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Die Einäugigen unter sich. Karl D. Erdmann/Kiel in Retrospect.

Donnerstag, Februar 9th, 2012

Ralf Forsbach/Bonn (Kiderlen Waechter), auch kein progressiver, aber trotzdem ein „denkender“/ nachdenklicher Historiker der jüngeren Generationen, hat den Finger auf die Wunde gelegt. Dass ein Kongreß der Schleswig Holsteinischen Zentrale für Politische Bildung, also einer offiziösen Staatsstelle, lediglich die Anhänger, Schüler und Fürsprecher K.D. Erdmanns einladen konnte, spricht eine deutliche Sprache.

Dass vor unerträglichen Invektiven nicht zurückgeschreckt wurde, nimmt den Stil des früheren Kieler Historikers wieder auf, der – wie mit brennender Fackel – durch die die Erzeugnisse der Wisschenschaft, gestärkt durch politische Schützenhilfe, die Publizistik von Verlagen und Presse (Fernsehen), hindurchging, um seine seit 1961 umstrittene Rolle bei der Verfälschung der Riezler Tagebücher zu vernebeln.

Das hängt Erdmann an, bis in die lange Jahre (bis heute?) nur teilweise zugänglichen Akten seines Nachlasses im Bundesarchiv Koblenz. So gesehen, wiegt der kleine Patzer einer Schriftstellertätigkeit für Hitler im Schulbuchbereich leichter. Doch aufgehellt wird auch dies nicht. Lediglich Erdmanns soldatische Leistung, soweit erkennbar und offengelegt, schützt m.E. den Mann als Teil der Geschichte seiner Zeit.

Es wäre zu begrüßen, wenn endlich die Nachlebenden hier wechselseitig sich der Schmähungen des jeweilig anderen wissenschaftlichen „Vaters“ enthalten würden. Ob nun Fischers Soldatenzeit diesen zu publizistischer Tätigkeit befähigte, lasse ich dahingestellt. Ob die Mitgliedschaft in der Wehrmacht von Schuld und Belastung frei macht, wird in den vergangen 20 Jahren immer dubioser. So bleibt schließlich lediglich die persönliche Integrität zweier großer Historiker in einer Zeit, in der beide nicht in die Schweiz gehen konnten (wollten), denn von dort wären sie auch zurückgeschickt worden! Und, für beide sollte gelten, was für Schieder und Conze scheinbar selbstverständlich ist: Ihre geläuterte Haltung nach dem Krieg und ihre Leistung beim Wiederaufbau Deutschlands nach 1949.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Mai 2010, S. N3

KARL DIETRICH ERDMANN, DER BEKENNER UND DER SCHRIFTLEITER.

Der Kieler Historiker traf das Wort in Bildungsbeiräten und Versöhnungsdenkschriften: Warum blieb er es in eigener Sache schuldig?

Von Ralf Forsbach

Als 1996, sechs Jahre nach dem Tod von Karl Dietrich Erdmann, ein kritisches Buch über die „Geschichtsbilder“ des renommierten Historikers veröffentlicht wurde, schienen die dort ausgebreiteten Dokumente nach dem Urteil von Winfried Schulze „keinen vernünftigen Zweifel“ daran zu lassen, dass Erdmann unter der NS-Diktatur wesentliche Teile der nationalsozialistischen Ideologie akzeptiert und historisch gerechtfertigt hatte. Der Frühneuzeitler Schulze hatte 1989 eine der ersten monographischen Untersuchungen zur deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945 vorgelegt. Die institutionelle Welt der Verbände und Zeitschriften stand dort im Vordergrund – die Welt, in der der 1910 geborene Erdmann zu den großen Figuren gehörte, obwohl oder gerade weil er seine universitäre Laufbahn erst 1945 hatte beginnen können.

