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Denkschrift Dietrich Bethmann Hollwegs vom 24. Juni 1914 mit Folgen (Teil 2): Reisen zwischen Wien und Berlin. Dietrich Bethmann Hollweg prophezeit den Zusammenbruch Österreich-Ungarns.

Sonntag, Januar 11th, 2015

Hundert Jahre nach dem Beginn des 1. Weltkriegs dominieren in den Medien Beiträge, in denen längst bewiesene historische Tatsachen für den heutigen Mainstream zu-rechtgebogen werden sollen. Die besondere Schuld des kaiserlichen Deutschland soll vergessen werden, um unbelastet wieder »Verantwortung in der Welt zeigen« zu können. So umschreibt man heute die Teilnahme an Kriegen. Die deutsche Führungselite ist nicht in den Ersten Weltkrieg »hineingeschlittert«, sondern hat zielgerichtet auf den großen Krieg im Sommer 1914 hingearbeitet. Die von unserem Autor Dr. BERND SCHULTE entdeckte Denkschrift zur katastrophalen wirtschaftlichen Lage Österreich-Ungarns vom 24. Juni 1914 lieferte der Reichskanzler-Cousin kaum zufällig gerade zu diesem Zeitpunkt ab. Vier Tage später geschah der Mord in Sarajewo (Barnimer Bürgerblatt).

Graf Zech, von Stolberg-Wernigerode und Dietrich Bethmann Hollweg bildeten in Wien die jüngere Riege der deutschen Diplomaten und hielten, nicht nur in den kritischen Wochen des Juni/Juli die Verbindung zur Wiener Führungsspitze. Dabei standen zumindest Graf Zech und Dietrich Bethmann Hollweg in familiärer Nähe zum Reichskanzler, und bildeten dessen persönliches, vertrauliches Führungsmittel, um den Botschafter von Tschirschky »auf Linie« zu halten.

Dietrich Bethmann Hollweg bildete ein zentrales Verbindungsglied zwischen seinem Cousin, dem Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, und der Wiener Botschaft.

Das läßt sich an der regen Reisetätigkeit des Legationsrates zwischen Wien und Berlin ablesen. Und dies nicht nur aus den offiziellen Urlaubsgründen. Ende Januar 1910 kommt Dietrich Bethmann Hollweg in Wien an. Am 2. Februar 1911 ist er auf Urlaub in Berlin. Zu »geschäftlichen Angelegenheiten« befindet er sich dann am 13. September 1911, auf »Urlaub« in Berlin. Desgleichen erneut am 11. November mit »nachträglicher Genehmigung«, was auf eine rasche Veranlassung hindeutet. Die Wochen und Monate seit Juli 1911 standen ganz unter der Drohung eines infolge der Marokkofrage mit Frankreich und England ausbrechenden Krieges.

Im Monat Februar 1912 befindet er sich wegen einer »Familienfestlichkeit und Erholung in Deutschland«. Am 1. Oktober 1912 ist er, dem am 3. August 1912 der »Charakter eines Legationsrates« verliehen wurde, zwecks »Urlaub« auf seinem Gut Runowo (Kreis Wirsitz, Provinzi Posen). In Berlin befindet sich der Legationsrat am 5. Dezember 1912. Er befördert einen »offene Brief« an/vom »Zentralbüro« des Auswärtigen Amtes. Urlaub macht er in Berlin zwischenDonnerstag, dem 12. und Sonntag, dem 15.  Dezember 1912 in »geschäftlichen und familiären Angelegenheiten«, wie der Botschafter von Tschirschky bestätigt. Es handelt sich um jene Tage nach den Entscheidungen der»Krisenkonferenzen« von Springe und Berlin (vgl. BB 3/2012).

Daß sich die Lage verschärfte, und dementsprechend ein stärkerer Bedarf an Abstimmung bestand, spiegelt sich in der Reisetätigkeit Dietrich von Bethmann Hollwegs in den folgenden Monaten des Jahres 1913, das ja unverkennbar auf vielen Gebieten ein Jahr der Vorbereitung war. Urlaub in Berlin in »Privatgeschäften« hatte das zwischen dem 1., 4./5. und 21. Februar 1913, geheißen. Inklusive eines Besuches beim Bezirkskommando der Armee. Eine militärische Übung fand während eines Urlaubs zwischen dem 28. März und dem 27. Mai 1913, statt.

