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Um den Krieg mit England im Winter 1904/05. Zum Institut der „Krisenkonferenzen“ im Kaiserreich.

Mittwoch, März 11th, 2015

Durch den nahen und unmittelbaren Verkehr mit Tirpitz habe ich viel Neues gelernt und Einblicke gewonnen in Verhältnisse, die mir bisher unbekannt waren. Sehr erfreulich sind die nicht alle gewesen und der Einblick, den ich in die Art und den Wert unserer jetzigen Regierung gewonnen, war oft nicht erfreulich und hat manche Ideale bei mir zerstört. Es fehlt uns die feste Hand und ein klarer, mit der harten Wirklichkeit nüchtern rechnender Kopf an der Spitze. Dafür herrscht Zerfahrenheit, Personen- und Parteieninteresse.

Kapitän z[ur].S[ee].. Hopman (Reichsmarine-Amt), 31.12.1912.

Vorbemerkung:

Das Kaiserreich und Rußland, eingekeilt zwischen den Flügelmächten im Osten und Westen,
als Modell genommen für die Entscheidungsprozesse, die momentan, zuvor und künftig, in
Washington und Moskau ablaufen. Nach den Erwägungen um die Jahre 1854-1914-2014 nun
der Verweis auf das Institut der „Krisenkonferenzen im Kaiserreich“; und dies am Bespiel des
„decision making process“ im Herbst und Winter 1904/05. Der Hintergrund der Marokkokrise
1904 bietet Einsichten in Themen, Verlaufsformen – wie „technische Details“ – derartiger Stunden
der Entscheidung im internationalen System. Der verfassungspolitische Überbau des Reichs
und Rußlands mag unterschiedlich ausfallen, entscheidend bleibt jedoch der am Beginn (ob
1854 in London, 1914 in Berlin …) stehende Entschluß jeweils einer Seite, die anstehenden
Konflikte mit Gewalt zu lösen.

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Die Krisenkonferenz vom 18. November 1904.

Am Freitag, dem 18.11.1904 abends, rief Kaiser Wilhelm II. den Reichskanzler Bernhard von Bülow, den Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen und den Chef des Admiralstabes, Vize-Admiral Büchsel, zu sich. Anlass zu dieser Besprechung waren kritische Artikel in der Londoner Fachpresse zum deutsch-englischen Flottenantagonismus. Es ging um den vom Admiralstab entwickelten “Operationsplan II” für die Flotte, der bereits Gegenstand eines Schriftwechsels zwischen dem Admiral- und dem Generalstab der Armee gewesen war. Dabei spielte der Gedanke des Admiralstabes eine besondere Rolle, im Falle des Krieges mit Großbritannien die dänischen Belte für die Grand Fleet zu sperren und dazu aktive Verbände der Armee heranzuziehen. Bislang wurde offensichtlich für den Fall einer Ausweitung des Konfliktes mit England, auch auf Frankreich, von einem intensiveren Einsatz der Armee gegen Dänemark abgesehen. Gegenstand der Lagebesprechung bei Wilhelm II. war damit die von Seiten des Admiralstabes betriebene

“erweiterte Verwendung von Armeetruppen…an den Operationen der Marine”.

An Stelle des Admiralstabschefs, der sich bereits in Kiel befand, nahm auch der Leiter des Reichsmarine-Amts teil, Admiral von Tirpitz. Der Chef des Marinekabinetts, Senden-Bibram, und der Kriegsminister Karl von Einem, fehlten.

An diesem 18. November im Berliner Schloss, und am darauf folgenden Tage in Kiel, kam es zu dem Auftrag Wilhelms II. an Vize-Admiral Büchsel, “alle Vorbereitungen…zu treffen für die Besetzung dänischen Gebiets”. Diese Weisung des Obersten Kriegsherrn wurde zum Ausgangspunkt detaillierter interner Vorbereitungen des Admiralstabes, die sich von der Beobachtung der englischen Presse und Marine, über die Steigerung der deutschen Kriegsbereitschaft, bis auf die Vorbereitung des “Handels- und Kreuzerkrieges”, erstreckten. Erkennbar war bereits in diesem Stadium, der Admiralstab verfolge eine Doppelstrategie. Einerseits sollten möglichst frühzeitig vollendete Tatsachen geschaffen werden, indem Büchsel die “Vorbereitungen für die Ausführung des O[perations].P[lans].II bis zum 1.3.[19]05″ fertig zustellen suchte. Diese Taktik bestätigt eine Aufzeichnung vom 19. November in welcher der Admiralstabschef festhielt:

“Hiermit ist also die Entscheidung so gefallen wie wir es wünschen und es kommt nun darauf an, das Eisen zu schmieden solange es warm ist”.

Im selben Atemzuge entwarf Büchsel den Wortlaut einer Kabinettsorder des Kaisers, die alle weiteren Schritte in die Hand des Admiralstabes legen würde. Büchsel unterstrich:

Haben wir diese Ordre[,] so ist damit der Betrieb der Sache in unsere Hand gelegt”.

Andererseits sollte der Einfluss des Generalstabes in Grenzen gehalten werden. Grund für die Eile des Admiralstabes war die offensichtliche Zurückhaltung Schlieffens, sämtlichen Absichten gegenüber, bedeutendere Kräfte der Armee für eine Verteidigung von Sperren der Flotte in dänischen Gewässern einzusetzen. Dass die Armee keinesfalls gesonnen war, derartige Pläne zu unterstützen, bestätigte auch der Kriegsminister Einem am 23. November. Neben der Belastung des Armeeetats durch zusätzliche Kosten, ging es Einem vordringlich um die an sich nachgeordnete Prestigefrage, wer in diesem Falle Zugang zum Kaiser habe. Aus dem Selbstverständnis der Armee, und deren Vertretern, konnte dies in keinem Falle ausschließlich der Admiralstab sein.

2

Die Konferenzen vom 30. Oktober und 21. Dezember 1904.

Mit dem bekannt werden der “entente cordiale” zwischen Großbritannien und Frankreich wurde in Berlin die Frage diskutiert, wie diese Verbindung auseinandergebracht werden könne. Offensichtlich wurde nicht erwartet, dass England und Frankreich Deutschland angreifen würden. Dennoch ließ der Reichskanzler ermitteln, wie die Chancen bei einem Krieg Deutschlands mit Frankreich stünden. Schlieffen teilte am 19. April auf Befragen mit,

“daß Rußland zwar seine größeren Truppenverbände von seiner Westgrenze für den Krieg in Ostasien zurückgezogen habe, durch andere Umstände aber jedenfalls gegenwärtig sich in einer für einen westlichen Krieg [d.h.gegen Deutschland] höchst ungünstigen Lage befinde”.

Offensichtlich auf den Krieg mit Frankreich direkt angesprochen, bestätigte er

“wenn die Notwendigkeit eines Krieges mit Frankreich sich also für uns ergeben sollte, so wäre der gegenwärtige Augenblick wohl zweifellos hierzu günstig” (Hervorh.v.m., B.S.).

Geheimrat Holstein, der Gedankengeber des Auswärtigen Amtes, legte, angesichts des offensichtlich kriegswilligen Generalstabes, unvermittelt den Finger auf die Wunde:

“Bei einem etwa heute ausbrechenden deutsch-französischen Kriege würde also Rußlands Beteiligung unwahrscheinlich, Englands aber unberechenbarsein”(Hervorh.v.m., B.S.).

Vor dem Hintergrund des russisch-japanischen Krieges, entzündete sich damit in Berliner politischen und militärischen Führungszirkeln eine ausgedehnte Diskussion darüber, wie die momentane Chance, da Russland in der Mandschurei gefesselt schien, für einen europäischen Hegemonialkrieg, zunächst gegen Frankreich, zu nutzen sei. Anfang September fand im Berliner Schloss, ein Diner statt, in dessen Verlauf der Kaiser mit Tirpitz die weitere Finanzierung des Flottenbaus erörterte. Kaiser und Reichskanzler bestätigten bei dieser Gelegenheit die Erhöhung des Marineetats um nunmehr 23 Millionen Reichsmark. Just jenen Betrag, um welchen im Vorjahr gestritten worden war. Einen Augenblick später entzündete sich diese Diskussion jedoch erneut. Tirpitz suchte daraufhin umgehend die Unterstützung der Großherzöge von Oldenburg und Weimar. Der Staatssekretär, der wiederum darum bat, ihn “beim Gelde zu unterstützen”, wurde durch den Großherzog von Weimar beschieden,

“sein Land ginge ihm vor. Preußen und Reich seien eins. Preußen behandele [aber] die Staaten schlecht…“

Tirpitz bestritt,

„daß Preußen und Reich eins seien. Preußen [sei] für [die] Marine [ein] besonders schwieriger Bundesstaat. Es handele sich nicht um Neuforderungen, sondern um den [im Auftrage] des Kaisers beschlossenen Aufbau der Flotte; dazu habe [er]die Zustimmung S[einer].H[oheit]. des Großherzogs von Weimar auf der Wartburg persönlich eingeholt”.

Dass die Finanzfrage dennoch nicht in trockenen Tüchern war, beweist kurz darauf Tirpitz’ weitere Anfrage beim Großherzog von Mecklenburg. Auch hier wurde “um Unterstützung beim [Flotten-]Etat” geworben. An eben diesem 5. September – während der Parade des IX. Armeekorps in Altona – so notiert Tirpitz,

“sagt S[eine]. M[ajestät]. er habe mit [dem] Reichskanzler abgemacht, daß [der] Marineetat nicht gekürzt werden dürfe”.

Wie angespannt die internationale Lage noch war, bestätigt die Bemerkung des Staatssekretärs, er habe

“mit [dem] Reichskanzler später [ein] längeres Gespräch über [die] Kriegssituation [in Ostasien]”

geführt. Bereits zuvor in Berlin hatte Tirpitz darauf aufmerksam gemacht, der Verlust von “Wladiwostok und ganz Sibirien” sei für Russland in Ostasien Tatsache , was auch auf die deutsche Kolonie Tsingtau zurückwirken könne. In diesem Zusammenhang, trat das Problem eines englischen Präventivkrieges gegen Deutschland in den Gesichtskreis der politischen und militärischen Reichsleitung.

3

Der 31. Oktober 1904: Sicherheit gegenüber England.

Daraufhin fand am 31. Oktober eine Krisen-“Sitzung beim Reichskanzler” statt, an welcher der “Reichskanzler, Richthofen, v[on]. Holstein, [und der] Chef des Generalstabes” teilnahmen. Nach einer Randbemerkung, am Kopf des Dokuments, traten bei dieser Gelegenheit Befürworter und Gegner eines Bündnisses mit Russland auf:

“Holstein plädiert für [den] Versuch einer Allianz mit Rußland, Situation doch nicht mehr intakt. Darum Anschluß. Richthofen dagegen[.]Reichskanzler stimmte Holstein zu“(Hervorh.v.m., B.S.).

Am folgenden Tage machte Tirpitz sein Resümee dieser Sitzung zum Gegenstand eines Briefes an den Staatssekretär des Auswärtigen, Richthofen, der seine – Tirpitz’, Gedanken – dem Reichskanzler übermitteln sollte. Offenbar hatte diese Diskussion um die günstige Gelegenheit eines Präventivschlages gegen Frankreich, sowohl das Argument des Generalstabes für diesen Weg, nämlich die russische Schwächung zu Lande, als auch das gegen diesen Schritt sprechende Problem – eines dann wahrscheinlichen Seekrieges mit Großbritannien – ins Bewusstsein der Anwesenden gehoben.

Schlieffen hatte ausgesprochen, Deutschland werde “bis auf weiteres mit Landwehrformationen an der Ostgrenze” gegen Russland auskommen. Ein Gedanke, der sich in seiner Denkschrift vom Dezember 1905 wiederfinden sollte. Tirpitz wehrte dagegen das Argument für den Krieg gegen Frankreich weiter ab, indem er darauf verwies, nicht nur flottenpolitisch, sondern auch landstrategisch, werde ein Beitrag Russlands erstens sehr gering, und selbst wenn, dann zweitens äußerst zwiespältig in den Auswirkungen ausfallen. Vor allem aber erwartete er, ein Bündnis mit Russland werde England zum Präventivkrieg gegen Deutschland treiben, was niemand wünschte, schon gar nicht der Flottenprotagonist. Denn in der Diskussion des 30. Oktober mussten sämtliche beteiligten Politiker und Militärs zu der Erkenntnis gelangt sein, dass die Flotte nicht kriegsbereit sei, und damit politisch nutzlos.

Doch das Ziel war, durch eine “’Pression’ auf Frankreich”, welche jedoch “nur durch die Kriegsdrohung Deutschlands ausgeübt werden” könne, Frankreich von England abzusprengen, bzw. Frankreich dazu zu bringen, dass es England davon abhielte, gegen das Reich vorzugehen. Doch auch der Kriegsfall England-Deutschland wurde diskutiert. Hier behauptet Tirpitz ebenfalls den geringen Wert russischer Unterstützung für das Reich, da

“gerade der bestehende gegen uns gerüstete Zweibund zwischen Frankreich und Rußland die Freiheit unserer Entschlüsse Frankreich gegenüber”

behindere. Aber gerade darum ging es am 30. Oktober anläßlich der Diskussion um Krieg oder Nichtkrieg mit Frankreich. Schließlich offenbart Tirpitz seine grundsätzliche Opposition gegenüber Plänen zugunsten eines Krieg mit Frankreich. Dieser plädiert für einen “Kontinentalblock” gegen Großbritannien, der seinen Flottenplänen die notwendige ruhige Entwicklung gewährleisten würde. Der Admiral führt aus:

“Eine positive Wirkung für die Friedenschance hätte eigentlich nur die wirklich klare Defensivallianz Deutschlands, Frankreichs und Rußlands zusammen gegen England, und das ist doch durch das erwogene Konzept z.Z. nicht zu erreichen”.

Er betont:

“Im ganzen ist ja Zeitgewinn und Flottenbau unsere wichtigste politische Aufgabe” (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Frage eines Krieges mit England stand nach der Krisenkonferenz vom 30. Oktober weiterhin im Raum. So beantwortete fünfzehn Tage später Schlieffen einen Fragebogen des Reichskanzlers. Bülow wollte Antworten auf die Fragen:

“1) Wodurch könnte sich im Falle eines englischen Angriffs auf DeutschlandRußland uns militärisch nützlich machen?
2) Wie viele Truppen könnte bei gutem Willen Rußland auch im gegenwärtigen Moment und trotz des japanischen Krieges gegen Indien in Bewegung setzen?
3) Wie lange Zeit würde Rußland brauchen, um Truppen gegen Indien in Bewegung zu setzen?
4) Welche Verpflichtungen wären für den Fall eines deutsch-russischen Defensiv-Abkommens Rußland in dieser Beziehung aufzuerlegen, damit England gezwungen würde, seine Kräfte zu verteilen und einen evtl. Vorstoß nicht allein gegen uns richtete?

5) Würden wir uns bei einem englischen Angriff gegen uns Engländern irgendwo unangenehm machen können, z.B. in Südafrika?“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Bülow war bemüht, den erwarteten Stoß Englands gegen Deutschland, so gut es gehe, zu parieren. Dazu sollten Operationen der russischen Armee gegen Indien, die Türkei oder Tibet dienen. Das deutsch-russische Bündnis sollte dazu die Basis bilden. Doch Schlieffen widerriet dem Kanzler. Realistisch seien derart zeitraubende Operationen nicht. Und darüber hinaus entwarf der Generalstabschef ein dunkles Bild der militärischen Möglichkeiten des Reichs in einem Krieg mit England:

“Deutschland kann gegen England einen Krieg in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes nicht führen. Unsere Flotte ist zu schwach, um sich mit der englischen einlassen zu können. Sie wird sich dem Angriff der überlegenen Gegnerin zu entziehen suchen. Unsere Armee vermag nicht nach England hinüberzugehen, die englische wird höchstens als Hilfsmacht eines anderen Feindes Deutschlands auf das Festland herüberkommen. Zunächst stehen die beiden Flotten wie die beiden Armeen sich gegenüber, ohne sich angreifen zu können” (Hervorh.v.m., B.S.).

Schlieffen konzedierte, es sei möglich, die englischen Armee durch einen russischen Angriff auf Indien abzulenken. Doch würden zunächst die deutschen Kolonien weggenommen und sodann die deutschen, niederländischen und belgischen Häfen blockiert werden. Der deutsche Überseehandel, und damit die deutsche Industrie, würden “vernichtet” und jeglicher Warenzustrom nach Deutschland abgewürgt. Der Generalstabschef erwartete ferner gewaltige Einbussen auf deutscher wie englischer Seite. Die neutralen Mächte würden den Nutzen davontragen. Ein Angriff Russlands auf Indien schien ihm allerdings geeignet, England daran zu hindern, zum Mittel des Handelskrieges zu greifen. Schlieffen schloss:

“Da England nicht angegriffen werden kann, so bleibt nur übrig, einen seiner Verbündeten anzugreifen“(Hervorh.v.m., B.S.)

Am 29.11.1904 bat Holstein den Generalstabschef, für den 30. November um 17.00 Uhr, zu sich. Gewappnet mit der Information Schlieffens, vertrat Bülow seinerseits gegenüber Holstein die Position, ein Bündnis mit Russland – wenn es nun gewollt werde – sei grundsätzlich zu erreichen, wenngleich klar sei, dies würde nur ein Bündnis auf Zeit sein und von Frankreich stets beargwöhnt7. Holstein antwortete, es sei entscheidend zu klären, ob

“im Falle eines englischen Angriffs auf uns Frankreich mit in den Krieg hineingezogen werden” (Hervorh.v.m., B.S.)

solle. Ebenfalls erörterte er die Frage des Einmarsches in Dänemark – wie jene der propagandistischen Vorbereitung des Volkes auf einen Krieg mit England. Den Diskussionsstand zwischen Politik und Militär, innerhalb der Führungsspitze des Reiches, fasst Holstein zusammen. Er attackiert Bülow mit Hilfe der von Schlieffen geäusserten Argumente:

“Dagegen spricht, daß nach der Ansicht des Generalstabs Frankreich ein sehr ernsthafter Gegner ist, ernster als 1870, daß ein Vorgehen gegen Frankreich uns Rußland auf den Hals laden könnte, wenn wir mit diesem nicht vorher irgend etwas erreicht haben; daß vielleicht selbst Italien mit England plus Frankreich gehen würde. Dafür, daß wir, wenn der Krieg auf uns und England isoliertbleibt, England gegenüber so gut wie ohnmächtig sind, das uns durch Wegnahme unserer Kolonien und Schiffe, Vernichtung unserer Marine und unseres Handels und Lahmlegen unserer Industrie in absehbarer Zeit zu einem nachteiligen Frieden zwingen kann, während wir, wenn Frankreich mit im Spiel ist und namentlich wenn wir auch Belgien und Holland mit hineinziehen, zwar das Risiko steigern, aber wenigstens die Möglichkeit erwerben, Waffenerfolge zu haben, Pfänder in die Hand zu bekommen und unsererseits einen Druck auszuüben” (Hervorh.v.m.,B.S.).

Damit umreißt Holstein die besondere Funktion des deutschen Aufmarschplanes gegen Frankreich im deutschen politischen Kalkül, der über den Durchmarsch durch Belgien, eben diese politischen Komponenten berücksichtigt. Auch zu Dänemark legt er die Pole der vorher geführten Diskussion um den “Büchsel-Plan” offen. Holstein fragt:

“Ist es angezeigt, unsere öffentliche Meinung und das deutsche Volk allmählich darauf vorzubereiten, daß von England her eine schwarze Wolke droht, damit uns nicht später Mangel an Voraussicht und Leichtsinn vorgeworfen wird” (vgl. Admiral v. Müller zum „Kriegsrat“ am 8.12.1912)?

Am folgenden Tag erklärt Bülow daraufhin dem deutschen Botschafter in London:

“Unsere Absichten gegenüber England sind absolut friedliche”.

Es geht dem Reichskanzler um die Frage, ob trotz vorsichtiger deutscher Flottenrüstung “Gefahr vorhanden” sei, dass Deutschland “in absehbarer Zeit” von England angegriffen werde. Immer wieder wird erwogen, ob “die Gefahr eines englischen Angriffs…durch den Abschluss irgendwelcher Abmachung zwischen Deutschland und Russland erhöht oder verringert” werde. Auch wird ein englischer Angriff auf Russland für möglich gehalten. Abgewogen wird, ob ein deutsch-russisches Defensivbündnis oder ein Neutralitätsabkommen weniger gefährlich sein würde. Bülow fragt expressis verbis:

“Welche Art von Abkommen würde uns mehr Sicherheit gegenüber Englandgewähren?” (Hervorh.v.m., B.S.).

Und schließlich gelangt er zum Kern der Frage:

“Ist Gefahr vorhanden, daß England, wenn es von Allianzverhandlungen zwischen uns und Rußland hört, uns plötzlich überfällt?”(Hervorh.v.m., B.S.)

Metternichs Antwort aus London bezeichnet am 18. Dezember, die “politische Atmosphäre [als] vergiftet”. Doch, so der Botschafter, “weder das englische Volk noch die leitenden Kreise” würden “einen Angriffskrieg gegen Deutschland wünschen oder beabsichtigen”. Auch glaubt er nicht, der Flottenbau werde eo ipso den Krieg mit Großbritannien provozieren. Metternich nimmt eher an, “planmäßige Agitation”, im Vorfeld der parlamentarischen Diskussion, werde “eine ernste Kriegsgefahr mit England bedeuten”. Selbst ein Defensivbündnis mit Russland werde diese Gefahr vermehren. Das Zarenreich sei zu Wasser und zu Land geschlagen, könne also Deutschland kaum nützlich sein. Erst recht, seitdem seine Ostseeflotte über alle Meere verstreut sei. Andererseits, eine “englisch-französisch-russische Abmachung zu verhindern”, sei –  so Metternich – im Ergebnis kaum möglich, da Frankreich stets die Verbindung mit England suchen werde.

4

Die Krisenkonferenz am 21. Dezember 1904.

Am 21. Dezember trafen Bülow, Richthofen, Metternich, Schlieffen, Büchsel und Tirpitz erneut zusammen, um wiederum die von England ausgehende Gefahr zu erörtern. Offenbar lief die Diskussion – um Metternichs Warnung vor einer umfassenden Flottennovelle – ausschließlich zwischen Tirpitz, dem Botschafter und Bülow. Dabei verwahrte sich der Staatssekretär gegen die Behauptung, in der “Begründung des II. Flottengesetzes” sei ausdrücklich davon die Rede, Deutschland wolle “England der Suprematie auf der See berauben”. Mittelbar griff Wilhelm II. in die Diskussion ein, indem Bülow dessen Warnung kolportierte, eine Küstenverteidigung vor Kiel und Hamburg sei praktisch nicht vorhanden. Tirpitz unterstrich noch einmal den Kern seines Flottenbauplanes, indem er darauf verwies,

“daß diese Verteidigungsforderungen nebenher liefen, Bagatelle seien, daß es auf Schiffsforderungen allein ankomme”.

Bülow gelangte, nach einer Unterredung mit dem englischen Botschafter Lascelles, zu dem Schluss, es komme “England gegenüber alles darauf an, dass wir mit Geduld und Spucke über die nächsten Jahre wegkommen, keine Zwischenfälle hervorrufen, [und] keinen sichtbaren Grund zu Argwohn geben”. Was hieß: den beschlossenen Weg weiter beschreiten, bis die englische Suprematie zur See unterlaufen ist, und das mit allen Konsequenzen (Hervorh.v.m., B.S.).

5

Vorarbeiten der Flotte: mit Russland gegen England.

Im Reichsmarine Amt wurde dazu Ende November eine Studie “über einen englisch-deutschen Krieg” angefertigt. Ausgangspunkt waren die “zwickmühlenartige kontinentale Lage” Deutschlands einerseits und “das Bedürfnis nach überseeischer Weiterentwicklung” andererseits. Eine Entlastung der deutschen “Ostgrenze” wurde erwartet und die Verschlechterung der politischen Stellung des Reiches in Asien, gegenüber England-Japan-Amerika, konstatiert. Frankreich habe “den maritimen Wettkampf mit England aufgegeben” und habe zugleich

“mit dieser Schwenkung seinen Offensivgedanken gegen Deutschland endgültig aufgegeben. Nur an der Seite Englands wird es zum Gegner Deutschlands, dann aber mehr defensiv als offensiv. Das russisch-französische Bündnis ist gegen den Dreibund geschlossen oder wenigstens unter politischen Voraussetzungen, die den Kontinentalkrieg zur Basis hatten. Steht in einemenglisch-deutschen Konflikt Russland auf Seite Deutschlands, so wird Frankreich durch sein Bündnis mit Russland nicht zur Parteinahme gegen England verpflichtet.Als Gegner Russlands gibt es indessen seine hier investierten Kapitalien (9 Milliarden Fr[ancs]) verloren” (Hervorh..Tirpitz, B.S.).

Zusammenfassend wird festgestellt, Frankreich und Deutschland hätten ihre Wahl unter den “drei selbständigen Weltmächten England, Amerika und Russland getroffen”,

“Frankreich hat unter Aufgabe seiner kontinentalen Aspirationen die Seemacht England gewählt, Deutschland die Landmacht Russland”.

Das Ergebnis eines englisch-deutschen Krieges werde der wirtschaftliche Ruin des Reichs sein; selbst mit russischer Unterstützung. Die durch eine englische Blockade der Zufuhr des Reichs ausfallenden Mengen, welche “in Friedenszeiten 50 bis 60 Prozent an Lebensmitteln” betrage, könne Russland nicht ausgleichen. Selbst die Besetzung Hollands und Dänemarks werde “nur zu einer geringen Küstenerweiterung und damit Erleichterung” führen. Die Blockade, als für Deutschland gefährliche Waffe, wird gesehen und eingestanden, “ein gleichzeitig geführter Landkrieg auf französischem Boden…[werde] diese Verhältnisse” nicht “günstiger gestalten” können. Als Ausweg erscheint ein Angriff Russlands auf Indien. Doch dieser Weg wird ins “Reich der Utopie” verwiesen. Ein gleichzeitiger Krieg Deutschlands mit Frankreich werde dessen Kräfte binden. Im Jahre 1904 sei Russland nicht fähig, eine derartige Operation zu unternehmen. Obwohl Amerika unter dem Handelskrieg Englands mit Deutschland leiden würde, werde das Inselreich

“alle politischen Rücksichten gegen andere Staaten der einen unterordnen: der wirtschaftlichen Vernichtung seines Gegners”.

Gefragt wird: “Wie kann ein deutsch-englischer Krieg verhindert werden?” “Ein Schutzbündnis mit den Vereinigten Staaten” erscheint als “Präventivmaßregel”, da “England in Bezug auf seine Lebensmittelzufuhr ganz von Amerika abhängig” sei. Um die Unterstützung der USA zu erkaufen, werden

“Koncessionen…b[e]z[ü]gl[ich]. Südamerikas,…im Stillen Ocean (Karolinen, Samoa, Neu Guinea) und schliesslich…in Ostasien”

vorgeschlagen. Der sich anschließende Vergleich zwischen der Lage Deutschlands und jener der “junge[n] amerikanische[n] Kolonie 1778 England gegenüber” bezeichnet plastisch den Ernst der Situation Ende 1904. “Jeder Zeitverlust” werde den “Kaufpreis höher stelle[n]” und die Gefahr vergrößern. Die verlässliche amerikanische Zusage werde ausreichen,

„um den gegenwärtigen Druck solange auszuhalten, dass die politische Hetze in England an Boden verliert, während wir in dieser Zeit die Freiheit maritimer Weiterentwicklung, die wir jetzt nicht haben, wieder erlangen und nutzen können“ (Hervorh.v.m., B.S.).

6

Admirale Pendemann und Heeringen: Das Hauptübel die unfertige Flotte.

Das Memorandum zur Flottenvorlage des Jahres 1900 hatte eine offene Sprache geführt – zu Zielen und Methoden des deutschen Flottenbaus:

“Um des Reiches Seehandel und seine Kolonien zu beschützen – im Hinblick auf die gegenwärtigen Umstände kann nur eine Methode nützen – muß Deutschland eine Kriegsflotte haben, so stark, daß der Gegner, der im Besitz der größten Seemacht steht, sie nur mit ernster Gefahr für sich selbst angreifen kann.
Für unsere Zwecke ist es nicht unerläßlich notwendig, daß die deutsche Kriegsflotte so stark sei, wie die der größten Seemacht: denn in der Regel wird eine große Seemacht nicht imstande sein, ihre ganzen Streitkräfte auf uns zu richten. Aber sogar wenn es ihr gelingen sollte, uns mit beträchtlicher Überlegenheit der Kräfte entgegenzutreten, so würde die Vernichtung einer großen deutschen Flotte den Feind so stark schwächen, daß, trotz des errungenen Sieges, seine eigene Weltstellung nicht länger mehr von einer gleichwertigen Flotte gesichert werden würde“.

