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Wurden die Deutschen (1911) genauso von den Engländern vorgeführt (Goschen) – wie Saddam Hussein durch die USA (April Glaspie)?

Dienstag, August 25th, 2015

Die Politik Londons steht seit 1919 unter Verdacht, den Ersten Weltkrieg gegen Deutschland bewußt ausgelöst zu haben (Windelband). Die Rolle des englischen Außenministers Edward Grey erscheint bis heute dubios. Dessen Nachlaß wird 2016 geöffnet. Schweizerische Dipliomaten äußerten 1911, England plane -aus Wirtschaftsgründen – einen Krieg gegen den Handelskonkurrenten Deutschland. Umso notwendiger erscheinen Untersuchungen zu den Jahren 1911,-12,-13 (und: 1936-39).

Inhalt

Einleitung

44 – Marokkokrise – Vorspiel.

– Die Krise kocht hoch.

45 – Flotte erst im Herbst 1914 kriegsbereit.

– Weiterentwicklung des Flottenplanes.

– Voraussetzungen für den Einsatz der Flotte. Flotte gegen England.

– Flottenplan und unmittelbare Kriegsvorbereitung.

46 – Spannungen im Entente-Verhältnis.

– Wer bestimmt in Berlin die Richtlinien der Politik?

– Krisen-Fahrpläne: London und Berlin.

47 – Die Marokkokrise auf dem Höhepunkt.

– Die Entente organisiert sich.

– London sieht Befürchtungen bestätigt.

– Berlin schlußfolgert: der Gegner heißt England.

– Crisis-Management im Kulminationspunkt.

– Anti-deutsche Partei in London.

– Berlin hat die Krise im Griff.

48 – Komplikation: Tripoliskrieg und Türkei.

– Die Beute aus der Konflagration.

– Deutsche Öffentlichkeit und Machteliten gereizt.

49 – Der Ausgleich von Berlin.

– Enttäuschte französische und deutsche Öffentlichkeit.

– Berlin / London: Unterschiedliches Diplomatie-Verständnis.

50 – Deutsch-englische Beziehungen: Die Zeichen stehen auf Sturm.

– London: Kriegsvorbereitung.

– Grundsätzliche Verschiebung der militärischen Lagebeurteilung.

– Ein Jahr vor dem „Kriegsrat“: parallele Entwicklung.

51 – Resümee.

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Einleitung.

Mit dem Deutschen Flottengesetz von 1900 war klar, dass das Deutsche Reich zum Rivalen der Seemacht England werden wollte.

Mit der Entlassung des Reichskanzlers Bülow hätte eine friedlichere Phase deutscher Politik begonnen. Diese Vorstellung war eine Täuschung. Kiderlen Wächter, der Staatssekretär des Äußeren und der Reichskanzler Bethmann Hollweg, suchten seit Juli 1909 einerseits ein engeres Verhältnis zu England, verfolgten dies jedoch andererseits keinesfalls unter Verzicht auf Flottenbau und Weltmachtstreben.

Diese Entwicklung verdichtete sich nur noch mit dem Ringen innerhalb der deutschen Führungseliten um ein Flotten-Agreement mit London. Über diesem außenpolitischen Konzept der Administration Bethmann Hollweg schwebte die Vorstellung, England auf Deutschland „zuzwingen“ zu müssen, um zu dem Ziel einer bündnispolitischen Übereinkunft zu gelangen. Sich zu früh aus dem Fenster zu lehnen, wollte der Reichskanzler unbedingt vermeiden. Abgestimmt wurde dieses Vorgehen sowohl mit dem Initiator des Flottenbaus, Admiral von Tirpitz, wie auch mit der Armeeführung Heeringen / Moltke. Weiter galt es, das Interesse des Kaisers so zu gestalten, dass einer, unter Umständen notwendig werdenden, zahlenmäßigen Schrumpfung der Flotte von dieser Seite keine Steine in den Weg gelegt wurden.

Zugleich war diesem defensiven Gedanken die offensiv charakterisierte Methodik zugrunde gelegt, die mit dem politisch-militärischen Instrument gezielt entfesselter internationaler Krisen hantierte. Deutscherseits wurde mit dem Einsatz der Armee – im Falle einer unverändert harten Haltung der Gegenseite – gedroht, und so der Eindruck erweckt, als ob ein europäischer Krieg für das Deutsche Reich kein besonderes Risiko bedeute. So war in der Marokko-Frage London durchaus zuvor von Berlin informiert, handelte jedoch auf einer der deutschen vergleichbaren Linie von Droh- und Pressions-Politik. London eröffnete mit mehreren Salven die heiße Phase der Marokkokrise und deckte sich gleichzeitig hinter Frankreich, das diplomatisch-politisch und militärisch – im Falle eines Krieges mit Deutschland – zunächst von den Schlägen der deutschen Armee getroffen würde.

Doch waren weder deutsche Flotte noch Armee im Sommer 1911 kriegsbereit. Auch mangelte es der Berliner politischen Führung, zu diesem Zeitpunkt, durchaus an ernsthaftem Kriegswillen. Tirpitz ließ, durch drängende Fragen der übrige Ressorts in die Enge manövriert, erneut erkennen, die Marine werde im Herbst 1914 kriegsbereit sein können. Dabei wurde deutlich, dass die deutschen Seestreitkräfte in deren Existenz keineswegs eine innenpolitische Krisenstrategie darstellten, sondern vielmehr ein militärisches Kampfinstrument, welches gezielt Großbritannien seiner beherrschenden Stellung als Seemacht, in einer Entscheidungsschlacht zur See, berauben sollte analog zur „Schlacht auf den Katalaunischen Feldern“ in Frankreich. Der Schwere und Komplexität dieses Weges waren sich die politisch-militärischen Exponenten des Reiches durchaus bewusst. Dass sich der Flottenplan dabei seit 1908 durchaus Stück für Stück zerlegte, und schließlich auf dem Wege zu diesem Ziel scheiterte, wurde im Verlauf des Jahres 1911 ähnlich sichtbar, wie bereits mit der Krisenkonferenz vom Juni 1909, als Bülow, einer der Träger dieser Anti-England Politik, unter dem Druck englischer Pressefehden und Invasionsfurcht, entlassen wurde. Die dabei sichtbaren unterschiedlichen Positionen zeugen jedoch keinesfalls von einer grundsätzlich zerstrittenen deutschen Führungsspitze.

Spezielle militärtechnische Voraussetzungen des weiteren Ausbaues der Flotte bedingten die Fähigkeit des Reiches unmittelbar, einen Krieg mit England zu Lande und zu Wasser führen zu können. Das ist z.B. auch im Tagebuch Josef Redlichs herausgegeben von Fritz Fellner, 1960 nachzulesen, der die essentielle Bedeutung von Kanalbau und Befestigung Helgolands in Gesprächen in Berlin dokumentiert. Die Auseinandersetzungen zwischen den Ressorts wurden hart ausgefochten. Ging es doch um die Rüstungsparität zwischen Flotte und Armee und zeichnete sich ein Riss zwischen Reichsmarineamt, Hochseeflotte und Admiralstab ab. Jede dieser Stellen verfolgte ein, pro domo, auftragsgemäßes Eigeninteresse. Der Reichskanzler ließ dementsprechend erkennen, falls die Marinerüstung erneut über Gebühr betont werde, zurücktreten zu wollen.

So festgefügt, wie allenthalben die Bündnissysteme vor 1914 verstanden werden, waren diese keineswegs. England reagierte sehr wohl auf Bethmann Hollwegs Rochade Richtung Petersburg „Entrevue von Potsdam“, November 1910 und auch Frankreich Caillaux, und tendierte zunehmend zum Ausgleich mit Berlin Jules Cambon-Kiderlen, Juli-September 1911. So schien die Politik der neuen Administration Bethmann – Kiderlen durchaus nicht erfolglos. Herrschte doch 1911 genügend Misstrauen zwischen den Entente-Partnern England, Frankreich und Russland. Die Krise des Sommer 1911 sollte hier erneut Unruhe zwischen den Hauptstädten auslösen.

Geschickt hatte der Reichskanzler die Drähte nach London geflochten und das geradezu freundschaftliche Verhältnis zu dem englischen Gesandten in Berlin ließ diesen mit besonderer Aufmerksamkeit die Gewichtsverteilung im politischen Kräfte-Parallelogramm der politischen Führungselite Berlins beobachten. Die Behauptung des publizitätssüchtigen Hilfsarbeiters bei Bethmann Hollweg, Kurt Riezler, Kiderlen habe den Reichskanzler über die offizielle Politik des Reiches 1911 im Unklaren gelassen, geht völlig fehl. Kiderlen und Bethmann Hollweg verfolgten vielmehr von Anbeginn an 1909 ein gemeinsames Konzept. Das hieß: Ausgleichspolitik mit England. In der Folge Entspannung zwischen London und Berlin. Letztlich: Freiheit des Handelns – gegebenenfalls gegenüber Paris. In diesem Sinn sollte die Krise um Marokko die Standfestigkeit der Entente testen, bis hin zum Krieg mit England und Frankreich. Die tatsächliche Haltung Greys kennen wir – bis zur Öffnung seines Nachlasses 2016 – nicht. Das Schwanken, ob nun Frankreich in any case zu unterstützen sei, war 1911 noch prävalierend. Doch war bereits die Vorbereitung von Flotte und Armee in England so weit getrieben, dass von ungenügender Kriegsvorbereitung Londons nicht gesprochen werden kann.

So blieb die Lösung der Krise des Sommer 1911 Sache der Franzosen und Deutschen. Cambon und Kiderlen spielten vorn auf der Bühne ihr diplomatisches Spiel, und das vor dem Hintergrund des Theaterdonners über der Nordsee. Der „Panthersprung“ nach Agadir in Wirklichkeit abgesichert durch den Kreuzer „Berlin“ brachte die diplomatischen Verhandlungen in Wallung, erregte aber zugleich auch die Öffentlichkeiten in Paris und Berlin. So erhielt das traditionelle Geschäft eine weniger erwünschte Breite der Aufmerksamkeit. Ein Umstand, der die bisherige Vorstellung von Wirkung und Bedeutung der Marokkokrise bis heute bestimmt.

Dass 1911 die Chancen Berlins, London doch noch zu gewinnen, wohl verspielt wurden, belegt die Auswertung der Vorgänge in den Zentral- und westeuropäischen Hauptstädten. Tatsächlich war das Reich damit in die Gewässer des Empire vorgedrungen. Hatte sich doch auch bestätigt, dass Deutschland ein zentralafrikanisches Kolonialreich und Flottenstützpunkte an der Westküste Afrikas anvisiere. Indem Grey den terminus technicus „Napoleonischer“ Politik benutzte, ließ er die Katze grundsätzlicher englischer Besorgnis heraus; und dies, angesichts deutscher hegemonialer Spielereien. Vereinsamt – ohne Bündnispartner – auf der Insel zurückzubleiben, formte sich in London als die entscheidende Sorge heraus.

Goschen betrachtete den Reichskanzer nicht als erste Besetzung. Das Bild Bethmann Hollwegs in London war demnach nicht so stark, als dass sich nicht angeboten hätte, mit diesem zu spielen. So lange Kiderlen Wächter lebte, würde dies nicht leicht sein. Dessen Einfluß auf den Kanzler war, nach Goschens in der Zentrale kolportierter Ansicht, bedeutend. Dieser sei Wachs in den Händen des Außenministers. Berlin war seit Bismarck unsicher, mit den parlamentarisch bestimmten englischen Regierungen zusammenzuarbeiten. Und auf die Frage: wer regiert in Deutschland, antworteten, nach Goschens Kenntnis, die Spitzen der Gesellschaft: keinesfalls der Kaiser; und die breiteren Schichten: Gott bewahre uns davor, dass der Kaiser allein herrsche.

So wurde die Krise um Marokko, auf der Basis der deutschen Policy of Pretention planmäßig vorbereitet, und war zunächst gezielt gegen Frankreich gerichtet. Doch dahinter stand London mit dem festen Willen, ein wirkliches Abkommen mit Deutschland – über die Neutralität Englands in einem europäischen Konflikt – nicht schließen zu wollen. So blieb Mitte Mai 1911 bestenfalls unsicher, was kommen möge. Es ging letztlich in London darum, dass Frankreich im Interessenausgleich mit England für Marokko als Einflusszone „gezahlt“ Ägypten habe, Deutschland aber nicht. So einfach funktionieren internationale Beziehungen in London. Wilhelm II. hatte mit dem englischen König, am Ende seines London-Aufenthaltes über Politisches gesprochen und unterstrichen, dass er hinter der Politik seiner Beauftragten Bethmann Hollweg und Kideren stand.

Flotte und Armee waren nach den Aussagen der Verantwortlichen im Committee of Imperial Defence bereit und sollten strategisch-übergreifend zum Schutz von Empire und Dominions eingesetzt werden. Die Flotte werde den gegnerischen Handel vernichten Mc Kenna, die Armeen in der gesamten Welt auftretende Gegner bekämpfen Haldane. Die tatsächlichen Vorhaben bei Kriegsbeginn wurden allerdings nicht erläutert.

Es ging Mitte Juli um Marokko. Kiderlen äußerte seine Kompensationsforderungen gegenüber Cambon, dieser fuhr nach Paris, um darüber zu berichten – und drei Tage später erschienen deutsche Kriegsschiffe vor Agadir. Es handelte sich um eine überfallartige Eröffnung der diplomatischen Offensive des Jahres 1911 in welche London wohlweislich informiert und einbezogen wurde. Offensichtlich um Weiterungen zu vermeiden und den Focus ganz auf Paris einzugrenzen. Die Gespräche mit Cambon entwickelten sich zudem recht zügig, schienen doch – abseits der Vereinbarungen von 1905 und 1909 – genügend Ansatzpunkte für deutsche und französische argumentative Hebel Pressionen gegeben. Darunter die Vorstellung deutscher Strategen, Druck auf Frankreich, via Spanien, an den Pyrenäen auszuüben. Auch seien Einflusszonen in Marokko kein Protektorat, so Kiderlen. Der „Panthersprung“ sollte Paris gefügig machen, Kompensationen anzubieten, was noch nicht geschehen war. Auch würden die Entente-Staaten dann Aggressoren sein, denn der Aussenminister erwartete England sicher an Frankreichs Seite, wenn diese die deutsche Flottenpräsenz vor Agadier ihrerseits militärisch beantworteten. Wenn nicht der Krieg in Berlin als sicher angesehen wurde, dann ging es mit Sicherheit um ein erneutes „testing the entente“, oder, wie es Bethmann Hollweg im Februar 1911, Lichnowski gegenüber im Salon der Gräfin Harrach erläuterte, darum, in zweiter Linie England auf Deutschland zu zu zwingen.

London war alarmiert, über die völkerrechtlichen Verbindlichkeiten hinaus, durch die Aussicht, Deutschland könne in Marokko Flottenstützpunkte anstreben ähnlich noch 1944 in einem Marinepapier. England und Frankreich stimmten sich dahin ab, zunächst zu erfahren, was Berlin wolle. Cambon gelangte zu der Erkenntnis, Kiderlen wolle Libreville. England an sich heranziehen; das war das Ziel. Frankreich sollte den französischen Kongo hergeben. Anfang 1911 hatte Grey deutlich gesagt, dass Deutschland, in dem Fall einer Aggression gegen andere Staaten, den Kontinent gegen England eine, dieser Vorgang zum englischen Kriegseintritt führe. Dementsprechend suchte London, entgegen der Tatsachen in der gegenwärtigen Krise, das Reich zum Angreifer zu stempeln Lloyd George, Mansionhaus-Rede. Kideren ließ erkennen, er werde die Angelegenheit bis Ende Juli abschließen. Gleichzeitig aber drohte der Kaiser Lascelles und Goschen, französische Soldaten mit Gewalt aus Marokko herauswerfen zu wollen. Also verstärkte sich nur das Angebot der Diplomatie, schnell Kompensationen zu vereinbaren, und so – auch der Öffentlichkeit – keine weiteren Gründe für erregte Ausbrüche zu geben.

Die Situation, die sich festgefahren hatte, wurde über London entwirrt. Goschen befürchtete nämlich, die Presse-Hetze in Deutschland würde schließlich den Staatssekretär zum Krieg zwingen. Auch Paris stand unter dem Druck der Volksmeinung, die eher einem Ende mit Schrecken, als fortdauernden Krisen zuneigte. Frankreich stand militärisch allein. Die Position Russlands, in dieser Frage, schien auch London unsicher. Doch die Verhandlungen liefen weiter. Paris hatte sich noch nicht entschieden. Die territorialen deutschen Forderungen und Zugeständnisse Frankreichs bewegten sich auf der Landkarte Afrikas.

Unsicher wurde die Lage durch die Entwicklungen um den Kaiser und Kiderlen in Berlin. Die Pressure Groups der Alldeutschen und der Armee wirkten für den Krieg, die allgemeine Lage wurde gefährlicher als um den „Panther-Sprung“ gewesen. Die deutsche Regierung lehnte eine Konferenzlösung ab wie 1914. Der Generalstab, so wurde lanciert, prüfe bereits eine Landung bei Agadier.

Ein hartes Gespräch zwischen Bethmann Hollweg und Goschen demonstrierte Anfang November die zwischen Berlin und London aufgerissenen Wunden. Hinzu kamen die Berichte der Times über den retardierten Zustand der deutschen Armee. Der Bethmannsche Ausgleichskurs schien gefährdet. Doch schließlich wurde – unter territorialen Abstrichen da und dort – ein Abkommen möglich. Beide Seiten erhielten nicht genug, um die geweckten Begehrlichkeiten der beiderseitigen öffentlichen Meinungen zu befriedigen. Es kam überdies auch zu Schuldzuweisungen zwischen London und Berlin auf dem diplomatischen Feld.

Goschen erhielt die Information aus der Zentrale, er sei in Berlin nicht beliebt. Er analysierte daraufhin die politischen Linien in der deutschen Führungsspitze. Jene des Kaisers, welche gegen England ausgerichtet war, jene des Reichskanzlers, die den Ausgleich mit London verfolgte, und die zukünftig bedeutsame des Kronprinzen und dessen Mutter, der Kaiserin. Ein sehr gutes Verhältnis konstatierte er mit dem Kronprinzen und dem Reichskanzler. Wenn auch beides wohl eher geschäftsmäßig zu verstehen ist. Immer wieder taucht der Verdacht auf, der Kanzler sei von seinem Staatssekretär außenpolitisch dominiert worden. Diese Meinung ist irrig. Asquith ordnete Bethmann Hollwegs Äußerungen zutreffender ein. Sehr wohl war sich der Kanzler bewußt, wie wenig entwicklungsfähig das deutsch-englische Verhältnis sei. Infolgedessen hielt er den „Freund“ Goschen vorsichtig auf Distanz.

Ob Greys Rede im Dezember 1911 ernst gemeint war, oder nur Teil des großen Spiels mit den Deutschen bleibt fraglich, erscheint es doch kühn, wenn der Außenminister die Illusion von einer völligen Auflösung der Gegensätze zwischen den europäischen Großmächten ausmalte. Wenn Goschen das Jahr 1911 eher als düster zusammenfasste, und dies im besonderem bezogen auf das deutsch-englische Verhältnis, dann trat ein wesentliches, in der Geschichtsschreibung eher en passant behandelt, in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Hatte dieses doch auch einen Punkt in der Klage Bethmann Hollwegs gegenüber dem Botschafter ausgemacht, als dieser um Aufklärung über den Stand der Beziehungen beider Staaten nachgesucht hatte. So gewinnt die strategische und sachliche Kritik Repingtons, wie deutscher Federn, durchaus an Gewicht, verblasste doch augenscheinlich der Glanz der „besten Armee der Welt“ gerade in dem Moment, ähnlich wie um den Jahreswechsel 1904 / 05, deren unmittelbar bevorstehenden Kriegseinsatzes gegen Frankreich.

So revidierte der Kriegsminister im Herbst des Jahres die optimistische Einschätzung der strategischen Lageentwicklung zwischen Russland und Frankreich dahin, es käme nun in erster Linie auf die Leistungsfähigkeit der Armee an, wenn das Reich bestehen wolle. Kriegsminister und Generalstabschef argumentierten somit im Herbst 1911 auf der derselben Linie. Anders als es die Geschichtsschreibung bisher sehen will. Die Tatsache, dass die Diskussion der beteiligten Ämter, im Ausgang des Jahres ebenso drängend ablief, wie im folgenden Jahr, muss näher betrachtet werden. Es erscheint durchaus möglich, dass es sich um haushaltspolitische Routine handelte, ebenso wie im Fall der großen Denkschriften zur militärpolitischen Lage des Generalstabschefs. Von den acht Denkschriften, die es gab, kennen wir nur zwei. Die Analyse der Jahre vor dem Weltkriege sollte sich demnach hüten, das Geschriebene ausschließlich vom Kriegsausbruch her, und, aufbauend auf dem 1930 im Reichsarchivwerk veröffentlichten auszugsweisen Dokumentenmaterials zu beurteilen.

Es ging im Dezember 1911 / Januar 1912 um den parallelen Weiterbau der Flotte und die Verstärkung der Armee. Damit bildete übergreifend das unveränderte Ziel: die Welt- und europäische Hegemonialmacht. Erreicht und verteidigt werden sollte dieses militärisch, gemäß dem Prinzip der, qualitativen und organisatorischen, Überlegenheit der deutschen Streitkräfte.

44 – Marokkokrise – Vorspiel.

Das deutsche Flottenbauprogramm, und dessen alarmierend rapides Wachstum, zwangen Großbritannien dazu, die „splendid isolation“, das Grundprinzip englischer Politik seit Jahrhunderten, aufzugeben. Zunächst 1897 als Schlacht- und Kreuzer-Flotte konzipiert, wurde, unter dem Eindruck des Burenkrieges, mit dem Flottengesetz des Jahres 1900 der Schritt zu einer Schlachtflotte vollzogen. Binnen siebzehn Jahren sollten zwei Geschwader mit insgesamt 32 Linienschiffen, sowie 8 großen und 24 kleinen Kreuzern und einer Kreuzer-Flotte in Stärke von 3 großen und 10 kleinen Kreuzern entstehen. Die Idee eines englischen Admirals, die noch unterlegene deutsche Flotte mit einem Präventivschlag zu vernichten, soll reine Theorie geblieben sein. Bethmann Hollweg und Unterstaatssekretär Kühlmann hatten die fatalen Wirkungen dieser Entwicklung erkannt. Deren Bestreben, den deutschen „Größenwahn“, wie Nicolson die Verhältnisse in Deutschland nachträglich charakterisiert, durch ein Kolonialreich in Mittelafrika und Asien zu bannen, bildete einen Wechsel britischer Politik, auf die ungewisse Zukunft gezogen.

Am 12. Januar 1911 trugen General- und Admiralstabschef gemeinsam um 10 Uhr, im Berliner Schloss, dem Kaiser vor. Ein „heißes Jahr“ begann.- Im März wurde bereits über englische Vorschläge zu einem Flottenabkommen diskutiert. Schließlich musste Tirpitz gegenüber dem Reichskanzler anerkennen, die Vorschläge Londons würden einerseits zwar die Überwachung des deutschen Flottenbaus erleichtern, andererseits jedoch konzedieren, Großbritannien werde ein ähnliches Angebot Japan wohl nicht unterbreiten. Er schloss, England würde so die „große[n] militärische Bedeutung unserer Flotte“ anerkennen. Allerdings würden die Engländer „die erhaltenen technischen Nachrichten stets ein Jahr früher verwenden können“.

Kurz bevor in Berlin der Kanzler und Tirpitz in Verhandlungen eintreten, ist dem Kriegsminister klar, dass

„die Lücken in unseren Kampftruppen…erst in 2 bzw. 3 Jahren ausgefüllt werden“.

Heeringen ging davon aus, „in dieser vertrauensseligen Lage“ sei „Frankreich jedenfalls unser[er] sicherer Gegner bei etwaigen Verwicklungen“. Russland, diesem „zwar verbündet“, wurde „nach den Potsdamer Abmachungen im Herbst 1910 und bei seiner noch vorhandenen militärischen Schwäche“ nicht „an einem deutsch-französischen Krieg“ teilnehmend erwartet.

„Von England schien mehr eine moralische Unterstützung unserer Gegner, als ein Eingreifen mit Heer und Flotte zu erwarten“.

