann hinüberzusenden; das ist es, was uns gekränkt hat. Ich bin ein Mann des Friedens, aber jetzt muß ich mein Land rüsten, so daß ich alle, die über mich herfallen wollen, zerschlagen kann; und ich werde sie auch zerschlagen. Wenn Österreich von Rußland angegriffen wird, bin ich verpflichtet, ihm zu helfen; man kann den alten Kaiser nach allem, was er in der Vergangenheit an Kummer und Sorge erleben mußte, nicht im Stiche lassen. Zwischen Rußland und Deutschland gibt es keine Animosität. Sie sprechen sehr viel vom Gleichgewicht der Mächte und daß sie der Entente nur deswegen beigetreten seien, um [sie] es zu erhalten; aber es ist Deutschland, das das Gleichgewicht erhält“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Nach der Abreise des Königs von England aus Berlin, schloss sich ein „allgemeines Friedensgeläute in [der] deutsche[n]r und englische[n]r Presse“ an. Prompt kam der französische Präsident Poincaré nach Berlin, um die Zweifel auszuräumen, die durch die Verhandlungen Großbritanniens mit dem Reich zur Bagdadbahn entstanden waren.

Postwendend fuhr im Anschluss der französische Präsident Poincaré nach London, um Zweifel auszuräumen, die infolge der Verhandlungen Greys mit Berlin zur Bagdadbahn entstanden sein mochten. Im Umfeld, eben dieses politisch-gesellschaftlichen Ereignisses, stieg die Möglichkeit einer Veröffentlichung von Briefen Wilhelms II. „aus den Jahren [18]88 u[nd]. [18]89“ auf, die Lord Charles Beresford in seinen Memoiren vorgeblich plante. Damals, habe der Kaiser England ermuntert, „seine Flotte zu verstärken…als notwendiges Friedensinstrument in Europa“. Auch habe der Kaiser dies geradezu als „Maßstab“ empfohlen,

to be able to meet any coalition of other powers“.

Wieso Wilhelm II. im Dezember 1912, von eben dieser Haltung Englands überrascht sein konnte, bleibt damit unerfindlich. Jedenfalls riet Müller davon ab, die Publikation zuzulassen. Auch war es nicht gelungen, im Rahmen der deutsch-englischen Heirat, den Verzicht der Welfen auf das 1866 durch Preußen annektierte Königreich Hannover zu erreichen. Dass die Verwandtschaftsverhältnisse sich nicht einfach gestalteten, hatten bereits Beobachtungen um den vorbereitenden Besuch „der Cumberländischen“ in Berlin gezeigt. Müller berichtete, es habe eine „ziemlich gezwungene Stimmung“ geherrscht, da eben der „Verzicht auf Hannover“ abgelehnt worden sei.

1913: Bethmann Hollweg für Krieg.

Bethmann Hollweg ergriff in einem Brief an den polnischen Großmagnaten Graf Hutten-Czapski die Gelegenheit, einem konservativen Parteiführer seine Sicht zum neuen Heeresgesetz darzulegen. Der Kanzler konzedierte einerseits, auch ihm gefielen „die [Wehr-]Steuern“ genauso wenig wie des Grafen politischen Freunden. Bethmann Hollweg meinte jedoch, mit einem Seitenhieb auf seinen Vorgänger Bülow, und erläuternd zu seiner gegenwärtigen Verhandlungstaktik gegenüber Bundesstaaten, Parlament und Parteien:

„ Mit einer Krisis, die einer Niederlage gleichgekommen wäre, durfte die Sache aus inneren und äußeren Gründen unter keinen Umständen enden. Das zwang zu Nachgiebigkeiten, die unerfreulich sind“.

Zu den Widerständen des Grundbesitzenden Adels gab der Reichskanzler zu bedenken:

„Man verlangt von der Regierung, daß sie durch dick und dünn geht, aber die Regierung durch dick und dünn unterstützen will Keiner. Trotz alledem bleibt die Heeresvorlage eine Tat, der wir uns nicht zu schämen brauchen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Mehr als nur eine bloße Andeutung sollte allerdings die hingeworfene Bemerkung zum außenpolitischen Fortgang seiner Bemühungen um England sein:

„Mit England geht es langsam, aber man soll die Geduld nicht verlieren“.

Dass der Reichskanzler im Dezember 1912 eingehend mit dem Kaiser über die Eventualität eines Krieges diskutiert hatte, offenbarte Wilhelm II. am 15. Dezember 1913 – also ein Jahr später – seinem Chef des Marinekabinetts. Wilhelm II. führte aus, er habe bemerkt,

„wie interessant es sei, daß der Reichskanzler sich jetzt doch an den Gedanken eines Krieges gewöhnt habe, er der noch vor einem Jahr ausgesprochen, er werde nie im Stande sein, zu einem Krieg zu raten“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kaiser hatte demnach, um den 8. Dezember 1912, wie mit seinem Bruder, dem Prinzen Heinrich, auch mit Bethmann Hollweg, die zu diesem Zeitpunkt wiederholt diskutierte Frage eines Krieges, erörtert und dabei einen ablehnenden Bescheid erhalten. Selbst die Frau des Reichskanzlers war zu diesem Zeitpunkt, im Gespräch mit Müller, auf diese Frage eingegangen, hatte jedoch erklärt, „ihr Mann würde unter keinen Umständen für einen Krieg zu haben sein“ (Hervorh.v.m., B.S.). Diese Haltung war offenbar bis Ende 1913 einem gravierenden Wandel unterworfen. Nach dem Tode seiner Frau, im Mai 1914, und bedeutendem Vermögensverlust durch die Spielleidenschaft seines älteren Sohnes, zeigte sich der Reichskanzler dieser Eventualität gegenüber weit offener als zuvor. Jedenfalls war der noch allseits präsumierte „Gegensatz zwischen militärischer und politischer Leitung“, zu diesem Zeitpunkt, keineswegs gegeben. Selbst „mit einer längeren Dauer des Krieges“ war vorgeblich nicht zu rechnen. Zusätzlich ließ der Kaiser wieder einmal eine Änderung seiner Haltung erkennen. Anlässlich des 25 jährigen Regierungsjubiläums, 1913, betonte Wilhelm II., es sei ihm möglich gewesen, den „Frieden zu bewahren, [und er] hoffe auch weiter [den] Frieden erhalten zu können“, um darauf zu erklären,

„wenn es aber erforderlich sei[,] die Thore des Janustempels zu öffnen, dann werde er sie weit aufreißen …“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Die britische Regierung bot der Deutschen – allerdings ohne eigenen Verlust – die portugiesischen Kolonien an. Im August entwarfen Grey und Lichnowski den entsprechenden Vertrag. Der Abschluss wurde allerdings verschoben, da der britische Außenminister diesen zunächst dem Parlament vorlegen wollte. Es ging um Angola, den nördlichen Teil von Mozambique, die Inseln St. Thomé und Principe. Allerdings hätte die Geschichte um den Handel mit den portugiesischen Kolonien, den England seit 1898 betrieben hatte, die deutsche Seite skeptisch stimmen müssen. Mit in diesen Zusammenhang spielten die Abmachungen zwischen Berlin und Petersburg hinein, die 1910 in Potsdam geschlossen wurden. Rußland stimmte dem Weiterbau der Bagdadbahn Richtung Kuwait, und deren Anschluss an die persische Grenze zu. Ein Anschluss an die, von Nordpersien her, projektierte russische Transpersienbahn eröffnete die Möglichkeit eines Vordringens der Deutschen bis an die indische Westgrenze, was Grey äußerst besorgt beobachtete.

Des Kanzlers überlegene Armee- und Marinerüstung.

Die Dinge trieben immer deutlicher einer Explosion zu. Denn die politische Spannung hatte, seit dem Beginn der Kanzlerschaft Bethmann Hollweg im Jahre 1909, kaum nachgelassen; ja, unter der Stufenfolge der internationalen Krisen nur zugenommen. Angesichts dieser Entwicklung plante der Admiralstab Mitte Dezember 1913 die beiden Schlachtkreuzer „Goeben u[nd]. Breslau“ aus dem Mittelmeer zurück zu ziehen. Und auch der Chef des Generalstabes eröffnete am 24. Dezember, auf der Rückfahrt von Potsdam nach Berlin, Müller seine Bedenken angesichts der ungenügenden deutschen „Kriegsbereitschaft“ und der „Ziellosigkeit“ der deutschen „u[nd]. namentlich der österreichischen Politik“ (Hervorh.v.m., B.S.). Das zeigt, wie ernst die Lage eingeschätzt wurde, und wie offen in den Führungszirkeln die, bis heute nicht umfassend gewürdigten, Interdependenzen zwischen den Ressorts zutage traten. Moltke sprach offen über zwei, der bei einer künftigen Kriegsauslösung entscheidenden, Momente, nämlich

„über [die] Unmöglichkeit der Respektierung der Neutralität Belgiens u[nd]. über die unklare Persönlichkeit des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der deutsche Schlag gegen Belgien/Frankreich und die österreichische Funktion in der deutschen Rechnung, die deutsche Grenze zu Rußland durch eine Offensive nach Polen hinein zu decken, bildeten offensichtlich das Hauptthema während dieser Autofahrt von der Weihnachtsfeier im Neuen Palais zu Potsdam zurück nach Berlin. Dass gerade Moltke auf die für das Reich, im Sinne der Planung, ungünstige Haltung des Erzherzogs Franz Ferdinand, hinwies, zeigt, dass die seit Ende 1912 erkennbare Ablehnung des großen Krieges mit Rußland durch den Erzherzog, die gesamte deutsche politisch-strategische Planung zu zerstören geeignet schien. Dass Franz Ferdinand aus deutscher Sicht nicht mehr die Bedeutung besaß, wie noch im November 1912, unterstreicht eine Beobachtung während des Jagdaufenthaltes in der Göhrde bei Lüchow, wo Wilhelm II. „unter gänzlicher Nichtbeachtung seines Vornehmsten Gastes Skat“ spielte. Dass sich die Entscheidung für den Krieg weiter verfestigt hatte, belegte die „übliche“ Ansprache des Kaisers an die Kommandierenden Generale der Armee. Müller hatte bereits am 1. Januar 1913 festgehalten, Wilhelm II. sei „reichlich feindlich“ aufgetreten. Daraufhin teilte der Kommandierende General des VIII. Armeekorps, Tülff von Tschepe und Weidenbach, nach seiner Rückkehr aus Berlin, den Offizieren seines Stabes in Koblenz mit:

„Meine Herren, in diesem Jahr geht es los“!

Der Kaiser hatte, entsprechend der Wende deutscher Außen- und Rüstungspolitik im Schwerpunkt zurück nach Europa, seit dem Beginn des Jahres 1912, seine Liebe für die Armee wieder entdeckt. So häuften sich zum Beispiel im Jahre 1913 Vorträge des Monarchen zu Heeresgeschichtlichen Themen, wie zum Beispiel der Schlacht bei Gravelotte-St.Privat und den Armee-Manövern des Jahres 1913. Am 30. Juli, während der Nordlandreise Wilhelm II., zeigte sich darauf offen die Abkehr des Kaisers von der letztlich erfolglosen Flotte. Der Monarch äußerte, er „habe diese Erörterungen [es ging um die geplante[n] Weiterreise der Flotte] satt“. Er solle „immer Hinz u[nd]. Kunz fragen und nur unterschreiben, was die…Marine für gut“ befände.

„Das habe ich nun satt – zum Teufel[,] ich bin der Allerhöchste Kriegsherr, ich entscheide nicht, sondern ich befehle“[!]

Zusätzlich vollzog der Kaiser nunmehr seine Abkehr von Russland. Jedenfalls hatte Wilhelm II. bereits Anfang des Jahres die Meinung vertreten, „nicht Österreich[,] sondern Rußland sei der Störenfried“. Am 13. Dezember ließ der Monarch seinem Widerwillen über den Zaren freien Lauf. Ihm war „auf dem Wege über Kokowzov-Pourtal[è]s“ zu Ohren gekommen, durch die deutsche Militärmission in Constantinopel habe „das Verhältnis zwischen Deutschland u[nd]. Rußland eine Trübung erfahren“. Der Kaiser sprach gegenüber Müller von einer „neueste[n] Unverschämtheit Rußlands“. Dass zwei Seelen in der Brust Wilhelms II. Platz hatten, zeigte wenig später dessen Äußerung im engsten Kreis, „er, der Kaiser, habe gleich zu Anfang seiner Regierung gesagt, ´Meine Regierungszeit wird eine Friedens-Zeit; meine Aufgabe wird nicht sein, Kriege zu führen, sondern das Reich zu konsolidieren Erg[änzung]: so etwa wie Friedrich Wilhelm d[er]. I[.], mein Nachfolger kann dann wieder Krieg führen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Rüstungspriorität bei der Armee.

Diese Entwicklung der Vorstellungen Wilhelms II. kam der Absicht des Reichskanzlers entgegen, nämlich Rußland für den in Aussicht genommenen großen Krieg als Gegner aufzubauen. Dafür war Bethmann Hollweg seit dem November 1912 gewillt, zusätzliche Finanzmittel aufzubringen, um die Armee für den Landkrieg mit Rußland und Frankreich vorzubereiten und bestätigte diese Planung gegenüber Müller am 5. Januar 1913. Auch um mitzuteilen, dass die inzwischen durch den Kaiser erneut angemahnte Marine-Novelle chancenlos sein werde. Dass der Chef des Marinekabinetts, als Vertreter der Flotte, nicht zustimmen konnte, war klar, und der Kanzler beabsichtigte, mit Hilfe dieser Unterredung eher, die Botschaft von der Rüstungspriorität der Armee zuverlässig Tirpitz zu signalisieren. Hatte doch Bethmann Hollweg, vor dem 10. Dezember 1912, bereits dem Feldmarschall Colmar von der Goltz bestätigt, für die Rüstungen der Armee werde „jede Forderung bewilligt“ (Hervorh.v.m., B.S.). Darüber hinaus signalisierte der Reichskanzler, bereits zu diesem Zeitpunkt, er werde sich einem Präventivkrieg nicht von vornherein verschließen. Nach vielfältiger Vorbereitung teilte der Kanzler schließlich am 5. Januar 1913 dem Kaiser mit, er beabsichtige eine große „Militärvorlage“ in Gang zu setzen. Wilhelm II. war augenscheinlich tatsächlich für die Armee gewonnen und reagierte nunmehr „sehr freudig“. Daraufhin ergänzte Bethmann Hollweg, „daß mit Rücksicht auf die vertrauensvoller werdenden Beziehungen zu England[,] jetzt eine Marinenovelle nicht kommen dürfe“ (Hervorh.v.m., B.S.). Dass dieses Mal der Geisteswandel des Kaisers gründlicher ausgefallen war, als gewöhnlich, sollte sich am 30. Juli zeigen. Damit war die Katze aus dem Sack. Als Tirpitz die Nachricht, die Müller überbrachte, erhielt, äußerte er sich nur „sehr großspurig und abfällig über den ‚Umfall‘ des Kaisers“.

Churchill skizzierte Anfang 1914 die Rüstungslage in einem Memorandum für Asquith. Er führte zu den Armeestärken aus, die „militärischen Kräfte“ der englischen Armee seien „zwischen 1911 und 1914 nicht wesentlich vergrößert“ worden und fuhr fort:

„Anders war es auf dem Kontinent. Durch die Reichskonstitution war der Friedensstand der deutschen Armee mit eins vom Hundert der Bevölkerung festgesetzt und so blieb es bis 1912. Durch das Armeegesetz des gleichen Jahres (durchgegangen nach der Marokkokrise) wurde das Verhältnis fallen gelassen und die Armee (bei eine Bevölkerung von 66 000 000) auf 723 000 erhöht. Im folgenden Jahre (1913), während der Balkanunruhen, ging ein neues Armeegesetz durch, das die Friedensstärke der deutschen Armee auf 870 000 festsetzte. Für Deckung der Kosten wurde eine ‚Ausnahmesteuer‘ von 1 000 000 Mark erhoben. (‚Wehrbeitrag‘)“

Regiert wird um den Kaiser herum.