Admiral von der Goltz bestätigte im Reichstag noch einmal dieses deutsche Kalkül:

“Die vorläufig noch beherrschende maritime Überlegenheit Großbritanniens wird auch in Zukunft beträchtlich bleiben, aber sie ist gezwungen, ihre Kräfte über die ganze Welt zu zerstreuen. Zweifellos würde bei einem Kriege in heimischen Gewässern der größere Teil der auswärtigen Geschwader zurückgerufen werden; doch würde dies Zeit kosten und überdies dürften nicht alle Überseestationen entblößt werden. Die deutsche Flotte, viel kleiner zwar, könnte in den europäischen Gewässern konzentriert bleiben. Mit den jetzt vorbereiteten Erhöhungen wäre sie in der Lage, ihre Kraft mit den gewöhnlichen britischen Flottenkräften in heimischen Gewässern zu messen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Anfang Dezember 1904 macht sich Admiral Pendemann (Flottenkommando Wilhelmshaven) “Gedanken über die augenblickliche kritische Lage”. Auch er sieht den Kriegszweck Großbritanniens in der Vernichtung von deutschem “Handel und Industrie”. Doch um das Reich “ganz niederzuwerfen”, habe “dies so viel Lebenskraft, um sich sehr bald wieder zu erholen”. Das wisse England. Momentan sei die “politische Lage…die denkbar günstigste”.

“Deutschland ist allein England maritim noch nicht entfernt gewachsen”.

Pendemann unterstreicht, da “an eine strategische Offensive gegen die englische Flotte” nicht zu denken sei, “müsse die Defensive stark entwickelt sein”. Ein Krieg mit England würde “alles bisher zur See erreichte mit Wahrscheinlichkeit wieder vernichten”. Die zwei Wege, die blieben, seien einmal der Vorstoß in die Nordsee, der die strategische Defensive – “einen augenblicklichen taktischen Erfolg” vorausgesetzt – nur aufschieben würde, und der Verzicht auf jegliche Aktion, womit die Flotte “als kriegsbrauchbares Instrument” ausscheide. Damit sei “die Kriegsflotte lahm gelegt und blockiert”. Der Admiral merkt an, er

“wüsste nicht, was die Engländer dann veranlassen sollte, in die Ostsee hineinzulaufen und unsere Flotte anzugreifen, wenn wir uns dort freiwillig blockieren lassen. Sie sind auch nicht der französischen Flotte in ihre Häfen gefolgt/es genügte ihnen, sie dort lahm zu legen”.

Damit bezieht Pendemann eindeutig Stellung gegen die Planungen des Admiralstabschefs Büchsel, und dessen Operationsplan II.

Mitte Dezember, die Krise bestand unverändert fort, erörtert ein weiterer Marinevertreter das Ergebnis der Beratungen der Rüstungskommission. Obwohl eine “unmittelbare Kriegsgefahr” nicht bestanden habe, sei “den für die Politik des Reiches verantwortlichen Stellen” diese Möglichkeit besonders scharf vor Augen getreten”, so wird von Heeringen behauptet. Er führt aus, Voraussetzung des Flottenbaus sei “bisher” gewesen, “den Frieden” bis zur Fertigstellung der Schlachtflotte “erhalten zu können”. Im Angesicht der Problemlage zu Ende des Jahres 1904, unterstreicht Heeringen diese zugrunde liegende Prämisse. Er führt aus:

“…das Verhalten der Grossmächte hatte seit Jahrzehnten eine so deutliche Abneigung gegen Übernahme der wirtschaftlichen Schädigungen eines grossen Krieges gezeigt, dass die Hoffnung berechtigt war, wir könnten bei genügender Vorsicht und vorläufiger Einschränkung unserer weltpolitischen Ansprüche den Krieg allein durch diplomatische Geschicklichkeit vermeiden” (Hervorh.v.m., B.S.).

Tatsächlich sei jedoch der Kriegsgedanke durch die Vorgänge in Ostasien wieder populärer geworden. So zum Beispiel plädiere eine Fraktion in England dafür, “zu seiner eigenen Sicherheit” Deutschland “zu schlagen, ehe wir unsere Flotte fertig haben”. Er setzt sich, angesichts auch der japanischen Kriegsbereitschaft, für ein “völlige[s]n Bereitsein[s] zum Kriege…vor allen übrigen Rücksichten” ein. Es sei damit für “die verantwortlichen militärischen Stellen” unabdingbar, “die Streitmittel des Reiches in der höchsten, ohne direkte Mobilmachung erreichbaren, Kriegsbereitschaft zu halten”. Der bleibende “Ernst der Lage England gegenüber” wird unterstrichen und die Verantwortung der militärischen Entscheidungsträger vor der Geschichte betont. Vorausgesetzt wird ein britischer Überfall auf die deutschen Seestreitkräfte, analog zu der Kriegseröffnung Japans gegen Russland 1904. Daraus ergebe sich, dass eine rechtzeitige Warnung durch die Diplomaten kaum zu erwarten sei. Es gelte einen zentralen Schwachpunkt auszuräumen, nämlich die Tatsache,

“dass wir während 21/2 Monat[en] im Jahr unsere sämtlichen Linienschiffe oder auch nur die Hälfte kriegsbereit liegen haben”.

Damit würde, so der Vorsitzende der Rüstungs-Kommission, der Gegner “genau auf den Zeitpunkt” hingewiesen, “zu dem er angreifen” müsse. Die deutsche Flotte sei “durch Wehrpflicht und ungesunden Wechsel weder im Oktober und November noch im März bereit”. Das sei

“ein weiterer Grund mehr für England den Krieg im Winterhalbjahr anzufangen”.

Auch strategisch sei die deutsche Flotte durch das Winterlager in Wilhelmshaven äußerst behindert, die “Zentralstellung Elbe-Kiel” einzunehmen. Heeringen gipfelte in der Feststellung,

“wir dürfen nicht pro Jahr über 200 Millionen für die Marine aufwenden und haben in dieser drohenden Zeit nur während 6 – 7 Monaten eine kriegsbereite Flotte” (Hervorh.v.m., B.S.).

Ein Wandel des Bewusstseins war offenbar eingetreten. Denn nun, so Heeringen, gelte es nicht mehr nach der “ferneren Zukunft” zu fragen, sondern nach dem “Jetzt”. Er votiert dementsprechend gegen Detachierungen ins Ausland, plädiert dafür, die Geldmittel zu konzentrieren – und dies für die möglichst unauffällige “Hebung der Kriegsbereitschaft”. Ihm scheint verbürgt, dass selbst bei den “grössten Verlusten”, in dem dann durchzukämpfenden Krieg, “das deutsche Volk” dennoch “willig sein” werde, erneut Geld für den Flottenbau aufzuwenden. Die Haltung, von vornherein einen Erfolg auszuschließen, würde zudem dazu führen, “bei Ausbruch des Krieges nicht das Letzte für den Erfolg” aufzuwenden. Immerhin könne die deutsche Flotte im “Frühsommer 1906 auf zwanzig Linienschiffe” angewachsen sein. “Das letzte Wort” sei somit “noch lange nicht…gesprochen”.

Tirpitz merkte an, er verstände “diese Vorschläge nicht ganz, da sie zu abstrakt gehalten” seien. Er wehrte sich zudem dagegen, in den Jahren seit 1898 nicht genug erreicht zu haben. Allerdings registrierte er, was viele dachten und auch schon sagten, die Flotte sei eben nicht fertig, und das sei der Fehler. Allerdings der Weg, besser an Hand “konkreter Vorschläge” zu diskutieren, erscheint eher als Ablenkungsversuch gegen aufkeimende Kritik, denn als ernst zu nehmender Hinweis. Mitte Januar 1905 berichtet der deutsche Botschafter in London, die englischen Blätter würden einen “englischen Angriff…als ungeheuerlich zurückweisen”. Gleichzeitig sei in “Daily Mail “, „Daily Telegraph“ und „Daily Graphic” eine Wandlung zugunsten Deutschlands zu erkennen. Nach Metternichs ausführlichem Bericht, scheint die deutsche Befürchtung, ein englischer Überfall stehe unmittelbar bevor, als bloße Chimäre.

Dass Ende Januar die Entscheidung über Krieg und Frieden noch in der Diskussion war, bestätigt Tirpitz´ Äußerung gegenüber dem deutschen Militärbevollmächtigten in Petersburg, Hintze. Der Leiter des Reichsmarine Amts schränkte Direktiven, die konkrete Maßnahmen für einen Krieg mit Frankreich und England enthalten hatten, auf “Anweisung” des Reichskanzlers ein. Der Ende 1904 in der deutschen Führungsspitze diskutierte Krieg mit Frankreich und England war zu diesem Zeitpunkt vertagt. Tirpitz erläutert bei dieser Gelegenheit die Verfahrensweisen der Abstimmung zwischen Politik und Militär in Berlin, die demnach durchaus im Clausewitzschen Sinne geregelt war:

“Die Direktiven, welche ich Ihnen mündlich gegeben habe gemäß Anweisung des Herrn Reichskanzlers, beziehen sich nicht auf die Frage, ob Krieg oder Frieden. Sie rechneten nur mit der Tatsache, daß der Kriegszustand besteht und auch für Waffenerfolge unseren Interessen am meisten entsprechen. Die Frage Krieg oder Frieden ist jedenfalls rein politischer Art und außerhalb meiner Kompetenz” (Hervorh.v.m., B.S.).

Wenige Tage darauf leitet das Auswärtige Amt Tirpitz “einen ganz vertraulichen Privatbrief des Botschafters Grafen Metternich” zu, den dieser an Bülow gerichtet hatte. Darin äußerte sich Metternich zur “Gestaltung der Beziehungen zwischen Deutschland und England während der letzten Monate”. Dort habe sich der Diplomat “nochmals nachdrücklich…über die Befürchtung” geäußert, dass England kriegerische Absichten gegen uns hege”. Dieses Schreiben heizte die Diskussion zwischen den Befürwortern des Flottenbaus und deren Kritikern innerhalb der deutschen Führungsspitze erneut an. Anfang Februar referiert Admiral von Müller, Tirpitz gegenüber, zustimmend über die These,

“daß diejenigen, auf die Zukunft des deutschen Volkes verzichteten, welche aus Angst vor England von jedem schnelleren Vorgehen in unserer Flottenentwicklung absehen wollen”.

Müller plädiert für die Beschleunigung der Ersatzbauten und gegen ein “drittes Doppelgeschwader”. Er fragt: aber wenn England daraufhin ernste “politische Konstellationen” veranlasse? Die Antwort, so Müller, müsse für Deutschland dann im Angesicht des Krieges heißen:

“dann der Weltkrieg, der unsere Heere nach Indien führt und nach Egypten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Rüstungspolitisch-strategisch sieht Müller die “Beschränkungen” des Nord-Ostsee-Kanals, und die Typenfrage, an erster Stelle rangieren. Er übt, wenn auch eingeschränkt, gegenüber Tirpitz Kritik an den großen Schlachtschifftypen:

“Ich ziehe die strategische Konzentrationsmöglichkeit durch den Kanal der taktischen Konzentration über den großen Typ vor, und erst wenn die innerpolitische Möglichkeit gegeben ist, den Kanal umzubauen, würde ich auf den großen Typ gehen. Bis dahin also müßte das möglichst große Linienschiff, das eben noch durch den Kanal gehen kann, gebaut werden”.

Daraufhin hält Tirpitz, in einer Notiz für die Budgetkommission des Reichstages, fest:

“Der Herr Reichskanzler hat für die Ausarbeitung eines Entwurfes für eine in Herbst d[ieses]. J[ahres]. einzubringende Novelle zum Flottengesetz den zuständigen Reichsressorts folgende vorläufige Direktiven gegeben:
1. Eine Vermehrung der etatsmässigen Zahl der Linienschiffe soll nicht stattfinden.
2. Die Zahl der jährlich auf Stapel zu legenden grossen Schiffe – seit 1897 pro Jahr 3 – nicht erhöht aber auch nicht vermindert werden.
3. Als Neuforderung sind von den seiner Zeit vom Reichstage abgelehnten Auslandsschiffen 6 grosse Kreuzer wieder einzubringen. An Stelle der damals geforderten 7 kleinen Kreuzer sind 7 Torpedoboots-Divisionen zu fordern.
4. Für die Linienschiffe und Panzerkreuzer soll nach Vorgang aller anderen Nationen vom Jahre 1906 ab ein grösserer Typ vorgesehen werden.
Die Durchführung des vorstehend skizzierten Programms würde nach den angestellten Berechnungen den Marineetat bis zum Jahre 1910 einschliesslich gegen den Etatsentwurf 1905 jährlich um durchschnittlich 15 Millionen Mark steigern. Von 1911 ab würde sich der Etat ungefähr auf der Höhe des Etats von 1910 halten. Verhandlungen zwischen den Verbündeten Regierungen über die im Herbst einzubringende Novelle haben noch nicht stattgefunden” (Hervorh.v.m., B.S.).

Tatsächlich hielt Tirpitz im Reichstag eine flammende Rede über die Grundsätze des deutschen Flottengesetzes, welches von der kriegsentscheidenden Seeschlacht ausgehe und die großen Schiffe bevorzuge, so lange die Kanone die schlachtdominierende Waffe sei.

Am 4. Februar rief Wilhelm II. den britischen Botschafter Lascelles zur Ordnung, nachdem der Kaiser von der – nach seiner Meinung –

“geradezu verblüffenden Rede des Civil Lord of Admirality mit der offenen Kriegsdrohung gegen uns”

erfahren hatte. Am 18. Februar überschritt die Krise deren Zenit. Vize-Admiral Büchsel teilte Tirpitz mit, der Kaiser habe “neuerdings befohlen, dass die Marine in der strategischen Defensive bei ihren Operationen in den Belten mit einer Unterstützung von Seiten der Armee nicht zu rechnen habe”. Nicht zuletzt der Reichskanzler habe diese Entscheidung Wilhelms II. bewirkt, indem er “vom politischen Standpunkte aus neuerdings wesentliche Bedenken dagegen zum Ausdruck gebracht hat, andererseits weil die Armee die für die Besetzung dänischen Gebiets erforderliche Truppenmacht nicht hergeben kann, ohne den Erfolg an anderer Stelle fraglich zu machen”. Und schon anlässlich der Enthüllung des Kaiser-Friedrich III.-Denkmals in Bremen bemühte sich der Kaiser darum, die an sich revolutionäre Grundidee deutscher Politik in gemäßigter Verpackung zu bieten:

“Das Weltreich, das Ich Mir geträumt habe, soll darin bestehen, daß vor allem das neuerschaffene Deutsche Reich von allen Seiten das absoluteste Vertrauen als das eines ruhigen, ehrlichen und friedlichen Nachbarn genießen soll und daß, wenn man dereinst vielleicht von einem deutschen Weltreich oder einer Hohenzollern-Weltherrschaft in der Geschichte reden sollte, sie nicht auf Politik gegründet sein soll durch das Schwert, sondern durch gegenseitiges Vertrauen der nach gleichen Zielen strebenden Nationen” (vgl. K.Lamprecht-Bethmann Hollweg, in: Bernd F. Schulte: Das Deutsche Reich von 1914, Hamburg 2013).

Wenngleich Wilhelm II. damit kein Jota von dem bisherigen Weltmacht-Kurs zurückwich, so blieb dennoch Raum für verschiedenste Versuche, aus der Kalamität eines Zwanges zum Krieg mit Frankreich herauszukommen, bei gleichzeitig offener Flanke gegenüber Großbritannien. Holstein betonte diese Lösung, indem er für den Konferenzgedanken eintrat, und gleichzeitig – im Angesicht der englischen Rivalität – für den Ausgleich mit Frankreich plädierte. Er schrieb am 28. Juni an den deutschen Botschafter in Paris:

“In Wirklichkeit haben wir den entgegengesetzten Plan, nämlich die Gelegenheit zu benutzen, um bessere Beziehungen für die Zukunft mit Frankreich anzubahnen”.

Ein Weg, den Bülow übernahm. Er glaubte mit Hilfe Marokkos als Kompensation, Frankreich zum “Anschluß an die deutsch-russische Verständigung” zu bringen. Der Kanzler hielt in einer Notiz fest:

“1…Eine bessere Verwendung könnte Marokko für uns nicht finden…

3. Es erscheint mir ratsamer, die Marokkofrage bis auf weiteres versumpfen zu lassen, als sie zu brüskieren”.

7

Admiralstab gegen Generalstab.

Es war nicht leicht, Schlieffen auch nur die Zusage der Fortsetzung kommissarischer Verhandlungen zwischen Vertretern der Stäbe von Armee und Marine abzuringen. Es bedurfte dazu eines persönlichen Gespräches zwischen Büchsel und Schlieffen. Wie gering das Interesse des Generalstabes an einer Diversion stärkerer Kräfte der Armee im Norden war, zeigten die Verhandlungen mit dem Vertreter des Generalstabes, Oberstleutnant Stein, der spitz fragte,

“ob es nun gegen England allein auf eine Beteiligung der Armee ankomme”.

Büchsel erklärte, es handele sich “um einen Angriff Englands auf uns [Deutschland] überhaupt”. Womit klar gemacht war, von Seiten der Flotte sei “die planmäßige Teilnahme” der Armee im Falle auch nur eines deutsch-englischen Krieges geplant. Stein betonte demgegenüber, “wie sehr unangenehm” dies für die Armee sei, “weil man ja garnicht voraussehen könne, was daraus werden würde”. Gemeint war damit, jeder Verlust an Kräften für den Landkrieg mit Frankreich, den der Generalstab grundsätzlich erwartete, sei unbedingt zu vermeiden. Büchsel berief sich postwendend auf den Reichskanzler, dieser sei

“der Ansicht…, dass die ganze Besetzung dänischen Gebiets nur möglich sei bei einer wohlwollenden Neutralität Rußlands”.

Der Hinweis auf das Votum des verantwortlichen Politikers ließ Stein schließlich einlenken und den Kräfteansatz der Armee auf eine Division, eine Landwehr-Brigade, zwei 12cm-Artillerie-Batterien und zwei Beleuchtungstrupps beziffern. Im Sinne der Beschleunigung weiterer Schritte, kündigte der Admiralstabschef an, “am 2.12. S[einer].M[ajestät]. dem Kaiser Vortrag über den Fortgang der Vorbereitung des O[perations). P[lans]. II halten” zu müssen.

Angesichts dieser Zielstrebigkeit des Admiralstabes ließ Schlieffen mitteilen, der Kriegsminister habe ihn ersucht, “in eine weitere Behandlung der zur Berathung stehenden Angelegenheit nicht einzutreten”. Büchsel antwortete, unter Hinweis auf den “Befehl S[einer].M[ajestät].d[es].Kaisers”, und hielt daran fest, er erwarte vom Generalstab nach wie vor eine Stellungsnahme dazu, “wie der Bedarf an Truppen d[er]. Armee sich” vergrößere. Die Dinge trieben der Entscheidung zu, als Büchsel am 2.12.1904 sich für den Vortrag bei Wilhelm II. vorbereitete. Am folgenden Tage war der Admiralstabschef beim Kaiser zum “Spaziergang befohlen”, was bedeutete, dass weder der Chef des Kaiserlichen Hauptquartiers, Generaloberst von Plessen, noch der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Senden Bibram, teilnehmen würden.

Büchsel führte in diesem Vortrag aus, die Verhandlungen mit dem Generalstabe hätten ergeben: für die “Besetzung Dänemarks, wie sie nötig” sei, reiche “zur direkten Verteidigung der Sperren im grossen und kleinen Belt” eine verstärkte aktive Division der Armee aus. Allerdings würden zwei Divisionen dann nötig, wenn Dänemark die “Besetzung seines Gebietes durch eine Kriegserklärung” beantworte. Das hieß: mindestens zwei Heeres-Divisionen würden in einem „Kriegsfall England“ im Norden gebunden werden. Der Generalstab vertrete allerdings die Position, so Büchsel, “dass selbst wenn der Krieg zunächst durch eine Ueberraschung Englands allein eingeleitet” werde, dann “doch das Hineinziehen Frankreichs folgen” müsse. Immer wieder habe Schlieffen betont, “in diesem Falle” würden “die besten Armeekorps bei den Operationen gegen Frankreich fehlen”. Dass der Generalstabschef sämtliche Operationen ablehne, die zu einem “Zurückhalten von zwei aktiven Armeekorps an der Küste im Kriege mit England” führen würden, kam ebenfalls deutlich zur Sprache. Damit war die im Operationsplan II der Flotte niedergelegte Grundidee in Frage gestellt, nämlich die Belte zu sperren, um so die englische Hochseeflotte im Kampf um die Beltsperren zahlenmässig abzunutzen und einen Schlachterfolg der quantitativ unterlegenen deutschen Seestreitkräfte in der Ostsee erst möglich zu machen. Hier sollte der Kaiser entscheiden, wer – der General- oder der Admiralstab – mit seinen Vorstellungen durchdringe. Büchsel enthielt sich ausdrücklich der Entscheidung über die Frage, ob der Vorteil, den Krieg in Dänemark und in der Ostsee gegen England führen zu können, den Nachteil überwöge, an der französischen Grenze mit um zwei Armeekorps geschwächten Kräften aufzumarschieren. Er unterstrich jedoch, in jedem Fall müsse die Armee sowieso die Verteidigung der deutschen Nordgrenze gegen die dänische, und möglicherweise die englische Armee sicherstellen. Wie auch immer sich Deutschland in einem kommenden Konflikt verhalte, Dänemark werde, ob mit deutschem Einmarsch, und damit Neutralitätsbruch, oder ohne, ob unterstützt durch England, oder von diesem besetzt, möglicherweise Deutschland, “in any case”, den Krieg erklären.

Im Einzelnen begründete der Admiralstabschef die so für die Kriegführung der Flotte eintretenden Nachteile. Er fasste zusammen, wenn nun die Armee nicht genügend auftrete, dann würde

“der Zweck , welchen Eure Majestät mit derselben verfolgen, dem Feinde Schiffsverluste beizubringen, welche so hoch sind, dass die hinter der Sperre stehende Schlachtflotte Aussicht hat, die angreifende Flotte vollends zu vernichten, in wesentlich geringerem Masse erreicht werden, ja die Verluste auf der eigenen Seite würden, da die Verteidigung der Sperren älteren Schiffen übertragen werden muss, wesentlich größer sein, als auf Seiten des Gegners, und ein Aufräumen der Sperre würde sich nicht verhindern lassen”(Hervorh.v.m., B.S.)

Angesichts dieser Ausführungen Büchsels sprach sich Wilhelm II. “dahin aus, daß die beiden Korps (IXtes[Altona] und Xtes[Hannover]) im Norden bleiben müßten, bis die Verhältnisse dort geklärt seien”. Der Monarch bezog unter dem Eindruck des Vortrages damit eindeutig Stellung gegen den Generalstab und folgte seiner traditionell marinefreundlichen Haltung. Der Kaiser erklärte,

“die Besetzung dänischen Gebietes müsse erfolgen, auch schon wegen Esbjergs [Landung eines Britischen Expeditionskorps], ganz abgesehen von der Sperreverteidigung. Er sei der Meinung, daß die Armee diese Truppen entbehren könne und müsse”.

Büchsel gab anschließend die Parole aus: “Wir arbeiten also zunächst weiter in der Annahme, daß die Truppen gestellt werden”.

Um den Generalstab doch noch zu gewinnen, und offenbar in der Überzeugung, dass die momentane Willensäußerung des Obersten Kriegsherrn nicht lange tragen werde, bot Büchsel an, auf der Basis der am 9. Dezember abends durch den Kaiser “mündlich ertheilten Anweisungen” gemeinsam vor dem Monarchen festzulegen, “welche Truppen der Armee in Folge der geplanten Verwendung auf nicht deutschem Gebiet” zur Verfügung stehen würden. Schlieffen antwortete nach zehn Tagen und teilte mit, er sei nunmehr “zur Feststellung der Art und Zahl der erforderlichen Truppen in eine genaue Prüfung… eingetreten”. Den Vortrag Büchsels vor Wilhelm II. beantwortete er nun mit der Ankündigung, seinerseits “durch einen Immediatbericht die Grundlagen für eine Entscheidung” geben zu wollen. Am folgenden Tage erbat der mit den Verhandlungen betraute Oberstleutnant Stein Berichte, welche die Korvettenkapitäne Souchon und Hopman im Jahre 1902 zu den in Frage stehenden dänischen Gebieten angefertigt hatten.

Ende Januar 1905 nahm der Admiralstab diesen Faden wieder auf und betonte, daß Schlieffen den angebotenen gemeinsamen Immediat-Vortrag beim Kaiser nicht in Betracht gezogen habe. Wie gereizt Büchsel zunächst reagieren wollte, zeigt der erste Entwurf seiner Antwort. Der Admiralstabschef revidierte jedoch das Konzept, welches den Vorwurf enthielt, Schlieffens Verhalten in der Sache sei der Grund für “die großen Lücken” in den Vorarbeiten zum Operationsplan der Flotte, “die mangels einer Allerhöchsten Entscheidung[,] gerade für den wahrscheinlichsten Kriegsfall vorhanden” seien. In der Ausfertigung des Schreibens bezog sich Büchsel dann nur noch darauf, der Generalstabschef möge ihm mitteilen, wann er seinen Bericht zum Immediatvortrag an den Kaiser senden werde.

(Fortsetzung folgt)

Das“Institut“ der Krisenkonferenzen im informellen Regierungssystem des Kaiserrreichs.

Sonntag, Januar 11th, 2015

Riezler 1930: „Riskante Partie aus Furcht (vor Rußland)“. Stattdessen: Bethmann Hollweg geht den Weg des Risikos.

Montag, Juli 28th, 2014

„Ist es wirklich notwendig, daß das Volk der Dichter und Denker noch länger als ein Jahrfünft scharfes Denken mit Philosophie – und welche Philosophie meint man – und Erfahrungsreiches Maßhalten mit Schwäche verwechsele“?
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Inhalt

Deutsch-Französischer Krieg: England wird nicht zusehen.
Kriegskurs: Die Krisenkonferenzen vom November-Dezember 1912.
Bethmann Hollweg und die Präventivkriegs-Forderung.

Im Duktus der Krisenkonferenz vom 3. Juni 1909.
1913: Das Jahr der Vorbereitung.
Italien.
England.
Präventivschlag gegen Frankreich im Frühjahr?

1913: Bethmann Hollweg für Krieg.

Des Kanzlers überlegene Armee- und Marinerüstung.
Die Rüstungpriorität bei der Armee.
Regiert wird um den Kaiser herum.
Das Scheitern des Flottenplans. Tirpitz verliert an Einfluß.
England rüstet weiter.
Das Bündnis Bethmann Hollweg-Moltke: Konzentration auf die Armee.

Rußland zum Gegner aufbauen. Die Disposition des Kriegsausbruchs.
Moltkes Lagebeurteilung Ende 1912.
Beziehungen zu Schweden: Kreist das Reich Rußland ein?
Der schwindende Nimbus der „besten Armee der Welt“.
Die „jüngere Linie“ deutscher Politik formiert sich.
Hat sich Berlin bereits für Krieg entschieden?
Bethmann Hollweg gerät unter Beschuß.

Rezept Bethmann Hollwegs: Frieden durch Brüskieren?
Tirpitz warnt vor dem Kriegstreiber England.
Stringentes Plädoyer für den Präventivkrieg.
Der europäische Krieg ist heute noch zu bestehen.
Die Lagebeurteilung Waldersees – negativ.
Waldersee/Moltke: Folgerungen 1914, Kritik des Reichsarchivs 1919.

7.7.1914: Eine rüstungspolitische Wende? Tradition gegen Moderne.
Moltke fordert sofortiges Handeln.
Verhindert der irische Bürgerkrieg und Englands militärisches Eingreifen?
1914: England, Frankreich und Rußland kriegsbereit?
Kurt Riezler 1930: „Eine riskante Partie aus Furcht“.