Durch das kritische Buch von 1996, das bei Oldenbourg erschien, im Hausverlag der „Historischen Zeitschrift“ und des Instituts für Zeitgeschichte, galt das Bild vom geradlinigen Wissenschaftler als „revidiert“ (Volker Ullrich), obwohl Erdmann weder der NSDAP noch SA oder SS angehört hatte. Auf Widerspruch stieß diese neue Sichtweise vor allem im Umkreis der von Erdmann begründeten, seit dessen Tod von Schulze herausgegebenen Zeitschrift „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“ (GWU), die bis heute mit Erfolg, das heißt ohne Abstriche am fachlichen Niveau der Aufsätze, zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtslehrern vermittelt. Im Jahr von Erdmanns hundertstem Geburtstag fand der Widerspruch jetzt auf einem von der schleswig-holsteinischen Landeszentrale für politische Bildung organisierten Symposion sein Publikum. Zahlreiche Schüler Erdmanns waren erschienen, darunter sein ältester, der Stuttgarter Emeritus Eberhard Jäckel, und sein jüngster, der Flensburger Politikwissenschaftler Michael Ruck. Die Kritiker von 1996 – Martin Kröger und Roland Thimme – waren nicht geladen.

Ohne ihnen auch nur die Ehre der Namensnennung zu gewähren, warf der angesehene Hitler-Forscher Jäckel ihnen „fast hysterische Vergangenheitsbewältigung“ vor. Schon weil beinahe das gesamte Lebenswerk Erdmanns erst nach 1945 entstanden ist, wollte Jäckel den Vergleich mit Theodor Schieder und Werner Conze nicht gelten lassen, die die politische Historie ihres Königsberger Lehrers Hans Rothfels volkshistorisch radikalisiert hatten. Schieder, Erdmann und Conze gehörten derselben Alterskohorte an, Conze wie Erdmann dem Jahrgang 1910, Schieder dem Jahrgang 1908. Von 1962 bis 1976 leiteten Erdmann, Schieder und Conze in dieser Reihenfolge nacheinander den Verband der Historiker Deutschlands. Jäckel würdigte seinen aus Köln gebürtigen Lehrer als guten Republikaner und Bekenner im lutherischen Sinne. Als Generalsekretär der deutschen Unesco-Kommission setzte sich Erdmann für eine Rückkehr Deutschlands in die Völkergemeinschaft ein; in seiner Zeitschrift trieb er die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte voran. Den Vorsitzenden des Deutschen Bildungsrats während der ersten Großen Koalition wollte Jäckel sogar als „heimlichen Bundeskultusminister“ erinnert wissen. Mitte der sechziger Jahre sorgte Erdmann als Kieler Rektor nicht nur für den wohl einzigen Neubau einer Universitätskirche in der Bundesrepublik, das CDU-Mitglied warb zudem für die Vertriebenendenkschrift der EKD. Dafür dankte ihm der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker noch kurz vor Erdmanns Tod bei einem Empfang in der Villa Hammerschmidt.

Erdmanns Engagement in der evangelischen Kirche hob auch Michael Ruck hervor, der ihn als einen der Religionsphilosophie Max Webers und den Zielen der Gemeinschaft von Taizé verpflichteten Fürsprecher der Ökumene beschrieb. Aufklärerisch habe Erdmann als Beiratsvorsitzender des Instituts für Zeitgeschichte gewirkt. Mit Martin Broszat verhinderte er die Aufnahme von apologetischer Literatur in die Schriftenreihe des Instituts. Später sah er andererseits die Chancen, die sich durch die Erstausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ für die Öffentlichkeitsarbeit ergaben.

Mit dem Vorwurf der Nähe zum Nationalsozialismus befassten sich Hartmut Lehmann, Christoph Cornelißen und Agnes Blänsdorf (alle Kiel). Dass das Hauptbeweisstück der Kritiker, ein mit Huldigungen an Hitler übersätes Schulbuchmanuskript, überhaupt von Erdmann verfasst wurde, bezweifelt Lehmann, der Pietismusexperte und frühere Direktor des Deutschen Historischen Instituts Washington. In der Tat ist nur der von dem Parteifunktionär Paul Börger und dem Lektor Werner Menzel überarbeitete Text überliefert. Als die Richtlinien verschärft wurden, schied Erdmann als Autor aus. Das Buch erschien nie.