Am 5. Januar war im Reichsmarine Amt ein Kabinett-Schreiben eingekommen, worin mitgeteilt wurde, der Kaiser habe

„beim Vortrage des Kab[inett].Chefs am 4. [Januar] diesem den Auftrag gegeben, dem Staatss[ekretär]. zu sagen, daß er eine Beschleunigung des Bautempos der großen Schiffe durch die politische Lage für geboten erachte. Das Dreiertempo solle wieder voll hergestellt und für den nächsten Etat zunächst ein Linienschiff und 2 große Kreuzer gefordert werden. Der Staatssekr[etär]. solle am 11. [Januar] Vortrag darüber halten und vorher mit dem Reichskanzler und Kriegsminister Rücksprache nehmen, die Abschrift des Schreiben erhalten hätten“.

Diese Willensäußerung des Kaisers demonstrierte nichts anderes als dessen politisch-geistige Isolierung vom politischen Prozess und den Ausschluss des Kaisers aus dem politischen Führungszirkel in Berlin. Tirpitz sah sich infolgedessen einer sehr schwierigen Lage gegenüber, da er die „Ersatzbauten für ‚Prinz Heinrich‚, ‚Fürst Bismarck‘ und ‚Friedr[ich]. Carl‚“ vorziehen müsse. „Darauf ginge der Reichskanzler unter keinen Umständen ein, und werde natürlich auch schließlich beim Kaiser durchdringen. Er sei also unter allen Umständen der Blamierte“. Sofort wurde geschäftiges Arbeiten im Reichsmarine Amt ausgelöst und die „entsprechende Novelle“ umredigiert. Es kam, wie nicht anders zu erwarten, das Signal: „Das ganze Halt!“, das Geheimrat Meißner vom Auswärtigen Amt überbrachte, der ein weiteres Kabinett-Schreiben vorlegte, das nach dem Vortrag des Reichskanzlers beim Kaiser, am 6. Januar, niedergelegt, nun Bethmann Hollwegs Argumente enthielt. „Mit Rücksicht auf die von ihm für erforderlich gehaltenen, sehr großen Forderungen der Armee“, solle „von irgendwelchen Zuwendungen für die Flotte zunächst Abstand“ genommen werden. Daraufhin verschob Wilhelm II. nunmehr die Marineforderungen auf das Jahr 1914. Für die Marine bedeutete das den Abschied von der bisherigen relativen Rüstungspriorität der Flotte gegenüber der Armee. Aber darüber hinaus fiel damit, im Gefolge der Krisenkonferenz vom 8. Dezember 1912, eine „Entscheidung von gewaltiger Bedeutung“, denn damit wurde praktisch von dem „Streben[,] allmählich an England heranzukommen“, Abstand genommen und nunmehr entschieden, künftig „in erster Linie wieder reine Kontinentalpolitik zu treiben“. Tirpitz‘ Mitarbeiter Hopman notierte enttäuscht-realistisch in seinem Tagebuch:

„Wir ducken vor England, haben aber auch in den letzten Jahren den Kopf zu hoch getragen u[nd] das Maul zu weit aufgerissen. Hoffentlich bleibt es nur ein vorübergehender Bückling“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Auch während der folgenden Wochen gestaltete sich die „Gesamtsituation“ für die Marine „sehr unangenehm“. So signalisierte der Mitarbeiter des deutschen Botschafters in Rom, Rheinbaben, welche Grundprinzipien künftig zwischen dem Staatssekretär des Auswärtigen und Tirpitz leitend sein würden. Der Staatssekretär sei zwar „ein großer, vielleicht der größte der jetzt lebenden Staatsmänner“, aber er habe „im vorigen Jahr durch sein Verhalten gegen[über] Haldane die englisch[-]deutsche Annäherung[,] die für uns sehr wünschenswert gewesen wäre[,] vereitelt“. Er habe „Haldane erzählt, wir forderten nur 2 Schiffe“, habe

„ihm allerdings das gedruckte Exemplar der Novelle mitgegeben, aber nichts dazu gesagt, was sonst noch darin stände. Haldane als Laie habe das nicht beurteilen können. In der admirality habe man dann deren Umfang erkannt und dann einen anderen Kurs eingeschlagen, der England und Rußland dauernd zusammengeführt habe. Jetzt arbeite die Triple-Entente darauf, die asiatische Türkei zu verteilen. Bei der Marokkokrise habe der Staatssekr[etär]. dem Reichskanzler erklärt: ‚die Marine sei nicht fertig‘. Der Reichskanzler könne daher nicht anders handeln, da er die Flotte weder politisch noch kriegerisch ausspielen kann. Jetzt Forderungen zu bringen, würde die s[einer]. Ans[icht]. nach auch sehr ernsthafte Lage sehr verschärfen. Tirpitz müsse sich daher zurückhalten, wenn es ihm auch schwer werde. Wenn wir etwas forderten, müsse es für die Armee geschehen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Jagow wurde daraufhin im Reichsmarine Amt als Verbündeter des Reichskanzlers eingeordnet, der „sehr viel Einfluss habe und daher“ Tirpitz „aus einer offenen Aussprache u[nd] Verständigung mit ihm wohl auch Vorteil haben könne“. Hopman faßte zusammen:

„Herr v[on].Jagow zeigt also bereits im Voraus die Krallen. Seine Logik, England arbeitet aufs Neue auf die Einkreisung u[nd] Kaltstellung Deutschlands [hin], also müssen wir uns ducken und still verhalten, ist bezeichnend für die energische Politik, die man von ihm erwarte“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Das Scheitern des Flottenplans. Tirpitz verliert an Einfluß.

Über die Mitteilungen Rheinbabens war Tirpitz naturgemäß sehr wenig erfreut. Hopman erhielt den Auftrag, sofort zu verbreiten, „die Unrichtigkeit des Tirp[itz]. in den Mund gelegten[,] und in“ der deutschen „Diplomatie sehr stark kolportierten Ausspruchs, die Marine sei nicht fertig“. Die Lage für Flotte und Tirpitz verfinsterte sich bis 1913 mehr und mehr, sodass im Reichsmarine Amt „die Überzeugung“ aufkam, „der Kaiser“ werde „nicht durchhalten, sondern aus Bequemlichkeit, Sehnsucht nach Cowes‘ und dem innersten Zug seines Herzens folgend[,] im Anschluss an England nicht weiter mit ihm [Tirpitz] durchhalten“. Als Churchill „eine bedeutende Steigerung des wichtigsten Marineetats“ ankündigte, wurde klar, alle trickreiche Flottenrüstung des Reichs werde nicht zum Erfolg führen, denn Großbritannien rüstete weiter. Die schwärzesten Aussichten für den Flottenbau waren berechtigt. Das bestätigte ein Zusammentreffen mit dem Kaiser am 18. November. Tirpitz berichtete am folgenden Tag, Wilhelm II. sei „für die England freundliche Wendung unserer [der deutschen] Politik“. Tirpitz war – ähnlich wie der Kriegsminister – seit geraumer Zeit aus dem Entscheidungsprozeß ausgeschlossen. Auch die Bedeutung des Kaisers tendierte gegen Null. So traf das Gefühl des Staatssekretärs, bei seiner Rückkehr aus dem Urlaub im September 1913 zu, wenn er sagte, „wieder“ sei „heftig gegen ihn gearbeitet“ worden und „viele Kräfte“ seien „am Werk um ihn als den vermeintlichen Widersacher einer Verständigung mit England zu stürzen“. Und das, obwohl er noch wenige Wochen zuvor darüber nachgedacht hatte, ob er die Reichskanzlerschaft, wenn sie ihm der Kaiser anbieten würde, annehmen solle. Er war von seinen Mitarbeitern gedrängt worden, er sei doch „die einzige Persönlichkeit, welche die von Bethm[ann]. Hollweg in den Dreck gefahrene Karre wieder herausholen könne“.

„Nur zu ihm habe die Nation Vertrauen. Den Kaiser könne und müsse er dann allmählich ausschalten“.

Doch dazu, so hatte Tirpitz geantwortet, „sei [er] zu alt u[nd]. müsse ablehnen“. Als Tirpitz Ende September zum Vortrag in Rominten gewesen war, blieb für ihn der Eindruck zurück, „die Interessenlosigkeit des Kaisers und das Gefühl“, Wilhelm II. neige der Verständigung mit England sehr zu. Der Monarch habe, so bemerkte Tirpitz kurz darauf, „in dem Gefühl, hierin in Tirpitz einen Widersacher zu haben, [eine] Unterhaltung darüber nicht aufkommen lassen“. Der Plan einer großen deutschen Flotte war gescheitert. Da half auch nicht, dass sich der Staatssekretär im Salonwagen nach Berlin an seine Gespräche mit Bismarck erinnerte. Von der Hofjagd in der Göhrde, zu welcher er erst nachträglich eingeladen wurde, kam Tirpitz mit dem Bericht zurück, der Kaiser sei „ostentativ gnädig zu ihm gewesen[.] Offenbar um [dem] Reichsk[an]z[ler] zu zeigen, wie fest er an ihm halte“. Doch diese Bemerkung spiegelte ausschließlich Tirpitz‘ Sicht.-

England rüstet weiter.

Neues Öl ins Feuer goss Churchill mit einer Rede in Manchester, in welcher das Flottenbau-Feier-Jahr erneut ins Spiel gebracht wurde. Wilhelm II. versetzte allerdings Auswärtiges Amt und Reichskanzler in erneute Bestürzung, indem er „gelegentlich der Anwesenheit [des russischen Außenministers] Sazonow“ sagte, „er werde unter keinen Umständen auf Churchill eingehen, sondern festhalten am Flottengesetz u[nd] dessen Erweiterungen“. Am 29. November 1913 äußerte sich Tirpitz im Gespräch mit Hopman zu den möglichen Folgen des deutsch-englischen Verhältnisses und des deutschen Bemühens um einen politischen Ausgleich. Tirpitz meinte, die „Wilhelmstr[asse].“, das heißt die Diplomaten, würden „sich einlullen lassen“. England dränge Deutschland „dann rücksichtslos aus Spanien, [der] Türkei, Holland[,] China usw. heraus und wir“ verkämen. „Nur dauernde Stärke“ könne helfen. Er betonte, „wir müssen sie kommen lassen und sie nicht suchen“, wie es Bethmann Hollweg macht-. „Sie kommen sicher“ (Hervorh.v.m., B.S.). Und wie es der Kanzler im Februar 1911 gegenüber Fürst Lichnowski und Harry Graf Kessler geäußert hatte: „Wir müssen sie auf uns zuzwingen“. Vor dem Hintergrund der, angesichts der Zabern-Affaire, aufgeregten deutschen Öffentlichkeit, nämlich des arroganten Leutnant Forstner, der sich im elsässischen Zabern, von vier Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr beim Einkaufen von Schokolade und Zigaretten begleiten ließ, agierte der Reichskanzler im Reichstage zunächst recht erfolglos. Allerdings gebunden durch den Kaiser, der zunächst dem radikalen Kommandierenden General von Deimling nachgegeben, um dann den Rat seines Leiters der „maison militaire“, von Plessen, zu folgen. Bethmann Hollwegs Rede bei der ersten Lesung des Etats im Parlament zur „äußere[n] Politik“ betonte die „Besserung“ des deutschen „Verhältnisses zu England“ und winkte zugleich „freundlich nach Rußland herüber“.

Das Bündnis Bethmann Hollweg-Moltke: Konzentration auf die Armee.

So konnte von Seiten der Marine zum Ende des Jahres 1913 wenig Positives resümiert werden. Waren die vergangenen zwölf Monate auch „ruhiger und friedlicher verlaufen, als es den Anschein hatte“, so war doch „die weitere planmäßige Entwicklung“ der Flotte „durch die Wehrvorlage und Konzentrierung der Interessen der Nation auf die Armee schwieriger geworden“. Auch hatte die „weitere fortschreitende Besserung“ des deutsch-englischen Verhältnisses die „weitere Erhöhung der Ausgaben für die“ Marine erschwert. So sah Tirpitz „nicht mehr rosig in die Zukunft“, in dieser Haltung unterstützt durch seine Mitarbeiter, die Admirale von Capelle und Dähnhardt. Wieder tauchte das Argument auf, das „augenblickliche Regierungssystem“ sei „ziel- und kraftlos, jedes Ressort arbeitet für sich … Der Reichskanzler mit seiner Schwäche und Ziellosigkeit“ sei „ein nationales Unglück“, werde „aber trotzdem … von S[einer]. M[ajestät]. als bequeme Persönlichkeit gehalten“.

Am 2. Januar 1913 waren Tirpitz, der Kriegsminister Heeringen und der Staatssekretär für Inneres mit Bethmann Hollweg zusammengetroffen. Es ging in der Besprechung um die „Fragen der Rüstungskommission“. Anschließend trafen „die Admirale“, wie alljährlich, bei Müller mit dem Kaiser zusammen. Anfang des Monats wurde weiter bekannt, dass die Hochseeflotte im Frühjahr 1914 nicht wie gewohnt die heimischen Gewässer verlassen werde. Nahezu parallel erfolgte eine weitere Sitzung zur Rüstungskommission. Außenpolitisch zog sich Deutschland am Bosporus zurück, indem General Liman von Sanders „vom K[omman]do des I. [türkischen] Korps enthoben und zum General Inspekteur der [osmanischen] Armee ernannt“ wurde. Mitte Februar stand der Flotte, und deren Vertreter Tirpitz, erneut der Wind im Gesicht. Anlässlich des Immediat-Vortrags vor Wilhelm II., Mitte Februar, äußerte sich der Kaiser gegenüber Tirpitz „wenig freundlich“. Dieser war nach diesem Gespräch „recht erregt“ und erweckte den Eindruck, der Monarch habe „den Maßstab für das Erreichbare durch die Art, in der er durch Tirp[itz]. Erfolge verwöhnt“ sei, „ganz verloren“ (Hervorh.v.m., B.S.). Die Antwort war, dass der Staatssekretär erwog, „zu gehen“. Nunmehr lagen „die Verhältnisse…anders als bisher, wo sein Abgang eine Verbeugung vor England bedeutete habe[n]“ würde. Aus dem Reichsmarine-Amt verlautete, Tirpitz wolle damit „dem Kaiser unter die Nase reiben, daß er eine Behandlung wie am 17. d[es]. M[ona]ts nicht noch einmal sich bieten“ lassen werde. Tirpitz…habe „erzählt[,] daß S[eine]. M[ajestät]. einmal zu [Admiral] Hollmann gesagt habe:

„Ich muß ihnen erst das Rückrat brechen, dann fressen sie aus der Hand“!

Ein bezeichnender Hinweis auf das Verhältnis des Kaisers zu seinen Mitarbeitern.

Rußland zum Gegner aufbauen. Die Disposition des Kriegsausbruchs.

Während der Audienz am 14. April 1913 zeigte der russische Zar dem englischen Botschafter gegenüber keinerlei Lust, „wegen einer elenden albanischen Stadt [Skutari] mit diesen beiden Reichen [Deutschland und Österreich] Krieg zu führen“. Um so größer war jedoch die Dankbarkeit Nikolaus II. für Grey, der „in der Sache des Friedens“ wertvolle Dienste geleistet habe. Buchanan, der darauf hinwies, England sei „gleichzeitig darauf bedacht, gute freundschaftliche Beziehungen zu Deutschland aufrechtzuerhalten“. Der Zar begrüßte diese Absicht und unterstrich, er „wünsche dasselbe zu tun“. Im weiteren Verlauf der Unterredung erwähnte der Zar den Balkankrieg und führte zu den Meerengen und Konstantinopel, dem Objekt traditioneller russischer Begierde, aus:

„die Bulgaren hätten sich bei der beabsichtigten Besetzung Konstantinopels ursprünglich mit dem Gedanken getragen, diese Stadt zum Zeichen ihrer Dankbarkeit für die Befreiung vom Türkenjoche Rußland anzutragen. Er habe ihnen aber deutlich zu verstehen gegeben, daß Rußland eine solche Gabe unmöglich annehmen könne, und habe sie beschworen, jeden Gedanken an Besetzung aufzugeben“.