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Deutsch-Französischer Krieg: England wird nicht zusehen.

Durch den Tod des gerade in London installierten deutschen Botschafters Baron von Marschall sah sich der Kanzler Ende September 1912 veranlasst, dem Kaiser den Fürsten Lichnowsky als Nachfolger nahe zu bringen. Der deutsche Kanzler, Theobald von Bethmann Hollweg, erläuterte:

„Auch nach meiner Alleruntertänigsten Meinung wäre Lichnowsky zum Botschafter an sich nicht ungeeignet“.

„Gegen die Fürstin als Botschafterin gerade in London“ könne er allerdings „leider Bedenken nicht unterdrücken“.

Pünktlich, am 23. September, traf der russische Außenminister Sasonow in Balmoral ein. Nicht allein die persische Frage, sondern insbesondere die von Russland stark beeinflusste Entwicklung auf dem Balkan, bildeten den Gesprächsgegenstand. Russland beabsichtige seine Präsenz in Nordpersien weiter aufrecht zu erhalten, erläuterte Sasonow. Grey verhielt sich, wie üblich, zögernd-zurückhaltend, argumentierte mit dem schädlichen Eindruck, den dieser Umstand auf die mohammedanische Bevölkerung des Empire ausüben werde, und setzte so den russischen Außenminister in Zugzwang, als dieser auf sein eigentliches Interesse – die Balkanentwicklung – zu sprechen kam. Bereits zu diesem Zeitpunkt gab der britische Außenminister mit ungewöhnlicher Offenheit preis, Großbritannien werde sich genötigt sehen, Frankreich zur Hilfe zu kommen, wenn Deutschland versuchen würde, seinen westlichen Nachbarn zu zerschlagen. Nach Auskunft König Georgs V. hatte sich Gelegenheit „zu einigen langen und freundschaftlichen Gesprächen mit Sir Edward Grey“ ergeben. Der britische König berichtete:

„Ich stimme von ganzem Herzen mit Dir überein, daß Monsieur Sasonow ein aufrechter, gerader und ehrenhafter Mann ist, und ich bin überzeugt, daß er in Sir Edward Grey einen eben solchen fand. Nur zwischen zwei Staatsmännern mit so ähnlichen Naturen konnten alle zwischen unseren beiden Ländern bestehenden Mißverständnisse so offen erörtert und geklärt werden. Ich freue mich, sagen zu können, daß die Ergebnisse dieser Gespräche in höchstem Grade befriedigend waren“ (Hervorh.v.m., B.S.).

War es nötig, dass Sasonow seinem Kollegen Grey von dem Geheimvertrag Mitteilung machte, der im März 1912 zwischen Serbien, Bulgarien und Griechenland abgeschlossen wurde? Aber handelte es sich letztlich bei diesem Besuch des russischen Außenministers nicht eher um die Absicherung des russisch-österreichischen Konfliktes, im Gefolge des heraufziehenden Balkankrieges?

Bethmann Hollweg beschäftigte sich am 3. Oktober mit dem Wechsel im Amt des englischen Botschafters in Berlin und des deutschen in London. Goschen solle, so schrieb der Kanzler an Wilhelm II., durch einen einflussreicheren Vertreter ersetzt, und für den verstorbenen Baron Marschall Fürst Lichnowsky, trotz seiner exzentrischen Gattin, berufen werden. Den ganzen Vorbehalt des Kaisers zeigte dessen ausführliche Paraphe am Rande des Dokuments:

„Dann taugt er aber bei uns als Diplomat nichts und zeigt daß es London völlig egal ist wie es in Berlin vertreten ist. Eine Herabwürdigung für uns in unserer nationalen Ehre, und der Beweis dafür, daß die Verhandlungen ausschließlich in London geführt werden sollen. Darauf können wir uns nicht einlassen. Aendert England seinen Botschafter in Berlin nicht, so ist es klar, daß ihm nichts an einem besseren Verhältnis – politisch, diplomatischen u[nd] mit uns liegt. Und wir können es auch darauf ankommen lassen und weiterbauen!“

Dass Goschen, der englische Botschafter, alles tat, um mit dem Kanzler auf „good terms“ zu kommen, zeigt, dass er mit Bethmann Hollweg sogar längere Zeit deutsch sprach.

Am 5. September sandte Colmar von der Goltz, der langjährige Ausbilder der türkischen Armee, über Wahnschaffe dem Reichskanzler die berühmt gewordene Rede des Lübecker Kaufmanns Possehl: „Wehrmacht und Erwerbsleben“ in welcher „die wirtschaftlichen Folgen einer Mobilmachung behandelt“ wurden. Bethmann Hollweg nahm unverzüglich die Frage auf: „Sind wir wirtschaftlich auf einen Krieg gerüstet?“ Goltz antwortete am 9. September und leitete das Dokument – mit Fragen versehen – am 17. an das Reichsamt des Innern weiter.

Am 30. September verfügte die Mobilmachungs-Anweisung des Warschauer Militärbezirks:

„Allerhöchst ist befohlen, dass die Verkündigung der Mobilisation zugleich auch die Verkündigung des Krieges gegen Deutschland ist.“

Während der Gespräche von Balmoral, so eine weitere Quelle, habe der russische Ministerpräsident Sasonow Gespräche mit der englischen Regierung geführt, in deren Verlauf er gefragt habe, ob Großbritannien „in einen Krieg eintreten“ würde. Dem Russen sei geantwortet worden, das

„hinge davon ab, wie es zum Kriege käme. Keine britische Regierung könnte ohne Deckung der öffentlichen Meinung in einen Krieg eintreten. Die öffentliche Meinung würde keinen Angriffskrieg mit dem Ziel einer Revanche oder der Einschließung Deutschlands unterstützen… . Wenn jedoch Deutschland durch seine große, ich möchte sagen beispiellose Stärke dazu verleitet wird, den Versuch zu machen, Frankreich zu vernichten, glaube ich nicht, daß wir abseits stehen und zusehen würden, sondern daß wir alles täten, Frankreich vor der Vernichtung zu bewahren“ (Hervorh.v.m., B.S).

Kriegskurs: Die Krisenkonferenzen vom November-Dezember 1912.

So Grey zu Sazonow, bevor es zum Ausbruch der Balkankrise kam. Parallel – jedoch bereits, nachdem die Ergebnisse des Kriegs – nämlich der Verlust der türkischen Machtstellung auf dem Balkan, Realtität geworden waren – fixierte der englische König, am 5. Dezember 1912, gegenüber dem Bruder des deutschen Kaisers, am 2. Dezember, diese Position Großbritanniens erneut. Georg V. berichtete Grey:

„Prinz Heinrich von Preußen stattete mir hier vor drei Tagen einen kurzen Besuch ab. Im Laufe einer langen Unterredung über die gegenwärtige Lage fragte er mich ohne Umschweife, ob im Falle eines Krieges Deutschlands und Österreichs gegen Rußland und Frankreich England die beiden letztgenannten Mächte unterstützen würde. Ich antwortete, ‚unzweifelhaft ja, unter gewissen Umständen‘. Er bekundete Überraschung und Bedauern, fragte aber nicht, welches die besonderen Umstände wären. Er sagte, er wolle dem Kaiser mitteilen, was ich ihm gesagt hätte. Natürlich muß Deutschland wissen, daß wir nicht erlauben können, daß irgendeiner unserer Freunde kampfunfähig gemacht wird“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Georg V. machte über sein Gespräch mit dem Prinzen Heinrich ebenfalls dem Grafen Mensdorff, dem Gesandten Österreich-Ungarns, Mitteilung. Der König sagte, der Prinz „sei von seiner Erklärung, daß wir Deutschland nicht gestatten würden, Frankreich oder Rußland zu zermalmen, entsetzt gewesen (Hervorh.v.m., B.S.). Er, der König, habe dann seinen deutschen Vetter gefragt:

„Glaubst Du, daß wir weniger Ehrgefühl haben als Ihr? Ihr habt Allianzen mit Unterschriften, wir Ententen ohne Unterschriften, wir können aber weder Frankreich noch Rußland niederwerfen lassen“(Hervorh.v.m., B.S.).

Damit war der tatsächliche Grund für den Ausbruch des Kaisers vom 8. Dezember offen gelegt.

Grey antwortete dem Britischen König am 9. Dezember. Er schrieb über die Hintergründe der Äußerung Haldanes gegenüber Lichnowsky:

„Sir Edward Grey hält es für gefährlich, wenn die deutsche Regierung in der Meinung gelassen würde, daß England unter gar keinen Umständen Frankreich und Rußland unterstützen würde, wenn Deutschland und Österreich diese Mächte bekriegten; er hält es für sehr glücklich, daß Eure Majestät in der Lage waren, Prinz Heinrich eine Antwort zu erteilen, die es unmöglich macht, daß er einen solchen falschen Eindruck nach Berlin mitnimmt“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Grey stellte im Folgenden klar heraus, welches das mögliche Szenario des kommenden Krieges sein könne. Keinesfalls bestand demnach in London Unklarheit über die Gefahren der Lage. Grey führte aus:

„Euer Majestät Regierung ist im Falle eines Krieges in keiner Weise festgelegt und die öffentliche Meinung Englands ist, soweit Sir Edward Grey dies beurteilen kann, gegen einen sich aus einem Streit um Serbien ergebenden Krieg eingestellt. Wenn jedoch Österreich Serbien angriffe und Deutschland daraufhin gegen Rußland zu Felde zöge, wenn dieses Serbien zu Hilfe käme, und wenn auf diese Weise Frankreich in den Krieg verwickelt würde, dann könnte sich für England die Notwendigkeit ergeben, für die Verteidigung seiner Stellung in Europa und für den Schutz seiner eigenen Zukunft und Sicherheit zu kämpfen (so wie der deutsche Kanzler erklärt hat, daß Deutschland kämpfen würde).“

Inzwischen hatte Prinz Heinrich dem Kaiser über das Gespräch mit Georg V. in York Cottage berichtet, England werde „vielleicht neutral bleiben, keinesfalls auf Deutschlands Seite treten und wahrscheinlich sein Gewicht in die leichtere Waagschale werfen“ (Hervorh.v.m., B.S.). Wilhelm II. bemerkte dazu:

„Bereits erledigt, es geht mit Frankreich“.

Diese Erkenntnis bildete den Ausgangspunkt für die Einberufung des sogenannten „Kriegsrates“ vom Sonntag, dem 8. Dezember 1912, durch den Kaiser. Prinz Heinrich berichtete Georg V. über die Reaktion seines Bruders:

„Ich berichtete ihm, ich hätte die Überzeugung gewonnen, daß, falls Deutschland in einen Krieg mit Rußland und in der Folge auch mit Frankreich verwickelt werden sollte, England vielleicht neutral bliebe, doch sei zu befürchten, es werde sich unter Umständen auf die Seite unserer Feinde schlagen. In seiner Antwort schrieb Wilhelm, meine Eindrücke seien leider richtig, denn auch Haldane habe in seiner Unterhaltung mit dem deutschen Botschafter, die am 6. Dezember, dem gleichen Tage, an dem ich liebenswürdigerweise von Dir in Sandringham empfangen wurde, stattfand, unumwunden und offiziell im Namen von Sir Edward Grey genau das gleiche erklärt. Wilhelm fügte hinzu, er müsse, wenn es auch einen ziemlichen Schock verursacht habe, daraus die Konsequenzen ziehen.
Wir alle sind der Ansicht, daß England mit dieser Haltung seinen alten Grundsatz verfolgt, keiner Nation zu gestatten, auf dem Kontinent die Vorherrschaft an sich zu reißen. Ich hoffe, Du bist Dir dessen bewußt, daß die Verantwortung, die England damit für den Frieden der Welt übernimmt, sehr groß ist. …
Denke nicht, Georgie, daß wir uns fürchten, aber wir wünschen niemandem Schlechtes! Bitte erwäge die Lage noch einmal, bevor es zu spät ist! Wenn England und Deutschland einig wären, wer auf dieser Welt würde sich noch etwas herauszunehmen wagen? Haldanes Erklärung vom 6. läßt leider keinen Zweifel und Du wirst Dich nicht wundern, wenn wir in Zukunft alles tun, was wir können, um uns gegen jeden Schlag vorzubereiten, der gegen uns geführt werden könnte, um unsere Existenz zu ruinieren“.

Diese Linie dynastischer Politik ergänzte gekonnt, und gar nicht unintelligent, wie dies der Unterstaatssekretär im britischen Foreign Office, Nicolson, sieht, das diplomatisch-politische Bemühen Bethmann Hollwegs um eine Annäherung zwischen England und Deutschland. Welches das taktisch-strategische Ziel solcher Anstrengungen war, ließ dieser Brief des Prinzen Heinrich in einer Mischung aus Lockung, Schmeichelei und Drohung ahnen.

Der Münchener Historiker Karl Alexander von Müller hat 1938 die Dichotomie des Greyschen Urteils folgendermaßen zusammengefasst:

„War sein letztes Ziel der Frieden Europas oder war es die Niederhaltung Deutschlands um jeden Preis, oder bewegte er sich unentschieden zwischen beiden hin und her?“

Jedenfalls bescheinigte Grey in seinen Memoiren den Deutschen, „in diesem Augenblick jedoch keinen Krieg“ gewünscht zu haben, „obgleich sie nicht die sichere Straße zum Frieden“ hätten gehen wollen (Hervorh.v.m.,B.S.). Jetzt erst, nach der Kriegserklärung Österreichs an Serbien, am 28. Juli, forderte Deutschland Mäßigung. Doch es war, nach des Historikers Trevelyans Meinung, zu spät. Rußland glaubte nun, um Serbien zu retten, mobil machen zu müssen. Da die russische Bereitstellung weit langsamer, als jene der Mittelmächte sei. Petersburg machte am 30. August mobil. Der deutsche Generalstabschef, Generaloberst Helmut von Moltke, noch bevor er darüber genaue Nachricht in Händen hatte, übte Druck auf Österreich aus, sofort mobil zu machen. Deutschland werde sofort folgen (Hervorh.v.m., B.S.). Grey deutete in einem Schreiben an den amerikanischen Außenminister Spring Rice an, wo das „Movens“ dieser Krise angesiedelt sei, nämlich in Berlin:

„Erst fünf Tage später waren Rußland und Österreich im Kriegszustand, und hätte man sie allein gelassen, hätte es keinen Krieg gegeben“.

Und 1915 schärfte sich der Blick des englischen Außenministers weiter:

„Je öfter ich daran denke, desto schrecklicher scheint mir, daß Deutschland sich weigerte, einer Konferenz im Juli des letzten Jahres zuzustimmen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Diese Sicht behielt Grey auch nach seiner Amtszeit bei. Den inneren Zusammenhang der Vorgänge konnte er nicht durchschauen, solange er die unbedingten Friedensziele der Deutschen axiomatisch setzte. Der Leiter des Britischen Foreign Office fasste die Ereignisse treffend zusammen. Die Frage nach den Motiven der deutschen Seite blieb:

„Ich dachte, die Deutschen seien aus dem Grunde gegen eine Konferenz, weil Rußland sie zur Mobilmachung benutzen würde, und wenn Deutschland das zu seinem Einspruch angeführt hätte, hätte ich gegen die Mobilmachung oder die Kriegsvorbereitungen Rußlands bis zu einer Konferenz Einspruch erheben können“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Schließlich machte Grey die „preußische Natur“ für den Kriegsausbruch verantwortlich. Ohne Zweifel traf es zu, dass in Berlin genügend Warnungen vor einem englischen Kriegseintritt bekannt wurden. Trevelyan fasst zusammen:

„Seit 1906 hatte Grey ihr von Zeit zu Zeit mitgeteilt, im Falle eines Angriffs auf Frankreich nicht auf unsere Neutralität zu rechnen. Im Dezember 1912 hatte der König selbst eine ähnliche Botschaft durch den Prinzen Heinrich von Preußen an den Kaiser gerichtet, die durch Haldanes gleichzeitige Worte mit der gleichen Wirkung unterstrichen wurden. Schließlich erhielt Bethmann-Hollweg selbst am 29. Juli 1914 die Warnung ohne Umschweife durch Greys entrüstete Ablehnung auf sein Angebot für eine englische Neutralität. Der deutsche Kaiser bot für den Fall, daß England nicht am Kriege teilnähme, an, nur französische Kolonien und keine weiteren Provinzen nach dem deutschen Siege zu annektieren“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der britische Außenminister glaubte,

„daß die Eroberung Frankreichs, gegen das Deutschlands erste und größte militärische Absicht gerichtet war, eine deutsche Herrschaft in Europa bedeuten würde, gleich unwiderstehlich wie das römische Imperium, mit England in der Rolle des verurteilten Karthago. Und die Möglichkeit einer sofortigen französischen Niederlage war sehr groß, wenn wir abseits blieben – sie war, wie wir jetzt wissen, eine Sicherheit. Und Grey war sicher, daß in der Folge wir selbst vernichtet würden, wenn wir nicht sofort und als einiges Volk in den Krieg eintraten“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Schließlich jedoch war aus britischer Sicht entscheidend, dass Großbritannien einig in den Krieg ging. Das formulierte der Außenminister so:

„Ich hatte die Hoffnung, daß es mein Schicksal sei, das Land vor dem Krieg zu bewahren. Aber vielleicht war meine wirkliche Aufgabe, es geeint in den Krieg zu führen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Es bleibt offen, ob anonyme Wirkkräfte oder zielgerichteter Wille des Staatssekretärs überwogen. In Großbritannien übte die große Gruppe der Neutralisten gewichtigen Einfluss im Entscheidung-Prozess aus. Diese sahen nicht, „wie völlig und schnell Frankreich und Belgien“ ohne die Hilfe Englands geschlagen gewesen wären. So gesehen, entbehrte Greys Haltung nicht der realen Basis, wenngleich von verschiedenen Seiten Bedenken gegen sein Vorgehen geltend gemacht wurden.

Bethmann Hollweg und die Präventivkriegs-Forderung.

Dass Bethmann Hollweg über die negative Entwicklung der Lage, welche Flottenstrategisch zum Gegenstand der Erörterungen gemacht wurde, informiert war, zeigte dessen exploratorisches Gespräch mit Admiral von Müller während des Jagdaufenthaltes in Letzlingen, am 8. November 1912. Der Reichskanzler habe gefragt, „ob Deutschland seine Bundespflicht Österreich gegenüber aufrecht erhalten“ solle, „auch wenn Österreich durch seine Forderungen (Serbien dürfe nicht Albanien annektieren u[nd]. keinen Hafen an der Adria bekommen) einen Krieg heraufbeschwöre“. Das klang durchaus danach, als ob Bethmann Hollweg sich Anfang November 1912 bereits in Erwägungen befunden habe, die einen europäischen Krieg berücksichtigten.

Müller berichtete dementsprechend am 9. November, „der Kanzler“ habe bei den Beratungen in Letzlingen „von vornherein … eine forsche Haltung eingenommen“. Er habe dann

„im Laufe des Tages mit S[einer]. M[ajestät]. in diesem Sinne gesprochen u[nd]., wie er glaubt, S[eine]. M[ajestät]. überzeugt, daß das Fallen Lassen Oesterreichs unmöglich sei“.

Die Kriegsbereitschaft der deutschen Flotte wurde jedoch nicht bestätigt. Eine Frage, die naturgemäß jegliche Option angesichts eines großen europäischen Krieges impliziert haben würde. Auch die Reise nach Springe am Deister erhielt „ein stark politisches Gepräge“, denn offenkundig wurde auch hier auf höchster Ebene beraten. Naturgemäß herrschte eine „recht ernste Stimmung“ unter „den anwesenden deutschen und österreichischen Gästen“. Angesichts der am folgenden Tag, dem 23. November, bekannt werdenden „kriegerische[n] Haltung Rußlands“ hielt die „trübe Stimmung“ an. Sasonow habe

„auf Vorstellung von Pourtalès [,der] Entfesselung eines großen Krieges wegen der serbischen Adriaaspirationen[,] mit der Schulter gezuckt u[nd]. nichts geantwortet“.

Den österreichischen Gästen, um den Erzherzog Franz Ferdinand, ging es zunächst um die Zusage deutscher Unterstützung bei einer möglichen militärischen Substitution der „wirtschaftlichen Herrschaft“ Österreich-Ungarns „über Serbien“. Dies vermittelte der Direktor der Deutschen Bank, und Orientexperte, Arthur von Gwinner, dem Chef des Marinekabinetts Admiral von Müller, dem Reeder Albert Ballin und dem Admiralstabschef Josias von Heeringen. Und der Reichskanzler gab dem Generalstabschef, wie im Tagebuch Hopman – und an anderer Stelle – vermerkt, die Zusage, eine große Heeresvermehrung betreiben zu wollen.

Der englische Gesandte teilte Nicolson in London mit, falls Russland gegen Österreich-Ungarn vorginge, Deutschland diesem beispringen werde, „then of course France must also chip in“ und England würde „confronted with a perfect beast of a problem“. Goschen analysierte weiter:

„To my mind it means a catastrophe which ever way we solve it. Because it would be a catastrophe in itself to be dragged into a terrible war for a question originally paltry in itself and one in which we have no interest whatever. But – where should we be if we were to hold aloof? I shudder to think of it. What friends should we have left? And what figure should we cut?“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Panslawismus war ihm gleicherweise unheimlich. Die Schwäche der Nikolaus und Sazonow ebenfalls.

Dass die seit 1903 betriebene deutsche Politik des Ausgleichs und der Vertrauensbildung zu einem Erfolg geführt habe, konstatierte Müller nach einem Essen beim Staatssekretär des Auswärtigen, Kiderlen Wächter. Er habe hier eine „sehr ruhige Auffassung der Lage“ vorgefunden. Der Außenminister habe sogar betont, „diese sei entschieden günstiger als 1909 …, da heute sowohl Italien, wie auch England“ auf deutscher Seite stünden. Just in diesem Moment herrschte in Königsberg Unruhe wegen des ummittelbar drohenden russischen Aufmarsches. Auch der Kanzler verbreitete am Tag darauf zielbewusst eine betont ruhige Auffassung der Lage. Dass diese Entspannung der Situation, schließlich wiederum aus London kompliziert wurde, gehörte zu den Stereotypen deutscher Politik in den letzten Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Müller berichtete unter dem 3. Dezember, bei einem Vortrag im Schloss habe der Kaiser „sehr unter dem Eindruck der etwas unentschiedenen englischen Annäherung an Deutschland“ gestanden. Bereits zu diesem Zeitpunkt befand sich Wilhelm II. in einer gereizten Stimmung gegenüber Großbritannien. Nunmehr sollte nicht mehr „auf Worte“ vertraut werden, lautete die Devise, „sondern Taten“ sollten abgewartet werden.

Damit gab der Monarch bereits am 3. Dezember die Grundlagen Bethmannscher Englandpolitik auf. Gesehen werden muss, dass zu diesem Zeitpunkt die heißgelaufene allgemeine politische Situation – trotz aller Abwiegelungs-Versuche der deutschen Politik nach innen – unklar ließ, ob die Russen nicht doch zu den Waffen greifen würden. „Russische Kriegsgelüste“, und die Bedeutung der „Großfürstenpartei“ in der Petersburger Politik, beunruhigten dementsprechend die Abendgespräche in den Berliner Führungszirkeln. Dieses Gemenge aus allgemeinen See-, Landstrategischen und politischen Optionen, vor dem Hintergrund der konkreten Kriegskrise auf dem Balkan, in die sämtliche europäischen Staaten, über den Zusammenbruch der Türkei, verwickelt waren, führte am Sonntag-Vormittag des 8. Dezember 1912 zu einer weiteren Krisenkonferenz im Berliner Schloss, die sich vor allem mit den militärischen Schlussfolgerungen und Maßnahmen beschäftigte, die zu ergreifen seien, nachdem der englische Kriegsminister Haldane dem deutschen Botschafter in London eröffnet hatte, Deutschland dürfe mit einer englischen Neutralität, im Falle eines Krieges mit Frankreich, nicht rechnen.

Haldane habe begründet, so notierte Müller, gemäß den Ausführungen des Kaisers gegen 11 Uhr im Berliner Schloß, die Haltung des Inselreiches läge nun rückhaltlos offen. „England“ könne „nicht dulden, daß die „balance of power“ in Europa gestört werde“. Damit war die Rechnung mit der englischen Neutralität kompliziert, die Bethmann Hollweg seit Antritt seines Amtes im Juli 1909 zielstrebig verfolgt hatte. Wie der Kaiser es offen sagte – und seit Anfang Dezember erkannte – war des Kanzlers Außenpolitik insgesamt kompromittiert. Denn dieser steuerte ebenso zielstrebig, auf diese „erwünschte Klärung der Situation“, auf einen Krieg mit Rußland zu, der, wenn dieses „den Serben stütze“, auch für das Reich „unvermeidlich“ sein werde. Ganz im Einklang mit den Grundzügen des deutschen Operationsplanes gegen Frankreich, schloss Wilhelm II. an, sei es die Aufgabe der Diplomatie, nun nach Osten Bündnispartner zu sammeln – darunter „in zentraler Stellung Österreich-Ungarn“ – sodass die deutsche Armee „frei“ sei, „um den Krieg mit ganzer Wucht gegen Frankreich zu führen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Gleichzeitig wurde das Lieblingsthema Wilhelms II. behandelt, nämlich der Krieg mit der Seemacht Großbritannien, welche die Flotte – ebenfalls in Einklang mit den Operationsplänen und Vorbereitungen der letzten Jahre – zu führen habe:

„Die Flotte müsse sich natürlich auf den Krieg gegen England einrichten. Der vom Ch[ef]. d[es].Admiralst[abs]. im letzten Vortrage erwähnte Fall eines Krieges gegen Rußland allein, werde nach der Haldaneschen Erklärung außer Betracht bleiben. Also gleich Unterseebootskrieg gegen englische Truppentransporte in der Schelde bzw. bei Dünkirchen, Minenkrieg in [der] Themse. An Tirpitz: Schleunige Mehrbauten von U-Booten etc. Empfehlung einer Konferenz aller interessierten Marinestellen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Ganz im Duktus der Krisenkonferenz vom Juni 1909.

Diese Konferenz vom 8. Dezember erhält ihre besondere Bedeutung, ähnlich wie jene am 3. Juni 1909 (Krisenkonferenz zur Kriegsgefahr mit England), durch die Gegenwart beider Wehrmachtsteile, nämlich des Admiralstabschefs Heeringen und des Chefs des Generalstabes Moltke. Überdies war die Flotte, vertreten durch den Verantwortlichen für die Rüstung, Tirpitz, sowie den Chef des Marinekabinetts. Moltke fasste das Ergebnis der Konferenz, mit seinem Votum für einen Krieg gegen Rußland, zusammen; was letztlich nichts anderes war, als die Unterstützung der Englandpolitik des Reichskanzlers und die Ablehnung der anti-West, also gegen England, gerichteten Zielsetzungen Tirpitz‘. Die Konkurrenz zwischen Armee und Flotte trat nunmehr offen zutage, denn der Leiter des Reichsmarine Amts sah sich inzwischen gehalten, offen für ein Hinausschieben des großen Kampfes um 11/2 Jahre“ zu plädieren.- Das heißt – bis Juli 1914. Erst nach 1919 nahm Müller seinen Aufzeichnungen die Spitze, als klar war, dass im Zuge einer Diskussion um die Schuld am Weltkriege, derartige Äußerungen eine besondere Bedeutung erhalten würden. Dass sich die politische Führung des Reiches keinesfalls in bedeutender Distanz zu dieser, im Kreis der militärischen Spezialisten abgehaltenen, Konferenz befand, belegt die Notiz Müllers vom Nachmittag des 8. Dezember, die zeigt, dass der Reichskanzler unverzüglich über diese Vorgänge, und deren für ihn relevante Ergebnisse, in Kenntnis gesetzt wurde. Unmittelbar darauf begann die Umsetzung der hier, im Angesicht der Krise getätigten Beschlüsse. So schrieb am 11. Dezember der „Innenminister“ Delbrück an Bethmann Hollweg „wegen der Verhinderung von Ausfuhren kriegswichtiger Güter nach Rußland“. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Kanzler in Berlin. Am folgenden Tag hegte Bethmann Hollweg keine Bedenken, gegen eine Beurlaubung von Soldaten und Offizieren über Weihnachten. Auch bezeichnete er nun gegenüber dem Kriegsminister die Bewachung von Eisenbahnbauten als nicht mehr erforderlich. Parallel finden sich in den Akten der Reichskanzlei Publikationen zur Notwendigkeit eines deutsch-englischen Krieges und zur wirtschaftlichen Kriegsbereitschaft.