Und „Oesterreich würde zweifellos mit voller Kraft zu Deutschland stehen, während Italien mindestens einen Teil des französischen Heeres fesseln würde“. So die Einschätzung Heeringens, die sicherlich auch aus Quellen des Generalstabs gespeist war.

Der Kaiser schrieb am 15. Februar an Georg V., als wenn er selbst der englische König wäre, über Queen Victoria, sein Verhältnis zu seiner Großmutter und deren letzte Stunden. Er versah sich jedoch nicht, auf das diplomatisch-politische Feld anzuspielen:

„…die Gründerin der Größe Britanniens, hat zwischen ihrem Lande sowie ihrem Volke und mir ein unlösbares, besonders enges Band geschaffen, das ich in meinem Herzen hüte und hege“.

Der deutsch-französische „Kondominiums-Vertrag“ über Marokko von 1909 hatte an sich gut funktioniert. Die Konkurrenz zwischen französischen und deutschen Firmen trat jedoch in den folgenden Monaten ein. Als Rebellen die Hauptstadt des Magreb-Staates besetzten, und Gefahr für Leib und Leben der christlichen Kolonie in Rabat bestand, entsandte Frankreich Truppen. Darüber orientierte der französische Botschafter in Berlin den deutschen Außenminister Kiderlen-Wächter am 5. März. Dieser antwortete finster und wenig Zukunft verheißend, damit seien die Akte von Algeciras und der Vertrag von 1909 Makulatur. Deutschland sehe sich nun frei, seine Interessen dort in vollem Umfang wahrzunehmen. Der Außenminister, und er nicht allein, war sich darüber klar, die Gelegenheit zu benutzen, um über einer krisenhaft untermalten Verhandlung mit Frankreich, dieses von England und Rußland ab zu sprengen. Am 3. Mai fixierte er diesen seinen Gedanken in der Form eines Memorandums.

Am 4. Mai hatten sich Bethmann Hollweg und Tirpitz zur Erörterung der „Agreement Angelegenheit“ getroffen. Bereits am Vortage legte der Legationsrat Stumm ein Antwort-Memorandum Tirpitz vor. Am 5. Mai, in Karlsruhe, beabsichtigte der Kanzler die Genehmigung des Kaisers dazu einzuholen, um dann noch vor der Reise Wilhelms II. nach England, Mitte Mai, diese der britischen Regierung zu übermitteln. Tirpitz machte „die schwersten Bedenken“ geltend. Er hob darauf ab, im Jahre 1909, als die Verhandlungen begonnen hätten, sei die Lage anders gewesen. Nun, nachdem der Etat 1911 bewilligt sei, kämen „nur mehr Ersatzbauten in Frage“. Zwischen 1912 und 1918 würden „nur zwei Schiffe pro Jahr gestapelt“. Ab 1918 sei, gemäß Flottengesetz, „automatisch“, mit drei Schiffe pro Jahr zu rechnen. Es sei

„also klar, daß von 1912 ab jede Verlangsamung des Bautempos gleichbedeutend ist mit einer Verminderung der gesetzlich vorgeschriebenen Schiffszahl und damit einem Bruch des Flottengesetzes. Ein Entgegenkommen den Engländern gegenüber in dieser Richtung ist daher ohne Beseitigung des Flottengesetzes und ohne erhebliche Verminderung unserer Seemacht ausgeschlossen. Die Beibehaltung des zweier Tempos über 1917 hinaus würde unseren Flottenbestand von 60 auf 40 Schiffe d.h. um ein volles Drittel verringern“ Hevorh.v.m., B.S..

Tirpitz schloss, „die Entscheidung über die in dem Memorandum angeschnittenen Frage“, berühre „die Weltmachtstellung des deutschen Reiches“. Daraufhin entwickelte sich das folgende Gespräch:

„Kanzler: Nach Ihrer Ansicht wird also das Flottengesetz nach 1917 auch schon dann gefährdet, wenn wir uns die nächsten 6 Jahre auf ein Bautempo von zwei Schiffen pro Jahr festlegen. Falls die Engländer sich uns gegenüber auf ein Bautempo von 3 Schiffen pro Jahr für die nächsten 6 Jahre verpflichten, gibt es also keine Kompensation mehr auf dem Marinegebiet außer der Reduzierung des Bautempos nach 1917.
Staatssekretär: Es entsteht für uns die große Gefahr dauernd auf 2 Schiffe jährlich festgenagelt zu werden, dann wenn wir es als möglich angesehen haben, 6 Jahre lang jährlich 2 Schiffe zu bauen und England 3 würde der Übergang im Jahre 1918 von 2 auf 3 Schiffe jährlich schwierig sein. Es wird niemand mehr das Motiv dazu verstehen. Dazu kommt, dass im Jahre 1918 die gesamten Schiffsbauten aus Steuern, statt wie bisher teilweise aus Anleihen bestritten werden müssen. Es bedarf also im Jahre 1918 für das 3.Schiff einer besonderen Steuerbewilligung von 50 Millionen steigend von 1918 – 1921 um jährlich 12 Millionen. Ich kann mir keine andere Kompensation als Reduzierung des Bautempos nach 1917 vorstellen.
Kanzler: Aber durch das Flottengesetz ist doch das dreier Tempo von 1918 ab gesetzmäßig festgelegt?
Staatssekretär: Ja, das ist es. Aber wenn die Verhältnisse mächtiger sind ist das Flottengesetz nur mehr ein Stück Papier. Ferner: Das Flottengesetz sieht ja eigentlich ständig ein dreier Tempo vor mit geringen Ausnahmen, die dadurch hervorgerufen sind, daß die Schiffszahl nicht ganz 60 sondern nur 58 beträgt. Zufälle und Verhältnisse haben es leider gefügt, daß für 6 Jahre lang ein zweier Tempo eingeschoben werden musste. Um den Gedanken des dreier Tempos aufzufrischen bzw. nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wird es vielleicht notwendig werden, das 6 jährige zweier Tempo zu unterbrechen durch Vorziehen von 1 – 2 Schiffen.
Kanzler: Ist dazu ein Gesetzakt notwendig?
Staatssekretär: Ja. Ohne Gesetzakt ist es nicht angängig.
Kanzler: An mir ist es den Engländern jetzt zu antworten. Ein politisches Agreement wird, wie ich glaube, durch die Verhältnisse von selbst kommen. Was das Marine Agreement anbetrifft, so bin ich sachlich derselben Ansicht wie Sie d.h. ein Marine Agreement ist in der Tat nicht möglich. Ich würde aber unhöflich sein, wenn ich jede Besprechung eines Marine Agreements ablehnen würde. Sie sind einverstanden, wenn ich Ihre Ansicht dem Kaiser vortrage?
Staatsekretär: Einverstanden.

Kanzler: Sie sind also gegen den Vorschlag eines Agreements?
Staatsekretär: Ja. Es ich nicht zu übersehen, wie die Engländer einen solchen Vorschlag auffassen und welche Konsequenzen sie daraus ziehen. Kommen sie mit einem Vorschlag für ein Marine Agreement, so kann es nur ein solcher sein, den wir ablehnen müssen und damit laden wir uns das odium auf.
Staatssekretär: Fragt, ob der Reichskanzler ihn nach dem Vortrage bei Seiner Majestät nochmals zu Rate ziehen wolle.
Kanzler: Entgegnet, was hätten Sie denn für Änderungen?
Staatssekretär: Macht in dem Memorandum die Änderungen in Blei und erklärt, er mache diese Änderungen aus dem Stegreif ohne die Absendung des Memorandums an sich befürworten zu können.
Kanzler: Ich glaube Sie dahin zu verstehen, daß Sie befürworten, wir legen uns bei dem Agreement fest.
Staatssekretär: Ja“ (Hervorh.v.m., B.S.).

Beim letzten Händedruck, bei der Abreise Wilhelms II. aus London, brach der Monarch die bis zu diesem Moment gute Stimmung: er sprach von Marokko und über seine gemischten Gefühle angesichts einer Politik, welche die Krise für ihre Zwecke instrumentalisierte. Bethmann Hollweg registrierte sehr aufmerksam, dass Georg V. auf die Aussage des Kaisers, er werde es wegen Marokkos niemals zum Kriege kommen lassen, nichts erwidert habe. Tatsächlich wollte der Kaiser Georg V. in London auf den bevorstehenden „Panthersprung“ nach Agadir hingewiesen haben. Dies bestätigte ein Schreiben des britischen Gesandten in Kopenhagen, Spring-Rice. Dieser habe während einer Flottenbesichtigung vor Stettin dem König von Schweden mitgeteilt, „daß er König Georg von seiner Absicht, ein Schiff nach Südmarokko zu senden“ erzählt habe. Der englische König „habe gegen das Unternehmen keinen Einspruch erhoben“.

Wilhelm II. fasste das Flottengesetz als Mittel der deutschen Politik auf, das England „zur Verständigung mit“ Deutschland zwänge. Also sei aus seiner Sicht, deren „ungestörter Aus- und Weiterbau [ein]…unbedingtes Erfordernis“. Bethmann Hollweg griff telegraphisch ein, indem er dem Kaiser riet, „die Besprechungen [mit England] kühl und nüchtern fortzusetzen, ohne von unserer Seite Empressement zu zeigen“. Bisher sei zudem „die politische Verständigung in den Vordergrund“ geschoben worden. Der Kanzler betonte, schon das „aide mémoire“, das vor kurzem übergeben wurde, habe „die Durchführung des Flottengesetzes“ als „conditio sine qua non“ herausgestellt. Auf die Details des Zweier- und Dreier-Tempos empfahl Bethmann Hollweg erst dann einzugehen, „wenn sich aus der Art der Vorschläge“, welche England machen würde, „ergibt, daß sie für eine politische Verständigung schon reif sind“. Bethmann Hollwegs Kalkül berücksichtigte:

„Andernfalls würden Sie, wie ich fürchte, neuerdings Mißtrauen schöpfen. Wenn gleich auch ich vollkommen Euerer Majestät Standpunkt teile, daß nur der tatsächliche Ausbau unserer Flotte die Engländer zur Vernunft bringen wird“ Hervorh.v.m., B.S..

Die Krise kocht hoch.

Allerdings sah Bethmann Hollweg den „politischen Charakter der Engländer“, der ohne Vertrauen in die deutsche Politik, diese „nicht zum Ziele gelangen“ lassen würde. Just in diesen Tagen teilte Grey dem deutschen Botschafter mit:

„Ich sollte Ihnen sagen, daß wir in Bezug auf Marokko keine uninteressierte Haltung einnehmen könnten. Wir müßten unsere vertraglichen Verpflichtungen gegen Frankreich und unsere eigenen Interessen in Marokko in Betracht ziehen. Wir wären der Meinung, daß durch die Entsendung eines deutschen Schiffes nach Agadir eine neue Situation geschaffen worden wäre“ Hervor.v.m., B.S..

Der Botschafter Metternich übermittelte am 1. Juli Sir Arthur Nicolson, das Kanonenboot „Panther“ sei nach Agadir entsandt, „um Leben und Eigentum gewisser in der Gegend ansässiger ‚Hamburger Kaufleute’ zu schützen“. Am 4. Juli betonte Grey den harten Standpunkt Großbritanniens, das an jeder Verhandlung beteiligt sein wollte, da dessen Interessen in diesem Raume bedeutender seien als diejenigen des Reiches. Gut gewählt war dieser Moment nicht nur aus Gründen der englischen Innenpolitik. Auch sah sich Berlin in der Lage, über den – zumindest Deutschland nicht feindlich gesinnten – französischen Ministerpräsidenten Caillaux zu einer Trennung Frankreichs von England, und weiter, einer gehörigen Kompensationszahlung zu kommen. In London schwieg Deutschland siebzehn Tage lang. Währendem forderte Kiderlen Wächter von Jules Cambon in Berlin den gesamten französischen Kongo; anderenfalls schwerste Konsequenzen nicht ausgeschlossen würden. Am 21. Juli drang Grey, im Gespräch mit Metternich darauf, an den Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich beteiligt zu werden. Dieser diplomatische Hinweis wurde noch am selben Tag durch den Theaterdonner der Rede Lloyd Georges vor Bankiers der Londoner City untermalt. Der Text der Rede war zuvor mit Asquith und Grey abgestimmt. Lloyd George drohte, wenn Berlin versuchen sollte, Großbritannien in dieser Frage zu übergehen,

„dann muß ich sagen, daß ein Frieden um diesen Preis für ein großes Land wie das unsere eine unerträgliche Erniedrigung bedeuten würde“ Hervorh.v.m., B.S..

Die deutsche Antwort war ein so schroffer Vorschlag, dass Grey annahm, es werde zum Krieg kommen. Es wurden Warnungen an die Flotte herausgegeben, Übungen verschoben und die Bewachung der Depots verstärkt. Sofort milderte Kiderlen Cambon gegenüber den Ton.

45 – Flotte erst im Herbst 1914 kriegsbereit.

Tirpitz schrieb am 1. August an Bethmann Hollweg „über die Einbringung einer Mar[ine]. Novelle“. Am 30. August 1911, vor dem Hintergrund der noch schwelenden Marokkokrise, diskutierte Tirpitz die deutschen Möglichkeiten, England Zugeständnisse auf dem Flottensektor zu machen. „Zur Zeit“ sei diese „für den Krieg mit England in besonders ungünstiger Lage“ Hervorh.v.m., B.S.:

„Innere und außenpolitische Rücksichten müssen m.E. zurücktreten gegen die rein militärischen bei der Wahl dieses Augenblicks d.h. wir dürfen nicht eher die Folgen einer Provokation auf uns nehmen, bevor die Flotte in ihrem jetzigen Stande der Indiensthaltung…dem Gegner ebenbürtig ist“ Hervorh.v.m., B.S..

Die Flotte war wiederum nicht kriegsbereit. Tirpitz suchte das zu bemänteln, indem er darauf hinwies, „noch vor Kurzem“ sei „von entsprechenden Stellen in der Flotte“ – dem Zentrum seiner fachlichen Gegner – behauptet worden,

„daß der gegenwärtige Augenblick unsere Flotte nicht in der zu fordernden militärischen Verfassung findet und daß dieser Moment erst eintreten wird
a. wenn unsere Hochseeflotte aus modernen Linienschiffen und Kreuzern besteht und
b. der Kanal für diese Schiffe fahrbereit ist“.

Tirpitz legte sich für die Flotte, auf den Termin eines möglichen Krieges auf den Herbst 1914 fest. Hier wird, nach 1909 erneut, das Jahr 1914 als möglicher Zeitpunkt benannt und gezeigt, dass durchaus in der deutschen Führungsspitze terminlich-zeitlich für diesen Fall vorgedacht wurde. Tirpitz schrieb:

„Somit wäre Herbst 1914 als der Zeitpunkt ins Auge zu fassen, von dem an wir der Wirkung von Machterweiterungsabsichten über das Flottengesetz hinaus auf unseren Gegner mit dem Vertrauen entgegensehen können, daß der Einsatz unserer Flotte ihm so ernsten Schaden zufügen wird, daß damit der gesammte nationale Aufwand für unsere maritime Rüstung seinen Zweck haben wird“ Hervorh.v.m., B.S..

Gerade jetzt, im Angesicht der Kriegskrise um Marokko, erachtete der Staatssekretär „die Wucht der militärischen Gründe für die schleunige Beseitigung unserer militärischen Schwäche“ als günstig. Erneut betonte Tirpitz den Krieg als mögliche Folge einer Marinenovelle. „Die damit vorhandene Kriegswahrscheinlichkeit der Flotte bis 1914“ sähe diese „in ungünstiger Verfassung“. Er schlug vor:

„Den Zeitpunkt abwarten, bis dahin die Zeit ausnutzen und d a n n vom festen militärischen Boden aus in der beabsichtigten Weise vorgehen, um das für Deutschlands Lebensinteressen gebotene Kräftemaß zur englischen Flotte herzustellen, erscheint mir hiernach folgerichtig“ Hervorh.v.m., B.S..

Der Flottenbau stand damit, ab ovo, zumindest in Korrespondenz mit einem zuvor festgelegten Plan. Gegenüber dem Reichskanzler gestand Tirpitz zu, dass die „unzureichende Marine“ die „Ursache“ der im Moment „schwierigen Position“ Deutschlands sei. Der Staatssekretär folgerte jedoch, eine umfangreichere Marinevorlage sei aus diesem Grunde notwendig. Aus anderem Anlass fasste Tirpitz die Ziele des Flottenbaues, gegenüber dem Chef des Marinekabinetts, noch einmal zusammen. Zwar wollten die Politiker „eine starke Flotte hinter sich haben“, so führte er aus, doch bis es soweit sei, wären sie nicht bereit, die „schweren Friktionen und Krisen“ zu ertragen, die auf dem Wege dahin notwendig entstünden. Tirpitz sah sich der Front der Marinebefehlshaber und Politiker gegenüber, die ihm im Zuge der Marokkokrise den Vorwurf machten, sein Kriegsinstrument sei in der aktuellen Lage unbrauchbar. Ergänzt wurde diese Phalanx der Flottengegner um den Staatssekretär des Reichsschatzamtes und die „Vertreter der Armeeinteressen“.

Weiterentwicklung des Flottenplanes.

Am 30. September betonte der Kaiser seinem Kanzler gegenüber, er wolle die deutsche Flottenpolitik neu bestimmen. Es handele sich, so schrieb Wilhelm II., um „ein klar erkennbares, festzulegendes Ziel für die Zukunft“ der Flotte, und damit die des Reichs. Der bisher geltende Risikogedanke müsse durch

„ein anderes, faßbares, klar erkennbares Ziel, um unser Volk zu dirigieren und seinem Wunsch nach Seegeltung entgegenzukommen“

ersetzt werden Hervorh.v.m., B.S.. Von einem Politik bestimmenden Einfluss der Öffentlichkeit war somit nicht die Rede, sondern ganz im Gegenteil davon, die öffentliche Meinung im Reich zu „dirigieren“. Trotz des 2er und 3er Tempos, im künftigen deutschen Flottenbau, auftretende Spannungen mit England könnten dazu führen, dass „die Briten trotzdem übermäßige Bauten“ durchführten. Dann, so meinte Wilhelm II., würden

„sie vor der Welt das Odium der Provokation und feindlicher Absichten gegen uns auf sich“

laden Hervorh.v.m., B.S.. Wilhelm II. forderte von Bethmann Hollweg eine „nationale That“, die den Gegner England aber zugleich nicht provoziere.

Flottenbefehlshaber, Reichskanzler, Auswärtiges Amt und Reichsschatzamt – wie „Armee-Interessen“ – verbündeten sich gegen den Flottenbau. Das entwickelte Tirpitz im September in einer Aufzeichnung, augenscheinlich im Angesicht des unmittelbar drohenden Krieges mit England und Frankreich. Der Staatssekretär schrieb, in Anlehnung an die Ausführungen des Reichskanzlers:

„Reichskanzler und Auswärtiges Amt seien zwar in erster Linie daran interessiert, für die Führung der auswärtigen Politik eine starke Flotte hinter sich zu haben. Es ließe sich aber nicht verhindern, daß die Schaffung einer solchen Flotte auf dem Gebiet der äußeren Politik zu schweren Friktionen und Krisen führen könne“.

Tirpitz gab zu erkennen, er wisse von einer Koalition der Flottenbefehlshaber, darunter auch der Admiralstabschef, gegen das Reichsmarine-Amt. Der Staatssekretär nahm ausdrücklich Bezug auf Gespräche „des Grafen von Baudissin mit dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts Schoen als es sich um Agreements-Vorschläge auf einseitiger Basis“ gehandelt habe und suchte zu erwirken, dass Wilhelm II. „unzulässige und gefährliche unbedachte[r] Kritiken“ per Kabinettschreiben verbiete.

Voraussetzungen für den Einsatz der Flotte. Flotte gegen England.

Daraufhin berief am 3. Oktober Bethmann Hollweg Tirpitz zu sich. Der Kanzler unterstrich, dass gegenüber England jede Spitze zu vermeiden sei; was der Marinevertreter jedoch betreibe. Tirpitz argumentierte, in enger Anlehnung an Wilhelm II., „der Risikogedanke“ genüge nicht mehr. „Etwas Greifbares, Zahlenmäßiges [sei] nötig“. Der Staatssekretär betonte ferner, auf die durch den Tripoliskrieg veränderte Situation eingehend, „jetzt dränge er aber zu handeln“ Hervorh.v.m., B.S.. Tirpitz führte aus, er schaffe eine „klare Position, frei von allen aggressiven Gedanken“. Bethmann Hollweg gab zu bedenken, es handele sich „aber doch um [eine] direkte Bezugnahme auf [die] engl[ische]. Flotte“. Er, der Kanzler, „habe doch immer vertreten, wir bauten die Flotte gegen Niemanden“. Daraufhin ließ Tirpitz die Katze aus dem Sack. Er antwortete, er habe

„diesen Ausspruch immer bedauert. Jeder habe doch gewußt, daß wir geg[en]. E[ngland]. bauen“ Hervorh.v.m., B.S..

Offensichtlich ging es dem Reichskanzler darum, die Tirpitz’ Forderung abzuwehren, eine Flottennovelle sofort für das Frühjahr, bzw. spätestens den Herbst 1912, anzukündigen. Bethmann Hollweg resümierte:

„Faßt man diese beiden Gesichtspunkte zusammen, so würde die Motivierung der Flottennovelle auf die Behauptung hinauslaufen, daß die Ereignisse dieses Sommers die Gefahren eines Krieges zwischen Deutschland und England, wofern Deutschland überhaupt noch eine aktive ‚Weltpolitik’ führen wolle, derart nähergerückt hätten, daß die Vermehrung der deutschen Flotte bis zur Relation von 2 zu 3 notwendig sei“.

Zu den „marinetechnischen“ Werten, der innenpolitischen Bedeutung und außenpolitischen Implikationen, wünschte Bethmann Hollweg die Position des Staatssekretärs des Reichsmarine-Amtes zu klären. Der Reichskanzler stellte in Aussicht:

„Mein Urteil über die auswärtige Situation Deutschlands, die Einwirkung der Marokkopolitik und der Tripolisaffäre auf dieselbe und über die Rückwirkungen einer Flottennovelle auf sie, werde ich Seiner Majestät demnächst vortragen. Dabei werde ich die Eventualität eines Krieges mit England ins Auge zu fassen haben. Zu diesem Zweck bitte ich Eure Exzellenz um eine Äußerung darüber, inwieweit unsere Chancen in einem solchen Kriege von der Fertigstellung des Kanals und der Helgoländer Anlagen abhängig sind“ vgl. Fritz Fellner, Tagebuch Redlich-Hervorh.v.m.,B.S..

Dass es unmittelbar um die Frage eines Krieges mit England ging, ist damit für diesen Zeitpunkt belegt. Es bestand offensichtlich direkte Kriegsgefahr.

Müller berichtete dem Kaiser, die Unterredung zwischen Bethmann Hollweg und Tirpitz habe „erhebliche politische Bedenken des Reichskanzlers ergeben“. Bethmann Hollweg habe dem Staatssekretär den Auftrag erteilt, einige Fragen „zur Beurteilung der marine-politischen Situation“ zu beantworten. Müller stellte der Kanzler in Aussicht, er werde „in den nächsten Tagen in Hubertusstock“ in der Angelegenheit dem Kaiser Vortrag halten. Auch Müller enthüllte am Ende seines Schreibens, es sei um unmittelbar drängende Entschlüsse gegangen. Er schloss, „ob die politischen Verhältnisse das sofortige Handeln nützlich oder angängig erscheinen lassen“ Hervorh.v.m., B.S., könne er nicht entscheiden. Parallel hatte Bethmann Hollweg den Chef des Admiralstabs um ein Gutachten „über die Abhängigkeit unserer Kriegschancen von der Fertigstellung des Kanals und der Helgoländer Anlagen“ gebeten.