So wie diese Antwort London über mögliche russische Absichten an Bosporus und Dardanellen beruhigen sollte, so provokant fiel die Frage Buchanans zum deutsch-französischen Rüstungswettlauf aus. Der Gesandte formulierte kühn, ob

„die hierdurch verursachte finanzielle Belastung in den beiden Ländern so schwer werden würde, daß eines oder das andere die Geduld verlöre und einen Krieg vom Zaune bräche, und ob es den Mächten, wenn diese Gefahr wirklich bestünde, möglich wäre, etwas zu dessen Abwendung zu tun“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Zar, welcher 1899 mit dem Vorschlag einer Friedenskonferenz im Haag gescheitert war, zeigte keine Absichten in dieser Richtung, führte jedoch zu den Details der deutsch-französischen Spannung aus:

„Er verstehe wohl die Gründe, die zu der beabsichtigten Erhöhung des deutschen Heeresetats geführt hätten, doch müßte die deutsche Regierung bedenken, daß sie nur ein Beispiel gäbe, welchem andere Staaten zu folgen gezwungen wären. Man würde wahrscheinlich keine Schwierigkeiten haben, das Menschenmaterial zu finden, eine andere Frage aber wäre es, ob das Land lange imstande sein würde, die erhöhten Steuern zu tragen. Rußland dagegen habe unbegrenzte Hilfsquellen an Menschen und Geld und geradeso, wie Seiner Majestät Regierung das Kräfteverhältnis zwischen der britischen und deutschen Flotte mit sechzehn zu zehn festgesetzt habe, sei er entschlossen, das gleiche Verhältnis zwischen der russischen und deutschen Armee aufrechtzuerhalten. Es sei unmöglich vorauszusehen, was geschehen würde, aber es sei notwendig, alles vorzubereiten, um der Gefahr entgegenzutreten, wenn sie hereinbräche“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Ganz so friedfertig, wie sich der Monarch gern gab, war er in Wahrheit nicht, denn seine Phantasien über die Vernichtung Österreichs belegten, dass in Petersburg Träume verbreitet waren, die, wie Buchanan erwiderte, „wohl kaum ohne einen allgemeinen Krieg durchgeführt werden“ könnten (Hervorh.v.m., B.S.).

Moltkes Lagebeurteilung Ende 1912.

Je mehr Tirpitz, infolge der nicht kriegsbereiten Flotte, in der Führungsriege des Kaiserreichs unter Druck geriet, desto kritischer entwickelte sich seine Haltung gegenüber der herrschenden Anti-Ost-Ausrichtung der Reichs-Außenpolitik. Ende März, im Umfeld der Reichstags-Sitzungen zum Etat 1914, sprach der Staatssekretär mit dem Generalstabschef, der, auf die Lage Ende 1912 zurückblickend, ausführte:

„Als während des Balk[an]. Krieges Bulgarien den vom Dreibund aufgestellten Grundsatz des status quo auf der Balkanhalbinsel umschmiß und deshalb Rumänien die Mobilmachung vorbereitete, sandte Rußland ihm eine scharfe Note. Rumänien fragte in Berlin an, was es tun sollte und erhielt vom Reichskanzler die Antwort: ´Es könne sind, es könne och nicht sind´; das war der Grund seines Abschwenkens. Dem Dreibund gehen damit 5 Armeekorps verloren. Tirpitz beurteilt die Situation wenig günstig u[nd] meint, unsere schlappe Politik treibe in den europäischen Kontinentalkrieg hinein. Die Sprache der russ[ischen]. Presse werde immer unverschämter, es rüste mit aller Macht[.] Es beabsichtige an seiner Westgrenze im Herbst eine Probemobilmachung. Wir würden mit einer Probemobilmachung unserer östlichen Korps antworten. In Oesterreich herrsche Schlamassel, das habe die Mobilmachung in Galizien bewiesen. Italien sei unter englischem Druck. Lichnowski treibe scheinbar eine Politik, die darauf hinziele, daß wir mit England gegen die Bestrebungen Rußlands auf Oeffnung der Dardanellen hinarbeiteten, dann bezahlten wir wieder eng[lische]. Politik mit unserem Blut. Der Chef des Gen[eral]. Stabs stehe nach wie vor auf dem Punkte, daß je eher wir den Krieg gegen Rußland u[nd] Frankreich begännen, desto besser es sei; er betone dauernd die starken Fortschritte der russ[ischen]. Armee. Die Politik S[einer]. Majestät].[,] Frieden um jeden Preis, treibe genau wie 1806 zu einem desaströsen Kriege. Jedenfalls wird im Spätsommer die Situation wieder recht gespannt werden. Scheinbar ist mit Rücksicht darauf auch die Reise des Kronprinzen aufgegeben, die von Juni-Sept[ember]. um Afrika führen sollte“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Moltkes Ausführungen entsprachen denen während des „Kriegsrates“ (besser: „Krisenkonferenz“) vom 8. Dezember 1912 und der Krisenkonferenz vom 6. Juni 1909. Allerdings, die Frontstellung gegenüber Rußland, und damit die Übereinstimung des Generalstabschefs mit dem Reichskanzler, traten nun stringenter hervor. Diese war anscheinend auch zunehmend begründet.

Heeringen schreibt an Bethmann Hollweg wegen des Verbots der Ausfuhr deutscher Pferde nach Rußland. Am 23. Februar berichtet er dem Kanzler, in Rußland herrsche Angst vor dem Krieg. Die Reservisten wanderten aus. So bildeten die russische Gefahr und eine Differenz zur Wilhelmstraße wohl nicht die ganze Wahrheit. Das Gefühl einer Kalamität der politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse findet Ausdruck in Anlehnung an Colmar von der Goltz‘ Schrift „Von Roßbach nach Jena und Auerstädt (1905), in welcher der Terminus Technicus „1806“ fällt. Und der Zeitpunkt einer möglichen Kriegsgefahr(-krise) wird benannt, nämlich der „Spätsommer 1913“. Bethmann Hollweg schreibt am 28. März an den Historiker Hermann Oncken, der einen Artikel für die Wehrvorlage schreiben sollte. Der Kanzler gibt die Sprachregelung aus, nicht gegen Frankreich solle der Tenor gehen, weil da sonst England verbittert würde (Hervorh.v.m., B.S.).

Beziehungen zu Schweden: Kreist das Reich Rußland ein?

Im November berichtete der Spion des Generalstabes, Katzenstein, über seine, anlässlich der „Entrevue von Potsdam“ im November 1910, in der Umgebung des Zaren in Potsdam, gesammelten Eindrücke. Wesentliche Fragen der Herren Tatitscheff, Micheldon und Dedjuline seien gewesen:

„Wer bildet momentan die Offizierkorps und höheren Führer in der Türkei aus und hilft bei der Organisation der Armee und Ausbildung in der Führung grosser Truppenmassen? – Der von uns persönlich gewiss hochgeschätzte und verehrte General von der G o l t z . Wohin verkauft Ihr eben Eure alten Mauser Repetiergewehre und Kruppkanonen? An China. Wen trifft dies in erster Linie? Uns.
Uebermorgen – wenn wir kaum weg sind, wer kommt in dieses Schloss? Der Kronprinz von Schweden! Die immer enger werden[de] Annäherung an die Nordstaaten geht gegen wen? Es sieht aus wie Einkreisung. Wie es mit dem Anschluss Rumäniens an Oesterreich und Türkei steht, ist auf das Konto mitzusetzen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Russen hätten sie Ursache des Gegensatzes zwischen den beiden Staaten „auf wirtschaftlichem Gebiet“ gesehen. Es sei geäußert worden:

„Deutschland ist ein Industriestaat und wird durch die momentane massgebende Klasse der Grundbesitzer (Junker) künstlich zum Agrarstaat gemacht. Der auf Getreide liegende Schutzzoll allein erhält Eure Landwirtschaft konkurrenzfähig gegen die unsere. Bei uns fault das Getreide auf den Feldern mangels genügenden Absatzes und bei Euch habt Ihr teures Brot….Wir, als reiner Agrarstaat, haben anscheinend garnichts von Euch als Nachbarn zu hoffen. Wir, indem wir uns konsolidieren und die Kräfte unseres Bodens immer auszunutzen suchen, sind gezwungen, Eurer Industrie auf lange Jahre hinaus Maschinen abzukaufen und Euch zu soulagieren. Ihr nagelt uns die Grenze zu!“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Ende 1913 verbreitete der Zar „die Vorstellung…, Rußland würde nie Krieg führen“. Buchanan kommentierte diesen Vorgang mit der Überlegung:

„eine Vorstellung, die Deutschland unglücklicherweise ermutigte, die Situation auszubeuten“.

Überdies sei die Entente außerstande gewesen, Deutschland „mit einem eisernen Ring zu umschließen“. Vielmehr habe Deutschlands fortwährende Politik der militärischen Rüstungen „Großbritannien, Frankreich und Rußland“ gezwungen, „gemeinsam auf den Schutz ihrer Interessen Bedacht zu nehmen“. Buchanan setzte fort:

„Die Abmachungen, die England und Rußland trafen, um alle weiteren Ursachen zu Mißverständnissen zu beheben, waren nicht von einem Gefühl der Feindseligkeit gegen Deutschland eingegeben, im Gegenteil gaben beide wiederholt Beweise ihres Wunsches, freundliche Beziehungen zu pflegen: Rußland durch den Abschluß der Potsdamer Vereinbarung und Großbritannien durch die Aufnahme von Verhandlungen, welche die englisch-deutschen Beziehungen freundlicher gestalten sollten“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Am 12. Dezember erhielt der Generalstabs-Spion Katzenstein in Eisenach Kenntnis von den Absichten der russischen Kriegspartei in Konstantinopel. Katzenstein berichtete, „die russische Regierung“ habe anscheinend die Absicht, „die Frage der deutschen Militär-Mission in Konstantinopel derartig auf die Spitze zu treiben, um die Möglichkeit eines Kriegsgrundes zu erreichen“. Katzenstein erfuhr:

„Es bestände nunmehr die Absicht, den russischen diplomatischen Aufmarsch dort unten [i.e.Balkan] auf der ganzen Linie zu verstärken, die Versetzung des Fürsten Galitzin nach München hänge mit der Angelegenheit zusammen und es bestehe die Absicht, die aufgetauchte Frage der deutschen Militärmission zu einer Machtprobe zu benutzen und möglicherweise die Konsequenzen zu ziehen, um einen offenen Streit ausbrechen zu lassen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der schwindende Nimbus der „besten Armee der Welt“.

Die scharf anti-russische Haltung des deutschen Botschafters in Konstantinopel, Wangenheim, verschärfte die Situation zusätzlich. Dieser habe bereits „bei seiner Petersburger Tätigkeit als entschiedener Russenfeind gegolten“. Am 13. Dezember morgens erfuhr Katzenstein von Fürst Orloff mehr über die Pläne, welche hinter diesen Äußerungen stünden. Petersburger Kreise hätten „seit einigen Monaten“ versucht „den Zaren, gegen die Person“ des Kaisers „einzunehmen und das gute Einvernehmen der beiden Monarchen, welches sich während der Hochzeitsfeierlichkeiten in Berlin [Kronprinzessin Cecilie] vollauf gezeigt hatte, gänzlich zu zerstören“. Jagow wurde informiert und traf sich am 18. Dezember in Frankfurt mit Katzenstein. Der Staatssekretär habe sich vorbehalten, „nach der am gleichen Tage erfolgten Rückkehr nach Berlin, innerhalb des Ressorts, auf Grund der dortigen Nachrichten, die Angelegenheit nachzuprüfen“.

Katzenstein erhielt, nach bestätigter Meldung, den Auftrag, nunmehr dem Zaren die tatsächlichen Hintergründe „der Unterredung der beiden Kaiser während der Anwesenheit des russischen Kaisers in Berlin“ mitzuteilen. Doch Clio hatte sich inzwischen der politischen Entwicklung bemächtigt. Die Wogen der internationalen Erregung schlugen hoch. Am 28. Dezember schrieb daraufhin Fürst Orloff einen Brief an seinen kaiserlichen Herren, um die Lage zu beruhigen. Das gelang bis Februar 1914. „Die Angelegenheit der Mission“ sei „durch Intervention des Zaren in ihrer Wirkung abgeflaut“. Eine Nachricht des Fürsten Orloff, die am 22. Februar eintraf, habe Jagow und Moltke gezeigt, „dass die Kriegshetzer wohl für den Augenblick ihr Ziel nicht erreichen konnten“.

Katzenstein schrieb an den Fürsten Orloff, dieser sei in der Lage, dem Zaren zu erklären, dass

„weder Se[ine]. Majestät, der Deutsche Kaiser, noch das demselben dienende, politische Ressort hier etwas unternommen oder getan haben, das nicht lange vorher zwischen den beiden Personen der Souveräne und grösstenteils auch zwischen den Ressorts besprochen und behandelt worden“

sei. Katzenstein erläuterte im Folgenden die seit 1893 zur Tradition gewordene Institution deutscher „Instrukteure“ in der türkischen Armee. Breiteren Raum nahmen die Ausführungen zum ersten Balkankrieg ein. Katzenstein schrieb:

„Der letzte grosse Krieg brachte eine Niederlage der türkischen Armee und wie sie sich erinnern, wurde von Deutschland übelwollenden[r] Seite diese Niederlage mit auf die deutschen Instrukteure, wie auf das deutsche Kriegsmaterial geschoben und es ging gegen unsere militärische[n] Einrichtungen und unsere Waffenindustrien eine Hetze in der uns nicht gut gesinnten, europäischen Presse los, die geeignet war, die Achtung vor Deutschland herabzusetzen. Nach Wiederherstellung des Friedens trat die Türkei selbst an die deutsche Regierung mit der Bitte heran, zum Wiederaufbau des Türkischen Heerwesens Instruktionsoffiziere zur Verfügung zu stellen“ (Hervorh.v.m., B.S.). (Vgl. Bernd F. Schulte, Die deutsche Armee 1900-1914, Düsseldorf 1977; Ders., Vor dem Kriegsausbruch 1914. Düsseldorf 1980)

Damit sei, so Katzenstein, „eine absolut einwandfreie Rehabilitierung“ der deutschen Armee „vor der gesamten Welt“ eingetreten. Die Anforderung der türkischen Seite habe jedoch die deutsche Regierung geheim gehalten. Diesen Umstand habe der Kaiser dem Zaren im Mai 1913, in Berlin, mitgeteilt. Es sei bei dieser Gelegenheit durch Nikolaus II. betont worden, es liege im Interesse „beide[r] Reiche“, „Konstantinopel in den festen Händen einer militärisch stabilisierten Türkei zu wissen“. Wilhelm II. habe dem Zaren zugestanden, „die deutsche Instruktionsmission“ habe „die allerstrengsten Befehle mitbekommen“, sich „jeglicher Politik zu enthalten und jedes politische Element oder Motiv aus der türkischen Armee zu entfernen und entfernt zu halten“ (Hervorh.v.m., B.S.). Der Abkehr von „der politisierenden und zu irgendwelchen Putschen geneigten, bisherigen türkischen Armee“ habe der Zar zugestimmt. Ausdrücklich wandte sich Katzenstein gegen die Behauptung der russischen Presse dieser Tage, Deutschland habe „Russland mit dieser Frage überrascht…oder…hinter dem Rücken von Russland ein[en] gegen russische Interessen gerichtete[n]r Schachzug“ unternommen. Als nun im Sommer 1913 nähere Verhandlungen eingeleitet wurden, erklärten die

„einschlägigen, militärischen Ressorts…, dass die definitive Ueberlassung militärischer Instrukteure an die Türkei davon abhängig zu machen sei, dass man den mit der Reorganisation betrauten deutschen Offizieren unbedingt auch die nötige Kommandogewalt sichern müsse“ (Hervorh.v.m., B.S.).

„Die Wahl, das erste türkische Armeekorps ‚Konstantinopel‘ zum Muster-Armeekorps zu machen“ habe, so Katzenstein, „keinerlei politischen Hintergrund“ gehabt. Unterredungen Bethmann Hollwegs mit Sasonow und „Kokovzev“, „im Lauf des Herbstes“, sollten diesen Gegenstand nicht thematisiert haben. Katzenstein unterstrich:

„Erst Mitte Dezember, als die Angelegenheit durch die Absendung der Mission in die Öffentlichkeit kam, wurde seitens der russischen Regierung vor ganz Europa der Sturm entfesselt“.