Wilhelm II. nahm in einem Gespräch mit dem schweizerischen Botschafter, am 10. Dezember im Neuen Palais zu Potsdam, ausdrücklich Bezug auf den nunmehr unvermeidlichen Kampf mit den den Slawen. D.h. Russland. Er schrieb am 15. Dezember an Ballin, noch ganz im Bann der Informationen, die Erzherzog Franz Ferdinand, im Umfeld von Springe, vermittelt hatte:

„Die slawischen Untertanen in Österreich waren sehr erregt geworden, und konnten nur durch energisches Auftreten der Gesamtmonarchie gegen Serbien in Ruhe gehalten werden. Wenn wir zur Waffe zu greifen gezwungen wären, so war es für uns, um Österreich zu helfen, nicht nur Rußland abzuwehren, sondern sich überhaupt der Slawen zu erwehren und deutsch zu bleiben…Ein Rassenkampf, der uns nicht erspart bleiben wird, denn es handelt sich um die Zukunft der habsburgischen Monarchie und die Existenz unseres Vaterlandes. Also eine Existenzfrage für die Germanen auf dem europäischen Kontinent!“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Der Kaiser, so der Britische Premier Asquith, sei „im Grunde ein Slawengegner geworden und bis zum Ende geblieben“. Bei dieser Gelegenheit bestätigte Wilhelm II., er habe „militärisch stets mit England als Feind gerechnet“ (Hervorh.v.m., B.S.).

1913: Das Jahr der Vorbereitung.

Italien.

Zu den militärischen Abmachungen mit Italien, für die Jahre 1913/14, ergaben sich im Laufe des Jahres gravierende Zweifel, hinsichtlich der Frage, ob „hinter der italienischen Absage einer Entsendung von Hilfskräften an den Oberrhein die verborgene Gefahr“ steckte, „daß Italien im entscheidenden Augenblick überhaupt neutral bleiben würde“. Daraufhin, so sollte das Reichsarchiv 1919 feststellen, habe Moltke versucht,

„durch erneute Verhandlungen mit dem italienischen Generalstabe ein Faustpfand in die Hand zu bekommen, durch das Italien im Fall eines europäischen Krieges zur Erfüllung seiner Bündnispflichten angehalten werden sollte. Dem von ihm nach Rom entsandten Oberquartiermeister Generalmajor Graf Waldersee gelang es auch, im Herbst 1913 zunächst die grundsätzliche Zustimmung des Dreibundfreundlichen italienischen Generalstabschefs Generals Pollio zur Wiederherstellung der alten Abmachung über die Entsendung einer italienischen Armee an den Oberrhein zu erlangen. Im Frühjahre 1914 wurde dann in Berlin durch den italienischen General Zuccari die bestimmte Zusage gemacht, daß eine Armee von drei Armeekorps und zwei Kavallerie-Divisionen zur unmittelbaren Unterstützung Deutschlands über die Alpen gesandt werden würde, und ihr Transport mittels österreichischer Bahnen im einzelnen geregelt. War somit auf der einen Seite im Frieden alles getan, was das Verharren Italiens im Dreibunde im Kriegsfall zu gewährleisten schien, so hütete sich General von Moltke doch wohlweislich, die unmittelbare militärische Hilfeleistung dieses Verbündeten auf dem Kriegsschauplatz nördlich der Alpen als einen feststehenden und unbedingt notwendigen Faktor in die Rechnung seines Operationsplanes einzustellen. Er widerstand daher auch dem Wunsche des österreichischen Generalstabschefs, für den in Aussicht gestellten Kräftezuschuß an italienischen Truppen eine Verstärkung der von Deutschland für den Osten bestimmten Streitkräfte von vornherein eintreten zu lassen. ´Zur Zeit muß man mit den gegebenen Verhältnissen rechnen´, schrieb er am 13. März 1914 dem General von Conrad, ´und wir müssen den Krieg so beginnen, als ob die Italiener überhaupt nicht zu erwarten wären. Wir können daher zunächst keine Änderungen in den einmal getroffenen Dispositionen eintreten lassen… Eurer Excellenz haben eine zu klare Einsicht in das Wesen des Krieges, um mir nicht zuzustimmen, wenn ich an dem Grundsatz festhalte, erst unsere Hauptkräfte einzusetzen, um den nächsten und gefährlichsten Gegner zu schlagen. Ist dies gelungen, können wir die dann frei werdende Kräfte gegen den zweiten einsetzen´“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Moltke habe, so das Reichsarchiv, ferner „auch noch in anderer Beziehung die Kräfte Italiens im Kriegsfalle dem gemeinsamen Interesse dienstbar zu machen“ versucht. „In Übereinstimmung mit den Chefs des italienischen und österreichischen [handschr. Einschub] Generalstabes“ habe der deutsche Generalstabschef „auf Abmachungen für ein einheitliches Zusammenwirken der maritimen Streitkräfte Italiens, Österreichs und so weit möglich auch Deutschlands, im Mittelmeer“ gedrungen. „Ein hierauf bezügliches Flottenabkommen wurde im Sommer 1913 geschlossen“, betonte das Reichsarchiv nach 1918. Die hochbedeutsame Denkschrift Waldersees aus dem Mai 1914 habe dennoch herausgearbeitet, als „wie wenig zuverlässig aber auch weiterhin die Haltung Italiens im deutschen Generalstab beurteilt wurde“. Es ging natürlich nach dem verlorenen Krieg darum, der Äußerung die aggressive Spitze zu nehmen.

England.

Dass inzwischen auch in der Wilhelmstraße, das heißt in Auswärtigem Amt und Reichskanzlei, eine neue Epoche längst begonnen hatte, bestätigte Wilhelm II. am 1. Februar 1913 in einem privaten Gespräch mit von Müller. Es ging bei dieser Gelegenheit zunächst um das englisch-russische Verhältnis in Kleinasien, und die Warnung Englands an die Adresse Rußlands, hier nicht weiter offensiv zu werden. Der Kaiser zitierte darauf den neuen Staatssekretär des Auswärtigen, und Nachfolger des verstorbenen von Kiderlen Waechter, Jagow, der geäußert haben sollte, „er würde der erste sein, der S[einer].Maj[estät]. den Krieg empföhle, wenn man versuchen wollte, Deutschlands Rechte in und auf Kleinasien anzutasten“. Dagegen habe sich der Staatssekretär gleichzeitig dagegen gewehrt, zu den „politischen Verhältni[ssen]“ vor der Budgetkommission des Reichstages zu sprechen. Über diese solle „z[ur]. Z[ei]t. am besten so wenig wie möglich gesagt werden“. Daß sich die Stimmung zunehmend verdüsterte, zeigte zusätzlich die vaterländische Rede des Kaisers anlässlich der Jubiläums-Feierlichkeiten der Berliner Universität. Wilhelm II. benutzte dort demonstrativ das „Wort des eisernen Kanzlers: „Wir Deutschen fürchten Gott u[nd]. sonst nichts auf der Welt“.

Auch in London zeigtigten die Vorgänge der letzten Wochen noch einmal Reflexe. So las König Georg dem Unterstaatssekretär im Foreign Office, am 18. Februar 1913, einen Brief des Prinzen Heinrich von Preußen vor, der noch einmal das Gespräch von Sandringham, vom 5.12.1912, reflektierte. Nicolson berichtete darüber Grey:

Prinz Heinrich schrieb, der Kaiser wäre von dem, was der König gesagt hatte, überrascht gewesen aber noch mehr durch die Tatsache, daß Haldane am gleichen Tage praktisch genau die gleiche Sprache gegenüber dem Fürsten Lichnowsky gebraucht hatte. Der Kaiser bemerkte, daß er nun wisse, wie er sich zu verhalten habe: er hätte immer zugunsten des Friedens gehandelt, aber im Hinblick auf die mögliche und wahrscheinliche Haltung Großbritanniens in zukünftigen Konflikten könnte er nicht getadelt werden, wenn er alle Vorbereitungen träfe, um jeder Möglichkeit zu begegnen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Am 8. Dezember hatte König Georg den Außenminister über sein Gespräch mit Prinz Heinrich von Preußen informiert. Der Monarch schrieb:

„Im Verlaufe einer langen Unterhaltung fragte er mich unumwunden, ob England im Falle, daß Deutschland und Österreich mit Rußland und Frankreich in einen Krieg verwickelt würden, den beiden letzteren Mächten seinen Beistand gewähren würde. Ich antwortete: ‚Zweifellos ja – unter gewissen Umständen.‘ Er gab seinem Erstaunen und seinem Bedauern Ausdruck, fragte jedoch nicht, was unter ‚gewissen Umständen‘ zu verstehen sei. Er sagte, er würde dem Kaiser berichten, was ich ihm erzählt hätte. Ich halte es für richtig, Deutschland wissen zu lassen, daß wir nicht zusehen können, wie einer unserer Freunde zerschlagen wird. Ich glaube, ich mußte Sie wissen lassen, was zwischen mir und des Kaisers Bruder in dieser Beziehung gesprochen wurde.“

Eine Äußerung, die – möglicherweise – erst in diesen Tagen London erreichte, zugleich jedoch recht genau die Situation in Berlin um den 8. Dezember 1912 umreißt.

Präventivschlag gegen Frankreich im Frühjahr?

Bis Ende März 1913 sollte sich die „politische[r] Lage“ nicht wesentlich entspannen, denn die Balkankrise glimmte weiter und so nahm der Reichskanzler gern, anlässlich eines Spazierrittes im Tiergarten, die Gelegenheit wahr, mit dem Flottenpolitischen Berater des Kaisers, Admiral von Müller, über die sich entwickelnde „Wehrvorlage u[nd]. [die] Orientkrise“ zu sprechen. Parallel bemühte sich Bethmann Hollweg um gute Beziehungen zu Großbritannien. Die Akten des Foreign Office belegen, wie der Kanzler, zum Beispiel im Verlauf des Jahres 1912, versuchte, über den Vorschlag einer Union von Sansibar und Pemba mit England über Kolonialfragen ins Gespräch zu kommen. Gleichzeitig suchte der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Stumm, bei Bertie Konzessionen des Inselstaats zu erhandeln und Kühlmann dachte, territoriale Absprachen sollten einem deutsch-englischen Flottenabkommen vorausgehen. Ganz und gar nicht entspannt stellte sich aus britischer Sicht die europäische Lage dar, denn Nachrichten legten die Annahme nah, Deutschland plane, Frankreich im Frühjahr 1913 zu überfallen.

Interessant erscheint, dass Georg V. den österreichischen Botschafter, den Grafen Mensdorff, warnte eigenmächtig zu handeln, weil dies zur Explosion panslawistischer Gefühle in Rußland führen könne, und damit zu einem Kriege. Noch im folgenden Jahre muss diese Warnung den Österreichern in den Ohren geklungen haben. Erneut herrschte bei Wilhelm II. „helle Aufregung über Skutari u[nd]. [den] Fürsten von Montenegro“. Die Entscheidung, die Hochseeflotte im Jahre 1913 nicht in spanische Gewässer auslaufen zu lassen, die der Reichskanzler erwirkte, offenbarte eine deutliche Sprache. Schließlich jedoch war Ende April, mit dem Fall der Hafenstadt Skutari, klar, dass – trotz vielfältiger Aufregung in Wien, Bulgarien, Serbien und Griechenland – nicht mehr mit einem „europäischen Kriege“ zu rechnen sei. Als sich jedoch König Nikita weigerte, auf Skutari zu verzichten, erklärte Österreich, es wolle, „falls die anderen Mächte nicht mitmachen, [es] allein gegen Montenegro vorgehen“. Daraufhin blieb Bethmann Hollweg jedoch dabei, er hielte „die Situation für nicht kritisch“. Im Reichsmarine-Amt wurde daraufhin angenommen, die Mächte würden „einen modus vivendi“ finden. Zum Kriege“ habe „keine Großmacht jetzt Lust“. Inzwischen schwenkte auch Frankreich auf die Linie einer friedlichen „Lösung durch Nachgeben Montenegros“ ein. Die Botschafterkonferenz in London tendierte ebenfalls in diese Richtung. Rußland hatte sich Frankreich angeschlossen. Serbien und Bulgarien rückten von Nikita ab. Am 5. Mai, mit der Nachricht, „daß Montenegro nachgiebt und Skutari bedingungslos den Großmächten überliefert“, ging ein Aufatmen auch durch das politische Berlin, und die Börse verzeichnete eine „starke Aufwärtsbewegung“. Am 8. Mai beschloss die Botschafter-Reunion in London, „1000 Mann internationaler Truppen, darunter 100 deutsche“, in Skutari zu stationieren. Die Krise, die zuletzt durch die Mitwirkung Großbritanniens überwunden wurde, hatte zu einer deutsch-englischen Annäherung geführt, die nicht zuletzt nach außen mit der Heirat der Tochter des Kaisers, Prinzessin Victoria Luise, mit dem Welfenprinzen Ernst August von Cumberland und Braunschweig-Lüneburg, bestätigt wurde.

Nicolson schrieb im Nachhinein von „der langen Feindschaft“, der mit dieser Heirat ein Ende gesetzt worden sei. Gleichzeitig wird deutlich, dass es Grey peinlich vermied, der Versuchung zu erliegen, einer Vermischung von dynastischen und diplomatischen Beziehungen statt zu geben. Den Kern dieser Veranstaltung bildete das politische Interesse des Reiches, zu einem Ausgleich mit England zu kommen. Diesen Zusammenhang enthüllten ergänzend die Äußerungen des Kaisers, der später behauptete, vom russischen Zaren und dem englischen König „die Zusicherung erhalten zu haben, daß ihre Regierungen die Integrität des ottomanischen Restreiches respektieren würden“.

Lord Stamfordham hielt Wilhelm II. eine längere Vorlesung, darüber, wie töricht die britische Regierung sei,

„sich mit den lateinischen Staaten gegen die Teutonen zu verbünden, und anzunehmen, daß er der Enkelsohn der Königin Victoria, jemals zulassen könne, daß England zur See bedroht würde; daß England die gelbe Gefahr nicht sehen wolle, die doch die einzige wirkliche Bedrohung der westlichen Zivilisation darstelle“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kaiser führte, ganz im Sinne der Entschlüsse gegen Ende des Jahres 1912, aus:

„Sehen Sie sich diese Marokkoaffaire an!-… Ich weiß, daß Sir John French in Frankreich war, oder doch Ihre Generalstabsoffiziere, und das Sie den Franzosen versprochen haben, 100 000 Mann hinüberzusenden; das ist es, was uns gekränkt hat. Ich bin ein Mann des Friedens, aber jetzt muß ich mein Land rüsten, so daß ich alle, die über mich herfallen wollen, zerschlagen kann; und ich werde sie auch zerschlagen. Wenn Österreich von Rußland angegriffen wird, bin ich verpflichtet, ihm zu helfen; man kann den alten Kaiser nach allem, was er in der Vergangenheit an Kummer und Sorge erleben mußte, nicht im Stiche lassen. Zwischen Rußland und Deutschland gibt es keine Animosität. Sie sprechen sehr viel vom Gleichgewicht der Mächte und daß sie der Entente nur deswegen beigetreten seien, um [sie] es zu erhalten; aber es ist Deutschland, das das Gleichgewicht erhält“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Nach der Abreise des Königs von England aus Berlin, schloss sich ein „allgemeines Friedensgeläute in [der] deutsche[n]r und englische[n]r Presse“ an. Prompt kam der französische Präsident Poincaré nach Berlin, um die Zweifel auszuräumen, die durch die Verhandlungen Großbritanniens mit dem Reich zur Bagdadbahn entstanden waren.

Postwendend fuhr im Anschluss der französische Präsident Poincaré nach London, um Zweifel auszuräumen, die infolge der Verhandlungen Greys mit Berlin zur Bagdadbahn entstanden sein mochten. Im Umfeld, eben dieses politisch-gesellschaftlichen Ereignisses, stieg die Möglichkeit einer Veröffentlichung von Briefen Wilhelms II. „aus den Jahren [18]88 u[nd]. [18]89“ auf, die Lord Charles Beresford in seinen Memoiren vorgeblich plante. Damals, habe der Kaiser England ermuntert, „seine Flotte zu verstärken…als notwendiges Friedensinstrument in Europa“. Auch habe der Kaiser dies geradezu als „Maßstab“ empfohlen,

to be able to meet any coalition of other powers“.

Wieso Wilhelm II. im Dezember 1912, von eben dieser Haltung Englands überrascht sein konnte, bleibt damit unerfindlich. Jedenfalls riet Müller davon ab, die Publikation zuzulassen. Auch war es nicht gelungen, im Rahmen der deutsch-englischen Heirat, den Verzicht der Welfen auf das 1866 durch Preußen annektierte Königreich Hannover zu erreichen. Dass die Verwandtschaftsverhältnisse sich nicht einfach gestalteten, hatten bereits Beobachtungen um den vorbereitenden Besuch „der Cumberländischen“ in Berlin gezeigt. Müller berichtete, es habe eine „ziemlich gezwungene Stimmung“ geherrscht, da eben der „Verzicht auf Hannover“ abgelehnt worden sei.

1913: Bethmann Hollweg für Krieg.

Bethmann Hollweg ergriff in einem Brief an den polnischen Großmagnaten Graf Hutten-Czapski die Gelegenheit, einem konservativen Parteiführer seine Sicht zum neuen Heeresgesetz darzulegen. Der Kanzler konzedierte einerseits, auch ihm gefielen „die [Wehr-]Steuern“ genauso wenig wie des Grafen politischen Freunden. Bethmann Hollweg meinte jedoch, mit einem Seitenhieb auf seinen Vorgänger Bülow, und erläuternd zu seiner gegenwärtigen Verhandlungstaktik gegenüber Bundesstaaten, Parlament und Parteien:

„ Mit einer Krisis, die einer Niederlage gleichgekommen wäre, durfte die Sache aus inneren und äußeren Gründen unter keinen Umständen enden. Das zwang zu Nachgiebigkeiten, die unerfreulich sind“.

Zu den Widerständen des Grundbesitzenden Adels gab der Reichskanzler zu bedenken:

„Man verlangt von der Regierung, daß sie durch dick und dünn geht, aber die Regierung durch dick und dünn unterstützen will Keiner. Trotz alledem bleibt die Heeresvorlage eine Tat, der wir uns nicht zu schämen brauchen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Mehr als nur eine bloße Andeutung sollte allerdings die hingeworfene Bemerkung zum außenpolitischen Fortgang seiner Bemühungen um England sein:

„Mit England geht es langsam, aber man soll die Geduld nicht verlieren“.

Dass der Reichskanzler im Dezember 1912 eingehend mit dem Kaiser über die Eventualität eines Krieges diskutiert hatte, offenbarte Wilhelm II. am 15. Dezember 1913 – also ein Jahr später – seinem Chef des Marinekabinetts. Wilhelm II. führte aus, er habe bemerkt,

„wie interessant es sei, daß der Reichskanzler sich jetzt doch an den Gedanken eines Krieges gewöhnt habe, er der noch vor einem Jahr ausgesprochen, er werde nie im Stande sein, zu einem Krieg zu raten“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kaiser hatte demnach, um den 8. Dezember 1912, wie mit seinem Bruder, dem Prinzen Heinrich, auch mit Bethmann Hollweg, die zu diesem Zeitpunkt wiederholt diskutierte Frage eines Krieges, erörtert und dabei einen ablehnenden Bescheid erhalten. Selbst die Frau des Reichskanzlers war zu diesem Zeitpunkt, im Gespräch mit Müller, auf diese Frage eingegangen, hatte jedoch erklärt, „ihr Mann würde unter keinen Umständen für einen Krieg zu haben sein“ (Hervorh.v.m., B.S.). Diese Haltung war offenbar bis Ende 1913 einem gravierenden Wandel unterworfen. Nach dem Tode seiner Frau, im Mai 1914, und bedeutendem Vermögensverlust durch die Spielleidenschaft seines älteren Sohnes, zeigte sich der Reichskanzler dieser Eventualität gegenüber weit offener als zuvor. Jedenfalls war der noch allseits präsumierte „Gegensatz zwischen militärischer und politischer Leitung“, zu diesem Zeitpunkt, keineswegs gegeben. Selbst „mit einer längeren Dauer des Krieges“ war vorgeblich nicht zu rechnen. Zusätzlich ließ der Kaiser wieder einmal eine Änderung seiner Haltung erkennen. Anlässlich des 25 jährigen Regierungsjubiläums, 1913, betonte Wilhelm II., es sei ihm möglich gewesen, den „Frieden zu bewahren, [und er] hoffe auch weiter [den] Frieden erhalten zu können“, um darauf zu erklären,

„wenn es aber erforderlich sei[,] die Thore des Janustempels zu öffnen, dann werde er sie weit aufreißen …“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Die britische Regierung bot der Deutschen – allerdings ohne eigenen Verlust – die portugiesischen Kolonien an. Im August entwarfen Grey und Lichnowski den entsprechenden Vertrag. Der Abschluss wurde allerdings verschoben, da der britische Außenminister diesen zunächst dem Parlament vorlegen wollte. Es ging um Angola, den nördlichen Teil von Mozambique, die Inseln St. Thomé und Principe. Allerdings hätte die Geschichte um den Handel mit den portugiesischen Kolonien, den England seit 1898 betrieben hatte, die deutsche Seite skeptisch stimmen müssen. Mit in diesen Zusammenhang spielten die Abmachungen zwischen Berlin und Petersburg hinein, die 1910 in Potsdam geschlossen wurden. Rußland stimmte dem Weiterbau der Bagdadbahn Richtung Kuwait, und deren Anschluss an die persische Grenze zu. Ein Anschluss an die, von Nordpersien her, projektierte russische Transpersienbahn eröffnete die Möglichkeit eines Vordringens der Deutschen bis an die indische Westgrenze, was Grey äußerst besorgt beobachtete.

Des Kanzlers überlegene Armee- und Marinerüstung.

Die Dinge trieben immer deutlicher einer Explosion zu. Denn die politische Spannung hatte, seit dem Beginn der Kanzlerschaft Bethmann Hollweg im Jahre 1909, kaum nachgelassen; ja, unter der Stufenfolge der internationalen Krisen nur zugenommen. Angesichts dieser Entwicklung plante der Admiralstab Mitte Dezember 1913 die beiden Schlachtkreuzer „Goeben u[nd]. Breslau“ aus dem Mittelmeer zurück zu ziehen. Und auch der Chef des Generalstabes eröffnete am 24. Dezember, auf der Rückfahrt von Potsdam nach Berlin, Müller seine Bedenken angesichts der ungenügenden deutschen „Kriegsbereitschaft“ und der „Ziellosigkeit“ der deutschen „u[nd]. namentlich der österreichischen Politik“ (Hervorh.v.m., B.S.). Das zeigt, wie ernst die Lage eingeschätzt wurde, und wie offen in den Führungszirkeln die, bis heute nicht umfassend gewürdigten, Interdependenzen zwischen den Ressorts zutage traten. Moltke sprach offen über zwei, der bei einer künftigen Kriegsauslösung entscheidenden, Momente, nämlich

„über [die] Unmöglichkeit der Respektierung der Neutralität Belgiens u[nd]. über die unklare Persönlichkeit des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der deutsche Schlag gegen Belgien/Frankreich und die österreichische Funktion in der deutschen Rechnung, die deutsche Grenze zu Rußland durch eine Offensive nach Polen hinein zu decken, bildeten offensichtlich das Hauptthema während dieser Autofahrt von der Weihnachtsfeier im Neuen Palais zu Potsdam zurück nach Berlin. Dass gerade Moltke auf die für das Reich, im Sinne der Planung, ungünstige Haltung des Erzherzogs Franz Ferdinand, hinwies, zeigt, dass die seit Ende 1912 erkennbare Ablehnung des großen Krieges mit Rußland durch den Erzherzog, die gesamte deutsche politisch-strategische Planung zu zerstören geeignet schien. Dass Franz Ferdinand aus deutscher Sicht nicht mehr die Bedeutung besaß, wie noch im November 1912, unterstreicht eine Beobachtung während des Jagdaufenthaltes in der Göhrde bei Lüchow, wo Wilhelm II. „unter gänzlicher Nichtbeachtung seines Vornehmsten Gastes Skat“ spielte. Dass sich die Entscheidung für den Krieg weiter verfestigt hatte, belegte die „übliche“ Ansprache des Kaisers an die Kommandierenden Generale der Armee. Müller hatte bereits am 1. Januar 1913 festgehalten, Wilhelm II. sei „reichlich feindlich“ aufgetreten. Daraufhin teilte der Kommandierende General des VIII. Armeekorps, Tülff von Tschepe und Weidenbach, nach seiner Rückkehr aus Berlin, den Offizieren seines Stabes in Koblenz mit:

„Meine Herren, in diesem Jahr geht es los“!

Der Kaiser hatte, entsprechend der Wende deutscher Außen- und Rüstungspolitik im Schwerpunkt zurück nach Europa, seit dem Beginn des Jahres 1912, seine Liebe für die Armee wieder entdeckt. So häuften sich zum Beispiel im Jahre 1913 Vorträge des Monarchen zu Heeresgeschichtlichen Themen, wie zum Beispiel der Schlacht bei Gravelotte-St.Privat und den Armee-Manövern des Jahres 1913. Am 30. Juli, während der Nordlandreise Wilhelm II., zeigte sich darauf offen die Abkehr des Kaisers von der letztlich erfolglosen Flotte. Der Monarch äußerte, er „habe diese Erörterungen [es ging um die geplante[n] Weiterreise der Flotte] satt“. Er solle „immer Hinz u[nd]. Kunz fragen und nur unterschreiben, was die…Marine für gut“ befände.

„Das habe ich nun satt – zum Teufel[,] ich bin der Allerhöchste Kriegsherr, ich entscheide nicht, sondern ich befehle“[!]

Zusätzlich vollzog der Kaiser nunmehr seine Abkehr von Russland. Jedenfalls hatte Wilhelm II. bereits Anfang des Jahres die Meinung vertreten, „nicht Österreich[,] sondern Rußland sei der Störenfried“. Am 13. Dezember ließ der Monarch seinem Widerwillen über den Zaren freien Lauf. Ihm war „auf dem Wege über Kokowzov-Pourtal[è]s“ zu Ohren gekommen, durch die deutsche Militärmission in Constantinopel habe „das Verhältnis zwischen Deutschland u[nd]. Rußland eine Trübung erfahren“. Der Kaiser sprach gegenüber Müller von einer „neueste[n] Unverschämtheit Rußlands“. Dass zwei Seelen in der Brust Wilhelms II. Platz hatten, zeigte wenig später dessen Äußerung im engsten Kreis, „er, der Kaiser, habe gleich zu Anfang seiner Regierung gesagt, ´Meine Regierungszeit wird eine Friedens-Zeit; meine Aufgabe wird nicht sein, Kriege zu führen, sondern das Reich zu konsolidieren Erg[änzung]: so etwa wie Friedrich Wilhelm d[er]. I[.], mein Nachfolger kann dann wieder Krieg führen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Rüstungspriorität bei der Armee.

