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Der Kampf mit England um die Weltmacht. Zu den Vorstellungen der Führungseliten vom großen Krieg.

Freitag, Dezember 27th, 2013

Die „Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen“ bieten nun in der Reihe II ebenfalls einen Aufsatzband, wie zuvor schon in der Reihe I (von 2000-2008): Das Deutsche Reich von 1914. Europäische Konföderation und Weltreich. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe II, Bd. 2, Norderstedt 2013. Hier finden sich Artikel des Autors Bernd F. Schulte, und weiterer Wissenschaftler, zu Fachfragen der Diskussion um den Ersten Weltkrieg, aber auch zu breit gespannten Beobachtungen zur Zeitgeschichte der jüngeren und jüngsten Zeit; wie zur inneren Entwicklung der Bundesrepublik und der Geschichte der DDR, aber auch akuten Krisen, wie jener um Europa in der Finanz-, Euro- und Bankenkrise. Hier geht es, anders als im Band 1 der Reihe II („Deutsche Policy of Pretention“), nicht um eine ergänzte Neuauflage einer älteren Arbeit. Vielmehr bietet Schulte nun den Auftakt zur Diskussion des Jahres 2014.

100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird es um dessen Anlaß und tiefere Ursachen gehen. Dazu einen Beitrag zu leisten, unternimmt der Autor. Ausgehend von der Einleitung, in deren Zentrum eine neuentdeckte wirtschaftliche Denkschrift Dietrich von Bethmann Hollwegs für den Reichskanzler aus dem Juni 1914 steht, wird die besondere wirtschaftliche Schwäche Österreich-Ungarns als auslösender Faktor für einen Entschluß zur Risikopolitik (nach Schulte „Policy of Pretention“) des Juli 1914 geliefert. Neben der Tatsache, dass, angesichts der verlorenen Nachlässe der Familie von Bethmann Hollweg, jedes Stück Papier zu 1914 von besonderem Wert ist, macht diese Denkschrift, des Legationsrates an der deutschen Botschaft Wien, verständlich, dass der Reichskanzler, nach dem unvollständigen Riezler Tagebuch, derartig verschwommen/unheilvolle Äußerungen tätigen konnte, als er am 5. Juli 1914, unter den Linden von Hohenfinow, mit seinem Assistenten Riezler, den Tag der Entscheidung ausklingen ließ.

Der Entschluss war gefaßt, der Stein im Rollen. Vor welchem weltanschaulichen Spektrum diese Entscheidung fiel, zeigt der Blick Schultes auf den Briefwechsel zwischen Theobald von Bethmann Hollweg und dem Universalhistoriker Karl Lamprecht, dessen Schulfreund. Es zeigt sich, dass Deutschland ungebrochen – auch nach 1909 – Weltmacht werden wollte. Dass quasi, in einer Stufenfolge von zunehmender Intensität, Rußland von England und Frankreich zu trennen sei, und England auf Deutschland zu zu zwingen, bildete (durch diese Entwicklung) den beabsichtigten Schritt. Das Band zu den Westmächten werde aber Deutschland Bewegungsspielraum für weitere weltumspannende Aktivität gewähren.

Erst im Krieg (während des Winters 1914/15 – Bethmanns einsames Weihnachtsfest an der Front) wurde dann deutlich, dass dieses Ziel einzig durch den Sieg über England erreichbar sei. Nun, im Krieg der Waffen, ein komplettes „renversement des frontières“, der Grundausrichtung Bethmannscher Außenpolitik. Zuvor sollte nach Lamprecht, durch wirtschaftliche Kulturpolitik, durch den Zusammenschluß des um Deutschland gravitierenden Europa mit China (damals 400.000 Millionen), der Aufstieg des europäischen Kulturraumes zur Weltmacht (gegen, oder in Nachfolge auf, England) gelingen.

Im Krieg ging dann Lamprecht, im Auftrage des Kanzlers, nach Belgien um hier das Zentralproblem eines künftigen (gegen England) gerichteten Europa unter deutscher Führung zu explorieren. Hier, in Belgien, entschied sich der Erste Weltkrieg. Wer die belgischen Küsten besaß, hatte den Schlüssel zur Zukunft in der Hand. Darin waren sich in Berlin General- und Admiralstab (Armee und Flotte) schon vor 1914 einig. Dahin zielte – in seltener Einmütigkeit – der bisher als militaristisch apostrophierte deutsche Aufmarsch- bzw. Kriegsplan spätestens seit 1903/04 (die Vorüberlegungen starteten mit der Berufung Schlieffens 1891 – und dem gleichzeitigen Entschluß zur Flottenbau).

Keinesfalls vorstellungslos bewegten sich damit die deutschen Führungseliten aus Wirtschaft, Politik und Militär auf einen Krieg zu. Die Gewißheit herrschte, dass dieser kommen müsse und werde. Eine andere Form der Entscheidung wurde in dieser Welt von Gestern – in einer Art Betriebsblindheit – nicht erkannt.