In Berlin habe der Eindruck vorgeherrscht, „die Leiter“ der deutschen Politik würden verdächtigt, „versteckt gegen Russland zu arbeiten“. Katzenstein betonte gegenüber Orloff, Wilhelm II. habe „in absoluter Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit die Unterlagen und Motive der Entsendung der Militärmission im Mai besprochen“. Der deutsche Kontaktmann fragte recht mutig, ob etwa „Russland die Kastanien für andere aus dem Feuer holen“ solle? Augenscheinlich war das Bestreben Katzensteins, im Auftrag Jagows, die Russen zu beruhigen. Den Fehler, während Siegesfeiern zu 1813/14 und während der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig, den Anteil Russlands zu verschweigen, suchte Katzenstein mit dem Hinweis zu bemänteln, Berlin habe nur die „russischen Beziehungen mit Frankreich nicht“ stören wollen. Die Vorwürfe der russischen Kamarilla in Potsdam lauteten, die deutschen hätten „einen der besten Strategen den Oberst Meckel nach Japan beurlaubt und die Japaner so vortrefflich nach“ den deutschen „modernen Prinzipien ausgebildet“. Weiter bilde „General von der Goltz die Offizierkorps und höheren Führer in der Türkei aus“ und helfe „bei der Organisation der Armee und Ausbildung in der Führung grosser Truppenmassen“. Weiter würden von Berlin „alte Mauser Repetiergewehre und Kruppkanonen“ an China verkauft. Deutsche Kontakte zu Schweden wegen einer „Annäherung an die Nordstaaten“ sähen „aus wie Einkreisung“. Dem entspreche der „Anschluss Rumäniens an Oesterreich und Türkei“.

Doch die tiefe Verbitterung in Russland gegen Deutschland liege „auf wirtschaftlichem Gebiet“. Die Russen hätten im Neuen Palais vorgebracht:

„Deutschland ist ein Industriestaat und wird durch die momentane massgebende Klasse der Grundbesitzer (Junker) künstlich zum Agrarstaat gemacht. Der auf Getreide liegende Schutzzoll allein erhält Eure Landwirtschaft konkurrenzfähig gegen die unsere. Bei uns fault das Getreide auf den Feldern mangels genügenden Absatzes und bei Euch habt Ihr teures Brot.
Wenn ihr den Zoll aber fallen lassen würdet, dann würden nicht nur die Grundbesitzer in ihren Absatz und Einnahmen durch uns geschädigt, sondern auch Millionen und Millionen Eures Nationalvermögens verloren gehen, denn der Boden ist unter dem Schutz dieses Zolles auf seinen Ertrag hin zu hoch hypotheciert und die Verzinsung festgesetzt.
Wir, als reiner Agrarstaat, haben anscheinend gar nichts von Euch als Nachbarn zu hoffen. Wir, indem wir uns konsolidieren und die Kräfte unseres Bodens immer auszunutzen suchen, sind gezwungen, Eurer Industrie auf lange Jahre hinaus Maschinen abzukaufen und Euch zu soulagieren“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Betont wurde: „Die momentan bei Euch massgebende Klasse ist unser natürlicher wirtschaftlicher Gegner!!!“ Und ein weiteres Moment waren die einseitigen Besitzverhältnisse in deutscher Banken- und Presse-Welt. Die russischen Generäle äußerten:

„Was nun Eure Industrie und Bankenwelt angeht und die kaufmännischen Kreise, so sind diese durch die Presse, die sich fast ausschließlich in den Händen der Juden befindet, stark gegen uns beeinflusst. Eure Banken wie die unseren (bis auf eine einzige bei uns) sind gänzlich unter jüdischem Einfluss, und was die Presse an Verhetzung leistet, haben wir ja gemeinschaftlich erlebt“.-

Katzenstein riet seinen russischen Gesprächspartnern mit beträchtlicher Weitsicht:

„fangt nicht zu früh an, denn dann ist Euch eine gründliche Niederlage sicher. Ihr kommt aus einer militärischen Katastrophe und aus einer Revolution und werdet sehr lange gebrauchen, um Euer Heer auf die Höhe zu bringen auf der sich das unsere befindet“ (Hervorh.v.m, B.S.).

Katzenstein behauptete, „unseren Offizier und Unteroffizier macht Ihr uns sobald nicht nach“. Das gestanden die Russen zu und behaupteten, das Zarenreich befände sich in einem Zustand, welcher jenem Preußens 1806 gleichkomme. Sie meinten: „Wir hatten einen unglücklichen Krieg und, was noch viel schlimmer ist, eine ausgesprochene Revolution im Lande“. Der Erfolg der „rein russischen Nationalbewegung“ zeige jedoch, dass sich das Land „in einem ausgezeichneten Gesundungsprozess“ befinde. Das Ziel sei, „die Bedeutung Russlands“ wiederherzustellen. Dazu werde auch vor einem Krieg nicht zurückgeschreckt. Momentan sei „die Offensive aufgegeben“ und die „Verteidigung zurückgelegt“. Die Generalsriege räumte durchaus ein:

„Es ist richtig, dass unsere Führer an taktischer Ausbildung gegen die Euren zurückstehen, und dass unsere Offiziere nicht die Verantwortungsfreudigkeit und das selbständige Handeln wie die Eurigen besitzen. Zum Verteidigungskrieg, zum Halten der Position reichen ihre Fähigkeiten aus. Der russische Soldat hat im fernen Osten bewiesen, dass er vorzüglich kämpfen kann und die allerbesten Qualitäten besitzt. Er ist in der Allgemeinheit für die Entbehrungen des Krieges weit besser prädestiniert wie der Eurige, weil seine Lebensbedürfnisse und Lebensverhältnisse ungünstiger sind wie die eurer Soldaten, der unter günstigeren Lebensbedingungen in seiner Heimat steht. Die Welt hat den russischen Soldaten in der Mandschurei fechten gesehen, fern von der Heimat und ohne Interessen an dem Krieg. In Polen und Kleinrussland wird der Mann in die[en] Schützengräben noch ganz ander[s] liegen bleiben und sein Gewehr halten, wenn es gilt russischen Boden zu verteidigen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Kamarilla war sich der allgemeinen Problematik eines deutsch-russischen Krieges durchaus bewusst. Es wurde erläutert:

„Und wohin sollt Ihr uns folgen, wenn wir aus Stellung zu Stellung zurück müssen? Dann besitzt Ihr eben diese Grenzprovinzen, die Ihr ja eigentlich schon habt, wo bereits 2 x 100 000 Reichsdeutsche leben und ihr Brot finden und für uns eine recht unangenehme Zugabe sind, wenn Eure Regimenter da über die Grenze kommen.“

Welche Befürchtung seit 1870 jedoch hinter diesen Überlegungen stand, verdeutlichte die Feststellung:

Nehmen wir aber für uns das Schlimmste an, unsere bestehende politische Kombination wird in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit der Eurigen geschlagen, so können Sie ganz sicher sein, dass sich sofort oder nach wenigen Jahren eine heilige Allianz der gesamten Welt, ähnlich wie gegen Napoleon I. gegen Deutschland bilden wird, denn die übrigen Völker werden eine derartig starke Zentralmacht niemals auf die Dauer dulden“.

Was aber könne Deutschland gewinnen, wurde gefragt. Katzenstein hielt fest:

„Wie lange auch der Krieg dauern würde, uns kann dabei wenig geschehen: Geld und Menschen haben wir genug. An dem Tage, wo Ihr aus dem Lande zurückgeht, wird im Frühling unser gute[r] Boden wieder sein Korn treiben, unsere Industrie, da wir keine haben, wird nicht leiden, während jeder Tag des Krieges bei euch ungeheuere Opfer kosten wird, denn Ihr schneidet bei euch ins Mark der Bevölkerung und zerstört Euren Lebensnerv, die Industrie“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Wesentlich sei ferner, dass Deutschland mit seinem „Golde an Menschen“ zahle, auch werde in Russland wahrscheinlich die „Dynastie Romanow“ stürzen. Dann habe das Reich „eine Republik im Westen und…eine solche im Osten.“ Was werde das „für die deutsche Dynastie“ bedeuten, „bei der Sozialdemokratie“, wurde Katzenstein gefragt. Dieser wies die Einschätzung der Sozialdemokratie als innenpolitischem Unsicherheitsfaktor zurück, musste sich jedoch im Gegenzug dem Argument stellen, des deutscherseits „viel zu enger[n] Anschluss[es] an Oesterreich“ (Hervorh.v.m., B.S.). Dieser werde sich „einmal für“ das Reich „in der Zukunft sehr schlecht zahlen“. Es wurde offen gefragt:

„Was glauben Sie, wenn wir Russland auf den oben genannten Grundlagen aufgebaut und erstarkt haben, wohin die Slawen gravitieren?“

Katzenstein nahm nach diesem Gespräch Gelegenheit, mit dem General Tatitscheff noch einmal die berührten Aspekte zu erörtern. Im Verlauf der Unterredung habe der General auf das im Zimmer hängende Bild des Zaren Alexander II. gedeutet und ausgeführt:

„An der ganzen Situation, in der wir uns momentan befinden, ist dieser hochselige Kaiser Schuld, der, als man ihn nach Sedan bat, nunmehr einzuschreiten und einen Frieden herbeizuführen, antwortete: [´]König Wilhelm hat mein Wort, dass ich ihn mit meiner ganzen Macht in diesem Krieg gegen Frankreich decke und mich in keinem Fall gegen Preussens Interessen einmische[´]. Sehen Sie Herr K[atzenstein]. das war für Russlands Zukunft und Entwicklung ein grober Fehler, unter dem wir noch heute leiden. Wir haben Euch zu gross werden lassen“ (Hervorh..m., B.S.).
 
Dass Katzenstein Agent des Generalstabes war, belegt der Befehl Moltkes – und während des Krieges Falkenhayns – die Beziehungen Katzensteins dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes „zur Verfügung“ zu stellen.

Die „jüngere Linie“ deutscher Politik formiert sich.

Zwischen Oberst House, dem engen Berater des amerikanischen Präsidenten, und dem Vertreter der Pro-Deutschland-Richtung im Britischen Foreign Office, Sir William Tyrell, kam es Ende 1913 zu Kontakten über einen Vorstoß in Berlin, um „zu versuchen“, den Kaiser „für den Gedanken zu gewinnen, der“ Amerika „und die englische Regierung so eingehend“ beschäftige. Im Januar 1914 erklärte sich Oberst House genauer:

„Die allgemeine Idee sei, eine Übereinstimmung zwischen England, Deutschland und Amerika zuwege zu bringen, nicht allein über die Abrüstung, sondern auch über andere Dinge, die für sie und die übrige Welt von gleicher Bedeutung seien“.

Vier Wochen darauf wurde der Tirpitz-Adlatus Hopman vom Deutschen Kronprinzen zu einer Soiree geladen. Das Kronprinzen-Paar nahm Gelegenheit, den Marineoffizier in detaillierte Gespräche zu ziehen, um so zu erkunden, ob Tirpitz, als kommender Reichskanzler, einer forschen deutschen Politik zur Verfügung stehen würde. Hopman äußerte sich, wie erwartet, deutlich anti Bethmann Hollweg und Großbritannien. Gegenstand des Gespräches war unter anderem ein neues Reventlow-Buch: „25 Jahre deutsche Politik“. Der Marineamtsvertreter wies

„auf die Tatsache hin, das erfolgreiche Bestreben Englands, auf dem Kontinent stets die Mächte gegeneinander auszuspielen[,]“

käme „sehr klar in dem Buche zum Ausdruck“. Auch sei „die Agadiraffaire etwas im Sinne der Wilhelm[straße]. dargestellt. Als die Kronprinzessin Hopman direkt auf eine mögliche Bereitschaft des Staatssekretärs des Reichsmarine Amts hin befragte, „eventuell“ für die Position des Reichskanzlers zu kandidieren, antwortete der Kapitän zur See, er bezweifele, ob Tirpitz, „mit Rücksicht auf die gewaltige Arbeit[,] das noch annehmen werde“. „Die Schwierigkeit seines Einarbeitens in die innere Politik“ führte der Marineoffizier als Grund an, der dem widerspreche. Kronprinz Wilhelm suchte offensichtlich bereits „seinen“ Reichskanzler, für den Fall einer Regierungsübernahme. Das erscheint durchaus begründet, denn Wilhelm II. wurde in breiten Schichten der Gesellschaft des Kaiserreiches seit 1909 zunehmend skeptischer beurteilt. Bethmann Hollweg und Valentini, der Chef des Zivilkabinetts, hatten zuvor bereits dem Botschafter in Konstantinopel, Wangeheim, bestätigt:

„Lassen Sie ihn doch, wenn er buddelt [auf Corfu], telegraphiert er nicht und macht keine Politik. S[eine]. M[ajestät]. betreibe lediglich ‚Corfu Politik‘, d. h. seine ganze Politik erstrebe einzig und allein das Ziel, daß ihm sein Vergnügen, sein Corfu zu genießen, nicht geschmälert werde“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kaiser verfolge eine illusionäre Politik. Im Reichsmarine Amt wurde die Äußerung des Reichskanzlers bekannt, sein – des Monarchen –

„Bestreben gehe dahin, ein Bündnis zwischen [der] Türkei und Griechenland fertig zu bringen, das sich an den Dreibund anschließen solle. Er habe versucht[,] Venizelos [den griechischen Ministerpräsidenten] dafür zu begeistern, der habe abgelehnt und nur zugegeben, er wolle es mal versuchen. Dabei sei er ausgesprochen türkenfreundlich u[nd] gebe dies ganz offen zum Ausdruck, was durch russische Machinationen brühwarm in Konstantinopel aufgetischt wurde. Der Reichskanzler wolle ihn in seiner Freude an Corfu nicht stören u[nd] lasse ihn gewähren“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Wangenheim sei nach diesen Äußerungen über das Verhalten des Kaisers „außer sich“ gewesen und schrieb an den Reichskanzler und Jagow, „der Bund Türkei-Griechenland sei ein Unsinn. Griechenland“, so Wangenheim,

„könne nie gegen Rußland marschieren und sei völlig in den Klauen Frankreichs und Englands. Unsere Stellung in der Türkei werde von Tag zu Tag schlechter, Rußland u[nd] Frankreich gewönnen immer mehr an Einfluß; wir würden gänzlich kalt gestellt u[nd] alle Errungenschaften vieler früherer Jahre gingen verloren. Unsere Politik müsse ein Bündnis Türkei-Bulgarien erstreben, dem dann Rumänien sich ganz von selbst anschließen müsse. Eine solche Koalition müsse ganz von selbst den Anschluß an den Dreibund suchen und gegen Rußland stehen. Der Weg für uns nach Kleinasien führe über Oesterreich“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Diese Politik der Firma Wilhelm II. – Bethmann widersprach den Vorstellungen des Kronprinzen. Wangenheim, der ebenfalls einer aggressiven Politik zuneigte, stand, allem Anschein nach, mit dem Kanzler über dessen Erwartungen in engem Kontakt. Der Botschafter teilte darüber mit, Bethmann Hollweg habe gegen diese „jüngere“, offensive Linie deutscher Politik, die Ansicht vertreten, er wolle

„keine[n] Präventivkrieg[e] u[nd] glaube[,] in 15 Jahren wären wir so auch[so weit], daß unserer Weltpolitik nichts mehr im Wege stünde“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Das würde bedeutet haben: im Jahre 1929 hätte Deutschland die Hegemonie in Europas erreicht. Demgegenüber vertrat Wangenheim, als einer der Exponenten dieser offensiven Linie, die Meinung, „nicht mit Philosophie[,] sondern mit Mathematik mache man Politik“ (Hervorh.v.m., B.S.). Eben diese mathematische Politik betrieb Bethmann Hollweg.

Hat sich Berlin bereits für Krieg entschieden?

