Posts Tagged ‘Weltmacht’

Der Plan hinter dem Ersten Weltkrieg. Lamprecht und Bethmann Hollweg – militante Philosophie.

Sonntag, Mai 17th, 2015

Dr. Bernd F. Schulte

Neue Quellen lassen die Hintergründe der deutschen Weltkriegsplanungen deutlicher werden. Nach allen Seiten wird ein erstaunlich moderner Zugang zur Weltpolitik erkennbar. Und das vor dem Hintergrud der Schlachtfelder im Nordwesten Frankreichs (Innenansicht der Armee).

 

„Die großen Linien meisterhaft gezeichnet“.*

Lamprechts „Deutsche Geschichte“ erreichte eine breitere Öffentlichkeit. Maximilian Harden ließ ihn in seiner „Zukunft“ zu Wort kommen. Die tiefe Krise des Historismus, die sich in der einseitigen Gefolgschaft Rankes innerhalb der deutschen Historikerzunft manifestierte, wurde durch Lamprecht an die Oberfläche gespült. Diejenigen, die die deutsche Geschichte im Sinne Burckhardts nach 1871 „siegesdeutsch angestrichen“ hatten, verweigerten sich nun den Impulsen einer modernen Sozialgeschichte à la Lamprecht. Zudem stellte dieser zusätzlich Erschlaffungs- und dekadente Tendenzen in dem Deutschland vor 1914 fest, die naturgegeben von offizieller Seite Bestätigung erfuhren.*

Der Reichskanzler bestätigte dem Historiker Karl Lamprecht*, seinem Klassenkameraden aus Schulpforta, die Skizze, die dieser von der Persönlichkeit des Kaisers, in einer kleinen Schrift, entwickelt hatte. Bethmann Hollweg pflichtete bei:

„Sie haben, wie mir scheint die großen Linien, die trotz allen … sein Wesen fest bestimmen, meisterhaft gezeichnet. Und mit der gleichen Anteilnahme bin ich der psychologischen Detailschilderung gefolgt, die Sie entwerfen, und die einen doppelten Reiz [für] denjenigen hat, der im Dienste des [Tagesgeschäfts]a die Hemmungen und Reibungen [seines]b würdigen Charakters erfährt.“

Der Kanzler spielt auf einen „Grundzug“ im Charakter des Kaisers an, der aber „erst in einer späteren Zeit“ zu behandeln sein werde. Augenscheinlich war die Wirkung der Veröffentlichung Lamprechts auch in der allgemeinen Tagespresse bemerkt zu worden, und stellte sich für den Zeitgenossen sichtbar heraus, dass es zu einer „allmähliche[n] Bildung eines geschichtlichen Urteils“ über den Kaiser kam. Offensichtlich schrieb Bethmann Hollweg nach der Erfahrung der „Daily Telegraph Affäre“ und der infolgedessen stark unter Druck geratenen Position des Kaisers in der öffentlichen Meinung Deutschlands. Der Kanzler wagte sich sehr weit vor, wenn er – deutlicher werdend – seinem früheren Schulfreund gegenüber bemerkte:

„Ihre Kritik der bestehenden Zustände der Stellung des Kaisers zu ihnen möchte mich zu lebhafter Diskussion, teils zustimmender teils einschränkender, reizen.“

Das war auch das Äußerte was schriftlich zu wagen war. Bethmann Hollweg spricht offen aus, diese Diskussion „aber schriftlich auch nur zu beginnen, wage ich nicht“. Der verantwortliche Politiker schützt vor, er würde dies nur nicht tun, weil er „sicherlich nicht zum Ende kommen würde“.

Die frühmittelalterliche Phase der Ostkolonisation um 800 habe „die rationellste Verwendung von Reichtum“ in der deutschen Geschichte gezeitigt. Nur wenn es den Deutschen „im 18. und 19. Jahrhundert“ gelungen wäre, „in Amerika ein rein deutsches Land von … doppelter Grösse des Vaterlandes“ zu gewinnen,

„und wenn es uns in Zukunft gelingen könnte, die Mehrzahl unserer Kolonisation rein deutsch zu besiedeln, würde das Ergebnis mit dem des 12. und 13. Jahrhunderts zu vergleichen sein“.

„Frühere Fehler vermeiden“.

So entwickelt der Leipziger Kulturhistoriker weiter. „Erst das 19. Jahr[hundert].habe „dann

_____

* H.-J. Steinberg, Karl Lamprecht, in: H.-U. Wehler (Hrsg.), Deutsche Historiker, Göttingen 1973, S. 60f.     Sozialgeschichte wurde mit sozialistischer Geschichte in einen Topf geworfen.

zum neuen unerhörten Aufschwung unseres Wirtschaftslebens“ geführt und die vierte Periode unserer Reichtumsbildung“ gebracht. Immer wieder kommt Lamprecht darauf zurück, wie die „nationalen Ersparnisse“ Deutschlands in der Vergangenheit angelegt wurden. Für eines der rentabelsten Anlageunternehmen des Mittelalters hält er die „gewaltige[n] Kolonisation des Ostens“. Als Warnung für die damalige Gegenwart zu verstehen sind wohl die wiederholten Hinweise auf ein „massives[n] Wohlleben“ gerade des „erst emporgekommenen Bürgertums“ wie auch der „protzenden Verwendung des erworbenen Reichtums“ in den bildenden Künsten, „Malerschulen des 16. Jahrh[underts].“ und „edle[n] Zwecken“, Kleidung (Landsknechtstrachten), den „Trinkluxus“ der noch dazu lediglich „quantitativen Charakter“ gehabt habe.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg, und dem damit verbundenen Vorgang der „Verarmung“ sei Deutschland „erst in den letzten Menschenaltern bis auf unsere Zeiten hin wieder reich geworden“. Der Kulturhistoriker stellte die Frage, „wie die Nation den Reichtum dieser vierten Periode nütze“.

Lamprecht dringt dementsprechend nun zu einer grundlegenden Kritik seiner Zeit vor. Er entwickelt:

„Unsere hohe Kunst hatte gegen Ende des 19. Jahrh[underts]. einen Anlauf genommen, der Grosses, Ernstes, wenigstens die Jahrzehnte Überdauerndes erwarten liess. Wo ist dieser Aufschwung geblieben? Baulich, höchst bedenklich beginnen wir ins Kunstgewerbliche, wenn auch im weitesten Sinne dieses Wortes, zu stranden: in luxuriöse Wohnräume, in schwellende Ledersofas, in ein Wirrwarr schwächlicher Farben … : und die darstellenden Künste zeigen verwandte Erfahrungen. Oder leben wir der durchgängigen Ueberzeugung, dass eine einfacher ausgestattete Wohnung mit einem einzigen guten Kunst … , der Besuch eines guten Theaterstücks als den Firlefanz gehäufter Betätigung im Spielerischen überwiegen? Von dem noch äusserlichem[n] Luxus der Kleidung, des Bauens und Trinkens nicht erst zu reden. …

Ziehen wir aus dieser Lage einen einzigen Schluss. Der Deutsche seiner Natur nach auf das gründlich Ruhige angelegt, gerät nur zu leicht aus dem Häuschen, wenn er, durch steigenden Reichtum dieser Situation enthoben wird. …

Was ist nun gegen diese[r] Erscheinung zu tun, die nach allen Lehren unserer nationalen Geschichte eine höchst ernste ist? Die Geschichte des deutschen Reichtums giebt uns das Mittel einer Gegenwirkung jetzt eben an die Hand: in dem wir frühere Fehler vermeiden, müssen wir lernen reich zu sein.

Lerne reich zu sein: das ist das demnach erst wichtige Wort, das man der Nation zurufen möchte. Reich sein ist nicht verschwenden; reich sein heisst vorhandene Mittel verantwortlich zu großen Zwecken ausgeben: – und reich sein heisst auch sparen.7

Ist der Herr Fiscus, der verdammte Hackerfiscus, an den man zahlt, nichts, als die Gesamtheit aller Steuerzahler – also zum Teil auch man selber? Und das[s] diese Gesamtheit, die die Fehler ausmacht, die Nation, seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden gesteuert hat, so dass man in der Verheimatlichung unseres Vaterlandes, in seinen Strassen und wohlbefestigten Strömen in seinen Dörfern und Städten, in seiner … ligkeit und seinen[m] Frieden diese Steuern von mehr als sechzig Generationen seiner Ahnen heute mitgeniesst? Ist das alles so völlig klar? Und ist auch klar, dass Steuern demgemäss weiter nichts sind, als nationales Sparen zu Gunsten der eigenen und der kommenden Generationen – wie denn grossen, längst verblichenen Generationen in dieser Art für sich schon und vielleicht noch mehr für uns gespart haben? Dass also demgemäss steigender Reichtum zu einem solchen Sparen, will die Gegenwart sich nicht der Vergangenheit und Zukunft schämen, unbedingt verpflichtet? Die Finanzwirtschaft der Gegenwart ein Ausdruck des nationalen Sparens, und Sparen ein Kennzeichen echten Reichtums: das ist die Formel, unter der sich nunmehr das Finanzproblem der Gegenwart darbietet.“

Die deutsche Finanzschwäche, die über die Jahrhunderte ein Charakteristikum deutschen politischen Zustandes ist, rührt her aus der der Feudalverfassung des Mittelalters. Ohne die Etappen dieser Entwicklung hier detaillierter zu verfolgen, sei auf Lamprechts

Zusammenfassung eingegangen, die für die Epoche zwischen Mittelalter und Neuzeit von

einem „nationalen Fehler“ spricht. Der Leipziger Historiker erklärt:

„Es geht keineswegs auf die Armut der Nation zurück; im Gegenteil: der paradox sein wollte, könnte sich geradezu anschicken wollen zu beweisen, dass die Nation eben zu den Zeiten am energ wenigsten[s] gesteuert hat, in denen sie am meisten im Begriff war, reicher zu werden. Was fehlte, war vielmehr der Sinn, zu steuern; der rationelle und verständige Genuss zunehmenden Reichtums, der Wille einzusehen, dass Steuer nichts heisst als nationale Ersparnis: und das Sparen eine[s] der wichtigsten Anzeichen anständigen Reichwerdens ist. Diese Erkenntnis, und der Wille sie zu erwerben, mangelte nur zu sehr: der Staat, der Steuern einzog, erschien den Zeitgenossen schon des 14. bis 17. Jahrh[underts]. und noch nach denenihnen der der absoluten Monarchie als der bekannte „Racker“.