Daneben wurde ihm der Jahresurlaub in der Schweiz zwischen dem 13. August und 15. September 1913 genehmigt. Der Reichskanzler befand sich zwischen dem 2. und 17. September in Graubünden. Ab dem 3. September übernahm Bethmann Hollweg die Funktion des »Gesandten« in Belgrad (ernannt am 30.8.). Am 2. September verließ er Wien, und traf dort am folgenden Tag bestimmungsgemäß ein. Zwischen dem 18. Oktober und 9. November schloß sich ein Urlaub in Berlin (Im Hotel »Zum Reichstag«) an. Der Kanzler befand sich am 7. November auf der Hofjagd in Königs-Wusterhausen. Zwischen dem 4. und 7. Dezember folgte ein eilig genommener, erneuter Urlaub dort; gefolgt von einem weiteren »Urlaub nach Deutschland« in »privaten Angelegenheiten«. Erneut wird Bethmann Hollweg von seinem »wirtschaftlichen Bericht« entbunden (22.4.1914). Am 30. April begibt sich der Legationsrat im Zuge eines »Urlaub[s] in Familienangelegenheiten« auf das Gut Runowo bei Bromberg.

Der Reichskanzler kehrt am 22. April von seiner Reise nach Korfu (Achillaion) zurück (am 23. Ankunft in Brindisi). Am 1. Mai erhält Dietrich »Urlaub zur Beisetzung der Gemahlin des Reichskanzlers« in Hohenfinow.

Während der Julikrise – nach seinem Wirtschaftsbericht vom 24. Juni (wieso jetzt?) – beantragt der Legationsrat »8 Tage Urlaub nach Berlin« (Dietrich von Bethmann Hollweg an Goldbach, 16.7.1914). Er erwägt in diesem Zusammenhang, »so wie die Dinge augenblicklich« lägen… würde es sich anbieten »auf kurze Zeit (8 Tage) nach Berlin und besonders zu meiner Mutter nach Runowo auf Urlaub [zu] gehen …, da dies wohl angezeigt erscheint, falls man in Berlin überhaupt geneigt ist, mir diese kurze Abwesenheit zu konzedieren, diese in den Rahmen der eventuellen Ereignisse einzupassen«. Das hieß, er wollte seine Mutter sehen, bevor er mit seinem mobilgemachten Regiment ausrücke. Demnach war ihm am 16. Juli 1914 bekannt, daß es wahrscheinlich zum Kriege kommen werde. Und das neun Tage  b e v o r  die Lage erwartungsgemäß eskalierte. Theobald von Bethmann Hollweg befand sich seit dem 4. Juli, aus Tarnungsgründen,  in Hohenfinow (»bin auf Weiteres dort«).

Am 20. (bis 23.) Juli hatte Dietrich diesen Urlaub angetreten (»Urlaubsadresse: Runowo – Mühle, Bezirk Bromberg, von da ab Berlin (bis 26.7.), Hotel Excelsior’«). Just im Moment der erwarteten Entscheidung der Krise. („Jetzt haben wir den Salat“, Bethmann Hollweg zu Jagow/25.7.) Der Kanzler befand sich ab dem 25. Juli in Berlin. Am 27. Juli traf der Legationsrat Bethmann Hollweg wieder in Wien ein (»27.7. vom Urlaub zurück«). Bethmann Hollweg erwartete nach Kriegsausbruch seinen Marschbefehl in Wien. Und bestätigte am 2. August dem Grafen Mirbach in der Berliner Zentrale: »Verstehe den mir zugegangenen Befehl, sodaß ich hier Befehl zum Einrücken abzuwarten habe. Hoffentlich kommt derselbe bald«. Nach eigener Aussage (gegeüber Harry Graf Kessler, 1917) hat Dietrch Betmann Hollweg den Kanzler in dessen Kriegswillen unterstützt und Graf Hoyos in Wien gehalten, auf Linie zu bleiben. 