Energisch wird diese Spielart am Beispiel des Projektes „Bau strategischer Bahnen“ vorangetrieben. Treffen mit den Ministerpräsidenten der Bundesstaaten werden Anfang 1914 vereinbart. Graf Vitzthum-Eckstätt trifft der Kanzler in Berlin am 6. April. Am 21. April dann die Gesandten und Ministerpräsidenten Badens, Sachsens, Württembergs und Bayerns in toto. Es wurde niedergelegt:

„Vorläufig wird vor allen Dingen wichtig sein, die Vorarbeiten so bald fertig zu stellen, daß nach Entscheidung der Kostenfrage die Bauausführungen unverzüglich begonnen werden können“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Dem Staatssekretär des Reichsschatz-Amtes schreibt Bethmann Hollweg am 21. Mai: „Die größte Beschleunigung dieser Verhandlungen halte ich für dringend erforderlich und bitte Eure Exzellenz sich…deswegen sogleich mit den anderen Herren Ressortchefs…in Verbindung setzen“ zu wollen (Hervorh.v.m., B.S.). Kühn antwortet Anfang Juni, er werde „eine Zustimmung des Bundesrats und des Reichstags zur Übernahme eines Teiles der Kosten bis zu dem gewünschten Termin (für 1914) herbeizuführen“ suchen.

Wie sich die amerikanische Lagebeurteilung Anfang 1914 ausnahm, offenbarte ein Brief des US-Botschafters Page an Oberst House:

„Die englisch sprechenden Völker beherrschen jetzt die Welt in allen wesentlichen Dingen. Nur sie und die Schweiz haben eine freie Regierung. In Frankreich herrscht Freiheit – aber wie lange? In Deutschland und Österreich – kaum. In den skandinavischen Staaten – ja, aber sie sind klein und exponiert, wie Belgien und Holland. In den großen südamerikanischen Staaten – ja, da kommt sie. In Japan? Nur die britischen Länder und die Vereinigten Staaten haben eine gesicherte Freiheit. Überdies besitzen sie die größten Reichtümer, die besten Kämpfer, das meiste Land, die meisten Schiffe – in Wahrheit: die Zukunft“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Es ging um die Mission von Oberst House in Berlin, die, seit Ende 1913 zwischen London und Washington im Gespräch, nun Anfang 1914 umgesetzt werden sollte. In der letzten Maiwoche des Jahres traf House in Berlin ein. Asquith schildert:

„Die offiziellen Kreise bereiteten ihm eine sehr kühle Aufnahme. ´Von Tirpitz machte gar keinen Versuch, seine Gefühle zu verschleiern, daß der Zweck der Mission House ihm bis zum äußersten zuwider sei. Er war stachelig vor Feindseligkeit bei jeder Andeutung von Frieden oder Abrüstung oder Weltzusammenwirken´“ (Hervorh.v.m., B.S.).

House beschrieb die Lage, zwei Monate vor dem Kriegsausbruch, mit seltener Authentizität:

„Die militärische Oligarchie hatte die absolute Oberhand. Der Militarismus beherrschte nicht nur die Armee, die Flotte und die obersten Beamten des Staates, sondern in gleichem Maße auch die Bevölkerung“ (Hervor.v.m., B.S.).

Am 1. Juni, äußerst spät, denn die Disposition der kommenden Krise war, aller Voraussicht nach bereits abgeschlossen, fand Oberst House, im Neuen Palais zu Potsdam, Gelegenheit zu einer Unterredung mit dem Kaiser – außer Hörweite der übrigen Gesellschaft – der alle Führer der deutschen Armee angehörten. Ziel des Oberst House war, Wilhelm II. den Plan eines „internationalen Pakt[es] mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien zur Herabsetzung der Rüstungen“ nahe zubringen. Der Kaiser sprach mit gewaltigem Sprachaufwand und führte aus, „daß von Abrüstung solange keine Rede sein könne, wie diese Gefahr der Zivilisation drohe“. Außerdem äußerte er sich über „Frankreich und Großbritannien als möglichen Feinden“ . Wilhelm II. blickte nach Osten und fragte, wieso „er sich einem Friedenspakt anschließen und seine Armee verringern“ könne,

„so lange 175 000 000 Slaven seine exponierten Ostgrenzen bedrohten? Deutschland würde nie einen Schiedsvertrag annehmen. Ohne gegen Colonel Houses Vorschläge ‚äußerlich unfreundlich‘ zu sein, riet er ihm, erst nach London zu gehen und die Sache dort zu besprechen. ‚Jede Nation in Europa‚, so schloß er, ‚hat ihre Bajonette gegen Deutschland gerichtet: aber wir sind bereit“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Oberst House „ging von Berlin mit der Überzeugung fort, daß die mächtigste Gewalt in Deutschland die militaristische Clique und in zweiter Linie die Hohenzollern-Dynastie sei. Er hat immer behauptet, daß die Clique in Wahrheit den Machtvorrang habe“ (Hervorh.v.m., B.S.).

In London entschloss sich House kurz darauf, das Projekt weiter zu verfolgen. Asquith folgerte daraus, Deutschland sei für den Kriegsausbruch allein verantwortlich. Anders formuliert: nach dem Gang der Gespräche scheint die Berliner Führungselite, der Reichskanzler war offensichtlich nicht für House zu sprechen, bereits Ende Mai/Anfang Juni 1914 auf den Krieg in kurzer Frist festgelegt. Das bekräftigte der amerikanische Botschafter in London, kurz nach Kriegsausbruch, gegenüber dem Berater des Präsidenten:

„Nein, nein, nein; keine Macht der Welt hätte es verhindern können. Der Militarismus der Deutschen, der das Verbrechen der letzten fünfzig Jahre ist, hat daran fünfundzwanzig Jahre gearbeitet. Es ist eine logische Folge ihres Geistes, ihres Beginnens und ihrer Doktrinen. Er hatte zu kommen…“(Hervorh.v.m., B.S.).

Asquith fasste die Berliner Zustände gewiss zu eng wenn er sagte, der Kaiser sei nicht für die Vorgänge verantwortlich. Ihn habe die militärische Führung des Reiches wie „in einer hohlen Hand“ gehalten.

Jagow suchte Goschen am 1.1.1914 auf und signalisierte, es gehe ihm darum, die Frage der Militärmission in der Türkei freundlich zu lösen. Allerdings mit der Einschränkung,

„it will be impossible if 1. Entente Powers try to exercise pressure. 2. If the Russian and French papers make so much fuss that the German papers will recriminate“.

In Verbindung mit der Diskussion um die Zabern-Vorfälle vertrat die Prinzessin Radziwill das Gerücht, Bethmann Hollweg könne zurücktreten und werde möglicherweise durch Lichnowski, Rheinbaben oder Schorlemer ersetzt werden. Der Kaiser mied offenbar den englischen Geschäftsträger. Goschen berichtete unter dem 18. Januar wiederum, es habe kein Gespräch – außer Banalitäten – mit dem Kaiser gegeben.

Bethmann Hollweg gerät unter Beschuß.

Die unsichere Haltung Rumäniens wirkte zunehmend beunruhigend in Berlin. Seit 1892 stand Österreich mit dem Donaustaat in engen politisch-militärischen Beziehungen. Deutschland war 1913 diesem Vertrag beigetreten. Alles hing „von dem Grade ab“ mit welcher Festigkeit König Carol künftig „Regierung und Volk in der Hand haben würde“. General Conrad, der österreichische Generalstabschef, schrieb Mitte Februar 1914 an Moltke:

„Bei dem Antagonismus, der sich in Rumänien gegen uns herausgebildet hat, und bei den aggressiven Zielen gegen uns, welche sich die Großrumänischen Chauvinisten stellen, ist sehr mit der Gefahr zu rechnen, daß Rumänien auf Seiten unserer Gegner stehen wird, und es müßte jetzt schon als relaltiv günstig gelten, wenn Rumänien neutral bleiben sollte“.

Moltke plädierte in seiner Antwort gegen das geschwächte Bulgarien, das Österreich gegen Rumänien eingetauscht habe. Er unternehme alles, „um Rumänien am Dreibunde festzuhalten“. Auch Waldersee bestätigte diese Einschätzung noch im Mai 1914. Die „rumänische Regierung“ habe allerdings „den Nachrichtenaustausch zwischen den Generalstäben von Berlin und Bukarest aufgegeben“, stellte Waldersee fest. Dieses Land bleibe bestenfalls neutral“.

Dass sich die Stimmung – und die allgemeine politische Atmosphäre – nicht besserten, zeigte Goschens Essen für den Kanzler. Der britische Geschäftsträger kommentierte: „Rather a ghastly party“.

Die Lage der „Mittelmächte“ Deutschland und Österreich besserte sich nicht. Es ging Mitte April in Berlin das Gerücht um, Wilhelm II. habe für das Jahr 1914 ein Treffen mit dem Zar Nikolaus in die Wege geleitet. Goschen ergänzte, sein Informant, der französische Botschafter Jules Cambon, habe mitgeteilt, das Motiv sei die Schwäche Österreich-Ungarns. Anfang Mai in Braunschweig kam es zwischen Goschen und Wilhelm II. wiederum nicht zum Gespräch. Der Kaiser fragte nur: „Mind I expect you at Kiel“?

Der amerikanische Botschafter Morgenthau teilte mit, im Mai 1914 habe der österreichische Kaiser seinem Botschafter in Konstantinopel gesagt:

„Die Zentralmächte können den Frieden von Bukarest nicht als endgültige Beilegung der Balkanfrage annehmen: nichts, als ein allgemeiner Krieg kann eine erträgliche Lösung herbeiführen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Dem britischen Botschafter in Petersburg teilte der Zar am 3. April mit, er denke nicht an eine Neugruppierung der Mächte, die Hauptsorge der englischen Diplomatie seit der Entrevue von Potsdam 1910. Nikolaus II. habe erklärt, so Buchanan,

„So sehr er wünsche, mit Deutschland auf einem gutem Fuße zu stehen, … , wäre doch ein Bündnis außer Frage, denn – abgesehen von anderen Gründen – bemühe sich Deutschland, in Konstantinopel eine Position zu erringen, die es in den Stand setzen würde, Rußland im Schwarzen Meere vollständig einzusperren“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Nach der „Teilung Europas“ befragt, äußerte der Monarch den Wunsch nach einem englisch-russischen Bündnis, das auch dem englisch-französischen nachgebildet sein könne. Buchanan zog sich jedoch hinter die Formulierung zurück, er wisse nichts von Vereinbarungen mit Frankreich, es sei jedoch

„aus materiellen Gründen unmöglich, Truppen für ein gemeinsames Vorgehen mit der russischen Armee zu entsenden“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Schließlich unterstützte der Zar die Vorstellung,
 
„er würde es trotzdem vorziehen, wenn das englisch-russische Einvernehmen einen präziseren und bestimmteren Charakter annähme“.

Buchanan berichtete, der französische Botschafter Delcassé habe ihm die Vermutung mitgeteilt, „Deutschland würde niemals zu so drastischen Finanzmaßregeln gegriffen haben, wenn es nicht entschlossen wäre, in naher Zukunft Krieg zu führen“ (Hervorh.v.m., B.S.). Jedenfalls sei die russische Armee-Verstärkung die Antwort auf die Heeresvorlage des Reichs von 1913 gewesen. Buchanan‘s Mitteilung an London traf auf Ablehnung. Buchanan berichtete:

„Niemand hielt Deutschland einer solchen verbrecherischen Narrheit fähig. Die allgemeine Ansicht schien, wie ein Freund mir schrieb, zu sein, daß die ‚financiers‘, die gegen einen Krieg wären, schließlich bremsen würden. Dem Deutschen Kaiser wurde zur selben Zeit der Wunsch zugeschrieben, vor der Nachwelt als Bewahrer des europäischen Friedens dazustehen“.

Rezept Bethmann Hollwegs: Frieden durch Brüskieren?

Jules Cambon führte im April, anlässlich eines Abendessens bei Jagow, mit diesem ein äußerst interessantes Gespräch zu den übergreifenden deutschen politisch-militärischen Zielen gegenüber Belgien. Cambon berichtete:

„M.de Jagow said to me that he considered, like the Colonial Secretary of State M. de Solf, that an entente between France and Germany on Central Africa – an entente in which England would participate, would be exeedingly valuable. ‘In that Kase‘, I remarked, ‘it would be necessary to invite Belgium to confer with us, for she is building a new railway in the Congo; to my mind it would even be desireable that the Conference should be held at Brussel‘.
‘Certainly Not‘, replied Jagow, ‘it is at Belgium’s expense that our agreement should be concluded‘. ‘Why so?’ ‘Don’t you think that King Leopold put too heavy a load on Belgium’s shoulders? Belgium is not rich enough fully to exploit these vast Congo territories. It is an undertaking beyond her financial means and her power of expansion. She will be obliged to give it up‘.
I contested this view, but M.de Jagow would not budge from it, and being in an expansive mood, he enlarged on the theme that only the Great Powers were in a position to colonize. He even disclosed his underlying ideas by arguing that, in view of the transformations that were happening in Europe to the advantage of the nationalities that were most powerful in point of economic and transport development, the small States could not lead the independant existence that they had hitherto enjoyed. They were destined to disappear or else to gravitate modestly into the orbit of the Great Powers.
I answered that his view was not that of France nor, as far as I could see, that of England; that I continued to think that certain agreements were necessary for the proper development of Central Africa, but that under the conditions that he set forth, no understanding was possible.
On this, M.de Jagow made haste to say that he had to say that he had only expressed purely personal ideas, and that he had only been talking in his private capacity and not as Secretary of State addressing the Ambassador of France. All the same, I attach very serious significance to the outlook that M. de Jagow disclosed to me in this conversation“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Berichte Cambons machten in Paris klar, Deutschland betrachte einen Krieg mit Frankreich als unausbleiblich, und Berlin werde zusätzlich die belgische Neutralität brechen und visiere Annexionen in Mittelafrika an (vgl. Die Berichte des belgischen Gesandten Baron Beyens).

Tirpitz warnt vor dem Kriegstreiber England.

Dass die Kontakte der deutschen Entscheidungsträger – Bethmann Hollwegs Gespräch mit Jules Cambon zählte dazu – nicht nur äußerlich/zeitlich zusammenhingen, bestätigte der Versuch des Reichsmarine-Amtschefs Tirpitz, Madame de Faramond auseinander zu setzen, dass es für Frankreich darum ginge, sich baldmöglichst von England zu trennen. Der französische Gesandte ordnete das Gespräch der Frau des französischen Marineattachés, hinsichtlich Quelle und Stellung des Gesprächspartners, für den Quai
d´Orsay ein:

„Mame de Faramond, who is an American by birth, has a special position with the Court here. One of her sisters married Baron Spech[k] von Sternberg, who was Ambassador at Washington and is one of the Emperor’s special friends. M. de Tirpitz was particularly anxious that the conversation should be reported to me. Tirpitz’s personality is outstanding, and his words have an importance that we cannot let ourselves ignore. They reflect all the preoccupations of those in high places, especially as seen in relation to certain observations of the Emperor and General von Moltke that I reported at the time“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der französische Botschafter berichtete das Gespräch im Wortlaut nach Paris:

„Going straight to the point, Tirpitz began a long tirade about Franco-German relations. Ordinarily very calm, he talked that evening with a volubility and an excitement not usual in him. ‘Why‘, he said, ‘does France persist in vexing us? You will object that there is Alsace-Lorraine. But don’t you think that it is just as painful for us to be in that country, as it is for you to have lost it? If France would give up her policy of sentiment as regards Alsace-Lorraine, it would be easy for us to come together.
The immediate consequence of our rapprochement could be the happiness and prosperity of Alsace-Lorraine. To obtain that of you, we should be ready to make you great concessions. You have founded an immense empire in North Africa. You have taken Morocco, developped that rich and magnificent country. We are giving it up to you completely and without qualifications; do what you like there. In exchange, give up the sentiment policy over Alsace-Lorraine!
If France, instead of putting her trust in the friendship of England – which cannot be sincere – would consent to forget the past and strech out a hand to us, the peace of the world would be assured, and a maginificent future would open out for our two countries. The Franco-British alliance is an absurdity (contre-sens). England is the most selfish of the nations; she thinks only of her own interests, and never keeps her engagements towards allies and friends. At the critical moment, she will drop you. The inordinate ambition of the English will one day bring about, for you and for us, a catastrophe from which they will seek to benefit“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Tirpitz wurde noch deutlicher, denn Madame de Farramond unterbrach ihn mit der Frage, der Staatssekretär spreche so, als ob eine große Gefahr drohe. Wer aber träume davon einen Krieg zu beginnen? Jules Cambon gab die Antwort des Admirals wieder:

„Not we,…never shall we declare war on you. Nor do I believe that war is desired in France, even though people in your country have not a very exact idea of our military power. You can say that at no time in our history has our army been so ready as it is today. The great danger is England, who will push you to attack us in her hope of eating the chestnuts when you have pulled them out of the fire“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der französische Botschafter fasste zusammen, Tirpitz schlage vor, Frankreich solle seine Freundschaft mit England beenden, die Seeherrschaft an Deutschland abtreten, das Vergangene vergessen, und Marokko erschließen. Dafür verspreche Deutschland Frieden, während gleichzeitig betont werde, die deutsche Armee sei nie so stark gewesen wie gegenwärtig; was im Klartext bedeute: nach dem Ende der Entente Cordiale hänge Frankreich von Gnade und Erbarmen der Deutschen ab. Wenige Tage darauf sprach der Kanzler Cambon auf die zwischen Deutschland und Frankreich gespannten Beziehungen an. Er fragte:

„Is it not a fact…that our relations have become more difficult than they were a month ago?“

Cambon antwortete fest, es ginge letztlich um die Abgrenzung der beiderseitigen Interessen in der Türkei. Das veranlasste Bethmann Holweg zu der Drohung:

„Believe me…let us face the facts and get rid of what is dividing us; if not, things will be dangerous“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Stringentes Plädoyer für den Präventivkrieg.