Lamprecht wendet diese Erkenntnisse der vergangenen 800 Jahre deutscher Geschichte auf das Kaiserreich an und führt aus:

„Man kann sagen, er [Finanzreformplan der kaiserlichen Regierung] nehme noch nicht genug auf die Besteuerung solcher Objekte Rücksicht, die erst in Zukunft ihre volle Ausgiebigkeit entwickeln werden. Man kann sagen, er sei,entsprechend der Entwicklungstendenz unseres Staatswesens, noch lange nicht demokratisch genug. Und man kann aus dieser allgemeinen Beobachtung folgern, dass einerseits der steigende Reichtum der oberen Schichten noch stärker heranzuziehen ist, dass aber andererseits die doch ebenfalls günstige wirtschaftliche Vermögenslage der niederen Klassen auch deren Heranziehung durchaus rechtfertigt, ja unbedingt fordere.“ (Hervorh. v.m., B.S.)

Auf eine unmittelbare Gefahr, in der sich das Reich im Jahre 1908 befunden habe, wird in der „Streng vertraulichen“ Mitteilung der „Vereinigung zur Förderung der Reichsfinanzreform“ an deren Mitglieder Bezug genommen. Es wird dort ausgeführt:

„Der gegenwärtigen Krisis ist seit dem Bestehen des Reiches keine andere an Bedeutung gleich gekommen. Die unglücklichen Ereignisse der allerjüngsten Zeit haben die finanzielle Beengtheit ‘des Reichs aus der bisherigen unangenehmen Notlage’ nunmehr geradezu zu einer ‘unmittelbaren Gefahr’ herausgehoben.“

Offensichtlich ging es vor allem darum, „angesichts der großen politischen Ereignisse der letzten Tage“, „vor dem Auslande wie vor dem Inlande die Stärke des nationalen Bewusstseins in Deutschland durch die erfolgreiche Durchführung der Reichsfinanzreform aufs neue darzutun.“

 

Aus „dem Denken vergangener Zeiten“.

Dass sich Bethmann Hollweg und Lamprecht einig in der Überzeugung waren, Deutschland müsse sich der modernen Zeit stärker öffnen, bestätigen die Ausführungen des Reichskanzlers aus dem Januar 1910 an seinen Freund aus Schulpfortaer Tagen. Er entwickelte seine Vorstellung von der Moderne:

„Die Theorie kann nur gewinnen, wenn sie die Beziehung zur Praxis sucht und ihre Unterscheidungen an den Problemen der Gegenwart erprobt. Sie wird auch nur dann die grosse Aufgabe der politischen Erziehung unseres Volkes, von der ein wesentlicher Teil ihr zufällt, lösen können. Auf der anderen Seite fühlt sich die praktische Arbeit auf Schritt und Tritt gehemmt durch die Herrschaft von Phrasen, oberflächlichen Wertungen, von Forderungen, die dem Denken vergangener Zeiten entsprungen, heute nur mehr eine matte Scheinberechtigung haben und theoretisch und praktisch gleich haltlos geworden sind.“

Er wendet sich vor allem gegen den „Albdruck“, der von schiefen und überlebten „Dogmen“ ausginge, die offensichtlich die deutsche politische Gegenwart noch beherrschten. Dass sich der Kanzler als durchaus in der Nachfolge Bismarcks stehend versteht, offenbart seine Formulierung:

„Ich habe oft die Empfindung, als sei die Grundaufgabe des Staatsmannes ein gewisses Hinein- horchen in die Entwicklung und eine für ihn die wesentlichsten Eigenschaften die Gabe, Tiefe und dauernde Richtung der Bewegung hinter einer oft zufälligen und enttäuschenden Oberfläche zu erkennen.“

„Politischer Idealismus“, den er einer Schrift Blondels entnimmt, die ihm Lamprecht zugesandt hatte, leitete den Reichskanzler auch politisch.14Bethmann Hollweg bezieht sich auf die besondere Rolle des Politikers in der Tagespolitik, wenn er dem eng verbundenen Leipziger Berater antwortet:

„Auch für ihre Bemerkungen zur heutigen politischen Lage danke ich Ihnen herzlich. Ihre Ansicht ist mir stets von besonderem Werte. Sie betrachten freilich als Historiker die Gegenwart im Zusammenhang großer Entwicklungsreihen und, so mag es für Sie leichter sein, hoffnungsvoll in die Zukunft zu sehen, als für mich, der ich die konkreten Schwierigkeiten jedes Augenblicks persönlich empfinde.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Kulturpolitik als „politisches Aktionsmittel“.

Das an sich idealistische politische Mittel der Kulturpolitik deduziert Lamprecht 1912, in seiner Heidelberger „Rede über auswärtige Kulturpolitik“, von jener der Amerikaner, Engländer und Franzosen. Kulturpolitik sei nämlich, so hätten die letzten zehn Jahre am Beispiel des „Gebrauch[s] der Presse zur Verunglimpfung des deutschen Ansehens“ gezeigt, politisches Aktionsmittel. Der Kulturhistoriker plädiert für „historisches Einfühlen“ und „verständnisvolle Einwirkung“ und eine äußere Kulturpolitik, die zur universalen Kulturgeschichte werde.

Lamprecht, der über den Tellerrand der bisherigen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte weit hinaussieht, erkennt,

„daß das nächste und breiteste Arbeitsfeld aller universalen Wissenschaft die Feststellung der äußeren Einwirkungen von Natur und Kultur auf die einzelnen Völker sein wird. Und dabei wird dem Universalhistoriker vor allem der Nachweis der Kulturbeziehungen zufallen.“

Politik und Geschichtswissenschaft seien in der Gegenwart „wohl stets Hand in Hand miteinander gegangen“. So hätten die italienischen, wie holländischen und wohl auch die hellenischen Renaissancen Deutschlands im 18./ 19. Jahrhundert „das nationale Gesamtleben ergriffen und mit einer Modifikation des eigenen Seins durchgeistigt“.

Der Leipziger Historiker erwartet, dass der Europäer sich wohl auch soweit schulen könne, dass er schließlich chinesisch oder japanisch denken und fühlen lerne. Lamprecht fordert auf internationaler Ebene die Zusammenarbeit der verschiedensten nationalen Historiker. Nur so könne ein kultur- und universalgeschichtlich relevantes Bild der Forschung entstehen. Die „Regelung internationaler Freundschaften und Zusammenhänge“ fasst er aber als einen wesentlichen Vorteil der Nation auf, die diesen Weg als erste beschreite. Infolgedessen fordert er:

„Möchten die bescheidenden Anfänge, die in ihrem Schoße bestehen, bald ein Interesse finden, das sie fordert und vorwärts weiset! Deutsche Geschichtswissenschaft und Geschichtsschreibung hat im 19. Jahrhundert Großes für die Einigung unseres Volkes geleistet: möchte sie im 20. Jahrhundert nicht minder ruhmreich und entscheidend in die Einheitsbewertung der Menschheit eintreten, die sich in der Entwicklung der internationalen Beziehungen immer mehr angekündigt.“

An anderer Stelle18 konkretisiert der Universalhistoriker die Verbindung zwischen Wissenschaft (Kultur-/Universalgeschichte) und Außenpolitik. Nicht als nachgeordnet aufgefasst wird der Anteil Deutschlands an einer künftigen Welt. Lamprecht sieht „die alten kosmopolitischen Auffassungen, … das nach Einheit drängende[n] Nationalbewusstsein, … abgestreift“. An dessen Stelle träte nun ein auf

„verschärfter[n] Kenntnis der internationalen Welt sich aufbauendes und sich der Weltpolitik einordnendes Bewusstsein von den eigentümlichen Gaben und den besonderen Kräften der germanischen Welt.“

In der Frankfurter Zeitung formuliert der Leipziger Historiker diesen Zusammenhang folgendermaßen:

„Die alten kosmopolitischen Auffassungen, die bei uns, man mag sagen was man will, neben dem nach Einheit drängenden Nationalbewusstsein mehr unvermittelt nebenher liefen, sind heute abgestreift.

 

„Äussere Politik der wirtschaftlichen Machtentfaltung“.