Es sei noch einmal darauf hingewiesen, wieso Dietrich Bethmann Hollweg dazu kam, eine ökonomische Bewertung Österreich-Ungarns für den Reichskanzler zu diesem Zeitpunkt niederzulegen, nachdem der Botschafter ihm gerade dies im April erlassen hatte. Es lag demnach höheren Ortes ein aktuelles Interesse an einer derartigen Arbeit vor. Zu diesem Zeitpunkt, wenige Tage vor der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinands in Sarajewo, betonte der Legationsrat, die Lage sei aussichtslos – trotz der Anleihen, die Deutschland im ersten Halbjahr 1914 an Österreich-Ungarn ausgegeben habe; die Lage gestalte sich ernst, so hob Bethmann Hollweg hervor:

»Der Weg für eine stärkere und schnellere wirtschaftliche Entwickelung des Oesterreich-Ungarnsn wäre, nun vielleicht darin zu erblicken, daß es durch Aufnahme größerer Anleihen sich Kapital verschafft und damit sein Wirtschaftsleben befruchtet. Auch hier stoßen wir wieder auf die Disproportion zwischen Können und Wollen. – Wie sich bei der Frage der bosnischen Anleihe gezeigt hat, will man in Oesterreich zwar das Geld haben, erklärt es aber der Würde der Monarchie nicht für entsprechend, wenn an die Anleihe Bedingungen, sei es auf dem Gebiete von Lieferungen oder Konzessionen, geknüpft werden sollen. Österreich-Ungarn sei nicht die Türkei

Das deutsche Bündnis gestaltete sich für Österreich insofern äußerst folgenreich, als sich Wien, bedingt durch dessen Beziehungen zu Berlin, vom französischen Anleihemarkt ausgeschlossen sah. Finanzielle Isolation griff damit um sich. Seit der Marokkokrise von 1911 hatte nämlich Frankreich sein Kapital aus Österreich abgezogen. Die Donaumonarchie war damit auch finanziell von Berlin abhängig.

So kam es in der ersten Hälfte des Jahres 1914 zur Zeichnung einer beträchtlichen Anleihe. Die Aufregung angesichts der einen Milliarde Reichsmark, die in Bosnien investiert war, nahm beträchtlichen Umfang an, und führte in Berlin zu Diskussionen auf höchster Ebene, drohte doch nichts geringeres als der Abfall Österreich-Ungarns vom Dreibund.

Dr. BERND F. SCHULTE

In:  Barnimer Bürgerblatt, November 2014, S. 14 (erinnert). Vgl. Text der denkschrift unter: www.forumfilm.de

1914: Von der europäischen Konföderation zum Weltreich.

Mittwoch, Juni 20th, 2012

Aus: Barniner Bürgerpost 6/2012 b e l e s e n 12

Neuer Aufsatzband zu dem Deutschland von 1914, Kriegs (Friedens-)zielen, dem n e u e n Reich von 1916, dem geistigen Überbau hinter dem Krieg, der Weltsicht in Weltreichen, dem Bündnis mit 400 Mill. Chinesen und dem w a h r e n Grund des Reichankanzlers, in den Stunden und Tagen zwischen dem 28. Juni und 5. Juli 1914. Da fiel, im Arbeitszimmer des Reichskanzlers in Hohenfinow, s e i n e persönliche Entscheidung. Das Memento mit Riezler auf der Schloßterrasse ist lediglich ein Nachklapper nach den in Berlin stattgehabten Gesprächen mit Hoyos, Szögyényí etc. – und dazu auch nicht authentisch, wie Dr. Bernd F. Schulte detailliert aus den Bruchstücken der Riezlerschen (Erdmannschen) Überarbeitung der originalen Tagebücher XXXa und XXXb vom Juni und Juli 1914 (vgl. Weltmacht durch die Hintertür, Briefwechsel Th. Heuß mit Th. Stolper) rekonstruiert hat (auch: »Rückbesinnen und Neubestimmen« und hier).

Ob Deutschland aus Furcht und Verzweiflung oder infolge eines Plans in den Ersten Weltkrieg geriet, ist noch umstritten. Ob Wirtschaft, Rüstung oder Polykratie und innerer sozialer Konflikt dafür dann verantwortlich
zeichneten, ebenfalls.

Heute, 100 Jahre danach, ähneln die Problemlagen unserer Zeit denen von 1914. Ein großer Wurf, ein übergreifendes Bild von Rang und Bedeutung des Deutschen Reichs in der
Zukunft, scheinen, nach den Ausführungen des engen Beraters Bethmann Hollwegs, des Universalhistorikers Karl Lamprecht (Leipzig), existiert zu haben. Damit ist den politisch Verantwortlichen zumindest nicht vorzuwerfen,
sie wären orientierungslos auf dem Felde der
internationalen Politik jener Zeit herumgetaumelt.