Heeringen antwortete:

„Unsere Chancen in einem Kriege gegen England sind unter den augenblicklichen Verhältnissen nicht groß. Der Grund hierfür liegt in dem gegenseitigen Stärkeverhältnis der Seestreitkräfte. Der Kanal hat seine Bedeutung zunächst nur darin, daß er die Konzentration unserer Flotte vor Kriegsausbruch oder bei einer Mobilmachung wesentlich erleichtert. Solange er für eine Anzahl unserer Schiffe nicht benutzbar ist, sind wir gezwungen, den Aufmarsch früher vorzunehmen, als nach der Fertigstellung nötig sein würde. Im frühen Verlauf des Krieges kann der Kanal Bedeutung erlangen, wenn es sich darum handelt, einer Ostseeflotte entgegenzutreten. Es ist aber nicht wahrscheinlich, daß gerade England seine großen Schiffe den Gefahren einer Ostseekriegführung angesichts unserer Torpedo- und Unterseeboote aussetzen wird.
Helgoland soll unseren Torpedo- und Unterseebooten einen vorgeschobenen Stützpunkt für Unternehmungen in der Nordsee sichern. Die Anlagen für die Unterseeboote sind jetzt fertig, 16 Unterseeboote sind oder werden in kurzer Zeit bereit sein. Liegen Unterseeboote bei Helgoland, so sichern sie zunächst nicht nur die Deutsche Bucht gegen eine englische Blockade, sondern auch Hafen und Insel gegen eine Beschießung.
Daß die Festungswerke der Insel noch nicht fertig sind, fällt daher, wenigstens für die erste Zeit des Krieges, nicht mehr so ins Gewicht. Dazu kommt. daß die Südgruppe der Werke noch in diesem Winter fertig werden soll. Das Wichtigste in Bezug auf Helgoland ist also schon geschehen. Die endgültige Fertigstellung des Kanals und der Helgoländer Anlagen verbessert hiernach unsere Kriegführung in bestimmten Richtungen.
Maßgeblich für unsere Chancen England gegenüber sind aber weder der nicht fertige Kanal noch das unvollendete Helgoland, sondern lediglich die doppelte Überlegenheit der englischen Flotte über die deutsche. Auch nach Fertigstellung der genannten Bauten wären daher unsere Chancen für diesen Kriegsfall nicht entscheidend besser als heute. Diese Tatsache bedeutet für uns eine dauernde Gefahr, der durch Erstellen eines richtigeren Stärkeverhältnisses baldigst begegnet werden sollte“.

Der Admiralstabschef bezeichnete diesen Punkt als von „außerordentlichen[r] militärischen[r] Bedeutung“.

„Naturgemäß müssen wir bei jeder weiteren Verstärkung durch eine Zeit hindurch, die im Hinblick auf England eine gewisse Gefahr in sich schließt. Dies wird sich aber niemals vermeiden lassen, wenn wir überhaupt jemals zu militärisch brauchbaren Chancen England gegenüber kommen wollen“.

Heeringen machte sich zum Sprachrohr des weiteren Flottenbaus und plädierte mit Nachdruck dafür, der Flotte „zur Erhaltung des inneren moralischen Elements wie zum äußeren Erfolg“ unbedingt zu einer „militärisch brauchbaren Chance gegen England“ zu verhelfen. Abschließend glaubte der Admiralstabschef, verneinen zu können, England werde Deutschland „allein mit Krieg bedrohen“. Geriete das Reich mit einer anderen Macht in Konflikt, führt er weiter aus, dann allerdings würde die Sache anders aussehen. Er folgerte:

„Ist dies zutreffend, so müssen wir unsere Flotte möglichst bald auf eine brauchbare Höhe für den Krieg mit England bringen“.

Flottenplan und unmittelbare Kriegsvorbereitung.

Wie allgemein in der Marine, so vertrat auch der Chef des Admiralstabes damit die Theorie, „den Engländern imponiert…nur Stärke und Macht. Sind diese auf unserer Seite vertreten, so werden auch die Aussichten auf politische Erfolge unter Aufrechterhaltung des Friedens erheblich steigen“. Bethmann Hollweg ersuchte Tirpitz zu diesem Zeitpunkt „um [die] schriftliche Darstellung der Gründe für [die] Notwendigkeit der Einbringung einer Flottennovelle“. Daraufhin entwarf Tirpitz eine Erklärung, welche der Kanzler für die Marokko-Debatte des Reichstages benötigte.

Ein Krieg mit England stand demnach außer Frage. Deutschland war im Jahre 1911 dazu nicht in der Lage. Zudem entwickelte Admiral von Müller, in Anlehnung an Tirpitz, dem Reichskanzler Bedenken gegenüber dessen Formel für die diskutierte Flottenergänzung. Auch der Kaiser habe in Hubertusstock „die augenblickliche politische Lage“, als Argument für eine Flottennovelle, angeführt. Am 15. Oktober stimmte Wilhelm II. zu, „in diesem Herbst eine Erklärung im Reichtage über das anzustrebende Stärkeverhältnis n i c h t“ abzugeben. Der Chef des Marine-Kabinetts fixierte in einer Aktennotiz den Stand der Verhandlungen mit England. Diese enthält Ausführungen über den Gegenstand einer Unterredung von Müllers mit dem englischen Botschafter Goschen, die im Beisein des Außenministers Kiderlen-Waechter stattfand. Ausgeführt wurde, „so lange England sich nicht zu einer deutsch freundlichen Politik entschließe“, sei auch eine „Verständigung in der Flottenabmachung ausgeschlossen“. Müller bestätigte, Deutschland „erkenne die englische Suprematie auf See an“, um dann anzuschließen:

„Aber wir können keine so erdrückende Suprematie anerkennen, daß England jederzeit ohne…Risiko über uns herfallen kann, sondern wir wollen so stark sein, daß wir bei einem Angriff Englands gegen uns die englische Flotte so zurichten, daß sie von den anderen Nationen nicht mehr gefürchtet zu werden braucht“ Hervorh.v.m., B.S..

Müller suchte Goschen zu beweisen, dass „von einer Beschränkung im Flottenbau für Deutschland nicht die Rede sein könne, wenn nicht auch alle anderen großen Staaten in dieses Abkommen mit einbezogen würden“.

Am 4. November wurde das Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich über Marokko geschlossen, das die gleichnamige Krise abschloss. Während der Marokkokrise äußert sich der englische Außenminister vor dem Unterhaus zur Wahrscheinlichkeit eines Krieges. Grey fasste das labile Verhältnis Großbritanniens zu Frankreich und Rußland zusammen:

„und beide, Frankreich und Rußland, wissen sehr wohl, daß die englische Meinung eine herausfordernde oder aggressive Handlung gegen Deutschland nicht unterstützen würde“.

Tirpitz berichtete Bethmann Hollweg am 19. Oktober über seine Unterredung mit dem Reichsschatzsekretär. Der Kaiser sandte am 24. Oktober den Chef des Zivilkabinetts „mit dem Auftrage“ zu Wermuth, „unter allen Umständen Mittel für die Flottennovelle flüssig zu machen“. Der Befehlshaber der Flotte, Admiral Holtzendorff, griff in diesem Stadium in die Diskussion mit einem Schreiben an Tirpitz ein. Der Admiral äußerte sich zur „Entwicklung der Flotte und der Besserung der Kriegsbereitschaft“. Reichskanzler, Admiralstab und Reichsschatzamt erhielten daraufhin den „Entwurf zur Flottennovelle 1912“. Der Chef des Admiralstabes antwortete am 24. November, und stimmte zu. Bethmann Hollweg telegraphierte dem Kaiser, „der vorgelegte Reichsetat“ enthalte „noch nichts von der Flottennovelle“. Wermuth äußerte sich parallel „zu den Kosten“. Der Kriegsminister erklärte am 29. November „seine Bereitwilligkeit zur Teilnahme an den Verhandlungen“. Der Chef des Admiralstabes berichtete Tirpitz „über seine Unterredung mit dem Kriegsminister am 30. November. Noch am selben Tage wehrte sich Bethmann Hollweg. Valentini, der Chef des Zivilkabinetts, wirkte auf den Kanzler ein, eine „ernste[n] Krisis“ zu vermeiden und deshalb die Marinenovelle einzubringen. Selbst ein Rücktritt Bethmann Hollwegs wurde nicht ausgeschlossen. Schließlich forderte der Kanzler am 4. Dezember den Kriegsminister auf, „baldmöglichst genaue Angaben über den Bedarf der Armeeverwaltung für die nächste 5 jährige Finanzperiode“ zu machen. Der Kriegsminister „hat keine Bedenken[,] dass sein Etat zu dem in Aussicht genommenen Termin im Bundesrat zur Beratung gestellt wird“.

46 – Spannungen im Entente-Verhältnis.

Der englische Botschafter in Petersburg, George Buchanan, zeigte sich erstaunt, dass Petersburg, trotz der Haltung des Reichs in der Annexionsfrage des Jahreswechsels 1908 / 09, das deutsche Volk „mit Nachsicht beurteilte und ihm nicht jenen bitteren Groll entgegenbrachte wie Österreich“. Bei Antritt seiner Mission in der russischen Hauptstadt äußerte derGesandte offen die Besorgnis des englischen Königs, angesichts der deutsch-russischen Verhandlungen seit Potsdam. Auch Sazonow gegenüber betonte der britische Gesandte wenige Wochen später, England hätte

„den geringsten Einwand gegen die Pflege guter Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland…, daß wir aber fürchteten, dies könnte auf unsere Kosten geschehen. So gerne wir selbst mit Deutschland zu einer Verständigung in den Rüstungsfragen gelangten, würden wir doch niemals daran denken, einen Schritt zu tun, der uns unsere Freundschaft mit Rußland und Frankreich kosten könnte“Hervorh.v.m., B.S..

Jedenfalls entwickelte der englische Gesandte das Bild einer weitaus offeneren europäischen Staatengesellschaft, als bislang in der Geschichtswissenschaft – unter dem Eindruck des „Kalten Krieges“ seit 1948 – üblich. Eine Interaktion der verschiedenen Staaten unter- und miteinander fand demnach, selbst über die Hürden der Bündnisgruppierungen hinweg, statt. Fehler Sazonows in den Verhandlungen mit Kiderlen Wächter über die Bagdadbahn hatten Russland gebunden, und dazu gezwungen den Widerstand gegen dieses Projekt aufzugeben. Gleichzeitig bedeuteten diese Abkommen eine arge Belastung der britisch-russischen Beziehungen. Jedenfalls ging es Anfang 1912, zwischen London und Petersburg, um das Überleben der Entente von 1907 über Persien. Jedenfalls stand eine Revision des englisch-russischen Verhältnisses zur Diskussion.

Wilhelm II. parlierte beim Neujahrsempfang 1911 mit den englischen Botschafter. Augenscheinlich bemüht um gute Atmosphäre, sprach der Kaiser möglichst positiv. Goschen berichtete:

„Said he had exchanged very cordial letters with the King etc. Bewailed the state of politics in England – and said he had received many very ‘violent’ letters from his friends in England on the subject. Added that he had great confidence in the conservative instincts of the British people being sufficiently strong to prevent any too radical change“.

Der französische Botschafter beobachtete den Gedankenaustausch zwischen Berlin und London offensichtlich mit Misstrauen. Jules Cambon äußerte gegenüber Goschen sein Missvergnügen:

„Cambon chaffed me afterwards at the ‘Cour’ made to me by their Majesties – and attributed it to our new ‘Alliance’.!!“

Wie sehr die Entrevue von Potsdam das Kalkül der Westmächte England und Frankreich störte, enthüllte die Unterredung zwischen Goschen und Zimmermann am übernächsten Tag. Vorgeblich sollten die Russen zu Deutschlands Vorschlägen von 1907 nicht schriftlich geantwortet haben. Doch sickerte durch, Sazonow habe, nach den Potsdamer Gesprächen, den ersten Artikel der Übereinkunft zur Bagdadbahn Berlin übersandt. Doch Goschen schloss:

„He told Pansa the same thing – adding that such a note as that alluded to in the Novoe Wremja and French and English Press – would be far too comprehensive for what has taken place up till now between the two Go’ts. this is strange: for while Zimmenmann is saying this – the German Press inspired and otherwise is fulminating ag´st what it considers to be an attempt on the part of the French, Russian and English Press to attenuate the Chancellor´s statememt in the Reichstag – viz. ‘That it has again at Potsdam been made clear that neither Country will join any combination having any aggressive point ag’st the other.’’ The Novoe Wremja limited this to ‘Persia or Turkey’ – while the German Press regards B[ethmann].H[ollweg]’s statement as a general ‘entente’ not to join etc. It is a matter of opinion which of the statements is strongest – the general one – or the one wh[ich]. specially mentions two countries.“ Hervorh.v.m., B.S.

Der Artikel I des deutsch-russischen Abkommens zur Bagdadbahn beschäftigte Paris und London gleicherweise. Der englische Botschafter resümierte:

„As a matter of fact this is a tolerably correct reproduction of the draft Memo, embodying the Potsdam and Petersburg negotiations: which was sent some time ago a fortnight? by Sassonow to German Government without submitting it beforehand to either B’h or F’h Ambassadors – or appenently to Czar. It contained the Art[icle].I about the Bagdad R’way which has caused so much annoyance and disapp’t to French and us, as by it Russia practically detaches herself from us as regards B’d Railway. He told Buchanan that he only meant ‘Railway as far as Bagdad’, but there is no doubt that Kiderlen will hold him to the letter and won’t allow him to wriggle out – i.e. without a row – because there is nothing signed yet“ Hervorh.v.m., B.S..

Schließlich schälte sich heraus, wie sehr das englisch / französisch-russische Bündnis unter Druck stand. Misstrauen regierte. Goschen notierte am 9. Januar in seinem Tagebuch:

„The situation is very confused. Officially French tranquil and certain that nothing has passed either at Potsdam or St. Petersburg which need disturb their minds as to solidarity of Russo-French alliance. But really they are furious and consider that a great blow has been struck against the Alliance and that Sassonow has been made to go much further than he meant, by Kiderlen. I share this view and so does Cambon“ Hervorh.v.m., B.S..

Wer bestimmt in Berlin die Richtlinien der Politik?

Zu diesem Zeitpunkt erschien der Reichskanzler dem Engländer als vielseitiger Kosmopolit mit preußisch-bürokratischen Neigungen. Zugleich erschien Bethmann Hollweg in diplomatischen Verhandlungen als „a novice“. Intellektuell hielt Goschen den Kanzler für fähig; keineswegs jedoch für einen Staatsmann von europäischem Rang. Im Juli 1910 folgte Kiderlen Wächter auf Schoen als Außenminister. Goschen bezeichnete diesen Wechsel als Unglück. Wenig später schrieb er an Nicolson, der neue Staatssekretär des Auswärtigen „would never go in for cheap and showy success at the expense of a rival“ und kurz darauf folgte das Urteil, dass

„Kiderlen has already got the whole direction of Foreign Affairs into his hands and that the Chancellor, as regards that department is like wax in his hands“ Hervorh.v.m., B.S..

Im November 1910 bedrängte ihn der Reichskanzler, Auskunft über Solidität und Kurs der englischen Regierung in der Zukunft zu geben. Goschen antwortete:

„I always tell him that I cannot see into the future and that the only thing I know about politics art home is that our Foreign Policy is always continuous. Men may change and perhaps Methods but the groundwork of our Foreign Policy always remains the same“.

Ende des Jahres fasste der englische Botschafter die politische Situation in Deutschland zusammen. Goschen zeichnete für Nicolson ein ernüchterndes Bild:

„Talking of the Emperor it is a strange thing how much he has lost in the eyes of his people. I hear it from all sides – and I have come to the conclusion that it is now only abroad that He is looked upon with the respect and belief in his Powers which he used to enjoy in Germany. I was perfectly astonished at my shooting party the other day to hear how he was criticized. For instance they were talking of the present Chancellor and bewailing the fact that there was now not a single great man in Germany capable of directing the affairs of the Empire. I said, ‘Well at all events you have the Emperor.’ They as much as said God help us if we have only ththe expense of a rival“ und kurz darauf folgte das Urteil, dass

„Kiderlen has already got the whole direction of Foreign Affairs into his hands and that the Chancellor, as regards that department is like wax in his hands“ Hervorh.v.m., B.S..

Im November 1910 bedrängte ihn der Reichskanzler, Auskunft über Solidität und Kurs der englischen Regierung in der Zukunft zu geben. Goschen antwortete:

„I always tell him that I cannot see into the future and that the only thing I know about politics art home is that our Foreign Policy is always continuous. Men may change and perhaps Methods but the groundwork of our Foreign Policy always remains the same“.

Ende des Jahres fasste der englische Botschafter die politische Situation in Deutschland zusammen. Goschen zeichnete für Nicolson ein ernüchterndes Bild:

„Talking of the Emperor it is a strange thing how much he has lost in the eyes of his people. I hear it from all sides – and I have come to the conclusion that it is now only abroad that He is looked upon with the respect and belief in his Powers which he used to enjoy in Germany. I was perfectly astonished at my shooting party the other day to hear how he was criticized. For instance they were talking of the present Chancellor and bewailing the fact that there was now not a single great man in Germany capable of directing the affairs of the Empire. I said, ‘Well at all events you have the Emperor.’ They as much as said God help us if we have only the Emperor to rely on – what they did say any way was that His Majesty had certain high ideals and thought he could do a lot of things better than any one else – but ‘as for directing the affairs of[f] the Empire – why – he is not in the least in touch with his people and has no notion whatever of politics – either external or internal’! This, mind you, was from men who know him well and are continually about him. This is what the big people say – the lower ranks are still harder on him“ Hervorh.v.m., B.S.

Krisen-Fahrpläne: London und Berlin.

Anfang Februar 1911 legte Kiderlen Wächter seinen Fahrplan für Marokko dem Kanzler vor. Dieser sollte zur Grundlage der Beschlussfassung bei Wilhelm II. werden. Darin vertrat Kiderlen die Auffassung, Ziel von Verhandlungen über Marokko müsse sein, den ganzen französischen Kongo zu gewinnen. Im Fall einer Teilung des belgischen Kolonialreiches sollte der Kongo die Brücke zu Ostafrika schlagen. Drohen wollte der Außenminister mit der Forderung, Marokko und Casablanca zu evakuieren. Doch der Staatssekretär erwartete nicht, dass die Franzosen die Drohung annehmen würden. So startete die Aktion am 6. April, mit der Ankündigung abweichender deutscher Ansichten, zu Marokko. All dem unterlag der Gedanke, Frankreich stehe Deutschland auf der ganzen Linie feindlich im Wege. Deshalb, so die Ansicht der deutschen Führung, Frankreich sei der Hauptgegner.

Am 9. Mai interpretierte Jules Cambon, gegenüber seiner Pariser Zentrale, die deutsche Taktik:

„Perhaps I need see in Germany’s attitude no more than a wish to intimidate us, to recover what she has abandoned and to get the most she can out of other affairs after having ascertained the weakness of our opposition. Be that as it may, our moral obligations towards our nationals and towards the countries with which we have signed agreements, our dignity as a great nation and the importance of a rightly-understood relation between ourselves and Germany, require us to follow out the programme of prudent activity that we have decided upon“ Hervorh.v.m., B.S..

Noch Mitte Mai fand sich Goschen, angesichts der deutsch-russischen Annäherung, im Foreign Office mit Nicolsons Depressionen konfrontiert. Der Gesandte hielt fest:

„Had a good talk with Nico[lson]: but found him rather depressed and of course unable to give me news of any decided policy. Drift seemed to me to be the order of the the day – as there is a decided revirement for Germany in British Public Opinion – and the idea of the Gov’t seems to be to take count of this by spreading negotiations over a long time – even tho’ they know that no definite agreement is likely. This is an unpleasant position – 1. for H[is].M[ajesty’s]. Amb’r at Berlin. 2. for Nico whose child the Triple Entente is. I am to see Grey on Monday“.

Doch auch der Außenminister sah den Weg nun nicht mehr klar vorgezeichnet. Der englische Botschafter notierte für seine Aufzeichnungen:

„Good conversation with Sir E. Grey: but I don’t see the way clear ahead – nor does he!“

Am 18. Mai dinierte Goschen mit Grey. Eine entscheidende Aussprache auf höchster Ebene. Der englische Geschäftsträger in Berlin hielt fest:

„Lunched with Grey. The party being He, Asquith Nicolson and myself. Most interesting and rather alarming. We did have a good talk – and I found Asquith and Grey quite sound on For[eign].Pol[itics]. I wish I could say the same for their internal ones“.

Die Einweihung des Queen Victoria-Denkmals vor dem Buckingham Palace und die Krönung König Georg V. führten Goschen zweimal nach London, sodass er Anfang Juli erneut mit Grey im Foreign Office über Marokko sprechen konnte. Goschen merkte an, es sei „a good talk about Marocco“ gewesen. Zeitgleich die Krönung des neuen Königs und die bedeutende Rede Asquiths im Unterhaus zu Marokko. Goschen zog scharf die Grenzen und Bruchlinien der europäischen Politik nach – selbst mit Frankreich, aber vor allem zu Deutschland:

„Had a final talk with Nico[lson]: and we were very satisfied with Asquith’s declaration in the House of Commons that the desp[atch]. of the German ship to Agadir created a new situation – and that if it raised international questions – and a German occupation was threatened – we should be solid with France and keep a sharp eye on every thing that might affect B’h interests. Our idea is that France paid us for letting her alone as regards Morocco – by giving us free hand in Egypt: if Germany goes to Morocco – situation changed because she has paid us nothing“.

Goschen erfuhr während seines England-Aufenthaltes von Georg V., in einer einstündigen Unterredung, von dessen Gesprächen mit Wilhelm II. Goschen notierte am 22. Mai:

„He was most gracious and kind and talked with me for an hour on German and other affairs. He told me that only on the last day before going had the Emperor talked politics with him – and on the subject of Marocco. The K[aiser]. seems to have kept his end up very well. He is dead against any binding naval or pol[itical]. arrangement – and told me to try and stop it!…“Hervorh.v.m., B.S..

Ende Mai fanden im Rahmen des Commitee of Imperial Defence Verhandlungen zu Leitfragen der britischen Politik statt. So hielt der Marineminister McKenna einen Vortrag zum „Hauptziel“ der englischen Flottenstrategie in Kriegszeiten. Dabei wurde ausgeführt, „das Ziel der Reichsflotte“ sei, „durch vereinte Anstrengungen der Marine die Herrschaft über das Meer mit der geringsten nur möglichen Verzögerung an sich zu bringen“. Dabei solle „dem Feind das Meer“ verschlossen werden. Das heiße „nicht nur die Küsten unserer Inseln, sondern, mit Ausnahme von Kanada, alle Dominions von jeder Invasionsangst sich frei fühlen“ dürften,

„und daß der Handel des Reiches gesichert wäre. Der Feind hingegen weder die Möglichkeit hätte, seine Truppen zu transportieren, noch seinen Handel fortzusetzen und, daß der wirtschaftliche Druck durch Zerstörung des Überseehandels für fast jeden modernen Staat so schwerwiegend würde, daß dies“,

wie McKenna annahm, „schon noch etwas mehr als einen lähmenden Schlag bedeuten müßte“. Lord Haldane erörterte die besonderen Bedingungen, unter denen eine englische Armee gebildet worden sei:

„Wir haben Seegrenzen, die wir besser und viel billiger verteidigen können, wenn wir uns zu diesem Zwecke in weitem Maße auf die Flotte stützen. Unsere Kräfte konzentrieren wir vor allem auf die Schaffung einer Überseearmee oder vielmehr einer Reihe von Überseearmeen: eine für die Verteidigung von Indien, eine andere für die Verteidigung von Afrika und wieder andere für die Bildung der ägyptischen Besatzungen und der Besatzungen im Mittelmeer; und überdies haben wir unsere Aufmerksamkeit auf eine Expeditionsarmee gerichtet, die fertig zum Mobilisieren in unserem Lande bereitsteht und nach irgendeinem Teil der Dominions der Krone gesandt werden kann, falls sie sie zu ihrer Hilfe benötigen“ Hervorh.v.m., B.S..

Eben dieses Moment wurde betont, um die Zustimmung der Mitglieder des Empire zu erwirken. Wenngleich Haldane dies unter vollständiger Verzeichnung der wahren Absichten der Armeereorganisation unternahm. Haldane umriss lediglich den Umfang der zur Verfügung stehenden Verbände:

„Wir haben zu Hause eine sehr kleine Armee, aber wir haben in Indien etwa 77000 Mann britischer Truppen, wir haben anderswo, in Afrika und Ägypten, weitere britische Truppen und auch Truppen für die Mittelmeer-Besatzungen und andere Orte, wodurch eine Gesamtheit von etwa 115000 Mann zusammenkommt. Überdies haben wir eine Expeditionsarmee, bereit, daheim mobilisiert zu werden, und über 167000 Mann stark, wenn sie mobilisiert ist, und noch eine gute Anzahl anderer Truppen. Wir haben alles zusammen so etwas wie 300000 auf lange Frist angeworbene Mann und noch mehr; dadurch unterscheiden wir uns gänzlich von den Armeen des Kontinents“ Hervorh.v.m., B.S..