Bethmann Hollweg sei von dieser Auffassung nicht entfernt, was die Veröffentlichung seines bekannten Briefes vom Johannistag, im November 1913, gezeigt habe. Doch keinesfalls wurden die Brüche, Kanten und Ecken der Zeit übersehen. Die Entwicklung Deutschlands sei „im letzten Menschenalter … wesentlich eine Wirtschaftliche gewesen“, nämlich des „Wirtschaftslebens“, des „Unternehmertums“, des „unbarmherzigen Wettbewerbs.“ Diese Theorie, fußend auf der Darwinschen vom Kampf ums Dasein, sei zur „allgemeinen Weltanschauung“ der Gebildeten der Zeit geworden.20 Neben die „rein diplomatische[n]“ sei zunehmend „eine äussere Politik der wirtschaftlichen Machtentfaltung“ getreten. Das hätte Deutschland im besonderen kultiviert, begünstigt durch „die verhängnisvolle Gabe einseitigen Handelns“, welche zudem dem Deutschen eigentümlich sei. So sei „äussere Kulturpolitik“ im wesentlichen „Wirtschaftspolitik“ gewesen

Wirtschaftliche Betrachtung sei grundsätzlich kurzsichtig. Diese wäre jedoch moderner „Expansions-Politik“ inhärent. „Dauernde Errungenschaften“ seien auf diesem Wege nicht zu erreichen. Gleichwohl habe Deutschland „im letzten Jahrzehnt“ einen „gewaltig gestiegenen Reichtum“ angesammelt. Bei allen Postulaten, die Lamprecht hier aufstellt, ist ihm bewusst, wie wenig dankbar die Realität sein werde. Über die Zeit hinweg gültig erscheint im Anschluss:

„Es hat noch niemals ein dankbares Volk gegeben. Man glaube nicht, dass die Völker, die wir heute mit den Errungenschaften der europäischen oder germanischen Kultur beglücken, im letzten Grunde ihres Herzens uns dies danken. Sie sehen, abgesehen von wenigen Schichten der Gebildeten instinktmäßig durch jede unserer Handlungen das egoistische Motiv hindurch und sind davon weit entfernt in dem Moment, in dem sie diese Instinkte zum Handeln zusammenfassen können, darin ein Unrecht zu entdecken. Die deutsche Geschichte selbst bietet dafür genügend Beispiele. Haben uns etwa die nordischen Nationen, die Tätigkeit der Hansa, hat uns Russland die Tätigkeit der Balten gedankt? Und wir selbst, haben wir etwa die wirtschaftlich überragende Stellung der Juden mit Wohlgefallen aufgenommen?“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Deutschland solle, so der Leipziger Historiker, um dies alles zu vermeiden, auf die Wissenschaft setzen. So könne seitens der Völker die Überzeugung geweckt werden, indem die Bestrebungen der deutschen Kulturpolitik kaschiert würden, dass, „objektiv betrachtet … mit einem reinen Geiste grosser Ideen und i[n]dealer Zusammenhänge…die kulturpolitischen Bestrebungen“ geadelt würden. Das würde geeignet sein, bei „den Völkern, an die sich diese Kultur wende[t], die Überzeugung“ zu wecken,

„nicht bloß um deutscher Machtinteressen..., sondern zugleich aus den strengen Anforderungen einer universalistischen Betrachtung der Welt und aus reiner Menschlichkeit sei man ihnen näher getreten.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

„Aus dem Materialismus zu einer idealistischeren Lebensrichtung“.

Frankreich sei darauf aus, den historischen Moment zu nutzen und von bloßer „äußerer Wirtschaftspolitik zu äußerer Kulturpolitik“ vorzudringen. Damit würde „allgemeinstem internationalen Interesse“ Genüge getan. Es handele

„sich darum, den neuen idealistischen Motiven, die unsere Kultur zu durchdringen anfangen, auch auf dem Gebiete des praktischen Handelns höchster Art Eingang zu verschaffen und zwar aus der durch alle Geschichte beglaubigten Erfahrung heraus, daß nur auf diese Weise auch das praktische wirtschaftliche Handeln auf die Dauer in seinen Erfolgen gesichert werden“

könne. Das dieser Sichtweise durchaus nationale Dynamik innewohne, verleugnet der Kulturhistoriker keineswegs. Indem er auf die Horizonte der deutschen Geschichte hinweist, und von der „Verquickung jener Ideale, für die unsere Väter vor hundert Jahren stritten“, deutet, spricht er einer Verbindung „der neuen Ideale wirtschaftlich-machtpolitischen Handelns“ das Wort. Dieser „Konsequenz“ deutscher nationalen[r] Einigung“; diese „große Synthese zweier sehr verschiedenartiger Vergangenheiten“ steht für Lamprecht unmittelbar bevor. Nur, indem beide Elemente zusammenwirkten, würde, mit einiger Gewähr, mit einer „glückliche[n] weiteren Entwicklung“ des deutschen „nationalen Bewußtseins und unserer nationalen Zukunft“ zu rechnen sein.

Der Kanzler antwortet postwendend:

„Die Haltung eines großen Teils der deutschen Presse in der letzten Woche zeigt, dass die deutsche Bildung in der Tagespresse […]a schlecht vertreten ist. Die oberflächliche und […]b Art unter der man Dinge beurteilt ohne […]czugehen ist ein Symptom einer aus kulturellen wie politischen Gründen traurigen Entwicklung. Die Regierung kann dagegen protestieren, aber nur das gebildete Deutschland selbst und seine Führer können dagegen etwas ausrichten.

Für alles, was Sie in dieser Richtung getan haben und tun, bin ich Ihnen aufrichtig dankbar.

Wenn wir uns aus dem Materialismus heraus zu einer idealistischeren Lebensrichtung und damit zu den tiefsten Quellen deutscher Größe zurückwenden, so wird das schließlich auch dem Stil unseres politischen Lebens zugute kommen. Dazu ist aber nötig, daß der zurück […]d zerstückelte und in stillen Stuben isolierte Idealismus Beziehung sucht zu dem öffentlichen Leben der Nation.“(Hervorh.v.m., B.S.)

Und in Bezug auf die „Notwendigkeit einer auswärtigen Kulturpolitik“ erklärt sich der Reichskanzler, ein Vierteljahr später, vollkommen d’accord. Ja, in seinem Antwortschreiben aus dem Juni 1913 entwickelte er seine Argumentation direkt an jener Lamprechts entlang. Bethmann Hollweg führt aus:

„Ich verkenne nicht den Nutzen, den Frankreichs Politik und Wirtschaft aus dieser Kulturpropaganda zieht, noch die Rolle, die die britische Kulturpolitik für den Zusammenhalt des britischen Weltreichs spielt.“

Der Kanzler kommt sofort auf die Umsetzung der Lamprechtschen Gedanken auf die deutsche außenpolitische Zielsetzung zu sprechen. Er entwickelt:

„Auch Deutschland muss, wenn es Weltpolitik treiben will, diesen gehen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Doch sei Deutschland noch nicht so weit. Bethmann Hollweg scheint es, als ob die deutsche Nation ihrer „Kultur“, ihres „inneren Wesens“, ihres „nationalen Ideals“ noch „nicht

sicher und bewußt genug“ sei. Es sieht das „in der Eigenart der Deutschen begriffen, die in ihrer „wohl individualistischen und noch nicht ausgeglichenen Kultur“ noch „nicht die gleiche suggestive Kraft“ entwickeln „wie die britische oder französische“. Dass sie „ein junges Volk“ seien, das vielleicht allzuviel noch dem naiven Glauben an die Gewalt“ anhänge, und „die feineren Mittel“ unterschätze. Jedenfalls, und das wird hier deutlich, hält der Kanzler, Lamprecht gegenüber, an einer weltpolitischen Zukunft Deutschlands fest.

Eben dieses Denken findet in seiner Antwort Aufnahme. Bezieht sich der Historiker doch „en gros“ auf das Jahr 1813, das allgemein immer stärker auch in der Öffentlichkeit zur Wirkung komme, und betont die Pro-Österreich-Linie des Freiherrn vom Stein im Sinne einer allgemein geforderten „kräftigen auswärtigen Politik“ des Deutschen Reichs

„mit dem Endziel, wenn irgend möglich, die ständigen unglückseligen Aspirationen Frankreichs, die sich zu einer Welt-Kalamität ausgewachsen, lahmzulegen“.

Im Gegensatz zu dem politischen Konfrontationskurs des Jahres 1913 legt der Leipziger Historiker seinem Gesprächspartner Bethmann Hollweg die Lösung des Freiherrn vom Stein nahe, der „für die Ruhe Europas“ plädiert habe, die„eine innige Verbindung eines künftigen kleindeutschen Reiches mit Österreich auf Grundlage gemeinsamer Diplomatie und gemeinsamen Heerwesens“ favorisiert habe.

 

Die „soziale Verschiebung des Vierten Standes“.

Lamprecht ergänzt ferner seine allgemeinen sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Beobachtungen in Amerika und Deutschland dahin, die Wandlungen im Arbeits- und Produktionsprozess der Industrie hätten das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer verändert. Die kompliziertere Gestaltung der Produktion, der Maschinen, Wartung und Pflege, hätten dazu geführt, dass der Arbeiter nicht mehr der „Sklave der Maschine“, sondern deren „Vormund“ und „kleiner Ingenieur“ werde. Höhere Löhne und ein stärkeres Interesse des Arbeitgebers an einer besseren „allgemein technischen Bildung“ seiner Arbeiter, kurz gesagt, „geistige[n] Wandlungen“, entwickelten sich zwischen beiden zu „beinahe identischen[m] Interesse. „Ihr Gemeinsames“ sei, dass überall die qualitätslose Arbeit des Vierten Standes durch eine qualifiziertere abgelöst“ werde. Auf evolutionärem Wege entwickele sich „die technische Entwicklung von einer sozusagen naturalistischen in eine idealistische“. Nicht bloß in Amerika, sondern auch in Deutschland sei damit, auch politisch, eine „soziale Verschiebung des Vierten Standes in höhere geistige, und damit gewiss auch in vaterländische Interessen hinein, wahrscheinlich“.

Der Wissenschaftler stimmt darin offenbar mit seinem Schulkameraden Bethmann Hollweg überein und äußert im Dezember 1913:

Bleibt der jetzige Reichskanzler, so hoffe ich, daß wir in der Friedenssache in Deutschland in nicht allzu langer Zeit all die Fortschritte machen werden, welche nach Lage der Dinge bei uns möglich sind. Insbesondere wird es sich dabei auch trotz aller Schwierigkeiten von San Francisco um ein noch immerbesseres Verhältnis zu den Vereinigten Staaten handeln.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Angesichts dieser Aussichten ging es dennoch zunächst um das Festhalten der deutschen Exporte in die Welt ,und hierzu gehörte vor allem die deutsche Expansion im Orient. Der Leipziger Historiker schlägt in einem Vortrag, nach dem Kriegsbeginn 1914, den Bogen von einer Beziehung zwischen Karl dem Großen und Harun al Raschid, über die „kräftige Initiative der Türkei gegen Byzanz und Südeuropa“ bis hin zu Prinz Eugen und zur Funktion des Hauses Habsburg, die „west- und zentraleuropäische[n] Kultur gegen Osten“ zu verteidigen.