Es schält sich heraus, daß der eigentliche Gegner des Reichs England war. Dessen war sich der Kanzler von Anfang an bewußt. Es bleibt dennoch die Grundlinie deutscher Politik – Weltmachtstreben plus kontinentale Hegemonie
– bis 1914 unverändert. Ebenfalls die Hoffnung auf eine Neutralität des Inselreichs – im Falle des zentral- europäischen, militärischen Clashs – eine optimistische Variation, die aber der Kanzler, schon im April 1913 (Geh.Reichshaushaltskommission) als für wenig
wahrscheinlich erklärte.

Auch zeigt sich am Beispiel Belgien, das Lamprecht für Bethmann Hollweg (vor dem Hintergrund der Kriegszielentwürfe) explorierte, daß die europäischen Staaten, seien es Verbündete oder aber Kriegsgegner, erst nach einer entscheidenden Niederlage Großbritanniens
bereit waren, sich einem neuen Deutschen Reich der Zukunft anzuschließen, sei es assoziiert oder im Rahmen einer wirtschaftlichen und (oder) politischen Konföderation. 1914
war sicherlich nicht das Wunschdatum Berlins für eine derartig tiefgreifende Entscheidung.

Aber der fortschreitende Verfall Österreich-Ungarns, der zunehmende finanzielle Belastungen der Reichsfinanzen, verbunden mit einer heraufziehenden Rezession, mit sich brachte, ließ das Schreckbild eines ohne Bündnispartner
zum Rückzug gezwungenen Reichs entstehen.

Große Fragen, die letztendlich mit dem Entschluß zum Schlachtflottenbau von 1891 im Kieler Schloß, zwischen Kaiser Wilhelm II., Bülow und Tirpitz, entstanden. Heute steht Europa in der Opposition zu den USA, die ein
vereintes Europa als Weltmachtaspirant fürchten. Finanzkrise und Euroschwäche rütteln an der einzigen, wirtschaftlichen Basis dieser Europäischen Union. Ein Zweibund mit den USA bildete in dieser Hinsicht sicherlich eine Lösung auf Jahrzehnte. Notfalls zunächst unter
Verzicht auf eine politische Führungsrolle Europas
in der Welt von Morgen.

Also wieder eine Parallele zu den Entscheidungen Bethmann Hollwegs gegen Ende des Monats Juni 1914.

Dr. Bernd F. Schulte, Schüler Fritz Fischers, hat
nach fünf Jahren Bundeswehr Geschichte in
Würzburg (Peter Baumgart), München (Laetitia
Boehm) und Hamburg studiert. Seine Erfahrun-
gen als Zeitoffizier, flossen in die Darstellung der
Friedensarmee vor dem Ersten Weltkrieg ein. Die
Auseinandersetzung mit den Ursprüngen dieser
Katastrophe führte ihn, an der Bundeswehrhoch-
schule Hamburg, zur Untersuchung des Ent-
scheidungsprozesses in Berlin Ende 1912. Hier-
aus entstanden, nach Jahren bei Fernsehen und
Film, weitere Arbeiten zu dem System der Krisen-
konferenzen im Kaiserreich und der Frage nach
dem übergeordneten Verhältnis von Politik und
Militär im Kaiserreich. Er führte 1982/83 u.a. die
Kontroverse um die Echtheit der Riezler Tage-
bücher fort. Er gibt die Internetzeitung Extra Blatt
(www.forumfilm.de) und die Hamburger Studien
zu Geschichte und Zeitgeschehen heraus.

Bernd F. Schulte
Das Deutsche Reich von 1914 Europäische Konföderation und Weltreich. Dr. Schulte, Hamburger Studien zu Geschichte
und Zeitgeschehen. Reihe II, Band 2 Copyright (C) 2012 Dr. Schulte

1914 Heute. Neues Licht auf das informelle Regierungssystem des Kaiserreichs.

Samstag, März 17th, 2012
Barnimer Bürgerbote an der Spitze der Forschung. Neue Interpretation des deutschen Regierungssystems vor 1914.

"erinnert", in: Barnimer Bürgerbote, 3/2012, S. 14