Wiederum ging Haldane jedoch über die tatsächliche Zielstellung der Kräfte des Expeditionskorps im Heimatland hinweg:

„Die beiden Ziele, wofür die gesamte Armee existiert, die der Dominions sowohl wie die britische, sind lokale Verteidigung die wie Sie sehen werden, für uns zu Hause eine weniger bedeutsame Angelegenheit ist, Überseeverteidigung und gegenseitige Hilfe“.

Bei dieser Gelegenheit wurde ebenfalls die „Koordination der Handlung aller Regierungs-Departements im Moment des Kriegsausbruches“ behandelt. Von mangelhafter Vorbereitung Englands in diesem Mai 1911, und danach, kann demnach wohl kaum gesprochen werden.

47 – Die Marokkokrise auf dem Höhepunkt.

Vor seiner Abfahrt nach London hatte Wilhelm II. in Berlin über das deutsche Vorgehen in der Marokkofrage klärende Gespräche mit dem Reichskanzler und dem Staatssekretär des Auswärtigen geführt. Seine positive Haltung, einem Flottenabkommen gegenüber, sollte sich im wesentlichen bis 1913 nicht ändern.

Die Mitte des Monats Juli stand bevor, als Goschen in Berlin mit Jules Cambon zusammentraf und dieser ihm die Ereignisse auseinander setzte. Goschen notierte am 10. Juli:

„Long talk to Cambon, who told me everything that had passed – which was in fact and in brief that after a conversation with Kiderlen at Kissingen in which latter had made certain proposals with regard to compensation outside Morocco – Cambon went home to lay these proposals before his Gov’t – and before he could do so owing to change of Gov’t and only 3 days after Kid.’s proposals – Agadir happened.
Cambon furious naturally. Went raving to Schoen and gave a bit of his mind as regards K[iderlen]’s proceeding.
He then came back here – and had a conversation with K[iderlen]. which beginning, naturally, very stiffly ended by the same proposals as K[iderlen]. had made at Kissingen“ Hervorh.v.m., B.S..

In einem Gespräch mit dem deutschen Kronprinzen erfuhr der französische Botschafter, dieser nehme nicht an, die Franzosen würden sich aus Marokko zurückziehen. Es ginge lediglich darum, dass Deutschland seinen Anteil erhielte; dann könne Frankreich machen was es wolle. Kiderlen ließ als Stichwort für diese Kompensation „Mogador“ fallen. Die Idee, so der Botschafter, freie Hand für Frankreich gegen Mogador, sei eine Versuchung für deutsche Gehirne. Cambon fuhr nach Bad Kissingen, um mit Kiderlen zu verhandeln. Dieser lag durchaus nicht falsch, wenn er betonte:

„I do not contest your influence in Marocco, but influence is not the same as protectorate, and it is a veritable protectorate that you are setting about organizing in Marocco. That is not contemplated either in the act of Algeciras or in the Agreement of 1909“.

Der Staatssekretär des Auswärtigen wollte ein Angebot Frankreichs hören. Cambon mahnte Paris, Spanien nicht zu vergessen, in dessen Arme sich Deutschland sofort begeben würde. Spanische Unterstützung an den Pyreneen: ein Traum deutscher Strategen. So oder ähnlich äußerte sich der Gesandte in Richtung Paris.

Hinsichtlich einer schnellen Lösung beurteilten Cambon und Goschen gleicherweise die Lage sehr skeptisch. Drei Tage später kam es erneut zu heftigen Verhandlungen zwischen Kiderlen und dem französischen Botschafter. Der englische Geschäftsträger bemerkte:

„The demands are shocking – w[hic]h. may – or may not be – K[iderlen]’s fault. K[iderlen]. sent for me and talked about meeting of B’h and German Squadrons at Molde under H[is].M[ajesty].’s eye! He took a line which I sh’d not have expected: but in wh. I quite agreed“.

Am 1. Juli der Paukenschlag. Botschafter Schoen teilte am Sonntag, dem 1. Juli mit, das Kanonenboot Panther sei gerade in die Bay von Agadir eingelaufen um deutsche Interessen zu schützen. Wilhelm II. und Kiderlen buhlten um die Urheberschaft dieser Aktion. Kiderlen schrieb seiner Freundin:

„But with this ship at Agadir, I could land troops the moment I recognized that the war was inevitable. Our adversaries for England would without doubt be on the side of France would send warships to Agadir, and then we should no longer be the aggressors; this would be a great advantage, firstly before the world, secondly vis à vis our allies, with whom we only have a defensive alliance, and thirdly [sic] before our own people also who, the moment we are attacked, would rise as one man, the Socialists included“ Hervorh.v.m., B.S..

Dass „das Volk“ die deutsche Regierung in den Krieg treibe, von dieser These eines deutschen Historikers, hielt der Staatssekretär offenbar nichts.

Die Entente organisiert sich.

In London trat das Kabinett auf die Nachricht vom „Panthersprung“ hin sofort zusammen. Goschen wurde ersucht, in Berlin eine Aufklärung des Vorganges zu verlangen. „Die britische Regierung könne sich in Marokko nicht ‚desinteressieren‘ und erwarte eine Aufklärung der deutschen Absichten“. England war nun einmal über die Entente mit Frankreich, und den Vertrag von Algeciras, mit der Marokkofrage verbunden. Es schien, als ob Deutschland die Absicht verfolge, „mit Gewalt oder Handeln eine Flottenbasis an der Atlantischen Küste zu errichten“ Hervorh.v.m, B.S..

Die Abstimmung zwischen Paris und London lief darauf hinaus, dass Caillaux mitteilte, die Deutschen sollten zunächst mitteilen, welche Art Kompensation sie schließlich forderten. Am 11. Juli traf Jules Cambon den Kanzler, der sich über den zunehmenden Lärm um Marokko beklagte. Schließlich sei ihm unbequem, wenn in der deutschen Öffentlichkeit der Eindruck entstünde, das Reich würde nicht das bekommen was ihm zustehe. Diese Wendung war wohl mehr Attitüde denn Realität, mehr als große Geste gegenüber dem Franzosen als Republikaner gemeint und damit für die Galerie gesprochen. Bethmann Hollweg, der demnach keineswegs von der Außenpolitik abgeschlossen war, riet dem französischen Gesandten, Kiderlen in Bad Kissingen aufzusuchen. Mit dem „Panthersprung“ war Bewegung in die schleppende Diskussion gebracht und der Außenminister war seinem Ruf treu geblieben, Dinge nicht säumig zu behandeln. Am 16. Juli fand die Unterredung zwischen Jules Cambon und Kiderlen statt und der französische Botschafter kam zu dem Ergebnis, sein Gesprächspartner wolle Frankreich unter Druck setzen, um schließlich einen Atlantikhafen als Ersatz für Agadir zu erhandeln. Kiderlen wolle Libreville, das sei die Konzession um die es gehe.

Was das deutsche Bemühen nur erfolgversprechender erscheinen ließ, nämlich England an Berlin heranzuziehen, während der Versuch unternommen wurde, Frankreich zu bedeutenden kolonialen Kompensationen in Mittelafrika zu veranlassen. Mitte Juli eröffnete dann Kiderlen seinem Gesprächspartner, er wolle den ganzen französischen Kongo. Als der Franzose daraufhin fragte, wie sie dann zum Meer kommen sollten, antwortete der deutsche Außenminister: „Über die Eisenbahn, die wir bauen werden“.

An eben diesem Freitag teilte Kiderlen, deutlich warnend, dem französischen Botschafter mit, er werde die Verhandlungen nicht weiterführen,

„if every thing they He and Cambon say is communicated by French Gov[ernmen]t. to French Press“.

London sieht Befürchtungen bestätigt.

Am 26. Mai 1911 war das „Committee of Imperial Defence”, der britische Reichsverteidigungsrat, in London zusammengetreten. Grey gab die „streng vertrauliche Darstellung der internationalen Lage“. Unverkennbar, so führte er aus, sei eine Wirkung der Ententen mit Frankreich und Russland, die „beträchtliche Eifersucht von Deutschland“. Der Außenminister stellte klar und unmissverständlich die einer unter Umständen möglichen Einigung mit Deutschland zugrundeliegende Idee heraus. Grey führte aus:

„Wenn wir öffentlich Freundschaft mit Deutschland schließen, so muß es eine Freundschaft sein, in die wir unsere bereits vorhandenen Freunde in Europa hineinnehmen und an der sie Teilnehmer werden. Daneben muß es klar und deutlich sichtbar werden, daß es keine Aussicht auf Störung des Friedens zwischen Deutschland und Frankreich oder Deutschland und Rußland gibt“ Hervorh.v.m., B.S..

Gefahr, räumte Grey ein, bestehe nur im Falle „Napoleonischer Politik“ einer der Kontinentalmächte. Der Außenminister betonte als unbedingte Schallgrenze jeglicher englischer Politik der freien Hand:

„Aber ich bin mir vollkommen dessen bewußt, wenn eine Situation sich ergeben sollte, und die Gefahr entspränge, daß die Mächte oder eine Mächtegruppe solch beherrschende Stellung in Europa erstrebten, die sie auf dem europäischen Kontinent nicht nur zu Gebietern über Krieg und Frieden, sondern auch über die Diplomatie aller anderen Mächte Europas werden ließe, wenn wir dann, im Fortschreiten dieses Prozesses, um Hilfe angerufen würden und ruhig dabeisäßen und zusähen, dann müßten wir einsehen lernen, daß das Resultat ein großes europäisches Bündnis wäre, außerhalb dessen wir ohne Freund zurückbleiben würden“ Hervorh.v.m., B.S..

Das grundlegende Moment bei einem Kriegsentschluss und folgendem Einsatz einer Landarmee auf dem Kontinent könne nur sein:

„daß unter solch außergewöhnlichen Umständen, wie ich sie erwähnte, möglicherweise die Frage sich ergeben könnte, ob wir mit Gewalt in europäische Angelegenheiten eingreifen sollen, und wenn wir es täten, so wäre es einzig, weil die Seemacht und die Notwendigkeit, die Herrschaft über das Meer zu behalten, grundlegende Ursache und Motiv unseres Handelns wären“ Hervorh.v.m., B.S..

Unverkennbar wurde die Gefahr erkannt, Deutschland könne

„mit seiner mächtigen Armee, wenn es eine Flotte, stärker als die britische Flotte hätte, uns offenkundig nicht nur zur See vernichten, sondern in sehr kurzer Zeit mit seiner Armee in London sein“ Hervorh.v.,m, B.S..

Berlin schlußfolgert: der Gegner heißt England.

Parallel fraß sich in Deutschland der Gedanke fest, der „Krieg mit England“ sei „unvermeidbar“. Es müsse und werde „der Germanismus vorherrschen“. England sei „der Koloß mit tönernen Füßen“. Eine Überzeugung, die der Osteuropaspezialist Otto Hoetsch an der Berliner Universität für Rußland vertrat.

Dass Deutschland sich vierzehn Tage in Schweigen gehüllt habe, trifft demnach keineswegs zu. Damit fällt auch die Begründung, die Rede Lloyd Georges am 21. Juli, anlässlich des Diners des Lord Mayor von London für die Bankiers der City, sei die Antwort auf deutsche Missachtung gewesen. Keineswegs soll eine Drohung oder Herausforderung darin enthalten gewesen sein, war doch der Eindruck in Deutschland ein völlig anderer. Von Grey und Asquith bestätigt, sagte Lloyd George nichts weiter, als dass, wenn sich

„England dort, wo seine Interessen ernstlich berührt sind, so behandeln ließe, als wäre es ohne Geltung im Rate der Völker, dann, betone ich ausdrücklich, wäre Friede um diesen Preis für ein so großes Land, wie das unsere, eine nicht zu ertragende Demütigung“ Hervorh.v.m., B.S..

Diese Rede habe, so Asquith, eine „crise des nerfs“ in Berlin hervorgerufen. Nicht zuletzt durch englisches Spiel hinter den Kulissen verstärkt. Alles trieb auf eine weitere Verschärfung der internationalen Krise zu. Daraufhin suchte Asquith am 27. Juli der Situation die Schärfe zu nehmen, indem er im Unterhaus erklärte:

„Wir haben es für richtig erachtet, von Anfang an zu erklären, daß wir bei dem Mißlingen einer Beilegung, wie ich sie andeutete, aktiver Teilnehmer an der Erörterung über die Lage werden müßten. Das wäre unser Recht als Signatarmacht des Vertrages von Algeciras; es wäre unsere Verpflichtung nach den Sätzen des Abkommens mit Frankreich von 1904, es wäre unsere Pflicht zur Verteidigung durch weitere Entwicklung direkt berührter britischer Interessen“ Hervorh.v.m., B.S..

Tirpitz äußerte sich am 1. August, gegenüber Bethmann Hollweg, „über die Einbringung einer Mar[ine].Novelle“. Mitte des Monats zeigte Kiderlen Bereitschaft, bis zum 18. die Sache abzuschließen. Goschen meinte, Kiderlen könne das ernst meinen. In Bad Homburg, zwei Tage später, übte Wilhelm II. direkten Druck auf Goschen und Lascelles aus. Nach dem Abendessen auf Schloss Friedrichshof, die Hitze des Tages stand selbst auf der Terrasse, nahm der Kaiser Goschen eine Dreiviertelstunde ins Gebet. Goschen berichtete:

„He was rampant about Lloyd George’s speech and our interference – and said that without that Germany and France would have arranged matters long ago. I reminded him of Agadir and we had some warm work: he abused us like pickpockets. And said that if France didn´t give him the compensation he wanted he would have every French soldier out of Morocco by force if necessary“ Hervorh.v.m., B.S..

Crisis-Management im Kulminationspunkt.

Das war nicht fast eine Kriegserklärung, das war eine letzte Warnung vor dem Schiessen. In Berlin zurück, stellte der englische Geschäftsträger fest, dass Jules Cambon und Kiderlen immer noch nicht weiter gekommen waren. Am 17. August verfinsterte sich die Lage, da der Franzose die angebotenen Kompensationen schmälerte und die französischen Forderungen steigerte. Kiderlen machte auf Goschen einen ernsten und deprimierten Eindruck. Durch französische Pressemitteilungen zusätzlich in die Enge getrieben, sah der deutsche Außenminister fast keinen Bewegungsspielraum mehr für Konzessionen deutscherseits. Dazu die aufgeheizte Stimmung im Volke. Goschen schrieb:

„German public opinion, he said, was up in arms – not only Pan Germans but every one“.

Wiederum suchte Kiderlen, da die Detailverhandlungen zwischen de Selves und Schön ebenfalls stockten, eine zehntägige Unterbrechung der Verhandlungen zu erreichen. Der englische Botschafter sah jedoch die kochende deutsche Volksseele und befürchtete, eine weitere Verzögerung werde durch die Presse dazu benutzt werden, das Feuer weiter zu schüren. Kiderlen und Bethmann Hollweg wollten inzwischen den Kaiser in Wilhelmshöhe unterrichten, Cambon solle offiziell zu Konsultationen nach Paris gehen. Alles das könne gefährlich werden, vermutete Goschen. Das enge persönliche Verhältnis zwischen dem englischen und dem französischen Botschafter führte zu enger Abstimmung zwischen London und Paris, letztlich aber auch Berlin, obwohl dies der französischen Regierung verborgen blieb.

Die Verhandlungen wurden am 19. August unterbrochen. Der französische Geschäftsträger ging nach Paris. War jedoch genauso deprimiert wie Kiderlen zuvor, denn die Pariser Zentrale machte es dem Unterhändler nicht leicht. Wollte Frankreich den Krieg? Der ungarische Gesandte Szögyenyi brachte aus Wilhelmshöhe neue Nachrichten, die belegten, dass der Kaiser im Begriff war mit Großbritannien zu brechen; doch einen Krieg wollte er vermeiden. Jules Cambon dagegen schien nicht kriegsunwillig. Er argumentierte gegenüber Goschen:

„that the people are tired of ‘Alertes’ like Casablanca and Agadir – and are beginning to say ‘better finish it off now – we may be beaten – but any thing is better than perpetual worry and unrest.’“ Hervorh.v.m., B.S..

In Paris war gleichwohl noch nicht die Entscheidung für oder gegen ein Kolonialreich im Norden Afrikas gefallen. Deshalb suchte der französische Botschafter, den englischen Gedanken einer Konferenz, nicht als Ziel der französischen Verhandlungen zu bezeichnen. Schließlich verhandelten die Deutschen noch und Krieg würde möglicherweise in Berlin einer Konferenz à la 1905 vorgezogen werden. Auch signalisierten weder Grey noch Iswolski Bereitschaft, Frankreich militärisch gegen Deutschland zu unterstützen.

Es klang im Hause Goschen gleichzeitig beim Besuch eines russischen Emissärs die Nähe zwischen deutscher und russischer Politik in der Marokkofrage an. So gesehen hatte die „Entrevue von Potsdam“ dem Reich jene Bewegungsfreiheit zurückgebracht, welche Bethmann Hollweg, Kiderlen und Wilhelm II. für ihr so harsches Auftreten vor Agadir anstrebten. Goschen fragte sich, warum hält sich Botkin zu diesem Zeitpunkt eine Woche in Berlin auf? Wie in Wahrheit beängstigend die Lage am 21. August 1911 war, bestätigte der Botschafter in seiner Tagebuchnotiz:

„I told him [Badischer Gesandter Berckheim] I regarded the present situation like I regarded Ghosts – I don’t believe in them but am frightened of them. So I don’t believe there will be war – but I am deadly anxious about it“ Hervorh. v.m., B.S..

Jules Cambon sprach am 28. Juli erneut mit Kiderlen, der – im Falle definitiver französischer Angebote – deutsche Konzessionen in Togo und an der Grenze zum Tschad andeutete. Der französische Gesandte schwieg dazu mangels genauer Instruktion. Der Meinungsbildungsprozess in Paris war noch nicht abgeschlossen. Kiderlen ging mit Bethmann Hollweg zum „Befehlsempfang“ und zur Begrüßung des Kaisers nach Swinemünde, wo Wilhelm II. seine Nordlandreise beendete. Was würde er mitbringen? Krieg oder Frieden? Der französische Botschafter suchte die interministerielle Diskussion in der Pariser Zentrale zu beenden, indem darauf hinwies:

„In the Colonial Office they would like to offer odd scraps, whereas the real point is to know whether we were going to seize the occasion to consolidate our North African Empire from the Atlantic to Tripoli or forego it for ever“ Hervorh.v.m., B.S..

Nach dem 28. Juli, Kiderlen kehrte nach Berlin zurück, war Caillaux in Paris völlig klar, dass es nur um Krieg oder Kapitulation gehen werde. Dennoch liefen die Verhandlungen weiter. Das Tauziehen ging um Shari, Ubangi, Gaboon und den halben französischen Kongo. Auch Togo, „Duck’s Beak“ und das Tschad Territorium wurden von deutscher Seite genannt. Am 9. August wurde die Forderung nach Gamboon zurückgezogen, für den Fall, dass Kompensationen zwischen Kamerun und Umbangi zugestanden würden.

Anti-deutsche Partei in London.

Tyrell, der deutschfeindliche Unterstaatssekretär im Foreign Office in London berichtete, König Georg V. habe Lloyd George, den er immens bewundere, zu seiner Rede beglückwünscht. Tyrell war ein Repräsentant der pro-französischen Linie im Kabinett. Er begrüßte einen möglichen Abgang der Morley, Harcourt etc. und sagte,

„we can get on perfectly without them!!“

Im Verlauf des Gespräches äußerte sich er sich zusätzlich zur augenblicklichen politischen Situation. Goschen bemerkte:

„Tyrell says that he doesn’t think the French will fight – that the French will make some rotten agreement – and that we shall have to bear the brunt of German hatred. The latter will be the case whatever happens“ Hervorh.v.m., B.S..

Berlin hat die Krise im Griff.

Zimmermann, ganz im Sinne der kaustischen deutschen Rechnung, ja nicht den Kontakt zu England in der Krise zu verlieren, sprach bei Goschen vor und demonstrierte seine Besorgnis angesichts der Entwicklung um Marokko. Er äußerte:

„Who is Lloyd G[eorge]. that he should dare to terrorize a Great Power like Germany?“

Jules Cambon sprach bei Goschen vor und berichtete, die Verhandlungen mit Kiderlen zu Marokko stünden kurz vor dem Abschluss. Die Marokkofrage sei beinahe beigelegt. Goschen schrieb:

„K[iderlen]. had been in a very good humour and had sent for a bottle of Port wine, which they drank while negotiating! C[ambon]. said that he considered that as far as he was concerned the question was finished – i.e. that he considered himself responsible for the Morocco part of the buisiness – and the F’h Gov’t for the Congo part w[hic]h. was yet to be settled. He said that the French Gov’t and Press were so much in the hands of Colonial financiers that he could not answer for what w’d be done“ Hervorh.v.m., B.S..

Am 12. August, nach einem Abendessen in Friedrichshof bei Kronberg, hatte Goschen eine heftige Auseinandersetzung mit dem Kaiser zu Marokko. Wilhelm II. wünschte demnach die Lösung der Krise. Ausschließlich beeindruckten ihn die Vorwürfe der alldeutschen Presse, er sei ängstlich.

Der französische Botschafter berichtete, am 16. August werde unter der Leitung des Kanzlers eine Ministerrunde zu Marokko tagen. Dies habe der Kaiser befohlen, dem Bethmann Hollweg und Kiderlen am folgenden Tag in Wilhelmshöhe Vortrag halten würden. Die Situation war nach wie vor angespannt durch die von Berlin ausgestreuten Gerüchte über einen unmittelbar bevorstehenden Krieg um Marokko. Erst recht das Gefühl der deutschen Nation, Frankreich zu Lande nicht mehr fürchten zu müssen, und nun die Gewissheit, auch zur See den Kampf wagen zu können, hatte dazu geführt, dass der westliche Nachbar nurmehr als Satellit Großbritanniens begriffen wurde. So hatte Wilhelm II. – auf der Höhe der Krise, und auf Rat Kiderlen’s – die deutsche Flotte mobilisieren wollen. Dieser, das Schlimmste befürchtend, fuhr nach Swinemünde. Er berichtete darüber seinem russischen Freund:

„I have arrived on board the Hohenzollern. The ‘Fur’ was on deck, and led off by saying, ‘Tell me about your friend Jules’. Then the Emperor solemny promised me that he would be ready for the last extremity the moment I should think it necessary“ Hervorh.v.m., B.S..

Dass die Lage gefährlicher war, als zum Zeitpunkt des „Panthersprungs“, zeigte Cambon’s Bericht, abgesandt am Tag seiner Abreise, zu den Beratungen in Paris:

„German opinion at this moment is irritated, and I must remark that it is much more so than at the time of the Casablanca affair – there is no comparison. The Casablanca incident was a local affair; it raised controversial questions that arbitration could settle. But the present crisis concerns general policy. It can touch honour and prestige both for the France and Germany. It concerns every nation. At the time of the Casablanca incident what we had against us was the Pan-German elements, which are always hostile to us. But we had in our favour the tacit feeling of the army which approved of the part played by our officers. To-day this is no more so. The army is ready to act“ Hervorh.v.m., B.S..

Der französische Gesandte führte an, es gehe darum, die Arbeit abzuschließen, die in Nord-Afrika 1830 begonnen worden sei. Es gelte nun, in den Verhandlungen mit Deutschland, Marokko von den deutschen Einflüssen zu befreien. Die öffentliche Meinung sei äußerst erregt, deshalb ein Scheitern der Verhandlungen möglich. Es sei notwendig, militärisch vorbereitet zu sein. Da die deutsche Regierung eine Konferenz ablehne, und diese bereits militärische Mittel eingesetzt habe, sei mit der Landung deutscher Kräfte im Hinterland Agadirs zu rechnen. Bereits berichtet habe er, dass der deutsche Generalstab den Fall einer Landung überprüfe. Cambon schloss:

„All this should be a warning to us. I hope that our anxieties will prove to be unnecessary, but it would be mere trifling on our part not to see the possibility of a conflict“.