Diese Entwicklung der Vorstellungen Wilhelms II. kam der Absicht des Reichskanzlers entgegen, nämlich Rußland für den in Aussicht genommenen großen Krieg als Gegner aufzubauen. Dafür war Bethmann Hollweg seit dem November 1912 gewillt, zusätzliche Finanzmittel aufzubringen, um die Armee für den Landkrieg mit Rußland und Frankreich vorzubereiten und bestätigte diese Planung gegenüber Müller am 5. Januar 1913. Auch um mitzuteilen, dass die inzwischen durch den Kaiser erneut angemahnte Marine-Novelle chancenlos sein werde. Dass der Chef des Marinekabinetts, als Vertreter der Flotte, nicht zustimmen konnte, war klar, und der Kanzler beabsichtigte, mit Hilfe dieser Unterredung eher, die Botschaft von der Rüstungspriorität der Armee zuverlässig Tirpitz zu signalisieren. Hatte doch Bethmann Hollweg, vor dem 10. Dezember 1912, bereits dem Feldmarschall Colmar von der Goltz bestätigt, für die Rüstungen der Armee werde „jede Forderung bewilligt“ (Hervorh.v.m., B.S.). Darüber hinaus signalisierte der Reichskanzler, bereits zu diesem Zeitpunkt, er werde sich einem Präventivkrieg nicht von vornherein verschließen. Nach vielfältiger Vorbereitung teilte der Kanzler schließlich am 5. Januar 1913 dem Kaiser mit, er beabsichtige eine große „Militärvorlage“ in Gang zu setzen. Wilhelm II. war augenscheinlich tatsächlich für die Armee gewonnen und reagierte nunmehr „sehr freudig“. Daraufhin ergänzte Bethmann Hollweg, „daß mit Rücksicht auf die vertrauensvoller werdenden Beziehungen zu England[,] jetzt eine Marinenovelle nicht kommen dürfe“ (Hervorh.v.m., B.S.). Dass dieses Mal der Geisteswandel des Kaisers gründlicher ausgefallen war, als gewöhnlich, sollte sich am 30. Juli zeigen. Damit war die Katze aus dem Sack. Als Tirpitz die Nachricht, die Müller überbrachte, erhielt, äußerte er sich nur „sehr großspurig und abfällig über den ‚Umfall‘ des Kaisers“.

Churchill skizzierte Anfang 1914 die Rüstungslage in einem Memorandum für Asquith. Er führte zu den Armeestärken aus, die „militärischen Kräfte“ der englischen Armee seien „zwischen 1911 und 1914 nicht wesentlich vergrößert“ worden und fuhr fort:

„Anders war es auf dem Kontinent. Durch die Reichskonstitution war der Friedensstand der deutschen Armee mit eins vom Hundert der Bevölkerung festgesetzt und so blieb es bis 1912. Durch das Armeegesetz des gleichen Jahres (durchgegangen nach der Marokkokrise) wurde das Verhältnis fallen gelassen und die Armee (bei eine Bevölkerung von 66 000 000) auf 723 000 erhöht. Im folgenden Jahre (1913), während der Balkanunruhen, ging ein neues Armeegesetz durch, das die Friedensstärke der deutschen Armee auf 870 000 festsetzte. Für Deckung der Kosten wurde eine ‚Ausnahmesteuer‘ von 1 000 000 Mark erhoben. (‚Wehrbeitrag‘)“

Regiert wird um den Kaiser herum.

Am 5. Januar war im Reichsmarine Amt ein Kabinett-Schreiben eingekommen, worin mitgeteilt wurde, der Kaiser habe

„beim Vortrage des Kab[inett].Chefs am 4. [Januar] diesem den Auftrag gegeben, dem Staatss[ekretär]. zu sagen, daß er eine Beschleunigung des Bautempos der großen Schiffe durch die politische Lage für geboten erachte. Das Dreiertempo solle wieder voll hergestellt und für den nächsten Etat zunächst ein Linienschiff und 2 große Kreuzer gefordert werden. Der Staatssekr[etär]. solle am 11. [Januar] Vortrag darüber halten und vorher mit dem Reichskanzler und Kriegsminister Rücksprache nehmen, die Abschrift des Schreiben erhalten hätten“.

Diese Willensäußerung des Kaisers demonstrierte nichts anderes als dessen politisch-geistige Isolierung vom politischen Prozess und den Ausschluss des Kaisers aus dem politischen Führungszirkel in Berlin. Tirpitz sah sich infolgedessen einer sehr schwierigen Lage gegenüber, da er die „Ersatzbauten für ‚Prinz Heinrich‚, ‚Fürst Bismarck‘ und ‚Friedr[ich]. Carl‚“ vorziehen müsse. „Darauf ginge der Reichskanzler unter keinen Umständen ein, und werde natürlich auch schließlich beim Kaiser durchdringen. Er sei also unter allen Umständen der Blamierte“. Sofort wurde geschäftiges Arbeiten im Reichsmarine Amt ausgelöst und die „entsprechende Novelle“ umredigiert. Es kam, wie nicht anders zu erwarten, das Signal: „Das ganze Halt!“, das Geheimrat Meißner vom Auswärtigen Amt überbrachte, der ein weiteres Kabinett-Schreiben vorlegte, das nach dem Vortrag des Reichskanzlers beim Kaiser, am 6. Januar, niedergelegt, nun Bethmann Hollwegs Argumente enthielt. „Mit Rücksicht auf die von ihm für erforderlich gehaltenen, sehr großen Forderungen der Armee“, solle „von irgendwelchen Zuwendungen für die Flotte zunächst Abstand“ genommen werden. Daraufhin verschob Wilhelm II. nunmehr die Marineforderungen auf das Jahr 1914. Für die Marine bedeutete das den Abschied von der bisherigen relativen Rüstungspriorität der Flotte gegenüber der Armee. Aber darüber hinaus fiel damit, im Gefolge der Krisenkonferenz vom 8. Dezember 1912, eine „Entscheidung von gewaltiger Bedeutung“, denn damit wurde praktisch von dem „Streben[,] allmählich an England heranzukommen“, Abstand genommen und nunmehr entschieden, künftig „in erster Linie wieder reine Kontinentalpolitik zu treiben“. Tirpitz‘ Mitarbeiter Hopman notierte enttäuscht-realistisch in seinem Tagebuch:

„Wir ducken vor England, haben aber auch in den letzten Jahren den Kopf zu hoch getragen u[nd] das Maul zu weit aufgerissen. Hoffentlich bleibt es nur ein vorübergehender Bückling“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Auch während der folgenden Wochen gestaltete sich die „Gesamtsituation“ für die Marine „sehr unangenehm“. So signalisierte der Mitarbeiter des deutschen Botschafters in Rom, Rheinbaben, welche Grundprinzipien künftig zwischen dem Staatssekretär des Auswärtigen und Tirpitz leitend sein würden. Der Staatssekretär sei zwar „ein großer, vielleicht der größte der jetzt lebenden Staatsmänner“, aber er habe „im vorigen Jahr durch sein Verhalten gegen[über] Haldane die englisch[-]deutsche Annäherung[,] die für uns sehr wünschenswert gewesen wäre[,] vereitelt“. Er habe „Haldane erzählt, wir forderten nur 2 Schiffe“, habe

„ihm allerdings das gedruckte Exemplar der Novelle mitgegeben, aber nichts dazu gesagt, was sonst noch darin stände. Haldane als Laie habe das nicht beurteilen können. In der admirality habe man dann deren Umfang erkannt und dann einen anderen Kurs eingeschlagen, der England und Rußland dauernd zusammengeführt habe. Jetzt arbeite die Triple-Entente darauf, die asiatische Türkei zu verteilen. Bei der Marokkokrise habe der Staatssekr[etär]. dem Reichskanzler erklärt: ‚die Marine sei nicht fertig‘. Der Reichskanzler könne daher nicht anders handeln, da er die Flotte weder politisch noch kriegerisch ausspielen kann. Jetzt Forderungen zu bringen, würde die s[einer]. Ans[icht]. nach auch sehr ernsthafte Lage sehr verschärfen. Tirpitz müsse sich daher zurückhalten, wenn es ihm auch schwer werde. Wenn wir etwas forderten, müsse es für die Armee geschehen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Jagow wurde daraufhin im Reichsmarine Amt als Verbündeter des Reichskanzlers eingeordnet, der „sehr viel Einfluss habe und daher“ Tirpitz „aus einer offenen Aussprache u[nd] Verständigung mit ihm wohl auch Vorteil haben könne“. Hopman faßte zusammen:

„Herr v[on].Jagow zeigt also bereits im Voraus die Krallen. Seine Logik, England arbeitet aufs Neue auf die Einkreisung u[nd] Kaltstellung Deutschlands [hin], also müssen wir uns ducken und still verhalten, ist bezeichnend für die energische Politik, die man von ihm erwarte“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Das Scheitern des Flottenplans. Tirpitz verliert an Einfluß.

Über die Mitteilungen Rheinbabens war Tirpitz naturgemäß sehr wenig erfreut. Hopman erhielt den Auftrag, sofort zu verbreiten, „die Unrichtigkeit des Tirp[itz]. in den Mund gelegten[,] und in“ der deutschen „Diplomatie sehr stark kolportierten Ausspruchs, die Marine sei nicht fertig“. Die Lage für Flotte und Tirpitz verfinsterte sich bis 1913 mehr und mehr, sodass im Reichsmarine Amt „die Überzeugung“ aufkam, „der Kaiser“ werde „nicht durchhalten, sondern aus Bequemlichkeit, Sehnsucht nach Cowes‘ und dem innersten Zug seines Herzens folgend[,] im Anschluss an England nicht weiter mit ihm [Tirpitz] durchhalten“. Als Churchill „eine bedeutende Steigerung des wichtigsten Marineetats“ ankündigte, wurde klar, alle trickreiche Flottenrüstung des Reichs werde nicht zum Erfolg führen, denn Großbritannien rüstete weiter. Die schwärzesten Aussichten für den Flottenbau waren berechtigt. Das bestätigte ein Zusammentreffen mit dem Kaiser am 18. November. Tirpitz berichtete am folgenden Tag, Wilhelm II. sei „für die England freundliche Wendung unserer [der deutschen] Politik“. Tirpitz war – ähnlich wie der Kriegsminister – seit geraumer Zeit aus dem Entscheidungsprozeß ausgeschlossen. Auch die Bedeutung des Kaisers tendierte gegen Null. So traf das Gefühl des Staatssekretärs, bei seiner Rückkehr aus dem Urlaub im September 1913 zu, wenn er sagte, „wieder“ sei „heftig gegen ihn gearbeitet“ worden und „viele Kräfte“ seien „am Werk um ihn als den vermeintlichen Widersacher einer Verständigung mit England zu stürzen“. Und das, obwohl er noch wenige Wochen zuvor darüber nachgedacht hatte, ob er die Reichskanzlerschaft, wenn sie ihm der Kaiser anbieten würde, annehmen solle. Er war von seinen Mitarbeitern gedrängt worden, er sei doch „die einzige Persönlichkeit, welche die von Bethm[ann]. Hollweg in den Dreck gefahrene Karre wieder herausholen könne“.

„Nur zu ihm habe die Nation Vertrauen. Den Kaiser könne und müsse er dann allmählich ausschalten“.

Doch dazu, so hatte Tirpitz geantwortet, „sei [er] zu alt u[nd]. müsse ablehnen“. Als Tirpitz Ende September zum Vortrag in Rominten gewesen war, blieb für ihn der Eindruck zurück, „die Interessenlosigkeit des Kaisers und das Gefühl“, Wilhelm II. neige der Verständigung mit England sehr zu. Der Monarch habe, so bemerkte Tirpitz kurz darauf, „in dem Gefühl, hierin in Tirpitz einen Widersacher zu haben, [eine] Unterhaltung darüber nicht aufkommen lassen“. Der Plan einer großen deutschen Flotte war gescheitert. Da half auch nicht, dass sich der Staatssekretär im Salonwagen nach Berlin an seine Gespräche mit Bismarck erinnerte. Von der Hofjagd in der Göhrde, zu welcher er erst nachträglich eingeladen wurde, kam Tirpitz mit dem Bericht zurück, der Kaiser sei „ostentativ gnädig zu ihm gewesen[.] Offenbar um [dem] Reichsk[an]z[ler] zu zeigen, wie fest er an ihm halte“. Doch diese Bemerkung spiegelte ausschließlich Tirpitz‘ Sicht.-

England rüstet weiter.

Neues Öl ins Feuer goss Churchill mit einer Rede in Manchester, in welcher das Flottenbau-Feier-Jahr erneut ins Spiel gebracht wurde. Wilhelm II. versetzte allerdings Auswärtiges Amt und Reichskanzler in erneute Bestürzung, indem er „gelegentlich der Anwesenheit [des russischen Außenministers] Sazonow“ sagte, „er werde unter keinen Umständen auf Churchill eingehen, sondern festhalten am Flottengesetz u[nd] dessen Erweiterungen“. Am 29. November 1913 äußerte sich Tirpitz im Gespräch mit Hopman zu den möglichen Folgen des deutsch-englischen Verhältnisses und des deutschen Bemühens um einen politischen Ausgleich. Tirpitz meinte, die „Wilhelmstr[asse].“, das heißt die Diplomaten, würden „sich einlullen lassen“. England dränge Deutschland „dann rücksichtslos aus Spanien, [der] Türkei, Holland[,] China usw. heraus und wir“ verkämen. „Nur dauernde Stärke“ könne helfen. Er betonte, „wir müssen sie kommen lassen und sie nicht suchen“, wie es Bethmann Hollweg macht-. „Sie kommen sicher“ (Hervorh.v.m., B.S.). Und wie es der Kanzler im Februar 1911 gegenüber Fürst Lichnowski und Harry Graf Kessler geäußert hatte: „Wir müssen sie auf uns zuzwingen“. Vor dem Hintergrund der, angesichts der Zabern-Affaire, aufgeregten deutschen Öffentlichkeit, nämlich des arroganten Leutnant Forstner, der sich im elsässischen Zabern, von vier Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr beim Einkaufen von Schokolade und Zigaretten begleiten ließ, agierte der Reichskanzler im Reichstage zunächst recht erfolglos. Allerdings gebunden durch den Kaiser, der zunächst dem radikalen Kommandierenden General von Deimling nachgegeben, um dann den Rat seines Leiters der „maison militaire“, von Plessen, zu folgen. Bethmann Hollwegs Rede bei der ersten Lesung des Etats im Parlament zur „äußere[n] Politik“ betonte die „Besserung“ des deutschen „Verhältnisses zu England“ und winkte zugleich „freundlich nach Rußland herüber“.

Das Bündnis Bethmann Hollweg-Moltke: Konzentration auf die Armee.

So konnte von Seiten der Marine zum Ende des Jahres 1913 wenig Positives resümiert werden. Waren die vergangenen zwölf Monate auch „ruhiger und friedlicher verlaufen, als es den Anschein hatte“, so war doch „die weitere planmäßige Entwicklung“ der Flotte „durch die Wehrvorlage und Konzentrierung der Interessen der Nation auf die Armee schwieriger geworden“. Auch hatte die „weitere fortschreitende Besserung“ des deutsch-englischen Verhältnisses die „weitere Erhöhung der Ausgaben für die“ Marine erschwert. So sah Tirpitz „nicht mehr rosig in die Zukunft“, in dieser Haltung unterstützt durch seine Mitarbeiter, die Admirale von Capelle und Dähnhardt. Wieder tauchte das Argument auf, das „augenblickliche Regierungssystem“ sei „ziel- und kraftlos, jedes Ressort arbeitet für sich … Der Reichskanzler mit seiner Schwäche und Ziellosigkeit“ sei „ein nationales Unglück“, werde „aber trotzdem … von S[einer]. M[ajestät]. als bequeme Persönlichkeit gehalten“.

Am 2. Januar 1913 waren Tirpitz, der Kriegsminister Heeringen und der Staatssekretär für Inneres mit Bethmann Hollweg zusammengetroffen. Es ging in der Besprechung um die „Fragen der Rüstungskommission“. Anschließend trafen „die Admirale“, wie alljährlich, bei Müller mit dem Kaiser zusammen. Anfang des Monats wurde weiter bekannt, dass die Hochseeflotte im Frühjahr 1914 nicht wie gewohnt die heimischen Gewässer verlassen werde. Nahezu parallel erfolgte eine weitere Sitzung zur Rüstungskommission. Außenpolitisch zog sich Deutschland am Bosporus zurück, indem General Liman von Sanders „vom K[omman]do des I. [türkischen] Korps enthoben und zum General Inspekteur der [osmanischen] Armee ernannt“ wurde. Mitte Februar stand der Flotte, und deren Vertreter Tirpitz, erneut der Wind im Gesicht. Anlässlich des Immediat-Vortrags vor Wilhelm II., Mitte Februar, äußerte sich der Kaiser gegenüber Tirpitz „wenig freundlich“. Dieser war nach diesem Gespräch „recht erregt“ und erweckte den Eindruck, der Monarch habe „den Maßstab für das Erreichbare durch die Art, in der er durch Tirp[itz]. Erfolge verwöhnt“ sei, „ganz verloren“ (Hervorh.v.m., B.S.). Die Antwort war, dass der Staatssekretär erwog, „zu gehen“. Nunmehr lagen „die Verhältnisse…anders als bisher, wo sein Abgang eine Verbeugung vor England bedeutete habe[n]“ würde. Aus dem Reichsmarine-Amt verlautete, Tirpitz wolle damit „dem Kaiser unter die Nase reiben, daß er eine Behandlung wie am 17. d[es]. M[ona]ts nicht noch einmal sich bieten“ lassen werde. Tirpitz…habe „erzählt[,] daß S[eine]. M[ajestät]. einmal zu [Admiral] Hollmann gesagt habe:

„Ich muß ihnen erst das Rückrat brechen, dann fressen sie aus der Hand“!

Ein bezeichnender Hinweis auf das Verhältnis des Kaisers zu seinen Mitarbeitern.

Rußland zum Gegner aufbauen. Die Disposition des Kriegsausbruchs.

Während der Audienz am 14. April 1913 zeigte der russische Zar dem englischen Botschafter gegenüber keinerlei Lust, „wegen einer elenden albanischen Stadt [Skutari] mit diesen beiden Reichen [Deutschland und Österreich] Krieg zu führen“. Um so größer war jedoch die Dankbarkeit Nikolaus II. für Grey, der „in der Sache des Friedens“ wertvolle Dienste geleistet habe. Buchanan, der darauf hinwies, England sei „gleichzeitig darauf bedacht, gute freundschaftliche Beziehungen zu Deutschland aufrechtzuerhalten“. Der Zar begrüßte diese Absicht und unterstrich, er „wünsche dasselbe zu tun“. Im weiteren Verlauf der Unterredung erwähnte der Zar den Balkankrieg und führte zu den Meerengen und Konstantinopel, dem Objekt traditioneller russischer Begierde, aus:

„die Bulgaren hätten sich bei der beabsichtigten Besetzung Konstantinopels ursprünglich mit dem Gedanken getragen, diese Stadt zum Zeichen ihrer Dankbarkeit für die Befreiung vom Türkenjoche Rußland anzutragen. Er habe ihnen aber deutlich zu verstehen gegeben, daß Rußland eine solche Gabe unmöglich annehmen könne, und habe sie beschworen, jeden Gedanken an Besetzung aufzugeben“.

So wie diese Antwort London über mögliche russische Absichten an Bosporus und Dardanellen beruhigen sollte, so provokant fiel die Frage Buchanans zum deutsch-französischen Rüstungswettlauf aus. Der Gesandte formulierte kühn, ob

„die hierdurch verursachte finanzielle Belastung in den beiden Ländern so schwer werden würde, daß eines oder das andere die Geduld verlöre und einen Krieg vom Zaune bräche, und ob es den Mächten, wenn diese Gefahr wirklich bestünde, möglich wäre, etwas zu dessen Abwendung zu tun“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Zar, welcher 1899 mit dem Vorschlag einer Friedenskonferenz im Haag gescheitert war, zeigte keine Absichten in dieser Richtung, führte jedoch zu den Details der deutsch-französischen Spannung aus:

„Er verstehe wohl die Gründe, die zu der beabsichtigten Erhöhung des deutschen Heeresetats geführt hätten, doch müßte die deutsche Regierung bedenken, daß sie nur ein Beispiel gäbe, welchem andere Staaten zu folgen gezwungen wären. Man würde wahrscheinlich keine Schwierigkeiten haben, das Menschenmaterial zu finden, eine andere Frage aber wäre es, ob das Land lange imstande sein würde, die erhöhten Steuern zu tragen. Rußland dagegen habe unbegrenzte Hilfsquellen an Menschen und Geld und geradeso, wie Seiner Majestät Regierung das Kräfteverhältnis zwischen der britischen und deutschen Flotte mit sechzehn zu zehn festgesetzt habe, sei er entschlossen, das gleiche Verhältnis zwischen der russischen und deutschen Armee aufrechtzuerhalten. Es sei unmöglich vorauszusehen, was geschehen würde, aber es sei notwendig, alles vorzubereiten, um der Gefahr entgegenzutreten, wenn sie hereinbräche“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Ganz so friedfertig, wie sich der Monarch gern gab, war er in Wahrheit nicht, denn seine Phantasien über die Vernichtung Österreichs belegten, dass in Petersburg Träume verbreitet waren, die, wie Buchanan erwiderte, „wohl kaum ohne einen allgemeinen Krieg durchgeführt werden“ könnten (Hervorh.v.m., B.S.).

Moltkes Lagebeurteilung Ende 1912.

Je mehr Tirpitz, infolge der nicht kriegsbereiten Flotte, in der Führungsriege des Kaiserreichs unter Druck geriet, desto kritischer entwickelte sich seine Haltung gegenüber der herrschenden Anti-Ost-Ausrichtung der Reichs-Außenpolitik. Ende März, im Umfeld der Reichstags-Sitzungen zum Etat 1914, sprach der Staatssekretär mit dem Generalstabschef, der, auf die Lage Ende 1912 zurückblickend, ausführte:

„Als während des Balk[an]. Krieges Bulgarien den vom Dreibund aufgestellten Grundsatz des status quo auf der Balkanhalbinsel umschmiß und deshalb Rumänien die Mobilmachung vorbereitete, sandte Rußland ihm eine scharfe Note. Rumänien fragte in Berlin an, was es tun sollte und erhielt vom Reichskanzler die Antwort: ´Es könne sind, es könne och nicht sind´; das war der Grund seines Abschwenkens. Dem Dreibund gehen damit 5 Armeekorps verloren. Tirpitz beurteilt die Situation wenig günstig u[nd] meint, unsere schlappe Politik treibe in den europäischen Kontinentalkrieg hinein. Die Sprache der russ[ischen]. Presse werde immer unverschämter, es rüste mit aller Macht[.] Es beabsichtige an seiner Westgrenze im Herbst eine Probemobilmachung. Wir würden mit einer Probemobilmachung unserer östlichen Korps antworten. In Oesterreich herrsche Schlamassel, das habe die Mobilmachung in Galizien bewiesen. Italien sei unter englischem Druck. Lichnowski treibe scheinbar eine Politik, die darauf hinziele, daß wir mit England gegen die Bestrebungen Rußlands auf Oeffnung der Dardanellen hinarbeiteten, dann bezahlten wir wieder eng[lische]. Politik mit unserem Blut. Der Chef des Gen[eral]. Stabs stehe nach wie vor auf dem Punkte, daß je eher wir den Krieg gegen Rußland u[nd] Frankreich begännen, desto besser es sei; er betone dauernd die starken Fortschritte der russ[ischen]. Armee. Die Politik S[einer]. Majestät].[,] Frieden um jeden Preis, treibe genau wie 1806 zu einem desaströsen Kriege. Jedenfalls wird im Spätsommer die Situation wieder recht gespannt werden. Scheinbar ist mit Rücksicht darauf auch die Reise des Kronprinzen aufgegeben, die von Juni-Sept[ember]. um Afrika führen sollte“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Moltkes Ausführungen entsprachen denen während des „Kriegsrates“ (besser: „Krisenkonferenz“) vom 8. Dezember 1912 und der Krisenkonferenz vom 6. Juni 1909. Allerdings, die Frontstellung gegenüber Rußland, und damit die Übereinstimung des Generalstabschefs mit dem Reichskanzler, traten nun stringenter hervor. Diese war anscheinend auch zunehmend begründet.

Heeringen schreibt an Bethmann Hollweg wegen des Verbots der Ausfuhr deutscher Pferde nach Rußland. Am 23. Februar berichtet er dem Kanzler, in Rußland herrsche Angst vor dem Krieg. Die Reservisten wanderten aus. So bildeten die russische Gefahr und eine Differenz zur Wilhelmstraße wohl nicht die ganze Wahrheit. Das Gefühl einer Kalamität der politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse findet Ausdruck in Anlehnung an Colmar von der Goltz‘ Schrift „Von Roßbach nach Jena und Auerstädt (1905), in welcher der Terminus Technicus „1806“ fällt. Und der Zeitpunkt einer möglichen Kriegsgefahr(-krise) wird benannt, nämlich der „Spätsommer 1913“. Bethmann Hollweg schreibt am 28. März an den Historiker Hermann Oncken, der einen Artikel für die Wehrvorlage schreiben sollte. Der Kanzler gibt die Sprachregelung aus, nicht gegen Frankreich solle der Tenor gehen, weil da sonst England verbittert würde (Hervorh.v.m., B.S.).

Beziehungen zu Schweden: Kreist das Reich Rußland ein?

Im November berichtete der Spion des Generalstabes, Katzenstein, über seine, anlässlich der „Entrevue von Potsdam“ im November 1910, in der Umgebung des Zaren in Potsdam, gesammelten Eindrücke. Wesentliche Fragen der Herren Tatitscheff, Micheldon und Dedjuline seien gewesen:

„Wer bildet momentan die Offizierkorps und höheren Führer in der Türkei aus und hilft bei der Organisation der Armee und Ausbildung in der Führung grosser Truppenmassen? – Der von uns persönlich gewiss hochgeschätzte und verehrte General von der G o l t z . Wohin verkauft Ihr eben Eure alten Mauser Repetiergewehre und Kruppkanonen? An China. Wen trifft dies in erster Linie? Uns.
Uebermorgen – wenn wir kaum weg sind, wer kommt in dieses Schloss? Der Kronprinz von Schweden! Die immer enger werden[de] Annäherung an die Nordstaaten geht gegen wen? Es sieht aus wie Einkreisung. Wie es mit dem Anschluss Rumäniens an Oesterreich und Türkei steht, ist auf das Konto mitzusetzen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Russen hätten sie Ursache des Gegensatzes zwischen den beiden Staaten „auf wirtschaftlichem Gebiet“ gesehen. Es sei geäußert worden:

„Deutschland ist ein Industriestaat und wird durch die momentane massgebende Klasse der Grundbesitzer (Junker) künstlich zum Agrarstaat gemacht. Der auf Getreide liegende Schutzzoll allein erhält Eure Landwirtschaft konkurrenzfähig gegen die unsere. Bei uns fault das Getreide auf den Feldern mangels genügenden Absatzes und bei Euch habt Ihr teures Brot….Wir, als reiner Agrarstaat, haben anscheinend garnichts von Euch als Nachbarn zu hoffen. Wir, indem wir uns konsolidieren und die Kräfte unseres Bodens immer auszunutzen suchen, sind gezwungen, Eurer Industrie auf lange Jahre hinaus Maschinen abzukaufen und Euch zu soulagieren. Ihr nagelt uns die Grenze zu!“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Ende 1913 verbreitete der Zar „die Vorstellung…, Rußland würde nie Krieg führen“. Buchanan kommentierte diesen Vorgang mit der Überlegung:

„eine Vorstellung, die Deutschland unglücklicherweise ermutigte, die Situation auszubeuten“.

Überdies sei die Entente außerstande gewesen, Deutschland „mit einem eisernen Ring zu umschließen“. Vielmehr habe Deutschlands fortwährende Politik der militärischen Rüstungen „Großbritannien, Frankreich und Rußland“ gezwungen, „gemeinsam auf den Schutz ihrer Interessen Bedacht zu nehmen“. Buchanan setzte fort:

„Die Abmachungen, die England und Rußland trafen, um alle weiteren Ursachen zu Mißverständnissen zu beheben, waren nicht von einem Gefühl der Feindseligkeit gegen Deutschland eingegeben, im Gegenteil gaben beide wiederholt Beweise ihres Wunsches, freundliche Beziehungen zu pflegen: Rußland durch den Abschluß der Potsdamer Vereinbarung und Großbritannien durch die Aufnahme von Verhandlungen, welche die englisch-deutschen Beziehungen freundlicher gestalten sollten“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Am 12. Dezember erhielt der Generalstabs-Spion Katzenstein in Eisenach Kenntnis von den Absichten der russischen Kriegspartei in Konstantinopel. Katzenstein berichtete, „die russische Regierung“ habe anscheinend die Absicht, „die Frage der deutschen Militär-Mission in Konstantinopel derartig auf die Spitze zu treiben, um die Möglichkeit eines Kriegsgrundes zu erreichen“. Katzenstein erfuhr:

„Es bestände nunmehr die Absicht, den russischen diplomatischen Aufmarsch dort unten [i.e.Balkan] auf der ganzen Linie zu verstärken, die Versetzung des Fürsten Galitzin nach München hänge mit der Angelegenheit zusammen und es bestehe die Absicht, die aufgetauchte Frage der deutschen Militärmission zu einer Machtprobe zu benutzen und möglicherweise die Konsequenzen zu ziehen, um einen offenen Streit ausbrechen zu lassen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der schwindende Nimbus der „besten Armee der Welt“.