Hinzu trat die „Liman von Sanders-Affaire“, um die Stellung des Chefs der deutschen Militärmission in der Türkei. Dazu eine Pressefehde, die der Generalstab im Frühjahr 1913 vom Zaun brach. Russland sah sich durch diesen hohen deutschen Offizier, als Kommandeur des 1. Armeekorps in Konstantinopel, direkt getroffen und opponierte heftig. Doch auch die Lösung der Krise befriedigte die verletzten Russen nicht und so kam es zu Vorschlägen, die Triple Entente umzuformen. Das gelang in London und Paris nicht, doch Marine-Absprachen zwischen Russland und England begannen und beunruhigten vorgeblich Berlin.

Im Mai schien in London die Welt so friedlich wie nie zuvor. Nicolson schrieb an Goschen:

„I think there is no likehood of serious friction arising among the big European Powers“ (Hevorh.v.m., B.S.).

Und ergänzend:

„Since I have been in the Foreign Office I have not seen such calm waters“.

Frau von Bethmann Hollweg starb am 11. Mai 1914. Jagow vertrat am 14. Mai den Kanzler vor dem Reichstag. Er griff die russische Presse hart an, wegen deren antideutscher Kampagne.

Am 18. Mai entwickelte der Ober-Quartiermeister im Generalstab, Graf Waldersee, Moltke „Deutschlands militärische Lage [im] Mai 1914“. Unverändert stand über allem, dass Deutschland „allen Grund zu ernstester Aufmerksamkeit und Anspannung aller seiner Kräfte“ habe. Allerdings sei momentan „der Beginn eines Krieges von Seiten der Gegner Deutschlands“ nicht „zu gewärtigen“. Doch diese würden „unablässig rüsten und Vorbereitungen“ treffen. Der Ober-Quartiermeister, und Stellvertreter Moltkes, unterstellte den Ententemächten den Plan,

„zu gegebener, wohl noch etliche Jahre hinaus liegender Zeit, den Dreibund oder dessen beide Kaiserrmächte, am liebsten gar Deutschland allein, mit überlegener Macht von allen Seiten her anzufallen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Das Jahr 1914 schien demnach zunächst nicht auf einen „Waffengang“ hinzudeuten. Letztendlich arbeitete der Berater des Generalstabschefs die Gründe heraus, die die für einen Präventivschlag günstige Lage bestätigten. Dürftige Ausbildung, eine noch nicht „brauchbare“ schwere Artillerie des Feldheeres, und die – nach den Wahlen zur Kammer – innenpolitisch labile Situation in Frankreich, schienen diese Theorie zu begründen. Rußland wurde ebenfalls als nicht unmittelbar kriegsbereit erkannt. Erst in „etlichen[r] Jahre[n]“ erwartete Waldersee die russische Armee im Stadium „größte[r]n Wirksamkeit“. Das gelte ebenfalls für den „groß angelegter[n] Ausbau strategische Bahnen“ (Hervorh.v.m., B.S.). Auch England werde, bedingt „durch die irische Frage und manche innere Schwierigkeiten“, nicht an „kriegerischen Ereignissen“ interessiert sein.

Des Generals Interpretation der Lage auf dem Balkan machte deutlich, dass „Rußland und Frankreich daran…[seien], dort überall gegen den Dreibund“ aufzutreten. Rumänien sei „z.Zt. noch unsicher“. Die Mahnung jedoch, bald etwas zu unternehmen, und das gerade hier, betonte Waldersee indem er schrieb:

„Daß aber vielleicht sehr bald auch hier unsere Gegner Erfolg haben werden, ist leider mehr als wahrscheinlich“. (Hervorh.v.m., B.S.).

Das Hauptanliegen dieser Denkschrift bildete offenbar, im Zusammenhang mit einer baldigen Kriegsauslösung, die Leser dieser Ausführungen auf einen aggressiven Kurs festzulegen. Eines seiner Hauptargumente, die unsichere Rolle Italiens und der zerfallende Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn (vgl. Gutachten Dietrich von Bethmann Hollwegs/Botschaft Wien zur wirtschaftlichen Lage Österreich-Ungarns, 24.6.1914, in: Bernd F. Schulte, Das Deutsche Reich von 1914, Norderstedt 2013/14), fanden sich im Zentrum der Argumentation:

„Daß sich unsere Feinde sagen können, im Augenblick halte Italien noch zum Dreibunde und noch halte Kaiser Franz Josephs Persönlichkeit die bunte Monarchie zusammen, ist klar. Aber wie lange? Werden diese Dinge sich nicht vielleicht recht bald zu ihren Gunsten verschieben? Diese Frage wird niemand mit einem bestimmten ‚Nein‘ beantworten wollen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der europäische Krieg ist heute noch zu bestehen.

Waldersee plädierte an diesem 18. Mai 1914 für einen Präventivkrieg. Deutschland habe zwar „bei einem normalen Lauf der Dinge“ sich „eines Angriffs in allernächster Zeit nicht zu gewärtigen“ (Hervorh.v.m., B.S.). Andererseits sah der Ober-Quartiermeister auch „keinen Grund, …in irgend einer Lage einem Konflikt aus dem Wege zu gehen“. Waldersee sah die Chance, dass

„einen großen europäischen Krieg schnell und siegreich zu bestehen, heute noch sehr günstig für Deutschland liege[n] und ebenso für den Dreibund. In kurzem wird dies nicht mehr der Fall sein“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Klassischer konnte die Aufforderung zum Präventivkrieg nicht formuliert werden. Der österreichische und italienische Generalstab verträten diese Position ebenfalls. Allein einige [deutsche] Diplomaten, und die „Triple- Entente-Presse“, würden dagegen von einer Entspannung sprechen. In nicht zu „ferne[r] Zukunft“ werde sich jedoch die Lage des Reichs verschlechtern. Die Gefahr, die sich bei weiterem Zögern in die Hand der „voraussichtlichen Gegner“ zu begeben aufbaue, unterstrich Waldersee unüberhörbar. Denn die „Früchte“ reiften „aber sicher heran, wenn es so“ weiterginge. Das hieß, wenn von Berlin nicht stringent gerüstet werde.

Als Ausgangspunkt für das Revanchestreben der Franzosen bezeichnete der Generalstäbler das französische Kriegsziel Elsaß-Lothringen, das auch durch „radikale und sozialistische Ministerien“ nicht zurücktreten werde. Darüber hinaus verwende Paris alle „Kräfte für das Heer“ und „milliardenweise Anleihen…an unsere und des Dreibundes Feinde“. Entsprechende Bestrebungen glaubte Waldersee in Belgien, Luxemburg und der Schweiz feststellen zu können. In Bern habe „kürzlich in rührender Offenheit der französische Militär-Attaché von seines Landes Absicht“ berichtet, „in einiger Zeit zum Kriege zu schreiten, sobald der günstigste Moment gekommen sei“. „Für den nicht bezweifelten Fall des Sieges“ habe dieser den Schweizern „gewisse Anerbietungen gemacht“ (Hervorh.v.m., B.S.).

1916, so habe der italienische Generalstabschef Pollio geäußert, würden „Frankreich und Rußland…mit den ihnen dienstbaren Mächten den Ring um, den Dreibund geschlossen haben“. Auch Rußland rüste „nach einem großen Programm“. Es würden, ohne wirtschaftliche Rücksichten, Bahnlinien gegen die deutsche und österreichische Grenze vorgetrieben. Sei erst „die Armee von 2 Millionen Streitern…vorhanden“, und sei „sie dank des vielmaschigen Eisenbahnnetzes erst leichter beweglich, dann“ werde „sie auch Großfürsten, Politikern und Volksströmungen zum Schlagen dienen“. Gegen Deutschland wende sich zunehmend auch die russische Regierung. Truppen, Spionage und der Druck auf Schweden, Norwegen und Dänemark würden verstärkt. Die Donaumonarchie und Bulgarien bildeten die weiteren Ziele. „Ernsten Beobachtern“ sei „es nicht zweifelhaft, daß mit Hilfe französischer Anleihen und russischer Drohungen Bulgarien über kurz oder lang seinen Anschluß nach Petersburg“ wieder gewänne. Serbien und Montenegro sah Waldersee bereits „fest in der Hand Rußlands und Frankreichs“.

Den Griechen werde mit Recht in Rom und Wien „gründlich“ misstraut. Vor allem aber Rumänien, das zu „lauern“ verstehe. Der „sichere Anschluß an den Dreibund“ bestehe nicht mehr. Die österreichische Politik, Rubel und „Franken“ hätten „das Ihrige getan“. Sicher sei,

„daß die rumänische Regierung den Nachrichten-Austausch zwischen den Generalstäben von Berlin und Bukarest aufgegeben hat“.

Wie lange Rumänien „in einem großen Kriege“ neutral bleiben werde, sei ungewiss. Der Stellvertreter des Generalstabschefs fragte, ob „noch lange“, und deutete erneut an, es sei zu überlegen, diesen großen Krieg in Kürze zu führen. Mit der Türkei zu rechnen, wies Waldersee dagegen vollständig zurück. Die Träume eines von der Goltz gehörten der Vergangenheit an. Der Oberquartiermeister unterstrich,

„alle Stimmen sachverständiger Deutscher betonen einmütig, daß die türkische Armee auf viele Jahre hinaus als Null einzusetzen sei. Nachrichten der letzten Tage aus Kreisen der Militärmission wie solchen außerhalb dieser, schildern die Zustände als trostlos“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Lagebeurteilung Waldersees – negativ.

Die jungtürkischen Machthaber seien „charakterlose Leute“. Waldersee befürchtete eine russisch-türkische Übereinkunft. Der deutschen Diplomatie, und deren Glauben an Erfolge dort, wollte er künftig nicht mehr folgen. Großbritannien werde so bald „die Entente mit Frankreich und Rußland“ nicht aufgeben. Der Hoffnung Moltkes, es werde „nicht mit Truppen auf den Kontinent“ kommen – trat der Generalmajor nicht frontal entgegen. Doch legte er nahe, England werde sich im Kontinentalkrieg mit seiner Armee engagieren. Es werde „noch Jahre hinaus auf der Seite unserer Feinde zu finden sein“. Von einer konservativen Regierung in London erwartete er „erst recht eine strammere Tonart“. Waldersee gelangte zu dem Schluss:

„an eine Revision der englischen auswärtigen Politik wird erst zu denken sein, wenn ein überstarkes Rußland die Balance in Europa ernstlich ändert“ (Hervorh.v.m., B.S.).

In scharfer Wendung gegen die England freundliche Politik des Reichskanzlers, verwies der Vertreter Moltkes darauf, „das Eintreten der englischen Presse in den allerletzten Tagen für Rußland sollte denen zu denken geben, die gern England alsbald an unserer Seite sehen möchten“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Freunde Italien und Österreich beurteilte Waldersee, abgesehen von einigen isolierten Lichtblicken, kritisch. Erneut erläuterte er, warum ein weiteres Abwarten von Übel wäre. Er fragte:

„Kann dies bald besser werden? Wahrscheinlich ist es nicht. Die Person des präsumtiven Nachfolgers Kaisers Franz Joseph bietet dafür keine Gewähr. Noch hält die Armee, aber die Wühlarbeit der divergierenden Nationalitäten ist am bedrohlichen Werke. Ungarn ist kopflos schroff. Dem Lande fehlt es an Geld. Der Ausbau der Armee hinkt dem der feindlichen traurig nach. Der Abstand wird von Jahr zu Jahr größer. Wirtschaftlich gleitet Oesterreich allmählich in die Reihe der Länder 2.Ordnung hinab“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Demgegenüber würden die „kleinen Staaten“ auf dem Balkan durch Rußland und Frankreich finanziell unterstützt und aufgerüstet. Trotz dieser finsteren Lage leiste sich Wien jedoch das überkommene Misstrauen gegen Italien, obgleich „einsichtige Stimmen in der Armee die Zeiten als zu ernst für diesen Luxus bezeichneten“. Conrad, sehr positiv beurteilt, werde im Augenblick noch „40 österreichische Divisionen gegen Rußland aufmarschieren“ lassen. Ob das „übers Jahr“ noch der Fall sein werde, bezweifelte der Oberquartiermeister (vgl. Dietrich v.Bethmann Hollwegs Alarmruf, 24.6.1914). Dass Schweden und Japan mit ins Kalkül gezogen wurden, belegte, dass der Generalstab durchaus über den Tellerrand europäischer Verhältnisse hinaussah.

Als Alternative zum Waffengang sah der Stellvertreter Moltkes „den Frieden um jeden Preis“. Die Ziele der Gegner stellten sich Waldersee als Angriff auf Front und Rücken Deutschlands dar. „Daß dieser geplant“ werde, sei sicher. Den deutschen Operationsplan skizzierte er folgendermaßen:

„Mit schneller Offensive werden wir Frankreich schlagen, aber Zeit wird es kosten. Solange man auf ein Vorgehen Oesterreichs gegen Rußland mit gewissen Stärken rechnen kann, würden unsere gegen Osten noch verfügbaren Kräfte genügen, um Rußlands Armeen solange von unserm Lande abzuhalten, bis wir Kräfte im Westen entbehrlich finden“.

Die russische Gefahr, welche aus Sicht des Oberquartiermeisters in der Tatsache bestand, dass „das russische Heer…sich von Jahr zu Jahr“ vergrößere und „beweglicher“ werde, gewinne mehr und mehr an Bedeutung, da Rumänien „in Oesterreichs Rücken und Flanke“ auftreten könne (Hervorh.v.m., B.S.). Das werde „Oesterreichs Mithilfe auf ein verschwindendes Maß“ herabmindern. Daraus folgerte Waldersee zunächst, das Reich werde gezwungen, alle

„Kräfte anzuspannen, um den Kampf, der uns kaum erspart werden wird, so gut es allein geht, durchzuführen“.

Der Generalmajor, und designierte Generalstabschef der Ostpreußen im Kriegsfall verteidigenden 8. Armee, leitete daraus die Forderung ab, weitere „Kräfte für unseren Osten“ bereitzustellen. Unverkennbarer Ärger angesichts einer defensiven Politik war zu erkennen. Waldersee proklamierte:

„Wir würden von vornherein jede Chance des Sieges aus der Hand geben, wollten wir uns der Offensive nach einer Seite begeben“.

Waldersee/Moltke: Folgerungen 1914, Kritik des Reichsarchivs 1919.

Alles in Allem zielte er mit der Forderung nach Durchführung der Allgemeinen Wehrpflicht auf das Jahr des neuen Heeresgesetzes 1916. Was bedeutet haben würde: Generalmajor Graf Waldersee erkannte die Gefahr eines feindlichen Überfalls erst für die Zeit nach 1916, wollte bis dahin jährlich rund ein Armeekorps zusätzlich ausbilden und glaubte so, die – an sich bereits überanstrengten – Franzosen und die schon angestrengten Russen, im Zaum halten zu können. Sein Rezept war: Aufrüsten oder Politik revidieren.