48 – Komplikation: Tripoliskrieg und Türkei.

In diesem Moment äußerster Ablenkung Frankreichs und Englands durch Marokko, erklärte Italien der Türkei den Krieg um Tripolis. Goschen schrieb von „a damned shame“, und, die Italiener hätten den Türken keine Chance gelassen. „Goodness knows what it will lead to“. Die gesamte türkische Frage werde nun wieder aufgerührt und das sei besonders für England unbequem, da das Empire Millionen von Muselmanen umfasse. Goschen nahm eindeutig und impulsiv Stellung gegen Italien. Er notierte:

„And the Italian methods have been simply brutal – and more those of Brigands than of a respectable people“.

Auch der offiziellen deutschen Politik würde übel mitgespielt. Vor allem die Alldeutschen, die England der Urheberschaft ziehen, seien dumm. Schließlich werde weder der Dreibund, noch der Einfluss des Reiches in Konstantinopel, darunter zusammenbrechen. Aber diese Teile der deutschen Gesellschaft übersähen völlig, dass Großbritannien durch jeglichen Konflikt zwischen Xythen und Mohammedanern härter getroffen würde. Die Lage zeichnete sich immer schwieriger und Cambon war äußerst deprimiert, da in Paris verrückt gespielt werde, wie er dem englischen Kollegen mitteilte. Allerdings, und das konnte auch dieser nicht übergehen, hatten Paris und London die Italiener mindestens nicht gehindert, gegen ein Land vorzugehen, das weder zu Frankreich noch zum Empire gehörte. Nun weigerte sich Grey folgerichtig, Rom weitergehende Unterstützung zuzusagen. Paris allerdings hatte die Italiener ihrer vollkommenen Sympathie versichert. Goschen notierte:

„That has made a deplorable impression both here and in Turkey“.

Es bestehe, so der englische Geschäftsträger, die Gefahr, dass die bereits vor dem Abschluss stehenden deutsch-französischen Verhandlungen über Marokko scheiterten. Zumindest äußerten sich Alldeutsche und Presse in diesem Sinne.

Goschen, der in Berlin erfuhr, Italien sei in Albanien gelandet, befürchtete österreichische Gegenmaßnahmen und glaubte, der Vertrag von Berlin könnte ein zweites Mal gebrochen werden. Er notierte in seinem Tagebuch:

„It is rather pathetic to think that the Triple Alliance to two members of which Turkey has been kotowing so long – should be just the ones to bag her territory in defiance of the Treaty of Berlin [1878]. First Bosnia and now Tripoli! It ought to bring that old weather cock Turkey round in our direction again“ Hervorh.v.m., B.S..

Die Beute aus der Konflagration.

Ein paar Tage darauf war das Marokko-Abkommen bis auf z w e i Worte fertiggestellt. Doch die Kongo-Frage bleibt offen – und ebenso die Möglichkeit eines Krieges. Am 23. August versammelte der französische Premierminister die wichtigsten Regierungsmitglieder, sowie die Gesandten in Berlin, London, Rom und Petersburg in der Rue de la Boetie. Das Ergebnis der Krisenkonferenz war: Frankreich übergibt Deutschland, für die Aufgabe seiner Rechte aus dem Abkommen von 1909, die gesamten Kongo-Gebiete, die Sangha- und Kamerungrenze und das Dreieck zwischen Ouessa und dem Atlantik. Wie in Berlin, so machte sich auch in Paris Empörung über diese Konzessionen bemerkbar, die jener Unruhe ähnelte, die nach dem Rückzug von Faschoda 1898 aufgetreten war. Cambon war der Sieger des Tages. Der Kurs Frankreichs zielte nun auf das nordafrikanische Kolonialreich.

Doch was bei der neuen Verhandlungsrunde in Berlin offen blieb, war die Frage: wie lange bleibt die deutsche Regierung Herr von öffentlicher Meinung – und Presse? Und w i l l diese überhaupt „Herr der Lage“ bleiben? Am 18. September signalisierte der französische Geschäftsträger in Berlin entscheidende Fortschritte nach Paris. Goschen kam, am 1. November von Tentschach in Österreich kommend, in Berlin an, und fand die dringende Mitteilung Greys vor, keine Zeit zu verlieren, und mit Bethmann Hollweg Kontakt aufzunehmen. Der britische Außenminister suchte offenkundig negative Wirkungen einer Rede, die er zu halten im Begriff war, im Voraus zu begrenzen. Am folgenden Tage fand in der Reichskanzlei eine halbstündige, lautstarke Auseinandersetzung zwischen Bethmann Hollweg und Goschen statt. Der britische Botschafter beschrieb eindrucksvoll diese Szene, in der die ganze Spannung der voraufgegangenen Krisenmonate um Marokko erkennbar wurde:

„After compliments we went at it hammer and tongs for about 1 / 2 hour. Lots of recriminations on his part and lots of raking up old grievances – just as I expected. I dosed him with the McKenna and Cartwright incidents and he fed me up with Daily Graphic! Articles and the Times’ Military Corresp’t’s [Repington] Articles on the German Army which seem to have caused not unjustifiable irritation“ Hervorh.v.m., B.S..

Deutsche Öffentlichkeit und Machteliten gereizt.

Alarmiert wurde der englische Botschafter am Samstag, dem 2. Februar durch ein Telegramm Greys, das mitteilte

„that some communications had taken place with the Kaiser and the German chancellor through Albert Ballin the Hamburg shipowner and Ernest Cassel the Cologne-born London financier, and asking him, somewhat optimistically, to come to London ‘at once’, so that Grey could talk things over with him on ‘Monday’, that is 4 February“ Hervorh.v.m., B.S..

Christopher Howard, der Herausgeber des Goschen Tagebuchs, teilt mit, Haldane habe der Tätigkeit des britischen Botschafters kaum größere Chancen eingeräumt, da dessen Vorstellungskraft für einen Fortschritt mit Deutschland kaum genügt habe.

Der Marineminister McKenna hatte am 26. September mit seiner Rede in Abersychan – wie Sigmund Münz in der Wiener „Neuen Freien Presse“, am 22. August, mit seinem Sensationsartikel zu Äußerungen des britischen Botschafters Cartwright – Öl in das Feuer der Marokkokrise gegossen. Erst recht aber standen der Kanzler, die gesamte bürgerliche deutsche Politik, Presse und Öffentlichkeit unter dem Eindruck der berüchtigten Times-Artikel des früheren Oberst À Court Repington, welcher in sechs Folgen zwischen dem 12. und 28. Oktober 1911 das Ansehen der deutschen Armee als formidabelster Kraft auf dem militärischen Feld zertrümmert hatte. Offensichtlich wollte Grey Bethmann Hollweg, vice versa, für eine Aktion gegen willkürliche Presseberichte gewinnen. Goschen war sich der Schwere der Aufgabe bewusst. Das bestätigte kurz darauf ein weiteres Gespräch mit Kiderlen,

„who, with some reason said that before deciding whether he could act on Grey´s suggestion – it w’d be necessary for Chancellor to know exactly what Grey was going to say“.

Die deutsche Seite war offensichtlich so getroffen, dass eine Fortsetzung des deutsch-englischen Ausgleichkurses gefährdet schien.

Just in dem Moment, in dem sich der Knoten der Verhandlungen in Berlin schürzte, schrieb eine junge Frau in Boston:

„Gestern abend hörte Helmuth in der Straßenbahn Leute über ‚Krieg’ und ‚Deutschland’ reden, und einen Moment lang war uns sehr bange, denn wir müßten natürlich versuchen, nach Hause zu kommen, wenn so etwas Fürchterliches eintritt, und die einzige Route wäre über Sibirien, eine sehr lange und teure Reise. Glücklicherweise besteht aber kein Grund, daß die Marokkofrage nicht bald friedlich beigelegt werden sollte, es wäre doch Wahnsinn, in den Sandhügeln Nordafrikas Krieg zu führen. Wie ich sehe, ist das arme Italien in Mitleidenschaft gezogen, und in ganz Europa scheint große Unruhe zu herrschen. Ich habe die italienische Querele nicht genau verfolgt, aber es scheint nicht viel daran zu sein. Unter dem Sozialisten scheint überall die Neigung zu bestehen, nicht zu kämpfen, selbst wenn ihre Heimatländer beteiligt sind, und das ist sicher eine große Komplikation und wird sich vielleicht als gutes Hindernis erweisen“ Hervorh.v.m., B.S..

Die junge Frau, aus Südafrika stammend, war mit einen Neffen des Generalstabschefs Moltke verheiratet und empfing offensichtlich Impulse, die von dem Gravitationszentrum deutscher Macht ausgingen.

49 – Der Ausgleich von Berlin.

Am folgenden Tag teilte Jules Cambon mit, er werde das Marokko-Abkommen unterzeichnen. Dem englischen Botschafter schien erleichtert, wenn nicht zufrieden. Goschen fuhr in seiner Tagebuchnotiz fort:

„But he does not feel quite at ease about the Congo part of it – he thinks that France has given at ease about the Congo part of it – he thinks that France has given too much. But as the Colonial Minister here has resigned because he thinks Germany has not received enough – and as Kiderlen is being abused by most of the Press – I think Cambon can be quite satisfied“ Hervorh.v.m., B.S..

So wie sich die Verhältnisse mit England verkomplizierten, so wenig erfreulich war in Berlin die Stimmung gegenüber dem Partner Italien. Goschen beschrieb die Äußerungen der deutschen Presse zu Italien jenen gegenüber England im Burenkrieg vergleichbar. Überdies sickerte durch, dass Nicolson Staatssekretär Foreign Office und Bertie Botschafter Paris während der Krise gegen Grey, und dessen Ziele, gearbeitete hätten. Die Türken warben weiter um England und schon am 7. November waren die Wogen zwischen Bethmann Hollweg und Grey wieder geglättet. Der britische Außenminister und der deutsche Kanzler tauschten sich über die Texte ihrer beiderseitigen Reden aus und Grey änderte sogar, auf Bethmann Hollwegs Wunsch, seinen Redetext.

Auf deutscher Seite ging es um den Zugang zum Kongo. Gerade um die davon abhängende Verbindung, quer durch den Kontinent – und damit das deutsche zentrale Kolonialreich in Afrika. Das hatte Kiderlen deutlich gemacht, als er sich während der Verhandlung mit Cambon, Mitte Oktober, erhob und betonte:

„What you purpose is impossible. If you want to come to agreement you have got to allow us access to the Congo. I will not play the diplomat with you, I will say to you simply that I prefer to ask you for less territory but that I will not give way about access to the Congo“ Hervorh.v.m., B.S..

Der Franzose lenkte nicht ein. Die Verhandlung wurde vertagt. Ende Oktober schließlich sah der Jules Cambon die Möglichkeit, dass der, durch die enttäuschte deutsche öffentliche Meinung geschobene Außenminister, die Verhandlungen scheitern ließe. Der französische Geschäftsträger kam zu dem Ergebnis:

„I do not think that there will be an immediate conflict. The general state of the world does not permit of anyone, be it Gemany or ourselves, to immobilize its strength over a colonial question. There would not be conflict, but there would be grave tension that might bring about a conflict in the near future…“ Hervorh.v.m., B.S..

Krieg in kurzer Frist, das war das Denkmodell Cambons, das er erneut ausmalte. Der französische Gesandte erläuterte:

„If our negotiations fail, the German government will look to a landing at Agadir and an occupation of the Sus. It will have a Germany behind it, from the most feudal Junker to the most advanced Socialist, for the German people love anything in the nature of brute force“ Hervorh.v.m., B.S..

Was schließlich die Lösung brachte, die deutsche Kriegsdrohung oder Kiderlens leichtes Driften in Richtung der französischen Verhandlungsposition, ist letztlich gleichgültig. Am 2. November wurden die Dokumente paraphiert. Deutschland erhielt einen Teil des Französischen Kongo, gelegen zwischen Kamerun und dem Belgischen Kongo. Zugleich, über einen Landkorridor in Richtung auf Spanisch Guinea, den Zugang zum Atlantik und zwei Zugangsstellen zu Kongofluss und Sangha, so groß, dass ein Brückenschlag möglich war. Die Leistung, die der französische Botschafter und Kiderlen vollbracht hatten, unterstrichen beide in Äußerungen nach Abschluss der Verhandlungen. Cambon schrieb:

„It has never been sufficiently realized, how greatly the peace of the world was in danger during the second fortnight of August 1911“.

Und Kiderlen informierte seinen russischen Freund:

„If the intermediaries had been anybody but Jules and I, there would have been war. It is always a meritorious thing to have avoided it without humiliating either of our two countries“ Hervorh.v.m., B.S..

Enttäuschte französische und deutsche Öffentlichkeit.

Doch der Zustand der öffentlichen Meinung in Frankreich und Deutschland – gleicher Weise – blieb äußerst erregt. Während der Reichstagsdebatte erhob sich der Deutsche Kronprinz ostentativ und verließ das Parlament. Der Führer der Konservativen Partei, von der Heydebrand und der Lasa, gipfelte in seiner Rede mit dem Ausruf:

„Like a flash of lightning in the night, this has shown the German people who is its enemy. It is not conscessions that will ensure us peace, but the German sword“ Hervorh.v.m., B.S..

Die Öffentlichkeiten in Deutschland und Frankreich verhielten sich gleicher Weise aufgeregt. So traf der französische Unterhändler beim Verlassen des Parlaments Déroulède, der sich weigerte, ihm die Hand zu geben. Freunde des Botschafters warfen ihm vor, er habe Frankreichs Ehre verletzt. Offensichtlich waren die Völker, diesseits und jenseits des Rheins, für den Einsatz militärischer Macht derart erhitzt, dass ein Wechsel der Propaganda die Menschen nicht erreichte. Beide Völker glaubten sich durch den Ausgleich von Berlin betrogen.

Das System der kommunizierenden Röhren zwischen London und Berlin scheint zu funktionieren; nicht zuletzt durch Goschens Arbeit – wie Grey seinem Diplomaten telegraphisch bestätigt:

„I highly approve Your language to Chancellor and Kiderlen – you have acted with great tact and firmness in a very delicate situation“.

Berlin / London: Unterschiedliches Diplomatie-Verständnis.

Doch Kiderlens Rede in der Budget-Kommission des Reichstags stimmt den englischen Geschäftsträger völlig um. Sein skeptisches Bild von den Deutschen obsiegte. Goschen hielt fest:

„K[iderlen]´s statements are very one sided and it is obvious to me that he is trying to persuade public opinion that England gave way before Germany’s firmness and thus draw a red herring across the track of his own shortcomings – or rather those shortcomings which are attributed to him and Bethmann by their countrymen. The papers here are dreadfully abusive. They are at their old game, these Germans. After reviling us uphill and downdale – and rattling the sabre; they now say ‚’Well Grey is going to speak on Monday and we will be friendly or not.‘ They do not or will not realize that they have done all in their power to render us unfriendly – and if we made the slightest reply they will at once talk of anti-German Hetzerei – and say that we are provoking war!“ Hervorh.v.m., B.S.

In der Voraussicht, Greys Unterhausrede am 27. November, werde äußerst diffizil ausfallen, wurde Goschen signalisiert, sein Außenminister werde sehr vorsichtig vorgehen. Doch die Stimmung unter den Parlamentariern, so Goschen, könne anders ausfallen. Er schloß:

„especilly those who read the German Papers or have seen the Reichstag speeches“.

Dass die Rede sehr gut ausfiel, erleichterte den englischen Botschafter. Er kommentierte erneut:

„If he had been too conciliatory – they would have said here that it was because he was face to face [sic] with a united Germany – and had been made to mind his Ps and Qs – and change his tone by the firm and patriotic language of the German Press. But he steered a middle course. Asquith was also good and Bonar Law also – in fact the debate was for once on a high level, untained by party spirit, and worthy of the occasion and the Mother of Parliaments” Hervorh.v.m., B.S..

Goschen zeichnete in seiner Notiz unter dem 28. November überdies den Unterschied zwischen deutschem und englischem Parlamentarismus. Dort die sorgfältige Auseinandersetzung mit einer hochprofessionellen Politik, und deren Verteidigung durch einen Staatsmann. Hier wildes Pressegekläffe um einem verzweifelt kämpfenden unprofessionellen Politiker, der seine lächerliche Politik zu verteidigen versuche. Entsprach das den Tatsachen, oder liegt über all’ dem tiefe Tragik?

Goschen fragte Stumm nach dessen Meinung zu Greys Rede. Dieser antwortete, ganz befangen in der beleidigten deutschen Haltung:

„that there was nothing in it to efface the effect of Lloyd George’s speech“.

Aber, so Goschen, es sei die vorgefasste Meinung, dass diese Rede Greys die öffentliche Meinung in Deutschland nicht werde zufrieden stellen können. Bethmann Hollweg antwortete in seiner Reichstagsrede, er erwarte Worte nicht Taten. England müsse deutlich machen, dass London tatsächlich Freund Deutschlands werden wolle. Goschen merkte an:

„It was not a very cordial one as far as England was concerned: met Grey’s friendly words by saying that he wants words not deeds[sic] – and that England must shew in her policy that she really desires to be friends!“

Deutsche Presse und Öffentlichkeit seien keineswegs durch die Bethmann-Rede beruhigt. Allenfalls die Konservative Partei, was nützlich bei den Wahlen sein werde.

50 – Deutsch-englische Beziehungen: Die Zeichen stehen auf Sturm.

Vom Wert persönlicher Beziehungen.

Goschen wurde mitgeteilt, er sei in der Umgebung des Kaisers nicht beliebt. Ein Briefwechsel mit Nicolson bestätigte, dass London mit ihm sehr zufrieden sei. Doch die Standortbestimmung, der sich der englische Gesandte daraufhin selbst unterzog, zeigte die grundsätzliche Differenz zwischen den „Politiken“ in Berlin. Einmal jene der kaiserlichen Linie, welche den Ausgleich oder was auch immer mit England nicht wünschte und die zweite, politisch-diplomatische Richtung des Reichskanzlers, welche durchaus mit Goschen freundliche Beziehungen suchte. Dessen Einschätzung der Kaiserin und des Kronprinzen beruhte allerdings auf Irrtümern, denn die Kaiserin sorgte systematisch dafür, jegliche Konzilianz gegenüber England für die Zukunft auszuschließen. Goschen notierte in seinen Aufzeichnungen:

„I confess I don’t think all the Court people like me: the Emperor doesn’t I am sure. The Crown P’ce I think does – and I generally get on well with Eulenburg and Conutess Brock and certainly with the Empress. The Chancellor and I are I think very good friends. But of course there is a great deal of diff’ce between me and Lascelles – and the times are different“ Hervorh.v.m., B.S..

Bethmann Hollweg sei von Kiderlen in die Marokkoaffäre, geradezu unwissend, hineingetrieben worden ist eine verbreitete irrige Meinung einiger entfernt Beteiligter. Dass dies nicht zutraf, bestätigt Asquith, der über des Kanzlers starke „Neigung zur Präponderanz“ spricht. Das Ergebnis sei eine Enttäuschung gewesen:

„in der Handelei, die bei den endgültigen Berliner Vereinbarungen zwischen Frankreich und Deutschland im November des gleichen Jahres folgte, wobei die Welt knapp einem europäischen Krieg entgangen war, gab Deutschland alles, was es in Algeciras und dem nachfolgenden Experiment eines Kondominiums mit Frankreich in Marokko erreicht hatte, gegen einen Gebietsstreifen im französischen Kongo auf“.

Das Jahr 1911 ging dem Ende entgegen und eine Äußerung, die Bethmann Hollweg im Anschluss an ein Essen in ausgiebiger Diskussion mit Goschen tätigte, zeigte, wie der Kanzler die momentane politische Situation einordnete. Der Gesandte fragte nach Bethmann Hollwegs Neigung zur Musik. Doch der Kanzler antwortete, dass

„there was too many[sic] discords in the atmosphere – for him to play harmonious music“ Hervorh.v.m., B.S..

Grey gegenüber führte der britische Botschafter diese Episode ein wenig genauer aus:

„I dined with the Chancellor last night and we had a little friendly conversation together upon recent events. We have one great thing in common which is love of music. I asked him whether he had had time lately to play his usual Beethoven sonata before going to bed. He said ‚My dear Friend you and I like classical music with its plain and straightforward harmonies; how can I play my beloved old music with the air full of modern discords?”Hervorh.v.m., B.S..

London: Kriegsvorbereitung.

Der britische Außenminister hielt am 27. November eine Grundsatzrede, in welcher der Außenminister nachdrücklich jegliche Tendenzen der britischen Außenpolitik zu aggressivem Vorgehen gegen Deutschland dementierte. Grey eröffnete die kühne Perspektive, „in ein bis zwei Jahren“ könne

„das Gerede über den großen europäischen Krieg aufhören, und daß nicht nur Deutschland und England, sondern auch ihre beiderseitigen Freunde einander mit steigendem Wohlwollen gegenüberstehen würden“.

So war das Jahr 1911 – aus Goschens Sicht – insgesamt genommen, ein armseliges. Schließlich, neben allen persönlich-familiären Rückschlägen, hatte sich vor allem politisch die Lage verfinstert. Der englische Botschafter fasste zusammen:

„Germany and France over Morocco and Congo: Anglo-German very fishy relations and wars, rumours of war, Revolutions and Strikes all over the World!“Hervorh.v.m., B.S.

Das Kaisermanöver 1911 stand ganz im Zeichen der Marokkokrise. Zum einen wurde die Landung feindlicher Kräfte an der Küste Vorpommerns angenommen, zum anderen nahmen englische Zeitungen die Vorführungen zum Anlass, heftige Kritik am Nimbus deutscher militärischer Überlegenheit zu üben. Der Militärkorrespondent des „Berliner Tageblatt“, Oberst a.D. Gädke, beschrieb überraschend genau einige der merkwürdigen Bilder, die den Anschein kriegsmäßiger Anlage beschädigten. Dem Verteidiger Von der Goltz warf er vor,

„anstatt den Flankenmarsch Friedrichs des Großen bei Leuthen vor der Front des unbehilflichen Daun nachzumachen, hätte er sich vielleicht besser an das gehalten, was in so vielen Schlachten der Zweck aller künstlichen Manöver des großen Königs war. Das heißt: mit einem starken Flügel auf e i n e Flanke des Gegners zu fallen, den eigenen schwachen Flügel aber zu versagen“.

So gelang weder die durch Goltz angestrebte doppelte Umfassung, noch kam es zu kriegsmäßigen Gefechtsbildern. Einer „höchst unnatürliche[n], zu einer unmöglichen Lage, in der zwei rote Schützenlinien dos-à-dos Front nach Ost und West machten“. Gädke suchte dieser Mitteilung, durch ein Gegenbeispiel aus englischem Beritt, die Schärfe zu nehmen. Dieses habe „weit groteskeren[m] Umfang[e]“ besessen. Doch zitierte er dennoch einen mecklenburgischen Landwirt, der angesichts solcher Bilder rundheraus gesagt habe: „Das ist ja Quatsch!“ Dies sei die „einzige Episode“ während dieses Manövers gewesen, die „Kritik herausgefordert“ habe. Dass dennoch der Militärkorrespondent der britischen „Times“, Oberst À-Court Regington, just an den Vorführungen dieses Kaisermanövers kein gutes Haar lassen sollte, rückt zumindest die positiven Bewertungen des „Berliner Tageblatts“ in ein kritisches Licht.

Die britische Kritik dieser Herbsttage brachte die Abschlussbesprechung des Kaisers auf dem Manöverfeld in Vorpommern. So sollte eingegrabene Infanterie „die Schützengräben gleich so breit“ anlegen, „daß alle Kräfte darin untergebracht werden“ könnten. „Während der Schlacht“ hätten sich „die Kavallerie=Führer…in nächster Nähe und im Bereiche des Infanteriekampfes“ aufzuhalten. Um die Manöver „nicht friedensmäßig“ zu beeinflussen, sei durch die „Artillerieschiedsrichter… taktvolle Arbeit“ zu leisten. Die Entschlüsse der „Roten Partei“ wurden durch den bayerischen Militärbevollmächtigten Gebsattel als „kriegsmäßiger“ beurteilt „als jene von Blau“. Anders als offensichtlich bewertet, wäre die 74. Brigade in dem Gefecht bei Friedland „nahezu vernichtet worden“, so Gebsattel. Ungenügende Artilleriewirkung durch zersplitterte Unterstellungen, „am 12….drei vollkommen getrennte[n], zum Teil sehr weit von einander entfernte[n] Gefechte“ und offenbar ein vorherbestimmter Erfolg der Verteidiger unter Von der Goltz, bestätigten geradezu vollinhaltlich die als zu harsch empfundenen Vorwürfe Repingtons gegen den Ausbildungsstand der deutschen Armee. Auch Gebsattel wies auf die möglicherweise nachteilige Wirkung seines Berichtes hin. Er schrieb:

„man mag mir…vorwerfen, daß ich meinen alten Grundsatz: nur der Erfolg hat Recht! untreu würde“.