 

Grundlinien Bethmann Hollwegscher Ostpolitik.

Doch hatte sich die Beziehung zur Türkei, zwischen Preußen zunächst, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, und schließlich des Deutschen Reiches seit 1871/83, bedeutend intensiviert. Lamprecht erfasst diesen Vorgang und unterstreicht so seine enge Interdependenz mit dem Reichskanzler:

„Aber die Richtung von Abwehr und Angriff hat sich geändert. Nicht gegen den Türken, mit dem uns die gemeinsame Ehrenhaftigkeit einer mehr ritterlichen einer kaufmännisch-politischen Gesinnung verbindet, sondern gegen das Zarentum – noch nicht einmal kann man sagen auch gegen das russische Volk, – wendet sich die scharfe Abwehr Europas, und die Deutschen des Europäischen Zentrums finden sich in ihr einig mit dem lateinischen Slawentum und mit den Gebildeten wie den Massenkreisen der osmanischen Welt.“ (Hervorh.v.., B.S.)

Damit fasst der Historiker die Grundlinien Bethmann Hollwegscher Ostpolitik. Dessen Wendung gegen Petersburg, unter Zuhilfenahme der türkischen Flankenstellung, geradezu im Rücken der russischen Armeen in Westpolen, charakterisiert die Grundlinien deutschen außenpolitischen Denkens unmittelbar vor 1914. Lamprecht spricht sogar von einer „merkwürdige[n], auf den ersten Augenblick kaum verständliche[n] Wendung der Dinge“. Den Schwerpunkt deutschen außenpolitischen Wirkens im Südosten Europas begründet der Leipziger Historiker mit der „Zerstörung der französischen Seemacht“ durch England und die „überragende und rücksichtslose Weltmacht der britischen Insel“. Diese Machtverschiebung habe „eine engere wirtschaftliche Verbindung des Türkischen Reiches und der großen Reiche des europäischen Zentrums notwendig“ werden lassen. Die Türkei sei „den zentraleuropäischen Mächten verbündet“, so stellt der Leipziger Historiker fest. Wohin diese Schwerpunktverlagerung führen werde, sei noch nicht abzusehen. Doch öffnet er seinen Blick bereits weiter; das heißt auf China. So werde der Krieg zum wahren „Weltkrieg“. Doch spricht der Wissenschaftler nicht Kampf und Teilung das Wort, sondern stellt er fest, „Oberherrschaft über die Welt“ könne nicht

„die nächste große[n] Entwicklung der Menschheit sein, sondern das Nebeneinander aller wahrhaft großen Kulturen, aller wirklich lebendigen Kräfte, aller unzweifelhaft reichlichen Verdienste: dies alles ist es, das die heute verbündeten kontinentalen Völker erstreben.“(Hervorh.v.m., B.S.)

 

Gegen- oder Nebeneinander der Mächte?

Das mag auch à la longue die Überzeugung des Reichskanzlers gewesen sein. Dass Norwegen und Finnland in das deutsche politisch-strategische Denken vor 1914 mit besonderer Aufmerksamkeit einbezogen wurden, wird deutlich, wenn auf die insgesamt reservierte Haltung der Norweger gegenüber Deutschland eingehend Bezug genommen wird; und andererseits, in Beziehung auf Finnland, sich die besondere Konkurrenzsituation zwischen dem russischen und deutschen Handel darstellt. Jedenfalls wird erkennbar, dass gegen Ende 1914 ein Umschwenken dieser Nordstaaten an die Seite des Deutschen Reiches erwartet wurde.

Gleichfalls aus einem Anfang des September 1914 stammt eine grundlegende Ausarbeitung des Bonner Wirtschaftswissenschaftlers Hermann Schumacher zu möglichen Forderungen gegenüber den damaligen Feindstaaten, im Zusammenhang mit einem kommenden Friedensschluss. Die darin aufgestellten Forderungen und Vorstellungen decken sich zum großen Teil mit jenen, die in der großen Niederschrift Riezlers im Großen Hauptquartier zusammengestellt wurden („September-Programm“); und geht sogar teilweise darüber hinaus. Es lässt sich hieraus deduzieren, dass zwischen Lamprecht und dem Reichskanzler, auch in den ersten Kriegswochen, gerade hinsichtlich der zu ergreifenden Maßnahmen rund um einen möglichen Annexionsfrieden, ein Gedankenaustausch stattgefunden haben wird. Dieser konkretisierte sich Anfang 1915 in der Diskussion um die künftige Gestaltung des deutsch-belgischen Verhältnisses. Wie eng Wilhelmstraße und Lamprecht miteinander korrespondierten, zeigt das Schreiben des Ministerialdirektors (im Auswärtigen Amt) Schmitz zur aktuellen Diskussion in amerikanischer Presse und Politik zu den Kriegsereignissen an den Leipziger Historiker, und im besonderen der deutschen Kriegsführung und Staatlichkeit.

 

Seherischer Ausblick und Kraft der Tradition.

Das reichte so weit, dass der Leipziger Historiker, quasi im Auftrag des Reichskanzlers, 1914/15 die westlichen, besetzten Gebiete bereiste, um Erhebungen anzustellen, die zur künftigen Position Belgiens im deutschen Machtbereich beitragen sollten. Bei dieser Gelegenheit begegnete der Leipziger Historiker auch Wilhelm II. im Großen Hauptquartier. Ihm tritt ein insgesamt dunkelblond erscheinender Monarch gegenüber, der sich ihm leutselig nähert. Lamprecht erklärt seine Tätigkeit dahin, er „halte Vorträge, berate den Wirtschaftsausschuss“ und sähe sich

„um für eine künftige Schilderung der nationalen Erhebung 1914/15“.

Er wolle sich „noch in Belgien nützlich zu machen versuchen“. Er sei „Mitglied der belgischen Akademie und zwar tätiges, kenne Land und Leute und auch manche einflussreiche Person, z[um]. B[eispiel]. den Cardinal Mercier: da“ sei er „vielleicht zu verwenden“. Damit berührt er jedoch einen wunden Punkt. Der Kaiser antwortet:

„Der Kardinal Mercier ist ein listiger und hinterha[ä]ltiger Mann. Wir tun ihm nicht den Gefallen, ihm zu einem Martyrium zu verhelfen. Jedesmal, wenn er Schritte in dieser Hinsicht macht, wenden wir uns an den Vatikan, und der bläst die Funken aus“.

Im Gefolge kommt Wilhelm II. auf die Geschichte Belgiens zu sprechen. Er führt aus:

„Ja, hätten wir das Land nur festgehalten. Aber Österreich hat das nicht gut gemacht. Kaiser Max I. hätte das Land einfach an das deutsche Reich und die damaligen Föderations-Bestrebungen eintreten lassen sollen, statt ihm eine besondere Stellung zu geben; das hat auf die Dauer geschwächt.“

Der Kaiser unterstreicht:

„Richtig, hätte Österreich nur scharfer geführt.“

Demgegenüber betont Lamprecht, „das alte Reich“ sei nicht zu verachten. „600 Jahre eines zusammenhängenden Daseins“ seien

„ein guter Rekord; welches Reich von heute kommt darüber?“

Das veranlasst den Monarchen, auf die „unglückliche italienische Politik“ des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation einzugehen. Der Historiker-Berater des Kanzlers referiert die Äußerungen des Kaisers:

„Der Kaiser ergeht sich in sorgfältigster Schilderung der ottonischen Zeit mit Rücksicht besonders auf Heinrich I. und Otto I., vornehmlich von den Frauen, kennt die Quellen, schätzt besonders die Mathilde, daneben Edith. Ottos Heirat romantisch, cherchez[r] la femme. Das Gespräch nimmt eine Wendung auf das Verhältnis des Deutschen zu den Italienern, nach den Erfahrungen vornehmlich der staufischen Zeiten. Der Kaiser kommt hier auf die Erfahrungen seiner Reise Apulien, wo die Deutschen noch heute nicht vergessen und er als Staufer begrüsst worden sei, noch dazu mit dem alten Titel als Signor d’Adriano(?), er ist offenbar von dieser Reise sehr sympathisch berührt gewesen. Daran schliesst sich die Erklärung: für ihn sei Friedrich II. der hervorragendste der Herrscher des alten Reiches, und sehr eingehende Auseinandersetzungen über die staufische Monarchie in Sizilien-Unteritalien und die sehr kategorisch vorgetragene Erklärung: bei den Kämpfen Friedrichs II. mit den Päpsten habe es sich schon um den beiderseits erkannten prinzipiellen Gegensatz von mittelalterlicher Kirche und neuzeitlichem Staat gehandelt.“

Auf „die jüngsten Wendungen“ der „inneren [deutschen] Politik“ angesprochen, antwortet der Kaiser:

„Ich bin auch darüber sehr glücklich. Was haben die letzten vierzig Jahrenicht getan! Ich bin jetzt von einem Bataillon Landstürmern behütet, aus Jena, Apolda, Weimar: Alles Sozialdemokraten, einer schlimmer wie der andere: und alle so getreu, dass ich mich jedem von ihnen ohne Rückhalt anvertrauen würde.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Doch Lamprecht bleibt nicht ohne Zweifel, den er nicht verschweigt. Er antwortet:

„Das ist wunderbar und hoffentlich hält sich das holde Wunder im Frieden. Wir alle wünschen das und halten eine Regierung in diesem Sinne für eine Pflicht des Herrschers.“

Wilhelm II. gesteht zu:

„Das wird gewiss geschehen.“

Doch Lamprecht stößt nach:

„Weniger günstig ist der Verlauf in den letzten vierzig Jahren auf geistigem Gebiet gewesen. Wir sind an mehr als einer Stelle zurückgeblieben.“

Das kaiserliche Erstaunen wird unverkennbar. Der Leipziger Historiker ergänzt:

„Ja, Eure Majestät. Ich kenne die Universitäten im Ausland zur Genüge, um behaupten zu dürfen, dass die unseren besserer Ausstattung in den Lehrmitteln und in der Zahl des Lehrpersonals bedürfen. Ich hoffe aber, dass dies alles nach dem Kriege kommen wird. Viel wichtiger scheint mir, dass die Nation noch kein neues grosses Lehrmittel aus der neuen Zeit aus -d[er]- seit 1870 herausgearbeitet hat.“

Wilhelm II. reagiert zunehmend reservierter: „So, finden Sie das?“ Das reizt Lamprecht dazu, seine Philippika gegen das humanistische-klassische deutsche Bildungsprinzip vorzutragen. Er führt aus:

„Das klassische Ideal, Römer und vor allen Dingen Griechen, ist zurückgetreten, zum Teil durch die Schulreform, zum Teil durch innere Überholung; ein neues Ideal, das sich aus un-da [gestr.] und an der Zeit, hätte bilden können, ist nicht eingetreten. Man macht wohl neuerdings Versuche, die Nation auf ein Lebensideal, etwa der eigenen Kultur von 1800 bis 1815 festzulegen. Ich halte diese Versuche, soviel sie Schoenes mit sich bringen, aber doch grundsätzlich für gefährlich, da sie uns für ganz anders geartete Zukunftszwecke ein Ideal aus unserer Vergangenheit aufzwingen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Es handelt sich um eine kühne Attacke auf die unmittelbare deutsche Vorkriegspolitik, als auf breiter publizistischer Front mit dem Völkerschlachts-Denkmal, und vaterländischen Veranstaltungen, das Andenken der preußischen Erhebung von 1813 ins Bewusstsein des Volkes gehoben wurde.

Was zu erwarten, tritt ein. Der Kaiser reagiert:

Aber ich halte gewiss an dem klassischen Ideal fest. Das muss sich freilich mit neuen Zielen verbinden, die uns die Zeit nach dem Kriege enthüllen wird.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Damit war eine entscheidende Antwort gegeben.

 

Belgien. Militärgrenze, kommunale Freiheit, eigener Staat.

Freiheitsbewußtsein, Reichsbewußtsein, Nationalbewußtsein.

Dass es eben nicht zum Konsens gekommen war, enthüllt die Tatsache, dass der Kulturhistoriker von Rang „einen Tag nach der Unterredung … dem Kaiser ein Exemplar des [‘]Deutschen Aufstiegs[‘] und des Vortrags über Belgien (Woche 1915)“ übersandte. Ferner geht der Historiker

„in dem Briefe über das Schicksal Belgiens – Militärgrenze an Meer und Maas, kommunale Freiheit der Franken und von da aus Aufbau eines eigenen Staates unter deutschem Schutze

ein. (Hervorh.v.m., B.S.) Weiter erwähnt der Historiker – neben diesem „Ergebnis“ seiner Erkundungen in Belgien – „unter voller Anerkennung der Richtigkeit der Gesamtvorstellung des Kaisers über das Königreich Sizilien“, den „Fehler in der Einzelanschauung der Bedeutung Friedrichs II.“

Lamprecht sieht Anfang 1915, zwischen den Niederlanden und Nordfrankreich, eine neue Nation entstehen, die der gegenwärtige Krieg hervorbringen werde. Doch müsse der Historiker „auf die leisen Strömungen in der Geschichte achten, die verborgen fließen“. An den Rand der damaligen Möglichkeiten gerät der Leipziger Historiker allerdings unversehens, wenn er auf „die kräftigsten Strömungen … zur Einheit und zur Freiheit“ in Deutschland hinweist, und in einem Atemzug „die starke Entwicklung des Nationalbewußtseins und des demokratischen Gefühls“ zusammenrückt.

 

Dennoch, Lamprecht fasst sein Verständnis dieses Begriffs folgendermaßen zusammen:

„In dem Sinne, indem etwa die westeuropäischen Völker das Wort gebrauchen, im Sinne der Bezeichnung eines bestimmten Freiheitsdrang es zu neueren politischen Gestaltung, welche die Freiheit des Einzelnen, die Beweglichkeit des einzelnen, in geistiger und materieller Errichtung fördern sollen.“

Lamprecht zieht sich aus der Affäre, indem er neben „Nationalbewusstsein“ und „demokratisches Gefühl“ das „Reichsbewusstsein“ setzt. Er formuliert:

„Wir haben also hier das Begriffspaar von Einheitsdrang, Nationalbewußtsein, das wir auch Reichsbewußtsein nennen können, insofern das Reich die verkörperte Einheit darstellt, auf der einen Seite, und Freiheitsbewußtsein – natürlich auch nicht mit Liberalismus, soweit das Wort Parteibewegung bedeutet, zu verwechseln -, Staatsbürgertum auf der anderen Seite.“

Wie kompliziert allerdings eine derartige Argumentation in einem Staate sich gestaltete, der über lange Strecken seiner Geschichte Opponent der Ausbildung einer Freiheitsbewegung gewesen war, muss Lamprecht in diesem Augenblick bewusst geworden sein, denn er fährt fort:

„Der andere, der vielleicht bloß mit der Politik der Gegenwart zu tun hat, würde behaupten: das Nationalbewußtsein kam nach 1815, es litt zunächst Schiffbruch, 1848 trat es wieder hervor, bewirkte eine Revolution und scheiterte, dann kam Bismarck und besorgte das weitere“.

Doch, im Mittelalter gab es kein deutsches Nationalgefühl. Es gab aber die„ ritterlichen Gesellschaften“ Deutschlands, Frankreichs und so weiter. Lamprecht spricht in diesem Zusammenhang von einem Berufsbewusstsein der mittelalterlichen Ritterschaft, das geradezu grenzüberschreitend gewesen sei. Und er benutzt diesen Gedankengang, um dem Begriff der „internationalen Sozialdemokratie“, einem, wie wir schon gehört haben, Reizbegriff jener Jahre, näher treten zu können, um schließlich seine Interpretation der jüngeren Geschichte auszubreiten. Der Kulturhistoriker führt aus:

„Zur breiteren Entwicklung freilich kommt das Nationalbewußtsein erst viel später; gewöhnlich sagt man, erst nach dem Jahre 1875. Aber auch das ist nicht richtig. Wir stoßen hier auf eine Tradition, auf eine preußische Auffassung der Geschichte, die sehr gern an die Ereignisse von 1813 anknüpfen möchte, und die doch zugleich das Thema wieder beschränkt, indem sie vor allen Dingen die militärischen Leistungen in den Vordergrund stellt, als wenn man damals nur äußerlich von Napoleon hätte befreit sein wollen. Das ist dieselbe Tendenz, die das Wort ‘Freiheitskrieg’ in ‘Befreiungskriege’ umgesetzt hat. Wer redet heute noch von Freiheitskriegen? Die meisten kennen nur ‘Befreiungskriege’. Das aber ist ein Wort, von dem man im Jahre 1813 noch nichts gewußt hat. Damals handelte es sich um die äußere die innere Freiheit. Schon aus dieser Tatsache geht hervor, dass die Entwicklung des Nationalbewußtseins vor dieser Zeit begonnen haben muß und nicht erst mit Körner und Arndt, die schon auf einer großen Höhe der Auffassung der neuen Zeit standen. Besonders tritt in den Jahrzehnten vorher schon der Begriff Nationalbewußtsein hervor, die Anfänge jenes Begriffes, in dem wir noch heute leben. Wer an die Quellen um 1750/60/70 geht, sowohl in der Geschichte wie in der Literatur des großen Gefühlslebens dieser Zeit, der merkt das. Da findet sich bereits der scharfe Odem eines Patriotismus, wie er sich im 18. Jahrhundert voller entwickelt hat. Da sieht man, wie Personen auftreten, die ihr Leben einsetzen für politische Zwecke; es ist der Anfang einer neuen Zeit!“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Lamprecht rückt die Grenze der Periodisierung, für die Herausbildung eines deutschen Nationalbewußtseins, damit in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Er führt aus:

„Was meinen Sie wohl, ob man vor oder um 1750 den Tod fürs Vaterland als eine Leistung, als eine zu gleicher Zeit selbstverständliche Form des Opfers ansah für das Ganze des Volkes? Keine Spur! Aber Anfang der sechziger Jahre erschien Abbt’s Buch ‘Vom Tode fürs Vaterland’. Damit erhob sich zuerst die Idee des nationalen Opfersinns, von der wir heute erfüllt sind. -“

Der Kulturhistoriker sieht in Deutschland zunächst das „Pflichtbewusstsein“ hervortreten, dem später das „Freiheitsbewußtsein“ nachgefolgt sei. Er führt aus:

“In dieser Weise sehen wir langsam in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Nationalbewußtsein und mit ihm das Freiheitsbewußtsein erwachen“.

„Kosmopolitismus“ und „Pazifismus“ seien in Westeuropa erzeugt, und von dort „in das Land dampfender Ideenbildungen, … die Vereinigten Staaten von Amerika exportiert“ worden. Doch entgeht Lamprecht keineswegs den Fußangeln deutscher, autokratisch bestimmter Geschichte. Er fasst diese Problematik indem er betont, die Freiheitstendenzen des deutschen Volkes um 1815 hätten für die Zukunft des Reiches von 1914 gewonnen werden können und erläutert:

„Das Nationalbewußtsein, das deutsche, das zog sich aber nach 1813 zurück. Warum? Die Reaktion seitens der staatlichen Autoritäten war für die Entwicklung des Freiheitsbewußtseins ein schwerer Schlag. Der Ausgang, der in den 20er Jahren lag, aber sehr poesievoll; denn die, welche zuletzt an dem Gedanken festhielten und für ihn gelitten haben und teilweise selbst geblutet, das war die blühende Jugend unseres Volkes, das waren unsere Studenten. Dann war es genug. Freilich, das Freiheitsbewußtsein ließ sich nicht ganz unterdrücken, und da es im hochseligen Bundestag keinen Anlaß fand, sich zu entwickeln, ging es in die Einzelstaaten, und je kleiner diese Einzelstaaten waren, desto besser. Dort ist ein aufblühendes, kleines Parlament. Da konnte man sich aussprechen, da konnte man die Bedürfnisse übersehen, und da konnte die Einheit zwischen Fürst und Volk am leichtesten hergestellt werden, und so wird denn das Freiheitsbewußtsein praktisch das erste Ideal des deutschen Staatsbürgertums.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Dieses Spannungsverhältnis der Vergangenheit, zwischen Liberalität und Staatstreue, in dem Moment der deutschen Geschichte von 1915 fruchttragend umzusetzen, gestaltete sich für den Leipziger Historiker äußerst kompliziert; bestand doch das monarchisch-dynastische Konstrukt, an der Spitze des Deutschen Reiches von 1914, fort. Und dieses hatte, in der Phase innenpolitischer Kriegsvorbereitung 1913, an das historische Modell der nationalen Erhebung von 1813 appelliert.