Moltke setzte diese Denkschrift in eine Vortragsunterlage bei Wilhelm II. um. Der Generalstabschef forderte die Nachforderung zur Nachrüstung. Bereits zum 1. Oktober 1914 befürwortete der Generalstabschef die „Einstellung sämtlicher wehrfähigen Deutschen zum Waffendienst“. Allerdings deutete die Ausschlussfrist, 1. Oktober 1915, nicht auf eine unmittelbare Kriegsauslösung hin. Wohin der Strom der neu einzustellenden Rekruten zu lenken sei, „ob in Gestalt neu zu formierender großer Verbände, oder in kleineren Verbänden unter Anschluss an die bestehenden großen Verbände“, sei noch nicht geklärt, führte der Generalstabschef aus. Anlass dieses erneuten Vorstoßes sei die „Einführung der 3 bzw. 31/2 und 41/2jährigen Dienstzeit in Frankreich und Rußland“ gewesen. Diese bedeuteten, dass

„wir in erster Linie an die Vereinfachung unserer Mobilmachung durch Erhöhung der Friedensstände der Regimenter werden herangehen müssen“.

Die „geringe Einschätzung der Türkei als militärischer Machtfaktor“ erkannte Berlin erst nach der ernüchternden Niederlage des Osmanenreiches im ersten Balkankrieg. Das Reichsarchiv konzedierte 1919 Deutscherseits

„die Hoffnung, anstelle der schwankend gewordenen Bundesgenossen Italien und Rumänien in der Türkei einen als militärischer Machtfaktor ins Gewicht fallenden Freund zu gewinnen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Plötzlich hieß es nun, alle Anstrengungen der erneuerten deutschen Militärmission in Konstantinopel seien aussichtslos. Warum aber wurden dann diese Bemühungen 1913 erneut gestartet? Ein larmoyanter Unterton ist den Ausführungen des Reichsarchivs aus dem Jahre 1919 zu entnehmen. „Der nüchterne Wirklichkeitssinn des deutschen Generalstabschefs“ habe diesen jedoch „nicht über die [handschr. eingefügt: „mehr als geringen“] Aussicht[slosigkeit]en dieser Bestrebungen“ im Unklaren gelassen. „‚Die Türkei ist militärisch eine Null!‘ – so lautete sein Urteil“, schrieb das Reichsarchiv. Moltke bezeichnete die Türkei als den „sterbenden Mann am Bosporus“. Sie habe „keine Lebenskraft mehr und befinde sich unrettbar im Zustande der Agonie“. Moltke schloss:

„Unsere Militärmission gleicht einem Ärztekollegium, das am Sterbebette eines unheilbar Kranken steht“.

„Die Heeresvorlagen 1912 und 1913“ seien „als die in ihnen zum Ausdruck gebrachten materiellen Forderungen des Generalstabes als logische Folgerungen der Auffassung über die sich ändernde politische Lage anzusehen“, konstatierte 1919 das Reichsarchiv. Dahinter stand unverhüllt die Frage: ob „der Generalstabschef durch Eintreten für seine Forderungen auf die Gestaltung der militärpolitischen Lage [genügend, B.S.] eingewirkt“ habe. In diesem Zusammenhang griff Potsdam auf die bis dato streng geheime „große[n] Denkschrift vom Dezember 1905 über den Krieg gegen Frankreich“ zurück, „die Generaloberst Graf Schlieffen als Vermächtnis seinem Nachfolger [gestr.: „über-„]“ hinterlassen habe. Das Reichsarchiv zitiert den früheren Generalstabschef Schlieffen im Jahre 1919:

„Wir haben die allgemeine Wehrpflicht und das Volk in Waffen erfunden und den anderen Nationen die Notwendigkeit, diese Institution einzuführen, bewiesen. Nachdem wir aber unsere geschworenen Feinde dahin gebracht haben, ihre Heere ins Ungemessene zu vermehren, haben wir in unseren Anstrengungen nachgelassen. Wir pochen noch immer auf unsere Einwohnerzahl, auf die Volksmassen, die uns zu Gebote stehen, aber diese Massen sind nicht in der vollen Zahl der Brauchbaren ausgebildet und bewaffnet. Die Tatsache, daß Frankreich mit 39 Millionen Einwohnern 995 Bataillone zum Feldheer stellt, Deutschland mit 56 Millionen nur 971, spricht eine vernehmliche Sprache“.

Die Lage um 1905 bezeichnete das Reichsarchiv als “ noch recht günstig“, seien doch als Gegner nur Frankreich und England erkennbar, und Russland in Ostasien gefesselt gewesen. Moltke wurde unverhohlen der Vorwurf gemacht, er habe „es noch geraume Zeit“ unterlassen,

„auf eine Verstärkung unserer Wehrkraft im Sinne der letzteren Anregung seines Vorgängers zu drängen. Im Gegenteil gab er in einem Schreiben vom 12. April 1907 an das Kriegsministerium seiner grundsätzlichen Ansicht dahin Ausdruck, ‚daß die drei Hauptwaffen, daß der Rahmen der Armee auf längere Zeit als stetig angesehen werden könne, und daß es in erster Linie [nur, B.S.] des inneren Ausbaus sowie der weiteren Entwicklung der Hilfswaffen und der zeitgemäßen Kriegsmittel bedürfe‘“.

Moltke soll es bereits in dieser frühen Phase seiner Amtszeit an originärem Antrieb gemangelt haben; das bestätigte die Analyse des Reichsarchivs:

„Die vorhandenen Kader der Infanterie genügten ihm. An diesem Standpunkt hielt er in Übereinstimmung mit dem Kriegsminister von Einem auch noch eine Reihe von Jahren fest. Erst als im Jahre 1910 der Kriegsminister von Heeringen die für das Quinquennat von 1911 bis 1916 sehr knapp gehaltenen Heeresforderungen im Interesse der Kriegsvorbereitungen zu erweitern suchte, stimmte der Generalstabschef im Hinblick auf das politische Verhältnis zu den Nachbarstaaten diesem Plane vollkommen bei“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Das Reichsarchiv terminierte den Sinneswandel Moltkes auf das Umfeld der Marokkokrise von 1911. Hatte der Reichskanzler noch 1910 eine umfänglichere Heeresvermehrung verhindert, begegneten sich im November 1911, nun – von verschiedenen Positionen aus – gewandelte Überzeugungen. In seiner Denkschrift hielt der Generalstabschef, analog zu Bethmann Hollweg, jedoch an der Paralellrüstung von Heer und Flotte fest. „Einer bestimmten Forderung, in welchem Umfange eine Verstärkung der Armee [gestr.: „für“] notwendig sei, enthielt sich General von Moltke hierbei noch“, memorierte das Reichsarchiv. „Der Reichskanzler war auch jetzt nur zur Einbringung einer Vorlage bereit, die für Heer und Flotte in die verfügbaren finanziellen Mittel des Reiches eingepaßt werden konnte“. Schließlich kam es jedoch ausschließlich zu der begrenzten Vermehrung von 1912. „Der schon damals mündlich erhobenen Forderung des Generalstabes auf Erhöhung aller Etats bis zum Aufbrauch aller dienstfähigen Mannschaften“, so das Reichsarchiv, sei „durch die Vorlage in keiner Weise entsprochen“ worden. Auch in den Verhandlungen um die Heeresvorlage von 1913 drang Moltke nicht durch. Er habe „vergeblich eine noch erheblichere Verstärkung der Etats durch Heranziehung möglichst aller Diensttauglichen und die Bildung von mindestens drei neuen Armeekorps gefordert“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Mit den Anzeichen für die weitere Aufrüstung in Frankreich und Rußland suchte der Generalstabschef am 1. und 5. März eben dies bei Bethmann Hollweg anzuregen, das Programm des Generalstabs, nämlich die Vermehrung um drei zusätzliche Armeekorps, durchzuführen.

7.7.1914: Eine Rüstungspolitische Wende? Tradition gegen Moderne.

Einen Tag vor dem Mord von Sarajewo erörterte der Reichskanzler mit dem Kriegsminister dessen Vorschläge „für die Fortentwicklung“ der deutschen „Wehrmacht“. Vier Tage nach dem Mord an Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich, den Waldersee kurz zuvor einen Unsicherheitsfaktor genannt hatte, stimmte Wilhelm II. zu, die „Ausbildung des Beurlaubtenstandes, im besonderen deren der Führer…sowie deren Verjüngung“, der „Ertüchtigung der Jugend“, „Maßnahmen zur Abwehr der heeresfeindlichen Propaganda“ und der „tatsächliche[n] Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht“ durchzuführen. Zwei Tage nach dem grünen Licht der deutschen Regierung für Österreich, nunmehr den Krieg mit Serbien zu beginnen, bestätigte Falkenhayn dem Reichskanzler, die ersten drei Schritte „sobald als möglich“ zu verwirklichen. Innerhalb von elf Tagen waren die Weichen auf Krieg gestellt. Der Kriegsminister, der bisher progressive Rüstungsvorschläge stets retardierend behandelt hatte, drängte nun auf die möglichst zügige parlamentarische Behandlung. Allerdings legte Falkenhayn zunächst „das Programm zur Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht“ auf „einen 10jährigen Zeitraum“ an; das heißt bis 1924.

Der Preußische Kriegsminister begründete seine Zurückhaltung und zeigte, dass er durchaus weiterhin auf der Position seines Vorgängers Heeringen bestand. Er widersprach den Überzeugungen und Zielen des Generalstabes, der bereits mit dem Reichskanzler konform ging. Der Kriegsminister führte aus:

„Die Armee braucht unbedingt noch einige Zeit Ruhe, um sich mit den Folgen der großen Wehrvorlage von 1913 abzufinden. Wenn auch der Zudrang zu der Offizier- wie Unteroffizierslaufbahn unvermindert anhält, so haben doch die bedenklich zahlreichen Fehlstellen bisher kaum merklich abgenommen, da auch die Abgänge sehr stark sind, und ein mit der Aussicht auf Beförderung zum Dienst eingestellter Mann erst nach geraumer Zeit als zum Führer – Offizier oder Unteroffizier – ausgebildet angesehen werden kann. Eine neue Heeresvermehrung käme zur Zeit also einer Verwässerung und Verschlechterung gleich. Sie wäre daher zwecklos. Denn da unser voraussichtlicher Gegner im Osten in der Lage ist, jede zahlenmäßige Vermehrung bei uns zu überbieten, hat eine solche nur Zweck, wenn dadurch die Qualität nicht geschädigt wird“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Auch die ehrgeizigen „Eisenbahnbaupläne“ des Generalstabschefs schienen Falkenhayn geeignet, die Mittel einzuschränken. Aus diesen Erwägungen heraus sollte es genügen, das „Wehrpflichtprogramm erst zum Etat 1916“ anzugehen (Hervorh.v.m., B.S.). Eine Wirkung war demnach „im Frühjahr 1917“ zu erwarten. Gegen eine entsprechende Aufrüstung, auch der Flotte, bezog der Kriegsminister Stellung, gerade im Hinblick auf die „Erhaltung“ der deutschen „Weltstellung“.

Der Reichskanzler gab zu, „daß die Tirpitzsche Politik 1911/12 richtig gewesen sei u[nd daß sie]“ das deutsche „Verhältnis zu England günstig beeinflusst habe“. Tirpitz verfocht nun, nachdem klar war, dass sein Konzept einer Schlachtflotte gegen England nicht zum ‚Überrüsten‘ Großbritanniens führen werde, die Position, durch die deutsche Flotte werde das Inselreich gezwungen werden, sich Deutschland zu öffnen und ein politisches Agreement mit Berlin schließen. Das eben war die Position Bethmann Hollwegs – spätestens seit dem Februar 1911. Nicht aus dem Bild fiel dennoch die „großzügige“ Erörterung deutscher „Kriegführung gegen England“. Es müsse eben der Krieg vorbereitet werden!-.

Jedoch unterstützte der Kanzler die weitere Aufrüstung der Flotte auch für das Jahr 1915 nicht. Die Pläne des Kriegsministeriums für dieses Jahr fanden allerdings seine Zustimmung. Die Diskussion um das mögliche englisch-russische Marineabkommen im Juni 1914 ließ Tirpitz erneut negative Einschätzungen zur deutschen „politische[n] Zukunft“ äußern. Diese sei „sehr schwarz“:

„Wir lassen uns von den Engländern in einen großen Kontinentalkrieg hetzen. Es könne für England nichts besseres geben, als wenn seine gefährlichsten Rivalen[,] Deutschland u[nd] Rußland[,] sich zerfleischen“.

Unterstützt wurde diese Sicht durch einen Zeitungsbericht, demzufolge der russische Kriegsminister Suchomlinoff gemahnt habe:

„Rußland ist fertig. Frankreich muß es auch sein“.

Moltke fordert sofortiges Handeln.

Moltke beließ es keineswegs bei der Einlassung Falkenhayns, die allgemeine Wehrpflicht über einen größeren Zeitraum hinweg einzuführen. Vielmehr entwickelte dieser am 18. Juli 1914, der Kriegskurs war bereits beschlossen, dem Reichskanzler seine Haltung:

„Dem Vorschlage des Kriegsministeriums, die Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht durch Einstellung jedes Diensttauglichen in das Heer bis zum 1. Oktober 1916 hinauszuschieben, kann ich jedoch nicht beitreten. Die allgemeine politische Lage, nicht nur die augenblickliche, verlangt gebieterischer wie je, daß wir gerade mit dieser Maßnahme sobald wie irgend möglich, spätestens aber mit dem 1. Oktober 1915 beginnen“.

Der Generalstabschef widersprach frontal der Einschätzung des Kriegsministers, der mit den inneren Bedürfnissen der Armee argumentiert hatte. Demgegenüber hob Moltke hervor, „mehr oder weniger verdeckt“ seien die „kriegerischen Absichten“ der Ententemächte „für das Jahr 1916“ erkennbar (Hervorh.v.m., B.S.). Schon die Wehrvorlage von 1913 sei in einem „wichtige[r]n Teil“ nicht durchgeführt worden. Moltke konstatierte:

„Die Wehrvorlage von 1913 ist somit zu meinem Bedauern nicht groß genug ausgefallen.-“

Mit der Feststellung, „die Verhältnisse“ hätten sich seit 1913 stark zu Ungunsten des Reiches verschoben, da Rußland und Frankreich „erheblich“ stärker rüsteten, lenkte der Generalstabschef die Aufmerksamkeit des Reichskanzlers auf die „spätestens im Herbst 1915“ anstehende neue Heeresvermehrung. Allerdings ging es Moltke offenbar vordringlich um die Vorbereitung auf das Jahr 1916. Die momentane Krise des Juli 1914 streifte er nur kurz. Schlagendes Argument des Generalstabschefs war, 1913 seien 38.000 und 1914 40.000 „vollständig dienstfähige Leute“ nicht ausgebildet worden. Das sei, so der Stabschef,

„mehr wie die Stärke der fechtenden Truppen eines Armeekorps, die jährlich für den Entscheidungskampf für uns nutzlos verloren gehen. Es wird nicht schwer fallen, auch den breitesten Schichten der deutschen Bevölkerung klar zu machen, daß wir unter den obwaltenden Umständen diesen Verzicht auf unsere Wehrfähigkeit uns nicht leisten können“.

Erneut unterstrich der Generalstabschef jedoch, dass „unverzüglich“ reagiert werden müsse. Ausdrücklich warnte er den politisch Verantwortlichen vor den „Lasten, die nach einem verlorenen Kriege auf dem Volke drücken“ würden. Der Plan des Generalstabes, Frankreich kurzzeitig zu überrüsten, klang erneut als „entscheidend und ausschlaggebend“ an. In diesem Konstrukt besaß „eine möglichst baldige neue Heeresvermehrung…größte Bedeutung“. Wiederum, obwohl bereits seit Anfang 1912 bekannt und akzeptiert, musste sich der Generalstabschef gegen eine erneute Flottenvorlage verwahren. Moltke unterstrich, „die große Entscheidung im Völkerkampfe auf dem Lande“, werde „bei der Armee[,] fallen“. Der Generaloberst schloss:

„M.E. werden daher alle zur Zeit verfügbaren Geldmittel der Armee, zu ihrer Vervollkommnung, zukommen müssen.-“

Der Generalstabschef drängte abschließend noch einmal darauf, möglichst umgehend „für einen möglichst frühen Zeitpunkt der Durchführung“ zu wirken.