So tief wie der bayerische Militärbevollmächtigte, vermochte der Korrespondent der „Times“ nicht hinter die Kulissen zu sehen. Gebsattel gab seinem Kriegsminister einen Eindruck der korrupten Verhältnisse in der Berliner Generalstabszentrale. Er schrieb:

„Ich behaupte aber, daß der Erfolg von Blau mehr als durch die Anordnungen des A[llerhöchsten] O[ber] K[ommandos] erreicht wurde durch die – jenen, wie oben gezeigt, zum Teil sogar widersprechende – Initiative der Unterführer, durch Fehler des Gegners und durch den Umstand, daß die im Ernstfalle am 1. Tage wohl vernichtete 41. Div[ision]. am 2. Tage wieder in voller Stärke ausschlaggebend wirken konnte“.

Weiter schienen „Willkür und Ungehorsam“ in der Armee zunehmend für „Initiative“ gehalten zu werden. Dies habe gerade das Kaisermanöver dieses Jahres bewirkt. Gebsattel entschied sich in dieser Frage dennoch für den Erfolg. Er fasste zusammen:

„Wenn die dem Willen und der Absicht der oberen Leitung entgegengehende Initiative entscheidenden Erfolg hat, dann ist sie berechtigt!“

Grundsätzliche Verschiebung der militärischen Lagebeurteilung.

Im Nachhinein sollte der Kriegsminister Heeringen für den „Sommer 1911“ feststellen, die „Lage habe sich in wesentlichem Umfange“ geändert:

„Es stellte sich heraus, dass mit einer zurückhaltenden Stellungnahme Englands bei diesem Konflikt nicht mehr gerechnet werden dürfte, dass sein tätiges Eingreifen auf Seiten unserer Gegner vielmehr zu erwarten war. Russland machte, mit finanzieller Unterstützung Frankreichs riesige Anstrengungen zur Wiederherstellung seines Heeres und musste nach dem Fortfall jeder Bedrohung im Osten sehr bald als ein starker Faktor auf der uns feindlichen Seite in Rechnung gestellt werden. Andererseits war ein namhafter Teil der militärischen Kraft Italiens durch das tripolitanische Abenteuer gefesselt.
Zwar schien es nicht wahrscheinlich, dass bei der französischen Regierung zur Zeit de[a]s Bestreben[s] vorliege, einen Krieg mit Deutschland herbeizuführen. Andererseits war die chauvinistische Stimmung des französischen Volkes sehr erregt und in seiner Armee – mit veranlasst durch die zurückhaltende Militärpolitik Deutschlands – das Gefühl der eigenen Stärke wieder erwacht. Mit oder ohne den Willen der Regierung konnte gegen uns unerwartet ausbrechen“ Hervorh.v.m., B.S..

Gleichzeitig erregte die unerwartet massive Kritik westlicher Militärfachleute an der deutschen Armee Presse und politisch-militärische Fachkreise. Heeringen kommentierte diese Vorgänge, selbst noch nach 1918, äußerst detailliert:

„Dank der unerhörten Hetzereien im Ausland und der vielen Reden p.p. Unberufener im Inland stehe das deutsche Feldheer in den Augen unserer Gegner nicht mehr so achtunggebietend da, um einen Waffengang mit ihm zu scheuen. Eine neue deutsche Marine-Vorlage könne u.A. der Anlass zu einem feindlichen Vorgehen Englands geben. Dann hätten wir unbedingt den Krieg mit Frankreich, England und Russland. Ohne Verbündete finge England keinen Krieg an und wenn es wider Erwarten dies doch täte, wären wir gezwungen, alsbald auch Frankreich vor die Klinge zu nehmen. Die sicher kommende Abrechnung mit unserem westlichen Nachbarn zu verschieben, bis ein englisches isoliertes Vorgehen uns geschwächt habe, würde an Selbstmord grenzen. Könne eine ausreichende Erweiterung der deutschen Wehrkraft zu Lande und zu Wasser nicht gleichzeitig erfolgen, so müsse zunächst eine Verstärkung des Heeres in einem, den Frieden sichernden Umfang erfolgen. Kein noch so durchschlagender Erfolg auf dem Wasser mache eine entscheidende Niederlage des Landheeres wett. Auf dessen Sieg oder Niederlage ruhe das Schicksal unseres Vaterlandes“ Hervorh.v.m., B.S..

Heeringen zitierte das Schreiben Moltkes vom 2. Dezember an den Kanzler:

„Immer bleibt es Pflicht jedes Staates nicht nur den kommenden Ereignissen ruhig in’s Auge zu blicken, sondern sich auf den Tag der Entscheidung vorzubereiten, der darüber entscheiden wird, ob seine innere Kraft ihn zu weiteren Lebensforderungen berechtigt oder nicht. Auch Deutschland muss sich für diese Entscheidung rüsten. Ich halte sowohl einen Weiterbau seiner Flotte, als auch eine stärkere Heranziehung seiner waffenfähigen Mannschaft für das Heer, also eine Erhöhung seiner Friedenspräsenz für ein Gebot der Selbsterhaltung. Beides muss Hand in Hand gehen“ Hervorh.v.m., B.S..

Ein Jahr vor dem „Kriegsrat“: parallele Entwicklung.

Die am 5. Dezember abgehaltene Konferenz zwischen Kriegsministerium und Generalstab habe „über diese Ziele volle Einigkeit“ gebracht. „Wenigstens die Offiziere des Kriegs-Ministeriums“ hätten „die befriedigende Ueberzeugung“ mitgenommen,

„dass in Uebereinstimmung mit dem Generalstab durch die beabsichtigte Gesetzvorlage ein erheblicher Vorteil für die Armee geschaffen werden würde. Erst nach über Jahresfrist – im Januar 1913 – trat der Chef des Generalstabes der Armee mit der Ansicht hervor, dass er schon damals die Absichten des Kriegsministeriums für durchaus unzulänglich angesehen habe“ Hervorh.v.m., B.S..

Das leitet jedoch ex post in den Kampf um die Schuldzuteilung für den verlorenen Krieg über, der nach 1918 voll einsetzte. Folgen wir Heeringen, dann ist dies

„dem Kriegsminister und…auch keiner anderen Stelle gegenüber…zum Ausdruck gelangt. Der Generalstab nahm vielmehr[,] als das Kriegsministerium in einem Schreiben vom 16.12.[19]11 ausdrücklich betonte, dass in der Besprechung vom 5.12.[19]11 volles Einverständnis über die Absichten erzielt worden sei, die beim der neuen Heeresvorlage zu verfolgen seien, dies in seiner Antwort vom 19.12.[19]12 unwidersprochen hin“.

Am 9. Dezember teilte Wilhelm II. Müller mit, der Reichskanzler habe sich entschlossen, „die gemeinsame Vorlage im Februar-März [1912] vorzulegen“. Am 19. Dezember „verlangte“ Bethmann Hollweg den „Bericht des R[eichs]. M[arine]. A[mts]., des R[eichs].Sch[atz].A[mts]. und des Kriegsministers über [die] anzuschlagende Verstärkung des Heeres und der Marine und über [die] Kostendeckung“. Am 23. Dezember betonte der Kaiser gegenüber von Müller erneut, „die Mehrforderungen für Armee und Marine“ würden „alsbald nach Zusammentritt des neuen Reichstages eingebracht“ Hervorh.v.m., B.S.. Tirpitz wurde mitgeteilt, der Kaiser wünsche, „dass der Bauplan der Novelle gegen den ersten Entwurf wesentlich redigiert werde“. Am selben Tage berichtete Müller Wilhelm II., der Reichskanzler habe „nach wie vor ernsthaft im Auge…, die Mehrforderungen für Armee und Marine im nächsten Frühjahr einzubringen“. Er bitte jedoch, „den endgültigen Zeitpunkt der Einbringung nach den vorliegenden inner- und außenpolitischen Verhältnissen wählen“ Hervorh.v.m., B.S. zu dürfen. Bethmann Hollweg habe

„schon die Chefs der Armee- und Marineverwaltung auf den Weg der Vereinbarung im Rahmen der zur Verfügung zu stellenden Mittel verwiesen“ Hervorh.v.m., B.S..

Das lief erklärtermaßen auf „die Herabsetzung der Forderungen beider Ressorts“ hinaus. Eine „B e s c h l e u n i g u n g der Wehrvorlagen“ sei damit beabsichtigt.

Am 13. Januar 1912 forderte der Kanzler den Kriegsminister auf, „einen Gesetzentwurf über die geplanten Heeresverstärkungen auszuarbeiten, der vom R[eichs].Sch[atz].A[mt]. geprüft werden kann“. Am 26. Januar wurde dem Kanzler durch Tirpitz mitgeteilt, der Kaiser habe „das alternierende Bautempo in der Flottennovelle“ dahingehend genehmigt, „daß 1912-1917 nur 3 Linienschiffe in Bau genommen werden sollen. Drei Tage später sandte der Reichskanzler die „aufzubringenden Kosten f[ür] Herr und Flotte.

Heeringen stellte 1918 rückblickend fest:

„Da der Chef des Generalstabes der Armee für den Weiterbau der Flotte eintrat, fiel die Entscheidung zu Gunsten der gleichzeitigen Vorlage einer Heeres- und einer Marine-Vorlage an den Reichstag. Leider – möchte ich sagen, denn nun standen beide Vorlagen unter schärfstem finanziellen Druck…“.

Bereits Ende 1911 war dem Kriegsminister klar gewesen, dass unverändert an dem Grundsatz festzuhalten sei, die deutsche

„Ueberlegenheit [bestehe] wie bisher in dem besseren inneren Gehalt unseres Heeres“, [der]…auf seiner moralischen und körperlichen Tüchtigkeit, auf seiner Ausbildung und Ausrüstung, seiner Organisation und Mobilmachung beruhte“ Hervorh.v.m., B.S..

51 – Resümee.

Parallel waren der Kaiser, Tirpitz und Metternich ein letztes Mal zusammengetroffen und erörterten die deutsch-englischen Beziehungen. Über diese Konferenz berichtete Metternich, im Jahre 1927, an den Publizisten Maximilian Harden:

„…und ich betonte die günstige Stimmung in England. Tirpitz erklärte, daß er aus vertrauenswürdiger Quelle erfahren habe, daß zur Zeit der Marokkokrise, als der Kaiser an Bord seiner Jacht in norwegischen Gewässern war, englische Torpedoboote den Befehl erhalten hatten, im Falle von Feindseligkeiten die kaiserliche Jacht zu versenken. Als der Großadmiral bei der Erzählung dieses Märchens ernst seinen Bart strich und der Kaiser sich an mich wandte und ausrief: ‚Und Sie wollen, daß ich mit diesem Volk zu einer Verständigung komme’?, erkannte ich, daß die beiden das Flottengesetz bereits entschieden hatten und weitere Einwendungen nutzlos waren!“ Hervorh.v.m., B.S.

Edward Grey schrieb, nach der Agadirkrise, an den amerikanischen Präsidenten Roosevelt über die Deutschen:

„Die Deutschen, oder besser die Preußen – denn die Süddeutschen sind von verschiedenem Schlag und Temperament – sind ein sehr schwieriges Volk. Sie beginnen eine Unterhaltung damit, daß sie den anderen auf den Fuß treten, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, wenn er nicht hinsieht, und dann sind sie überrascht und sehr verärgert, wenn die Unterhaltung nicht glatt geht…Aber um gut weiterzukommen, muß man das Gefühl haben, mit jemand zu tun zu haben, dem man zutrauen kann, daß er nicht eine eigensinnige Wendung vornimmt“ Hervorh.v.m., B.S..

Übersteigerten Erwartungen durften sich die Briten, selbst den Amerikanern gegenüber, nicht hingeben. Als der neue amerikanische Botschafter, Walter Page, im Oktober 1913 an seinen Präsidenten erste Eindrücke aus London berichtete, war die europäische Entwicklung bereits weit vorangeschritten. Was aus den folgenden Ausführungen herging:

„Gott sei gepriesen für diesen Atlantischen Ozean! Er ist das geographische Fundament unserer Freiheit. Eine Zivilisation, besonders eine alte Zivilisation, ist keine leicht zu knackende Nuß. Aber ich bemerke, daß die hellsichtigen Leute ihre Gedanken auf uns gerichtet halten…Sie vergessen nie unsere Kraft, unsere Anpassungsfähigkeit, unsern mächtigen Reichtum. Sie werden fest zu uns halten, aus Gründen der Vernunft so sehr, wie aus Gründen der Verwandtschaft. Und wann immer wir auch nach der Führerschaft in der Welt trachten sollten, sie würden sie uns zugestehen – allmählich – und loyal. Sie können nicht Franzosen werden und sie mögen die Deutschen nicht. Sie müssen in unserem Boot bleiben, wegen der Sicherheit so sehr, wie wegen der Bequemlichkeit“ Hervorh.v.m., B.S..

Deutscherseits Policy of Pretention war das Ziel gewesen, einen erheblichen Zuwachs an Kolonialgebieten zu erzielen und dabei gleichzeitig zu demonstrieren, „dass die britische Demokratie zu träge und zu friedliebend sei, um im Augenblick der Gefahr die Tripleentente zu unterstützen“. Ob Grey, Churchill, Tirpitz oder Haldane, sämtlich bestätigen die Augenzeugen, den hohen Zäsurcharakter dieser Krise. Hatte doch das Inselreich, spätestens seit dem 26. Mai 1911, begonnen, sich auf einen europäischen Krieg umfassend vorzubereiten. Die Vollsitzung des Empire Verteidigungsrates 26. Mai, die außerordentliche Sitzung des Reichsverteidigungsrates 23. August, und schließlich der dort gehaltene Vortrag von General Henry Wilson, setzten die ultimativen Präparationen des Inselreiches auf den großen Krieg in Gang. Allerdings nahmen diese Bezug auf die seit 1905 andauernden, eher informellen, Stabsbesprechungen zwischen englischen und französischen Generalstabsoffizieren.
________
Exkurs.

PA-AA. R 1374. Legationsrat Freiherrn v.Eckardstein, 1.1.[19]08-31.12.1914. Ebd. R 1356. Vom 8.2.1910 datiert ein anonymer Brief in den Akten des Auswärtigen Amtes an Bethmann Hollweg: „Nehmen Sie doch den Abschied-Herr von Bethmann, und lassen Sie andere Leute ans Ruder – Männer wollen wir sehen, nicht Leute die vor S.M. sich beugen und nach der Pfeife tanzen! Die Nachwelt lacht ja über solche Leute wie Sie sind, wir brauchen einen Kanzler, der Haare auf den Zähnen hat und S.M. endlich zur Vernunft bringt! Was ist sein albernes Gottesgnadentum und sein Absolutismus—Dreck! Kein denkender Mensch kann sich heute dafür erwärmen. Freie Bahn wollen wir haben, die Intelligenz soll die Sache machen wenn auch die Entwickelung nicht so schnell kommen darf, wie linksstehende Elemente es wünschen, so muss man doch vom Kanzler verlangen, dass er nicht seine Basis auf derartig veraltetem Dreckkram errichtet, bleiben Sie bei Ihren Jagden oder auf dem Felde aber lassen Sie sich nicht durch Ihren blöden Ehrgeiz dazu verleiten, ein Amt anzutreten, für das Sie absolut ungeeignet sind. Wir machen uns ja der ganzen Welt lächerlich durch Ihre Leitung! Dabei kann auch ein sonst gesinnungstreuer Deutscher Mann die Lust verlieren, ein Deutscher zu sein! Adieu Exzellenz, packen Sie Ihre Sachen!“ Hervorh.v.m.,B.S.

http://www.news4press.com/Label/Presse.asp?Mitglieder_ID=28473&Mitteilungs_ID=902667

Um den Krieg mit England im Winter 1904/05. Zum Institut der „Krisenkonferenzen“ im Kaiserreich.

Mittwoch, März 11th, 2015

Durch den nahen und unmittelbaren Verkehr mit Tirpitz habe ich viel Neues gelernt und Einblicke gewonnen in Verhältnisse, die mir bisher unbekannt waren. Sehr erfreulich sind die nicht alle gewesen und der Einblick, den ich in die Art und den Wert unserer jetzigen Regierung gewonnen, war oft nicht erfreulich und hat manche Ideale bei mir zerstört. Es fehlt uns die feste Hand und ein klarer, mit der harten Wirklichkeit nüchtern rechnender Kopf an der Spitze. Dafür herrscht Zerfahrenheit, Personen- und Parteieninteresse.

Kapitän z[ur].S[ee].. Hopman (Reichsmarine-Amt), 31.12.1912.

Vorbemerkung:

Das Kaiserreich und Rußland, eingekeilt zwischen den Flügelmächten im Osten und Westen,
als Modell genommen für die Entscheidungsprozesse, die momentan, zuvor und künftig, in
Washington und Moskau ablaufen. Nach den Erwägungen um die Jahre 1854-1914-2014 nun
der Verweis auf das Institut der „Krisenkonferenzen im Kaiserreich“; und dies am Bespiel des
„decision making process“ im Herbst und Winter 1904/05. Der Hintergrund der Marokkokrise
1904 bietet Einsichten in Themen, Verlaufsformen – wie „technische Details“ – derartiger Stunden
der Entscheidung im internationalen System. Der verfassungspolitische Überbau des Reichs
und Rußlands mag unterschiedlich ausfallen, entscheidend bleibt jedoch der am Beginn (ob
1854 in London, 1914 in Berlin …) stehende Entschluß jeweils einer Seite, die anstehenden
Konflikte mit Gewalt zu lösen.

1

Die Krisenkonferenz vom 18. November 1904.

Am Freitag, dem 18.11.1904 abends, rief Kaiser Wilhelm II. den Reichskanzler Bernhard von Bülow, den Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen und den Chef des Admiralstabes, Vize-Admiral Büchsel, zu sich. Anlass zu dieser Besprechung waren kritische Artikel in der Londoner Fachpresse zum deutsch-englischen Flottenantagonismus. Es ging um den vom Admiralstab entwickelten “Operationsplan II” für die Flotte, der bereits Gegenstand eines Schriftwechsels zwischen dem Admiral- und dem Generalstab der Armee gewesen war. Dabei spielte der Gedanke des Admiralstabes eine besondere Rolle, im Falle des Krieges mit Großbritannien die dänischen Belte für die Grand Fleet zu sperren und dazu aktive Verbände der Armee heranzuziehen. Bislang wurde offensichtlich für den Fall einer Ausweitung des Konfliktes mit England, auch auf Frankreich, von einem intensiveren Einsatz der Armee gegen Dänemark abgesehen. Gegenstand der Lagebesprechung bei Wilhelm II. war damit die von Seiten des Admiralstabes betriebene

“erweiterte Verwendung von Armeetruppen…an den Operationen der Marine”.

An Stelle des Admiralstabschefs, der sich bereits in Kiel befand, nahm auch der Leiter des Reichsmarine-Amts teil, Admiral von Tirpitz. Der Chef des Marinekabinetts, Senden-Bibram, und der Kriegsminister Karl von Einem, fehlten.

An diesem 18. November im Berliner Schloss, und am darauf folgenden Tage in Kiel, kam es zu dem Auftrag Wilhelms II. an Vize-Admiral Büchsel, “alle Vorbereitungen…zu treffen für die Besetzung dänischen Gebiets”. Diese Weisung des Obersten Kriegsherrn wurde zum Ausgangspunkt detaillierter interner Vorbereitungen des Admiralstabes, die sich von der Beobachtung der englischen Presse und Marine, über die Steigerung der deutschen Kriegsbereitschaft, bis auf die Vorbereitung des “Handels- und Kreuzerkrieges”, erstreckten. Erkennbar war bereits in diesem Stadium, der Admiralstab verfolge eine Doppelstrategie. Einerseits sollten möglichst frühzeitig vollendete Tatsachen geschaffen werden, indem Büchsel die “Vorbereitungen für die Ausführung des O[perations].P[lans].II bis zum 1.3.[19]05″ fertig zustellen suchte. Diese Taktik bestätigt eine Aufzeichnung vom 19. November in welcher der Admiralstabschef festhielt:

“Hiermit ist also die Entscheidung so gefallen wie wir es wünschen und es kommt nun darauf an, das Eisen zu schmieden solange es warm ist”.

Im selben Atemzuge entwarf Büchsel den Wortlaut einer Kabinettsorder des Kaisers, die alle weiteren Schritte in die Hand des Admiralstabes legen würde. Büchsel unterstrich:

Haben wir diese Ordre[,] so ist damit der Betrieb der Sache in unsere Hand gelegt”.

Andererseits sollte der Einfluss des Generalstabes in Grenzen gehalten werden. Grund für die Eile des Admiralstabes war die offensichtliche Zurückhaltung Schlieffens, sämtlichen Absichten gegenüber, bedeutendere Kräfte der Armee für eine Verteidigung von Sperren der Flotte in dänischen Gewässern einzusetzen. Dass die Armee keinesfalls gesonnen war, derartige Pläne zu unterstützen, bestätigte auch der Kriegsminister Einem am 23. November. Neben der Belastung des Armeeetats durch zusätzliche Kosten, ging es Einem vordringlich um die an sich nachgeordnete Prestigefrage, wer in diesem Falle Zugang zum Kaiser habe. Aus dem Selbstverständnis der Armee, und deren Vertretern, konnte dies in keinem Falle ausschließlich der Admiralstab sein.

2

Die Konferenzen vom 30. Oktober und 21. Dezember 1904.

Mit dem bekannt werden der “entente cordiale” zwischen Großbritannien und Frankreich wurde in Berlin die Frage diskutiert, wie diese Verbindung auseinandergebracht werden könne. Offensichtlich wurde nicht erwartet, dass England und Frankreich Deutschland angreifen würden. Dennoch ließ der Reichskanzler ermitteln, wie die Chancen bei einem Krieg Deutschlands mit Frankreich stünden. Schlieffen teilte am 19. April auf Befragen mit,

“daß Rußland zwar seine größeren Truppenverbände von seiner Westgrenze für den Krieg in Ostasien zurückgezogen habe, durch andere Umstände aber jedenfalls gegenwärtig sich in einer für einen westlichen Krieg [d.h.gegen Deutschland] höchst ungünstigen Lage befinde”.

Offensichtlich auf den Krieg mit Frankreich direkt angesprochen, bestätigte er

“wenn die Notwendigkeit eines Krieges mit Frankreich sich also für uns ergeben sollte, so wäre der gegenwärtige Augenblick wohl zweifellos hierzu günstig” (Hervorh.v.m., B.S.).

Geheimrat Holstein, der Gedankengeber des Auswärtigen Amtes, legte, angesichts des offensichtlich kriegswilligen Generalstabes, unvermittelt den Finger auf die Wunde:

“Bei einem etwa heute ausbrechenden deutsch-französischen Kriege würde also Rußlands Beteiligung unwahrscheinlich, Englands aber unberechenbarsein”(Hervorh.v.m., B.S.).