Die scharf anti-russische Haltung des deutschen Botschafters in Konstantinopel, Wangenheim, verschärfte die Situation zusätzlich. Dieser habe bereits „bei seiner Petersburger Tätigkeit als entschiedener Russenfeind gegolten“. Am 13. Dezember morgens erfuhr Katzenstein von Fürst Orloff mehr über die Pläne, welche hinter diesen Äußerungen stünden. Petersburger Kreise hätten „seit einigen Monaten“ versucht „den Zaren, gegen die Person“ des Kaisers „einzunehmen und das gute Einvernehmen der beiden Monarchen, welches sich während der Hochzeitsfeierlichkeiten in Berlin [Kronprinzessin Cecilie] vollauf gezeigt hatte, gänzlich zu zerstören“. Jagow wurde informiert und traf sich am 18. Dezember in Frankfurt mit Katzenstein. Der Staatssekretär habe sich vorbehalten, „nach der am gleichen Tage erfolgten Rückkehr nach Berlin, innerhalb des Ressorts, auf Grund der dortigen Nachrichten, die Angelegenheit nachzuprüfen“.

Katzenstein erhielt, nach bestätigter Meldung, den Auftrag, nunmehr dem Zaren die tatsächlichen Hintergründe „der Unterredung der beiden Kaiser während der Anwesenheit des russischen Kaisers in Berlin“ mitzuteilen. Doch Clio hatte sich inzwischen der politischen Entwicklung bemächtigt. Die Wogen der internationalen Erregung schlugen hoch. Am 28. Dezember schrieb daraufhin Fürst Orloff einen Brief an seinen kaiserlichen Herren, um die Lage zu beruhigen. Das gelang bis Februar 1914. „Die Angelegenheit der Mission“ sei „durch Intervention des Zaren in ihrer Wirkung abgeflaut“. Eine Nachricht des Fürsten Orloff, die am 22. Februar eintraf, habe Jagow und Moltke gezeigt, „dass die Kriegshetzer wohl für den Augenblick ihr Ziel nicht erreichen konnten“.

Katzenstein schrieb an den Fürsten Orloff, dieser sei in der Lage, dem Zaren zu erklären, dass

„weder Se[ine]. Majestät, der Deutsche Kaiser, noch das demselben dienende, politische Ressort hier etwas unternommen oder getan haben, das nicht lange vorher zwischen den beiden Personen der Souveräne und grösstenteils auch zwischen den Ressorts besprochen und behandelt worden“

sei. Katzenstein erläuterte im Folgenden die seit 1893 zur Tradition gewordene Institution deutscher „Instrukteure“ in der türkischen Armee. Breiteren Raum nahmen die Ausführungen zum ersten Balkankrieg ein. Katzenstein schrieb:

„Der letzte grosse Krieg brachte eine Niederlage der türkischen Armee und wie sie sich erinnern, wurde von Deutschland übelwollenden[r] Seite diese Niederlage mit auf die deutschen Instrukteure, wie auf das deutsche Kriegsmaterial geschoben und es ging gegen unsere militärische[n] Einrichtungen und unsere Waffenindustrien eine Hetze in der uns nicht gut gesinnten, europäischen Presse los, die geeignet war, die Achtung vor Deutschland herabzusetzen. Nach Wiederherstellung des Friedens trat die Türkei selbst an die deutsche Regierung mit der Bitte heran, zum Wiederaufbau des Türkischen Heerwesens Instruktionsoffiziere zur Verfügung zu stellen“ (Hervorh.v.m., B.S.). (Vgl. Bernd F. Schulte, Die deutsche Armee 1900-1914, Düsseldorf 1977; Ders., Vor dem Kriegsausbruch 1914. Düsseldorf 1980)

Damit sei, so Katzenstein, „eine absolut einwandfreie Rehabilitierung“ der deutschen Armee „vor der gesamten Welt“ eingetreten. Die Anforderung der türkischen Seite habe jedoch die deutsche Regierung geheim gehalten. Diesen Umstand habe der Kaiser dem Zaren im Mai 1913, in Berlin, mitgeteilt. Es sei bei dieser Gelegenheit durch Nikolaus II. betont worden, es liege im Interesse „beide[r] Reiche“, „Konstantinopel in den festen Händen einer militärisch stabilisierten Türkei zu wissen“. Wilhelm II. habe dem Zaren zugestanden, „die deutsche Instruktionsmission“ habe „die allerstrengsten Befehle mitbekommen“, sich „jeglicher Politik zu enthalten und jedes politische Element oder Motiv aus der türkischen Armee zu entfernen und entfernt zu halten“ (Hervorh.v.m., B.S.). Der Abkehr von „der politisierenden und zu irgendwelchen Putschen geneigten, bisherigen türkischen Armee“ habe der Zar zugestimmt. Ausdrücklich wandte sich Katzenstein gegen die Behauptung der russischen Presse dieser Tage, Deutschland habe „Russland mit dieser Frage überrascht…oder…hinter dem Rücken von Russland ein[en] gegen russische Interessen gerichtete[n]r Schachzug“ unternommen. Als nun im Sommer 1913 nähere Verhandlungen eingeleitet wurden, erklärten die

„einschlägigen, militärischen Ressorts…, dass die definitive Ueberlassung militärischer Instrukteure an die Türkei davon abhängig zu machen sei, dass man den mit der Reorganisation betrauten deutschen Offizieren unbedingt auch die nötige Kommandogewalt sichern müsse“ (Hervorh.v.m., B.S.).

„Die Wahl, das erste türkische Armeekorps ‚Konstantinopel‘ zum Muster-Armeekorps zu machen“ habe, so Katzenstein, „keinerlei politischen Hintergrund“ gehabt. Unterredungen Bethmann Hollwegs mit Sasonow und „Kokovzev“, „im Lauf des Herbstes“, sollten diesen Gegenstand nicht thematisiert haben. Katzenstein unterstrich:

„Erst Mitte Dezember, als die Angelegenheit durch die Absendung der Mission in die Öffentlichkeit kam, wurde seitens der russischen Regierung vor ganz Europa der Sturm entfesselt“.

In Berlin habe der Eindruck vorgeherrscht, „die Leiter“ der deutschen Politik würden verdächtigt, „versteckt gegen Russland zu arbeiten“. Katzenstein betonte gegenüber Orloff, Wilhelm II. habe „in absoluter Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit die Unterlagen und Motive der Entsendung der Militärmission im Mai besprochen“. Der deutsche Kontaktmann fragte recht mutig, ob etwa „Russland die Kastanien für andere aus dem Feuer holen“ solle? Augenscheinlich war das Bestreben Katzensteins, im Auftrag Jagows, die Russen zu beruhigen. Den Fehler, während Siegesfeiern zu 1813/14 und während der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig, den Anteil Russlands zu verschweigen, suchte Katzenstein mit dem Hinweis zu bemänteln, Berlin habe nur die „russischen Beziehungen mit Frankreich nicht“ stören wollen. Die Vorwürfe der russischen Kamarilla in Potsdam lauteten, die deutschen hätten „einen der besten Strategen den Oberst Meckel nach Japan beurlaubt und die Japaner so vortrefflich nach“ den deutschen „modernen Prinzipien ausgebildet“. Weiter bilde „General von der Goltz die Offizierkorps und höheren Führer in der Türkei aus“ und helfe „bei der Organisation der Armee und Ausbildung in der Führung grosser Truppenmassen“. Weiter würden von Berlin „alte Mauser Repetiergewehre und Kruppkanonen“ an China verkauft. Deutsche Kontakte zu Schweden wegen einer „Annäherung an die Nordstaaten“ sähen „aus wie Einkreisung“. Dem entspreche der „Anschluss Rumäniens an Oesterreich und Türkei“.

Doch die tiefe Verbitterung in Russland gegen Deutschland liege „auf wirtschaftlichem Gebiet“. Die Russen hätten im Neuen Palais vorgebracht:

„Deutschland ist ein Industriestaat und wird durch die momentane massgebende Klasse der Grundbesitzer (Junker) künstlich zum Agrarstaat gemacht. Der auf Getreide liegende Schutzzoll allein erhält Eure Landwirtschaft konkurrenzfähig gegen die unsere. Bei uns fault das Getreide auf den Feldern mangels genügenden Absatzes und bei Euch habt Ihr teures Brot.
Wenn ihr den Zoll aber fallen lassen würdet, dann würden nicht nur die Grundbesitzer in ihren Absatz und Einnahmen durch uns geschädigt, sondern auch Millionen und Millionen Eures Nationalvermögens verloren gehen, denn der Boden ist unter dem Schutz dieses Zolles auf seinen Ertrag hin zu hoch hypotheciert und die Verzinsung festgesetzt.
Wir, als reiner Agrarstaat, haben anscheinend gar nichts von Euch als Nachbarn zu hoffen. Wir, indem wir uns konsolidieren und die Kräfte unseres Bodens immer auszunutzen suchen, sind gezwungen, Eurer Industrie auf lange Jahre hinaus Maschinen abzukaufen und Euch zu soulagieren“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Betont wurde: „Die momentan bei Euch massgebende Klasse ist unser natürlicher wirtschaftlicher Gegner!!!“ Und ein weiteres Moment waren die einseitigen Besitzverhältnisse in deutscher Banken- und Presse-Welt. Die russischen Generäle äußerten:

„Was nun Eure Industrie und Bankenwelt angeht und die kaufmännischen Kreise, so sind diese durch die Presse, die sich fast ausschließlich in den Händen der Juden befindet, stark gegen uns beeinflusst. Eure Banken wie die unseren (bis auf eine einzige bei uns) sind gänzlich unter jüdischem Einfluss, und was die Presse an Verhetzung leistet, haben wir ja gemeinschaftlich erlebt“.-

Katzenstein riet seinen russischen Gesprächspartnern mit beträchtlicher Weitsicht:

„fangt nicht zu früh an, denn dann ist Euch eine gründliche Niederlage sicher. Ihr kommt aus einer militärischen Katastrophe und aus einer Revolution und werdet sehr lange gebrauchen, um Euer Heer auf die Höhe zu bringen auf der sich das unsere befindet“ (Hervorh.v.m, B.S.).

Katzenstein behauptete, „unseren Offizier und Unteroffizier macht Ihr uns sobald nicht nach“. Das gestanden die Russen zu und behaupteten, das Zarenreich befände sich in einem Zustand, welcher jenem Preußens 1806 gleichkomme. Sie meinten: „Wir hatten einen unglücklichen Krieg und, was noch viel schlimmer ist, eine ausgesprochene Revolution im Lande“. Der Erfolg der „rein russischen Nationalbewegung“ zeige jedoch, dass sich das Land „in einem ausgezeichneten Gesundungsprozess“ befinde. Das Ziel sei, „die Bedeutung Russlands“ wiederherzustellen. Dazu werde auch vor einem Krieg nicht zurückgeschreckt. Momentan sei „die Offensive aufgegeben“ und die „Verteidigung zurückgelegt“. Die Generalsriege räumte durchaus ein:

„Es ist richtig, dass unsere Führer an taktischer Ausbildung gegen die Euren zurückstehen, und dass unsere Offiziere nicht die Verantwortungsfreudigkeit und das selbständige Handeln wie die Eurigen besitzen. Zum Verteidigungskrieg, zum Halten der Position reichen ihre Fähigkeiten aus. Der russische Soldat hat im fernen Osten bewiesen, dass er vorzüglich kämpfen kann und die allerbesten Qualitäten besitzt. Er ist in der Allgemeinheit für die Entbehrungen des Krieges weit besser prädestiniert wie der Eurige, weil seine Lebensbedürfnisse und Lebensverhältnisse ungünstiger sind wie die eurer Soldaten, der unter günstigeren Lebensbedingungen in seiner Heimat steht. Die Welt hat den russischen Soldaten in der Mandschurei fechten gesehen, fern von der Heimat und ohne Interessen an dem Krieg. In Polen und Kleinrussland wird der Mann in die[en] Schützengräben noch ganz ander[s] liegen bleiben und sein Gewehr halten, wenn es gilt russischen Boden zu verteidigen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Kamarilla war sich der allgemeinen Problematik eines deutsch-russischen Krieges durchaus bewusst. Es wurde erläutert:

„Und wohin sollt Ihr uns folgen, wenn wir aus Stellung zu Stellung zurück müssen? Dann besitzt Ihr eben diese Grenzprovinzen, die Ihr ja eigentlich schon habt, wo bereits 2 x 100 000 Reichsdeutsche leben und ihr Brot finden und für uns eine recht unangenehme Zugabe sind, wenn Eure Regimenter da über die Grenze kommen.“

Welche Befürchtung seit 1870 jedoch hinter diesen Überlegungen stand, verdeutlichte die Feststellung:

Nehmen wir aber für uns das Schlimmste an, unsere bestehende politische Kombination wird in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit der Eurigen geschlagen, so können Sie ganz sicher sein, dass sich sofort oder nach wenigen Jahren eine heilige Allianz der gesamten Welt, ähnlich wie gegen Napoleon I. gegen Deutschland bilden wird, denn die übrigen Völker werden eine derartig starke Zentralmacht niemals auf die Dauer dulden“.

Was aber könne Deutschland gewinnen, wurde gefragt. Katzenstein hielt fest:

„Wie lange auch der Krieg dauern würde, uns kann dabei wenig geschehen: Geld und Menschen haben wir genug. An dem Tage, wo Ihr aus dem Lande zurückgeht, wird im Frühling unser gute[r] Boden wieder sein Korn treiben, unsere Industrie, da wir keine haben, wird nicht leiden, während jeder Tag des Krieges bei euch ungeheuere Opfer kosten wird, denn Ihr schneidet bei euch ins Mark der Bevölkerung und zerstört Euren Lebensnerv, die Industrie“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Wesentlich sei ferner, dass Deutschland mit seinem „Golde an Menschen“ zahle, auch werde in Russland wahrscheinlich die „Dynastie Romanow“ stürzen. Dann habe das Reich „eine Republik im Westen und…eine solche im Osten.“ Was werde das „für die deutsche Dynastie“ bedeuten, „bei der Sozialdemokratie“, wurde Katzenstein gefragt. Dieser wies die Einschätzung der Sozialdemokratie als innenpolitischem Unsicherheitsfaktor zurück, musste sich jedoch im Gegenzug dem Argument stellen, des deutscherseits „viel zu enger[n] Anschluss[es] an Oesterreich“ (Hervorh.v.m., B.S.). Dieser werde sich „einmal für“ das Reich „in der Zukunft sehr schlecht zahlen“. Es wurde offen gefragt:

„Was glauben Sie, wenn wir Russland auf den oben genannten Grundlagen aufgebaut und erstarkt haben, wohin die Slawen gravitieren?“

Katzenstein nahm nach diesem Gespräch Gelegenheit, mit dem General Tatitscheff noch einmal die berührten Aspekte zu erörtern. Im Verlauf der Unterredung habe der General auf das im Zimmer hängende Bild des Zaren Alexander II. gedeutet und ausgeführt:

„An der ganzen Situation, in der wir uns momentan befinden, ist dieser hochselige Kaiser Schuld, der, als man ihn nach Sedan bat, nunmehr einzuschreiten und einen Frieden herbeizuführen, antwortete: [´]König Wilhelm hat mein Wort, dass ich ihn mit meiner ganzen Macht in diesem Krieg gegen Frankreich decke und mich in keinem Fall gegen Preussens Interessen einmische[´]. Sehen Sie Herr K[atzenstein]. das war für Russlands Zukunft und Entwicklung ein grober Fehler, unter dem wir noch heute leiden. Wir haben Euch zu gross werden lassen“ (Hervorh..m., B.S.).
 
Dass Katzenstein Agent des Generalstabes war, belegt der Befehl Moltkes – und während des Krieges Falkenhayns – die Beziehungen Katzensteins dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes „zur Verfügung“ zu stellen.

Die „jüngere Linie“ deutscher Politik formiert sich.

Zwischen Oberst House, dem engen Berater des amerikanischen Präsidenten, und dem Vertreter der Pro-Deutschland-Richtung im Britischen Foreign Office, Sir William Tyrell, kam es Ende 1913 zu Kontakten über einen Vorstoß in Berlin, um „zu versuchen“, den Kaiser „für den Gedanken zu gewinnen, der“ Amerika „und die englische Regierung so eingehend“ beschäftige. Im Januar 1914 erklärte sich Oberst House genauer:

„Die allgemeine Idee sei, eine Übereinstimmung zwischen England, Deutschland und Amerika zuwege zu bringen, nicht allein über die Abrüstung, sondern auch über andere Dinge, die für sie und die übrige Welt von gleicher Bedeutung seien“.

Vier Wochen darauf wurde der Tirpitz-Adlatus Hopman vom Deutschen Kronprinzen zu einer Soiree geladen. Das Kronprinzen-Paar nahm Gelegenheit, den Marineoffizier in detaillierte Gespräche zu ziehen, um so zu erkunden, ob Tirpitz, als kommender Reichskanzler, einer forschen deutschen Politik zur Verfügung stehen würde. Hopman äußerte sich, wie erwartet, deutlich anti Bethmann Hollweg und Großbritannien. Gegenstand des Gespräches war unter anderem ein neues Reventlow-Buch: „25 Jahre deutsche Politik“. Der Marineamtsvertreter wies

„auf die Tatsache hin, das erfolgreiche Bestreben Englands, auf dem Kontinent stets die Mächte gegeneinander auszuspielen[,]“

käme „sehr klar in dem Buche zum Ausdruck“. Auch sei „die Agadiraffaire etwas im Sinne der Wilhelm[straße]. dargestellt. Als die Kronprinzessin Hopman direkt auf eine mögliche Bereitschaft des Staatssekretärs des Reichsmarine Amts hin befragte, „eventuell“ für die Position des Reichskanzlers zu kandidieren, antwortete der Kapitän zur See, er bezweifele, ob Tirpitz, „mit Rücksicht auf die gewaltige Arbeit[,] das noch annehmen werde“. „Die Schwierigkeit seines Einarbeitens in die innere Politik“ führte der Marineoffizier als Grund an, der dem widerspreche. Kronprinz Wilhelm suchte offensichtlich bereits „seinen“ Reichskanzler, für den Fall einer Regierungsübernahme. Das erscheint durchaus begründet, denn Wilhelm II. wurde in breiten Schichten der Gesellschaft des Kaiserreiches seit 1909 zunehmend skeptischer beurteilt. Bethmann Hollweg und Valentini, der Chef des Zivilkabinetts, hatten zuvor bereits dem Botschafter in Konstantinopel, Wangeheim, bestätigt:

„Lassen Sie ihn doch, wenn er buddelt [auf Corfu], telegraphiert er nicht und macht keine Politik. S[eine]. M[ajestät]. betreibe lediglich ‚Corfu Politik‘, d. h. seine ganze Politik erstrebe einzig und allein das Ziel, daß ihm sein Vergnügen, sein Corfu zu genießen, nicht geschmälert werde“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der Kaiser verfolge eine illusionäre Politik. Im Reichsmarine Amt wurde die Äußerung des Reichskanzlers bekannt, sein – des Monarchen –

„Bestreben gehe dahin, ein Bündnis zwischen [der] Türkei und Griechenland fertig zu bringen, das sich an den Dreibund anschließen solle. Er habe versucht[,] Venizelos [den griechischen Ministerpräsidenten] dafür zu begeistern, der habe abgelehnt und nur zugegeben, er wolle es mal versuchen. Dabei sei er ausgesprochen türkenfreundlich u[nd] gebe dies ganz offen zum Ausdruck, was durch russische Machinationen brühwarm in Konstantinopel aufgetischt wurde. Der Reichskanzler wolle ihn in seiner Freude an Corfu nicht stören u[nd] lasse ihn gewähren“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Wangenheim sei nach diesen Äußerungen über das Verhalten des Kaisers „außer sich“ gewesen und schrieb an den Reichskanzler und Jagow, „der Bund Türkei-Griechenland sei ein Unsinn. Griechenland“, so Wangenheim,

„könne nie gegen Rußland marschieren und sei völlig in den Klauen Frankreichs und Englands. Unsere Stellung in der Türkei werde von Tag zu Tag schlechter, Rußland u[nd] Frankreich gewönnen immer mehr an Einfluß; wir würden gänzlich kalt gestellt u[nd] alle Errungenschaften vieler früherer Jahre gingen verloren. Unsere Politik müsse ein Bündnis Türkei-Bulgarien erstreben, dem dann Rumänien sich ganz von selbst anschließen müsse. Eine solche Koalition müsse ganz von selbst den Anschluß an den Dreibund suchen und gegen Rußland stehen. Der Weg für uns nach Kleinasien führe über Oesterreich“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Diese Politik der Firma Wilhelm II. – Bethmann widersprach den Vorstellungen des Kronprinzen. Wangenheim, der ebenfalls einer aggressiven Politik zuneigte, stand, allem Anschein nach, mit dem Kanzler über dessen Erwartungen in engem Kontakt. Der Botschafter teilte darüber mit, Bethmann Hollweg habe gegen diese „jüngere“, offensive Linie deutscher Politik, die Ansicht vertreten, er wolle

„keine[n] Präventivkrieg[e] u[nd] glaube[,] in 15 Jahren wären wir so auch[so weit], daß unserer Weltpolitik nichts mehr im Wege stünde“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Das würde bedeutet haben: im Jahre 1929 hätte Deutschland die Hegemonie in Europas erreicht. Demgegenüber vertrat Wangenheim, als einer der Exponenten dieser offensiven Linie, die Meinung, „nicht mit Philosophie[,] sondern mit Mathematik mache man Politik“ (Hervorh.v.m., B.S.). Eben diese mathematische Politik betrieb Bethmann Hollweg.

Hat sich Berlin bereits für Krieg entschieden?

Energisch wird diese Spielart am Beispiel des Projektes „Bau strategischer Bahnen“ vorangetrieben. Treffen mit den Ministerpräsidenten der Bundesstaaten werden Anfang 1914 vereinbart. Graf Vitzthum-Eckstätt trifft der Kanzler in Berlin am 6. April. Am 21. April dann die Gesandten und Ministerpräsidenten Badens, Sachsens, Württembergs und Bayerns in toto. Es wurde niedergelegt:

„Vorläufig wird vor allen Dingen wichtig sein, die Vorarbeiten so bald fertig zu stellen, daß nach Entscheidung der Kostenfrage die Bauausführungen unverzüglich begonnen werden können“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Dem Staatssekretär des Reichsschatz-Amtes schreibt Bethmann Hollweg am 21. Mai: „Die größte Beschleunigung dieser Verhandlungen halte ich für dringend erforderlich und bitte Eure Exzellenz sich…deswegen sogleich mit den anderen Herren Ressortchefs…in Verbindung setzen“ zu wollen (Hervorh.v.m., B.S.). Kühn antwortet Anfang Juni, er werde „eine Zustimmung des Bundesrats und des Reichstags zur Übernahme eines Teiles der Kosten bis zu dem gewünschten Termin (für 1914) herbeizuführen“ suchen.

Wie sich die amerikanische Lagebeurteilung Anfang 1914 ausnahm, offenbarte ein Brief des US-Botschafters Page an Oberst House:

„Die englisch sprechenden Völker beherrschen jetzt die Welt in allen wesentlichen Dingen. Nur sie und die Schweiz haben eine freie Regierung. In Frankreich herrscht Freiheit – aber wie lange? In Deutschland und Österreich – kaum. In den skandinavischen Staaten – ja, aber sie sind klein und exponiert, wie Belgien und Holland. In den großen südamerikanischen Staaten – ja, da kommt sie. In Japan? Nur die britischen Länder und die Vereinigten Staaten haben eine gesicherte Freiheit. Überdies besitzen sie die größten Reichtümer, die besten Kämpfer, das meiste Land, die meisten Schiffe – in Wahrheit: die Zukunft“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Es ging um die Mission von Oberst House in Berlin, die, seit Ende 1913 zwischen London und Washington im Gespräch, nun Anfang 1914 umgesetzt werden sollte. In der letzten Maiwoche des Jahres traf House in Berlin ein. Asquith schildert:

„Die offiziellen Kreise bereiteten ihm eine sehr kühle Aufnahme. ´Von Tirpitz machte gar keinen Versuch, seine Gefühle zu verschleiern, daß der Zweck der Mission House ihm bis zum äußersten zuwider sei. Er war stachelig vor Feindseligkeit bei jeder Andeutung von Frieden oder Abrüstung oder Weltzusammenwirken´“ (Hervorh.v.m., B.S.).

House beschrieb die Lage, zwei Monate vor dem Kriegsausbruch, mit seltener Authentizität:

„Die militärische Oligarchie hatte die absolute Oberhand. Der Militarismus beherrschte nicht nur die Armee, die Flotte und die obersten Beamten des Staates, sondern in gleichem Maße auch die Bevölkerung“ (Hervor.v.m., B.S.).

Am 1. Juni, äußerst spät, denn die Disposition der kommenden Krise war, aller Voraussicht nach bereits abgeschlossen, fand Oberst House, im Neuen Palais zu Potsdam, Gelegenheit zu einer Unterredung mit dem Kaiser – außer Hörweite der übrigen Gesellschaft – der alle Führer der deutschen Armee angehörten. Ziel des Oberst House war, Wilhelm II. den Plan eines „internationalen Pakt[es] mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien zur Herabsetzung der Rüstungen“ nahe zubringen. Der Kaiser sprach mit gewaltigem Sprachaufwand und führte aus, „daß von Abrüstung solange keine Rede sein könne, wie diese Gefahr der Zivilisation drohe“. Außerdem äußerte er sich über „Frankreich und Großbritannien als möglichen Feinden“ . Wilhelm II. blickte nach Osten und fragte, wieso „er sich einem Friedenspakt anschließen und seine Armee verringern“ könne,

„so lange 175 000 000 Slaven seine exponierten Ostgrenzen bedrohten? Deutschland würde nie einen Schiedsvertrag annehmen. Ohne gegen Colonel Houses Vorschläge ‚äußerlich unfreundlich‘ zu sein, riet er ihm, erst nach London zu gehen und die Sache dort zu besprechen. ‚Jede Nation in Europa‚, so schloß er, ‚hat ihre Bajonette gegen Deutschland gerichtet: aber wir sind bereit“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Oberst House „ging von Berlin mit der Überzeugung fort, daß die mächtigste Gewalt in Deutschland die militaristische Clique und in zweiter Linie die Hohenzollern-Dynastie sei. Er hat immer behauptet, daß die Clique in Wahrheit den Machtvorrang habe“ (Hervorh.v.m., B.S.).

In London entschloss sich House kurz darauf, das Projekt weiter zu verfolgen. Asquith folgerte daraus, Deutschland sei für den Kriegsausbruch allein verantwortlich. Anders formuliert: nach dem Gang der Gespräche scheint die Berliner Führungselite, der Reichskanzler war offensichtlich nicht für House zu sprechen, bereits Ende Mai/Anfang Juni 1914 auf den Krieg in kurzer Frist festgelegt. Das bekräftigte der amerikanische Botschafter in London, kurz nach Kriegsausbruch, gegenüber dem Berater des Präsidenten:

„Nein, nein, nein; keine Macht der Welt hätte es verhindern können. Der Militarismus der Deutschen, der das Verbrechen der letzten fünfzig Jahre ist, hat daran fünfundzwanzig Jahre gearbeitet. Es ist eine logische Folge ihres Geistes, ihres Beginnens und ihrer Doktrinen. Er hatte zu kommen…“(Hervorh.v.m., B.S.).

Asquith fasste die Berliner Zustände gewiss zu eng wenn er sagte, der Kaiser sei nicht für die Vorgänge verantwortlich. Ihn habe die militärische Führung des Reiches wie „in einer hohlen Hand“ gehalten.

Jagow suchte Goschen am 1.1.1914 auf und signalisierte, es gehe ihm darum, die Frage der Militärmission in der Türkei freundlich zu lösen. Allerdings mit der Einschränkung,

„it will be impossible if 1. Entente Powers try to exercise pressure. 2. If the Russian and French papers make so much fuss that the German papers will recriminate“.