Verhindert der irische Bürgerkrieg und Englands militärisches Eingreifen?

Andererseits erscheint von einigem Interesse, dass im Jahre 1913 sich in der englischen Innenpolitik mit der Ulsterfrage ein Problem von Krieg und Frieden aufgebaut hatte. Wobei es von überraschender Bedeutung ist, dass der König seinen Premierminister immer wieder dazu anregen musste, mit dem Vertreter der Ulster-Separatisten zu verhandeln. Vielmehr scheint es, als ob Asquith sogar den Fall eines meuternden Offizierkorps solcher Verbände in Kauf nehmen wollte, die im inneren Kampf eingesetzt werden würden.
Am 19. März zeichnete der König dem Premierminister die „furchtbare Lage“ der Krone in einem Bürgerkrieg um die irische Provinz. Im Rahmen der Parlamentsdebatte um das Home Rule Gesetz wurde von Bonar Law ein Misstrauensantrag gegen die liberale Regierung Asquith eingebracht. Es obliege der Armee, ihre Haltung in dieser Frage selbst zu bestimmen, hieß es seitens der Angreifer. Als am Nachmittag Edward Carson hocherhobenen Hauptes das Parlament verließ, drohte mit dessen Rückkehr nach Ulster die Proklamation einer provisorischen Regierung für die Provinz. Ein Bürgerkrieg stand unmittelbar bevor. Am 18. März konferierten der Oberkommandierende der in Ulster stationierten Truppen, der Kriegsminister Oberst Seely, John French, der Chef des Empire-Generalstabes, und der Generaladjutant Spencer Ewert.

Die bewusst oder unbewusst undeutliche Haltung der Regierung bewies sich erneut in der Tatsache, dass dem Oberkommandierenden in Dublin, Paget, nur mündliche, wiederum undeutliche Anweisungen, für den Schutz der militärischen Einrichtungen dort mitgegeben wurden. Daraufhin stellte Paget, in der Meinung, den Absichten Londons so zu entsprechen, nach seiner Rückkehr nach Dublin, am Morgen des 20. März, die Kommandierenden Generale und Offiziere der Armee-Truppenteile der Provinz vor die Entscheidung, entweder gegen die Ultster-Freiwilligen zu kämpfen oder, unter Verlust ihrer Pensionen, binnen zweier Stunden, aus der Armee auszuscheiden. Nach Rückkehr der Kommandeure in die Standorte entschieden sich siebenhundertfünfzig Offiziere dafür, aus der Armee auszuscheiden. Aufgeschreckt durch diese Entwicklung suchte Paget seine Offiziere durch Hinweise wie: es sei zu erwarten, dass die gesamte Provinz binnen Kurzem in hellem Aufstande wäre, es müsse die Linie des Boyne gehalten werden und es seien 25.000 Mann Verstärkung zu erwarten, aufzurichten. Große Stücke schien Paget überdies nicht auf die Politiker in London zu halten. Georg V. notierte dazu in seinem Tagebuch:

„Ich empfing Oberst Seely und nahm ihn ziemlich scharf ins Gebet. Lord Roberts suchte mich auf, er war völlig verzweifelt über den Vorfall und sagte, die Armee wäre ruiniert…Ich hatte eine Besprechung mit Sir John French und setzte ihm den Ernst der Situation auseinander; ich sagte ihm, es würde von der Armee nichts übrig bleiben, wenn man nicht mit allergrößtem Takt vorginge“.

Durchaus berechtigt waren die Vorwürfe, welche der König dem Premierminister und Paget machte. Die Regierung flickte den Schaden, der inzwischen entstanden war. Ob der Eindruck, der inzwischen in Europa herrschte, Großbritannien sei durch Meutereien und inneren Zwiespalt auf geraume Zeit gelähmt, von London bewusst herbeigeführt wurde, bleibe dahingestellt. Jedenfalls versorgten sich die Rebellen in der Nacht vom 24. zum 25. April mit 25.000 Gewehren und drei Millionen Schuss Munition. Georg V. bestürmte Asquith, in der Ulsterfrage einen Ausgleich zu versuchen. Der Premierminister hatte erst am 17. Juli 1914 ein Ohr für seinen König. Die Situation habe sich derart zugespitzt, dass nun ein Kongress der Déroute zum Bürgerkrieg Einhalt gebieten müsse, schrieb Asquith seinem König. Die Konferenz, bereits am 21. begonnen, dauerte bis zum 24. Juli, scheiterte jedoch, wenngleich vor einem versöhnlichen Hintergrund.

1914: England, Frankreich und Rußland kriegsbereit?

Keinesfalls blieb für die aktuelle Lagebeurteilung des Juli 1914 unberücksichtigt, dass sich das französische Regierungssystem in einer Schwächephase befand und ein sensationeller Bericht des Senators Humbert die Mängel der französischen Armee in Ausrüstung, Munitions-Ausstattung und schwerem Geschütz betonte. In Großbritannien war die innere Lage in Ulster äußerst angespannt, „nahende Unzufriedenheit…in manchen Teilen der Armee“ machte sich bemerkbar, dass Asquith, neben seiner Funktion als Premierminister, auch „die eines Staatssekretärs für Krieg“ übernahm. Am 20. Juli 1914 scheiterte zudem eine Konferenz politischer Führer bei König Georg. Ein Bürgerkrieg schien nahe. Asquith folgerte:

„Die Möglichkeit und sogar Wahrscheinlichkeit eines Bürgerkrieges auf den irischen Inseln beeinflußte zweifellos die Meinungen und Berechnungen der militärischen Junta[in Berlin], die bereits die Macht über die Politik der Zentralmächte an sich gerissen hatte. Sie waren zu dem endgültigen Schluß gekommen, man könne im Falle eines Krieges England als möglichen Mitkämpfer ausscheiden“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Kurt Riezler 1930: „Eine riskante Partie aus Furcht“.

Der enge Mitarbeiter Bethmann Hollwegs, Kurt Riezler äußerte sich nach 1919 zu dem Anteil Rußlands am Kriegsausbruch 1914. „Die Fragwürdigkeit … jeder kriegerischen Kalkulation, die Kurzsichtigkeit jeder chauvinistischen Rechnung wie der Charakter und die Gefahren eines modernen Krieges“ seien „nicht mit derselben tragischen Blindheit übersehen worden, mit der gefeierte Staatsmänner einst dem Zaren aller Reußen silberne Schwerter überreicht“ hätten. Sein Vorbehalt gegenüber Rußland wird ergänzt um kritische Töne zum deutschen militärischen Vorgehen. Theodor Wolff, dem Herausgeber des liberalen „Berliner Tageblatts“, entwickelte er 1930 die Lagebeurteilung Moltkes:

„Es ist ganz zweifellos, dass Deutschland und insbesondere der Generalstab die Mobilisierungsbereitschaft Russlands unterschätzt hat. Die Furcht vor der zukünftigen militärischen Entwicklung Russlands war gross, die Meinung über die damalige militärische Macht, über die getroffenen Vorbereitungen, die herrschende Ordnung, die Bereitschaft, das mutmassliche Tempo der Mobilisierung zweifellos zu gering“.

Demgegenüber zeichnete Riezlers Argumentation bereits den Gang künftiger historiographischer Interpretation vor. Nicht zuletzt aber den Tenor seiner von ihm, just zu diesem Zeitpunkt, überarbeiteten Tagebuchnotizen:

„Die Meinung der politischen Stellen hierüber kann nur auf militärischen Berichten beruhen. Deutschland hat zweifellos eine riskante Partie aus Furcht gespielt. Dass diese Furcht begründet war, kann glaube ich, nicht mehr bestritten werden. Es ist sehr gut möglich, dass die Partie infolge Unterschätzung der russischen Bereitschaft für weniger riskant gehalten wurde, als sie war“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Im Jahre 1921, in dem Nachruf Riezlers auf Bethmann Hollweg, erscheint dieser als Staatsmann, der sich um Ausgleich und Frieden bemüht habe, während die andere Seite seines Wesens, die Bereitschaft zum Kriegsrisiko, nun verschwiegen wurde. Dabei wußte Kurt Riezler um die eigentlichen Motive und Überlegungen des Kanzlers (Bernd F. Schulte, Die Verfälschung der Riezler Tagebücher, Bern-New York-Frankfurt 1985: Vgl. dort: Riezlers Äußerung von 1947).

Der englische Premierminister Asquith formulierte seine Eindrücke von der Konsistenz der Berliner Führungsmannschaft. In Bezug auf Lichnowsky schien dem Premier „das tragische Mißlingen seiner ehrlichen Bemühungen und guten Absichten…zweifellos dem Umstand zuzuschreiben, daß er niemals Vertrauter und Mitwisser der tatsächlichen Pläne der Führer der deutschen Politik in Berlin wurde“ (Hervorh.v.m., B.S.). Asquith legte 1924 den Finger auf die Wunde:

„Es ist mit größter Wahrscheinlichkeit zu vermuten, daß ihr Vertrauen weitaus mehr seinem nominellen Untergebenen, Herrn von Kühlmann, gehörte. Fast scheint es, als wäre Lichnowsky sich nie seiner Isolierung bewußt geworden. Er war optimistisch bis zum Ende. Und als er zuletzt erkannte, daß das Schiff geradewegs Stromschnellen und Absturz entgegensteuerte, daß es ein Fall von ‚imus, imus praecipites‘ sei, war es ergreifend, Zeuge seiner Verzweiflung zu sein“.

Ja, es waren in Berlin eben circa 5 bis 6 Männer, die über Krieg und Frieden entschieden (vgl. Fritz Fischer, Hitler war kein Betriebsunfall, München 1995).

Vgl. http://www.freiewelt.net/1854-1914-2014-2-10037600/

Auf dass die Deutschen 1914 auch militärisch nicht kriegsbereit waren.

Donnerstag, Oktober 7th, 2010

Epkenhans, wer anders, lobt Steins Werk zur deutschen Heeresrüstungspolitik zwischen 1890 und 1914 (vgl. sehepunkte).

Es geht in dieser, durch die „Düsseldorfer Schule“ (W.J.Mommsen, Stig Foerster, Afflerbach, Krumeich) angeregten Arbeit darum, auch für den militärischen Bereich nachzuweisen, dass Deutschland (aus inneren Defekten) den Ersten Weltkrieg nicht „vom Zaune gebrochen“ haben könne. Eben das zeigt Schulte in „Deutsche Policy of Pretention“ für den Zeitraum 1871(1862) bis 1914!

Es geht ferner darum zu zeigen, dass, da  ja ein Primat der Politik über das Militärische im Kaiserreich bestanden habe (eine wesentliche Korrektur des Bildes, das Gerhard Ritter zwischen 1958 und 1968 entwarf), die Militärische Führungselite, aus antiquierter Einstellung heraus (Linnebach 1935/40), diejenige Rüstung, welche zum Kriege befähigt haben würde, a) nicht forderte und b) die Politik diese nicht zuließ. Plötzlich soll der „Philosoph von Hohenfinow“ ein zupackender und „gerissener“ Politiker, der „mit allen Wassern gewaschen“ war, gewesen sein. Diese, Fischers Deutung vor 50 Jahren, wurde allerdings zuvor stets geschmäht. In der Julikrise hinwiederum soll der Reichskanzler verzweifelt und ein düsterer Pessimist („in wenigen Jahren sind die Russen da“, Riezler Tagebuch) gewesen sein.

Ja, es gilt eine positive deutsche politische Tradition (Unschuld am Krieg) zu retten, die in der Vergangenheit zu nah an die Hitlerepoche gerückt worden sei. Dafür wird in Kauf genommen, die Mängel der Heeresrüstung vor 1914 Bethmann Hollweg „in die Tasche zu schieben“; war doch der, nach allgemeinem Verständnis, schon an sich gute Primat der Politik auch dort durchgehalten (wie heute).

Was soll da noch alles Diskutieren, wenn die Funktionsfähigkeit der deutschen Reichsleitung vor 1914 wieder einmal, als von irrationalen (hier: antiquierten) Vorstellungen beherrscht, und ins Unzeitgemäße verschoben, überverkompliziert dargestellt wird? Kurzum ein Sieg der vorgefaßten Meinungen. Und das Alles nur, um Fischer zu widerlegen?

Vor 95 Jahren: Moltke durch Falkenhayn ersetzt. Marneschlacht und Erster Weltkrieg verloren.

Sonntag, September 13th, 2009

1914: Deutschlands „Policy of Pretention“ scheitert
Neuer Blickwinkel auf die Krisenkonferenz von Springe und den Krieg

   In diesem Sammelband geht es um die Europäische Krise von 1914. Ob die deutsche Geschichtswissenschaft den Gedenktag im Jahre 2014 feiern wird oder nicht, stellen muss sie sich der Kontroverse um den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Dieser Aufsatzband, der 1983 in erster Auflage erschien („Europäische Krise und Erster Weltkrieg. Beiträge zur Militärpolitik des Kaiserreiches, 1871-1914“ – jetzt als E-Book), schlägt mit dem neuen Beitrag zur „Policy of Pretention. Krisenkonferenzen und informelles Regierungssystem im Kaiserreich, 1905-1914“ den Bogen über 25 Jahre Weltkriegforschung.

   Dass in diesem Zusammenhang dem Problem der Krisenkonferenzen allgemein, und im November/Dezember 1912 im Besonderen, innerhalb des Entscheidungsprozesses der politischen und militärischen Führungselite des Deutschen Reiches, entscheidende Bedeutung, im Hinblick auf einen Krieg in absehbarer Frist, zukommt, belegen die hier vorgelegten neuen Quellen. Die deutsche Historiker-Zunft mag es begrüßen oder nicht: es geht um den Entschluss des Kaiserreiches von 1912, den großen Krieg bei nächster sich bietender Gelegenheit zu führen.

   Dazu wird das Spektrum des innenpolitischen Kräftespiels im Deutschen Reich von 1871, unter dem dezidiert entwickelten Blickwinkel des Einsatzes der Armee im Inneren (Staatsstreich-, Anarchismus-, Streik-, Revolutions- und Bürgerkriegsdrohung), aus der Sicht der Militärbehörden schärfer konturiert und damit der Weg in den Ersten Weltkrieg ergänzend, unter dem Aspekt der Kriegsvorbereitung, beleuchtet. Die These der Düsseldorfer Schule, es sei auf Grund der inneren Strukturen des Reiches (informeller Regierungsstil Wilhelms II.) von einer „Polykratie“, d. h. der vielfach behaupteten, jede Entscheidung paralysierenden „Zerklüftetheit der Entscheidungsträger“ in Berlin, auszugehen, dieser Theorie im Gefolge Gerhard Ritters, wird hier, mit dem Blick auf die Institution der „Krisenkonferenzen“(1875-1912) im Kaiserreich, der Boden entzogen. Wie dieser Begriff, durch Wolfgang Mommsen zunächst adaptiert, die Düsseldorfer Argumentation zu Fall bringt, ist in dem abschließenden Beitrag zur „Policy of Pretention“ des Reichs für die Jahre 1871 bis 1914 entwickelt.

   Dass das Deutsche Reich im Kriege nicht den allseits erwarteten militärischen Erfolg erzielte, war u.a. in den tiefliegenden Defekten des deutschen Staatswesens und dessen Streitkräften begründet. Ein in den gesellschaftlichen Strukturen erstarrtes Staatswesen hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Mittelmäßiges „Management“, veranlasste u.a. im September 1914 Fehlschläge (Marneschlacht) die irreparabel waren. Der Krieg, so wie er politisch und militärisch zuvor gedacht gewesen war, ging verloren. Ein vierjähriges, verlustreiches und nutzloses Ringen folgte. Alle Beteiligten büßten in der Folge ihre – bis dato – errungenen Positionen als Groß- oder Weltmächte ein.

Bernd F. Schulte, Deutsche Policy of Pretention. Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, reihe I, Bd. 1, Norderstedt 2009, 404 S., 22,80 €.
ISBN-10: 383702251X ISBN-13: 978-3837022513 (Ende)

Aussender: Dr. Schulte, Abteilung Geschichte und Zeitgeschehen
Ansprechpartner: Dr. B.F. Schulte
email: infos@forumfilm.de
Tel. 040-5510007

Wie Deutschland England am Kanal treffen wollte.

Wie Deutschland England am Kanal treffen wollte.