Vor dem Hintergrund des russisch-japanischen Krieges, entzündete sich damit in Berliner politischen und militärischen Führungszirkeln eine ausgedehnte Diskussion darüber, wie die momentane Chance, da Russland in der Mandschurei gefesselt schien, für einen europäischen Hegemonialkrieg, zunächst gegen Frankreich, zu nutzen sei. Anfang September fand im Berliner Schloss, ein Diner statt, in dessen Verlauf der Kaiser mit Tirpitz die weitere Finanzierung des Flottenbaus erörterte. Kaiser und Reichskanzler bestätigten bei dieser Gelegenheit die Erhöhung des Marineetats um nunmehr 23 Millionen Reichsmark. Just jenen Betrag, um welchen im Vorjahr gestritten worden war. Einen Augenblick später entzündete sich diese Diskussion jedoch erneut. Tirpitz suchte daraufhin umgehend die Unterstützung der Großherzöge von Oldenburg und Weimar. Der Staatssekretär, der wiederum darum bat, ihn “beim Gelde zu unterstützen”, wurde durch den Großherzog von Weimar beschieden,

“sein Land ginge ihm vor. Preußen und Reich seien eins. Preußen behandele [aber] die Staaten schlecht…“

Tirpitz bestritt,

„daß Preußen und Reich eins seien. Preußen [sei] für [die] Marine [ein] besonders schwieriger Bundesstaat. Es handele sich nicht um Neuforderungen, sondern um den [im Auftrage] des Kaisers beschlossenen Aufbau der Flotte; dazu habe [er]die Zustimmung S[einer].H[oheit]. des Großherzogs von Weimar auf der Wartburg persönlich eingeholt”.

Dass die Finanzfrage dennoch nicht in trockenen Tüchern war, beweist kurz darauf Tirpitz’ weitere Anfrage beim Großherzog von Mecklenburg. Auch hier wurde “um Unterstützung beim [Flotten-]Etat” geworben. An eben diesem 5. September – während der Parade des IX. Armeekorps in Altona – so notiert Tirpitz,

“sagt S[eine]. M[ajestät]. er habe mit [dem] Reichskanzler abgemacht, daß [der] Marineetat nicht gekürzt werden dürfe”.

Wie angespannt die internationale Lage noch war, bestätigt die Bemerkung des Staatssekretärs, er habe

“mit [dem] Reichskanzler später [ein] längeres Gespräch über [die] Kriegssituation [in Ostasien]”

geführt. Bereits zuvor in Berlin hatte Tirpitz darauf aufmerksam gemacht, der Verlust von “Wladiwostok und ganz Sibirien” sei für Russland in Ostasien Tatsache , was auch auf die deutsche Kolonie Tsingtau zurückwirken könne. In diesem Zusammenhang, trat das Problem eines englischen Präventivkrieges gegen Deutschland in den Gesichtskreis der politischen und militärischen Reichsleitung.

3

Der 31. Oktober 1904: Sicherheit gegenüber England.

Daraufhin fand am 31. Oktober eine Krisen-“Sitzung beim Reichskanzler” statt, an welcher der “Reichskanzler, Richthofen, v[on]. Holstein, [und der] Chef des Generalstabes” teilnahmen. Nach einer Randbemerkung, am Kopf des Dokuments, traten bei dieser Gelegenheit Befürworter und Gegner eines Bündnisses mit Russland auf:

“Holstein plädiert für [den] Versuch einer Allianz mit Rußland, Situation doch nicht mehr intakt. Darum Anschluß. Richthofen dagegen[.]Reichskanzler stimmte Holstein zu“(Hervorh.v.m., B.S.).

Am folgenden Tage machte Tirpitz sein Resümee dieser Sitzung zum Gegenstand eines Briefes an den Staatssekretär des Auswärtigen, Richthofen, der seine – Tirpitz’, Gedanken – dem Reichskanzler übermitteln sollte. Offenbar hatte diese Diskussion um die günstige Gelegenheit eines Präventivschlages gegen Frankreich, sowohl das Argument des Generalstabes für diesen Weg, nämlich die russische Schwächung zu Lande, als auch das gegen diesen Schritt sprechende Problem – eines dann wahrscheinlichen Seekrieges mit Großbritannien – ins Bewusstsein der Anwesenden gehoben.

Schlieffen hatte ausgesprochen, Deutschland werde “bis auf weiteres mit Landwehrformationen an der Ostgrenze” gegen Russland auskommen. Ein Gedanke, der sich in seiner Denkschrift vom Dezember 1905 wiederfinden sollte. Tirpitz wehrte dagegen das Argument für den Krieg gegen Frankreich weiter ab, indem er darauf verwies, nicht nur flottenpolitisch, sondern auch landstrategisch, werde ein Beitrag Russlands erstens sehr gering, und selbst wenn, dann zweitens äußerst zwiespältig in den Auswirkungen ausfallen. Vor allem aber erwartete er, ein Bündnis mit Russland werde England zum Präventivkrieg gegen Deutschland treiben, was niemand wünschte, schon gar nicht der Flottenprotagonist. Denn in der Diskussion des 30. Oktober mussten sämtliche beteiligten Politiker und Militärs zu der Erkenntnis gelangt sein, dass die Flotte nicht kriegsbereit sei, und damit politisch nutzlos.

Doch das Ziel war, durch eine “’Pression’ auf Frankreich”, welche jedoch “nur durch die Kriegsdrohung Deutschlands ausgeübt werden” könne, Frankreich von England abzusprengen, bzw. Frankreich dazu zu bringen, dass es England davon abhielte, gegen das Reich vorzugehen. Doch auch der Kriegsfall England-Deutschland wurde diskutiert. Hier behauptet Tirpitz ebenfalls den geringen Wert russischer Unterstützung für das Reich, da

“gerade der bestehende gegen uns gerüstete Zweibund zwischen Frankreich und Rußland die Freiheit unserer Entschlüsse Frankreich gegenüber”

behindere. Aber gerade darum ging es am 30. Oktober anläßlich der Diskussion um Krieg oder Nichtkrieg mit Frankreich. Schließlich offenbart Tirpitz seine grundsätzliche Opposition gegenüber Plänen zugunsten eines Krieg mit Frankreich. Dieser plädiert für einen “Kontinentalblock” gegen Großbritannien, der seinen Flottenplänen die notwendige ruhige Entwicklung gewährleisten würde. Der Admiral führt aus:

“Eine positive Wirkung für die Friedenschance hätte eigentlich nur die wirklich klare Defensivallianz Deutschlands, Frankreichs und Rußlands zusammen gegen England, und das ist doch durch das erwogene Konzept z.Z. nicht zu erreichen”.

Er betont:

“Im ganzen ist ja Zeitgewinn und Flottenbau unsere wichtigste politische Aufgabe” (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Frage eines Krieges mit England stand nach der Krisenkonferenz vom 30. Oktober weiterhin im Raum. So beantwortete fünfzehn Tage später Schlieffen einen Fragebogen des Reichskanzlers. Bülow wollte Antworten auf die Fragen:

“1) Wodurch könnte sich im Falle eines englischen Angriffs auf DeutschlandRußland uns militärisch nützlich machen?
2) Wie viele Truppen könnte bei gutem Willen Rußland auch im gegenwärtigen Moment und trotz des japanischen Krieges gegen Indien in Bewegung setzen?
3) Wie lange Zeit würde Rußland brauchen, um Truppen gegen Indien in Bewegung zu setzen?
4) Welche Verpflichtungen wären für den Fall eines deutsch-russischen Defensiv-Abkommens Rußland in dieser Beziehung aufzuerlegen, damit England gezwungen würde, seine Kräfte zu verteilen und einen evtl. Vorstoß nicht allein gegen uns richtete?

5) Würden wir uns bei einem englischen Angriff gegen uns Engländern irgendwo unangenehm machen können, z.B. in Südafrika?“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Bülow war bemüht, den erwarteten Stoß Englands gegen Deutschland, so gut es gehe, zu parieren. Dazu sollten Operationen der russischen Armee gegen Indien, die Türkei oder Tibet dienen. Das deutsch-russische Bündnis sollte dazu die Basis bilden. Doch Schlieffen widerriet dem Kanzler. Realistisch seien derart zeitraubende Operationen nicht. Und darüber hinaus entwarf der Generalstabschef ein dunkles Bild der militärischen Möglichkeiten des Reichs in einem Krieg mit England:

“Deutschland kann gegen England einen Krieg in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes nicht führen. Unsere Flotte ist zu schwach, um sich mit der englischen einlassen zu können. Sie wird sich dem Angriff der überlegenen Gegnerin zu entziehen suchen. Unsere Armee vermag nicht nach England hinüberzugehen, die englische wird höchstens als Hilfsmacht eines anderen Feindes Deutschlands auf das Festland herüberkommen. Zunächst stehen die beiden Flotten wie die beiden Armeen sich gegenüber, ohne sich angreifen zu können” (Hervorh.v.m., B.S.).

Schlieffen konzedierte, es sei möglich, die englischen Armee durch einen russischen Angriff auf Indien abzulenken. Doch würden zunächst die deutschen Kolonien weggenommen und sodann die deutschen, niederländischen und belgischen Häfen blockiert werden. Der deutsche Überseehandel, und damit die deutsche Industrie, würden “vernichtet” und jeglicher Warenzustrom nach Deutschland abgewürgt. Der Generalstabschef erwartete ferner gewaltige Einbussen auf deutscher wie englischer Seite. Die neutralen Mächte würden den Nutzen davontragen. Ein Angriff Russlands auf Indien schien ihm allerdings geeignet, England daran zu hindern, zum Mittel des Handelskrieges zu greifen. Schlieffen schloss:

“Da England nicht angegriffen werden kann, so bleibt nur übrig, einen seiner Verbündeten anzugreifen“(Hervorh.v.m., B.S.)

Am 29.11.1904 bat Holstein den Generalstabschef, für den 30. November um 17.00 Uhr, zu sich. Gewappnet mit der Information Schlieffens, vertrat Bülow seinerseits gegenüber Holstein die Position, ein Bündnis mit Russland – wenn es nun gewollt werde – sei grundsätzlich zu erreichen, wenngleich klar sei, dies würde nur ein Bündnis auf Zeit sein und von Frankreich stets beargwöhnt7. Holstein antwortete, es sei entscheidend zu klären, ob

“im Falle eines englischen Angriffs auf uns Frankreich mit in den Krieg hineingezogen werden” (Hervorh.v.m., B.S.)

solle. Ebenfalls erörterte er die Frage des Einmarsches in Dänemark – wie jene der propagandistischen Vorbereitung des Volkes auf einen Krieg mit England. Den Diskussionsstand zwischen Politik und Militär, innerhalb der Führungsspitze des Reiches, fasst Holstein zusammen. Er attackiert Bülow mit Hilfe der von Schlieffen geäusserten Argumente:

“Dagegen spricht, daß nach der Ansicht des Generalstabs Frankreich ein sehr ernsthafter Gegner ist, ernster als 1870, daß ein Vorgehen gegen Frankreich uns Rußland auf den Hals laden könnte, wenn wir mit diesem nicht vorher irgend etwas erreicht haben; daß vielleicht selbst Italien mit England plus Frankreich gehen würde. Dafür, daß wir, wenn der Krieg auf uns und England isoliertbleibt, England gegenüber so gut wie ohnmächtig sind, das uns durch Wegnahme unserer Kolonien und Schiffe, Vernichtung unserer Marine und unseres Handels und Lahmlegen unserer Industrie in absehbarer Zeit zu einem nachteiligen Frieden zwingen kann, während wir, wenn Frankreich mit im Spiel ist und namentlich wenn wir auch Belgien und Holland mit hineinziehen, zwar das Risiko steigern, aber wenigstens die Möglichkeit erwerben, Waffenerfolge zu haben, Pfänder in die Hand zu bekommen und unsererseits einen Druck auszuüben” (Hervorh.v.m.,B.S.).

Damit umreißt Holstein die besondere Funktion des deutschen Aufmarschplanes gegen Frankreich im deutschen politischen Kalkül, der über den Durchmarsch durch Belgien, eben diese politischen Komponenten berücksichtigt. Auch zu Dänemark legt er die Pole der vorher geführten Diskussion um den “Büchsel-Plan” offen. Holstein fragt:

“Ist es angezeigt, unsere öffentliche Meinung und das deutsche Volk allmählich darauf vorzubereiten, daß von England her eine schwarze Wolke droht, damit uns nicht später Mangel an Voraussicht und Leichtsinn vorgeworfen wird” (vgl. Admiral v. Müller zum „Kriegsrat“ am 8.12.1912)?

Am folgenden Tag erklärt Bülow daraufhin dem deutschen Botschafter in London:

“Unsere Absichten gegenüber England sind absolut friedliche”.

Es geht dem Reichskanzler um die Frage, ob trotz vorsichtiger deutscher Flottenrüstung “Gefahr vorhanden” sei, dass Deutschland “in absehbarer Zeit” von England angegriffen werde. Immer wieder wird erwogen, ob “die Gefahr eines englischen Angriffs…durch den Abschluss irgendwelcher Abmachung zwischen Deutschland und Russland erhöht oder verringert” werde. Auch wird ein englischer Angriff auf Russland für möglich gehalten. Abgewogen wird, ob ein deutsch-russisches Defensivbündnis oder ein Neutralitätsabkommen weniger gefährlich sein würde. Bülow fragt expressis verbis:

“Welche Art von Abkommen würde uns mehr Sicherheit gegenüber Englandgewähren?” (Hervorh.v.m., B.S.).

Und schließlich gelangt er zum Kern der Frage:

“Ist Gefahr vorhanden, daß England, wenn es von Allianzverhandlungen zwischen uns und Rußland hört, uns plötzlich überfällt?”(Hervorh.v.m., B.S.)

Metternichs Antwort aus London bezeichnet am 18. Dezember, die “politische Atmosphäre [als] vergiftet”. Doch, so der Botschafter, “weder das englische Volk noch die leitenden Kreise” würden “einen Angriffskrieg gegen Deutschland wünschen oder beabsichtigen”. Auch glaubt er nicht, der Flottenbau werde eo ipso den Krieg mit Großbritannien provozieren. Metternich nimmt eher an, “planmäßige Agitation”, im Vorfeld der parlamentarischen Diskussion, werde “eine ernste Kriegsgefahr mit England bedeuten”. Selbst ein Defensivbündnis mit Russland werde diese Gefahr vermehren. Das Zarenreich sei zu Wasser und zu Land geschlagen, könne also Deutschland kaum nützlich sein. Erst recht, seitdem seine Ostseeflotte über alle Meere verstreut sei. Andererseits, eine “englisch-französisch-russische Abmachung zu verhindern”, sei –  so Metternich – im Ergebnis kaum möglich, da Frankreich stets die Verbindung mit England suchen werde.

4

Die Krisenkonferenz am 21. Dezember 1904.

Am 21. Dezember trafen Bülow, Richthofen, Metternich, Schlieffen, Büchsel und Tirpitz erneut zusammen, um wiederum die von England ausgehende Gefahr zu erörtern. Offenbar lief die Diskussion – um Metternichs Warnung vor einer umfassenden Flottennovelle – ausschließlich zwischen Tirpitz, dem Botschafter und Bülow. Dabei verwahrte sich der Staatssekretär gegen die Behauptung, in der “Begründung des II. Flottengesetzes” sei ausdrücklich davon die Rede, Deutschland wolle “England der Suprematie auf der See berauben”. Mittelbar griff Wilhelm II. in die Diskussion ein, indem Bülow dessen Warnung kolportierte, eine Küstenverteidigung vor Kiel und Hamburg sei praktisch nicht vorhanden. Tirpitz unterstrich noch einmal den Kern seines Flottenbauplanes, indem er darauf verwies,

“daß diese Verteidigungsforderungen nebenher liefen, Bagatelle seien, daß es auf Schiffsforderungen allein ankomme”.

Bülow gelangte, nach einer Unterredung mit dem englischen Botschafter Lascelles, zu dem Schluss, es komme “England gegenüber alles darauf an, dass wir mit Geduld und Spucke über die nächsten Jahre wegkommen, keine Zwischenfälle hervorrufen, [und] keinen sichtbaren Grund zu Argwohn geben”. Was hieß: den beschlossenen Weg weiter beschreiten, bis die englische Suprematie zur See unterlaufen ist, und das mit allen Konsequenzen (Hervorh.v.m., B.S.).

5

Vorarbeiten der Flotte: mit Russland gegen England.

Im Reichsmarine Amt wurde dazu Ende November eine Studie “über einen englisch-deutschen Krieg” angefertigt. Ausgangspunkt waren die “zwickmühlenartige kontinentale Lage” Deutschlands einerseits und “das Bedürfnis nach überseeischer Weiterentwicklung” andererseits. Eine Entlastung der deutschen “Ostgrenze” wurde erwartet und die Verschlechterung der politischen Stellung des Reiches in Asien, gegenüber England-Japan-Amerika, konstatiert. Frankreich habe “den maritimen Wettkampf mit England aufgegeben” und habe zugleich

“mit dieser Schwenkung seinen Offensivgedanken gegen Deutschland endgültig aufgegeben. Nur an der Seite Englands wird es zum Gegner Deutschlands, dann aber mehr defensiv als offensiv. Das russisch-französische Bündnis ist gegen den Dreibund geschlossen oder wenigstens unter politischen Voraussetzungen, die den Kontinentalkrieg zur Basis hatten. Steht in einemenglisch-deutschen Konflikt Russland auf Seite Deutschlands, so wird Frankreich durch sein Bündnis mit Russland nicht zur Parteinahme gegen England verpflichtet.Als Gegner Russlands gibt es indessen seine hier investierten Kapitalien (9 Milliarden Fr[ancs]) verloren” (Hervorh..Tirpitz, B.S.).

Zusammenfassend wird festgestellt, Frankreich und Deutschland hätten ihre Wahl unter den “drei selbständigen Weltmächten England, Amerika und Russland getroffen”,

“Frankreich hat unter Aufgabe seiner kontinentalen Aspirationen die Seemacht England gewählt, Deutschland die Landmacht Russland”.

Das Ergebnis eines englisch-deutschen Krieges werde der wirtschaftliche Ruin des Reichs sein; selbst mit russischer Unterstützung. Die durch eine englische Blockade der Zufuhr des Reichs ausfallenden Mengen, welche “in Friedenszeiten 50 bis 60 Prozent an Lebensmitteln” betrage, könne Russland nicht ausgleichen. Selbst die Besetzung Hollands und Dänemarks werde “nur zu einer geringen Küstenerweiterung und damit Erleichterung” führen. Die Blockade, als für Deutschland gefährliche Waffe, wird gesehen und eingestanden, “ein gleichzeitig geführter Landkrieg auf französischem Boden…[werde] diese Verhältnisse” nicht “günstiger gestalten” können. Als Ausweg erscheint ein Angriff Russlands auf Indien. Doch dieser Weg wird ins “Reich der Utopie” verwiesen. Ein gleichzeitiger Krieg Deutschlands mit Frankreich werde dessen Kräfte binden. Im Jahre 1904 sei Russland nicht fähig, eine derartige Operation zu unternehmen. Obwohl Amerika unter dem Handelskrieg Englands mit Deutschland leiden würde, werde das Inselreich

“alle politischen Rücksichten gegen andere Staaten der einen unterordnen: der wirtschaftlichen Vernichtung seines Gegners”.

Gefragt wird: “Wie kann ein deutsch-englischer Krieg verhindert werden?” “Ein Schutzbündnis mit den Vereinigten Staaten” erscheint als “Präventivmaßregel”, da “England in Bezug auf seine Lebensmittelzufuhr ganz von Amerika abhängig” sei. Um die Unterstützung der USA zu erkaufen, werden

“Koncessionen…b[e]z[ü]gl[ich]. Südamerikas,…im Stillen Ocean (Karolinen, Samoa, Neu Guinea) und schliesslich…in Ostasien”

vorgeschlagen. Der sich anschließende Vergleich zwischen der Lage Deutschlands und jener der “junge[n] amerikanische[n] Kolonie 1778 England gegenüber” bezeichnet plastisch den Ernst der Situation Ende 1904. “Jeder Zeitverlust” werde den “Kaufpreis höher stelle[n]” und die Gefahr vergrößern. Die verlässliche amerikanische Zusage werde ausreichen,

„um den gegenwärtigen Druck solange auszuhalten, dass die politische Hetze in England an Boden verliert, während wir in dieser Zeit die Freiheit maritimer Weiterentwicklung, die wir jetzt nicht haben, wieder erlangen und nutzen können“ (Hervorh.v.m., B.S.).

6

Admirale Pendemann und Heeringen: Das Hauptübel die unfertige Flotte.

Das Memorandum zur Flottenvorlage des Jahres 1900 hatte eine offene Sprache geführt – zu Zielen und Methoden des deutschen Flottenbaus:

“Um des Reiches Seehandel und seine Kolonien zu beschützen – im Hinblick auf die gegenwärtigen Umstände kann nur eine Methode nützen – muß Deutschland eine Kriegsflotte haben, so stark, daß der Gegner, der im Besitz der größten Seemacht steht, sie nur mit ernster Gefahr für sich selbst angreifen kann.
Für unsere Zwecke ist es nicht unerläßlich notwendig, daß die deutsche Kriegsflotte so stark sei, wie die der größten Seemacht: denn in der Regel wird eine große Seemacht nicht imstande sein, ihre ganzen Streitkräfte auf uns zu richten. Aber sogar wenn es ihr gelingen sollte, uns mit beträchtlicher Überlegenheit der Kräfte entgegenzutreten, so würde die Vernichtung einer großen deutschen Flotte den Feind so stark schwächen, daß, trotz des errungenen Sieges, seine eigene Weltstellung nicht länger mehr von einer gleichwertigen Flotte gesichert werden würde“.

Admiral von der Goltz bestätigte im Reichstag noch einmal dieses deutsche Kalkül:

“Die vorläufig noch beherrschende maritime Überlegenheit Großbritanniens wird auch in Zukunft beträchtlich bleiben, aber sie ist gezwungen, ihre Kräfte über die ganze Welt zu zerstreuen. Zweifellos würde bei einem Kriege in heimischen Gewässern der größere Teil der auswärtigen Geschwader zurückgerufen werden; doch würde dies Zeit kosten und überdies dürften nicht alle Überseestationen entblößt werden. Die deutsche Flotte, viel kleiner zwar, könnte in den europäischen Gewässern konzentriert bleiben. Mit den jetzt vorbereiteten Erhöhungen wäre sie in der Lage, ihre Kraft mit den gewöhnlichen britischen Flottenkräften in heimischen Gewässern zu messen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Anfang Dezember 1904 macht sich Admiral Pendemann (Flottenkommando Wilhelmshaven) “Gedanken über die augenblickliche kritische Lage”. Auch er sieht den Kriegszweck Großbritanniens in der Vernichtung von deutschem “Handel und Industrie”. Doch um das Reich “ganz niederzuwerfen”, habe “dies so viel Lebenskraft, um sich sehr bald wieder zu erholen”. Das wisse England. Momentan sei die “politische Lage…die denkbar günstigste”.

“Deutschland ist allein England maritim noch nicht entfernt gewachsen”.

Pendemann unterstreicht, da “an eine strategische Offensive gegen die englische Flotte” nicht zu denken sei, “müsse die Defensive stark entwickelt sein”. Ein Krieg mit England würde “alles bisher zur See erreichte mit Wahrscheinlichkeit wieder vernichten”. Die zwei Wege, die blieben, seien einmal der Vorstoß in die Nordsee, der die strategische Defensive – “einen augenblicklichen taktischen Erfolg” vorausgesetzt – nur aufschieben würde, und der Verzicht auf jegliche Aktion, womit die Flotte “als kriegsbrauchbares Instrument” ausscheide. Damit sei “die Kriegsflotte lahm gelegt und blockiert”. Der Admiral merkt an, er

“wüsste nicht, was die Engländer dann veranlassen sollte, in die Ostsee hineinzulaufen und unsere Flotte anzugreifen, wenn wir uns dort freiwillig blockieren lassen. Sie sind auch nicht der französischen Flotte in ihre Häfen gefolgt/es genügte ihnen, sie dort lahm zu legen”.

Damit bezieht Pendemann eindeutig Stellung gegen die Planungen des Admiralstabschefs Büchsel, und dessen Operationsplan II.

Mitte Dezember, die Krise bestand unverändert fort, erörtert ein weiterer Marinevertreter das Ergebnis der Beratungen der Rüstungskommission. Obwohl eine “unmittelbare Kriegsgefahr” nicht bestanden habe, sei “den für die Politik des Reiches verantwortlichen Stellen” diese Möglichkeit besonders scharf vor Augen getreten”, so wird von Heeringen behauptet. Er führt aus, Voraussetzung des Flottenbaus sei “bisher” gewesen, “den Frieden” bis zur Fertigstellung der Schlachtflotte “erhalten zu können”. Im Angesicht der Problemlage zu Ende des Jahres 1904, unterstreicht Heeringen diese zugrunde liegende Prämisse. Er führt aus:

“…das Verhalten der Grossmächte hatte seit Jahrzehnten eine so deutliche Abneigung gegen Übernahme der wirtschaftlichen Schädigungen eines grossen Krieges gezeigt, dass die Hoffnung berechtigt war, wir könnten bei genügender Vorsicht und vorläufiger Einschränkung unserer weltpolitischen Ansprüche den Krieg allein durch diplomatische Geschicklichkeit vermeiden” (Hervorh.v.m., B.S.).