Folgerichtig bewegt er sich äußerst vorsichtig um den Themenkomplex der Revolution von 1848. Der Kulturhistoriker spricht gleichwohl aus:

„Seit den 40er Jahren ist es da und Einheits- und Freiheitsbewußtsein zusammen siegen in der Revolution. Nun diese deutsche Revolution ist ja eine der allermerkwürdigsten Erscheinungen in unserer Geschichte. Denn wenn wir zu irgend etwas im Verlauf unserer Geschichte unsere vollkommene Unfähigkeit bewiesen haben, dann ist es in dem Milieu dieser Zeit. Das war eine liebenswürdige Revolution, man wollte wohl diese Leute herauswerfen, aber über das Reden kam man nicht hinaus. Drastisch ist dafür immer – Treitschke hat es zuerst zitiert – das Wort des hessischen Bauern auf die Frage, ob er den Kurfürsten noch weiter haben wolle: ‘Wenn er auch ein alter Esel ist, wir wollen ihn doch haben’. Es ist ja ganz natürlich gekommen, es gehört eben zu einer Revolution. Aber viel ist äußerlich, wie Sie wissen, nicht geschehen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Doch Lamprecht bleibt hart am Thema. Er hebt hervor:

„Falsch wäre es, wenn man glaubt, die Revolution hätte nicht gesiegt. Dies ist namentlich die gewöhnliche Auffassung, weil einiges niedergeschlagen worden ist. Gesiegt hat die Revolution in ihrem ganzen politischen Programm. Sie brauchen bloß die Verfassung der Paulskirche – des Reichsparlaments in Frankfurt – mit der heutigen Reichsverfassung zu vergleichen, um sich zu überzeugen, woher unsere Reichsverfassung kommt. Es ist ja bekannt, daß Bismarck die Reichsverfassung diktiert hat, angeblich in einer halben Stunde, nicht etwa, weil er aus den Tiefen seines Geistes heraus das in einer halben Stunde geschaffen hätte, nein, … , die Frucht war reif, überreif, und der Baum, an dem sie gehangen hatte, war das Frankfurter Parlament.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Schließlich, und es bleibt hier nichts zu leugnen, kritisiert er mit Recht, die nicht sehr elegante Struktur der Reichsverfassung und nennt diese keinen „Frack“ sondern einen „gut sitzenden[r] Rock“. Schlussendlich sei „seit den 50er und den 60er Jahren … die Einheit auf eine ganz andere Weise gewonnen“ worden. Der Leipziger Historiker betont:

„Sie wurde gewonnen militärisch-diplomatisch durch das Eingreifen Preußens. Die große Tendenz auf Einheit und Freiheit rückt vor und wirkt stark und nachdem das Reich gegründet worden war, kam es erst recht zum Fühlen in die Erscheinung. Einheit und Freiheit durchdrangen sich immer mehr, Staatsbewußtsein und Reichsbewusstsein fingen an, sich zu treffen, und man kann davon sprechen, dass die Nation im Staat und der Staat in der Nation aufging.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Das Reich von 1914. Einheit, Freiheit, und Fortschritt.

Freiheitsbewußtsein und Einheitsbewußtsein seien, so Lamprecht, „nur der Ausdruck desselben Wesens, nämlich des Wesens jener Freiheit und Höhe jed[n]er Persönlichkeit, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts anfingen“ in Deutschland „errungen zu werden“. Dessen ungeachtet, nachdem er eher ausschweifend über den seelischen Entwicklungsprozess des

Zeitalters berichtet, legt er den Finger auf die Wunde des präsenten gesellschaftlichen Zustand des Deutschland von 1914, und fragt provoziered:

„Wo endet denn diese Verknechtung des Lebens, die wir vor uns haben?

Doch sogleich verschwindet diese Schärfe in der verallgemeinernden Unschärfe der „erste[n] Grenze der Nation“, wie das 1915 genannt werden sollte. Es wird verschleiernd ausgeholt, es verbinde

„sich Einheits- und Freiheitsgefühl zu einem ganzen und beides entsproß demselben Keime, derselben tiefen letzten Wurzel der Kultur, demgeschichtlichen Fortschritt und dem Seelenleben der großen Gemeinwesen.“

Doch es fällt dennoch der Begriff „Revolution“, in Bezug auf die künftige Entwicklung des gegenwärtigen Deutschen Reiches, und das dürfte an sich Aufmerksamkeit erregt haben. Lamprecht führt, erstaunlich deutlich werdend, aus:

„In der Hauptsache läuft unsere Politik in den tiefen Gleisen einer großen Nation, die ihre Weltgeschichte hinter sich hat. Das ist eine Dampfwalze, die hört nicht auf, die walzt weiter, und wir stehen in diesem Zusammenhange auch für später.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Es blieb zugleich die, bislang nicht ausgesprochene, Problematik der Staatsbildung von 1871; verbunden mit der Rolle Preußens. Der Kulturhistoriker fasst diese Zusammenhänge schließlich realistisch:

„Seitdem kam eine Vollendung, die man eigentlich in der Form nicht hätte erwarten sollen, eine Vollendung durch das militärische-diplomatische Eingreifen Preußens. Preußen hatte freilich dabei das außerordentliche Glück, wenn wir es nicht zugleich Verdienst von Bismarck nennen wollen, daß auch sofort der große Kampf gegen den Erzfeind im Westen begann und damit auf die zwei ersten Kriege ein dritter gesetzt wurde von viel größerer Bedeutung, ein Krieg, der die Vereinigung wenigstens auf dem Gebiete der schwersten Erfahrungen durchgesetzt hat. Nun aber, was kam durch die Vormachtstellung, die Preußen gehabt hatte, in die Freiheits- und Einheitsbewegung in Deutschland hinein? Sie wissen, für ihre Großeltern und vielleicht schon Urgroßeltern sind das sehr schwere Fragen gewesen. Fragen, an denen manches Herz verblutet und manches Herz politisch zerbrochen wurde. Wir dürfen hier nicht verkennen, Preußen ist groß geworden als ein Eroberungsstaat aus kleinen Verhältnissen heraus, und die Staaten werden mit den Mitteln erhalten, mit denen sie begründet worden sind. Das ist ein sehr wahres Wort. Es liegt in der Natur Preußens, zunächst die militärische Seite besonder[s] stark zu betonen. Das ist etwas, was den früheren Generationen in Deutschland nicht in dem Grade nahe lag, sodaß sie darüber einfach hinwegsahen.“ (Hervorh.v.m, B.S.)

Wie es überhaupt möglich war, dass Deutschland unter preußischer Führung sich zusammenfand, erklärt Lamprecht, mit wissendem Blick auf die liberale Phase des jungen preußischen Kronprinzen Wilhelm nach 1848/50:

„Das große Glück war, dass Preußen damals einen Herrscher besaß, der wußte, der wußte, worum es sich handelte. Das war König Wilhelm. König Wilhelm hat lange Jahre der gezwungenen Zurückgezogenheit in Coblenz verlebt, also in dem westlichen Gebiete. Und seine Gemahlin, Kaiserin Augusta, deren Einfluß wir erst erkennen werden, wenn ihre Memoiren bekannt geworden sind, die hatte in dieser Zeit einen großen Einfluß auf ihn.Und sie war ein Kind des Weimarischen Hofes, der in all den Fragen von Einheit und Freiheit stets den Fortschritt vertreten hatte. König Wilhelm übersah das, und er unterdrückte auch echt preußisch das Bedürfnis aus in der Form: Preußen müsse in Deutschland moralische Eroberungen machen. Sie sehen, die Form ist militärisch, die dem preußischen Denken am nächsten lieg[t]en, aber moralisch sind die Eroberungen, durch die Preußen und das Reich ineinander übergehen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Der Leipziger Historiker verlängert diese optimistische, zukunftsträchtige Linie preußischer

kulturpolitischer Entwicklung, über das gegenwärtige Deutsche Reich von 1915, weiter in die Zukunft. Dazu entwickelt er näher:

„Ob der Krieg günstig oder ungünstig ausfällt, es wird sich nicht ändern lassen, und wenn der Krieg ganz besonders günstig für uns abschließen sollte, wenn wir durch ihn in eine weitere Weltgeschichte tätig eintreten sollten, wenn sich unsere Arme verlängern sollten, und wenn wir eine wirkliche Weltmacht werden sollten, dann erst recht werden diese inneren Gegensätze verschwinden. Wir können damit rechnen, dass das Deutschtum immer mehr übers Preußentum herauswachsen wird. … .“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Dem bisherigen innen- und außenpolitischen Torso von 1914 blieben so Aufgaben. Doch neben der außenpolitischen Wirkung eines siegreichen Krieges steht Lamprecht die Erwartung, einer „Revolution der sozialen Schichten“, wie er kurz durchblitzen läßt. Auch wird keinesfalls die allgemeine Befürchtung einer „künftigen Reaktion“ geleugnet; ähnlich einem Friedensschluß à la 1815. Indessen bleiben tiefer gehende, innenpolitisch-prinzipielle Fragen des staatlichen Aufbaus, auf die der Kulturhistoriker hinweist, wenn er die notwendigen inneren Auseinandersetzungen erläutert, welche bereits vor den Weltkriege begonnen hätten. Er führt im Einzelnen aus:

„Ich denke, das sind Fragen, die in das Gebiet der Förderung von Einheit und Freiheit hineingehören, da ein Staat von innerer Größe und Kraft aus eigener Wahrheit nur erwachsen kann, wenn die Menschen vorher dazu erzogen sind. Immer sind politische und pädagogische Fragen stark verquickt gewesen. Ich glaube nicht, daß in der nächsten Zeit die Fragen jemals gelöst werden können, wenn nicht vorher Prinzipienfragen weitmöglichst gefördert sind.“

Und Lamprecht erinnert an ein Ereignis an der Berliner Universität aus dem Jahre 1913. Im Zuge der Kampagne, angeschlossen an Erinnerungsveranstaltungen zu „1813“, erlebte er das vorherrschende nationale Pathos dieser Wochen. Das ging soweit, dass selbst der anwesende Kaiser eingriff und eine flammende Rede hielt. Dem Historikern bleibt bis 1915 unvergessen, wie es den Kaiser emporriss.

