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Eine überschätzte Quelle. Riezlers Aufzeichnungen aus dem Juli 1914.

Mittwoch, Juli 16th, 2014

Die Tagebücher XXXa und b aus dem Juni – Juli 1914 sind bislang unbekannt. Jedenfalls enthielten diese, nebst den Aufzeichnungen aus den Jahren 1908 bis 1914, weit eingehendere Schilderungen, als dies aus den bunt zusammengestellten Blockblättern hervorgeht. Zum Beispiel spricht Riezler in dem Original-Tagebuch bereits die Kriegsschuld an. Theodor Heuß und die amerikanische Autorin Toni Stolper haben die Originale noch gesehen. So kann Frau Stolper über Aspekte berichten, die uns noch verborgen sind. Etwa entstand das Problem der Kriegsschuld bereits mit dem Kriegsausbruch. So etwa bei Bülow, Tirpitz u.a. Ein Zeuge: der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Müller.
Auch im Nachlaß Theodor Heuß befanden sich dessen Stellungnahmen zur Lektüre der Original-Tagebücher. Wolfgang Mommsen hat diese gesehen, durfte darüber aber keine Mitteilung machen. Es ist zu erwarten, dass diese in die Richtung der Aussagen von Toni Stolper gingen. Allerdings ist auch aus anderen Gründen wenig Honig aus den Papieren, und dem Nachlaß, Kurt Riezlers zu saugen. Riezler war ein konservativ-liberales Mitglied der damaligen Führungselite und hat es säuberlich über die Jahrzehnte vermieden, durch zu viel Enthüllung dem deutschen Nimbus zu schaden.

Berlin, 16.7.2014 Bernd F. Schulte

Bernd F. Schulte: A House Divided Against Itself,Über den deutschen Umgang mit Staatsgeheimnissen, in: Ders., Aufstieg oder Niedergang. Deutschland zwischen Mittelalter und Postmoderne. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe I, Bd. 4, Norderstedt 2008, S. 161-201.
Ders., Riezler Affäre: Eine feuergefährliche Frage, in: Ders., Das Deutsche Reich von 1914. Europäische Konföderation und Weltreich, in: Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe II, Bd. 2, Norderstedt 2013, S. 77-83 (2014 als e-book).
Ders.: Was Deutsche wissen dürfen – und was nicht (1914-2008). „Ein Staatsgeheimnis“ oder „Die Diskussion um die Fälschung der Riezler Tagebücher“, ebd., S. 92-106.
Ders., Einleitung, in: Weltmacht durch die Hintertür. Deutsche Nationalgeschichte in der Diskussion. Ebd., Reihe I, Bd. 2. Norderstedt 2003.
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http://www.focus.de/wissen/experten/buelow/das-geheimnis-der-riezler-tagebuecher-der-reichskanzler-der-den-weltkrieg-wollte_id_3973079.html

Streitfrage zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Große Kriegslüge – Drängte der Reichskanzler auf den Ersten Weltkrieg? Mittwoch, 16.07.2014, 11:15 · von FOCUS-Online-Experte Ralf Bülow

Eine wichtige Quelle zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs sind die Notizen von Kurt Riezler, der im Juli 1914 fast täglich mit Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg zusammentraf. Ihre Echtheit ist aber seit langem umstritten. FOCUS-Online-Experte Ralf Bülow erklärt den Hintergrund.

Vor genau einem Jahrhundert, im Juli des Jahres 1914, lief in den Zentren der europäischen Großmächte der Countdown zur Katastrophe. Am 28. Juni 1914 ermordete ein bosnischer Serbe den Wiener Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau in Sarajewo, der Hauptstadt der damals österreichischen Provinz Bosnien-Herzegowina. Seitdem suchten Minister, Monarchen und Militärs nach einer passenden Antwort auf dieses Verbrechen.

Ihre politischen Planungen, die schließlich zum Ersten Weltkrieg führten, spielten sich meist hinter den Kulissen ab, und nur wenige Außenstehende konnten das Denken und Handeln der Entscheider verfolgen. Zu ihnen gehörte Kurt Riezler, ein Mitarbeiter der Berliner Reichskanzlei. Der 32-jährige Münchner war Vertrauter des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg und im Juli 1914 oft mit ihm zusammen, entweder in Berlin oder in Bethmann Hollwegs Gutshaus im nahen Hohenfinow. Riezler hinterließ Tagebücher aus der Kriegszeit. Riezler emigrierte 1938 in die USA und lebte ab 1954 in Rom. Er starb 1955 in München. Im seinem Nachlass fanden sich Tagebücher in Form von Schulkladden, die die Jahre 1910 und 1911 sowie die des Ersten Weltkriegs erfassten. Außerdem tauchten 19 Blätter mit Aufzeichnungen für die Zeit vom 7. Juli bis 14. August 1914 auf.

Die Forschung wurde in den späten 1950er-Jahren auf diese Texte aufmerksam. 1972 erschienen sie in einer gedruckten Edition des Historikers Karl Dietrich Erdmann.

Die Tagebuch-Blätter zum Juli 1914, also zur direkten Vorgeschichte des Krieges, stellen vor allem Reflexionen zur politischen Lage dar und dokumentieren Aussagen des Reichskanzlers. Für den 14. Juli berichtet Riezler den bekannten Ausspruch Bethmann Hollwegs vom „Sprung ins Dunkle“, der zugleich „schwerste Pflicht“ sei. Die Kriegserklärungen von Österreich-Ungarn und Deutschland Ende Juli und Anfang August kommen jedoch nicht vor.

Kurz nach Erscheinen der Druckversion der Tagebücher äußerten die Historiker Fritz Fellner und Bernd Sösemann die begründete Vermutung, dass die 19 Blätter aus dem Sommer 1914 keine Originalfassungen darstellen, sondern Überarbeitungen sind, die Riezler nach später verschwundenen Notizen anfertigte. Der Historiker Bernd F. Schulte entdeckte 1985, dass sich die erste, auf den 7. Juli 1914 datierte Eintragung jener Blätter auf Ereignisse bezieht, die erst am 25. Juli stattfanden.

Was in den verschollenen Kladden über die schicksalhaften Julitage stand, bleibt Spekulation. Es gibt aber den Bericht eines Zeitzeugen, der Kurt Riezler im amerikanischen Exil traf und dem er aus seinen ursprünglichen Aufzeichnungen vorlas. Demnach war Reichskanzler Bethmann Hollweg schon vor Beginn des Ersten Weltkriegs kriegswillig. Ein anderer Zeitzeugenbericht spricht von „kriegslustigen Äußerungen“, die Riezler verzeichnet hätte.

Man sollte also seine Tagebuch-Blätter, die heute im Bundesarchiv liegen, wieder einmal aus der Schublade holen. Vielleicht klärt sich dann auch die Bedeutung vom „Sprung ins Dunkle“. Dieser war nämlich keine ureigene Schöpfung Bethmann Hollwegs, sondern findet sich bereits im Politiker-Englisch des 19. Jahrhunderts.