In Verbindung mit der Diskussion um die Zabern-Vorfälle vertrat die Prinzessin Radziwill das Gerücht, Bethmann Hollweg könne zurücktreten und werde möglicherweise durch Lichnowski, Rheinbaben oder Schorlemer ersetzt werden. Der Kaiser mied offenbar den englischen Geschäftsträger. Goschen berichtete unter dem 18. Januar wiederum, es habe kein Gespräch – außer Banalitäten – mit dem Kaiser gegeben.

Bethmann Hollweg gerät unter Beschuß.

Die unsichere Haltung Rumäniens wirkte zunehmend beunruhigend in Berlin. Seit 1892 stand Österreich mit dem Donaustaat in engen politisch-militärischen Beziehungen. Deutschland war 1913 diesem Vertrag beigetreten. Alles hing „von dem Grade ab“ mit welcher Festigkeit König Carol künftig „Regierung und Volk in der Hand haben würde“. General Conrad, der österreichische Generalstabschef, schrieb Mitte Februar 1914 an Moltke:

„Bei dem Antagonismus, der sich in Rumänien gegen uns herausgebildet hat, und bei den aggressiven Zielen gegen uns, welche sich die Großrumänischen Chauvinisten stellen, ist sehr mit der Gefahr zu rechnen, daß Rumänien auf Seiten unserer Gegner stehen wird, und es müßte jetzt schon als relaltiv günstig gelten, wenn Rumänien neutral bleiben sollte“.

Moltke plädierte in seiner Antwort gegen das geschwächte Bulgarien, das Österreich gegen Rumänien eingetauscht habe. Er unternehme alles, „um Rumänien am Dreibunde festzuhalten“. Auch Waldersee bestätigte diese Einschätzung noch im Mai 1914. Die „rumänische Regierung“ habe allerdings „den Nachrichtenaustausch zwischen den Generalstäben von Berlin und Bukarest aufgegeben“, stellte Waldersee fest. Dieses Land bleibe bestenfalls neutral“.

Dass sich die Stimmung – und die allgemeine politische Atmosphäre – nicht besserten, zeigte Goschens Essen für den Kanzler. Der britische Geschäftsträger kommentierte: „Rather a ghastly party“.

Die Lage der „Mittelmächte“ Deutschland und Österreich besserte sich nicht. Es ging Mitte April in Berlin das Gerücht um, Wilhelm II. habe für das Jahr 1914 ein Treffen mit dem Zar Nikolaus in die Wege geleitet. Goschen ergänzte, sein Informant, der französische Botschafter Jules Cambon, habe mitgeteilt, das Motiv sei die Schwäche Österreich-Ungarns. Anfang Mai in Braunschweig kam es zwischen Goschen und Wilhelm II. wiederum nicht zum Gespräch. Der Kaiser fragte nur: „Mind I expect you at Kiel“?

Der amerikanische Botschafter Morgenthau teilte mit, im Mai 1914 habe der österreichische Kaiser seinem Botschafter in Konstantinopel gesagt:

„Die Zentralmächte können den Frieden von Bukarest nicht als endgültige Beilegung der Balkanfrage annehmen: nichts, als ein allgemeiner Krieg kann eine erträgliche Lösung herbeiführen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Dem britischen Botschafter in Petersburg teilte der Zar am 3. April mit, er denke nicht an eine Neugruppierung der Mächte, die Hauptsorge der englischen Diplomatie seit der Entrevue von Potsdam 1910. Nikolaus II. habe erklärt, so Buchanan,

„So sehr er wünsche, mit Deutschland auf einem gutem Fuße zu stehen, … , wäre doch ein Bündnis außer Frage, denn – abgesehen von anderen Gründen – bemühe sich Deutschland, in Konstantinopel eine Position zu erringen, die es in den Stand setzen würde, Rußland im Schwarzen Meere vollständig einzusperren“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Nach der „Teilung Europas“ befragt, äußerte der Monarch den Wunsch nach einem englisch-russischen Bündnis, das auch dem englisch-französischen nachgebildet sein könne. Buchanan zog sich jedoch hinter die Formulierung zurück, er wisse nichts von Vereinbarungen mit Frankreich, es sei jedoch

„aus materiellen Gründen unmöglich, Truppen für ein gemeinsames Vorgehen mit der russischen Armee zu entsenden“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Schließlich unterstützte der Zar die Vorstellung,
 
„er würde es trotzdem vorziehen, wenn das englisch-russische Einvernehmen einen präziseren und bestimmteren Charakter annähme“.

Buchanan berichtete, der französische Botschafter Delcassé habe ihm die Vermutung mitgeteilt, „Deutschland würde niemals zu so drastischen Finanzmaßregeln gegriffen haben, wenn es nicht entschlossen wäre, in naher Zukunft Krieg zu führen“ (Hervorh.v.m., B.S.). Jedenfalls sei die russische Armee-Verstärkung die Antwort auf die Heeresvorlage des Reichs von 1913 gewesen. Buchanan‘s Mitteilung an London traf auf Ablehnung. Buchanan berichtete:

„Niemand hielt Deutschland einer solchen verbrecherischen Narrheit fähig. Die allgemeine Ansicht schien, wie ein Freund mir schrieb, zu sein, daß die ‚financiers‘, die gegen einen Krieg wären, schließlich bremsen würden. Dem Deutschen Kaiser wurde zur selben Zeit der Wunsch zugeschrieben, vor der Nachwelt als Bewahrer des europäischen Friedens dazustehen“.

Rezept Bethmann Hollwegs: Frieden durch Brüskieren?

Jules Cambon führte im April, anlässlich eines Abendessens bei Jagow, mit diesem ein äußerst interessantes Gespräch zu den übergreifenden deutschen politisch-militärischen Zielen gegenüber Belgien. Cambon berichtete:

„M.de Jagow said to me that he considered, like the Colonial Secretary of State M. de Solf, that an entente between France and Germany on Central Africa – an entente in which England would participate, would be exeedingly valuable. ‘In that Kase‘, I remarked, ‘it would be necessary to invite Belgium to confer with us, for she is building a new railway in the Congo; to my mind it would even be desireable that the Conference should be held at Brussel‘.
‘Certainly Not‘, replied Jagow, ‘it is at Belgium’s expense that our agreement should be concluded‘. ‘Why so?’ ‘Don’t you think that King Leopold put too heavy a load on Belgium’s shoulders? Belgium is not rich enough fully to exploit these vast Congo territories. It is an undertaking beyond her financial means and her power of expansion. She will be obliged to give it up‘.
I contested this view, but M.de Jagow would not budge from it, and being in an expansive mood, he enlarged on the theme that only the Great Powers were in a position to colonize. He even disclosed his underlying ideas by arguing that, in view of the transformations that were happening in Europe to the advantage of the nationalities that were most powerful in point of economic and transport development, the small States could not lead the independant existence that they had hitherto enjoyed. They were destined to disappear or else to gravitate modestly into the orbit of the Great Powers.
I answered that his view was not that of France nor, as far as I could see, that of England; that I continued to think that certain agreements were necessary for the proper development of Central Africa, but that under the conditions that he set forth, no understanding was possible.
On this, M.de Jagow made haste to say that he had to say that he had only expressed purely personal ideas, and that he had only been talking in his private capacity and not as Secretary of State addressing the Ambassador of France. All the same, I attach very serious significance to the outlook that M. de Jagow disclosed to me in this conversation“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Berichte Cambons machten in Paris klar, Deutschland betrachte einen Krieg mit Frankreich als unausbleiblich, und Berlin werde zusätzlich die belgische Neutralität brechen und visiere Annexionen in Mittelafrika an (vgl. Die Berichte des belgischen Gesandten Baron Beyens).

Tirpitz warnt vor dem Kriegstreiber England.

Dass die Kontakte der deutschen Entscheidungsträger – Bethmann Hollwegs Gespräch mit Jules Cambon zählte dazu – nicht nur äußerlich/zeitlich zusammenhingen, bestätigte der Versuch des Reichsmarine-Amtschefs Tirpitz, Madame de Faramond auseinander zu setzen, dass es für Frankreich darum ginge, sich baldmöglichst von England zu trennen. Der französische Gesandte ordnete das Gespräch der Frau des französischen Marineattachés, hinsichtlich Quelle und Stellung des Gesprächspartners, für den Quai
d´Orsay ein:

„Mame de Faramond, who is an American by birth, has a special position with the Court here. One of her sisters married Baron Spech[k] von Sternberg, who was Ambassador at Washington and is one of the Emperor’s special friends. M. de Tirpitz was particularly anxious that the conversation should be reported to me. Tirpitz’s personality is outstanding, and his words have an importance that we cannot let ourselves ignore. They reflect all the preoccupations of those in high places, especially as seen in relation to certain observations of the Emperor and General von Moltke that I reported at the time“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der französische Botschafter berichtete das Gespräch im Wortlaut nach Paris:

„Going straight to the point, Tirpitz began a long tirade about Franco-German relations. Ordinarily very calm, he talked that evening with a volubility and an excitement not usual in him. ‘Why‘, he said, ‘does France persist in vexing us? You will object that there is Alsace-Lorraine. But don’t you think that it is just as painful for us to be in that country, as it is for you to have lost it? If France would give up her policy of sentiment as regards Alsace-Lorraine, it would be easy for us to come together.
The immediate consequence of our rapprochement could be the happiness and prosperity of Alsace-Lorraine. To obtain that of you, we should be ready to make you great concessions. You have founded an immense empire in North Africa. You have taken Morocco, developped that rich and magnificent country. We are giving it up to you completely and without qualifications; do what you like there. In exchange, give up the sentiment policy over Alsace-Lorraine!
If France, instead of putting her trust in the friendship of England – which cannot be sincere – would consent to forget the past and strech out a hand to us, the peace of the world would be assured, and a maginificent future would open out for our two countries. The Franco-British alliance is an absurdity (contre-sens). England is the most selfish of the nations; she thinks only of her own interests, and never keeps her engagements towards allies and friends. At the critical moment, she will drop you. The inordinate ambition of the English will one day bring about, for you and for us, a catastrophe from which they will seek to benefit“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Tirpitz wurde noch deutlicher, denn Madame de Farramond unterbrach ihn mit der Frage, der Staatssekretär spreche so, als ob eine große Gefahr drohe. Wer aber träume davon einen Krieg zu beginnen? Jules Cambon gab die Antwort des Admirals wieder:

„Not we,…never shall we declare war on you. Nor do I believe that war is desired in France, even though people in your country have not a very exact idea of our military power. You can say that at no time in our history has our army been so ready as it is today. The great danger is England, who will push you to attack us in her hope of eating the chestnuts when you have pulled them out of the fire“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der französische Botschafter fasste zusammen, Tirpitz schlage vor, Frankreich solle seine Freundschaft mit England beenden, die Seeherrschaft an Deutschland abtreten, das Vergangene vergessen, und Marokko erschließen. Dafür verspreche Deutschland Frieden, während gleichzeitig betont werde, die deutsche Armee sei nie so stark gewesen wie gegenwärtig; was im Klartext bedeute: nach dem Ende der Entente Cordiale hänge Frankreich von Gnade und Erbarmen der Deutschen ab. Wenige Tage darauf sprach der Kanzler Cambon auf die zwischen Deutschland und Frankreich gespannten Beziehungen an. Er fragte:

„Is it not a fact…that our relations have become more difficult than they were a month ago?“

Cambon antwortete fest, es ginge letztlich um die Abgrenzung der beiderseitigen Interessen in der Türkei. Das veranlasste Bethmann Holweg zu der Drohung:

„Believe me…let us face the facts and get rid of what is dividing us; if not, things will be dangerous“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Stringentes Plädoyer für den Präventivkrieg.

Hinzu trat die „Liman von Sanders-Affaire“, um die Stellung des Chefs der deutschen Militärmission in der Türkei. Dazu eine Pressefehde, die der Generalstab im Frühjahr 1913 vom Zaun brach. Russland sah sich durch diesen hohen deutschen Offizier, als Kommandeur des 1. Armeekorps in Konstantinopel, direkt getroffen und opponierte heftig. Doch auch die Lösung der Krise befriedigte die verletzten Russen nicht und so kam es zu Vorschlägen, die Triple Entente umzuformen. Das gelang in London und Paris nicht, doch Marine-Absprachen zwischen Russland und England begannen und beunruhigten vorgeblich Berlin.

Im Mai schien in London die Welt so friedlich wie nie zuvor. Nicolson schrieb an Goschen:

„I think there is no likehood of serious friction arising among the big European Powers“ (Hevorh.v.m., B.S.).

Und ergänzend:

„Since I have been in the Foreign Office I have not seen such calm waters“.

Frau von Bethmann Hollweg starb am 11. Mai 1914. Jagow vertrat am 14. Mai den Kanzler vor dem Reichstag. Er griff die russische Presse hart an, wegen deren antideutscher Kampagne.

Am 18. Mai entwickelte der Ober-Quartiermeister im Generalstab, Graf Waldersee, Moltke „Deutschlands militärische Lage [im] Mai 1914“. Unverändert stand über allem, dass Deutschland „allen Grund zu ernstester Aufmerksamkeit und Anspannung aller seiner Kräfte“ habe. Allerdings sei momentan „der Beginn eines Krieges von Seiten der Gegner Deutschlands“ nicht „zu gewärtigen“. Doch diese würden „unablässig rüsten und Vorbereitungen“ treffen. Der Ober-Quartiermeister, und Stellvertreter Moltkes, unterstellte den Ententemächten den Plan,

„zu gegebener, wohl noch etliche Jahre hinaus liegender Zeit, den Dreibund oder dessen beide Kaiserrmächte, am liebsten gar Deutschland allein, mit überlegener Macht von allen Seiten her anzufallen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Das Jahr 1914 schien demnach zunächst nicht auf einen „Waffengang“ hinzudeuten. Letztendlich arbeitete der Berater des Generalstabschefs die Gründe heraus, die die für einen Präventivschlag günstige Lage bestätigten. Dürftige Ausbildung, eine noch nicht „brauchbare“ schwere Artillerie des Feldheeres, und die – nach den Wahlen zur Kammer – innenpolitisch labile Situation in Frankreich, schienen diese Theorie zu begründen. Rußland wurde ebenfalls als nicht unmittelbar kriegsbereit erkannt. Erst in „etlichen[r] Jahre[n]“ erwartete Waldersee die russische Armee im Stadium „größte[r]n Wirksamkeit“. Das gelte ebenfalls für den „groß angelegter[n] Ausbau strategische Bahnen“ (Hervorh.v.m., B.S.). Auch England werde, bedingt „durch die irische Frage und manche innere Schwierigkeiten“, nicht an „kriegerischen Ereignissen“ interessiert sein.

Des Generals Interpretation der Lage auf dem Balkan machte deutlich, dass „Rußland und Frankreich daran…[seien], dort überall gegen den Dreibund“ aufzutreten. Rumänien sei „z.Zt. noch unsicher“. Die Mahnung jedoch, bald etwas zu unternehmen, und das gerade hier, betonte Waldersee indem er schrieb:

„Daß aber vielleicht sehr bald auch hier unsere Gegner Erfolg haben werden, ist leider mehr als wahrscheinlich“. (Hervorh.v.m., B.S.).

Das Hauptanliegen dieser Denkschrift bildete offenbar, im Zusammenhang mit einer baldigen Kriegsauslösung, die Leser dieser Ausführungen auf einen aggressiven Kurs festzulegen. Eines seiner Hauptargumente, die unsichere Rolle Italiens und der zerfallende Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn (vgl. Gutachten Dietrich von Bethmann Hollwegs/Botschaft Wien zur wirtschaftlichen Lage Österreich-Ungarns, 24.6.1914, in: Bernd F. Schulte, Das Deutsche Reich von 1914, Norderstedt 2013/14), fanden sich im Zentrum der Argumentation:

„Daß sich unsere Feinde sagen können, im Augenblick halte Italien noch zum Dreibunde und noch halte Kaiser Franz Josephs Persönlichkeit die bunte Monarchie zusammen, ist klar. Aber wie lange? Werden diese Dinge sich nicht vielleicht recht bald zu ihren Gunsten verschieben? Diese Frage wird niemand mit einem bestimmten ‚Nein‘ beantworten wollen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Der europäische Krieg ist heute noch zu bestehen.

Waldersee plädierte an diesem 18. Mai 1914 für einen Präventivkrieg. Deutschland habe zwar „bei einem normalen Lauf der Dinge“ sich „eines Angriffs in allernächster Zeit nicht zu gewärtigen“ (Hervorh.v.m., B.S.). Andererseits sah der Ober-Quartiermeister auch „keinen Grund, …in irgend einer Lage einem Konflikt aus dem Wege zu gehen“. Waldersee sah die Chance, dass

„einen großen europäischen Krieg schnell und siegreich zu bestehen, heute noch sehr günstig für Deutschland liege[n] und ebenso für den Dreibund. In kurzem wird dies nicht mehr der Fall sein“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Klassischer konnte die Aufforderung zum Präventivkrieg nicht formuliert werden. Der österreichische und italienische Generalstab verträten diese Position ebenfalls. Allein einige [deutsche] Diplomaten, und die „Triple- Entente-Presse“, würden dagegen von einer Entspannung sprechen. In nicht zu „ferne[r] Zukunft“ werde sich jedoch die Lage des Reichs verschlechtern. Die Gefahr, die sich bei weiterem Zögern in die Hand der „voraussichtlichen Gegner“ zu begeben aufbaue, unterstrich Waldersee unüberhörbar. Denn die „Früchte“ reiften „aber sicher heran, wenn es so“ weiterginge. Das hieß, wenn von Berlin nicht stringent gerüstet werde.

Als Ausgangspunkt für das Revanchestreben der Franzosen bezeichnete der Generalstäbler das französische Kriegsziel Elsaß-Lothringen, das auch durch „radikale und sozialistische Ministerien“ nicht zurücktreten werde. Darüber hinaus verwende Paris alle „Kräfte für das Heer“ und „milliardenweise Anleihen…an unsere und des Dreibundes Feinde“. Entsprechende Bestrebungen glaubte Waldersee in Belgien, Luxemburg und der Schweiz feststellen zu können. In Bern habe „kürzlich in rührender Offenheit der französische Militär-Attaché von seines Landes Absicht“ berichtet, „in einiger Zeit zum Kriege zu schreiten, sobald der günstigste Moment gekommen sei“. „Für den nicht bezweifelten Fall des Sieges“ habe dieser den Schweizern „gewisse Anerbietungen gemacht“ (Hervorh.v.m., B.S.).

1916, so habe der italienische Generalstabschef Pollio geäußert, würden „Frankreich und Rußland…mit den ihnen dienstbaren Mächten den Ring um, den Dreibund geschlossen haben“. Auch Rußland rüste „nach einem großen Programm“. Es würden, ohne wirtschaftliche Rücksichten, Bahnlinien gegen die deutsche und österreichische Grenze vorgetrieben. Sei erst „die Armee von 2 Millionen Streitern…vorhanden“, und sei „sie dank des vielmaschigen Eisenbahnnetzes erst leichter beweglich, dann“ werde „sie auch Großfürsten, Politikern und Volksströmungen zum Schlagen dienen“. Gegen Deutschland wende sich zunehmend auch die russische Regierung. Truppen, Spionage und der Druck auf Schweden, Norwegen und Dänemark würden verstärkt. Die Donaumonarchie und Bulgarien bildeten die weiteren Ziele. „Ernsten Beobachtern“ sei „es nicht zweifelhaft, daß mit Hilfe französischer Anleihen und russischer Drohungen Bulgarien über kurz oder lang seinen Anschluß nach Petersburg“ wieder gewänne. Serbien und Montenegro sah Waldersee bereits „fest in der Hand Rußlands und Frankreichs“.

Den Griechen werde mit Recht in Rom und Wien „gründlich“ misstraut. Vor allem aber Rumänien, das zu „lauern“ verstehe. Der „sichere Anschluß an den Dreibund“ bestehe nicht mehr. Die österreichische Politik, Rubel und „Franken“ hätten „das Ihrige getan“. Sicher sei,

„daß die rumänische Regierung den Nachrichten-Austausch zwischen den Generalstäben von Berlin und Bukarest aufgegeben hat“.

Wie lange Rumänien „in einem großen Kriege“ neutral bleiben werde, sei ungewiss. Der Stellvertreter des Generalstabschefs fragte, ob „noch lange“, und deutete erneut an, es sei zu überlegen, diesen großen Krieg in Kürze zu führen. Mit der Türkei zu rechnen, wies Waldersee dagegen vollständig zurück. Die Träume eines von der Goltz gehörten der Vergangenheit an. Der Oberquartiermeister unterstrich,

„alle Stimmen sachverständiger Deutscher betonen einmütig, daß die türkische Armee auf viele Jahre hinaus als Null einzusetzen sei. Nachrichten der letzten Tage aus Kreisen der Militärmission wie solchen außerhalb dieser, schildern die Zustände als trostlos“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Lagebeurteilung Waldersees – negativ.

Die jungtürkischen Machthaber seien „charakterlose Leute“. Waldersee befürchtete eine russisch-türkische Übereinkunft. Der deutschen Diplomatie, und deren Glauben an Erfolge dort, wollte er künftig nicht mehr folgen. Großbritannien werde so bald „die Entente mit Frankreich und Rußland“ nicht aufgeben. Der Hoffnung Moltkes, es werde „nicht mit Truppen auf den Kontinent“ kommen – trat der Generalmajor nicht frontal entgegen. Doch legte er nahe, England werde sich im Kontinentalkrieg mit seiner Armee engagieren. Es werde „noch Jahre hinaus auf der Seite unserer Feinde zu finden sein“. Von einer konservativen Regierung in London erwartete er „erst recht eine strammere Tonart“. Waldersee gelangte zu dem Schluss:

„an eine Revision der englischen auswärtigen Politik wird erst zu denken sein, wenn ein überstarkes Rußland die Balance in Europa ernstlich ändert“ (Hervorh.v.m., B.S.).

In scharfer Wendung gegen die England freundliche Politik des Reichskanzlers, verwies der Vertreter Moltkes darauf, „das Eintreten der englischen Presse in den allerletzten Tagen für Rußland sollte denen zu denken geben, die gern England alsbald an unserer Seite sehen möchten“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Freunde Italien und Österreich beurteilte Waldersee, abgesehen von einigen isolierten Lichtblicken, kritisch. Erneut erläuterte er, warum ein weiteres Abwarten von Übel wäre. Er fragte:

„Kann dies bald besser werden? Wahrscheinlich ist es nicht. Die Person des präsumtiven Nachfolgers Kaisers Franz Joseph bietet dafür keine Gewähr. Noch hält die Armee, aber die Wühlarbeit der divergierenden Nationalitäten ist am bedrohlichen Werke. Ungarn ist kopflos schroff. Dem Lande fehlt es an Geld. Der Ausbau der Armee hinkt dem der feindlichen traurig nach. Der Abstand wird von Jahr zu Jahr größer. Wirtschaftlich gleitet Oesterreich allmählich in die Reihe der Länder 2.Ordnung hinab“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Demgegenüber würden die „kleinen Staaten“ auf dem Balkan durch Rußland und Frankreich finanziell unterstützt und aufgerüstet. Trotz dieser finsteren Lage leiste sich Wien jedoch das überkommene Misstrauen gegen Italien, obgleich „einsichtige Stimmen in der Armee die Zeiten als zu ernst für diesen Luxus bezeichneten“. Conrad, sehr positiv beurteilt, werde im Augenblick noch „40 österreichische Divisionen gegen Rußland aufmarschieren“ lassen. Ob das „übers Jahr“ noch der Fall sein werde, bezweifelte der Oberquartiermeister (vgl. Dietrich v.Bethmann Hollwegs Alarmruf, 24.6.1914). Dass Schweden und Japan mit ins Kalkül gezogen wurden, belegte, dass der Generalstab durchaus über den Tellerrand europäischer Verhältnisse hinaussah.

Als Alternative zum Waffengang sah der Stellvertreter Moltkes „den Frieden um jeden Preis“. Die Ziele der Gegner stellten sich Waldersee als Angriff auf Front und Rücken Deutschlands dar. „Daß dieser geplant“ werde, sei sicher. Den deutschen Operationsplan skizzierte er folgendermaßen:

„Mit schneller Offensive werden wir Frankreich schlagen, aber Zeit wird es kosten. Solange man auf ein Vorgehen Oesterreichs gegen Rußland mit gewissen Stärken rechnen kann, würden unsere gegen Osten noch verfügbaren Kräfte genügen, um Rußlands Armeen solange von unserm Lande abzuhalten, bis wir Kräfte im Westen entbehrlich finden“.

Die russische Gefahr, welche aus Sicht des Oberquartiermeisters in der Tatsache bestand, dass „das russische Heer…sich von Jahr zu Jahr“ vergrößere und „beweglicher“ werde, gewinne mehr und mehr an Bedeutung, da Rumänien „in Oesterreichs Rücken und Flanke“ auftreten könne (Hervorh.v.m., B.S.). Das werde „Oesterreichs Mithilfe auf ein verschwindendes Maß“ herabmindern. Daraus folgerte Waldersee zunächst, das Reich werde gezwungen, alle

„Kräfte anzuspannen, um den Kampf, der uns kaum erspart werden wird, so gut es allein geht, durchzuführen“.

Der Generalmajor, und designierte Generalstabschef der Ostpreußen im Kriegsfall verteidigenden 8. Armee, leitete daraus die Forderung ab, weitere „Kräfte für unseren Osten“ bereitzustellen. Unverkennbarer Ärger angesichts einer defensiven Politik war zu erkennen. Waldersee proklamierte:

„Wir würden von vornherein jede Chance des Sieges aus der Hand geben, wollten wir uns der Offensive nach einer Seite begeben“.

Waldersee/Moltke: Folgerungen 1914, Kritik des Reichsarchivs 1919.

Alles in Allem zielte er mit der Forderung nach Durchführung der Allgemeinen Wehrpflicht auf das Jahr des neuen Heeresgesetzes 1916. Was bedeutet haben würde: Generalmajor Graf Waldersee erkannte die Gefahr eines feindlichen Überfalls erst für die Zeit nach 1916, wollte bis dahin jährlich rund ein Armeekorps zusätzlich ausbilden und glaubte so, die – an sich bereits überanstrengten – Franzosen und die schon angestrengten Russen, im Zaum halten zu können. Sein Rezept war: Aufrüsten oder Politik revidieren.

Moltke setzte diese Denkschrift in eine Vortragsunterlage bei Wilhelm II. um. Der Generalstabschef forderte die Nachforderung zur Nachrüstung. Bereits zum 1. Oktober 1914 befürwortete der Generalstabschef die „Einstellung sämtlicher wehrfähigen Deutschen zum Waffendienst“. Allerdings deutete die Ausschlussfrist, 1. Oktober 1915, nicht auf eine unmittelbare Kriegsauslösung hin. Wohin der Strom der neu einzustellenden Rekruten zu lenken sei, „ob in Gestalt neu zu formierender großer Verbände, oder in kleineren Verbänden unter Anschluss an die bestehenden großen Verbände“, sei noch nicht geklärt, führte der Generalstabschef aus. Anlass dieses erneuten Vorstoßes sei die „Einführung der 3 bzw. 31/2 und 41/2jährigen Dienstzeit in Frankreich und Rußland“ gewesen. Diese bedeuteten, dass

„wir in erster Linie an die Vereinfachung unserer Mobilmachung durch Erhöhung der Friedensstände der Regimenter werden herangehen müssen“.

Die „geringe Einschätzung der Türkei als militärischer Machtfaktor“ erkannte Berlin erst nach der ernüchternden Niederlage des Osmanenreiches im ersten Balkankrieg. Das Reichsarchiv konzedierte 1919 Deutscherseits

„die Hoffnung, anstelle der schwankend gewordenen Bundesgenossen Italien und Rumänien in der Türkei einen als militärischer Machtfaktor ins Gewicht fallenden Freund zu gewinnen“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Plötzlich hieß es nun, alle Anstrengungen der erneuerten deutschen Militärmission in Konstantinopel seien aussichtslos. Warum aber wurden dann diese Bemühungen 1913 erneut gestartet? Ein larmoyanter Unterton ist den Ausführungen des Reichsarchivs aus dem Jahre 1919 zu entnehmen. „Der nüchterne Wirklichkeitssinn des deutschen Generalstabschefs“ habe diesen jedoch „nicht über die [handschr. eingefügt: „mehr als geringen“] Aussicht[slosigkeit]en dieser Bestrebungen“ im Unklaren gelassen. „‚Die Türkei ist militärisch eine Null!‘ – so lautete sein Urteil“, schrieb das Reichsarchiv. Moltke bezeichnete die Türkei als den „sterbenden Mann am Bosporus“. Sie habe „keine Lebenskraft mehr und befinde sich unrettbar im Zustande der Agonie“. Moltke schloss:

„Unsere Militärmission gleicht einem Ärztekollegium, das am Sterbebette eines unheilbar Kranken steht“.