„Mit einem plötzlichen Impuls eilte er auf das Katheder und sprach. Es kommt nicht darauf an, was er gesagt hat. Die Worte waren beinahe gleichgültig. Aber unter dem Gefühl hat wohl jeder gestanden, der diesem Aktus beigewohnt hat. Das Alte war hier verwirklicht. … . Und nachdem er gesprochen hatte, mit kurzer Vermahnung an die Studenten; an 1813 anknüpfend, an die Kombinationspflicht, Recht, Freiheit und Selbstzucht, ging er vom Katheder herunter. … .Nachdem sich die Kaiserin einen Augenblick verlegen umgesehen hatte; marschierten die beiden ab. Ich habe eine solche Einheit des inneren Gefühls, eines solchen Ernst, oder, richtiger gesagt, solche in der Luft liegende Mahnung zur Tatkraft noch nie wieder erlebt. Das ist die Kultur Preußens.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Lamprecht 1915: Es geht um Belgien.

In einem Vortrag, gehalten am 4. März 1915 zu Dresden, unterstreicht Lamprecht die besondere Verbindung zwischen Deutschland und Belgien („Über Belgien“) leitet aus den Lied „Deutschland Deutschland über Alles“, des Hugo von Hoffmannstahl, und der Tradition des Löwen von Brabant, nach den Erfolgen des Jahres 1870 zwei Aufgaben für die deutsche Zukunft her. Er sagt:

„Sie werden erstaunt sein, in dem Schlossers von den Erfolgen des Jahres 78 aus als Ziel der künftigen deutschen Bewegung zweierlei entschieden betont zu finden: einerseits: beherrscht die See! Die Deutschen sind berufen, so sehr zu herrschen – und an zweiter Stelle: macht die Völker frei! Macht sie frei von den Banden, die langsam, aber mit Sicherheit schon in dieser Zeit England um das europäische Festland schlug.“

Gemeint ist die Lage um 1840, gesehen wird der gegenwärtige Gegner: England. Der Leipziger Historiker berührt gleichzeitig die Notwendigkeit eines großen Staatsmannes im jetzt. Gemeint ist wohl hier von ihm Bethmann Hollweg. Dessen Notwendigkeit wird begründet mit dem Hinweis auf England, das „seine volle staatsmännische Kraft” in der Belgienfrage einsetzen werde – dem Zentralproblem dieses Krieges. Für Lamprecht geht es deshalb darum, den „deutschen Bruderstamm“ wiederzugewinnen. Den ihm interessant erscheinenden Volksteil bilden dabei die Flamen. Er sucht dessen verstreute Spuren in der damaligen Gegenwart auf und bemüht sich, Diesen zum erstrebenswerten künftigen Partner des Deutschen Reiches zu entwickeln. Entscheidend, „daß diese Seegrenze meistens rein flämisch“ sei. Damit berührt sich der Kulturhistoriker mit dem Strategen Helmut von Moltke, der im Januar/Februar 1913 die Präsenz eines siegreichen Deutschland am „englischen“ Kanal für notwendig hielt, wenn das Inselreich seiner Weltmachtposition verlustig gehen solle.

Alles was Kraft, Durchbildung und Ordnung im belgischen Raum ausmache, sei flämisch.

Dieser Einfluss reiche bis in die „Cinq départements“ des französischen Nordens, die hinsichtlich Baukunst und „den Resten der früheren Kultur flämische Eindrücke“ vermittelten. Zufällig reiche die Grenze zum französischen Kernland bis nahezu exakt an die deutsche Frontlinie: „ungefähr von Valenciennes an, dann hinüber bis nach Arras“. Amiens gehöre nicht mehr dazu. Ja selbst die landsmannschaftliche Verwandtschaft zwischen dem Typus des Ackerbauern „zwischen Wittenberg und Jüterbog oder in der Altmark“, mit dem Flamen an der Nordseeküste, mag für den Historiker Lamprecht, eine deutsch-belgische staatliche Verbindung vorzeichnen. Sollte das der Weg Bethmann Hollwegs gewesen sein?

Keinesfalls jedoch weist der Leipziger Historiker die Theorie von einer belgischen Neutralität rundweg zurück. Unter Hinweis auf wiederholte Diskussionen mit seinem Freunde Henri Pirenne, „dem hervorragendsten belgischen Historiker“, verweist er darauf, dass es sogar zwischen flämischem und französischem Einfluss keine tatsächliche Grenze gebe. Was den deutschen Anspruch auf die nordfranzösischen Departements sogar unterstützte. Lamprecht beschreibt eindringlich:

„Wenn man aber nach Paris weiterfährt, so gewinnt man bei Überschreitung der französisch-flämischen Grenze nicht den Eindruck, als ob das südliche Belgien von Frankreich getrennt wäre; es sieht so aus, als hänge alles einfach und fortlaufend zusammen.“

Andererseits, wenn man „von Paris nach Brüssel fährt, da hat man wieder den Eindruck, wenn man über die belgische Grenze kommt: Es ist etwas ander[e]s, es ist nicht so, daß sich die Erscheinungen einfach fortsetzen, – und nicht bloß die Gegend ändert sich, … , auch die Menschen sind anders. Die Leute, die im Hennegau wohnen, um Mons herum, … , auch die sind anderer Art als die Franzosen.“ Einfacher gestaltet sich das Problem Belgien aber nicht, wenn der Kulturhistoriker die Positionen der benachbarten Mächte analysiert. Zunächst England:

„Die stellen sich gar nicht. Sie sehen in Belgien ganz einfach den Brückenkopf ihres Einflusses auf das festländische Europa, und alles andere ist ihnen gleichgültig“. (Hervorh.v.m., B.S.)

Dann die Franzosen. Hier kommt es zum Referat des französischen Kriegsziels:

„Man will die Flamen beseitigen, man will sie loswerden. Belgien soll französisches Land werden.

Das ist klar.“

Aber, und das erklärt der deutsche Beobachter aus eigenem Erleben heraus. Der flämische Charakter sei anders. Lamprecht erläutert:

„Das ist flämischer Stammcharakter; also etwas Jähes, Starkes, in gewissem Sinne ein gewaltsames Draufgehen, klare, feste, bisweilen etwas scharfe Unterschiede, plötzliches Umschlagen der Gemütsstimmung … , ungeheure Fruchtbarkeit, Sicherheit und Lust zum Ungewöhnlichen, Vorwärtsdrängen auf allen irgendwie erschließbaren Wegen: das ist flämisch.“

 

Belgien zwischen Deutschland und England.

Aus den Wirren der Völkerwanderung heraus, über den Zusammenbruch des römischen Reiches, bis hin zu Karl dem Großen, zieht der Kulturhistoriker eine Linie, die „zwischen Rhein und Seine … ein großes, einheitliches Kulturgebiet, und zwar ein christliches“, erstehen lässt. Darauf mag sich 1914/15 ein deutsches Annexionsstreben gegründet haben. Doch es bildete sich, nach Lamprechts Auffassung „eine wallonisch-französische und eine germanische oder [eine] deutsch-flämische Grenze aus“. Der begehrte Blick auf die Küste Belgiens findet seinen Niederschlag. Der Kulturhistoriker betont nämlich erneut, und ist damit 1915 auch mit Tirpitz einig:

„Wenn sie auf den großen Dünen im Norden Belgiens spazieren gehen, so können Sie auf der einen Seite weit auf das Meer hinaussehen, auf der anderen Seite erblicken sie eine lachende Landschaft, und ihr ragen, gar nicht weit von der See entfernt, die Türme von Brügge auf. … Wenn man nunvon Kadzand nach Brügge kam, so näherte man sich dem Mittelpunkte des westeuropäischen Handels.“

Der Leipziger Wirtschaftshistoriker unterstreicht, strikt Kurs haltend, die besondere Bedeutung Belgiens in Geschichte und Gegenwart. Brügge sei also „der Sammelpunkt des westeuropäischen Handels“ gewesen. Die Industrieentwicklung habe am Ausgang des Mittelalters bis zum Yperner Tuchmarkt gereicht. Obwohl das „sogenannte Reichsflamen“ klarere Beziehungen zum Deutschen Reich unterhalten habe, „das südliche Flandern zu Frankreich“ tendierte, habe die Region gesucht, „zwischen den großen Staatskörpern Frankreichs und Deutschlands und endlich auch Englands“, ähnlich Venedig (Konkurrenz in „die klugen Kaufleute von Brügge, von Gent, von Ypern“) eine selbständige Stellung zu erkämpfen.