Warum hatte Erdmann überhaupt die Autorschaft übernommen? Lehmanns Antwort: Patriotismus und Unterschätzung des Nationalsozialismus. Erdmann heiratete eine Frau, die keinen Ariernachweis erbringen konnte. Die Wehrmacht erlebte er als einen Raum abseits der NS-Zwänge. In Briefen an seine Frau, den Doktorvater Wilhelm Mommsen und den Maler Georg Meistermann fand Agnes Blänsdorf wenig Kritik am Regime, ebenso wenig Zustimmung und keinerlei Antisemitismus, aber ein starkes soldatisches Pflichtbewusstsein. Die Aussagekraft der Briefe ist, da das Postgeheimnis ausgesetzt war, freilich eingeschränkt.

Offen bleibt, warum sich Erdmann später Fragen nach seinem Handeln in der NS-Zeit nicht gestellt hat. Christoph Cornelißen, Autor einer umfangreichen Monographie über einen anderen konservativen Historiker, den Freiburger Gerhard Ritter, und seit diesem Jahr einer der Herausgeber der GWU, mochte dazu nur allgemein mit Blick auf die Entwicklung nach 1945 Stellung beziehen. Er erinnerte an Schweigekartelle und das wechselseitige Ausstellen von Persilscheinen.

Anders als Conze wurde Erdmann kein Pionier der Sozialgeschichte. Ihn reizten konkrete ereignisgeschichtliche Problemstellungen, vor allem im Zusammenhang mit der Entstehung des Ersten Weltkriegs. Daher edierte er auch die Tagebücher von Kurt Riezler, einem engen Vertrauten von Reichskanzler Bethmann Hollweg, der selbst kaum historisch relevante Privatdokumente hinterlassen hat. Holger Afflerbach (Leeds) würdigte Erdmanns editorische Glanzleistung, indem er auf die außerordentliche Quellenproblematik hinwies. Fälschungsvorwürfe seien absurd, obwohl Erdmann an wichtiger Stelle eine Streichung nicht vermerkt habe. Fehler gab Erdmann nicht zu, so dass er der Debatte unnötig Nahrung gab.

Der Streit um die Echtheit der Riezler-Tagebücher ist wohl nur vor dem Hintergrund der Fischer-Kontroverse zu erklären. Anders als Erdmann hatte der Hamburger Historiker Fritz Fischer, worauf Klaus Kellmann (Kiel) mit Emphase hinwies, eine tiefbraune Vergangenheit. Das Mitglied von Freikorps, SA und NSDAP stand im Kirchenkampf auf Seiten der Reichskirche und pflegte Beziehungen zu Walter Frank, dem Präsidenten des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands. In seinen Schriften der sechziger Jahre wies Fischer dem Deutschen Reich die Verantwortung für den Ersten Weltkrieg zu, womit er auf den Widerspruch der meisten Kollegen stieß.

Sönke Neitzel (Mainz) zeichnete die Fischer-Kontroverse nach, in der Erdmann als Autor des wichtigen Gebhardt-Handbuchs auf der Seite der Gegner Fischers Stellung bezog und allen Großmächten einen Teil der Schuld zusprach. Erdmann habe früh erkannt, was jüngste Forschungen wie die Stephen Schröders über die englisch-russische Marinekonvention klar belegten: England sei aus Angst vor Russland und angesichts des erstarkenden Deutschland zu einer neutralen Haltung nie bereit gewesen. Wenn auch heute die innenpolitische Dimension der deutschen Weltpolitik noch immer unterschiedlich bewertet werde, sei Erdmanns Sicht weitaus belastbarer als die Fischers.

Das Resümee der Tagung bleibt zwiespältig, traten zum hundertsten Geburtstag Erdmanns doch nur dessen Fürsprecher auf. Selten wurde so offensichtlich, wie sehr Geschichtsschreibung eine Frage der Interpretation ist. Werner Paravicini (Kiel), der frühere Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris, wies zum Abschluss darauf hin, dass für die einen normales Verhalten sei, was den anderen als purer Nationalsozialismus erscheine. Daran werden auch die Biographien über Karl Dietrich Erdmann und Fritz Fischer, die von den Rednern zu Desideraten erklärt wurden, nichts ändern können.