Tatsächlich sei jedoch der Kriegsgedanke durch die Vorgänge in Ostasien wieder populärer geworden. So zum Beispiel plädiere eine Fraktion in England dafür, “zu seiner eigenen Sicherheit” Deutschland “zu schlagen, ehe wir unsere Flotte fertig haben”. Er setzt sich, angesichts auch der japanischen Kriegsbereitschaft, für ein “völlige[s]n Bereitsein[s] zum Kriege…vor allen übrigen Rücksichten” ein. Es sei damit für “die verantwortlichen militärischen Stellen” unabdingbar, “die Streitmittel des Reiches in der höchsten, ohne direkte Mobilmachung erreichbaren, Kriegsbereitschaft zu halten”. Der bleibende “Ernst der Lage England gegenüber” wird unterstrichen und die Verantwortung der militärischen Entscheidungsträger vor der Geschichte betont. Vorausgesetzt wird ein britischer Überfall auf die deutschen Seestreitkräfte, analog zu der Kriegseröffnung Japans gegen Russland 1904. Daraus ergebe sich, dass eine rechtzeitige Warnung durch die Diplomaten kaum zu erwarten sei. Es gelte einen zentralen Schwachpunkt auszuräumen, nämlich die Tatsache,

“dass wir während 21/2 Monat[en] im Jahr unsere sämtlichen Linienschiffe oder auch nur die Hälfte kriegsbereit liegen haben”.

Damit würde, so der Vorsitzende der Rüstungs-Kommission, der Gegner “genau auf den Zeitpunkt” hingewiesen, “zu dem er angreifen” müsse. Die deutsche Flotte sei “durch Wehrpflicht und ungesunden Wechsel weder im Oktober und November noch im März bereit”. Das sei

“ein weiterer Grund mehr für England den Krieg im Winterhalbjahr anzufangen”.

Auch strategisch sei die deutsche Flotte durch das Winterlager in Wilhelmshaven äußerst behindert, die “Zentralstellung Elbe-Kiel” einzunehmen. Heeringen gipfelte in der Feststellung,

“wir dürfen nicht pro Jahr über 200 Millionen für die Marine aufwenden und haben in dieser drohenden Zeit nur während 6 – 7 Monaten eine kriegsbereite Flotte” (Hervorh.v.m., B.S.).

Ein Wandel des Bewusstseins war offenbar eingetreten. Denn nun, so Heeringen, gelte es nicht mehr nach der “ferneren Zukunft” zu fragen, sondern nach dem “Jetzt”. Er votiert dementsprechend gegen Detachierungen ins Ausland, plädiert dafür, die Geldmittel zu konzentrieren – und dies für die möglichst unauffällige “Hebung der Kriegsbereitschaft”. Ihm scheint verbürgt, dass selbst bei den “grössten Verlusten”, in dem dann durchzukämpfenden Krieg, “das deutsche Volk” dennoch “willig sein” werde, erneut Geld für den Flottenbau aufzuwenden. Die Haltung, von vornherein einen Erfolg auszuschließen, würde zudem dazu führen, “bei Ausbruch des Krieges nicht das Letzte für den Erfolg” aufzuwenden. Immerhin könne die deutsche Flotte im “Frühsommer 1906 auf zwanzig Linienschiffe” angewachsen sein. “Das letzte Wort” sei somit “noch lange nicht…gesprochen”.

Tirpitz merkte an, er verstände “diese Vorschläge nicht ganz, da sie zu abstrakt gehalten” seien. Er wehrte sich zudem dagegen, in den Jahren seit 1898 nicht genug erreicht zu haben. Allerdings registrierte er, was viele dachten und auch schon sagten, die Flotte sei eben nicht fertig, und das sei der Fehler. Allerdings der Weg, besser an Hand “konkreter Vorschläge” zu diskutieren, erscheint eher als Ablenkungsversuch gegen aufkeimende Kritik, denn als ernst zu nehmender Hinweis. Mitte Januar 1905 berichtet der deutsche Botschafter in London, die englischen Blätter würden einen “englischen Angriff…als ungeheuerlich zurückweisen”. Gleichzeitig sei in “Daily Mail “, „Daily Telegraph“ und „Daily Graphic” eine Wandlung zugunsten Deutschlands zu erkennen. Nach Metternichs ausführlichem Bericht, scheint die deutsche Befürchtung, ein englischer Überfall stehe unmittelbar bevor, als bloße Chimäre.

Dass Ende Januar die Entscheidung über Krieg und Frieden noch in der Diskussion war, bestätigt Tirpitz´ Äußerung gegenüber dem deutschen Militärbevollmächtigten in Petersburg, Hintze. Der Leiter des Reichsmarine Amts schränkte Direktiven, die konkrete Maßnahmen für einen Krieg mit Frankreich und England enthalten hatten, auf “Anweisung” des Reichskanzlers ein. Der Ende 1904 in der deutschen Führungsspitze diskutierte Krieg mit Frankreich und England war zu diesem Zeitpunkt vertagt. Tirpitz erläutert bei dieser Gelegenheit die Verfahrensweisen der Abstimmung zwischen Politik und Militär in Berlin, die demnach durchaus im Clausewitzschen Sinne geregelt war:

“Die Direktiven, welche ich Ihnen mündlich gegeben habe gemäß Anweisung des Herrn Reichskanzlers, beziehen sich nicht auf die Frage, ob Krieg oder Frieden. Sie rechneten nur mit der Tatsache, daß der Kriegszustand besteht und auch für Waffenerfolge unseren Interessen am meisten entsprechen. Die Frage Krieg oder Frieden ist jedenfalls rein politischer Art und außerhalb meiner Kompetenz” (Hervorh.v.m., B.S.).

Wenige Tage darauf leitet das Auswärtige Amt Tirpitz “einen ganz vertraulichen Privatbrief des Botschafters Grafen Metternich” zu, den dieser an Bülow gerichtet hatte. Darin äußerte sich Metternich zur “Gestaltung der Beziehungen zwischen Deutschland und England während der letzten Monate”. Dort habe sich der Diplomat “nochmals nachdrücklich…über die Befürchtung” geäußert, dass England kriegerische Absichten gegen uns hege”. Dieses Schreiben heizte die Diskussion zwischen den Befürwortern des Flottenbaus und deren Kritikern innerhalb der deutschen Führungsspitze erneut an. Anfang Februar referiert Admiral von Müller, Tirpitz gegenüber, zustimmend über die These,

“daß diejenigen, auf die Zukunft des deutschen Volkes verzichteten, welche aus Angst vor England von jedem schnelleren Vorgehen in unserer Flottenentwicklung absehen wollen”.

Müller plädiert für die Beschleunigung der Ersatzbauten und gegen ein “drittes Doppelgeschwader”. Er fragt: aber wenn England daraufhin ernste “politische Konstellationen” veranlasse? Die Antwort, so Müller, müsse für Deutschland dann im Angesicht des Krieges heißen:

“dann der Weltkrieg, der unsere Heere nach Indien führt und nach Egypten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Rüstungspolitisch-strategisch sieht Müller die “Beschränkungen” des Nord-Ostsee-Kanals, und die Typenfrage, an erster Stelle rangieren. Er übt, wenn auch eingeschränkt, gegenüber Tirpitz Kritik an den großen Schlachtschifftypen:

“Ich ziehe die strategische Konzentrationsmöglichkeit durch den Kanal der taktischen Konzentration über den großen Typ vor, und erst wenn die innerpolitische Möglichkeit gegeben ist, den Kanal umzubauen, würde ich auf den großen Typ gehen. Bis dahin also müßte das möglichst große Linienschiff, das eben noch durch den Kanal gehen kann, gebaut werden”.

Daraufhin hält Tirpitz, in einer Notiz für die Budgetkommission des Reichstages, fest:

“Der Herr Reichskanzler hat für die Ausarbeitung eines Entwurfes für eine in Herbst d[ieses]. J[ahres]. einzubringende Novelle zum Flottengesetz den zuständigen Reichsressorts folgende vorläufige Direktiven gegeben:
1. Eine Vermehrung der etatsmässigen Zahl der Linienschiffe soll nicht stattfinden.
2. Die Zahl der jährlich auf Stapel zu legenden grossen Schiffe – seit 1897 pro Jahr 3 – nicht erhöht aber auch nicht vermindert werden.
3. Als Neuforderung sind von den seiner Zeit vom Reichstage abgelehnten Auslandsschiffen 6 grosse Kreuzer wieder einzubringen. An Stelle der damals geforderten 7 kleinen Kreuzer sind 7 Torpedoboots-Divisionen zu fordern.
4. Für die Linienschiffe und Panzerkreuzer soll nach Vorgang aller anderen Nationen vom Jahre 1906 ab ein grösserer Typ vorgesehen werden.
Die Durchführung des vorstehend skizzierten Programms würde nach den angestellten Berechnungen den Marineetat bis zum Jahre 1910 einschliesslich gegen den Etatsentwurf 1905 jährlich um durchschnittlich 15 Millionen Mark steigern. Von 1911 ab würde sich der Etat ungefähr auf der Höhe des Etats von 1910 halten. Verhandlungen zwischen den Verbündeten Regierungen über die im Herbst einzubringende Novelle haben noch nicht stattgefunden” (Hervorh.v.m., B.S.).

Tatsächlich hielt Tirpitz im Reichstag eine flammende Rede über die Grundsätze des deutschen Flottengesetzes, welches von der kriegsentscheidenden Seeschlacht ausgehe und die großen Schiffe bevorzuge, so lange die Kanone die schlachtdominierende Waffe sei.

Am 4. Februar rief Wilhelm II. den britischen Botschafter Lascelles zur Ordnung, nachdem der Kaiser von der – nach seiner Meinung –

“geradezu verblüffenden Rede des Civil Lord of Admirality mit der offenen Kriegsdrohung gegen uns”

erfahren hatte. Am 18. Februar überschritt die Krise deren Zenit. Vize-Admiral Büchsel teilte Tirpitz mit, der Kaiser habe “neuerdings befohlen, dass die Marine in der strategischen Defensive bei ihren Operationen in den Belten mit einer Unterstützung von Seiten der Armee nicht zu rechnen habe”. Nicht zuletzt der Reichskanzler habe diese Entscheidung Wilhelms II. bewirkt, indem er “vom politischen Standpunkte aus neuerdings wesentliche Bedenken dagegen zum Ausdruck gebracht hat, andererseits weil die Armee die für die Besetzung dänischen Gebiets erforderliche Truppenmacht nicht hergeben kann, ohne den Erfolg an anderer Stelle fraglich zu machen”. Und schon anlässlich der Enthüllung des Kaiser-Friedrich III.-Denkmals in Bremen bemühte sich der Kaiser darum, die an sich revolutionäre Grundidee deutscher Politik in gemäßigter Verpackung zu bieten:

“Das Weltreich, das Ich Mir geträumt habe, soll darin bestehen, daß vor allem das neuerschaffene Deutsche Reich von allen Seiten das absoluteste Vertrauen als das eines ruhigen, ehrlichen und friedlichen Nachbarn genießen soll und daß, wenn man dereinst vielleicht von einem deutschen Weltreich oder einer Hohenzollern-Weltherrschaft in der Geschichte reden sollte, sie nicht auf Politik gegründet sein soll durch das Schwert, sondern durch gegenseitiges Vertrauen der nach gleichen Zielen strebenden Nationen” (vgl. K.Lamprecht-Bethmann Hollweg, in: Bernd F. Schulte: Das Deutsche Reich von 1914, Hamburg 2013).

Wenngleich Wilhelm II. damit kein Jota von dem bisherigen Weltmacht-Kurs zurückwich, so blieb dennoch Raum für verschiedenste Versuche, aus der Kalamität eines Zwanges zum Krieg mit Frankreich herauszukommen, bei gleichzeitig offener Flanke gegenüber Großbritannien. Holstein betonte diese Lösung, indem er für den Konferenzgedanken eintrat, und gleichzeitig – im Angesicht der englischen Rivalität – für den Ausgleich mit Frankreich plädierte. Er schrieb am 28. Juni an den deutschen Botschafter in Paris:

“In Wirklichkeit haben wir den entgegengesetzten Plan, nämlich die Gelegenheit zu benutzen, um bessere Beziehungen für die Zukunft mit Frankreich anzubahnen”.

Ein Weg, den Bülow übernahm. Er glaubte mit Hilfe Marokkos als Kompensation, Frankreich zum “Anschluß an die deutsch-russische Verständigung” zu bringen. Der Kanzler hielt in einer Notiz fest:

“1…Eine bessere Verwendung könnte Marokko für uns nicht finden…

3. Es erscheint mir ratsamer, die Marokkofrage bis auf weiteres versumpfen zu lassen, als sie zu brüskieren”.

7

Admiralstab gegen Generalstab.

Es war nicht leicht, Schlieffen auch nur die Zusage der Fortsetzung kommissarischer Verhandlungen zwischen Vertretern der Stäbe von Armee und Marine abzuringen. Es bedurfte dazu eines persönlichen Gespräches zwischen Büchsel und Schlieffen. Wie gering das Interesse des Generalstabes an einer Diversion stärkerer Kräfte der Armee im Norden war, zeigten die Verhandlungen mit dem Vertreter des Generalstabes, Oberstleutnant Stein, der spitz fragte,

“ob es nun gegen England allein auf eine Beteiligung der Armee ankomme”.

Büchsel erklärte, es handele sich “um einen Angriff Englands auf uns [Deutschland] überhaupt”. Womit klar gemacht war, von Seiten der Flotte sei “die planmäßige Teilnahme” der Armee im Falle auch nur eines deutsch-englischen Krieges geplant. Stein betonte demgegenüber, “wie sehr unangenehm” dies für die Armee sei, “weil man ja garnicht voraussehen könne, was daraus werden würde”. Gemeint war damit, jeder Verlust an Kräften für den Landkrieg mit Frankreich, den der Generalstab grundsätzlich erwartete, sei unbedingt zu vermeiden. Büchsel berief sich postwendend auf den Reichskanzler, dieser sei

“der Ansicht…, dass die ganze Besetzung dänischen Gebiets nur möglich sei bei einer wohlwollenden Neutralität Rußlands”.

Der Hinweis auf das Votum des verantwortlichen Politikers ließ Stein schließlich einlenken und den Kräfteansatz der Armee auf eine Division, eine Landwehr-Brigade, zwei 12cm-Artillerie-Batterien und zwei Beleuchtungstrupps beziffern. Im Sinne der Beschleunigung weiterer Schritte, kündigte der Admiralstabschef an, “am 2.12. S[einer].M[ajestät]. dem Kaiser Vortrag über den Fortgang der Vorbereitung des O[perations). P[lans]. II halten” zu müssen.

Angesichts dieser Zielstrebigkeit des Admiralstabes ließ Schlieffen mitteilen, der Kriegsminister habe ihn ersucht, “in eine weitere Behandlung der zur Berathung stehenden Angelegenheit nicht einzutreten”. Büchsel antwortete, unter Hinweis auf den “Befehl S[einer].M[ajestät].d[es].Kaisers”, und hielt daran fest, er erwarte vom Generalstab nach wie vor eine Stellungsnahme dazu, “wie der Bedarf an Truppen d[er]. Armee sich” vergrößere. Die Dinge trieben der Entscheidung zu, als Büchsel am 2.12.1904 sich für den Vortrag bei Wilhelm II. vorbereitete. Am folgenden Tage war der Admiralstabschef beim Kaiser zum “Spaziergang befohlen”, was bedeutete, dass weder der Chef des Kaiserlichen Hauptquartiers, Generaloberst von Plessen, noch der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Senden Bibram, teilnehmen würden.

Büchsel führte in diesem Vortrag aus, die Verhandlungen mit dem Generalstabe hätten ergeben: für die “Besetzung Dänemarks, wie sie nötig” sei, reiche “zur direkten Verteidigung der Sperren im grossen und kleinen Belt” eine verstärkte aktive Division der Armee aus. Allerdings würden zwei Divisionen dann nötig, wenn Dänemark die “Besetzung seines Gebietes durch eine Kriegserklärung” beantworte. Das hieß: mindestens zwei Heeres-Divisionen würden in einem „Kriegsfall England“ im Norden gebunden werden. Der Generalstab vertrete allerdings die Position, so Büchsel, “dass selbst wenn der Krieg zunächst durch eine Ueberraschung Englands allein eingeleitet” werde, dann “doch das Hineinziehen Frankreichs folgen” müsse. Immer wieder habe Schlieffen betont, “in diesem Falle” würden “die besten Armeekorps bei den Operationen gegen Frankreich fehlen”. Dass der Generalstabschef sämtliche Operationen ablehne, die zu einem “Zurückhalten von zwei aktiven Armeekorps an der Küste im Kriege mit England” führen würden, kam ebenfalls deutlich zur Sprache. Damit war die im Operationsplan II der Flotte niedergelegte Grundidee in Frage gestellt, nämlich die Belte zu sperren, um so die englische Hochseeflotte im Kampf um die Beltsperren zahlenmässig abzunutzen und einen Schlachterfolg der quantitativ unterlegenen deutschen Seestreitkräfte in der Ostsee erst möglich zu machen. Hier sollte der Kaiser entscheiden, wer – der General- oder der Admiralstab – mit seinen Vorstellungen durchdringe. Büchsel enthielt sich ausdrücklich der Entscheidung über die Frage, ob der Vorteil, den Krieg in Dänemark und in der Ostsee gegen England führen zu können, den Nachteil überwöge, an der französischen Grenze mit um zwei Armeekorps geschwächten Kräften aufzumarschieren. Er unterstrich jedoch, in jedem Fall müsse die Armee sowieso die Verteidigung der deutschen Nordgrenze gegen die dänische, und möglicherweise die englische Armee sicherstellen. Wie auch immer sich Deutschland in einem kommenden Konflikt verhalte, Dänemark werde, ob mit deutschem Einmarsch, und damit Neutralitätsbruch, oder ohne, ob unterstützt durch England, oder von diesem besetzt, möglicherweise Deutschland, “in any case”, den Krieg erklären.

Im Einzelnen begründete der Admiralstabschef die so für die Kriegführung der Flotte eintretenden Nachteile. Er fasste zusammen, wenn nun die Armee nicht genügend auftrete, dann würde

“der Zweck , welchen Eure Majestät mit derselben verfolgen, dem Feinde Schiffsverluste beizubringen, welche so hoch sind, dass die hinter der Sperre stehende Schlachtflotte Aussicht hat, die angreifende Flotte vollends zu vernichten, in wesentlich geringerem Masse erreicht werden, ja die Verluste auf der eigenen Seite würden, da die Verteidigung der Sperren älteren Schiffen übertragen werden muss, wesentlich größer sein, als auf Seiten des Gegners, und ein Aufräumen der Sperre würde sich nicht verhindern lassen”(Hervorh.v.m., B.S.)

Angesichts dieser Ausführungen Büchsels sprach sich Wilhelm II. “dahin aus, daß die beiden Korps (IXtes[Altona] und Xtes[Hannover]) im Norden bleiben müßten, bis die Verhältnisse dort geklärt seien”. Der Monarch bezog unter dem Eindruck des Vortrages damit eindeutig Stellung gegen den Generalstab und folgte seiner traditionell marinefreundlichen Haltung. Der Kaiser erklärte,

“die Besetzung dänischen Gebietes müsse erfolgen, auch schon wegen Esbjergs [Landung eines Britischen Expeditionskorps], ganz abgesehen von der Sperreverteidigung. Er sei der Meinung, daß die Armee diese Truppen entbehren könne und müsse”.

Büchsel gab anschließend die Parole aus: “Wir arbeiten also zunächst weiter in der Annahme, daß die Truppen gestellt werden”.

Um den Generalstab doch noch zu gewinnen, und offenbar in der Überzeugung, dass die momentane Willensäußerung des Obersten Kriegsherrn nicht lange tragen werde, bot Büchsel an, auf der Basis der am 9. Dezember abends durch den Kaiser “mündlich ertheilten Anweisungen” gemeinsam vor dem Monarchen festzulegen, “welche Truppen der Armee in Folge der geplanten Verwendung auf nicht deutschem Gebiet” zur Verfügung stehen würden. Schlieffen antwortete nach zehn Tagen und teilte mit, er sei nunmehr “zur Feststellung der Art und Zahl der erforderlichen Truppen in eine genaue Prüfung… eingetreten”. Den Vortrag Büchsels vor Wilhelm II. beantwortete er nun mit der Ankündigung, seinerseits “durch einen Immediatbericht die Grundlagen für eine Entscheidung” geben zu wollen. Am folgenden Tage erbat der mit den Verhandlungen betraute Oberstleutnant Stein Berichte, welche die Korvettenkapitäne Souchon und Hopman im Jahre 1902 zu den in Frage stehenden dänischen Gebieten angefertigt hatten.

Ende Januar 1905 nahm der Admiralstab diesen Faden wieder auf und betonte, daß Schlieffen den angebotenen gemeinsamen Immediat-Vortrag beim Kaiser nicht in Betracht gezogen habe. Wie gereizt Büchsel zunächst reagieren wollte, zeigt der erste Entwurf seiner Antwort. Der Admiralstabschef revidierte jedoch das Konzept, welches den Vorwurf enthielt, Schlieffens Verhalten in der Sache sei der Grund für “die großen Lücken” in den Vorarbeiten zum Operationsplan der Flotte, “die mangels einer Allerhöchsten Entscheidung[,] gerade für den wahrscheinlichsten Kriegsfall vorhanden” seien. In der Ausfertigung des Schreibens bezog sich Büchsel dann nur noch darauf, der Generalstabschef möge ihm mitteilen, wann er seinen Bericht zum Immediatvortrag an den Kaiser senden werde.

(Fortsetzung folgt)

Das“Institut“ der Krisenkonferenzen im informellen Regierungssystem des Kaiserrreichs.

Sonntag, Januar 11th, 2015

That’s it! Springe – Heeresvermehrung – Kriegsentschluß.

Dienstag, Oktober 27th, 2009

Als Tirpitz seinem Mitarbeiter Hopman über die Krisenkonferenz im Jagdschloß Springe vom Vortage berichtete, war die Entscheidung bereits gefallen. Das, was der Kaiser, Schlieffen und Bülow 1905, Bethmann Hollweg, Bülow, Tirpitz, Schoen, Metternich und Moltke 1909 diskutiert hatten, war nun, am 24.11.1912, Wirklichkeit geworden.

Trotz des Sträubens der Flotte, die sich nicht sinnlos im Kampf mit der englischen Grand Fleet opfern wollte, hatte sich die Führungsspitze des Reichs bei dieser Gelegenheit zu dazu entschlossen, binnen Monaten den großen Entscheidungskampf zwischen Slawen und Germanen zu führen. Deutschland bereitete, mit der umfangreichsten Heeresvermehrung seit 1871, den Kampf mit Rußland vor, der – nach Aussage des Kaisers (9.12.1912) – in Kürze als „Rassenkampf“ folgen werde. Der Gegner stand künftig im Osten und Panslawismus und Pangermanismus (vgl. Stalin/Hitler) schienen grundlegend unvereinbar.

Der Konflikt zwischen den Balkanbundstaaten (hinter denen Rußland stand) und der Türkei, leitete direkt in die Auseinandersetzung der „germanischen“ Staaten Deutschland und Österreich über; mit den romanischen und slawischen Mächten Frankreich und Rußland. Sch. weist darüber hinaus nach, dass die Lehre von der Polykratie zwischen den Entscheidungsträgern im Kaiserreich eine Legende ist. Vielmehr herrschte seit der Gründung des Reichs eine enge Interdependenz der Ämter, gerade zwischen den politischen und militärischen. Dies haben die Beteiligten von 1914 uni sono zurückgewiesen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand.

Damit eröffnet sich eine neue Sicht auf die Entscheidungen von 1914, die deutscherseits aussichtsreicher waren, als bisher gesehen. Das auch infolge der Wirtschafts- und Volkskraft wie der allgemein vorausgesetzten militärischen Präponderanz des Reichs. – Nur, diese Pläne scheiterten.