„Die Heeresvorlagen 1912 und 1913“ seien „als die in ihnen zum Ausdruck gebrachten materiellen Forderungen des Generalstabes als logische Folgerungen der Auffassung über die sich ändernde politische Lage anzusehen“, konstatierte 1919 das Reichsarchiv. Dahinter stand unverhüllt die Frage: ob „der Generalstabschef durch Eintreten für seine Forderungen auf die Gestaltung der militärpolitischen Lage [genügend, B.S.] eingewirkt“ habe. In diesem Zusammenhang griff Potsdam auf die bis dato streng geheime „große[n] Denkschrift vom Dezember 1905 über den Krieg gegen Frankreich“ zurück, „die Generaloberst Graf Schlieffen als Vermächtnis seinem Nachfolger [gestr.: „über-„]“ hinterlassen habe. Das Reichsarchiv zitiert den früheren Generalstabschef Schlieffen im Jahre 1919:

„Wir haben die allgemeine Wehrpflicht und das Volk in Waffen erfunden und den anderen Nationen die Notwendigkeit, diese Institution einzuführen, bewiesen. Nachdem wir aber unsere geschworenen Feinde dahin gebracht haben, ihre Heere ins Ungemessene zu vermehren, haben wir in unseren Anstrengungen nachgelassen. Wir pochen noch immer auf unsere Einwohnerzahl, auf die Volksmassen, die uns zu Gebote stehen, aber diese Massen sind nicht in der vollen Zahl der Brauchbaren ausgebildet und bewaffnet. Die Tatsache, daß Frankreich mit 39 Millionen Einwohnern 995 Bataillone zum Feldheer stellt, Deutschland mit 56 Millionen nur 971, spricht eine vernehmliche Sprache“.

Die Lage um 1905 bezeichnete das Reichsarchiv als “ noch recht günstig“, seien doch als Gegner nur Frankreich und England erkennbar, und Russland in Ostasien gefesselt gewesen. Moltke wurde unverhohlen der Vorwurf gemacht, er habe „es noch geraume Zeit“ unterlassen,

„auf eine Verstärkung unserer Wehrkraft im Sinne der letzteren Anregung seines Vorgängers zu drängen. Im Gegenteil gab er in einem Schreiben vom 12. April 1907 an das Kriegsministerium seiner grundsätzlichen Ansicht dahin Ausdruck, ‚daß die drei Hauptwaffen, daß der Rahmen der Armee auf längere Zeit als stetig angesehen werden könne, und daß es in erster Linie [nur, B.S.] des inneren Ausbaus sowie der weiteren Entwicklung der Hilfswaffen und der zeitgemäßen Kriegsmittel bedürfe‘“.

Moltke soll es bereits in dieser frühen Phase seiner Amtszeit an originärem Antrieb gemangelt haben; das bestätigte die Analyse des Reichsarchivs:

„Die vorhandenen Kader der Infanterie genügten ihm. An diesem Standpunkt hielt er in Übereinstimmung mit dem Kriegsminister von Einem auch noch eine Reihe von Jahren fest. Erst als im Jahre 1910 der Kriegsminister von Heeringen die für das Quinquennat von 1911 bis 1916 sehr knapp gehaltenen Heeresforderungen im Interesse der Kriegsvorbereitungen zu erweitern suchte, stimmte der Generalstabschef im Hinblick auf das politische Verhältnis zu den Nachbarstaaten diesem Plane vollkommen bei“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Das Reichsarchiv terminierte den Sinneswandel Moltkes auf das Umfeld der Marokkokrise von 1911. Hatte der Reichskanzler noch 1910 eine umfänglichere Heeresvermehrung verhindert, begegneten sich im November 1911, nun – von verschiedenen Positionen aus – gewandelte Überzeugungen. In seiner Denkschrift hielt der Generalstabschef, analog zu Bethmann Hollweg, jedoch an der Paralellrüstung von Heer und Flotte fest. „Einer bestimmten Forderung, in welchem Umfange eine Verstärkung der Armee [gestr.: „für“] notwendig sei, enthielt sich General von Moltke hierbei noch“, memorierte das Reichsarchiv. „Der Reichskanzler war auch jetzt nur zur Einbringung einer Vorlage bereit, die für Heer und Flotte in die verfügbaren finanziellen Mittel des Reiches eingepaßt werden konnte“. Schließlich kam es jedoch ausschließlich zu der begrenzten Vermehrung von 1912. „Der schon damals mündlich erhobenen Forderung des Generalstabes auf Erhöhung aller Etats bis zum Aufbrauch aller dienstfähigen Mannschaften“, so das Reichsarchiv, sei „durch die Vorlage in keiner Weise entsprochen“ worden. Auch in den Verhandlungen um die Heeresvorlage von 1913 drang Moltke nicht durch. Er habe „vergeblich eine noch erheblichere Verstärkung der Etats durch Heranziehung möglichst aller Diensttauglichen und die Bildung von mindestens drei neuen Armeekorps gefordert“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Mit den Anzeichen für die weitere Aufrüstung in Frankreich und Rußland suchte der Generalstabschef am 1. und 5. März eben dies bei Bethmann Hollweg anzuregen, das Programm des Generalstabs, nämlich die Vermehrung um drei zusätzliche Armeekorps, durchzuführen.

7.7.1914: Eine Rüstungspolitische Wende? Tradition gegen Moderne.

Einen Tag vor dem Mord von Sarajewo erörterte der Reichskanzler mit dem Kriegsminister dessen Vorschläge „für die Fortentwicklung“ der deutschen „Wehrmacht“. Vier Tage nach dem Mord an Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich, den Waldersee kurz zuvor einen Unsicherheitsfaktor genannt hatte, stimmte Wilhelm II. zu, die „Ausbildung des Beurlaubtenstandes, im besonderen deren der Führer…sowie deren Verjüngung“, der „Ertüchtigung der Jugend“, „Maßnahmen zur Abwehr der heeresfeindlichen Propaganda“ und der „tatsächliche[n] Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht“ durchzuführen. Zwei Tage nach dem grünen Licht der deutschen Regierung für Österreich, nunmehr den Krieg mit Serbien zu beginnen, bestätigte Falkenhayn dem Reichskanzler, die ersten drei Schritte „sobald als möglich“ zu verwirklichen. Innerhalb von elf Tagen waren die Weichen auf Krieg gestellt. Der Kriegsminister, der bisher progressive Rüstungsvorschläge stets retardierend behandelt hatte, drängte nun auf die möglichst zügige parlamentarische Behandlung. Allerdings legte Falkenhayn zunächst „das Programm zur Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht“ auf „einen 10jährigen Zeitraum“ an; das heißt bis 1924.

Der Preußische Kriegsminister begründete seine Zurückhaltung und zeigte, dass er durchaus weiterhin auf der Position seines Vorgängers Heeringen bestand. Er widersprach den Überzeugungen und Zielen des Generalstabes, der bereits mit dem Reichskanzler konform ging. Der Kriegsminister führte aus:

„Die Armee braucht unbedingt noch einige Zeit Ruhe, um sich mit den Folgen der großen Wehrvorlage von 1913 abzufinden. Wenn auch der Zudrang zu der Offizier- wie Unteroffizierslaufbahn unvermindert anhält, so haben doch die bedenklich zahlreichen Fehlstellen bisher kaum merklich abgenommen, da auch die Abgänge sehr stark sind, und ein mit der Aussicht auf Beförderung zum Dienst eingestellter Mann erst nach geraumer Zeit als zum Führer – Offizier oder Unteroffizier – ausgebildet angesehen werden kann. Eine neue Heeresvermehrung käme zur Zeit also einer Verwässerung und Verschlechterung gleich. Sie wäre daher zwecklos. Denn da unser voraussichtlicher Gegner im Osten in der Lage ist, jede zahlenmäßige Vermehrung bei uns zu überbieten, hat eine solche nur Zweck, wenn dadurch die Qualität nicht geschädigt wird“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Auch die ehrgeizigen „Eisenbahnbaupläne“ des Generalstabschefs schienen Falkenhayn geeignet, die Mittel einzuschränken. Aus diesen Erwägungen heraus sollte es genügen, das „Wehrpflichtprogramm erst zum Etat 1916“ anzugehen (Hervorh.v.m., B.S.). Eine Wirkung war demnach „im Frühjahr 1917“ zu erwarten. Gegen eine entsprechende Aufrüstung, auch der Flotte, bezog der Kriegsminister Stellung, gerade im Hinblick auf die „Erhaltung“ der deutschen „Weltstellung“.

Der Reichskanzler gab zu, „daß die Tirpitzsche Politik 1911/12 richtig gewesen sei u[nd daß sie]“ das deutsche „Verhältnis zu England günstig beeinflusst habe“. Tirpitz verfocht nun, nachdem klar war, dass sein Konzept einer Schlachtflotte gegen England nicht zum ‚Überrüsten‘ Großbritanniens führen werde, die Position, durch die deutsche Flotte werde das Inselreich gezwungen werden, sich Deutschland zu öffnen und ein politisches Agreement mit Berlin schließen. Das eben war die Position Bethmann Hollwegs – spätestens seit dem Februar 1911. Nicht aus dem Bild fiel dennoch die „großzügige“ Erörterung deutscher „Kriegführung gegen England“. Es müsse eben der Krieg vorbereitet werden!-.

Jedoch unterstützte der Kanzler die weitere Aufrüstung der Flotte auch für das Jahr 1915 nicht. Die Pläne des Kriegsministeriums für dieses Jahr fanden allerdings seine Zustimmung. Die Diskussion um das mögliche englisch-russische Marineabkommen im Juni 1914 ließ Tirpitz erneut negative Einschätzungen zur deutschen „politische[n] Zukunft“ äußern. Diese sei „sehr schwarz“:

„Wir lassen uns von den Engländern in einen großen Kontinentalkrieg hetzen. Es könne für England nichts besseres geben, als wenn seine gefährlichsten Rivalen[,] Deutschland u[nd] Rußland[,] sich zerfleischen“.

Unterstützt wurde diese Sicht durch einen Zeitungsbericht, demzufolge der russische Kriegsminister Suchomlinoff gemahnt habe:

„Rußland ist fertig. Frankreich muß es auch sein“.

Moltke fordert sofortiges Handeln.

Moltke beließ es keineswegs bei der Einlassung Falkenhayns, die allgemeine Wehrpflicht über einen größeren Zeitraum hinweg einzuführen. Vielmehr entwickelte dieser am 18. Juli 1914, der Kriegskurs war bereits beschlossen, dem Reichskanzler seine Haltung:

„Dem Vorschlage des Kriegsministeriums, die Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht durch Einstellung jedes Diensttauglichen in das Heer bis zum 1. Oktober 1916 hinauszuschieben, kann ich jedoch nicht beitreten. Die allgemeine politische Lage, nicht nur die augenblickliche, verlangt gebieterischer wie je, daß wir gerade mit dieser Maßnahme sobald wie irgend möglich, spätestens aber mit dem 1. Oktober 1915 beginnen“.

Der Generalstabschef widersprach frontal der Einschätzung des Kriegsministers, der mit den inneren Bedürfnissen der Armee argumentiert hatte. Demgegenüber hob Moltke hervor, „mehr oder weniger verdeckt“ seien die „kriegerischen Absichten“ der Ententemächte „für das Jahr 1916“ erkennbar (Hervorh.v.m., B.S.). Schon die Wehrvorlage von 1913 sei in einem „wichtige[r]n Teil“ nicht durchgeführt worden. Moltke konstatierte:

„Die Wehrvorlage von 1913 ist somit zu meinem Bedauern nicht groß genug ausgefallen.-“

Mit der Feststellung, „die Verhältnisse“ hätten sich seit 1913 stark zu Ungunsten des Reiches verschoben, da Rußland und Frankreich „erheblich“ stärker rüsteten, lenkte der Generalstabschef die Aufmerksamkeit des Reichskanzlers auf die „spätestens im Herbst 1915“ anstehende neue Heeresvermehrung. Allerdings ging es Moltke offenbar vordringlich um die Vorbereitung auf das Jahr 1916. Die momentane Krise des Juli 1914 streifte er nur kurz. Schlagendes Argument des Generalstabschefs war, 1913 seien 38.000 und 1914 40.000 „vollständig dienstfähige Leute“ nicht ausgebildet worden. Das sei, so der Stabschef,

„mehr wie die Stärke der fechtenden Truppen eines Armeekorps, die jährlich für den Entscheidungskampf für uns nutzlos verloren gehen. Es wird nicht schwer fallen, auch den breitesten Schichten der deutschen Bevölkerung klar zu machen, daß wir unter den obwaltenden Umständen diesen Verzicht auf unsere Wehrfähigkeit uns nicht leisten können“.

Erneut unterstrich der Generalstabschef jedoch, dass „unverzüglich“ reagiert werden müsse. Ausdrücklich warnte er den politisch Verantwortlichen vor den „Lasten, die nach einem verlorenen Kriege auf dem Volke drücken“ würden. Der Plan des Generalstabes, Frankreich kurzzeitig zu überrüsten, klang erneut als „entscheidend und ausschlaggebend“ an. In diesem Konstrukt besaß „eine möglichst baldige neue Heeresvermehrung…größte Bedeutung“. Wiederum, obwohl bereits seit Anfang 1912 bekannt und akzeptiert, musste sich der Generalstabschef gegen eine erneute Flottenvorlage verwahren. Moltke unterstrich, „die große Entscheidung im Völkerkampfe auf dem Lande“, werde „bei der Armee[,] fallen“. Der Generaloberst schloss:

„M.E. werden daher alle zur Zeit verfügbaren Geldmittel der Armee, zu ihrer Vervollkommnung, zukommen müssen.-“

Der Generalstabschef drängte abschließend noch einmal darauf, möglichst umgehend „für einen möglichst frühen Zeitpunkt der Durchführung“ zu wirken.

Verhindert der irische Bürgerkrieg und Englands militärisches Eingreifen?

Andererseits erscheint von einigem Interesse, dass im Jahre 1913 sich in der englischen Innenpolitik mit der Ulsterfrage ein Problem von Krieg und Frieden aufgebaut hatte. Wobei es von überraschender Bedeutung ist, dass der König seinen Premierminister immer wieder dazu anregen musste, mit dem Vertreter der Ulster-Separatisten zu verhandeln. Vielmehr scheint es, als ob Asquith sogar den Fall eines meuternden Offizierkorps solcher Verbände in Kauf nehmen wollte, die im inneren Kampf eingesetzt werden würden.
Am 19. März zeichnete der König dem Premierminister die „furchtbare Lage“ der Krone in einem Bürgerkrieg um die irische Provinz. Im Rahmen der Parlamentsdebatte um das Home Rule Gesetz wurde von Bonar Law ein Misstrauensantrag gegen die liberale Regierung Asquith eingebracht. Es obliege der Armee, ihre Haltung in dieser Frage selbst zu bestimmen, hieß es seitens der Angreifer. Als am Nachmittag Edward Carson hocherhobenen Hauptes das Parlament verließ, drohte mit dessen Rückkehr nach Ulster die Proklamation einer provisorischen Regierung für die Provinz. Ein Bürgerkrieg stand unmittelbar bevor. Am 18. März konferierten der Oberkommandierende der in Ulster stationierten Truppen, der Kriegsminister Oberst Seely, John French, der Chef des Empire-Generalstabes, und der Generaladjutant Spencer Ewert.

Die bewusst oder unbewusst undeutliche Haltung der Regierung bewies sich erneut in der Tatsache, dass dem Oberkommandierenden in Dublin, Paget, nur mündliche, wiederum undeutliche Anweisungen, für den Schutz der militärischen Einrichtungen dort mitgegeben wurden. Daraufhin stellte Paget, in der Meinung, den Absichten Londons so zu entsprechen, nach seiner Rückkehr nach Dublin, am Morgen des 20. März, die Kommandierenden Generale und Offiziere der Armee-Truppenteile der Provinz vor die Entscheidung, entweder gegen die Ultster-Freiwilligen zu kämpfen oder, unter Verlust ihrer Pensionen, binnen zweier Stunden, aus der Armee auszuscheiden. Nach Rückkehr der Kommandeure in die Standorte entschieden sich siebenhundertfünfzig Offiziere dafür, aus der Armee auszuscheiden. Aufgeschreckt durch diese Entwicklung suchte Paget seine Offiziere durch Hinweise wie: es sei zu erwarten, dass die gesamte Provinz binnen Kurzem in hellem Aufstande wäre, es müsse die Linie des Boyne gehalten werden und es seien 25.000 Mann Verstärkung zu erwarten, aufzurichten. Große Stücke schien Paget überdies nicht auf die Politiker in London zu halten. Georg V. notierte dazu in seinem Tagebuch:

„Ich empfing Oberst Seely und nahm ihn ziemlich scharf ins Gebet. Lord Roberts suchte mich auf, er war völlig verzweifelt über den Vorfall und sagte, die Armee wäre ruiniert…Ich hatte eine Besprechung mit Sir John French und setzte ihm den Ernst der Situation auseinander; ich sagte ihm, es würde von der Armee nichts übrig bleiben, wenn man nicht mit allergrößtem Takt vorginge“.

Durchaus berechtigt waren die Vorwürfe, welche der König dem Premierminister und Paget machte. Die Regierung flickte den Schaden, der inzwischen entstanden war. Ob der Eindruck, der inzwischen in Europa herrschte, Großbritannien sei durch Meutereien und inneren Zwiespalt auf geraume Zeit gelähmt, von London bewusst herbeigeführt wurde, bleibe dahingestellt. Jedenfalls versorgten sich die Rebellen in der Nacht vom 24. zum 25. April mit 25.000 Gewehren und drei Millionen Schuss Munition. Georg V. bestürmte Asquith, in der Ulsterfrage einen Ausgleich zu versuchen. Der Premierminister hatte erst am 17. Juli 1914 ein Ohr für seinen König. Die Situation habe sich derart zugespitzt, dass nun ein Kongress der Déroute zum Bürgerkrieg Einhalt gebieten müsse, schrieb Asquith seinem König. Die Konferenz, bereits am 21. begonnen, dauerte bis zum 24. Juli, scheiterte jedoch, wenngleich vor einem versöhnlichen Hintergrund.

1914: England, Frankreich und Rußland kriegsbereit?

Keinesfalls blieb für die aktuelle Lagebeurteilung des Juli 1914 unberücksichtigt, dass sich das französische Regierungssystem in einer Schwächephase befand und ein sensationeller Bericht des Senators Humbert die Mängel der französischen Armee in Ausrüstung, Munitions-Ausstattung und schwerem Geschütz betonte. In Großbritannien war die innere Lage in Ulster äußerst angespannt, „nahende Unzufriedenheit…in manchen Teilen der Armee“ machte sich bemerkbar, dass Asquith, neben seiner Funktion als Premierminister, auch „die eines Staatssekretärs für Krieg“ übernahm. Am 20. Juli 1914 scheiterte zudem eine Konferenz politischer Führer bei König Georg. Ein Bürgerkrieg schien nahe. Asquith folgerte:

„Die Möglichkeit und sogar Wahrscheinlichkeit eines Bürgerkrieges auf den irischen Inseln beeinflußte zweifellos die Meinungen und Berechnungen der militärischen Junta[in Berlin], die bereits die Macht über die Politik der Zentralmächte an sich gerissen hatte. Sie waren zu dem endgültigen Schluß gekommen, man könne im Falle eines Krieges England als möglichen Mitkämpfer ausscheiden“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Kurt Riezler 1930: „Eine riskante Partie aus Furcht“.

Der enge Mitarbeiter Bethmann Hollwegs, Kurt Riezler äußerte sich nach 1919 zu dem Anteil Rußlands am Kriegsausbruch 1914. „Die Fragwürdigkeit … jeder kriegerischen Kalkulation, die Kurzsichtigkeit jeder chauvinistischen Rechnung wie der Charakter und die Gefahren eines modernen Krieges“ seien „nicht mit derselben tragischen Blindheit übersehen worden, mit der gefeierte Staatsmänner einst dem Zaren aller Reußen silberne Schwerter überreicht“ hätten. Sein Vorbehalt gegenüber Rußland wird ergänzt um kritische Töne zum deutschen militärischen Vorgehen. Theodor Wolff, dem Herausgeber des liberalen „Berliner Tageblatts“, entwickelte er 1930 die Lagebeurteilung Moltkes:

„Es ist ganz zweifellos, dass Deutschland und insbesondere der Generalstab die Mobilisierungsbereitschaft Russlands unterschätzt hat. Die Furcht vor der zukünftigen militärischen Entwicklung Russlands war gross, die Meinung über die damalige militärische Macht, über die getroffenen Vorbereitungen, die herrschende Ordnung, die Bereitschaft, das mutmassliche Tempo der Mobilisierung zweifellos zu gering“.

Demgegenüber zeichnete Riezlers Argumentation bereits den Gang künftiger historiographischer Interpretation vor. Nicht zuletzt aber den Tenor seiner von ihm, just zu diesem Zeitpunkt, überarbeiteten Tagebuchnotizen:

„Die Meinung der politischen Stellen hierüber kann nur auf militärischen Berichten beruhen. Deutschland hat zweifellos eine riskante Partie aus Furcht gespielt. Dass diese Furcht begründet war, kann glaube ich, nicht mehr bestritten werden. Es ist sehr gut möglich, dass die Partie infolge Unterschätzung der russischen Bereitschaft für weniger riskant gehalten wurde, als sie war“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Im Jahre 1921, in dem Nachruf Riezlers auf Bethmann Hollweg, erscheint dieser als Staatsmann, der sich um Ausgleich und Frieden bemüht habe, während die andere Seite seines Wesens, die Bereitschaft zum Kriegsrisiko, nun verschwiegen wurde. Dabei wußte Kurt Riezler um die eigentlichen Motive und Überlegungen des Kanzlers (Bernd F. Schulte, Die Verfälschung der Riezler Tagebücher, Bern-New York-Frankfurt 1985: Vgl. dort: Riezlers Äußerung von 1947).

Der englische Premierminister Asquith formulierte seine Eindrücke von der Konsistenz der Berliner Führungsmannschaft. In Bezug auf Lichnowsky schien dem Premier „das tragische Mißlingen seiner ehrlichen Bemühungen und guten Absichten…zweifellos dem Umstand zuzuschreiben, daß er niemals Vertrauter und Mitwisser der tatsächlichen Pläne der Führer der deutschen Politik in Berlin wurde“ (Hervorh.v.m., B.S.). Asquith legte 1924 den Finger auf die Wunde:

„Es ist mit größter Wahrscheinlichkeit zu vermuten, daß ihr Vertrauen weitaus mehr seinem nominellen Untergebenen, Herrn von Kühlmann, gehörte. Fast scheint es, als wäre Lichnowsky sich nie seiner Isolierung bewußt geworden. Er war optimistisch bis zum Ende. Und als er zuletzt erkannte, daß das Schiff geradewegs Stromschnellen und Absturz entgegensteuerte, daß es ein Fall von ‚imus, imus praecipites‘ sei, war es ergreifend, Zeuge seiner Verzweiflung zu sein“.

Ja, es waren in Berlin eben circa 5 bis 6 Männer, die über Krieg und Frieden entschieden (vgl. Fritz Fischer, Hitler war kein Betriebsunfall, München 1995).

Vgl. http://www.freiewelt.net/1854-1914-2014-2-10037600/

Der Kampf mit England um die Weltmacht. Zu den Vorstellungen der Führungseliten vom großen Krieg.

Freitag, Dezember 27th, 2013

Die „Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen“ bieten nun in der Reihe II ebenfalls einen Aufsatzband, wie zuvor schon in der Reihe I (von 2000-2008): Das Deutsche Reich von 1914. Europäische Konföderation und Weltreich. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe II, Bd. 2, Norderstedt 2013. Hier finden sich Artikel des Autors Bernd F. Schulte, und weiterer Wissenschaftler, zu Fachfragen der Diskussion um den Ersten Weltkrieg, aber auch zu breit gespannten Beobachtungen zur Zeitgeschichte der jüngeren und jüngsten Zeit; wie zur inneren Entwicklung der Bundesrepublik und der Geschichte der DDR, aber auch akuten Krisen, wie jener um Europa in der Finanz-, Euro- und Bankenkrise. Hier geht es, anders als im Band 1 der Reihe II („Deutsche Policy of Pretention“), nicht um eine ergänzte Neuauflage einer älteren Arbeit. Vielmehr bietet Schulte nun den Auftakt zur Diskussion des Jahres 2014.

100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird es um dessen Anlaß und tiefere Ursachen gehen. Dazu einen Beitrag zu leisten, unternimmt der Autor. Ausgehend von der Einleitung, in deren Zentrum eine neuentdeckte wirtschaftliche Denkschrift Dietrich von Bethmann Hollwegs für den Reichskanzler aus dem Juni 1914 steht, wird die besondere wirtschaftliche Schwäche Österreich-Ungarns als auslösender Faktor für einen Entschluß zur Risikopolitik (nach Schulte „Policy of Pretention“) des Juli 1914 geliefert. Neben der Tatsache, dass, angesichts der verlorenen Nachlässe der Familie von Bethmann Hollweg, jedes Stück Papier zu 1914 von besonderem Wert ist, macht diese Denkschrift, des Legationsrates an der deutschen Botschaft Wien, verständlich, dass der Reichskanzler, nach dem unvollständigen Riezler Tagebuch, derartig verschwommen/unheilvolle Äußerungen tätigen konnte, als er am 5. Juli 1914, unter den Linden von Hohenfinow, mit seinem Assistenten Riezler, den Tag der Entscheidung ausklingen ließ.

Der Entschluss war gefaßt, der Stein im Rollen. Vor welchem weltanschaulichen Spektrum diese Entscheidung fiel, zeigt der Blick Schultes auf den Briefwechsel zwischen Theobald von Bethmann Hollweg und dem Universalhistoriker Karl Lamprecht, dessen Schulfreund. Es zeigt sich, dass Deutschland ungebrochen – auch nach 1909 – Weltmacht werden wollte. Dass quasi, in einer Stufenfolge von zunehmender Intensität, Rußland von England und Frankreich zu trennen sei, und England auf Deutschland zu zu zwingen, bildete (durch diese Entwicklung) den beabsichtigten Schritt. Das Band zu den Westmächten werde aber Deutschland Bewegungsspielraum für weitere weltumspannende Aktivität gewähren.

Erst im Krieg (während des Winters 1914/15 – Bethmanns einsames Weihnachtsfest an der Front) wurde dann deutlich, dass dieses Ziel einzig durch den Sieg über England erreichbar sei. Nun, im Krieg der Waffen, ein komplettes „renversement des frontières“, der Grundausrichtung Bethmannscher Außenpolitik. Zuvor sollte nach Lamprecht, durch wirtschaftliche Kulturpolitik, durch den Zusammenschluß des um Deutschland gravitierenden Europa mit China (damals 400.000 Millionen), der Aufstieg des europäischen Kulturraumes zur Weltmacht (gegen, oder in Nachfolge auf, England) gelingen.

Im Krieg ging dann Lamprecht, im Auftrage des Kanzlers, nach Belgien um hier das Zentralproblem eines künftigen (gegen England) gerichteten Europa unter deutscher Führung zu explorieren. Hier, in Belgien, entschied sich der Erste Weltkrieg. Wer die belgischen Küsten besaß, hatte den Schlüssel zur Zukunft in der Hand. Darin waren sich in Berlin General- und Admiralstab (Armee und Flotte) schon vor 1914 einig. Dahin zielte – in seltener Einmütigkeit – der bisher als militaristisch apostrophierte deutsche Aufmarsch- bzw. Kriegsplan spätestens seit 1903/04 (die Vorüberlegungen starteten mit der Berufung Schlieffens 1891 – und dem gleichzeitigen Entschluß zur Flottenbau).

Keinesfalls vorstellungslos bewegten sich damit die deutschen Führungseliten aus Wirtschaft, Politik und Militär auf einen Krieg zu. Die Gewißheit herrschte, dass dieser kommen müsse und werde. Eine andere Form der Entscheidung wurde in dieser Welt von Gestern – in einer Art Betriebsblindheit – nicht erkannt.