Im Verlauf des 15. Jahrhunderts entwickelte sich Flandern, in Konkurrenz zu Italien nördlich der Alpen, zu einem Kulturzentrum Europas. Nicht zuletzt die Kolonisation des slawischen Ostens wurde von den Bauern Flanderns mitgetragen. Gleichzeitig dehnte sich der französische staatliche Einfluss auf Flandern aus. Die Herren Flanderns waren künftig die Herzöge von Burgund. Hundert Jahre blieben die Burgunder und die flämische Kultur erreichte weitere Höhepunkte. Spanien und Österreich folgten künftig als die Herrn der südlichen Niederlande. Belgien rückte nach 1789 an den Rand der Ereignisse. Mit dem Zerfall der nordniederländischen Seeherrschaft war es um die französische oder die englische gegangen. Lamprecht formuliert übergreifend die Quintessenz dieser Jahre:

„Westeuropa ist also in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Gebiet fast ununterbrochener Kriege, bis schließlich mit dem Frieden von Paris (1815) das Übergewicht Englands entschieden ist.“

Dieses Faktum kam in der Tatsache zum Ausdruck, das Belgien mit dessen Gründung, 1830, neutral wurde. Aus der Sicht des Jahres 1915 wird dieser Vorgang als Ausdruck des englischen Bestrebens gedeutet, London habe „diese beiden Länder aus den Brückenkopf seines festländischen Einflusses benutzen“ wollen. Der Leipziger Historiker verkündet, quasi als Sprachrohr Bethmann Hollwegs, eine „großartige Besorgtheit Englands für die Neutralität Belgiens“. Trotz militärischer Zensur formuliert Lamprecht:

„Da haben wir also den politischen und militärischen Zusammenhang Belgiens mit England. Es konnte und kann England ganz gleichgültig sein, ob Belgien in seiner Kultur französischen Einflüssen unterlag oder nicht. Ja, da durch den Vormarsch der französischen Kultur die inneren Schwierigkeiten vermehrt wurden und Belgien um so mehr ‘schutzbedürftig’ ward, so konnte den Engländern das Vordringen der Franzosen nicht angenehm sein. Seit dem Jahre 1815 setzte also in Belgien in steigendem Maße eine französische Kulturpolitik ein. Dabei galten auch die Flamen für Franzosen. Man behauptete, sie seien Belgier und schon zu Caesars Zeit und dann in der Zeit des römischen Reiches in Gallien dazu bestimmt gewesen, aber Romanen zu werden.“

Es habe somit eine ständige deutsch-französische Konkurrenz um Belgien bestanden. Der Leipziger Historiker unterstreicht, die Franzosen hätten „ungeheuer viel getan, um uns (die Deutschen) zu besiegen“.

Es seien, und damit kommt Lamprecht auf seine Grundthese zurück, von deutscher Seite schwere Fehler gemacht worden. Er führt näher aus:

„Es liegt hier so, wie an vielen Stellen in der Welt: Wir glauben, in auswärtigen Dingen sei es mit bloßer M a c h t p o l i t i k getan. Das ist ein ganz grober Fehler, den ein Historiker mit drei Kreuzen ankreuzen muß. Es ist ein gänzliches Mißverstehen alles dessen, was geschichtlich bisher geschehen ist. Die Geschichte ist die Entwicklung der menschlichen Seele zu höheren Formen. Das hat überhaupt nichts mit Machtpolitik zu tun. Man gewinnt kein Volk durch Machtpolitik. Man gewinnt es auch nicht durch einseitige Wirtschaftspolitik. Ja, auf zehn Jahre vielleicht; dann merken die Leute wohl, wer in den wirtschaftlichen Beziehungen gewinnt und wer verliert. … Wir aber haben bisher in unserer äußeren Politik hierfür nicht das nötige Verständnis gehabt. … Unsere Politik war zu einseitig. Langsam erst dringt die Überzeugung durch, dass nur eine w e i t e Politik, die selbst ein offenes Herz hat, die Herzen öffnet.Nur die Politik führt uns vorwärts, welche die Dinge aus dem größten Maßstab nimmt. Nehmen Sie die Türken. Glauben Sie, daß wir die behalten werden, wenn wir ihnen nicht zeigen, daß wir ein Herz für sie haben?

Auf diesem Gebiet hat unsere Nation noch viel zu lernen und die dem Deutschen angeborenen wunderbaren Eigenschaften des Herzens wieder in ihrer ursprünglichen großen und einfachen Sicherheit zu entfalten. An mehr als einem Ort, wo Engländer und Deutsche in Wettbewerb getreten sind, hat sich herausgestellt, daß das beiden fremde Volk sich lieber zu unseren Feinden hielt, weil die geschickte und liebenswürdige äußere Form es dort mehr Herz vermuten ließ. Es ist auch nicht mit der sogenannten Ordnung und Zucht getan. Jawohl, Belgien braucht Ordnung und Zucht, das ist keine Frage. … .“ (Hervorh., v.m., B.S.)

Diese Kritik der bisherigen deutschen Außenpolitik, in Konkurrenz mit England, wendet der Kulturhistoriker auf Belgien an, von dessen gegenwärtigen Zustand er glaubt, „richtig“ unterrichtet zu sein. Doch die Bedingungen für eine deutsch-belgische Zusammenführung lagen schlecht. Lamprecht äußert sich dahin, „die wirklich führenden Schichten“ seien „einstweilen nicht zu haben“. Sie verleugneten „jede Freundschaft, die sie mit Deutschen gehabt haben“. „Also, da“ werde „man warten müssen“.

 

Die Zukunft eines „geschichtlichen Reichs“.

Der Historiker vertritt 1915 die These:

„wie auch die Dinge sich wenden werden, dieses Reich, das wir von 1871 bis heute gehabt haben,“

werden wir „vielleicht auf bis 1916 haben“. Er erwartete, dass „eine andere Form unserer politischen Existenz“ eintreten werde, „eine ganz andere Ausdehnung unserer staatlichen

Zusammensetzung, … kurz das Reich von 1871 im Begriff“ sei „ein geschichtliches Reich zu werden“. (Hervorh.v.m., B.S.) ) Der Leipziger Historiker konstatiert „einen unvergleichlichen wirtschaftlichen Aufschwung“ Deutschland nach 1871. Doch sei Deutschland auch in „einer Zeit des Idealismus“ angekommen,

„in der man nicht mehr zufrieden ist mit den bloßen wirtschaftlichen Errungenschaften, sondern in der die Seele weit darüber hinweg nach anderen Landen schaut“.

Doch sei die Frage nach der diplomatischen und militärischen Stellung Deutschlands, in Europa und in der Welt ,mit einer „ständigen Kritik unserer Diplomatie“ beantwortet worden. Diese Entwicklung beschreibt Lamprecht, der immer wieder auf Bismarck zurückgreift:

„Als Bismarck zurücktrat, sagte mir ein politisch besonders erfahrener Freund, ein älterer Mann: das ist so gut, als wenn wir drei Armeekorps verlören. Er hatte recht. Das Deutsche Reich ist in der Form, in der es besteht, unter den Umständen, in denen es sich in dem Europa fortpflanzen muß, ein zu schwacher Staat. Sie können ja daraus sehen, dass es den jetzigen Krieg nur im Zusammenhang mit einem Bundesgenossen führen kann. Es ist nicht so, dass wir die Welt beherrscht hätten, sondern es hat sich herausgestellt in dieser Zeit, dass mit diesem Reich die Welt nicht zu beherrschen ist, ja dass nicht einmal die volle würdige Stellung der Nation unter den anderen Nationen in diesem Reich allein aufrecht zu erhalten ist. Das sind die einfachen, nackten, unleugbaren Tatsachen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Der Kulturhistoriker zeichnet die bündnispolitische Abhängigkeit des Kaiserreichs und unterstreicht dessen Konditionierung durch Bismarck:

„Er hat von vornherein eine Bündnispolitik getrieben mit ganz bestimmten Zwecken, und er hat auf diesem Gebiet genial sehr früh, 1866 und noch früher, die Grundlagen gelegt, die Grundlagen jener Verbindung mit Österreich, die so lange vorbehalten und schliesslich sich so glänzend bewährt hat.“

Die schliesslich kurz vor dem Weltkrieg neu belebte Stoßrichtung deutscher Expansion in den Südosten Europas, in Richtung Kleinasien und Mesopotamien, ist nach Lamprecht bereits bei Bismarck angelegt. Bismarck sei Derjenige gewesen,

„der für Österreich eine Zukunft voraussah, in der der Schwerpunkt des Reichs mehr nach Osten hin verlegt werden sollte. Er hat also jene Beziehungen geahnt, die zuerst von Nationalökonomen, von Gelehrten schon der vierziger Jahre angedeutet worden waren, die heute hinüberführen bis nach Kleinasien, und die uns erhoffen lassen, dass die verbindende Brücke zwischen diesen grossen Einflüssen, die wir dort geweckt haben, und unserer zentraleuropäischen Stellung hergestellt werden wird.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Kritik des friedlichen alten Reichs.

Der Blick auf das „heilige römische Reich deutscher Nation“, von dem die Deutschen allgemein „nicht sehr viel Gutes in Erinnerung“ hätten, so der Wissenschaftler, offenbare „den Strümpfe strickenden Posten der Reichsarmee des 18. Jahrhunderts“. Doch habe „dieses Reich“ die „ganz unglaublich lange Dauer von beinahe 800 Jahren erreicht“. Lamprecht spricht von der „grosse[n] Kaiserzeit … des 10. bis 13. Jahrhunderts“, dem „unerhörten Glanz“ der „sächsischen und … fränkischen Kaiser“; der Stauffer. „Von Sizilien und Unteritalien aus“ sei Deutschland diese Probleme heute „im Orient zu lösen wieder begriffen“.

Zunächst sei dieser Zusammenschluss, im 10. Jahrhundert unter Heinrich I., „nicht gerade sehr fest“ gewesen. Während Heinrich eher „ein stiller, ruhiger Diplomat, ein echter Mensch der Kompromisse“ gewesen sei, trat sei Otto I. riskanter aufgetreten. Das „Reich griff über die Alpen nach Italien“. Ein zentraleuropäisches staatliches Gebilde sei erreicht gewesen. Aus der Abwehr der Magyaren habe der deutsche Raum „Landschaften“ gewonnen, wie die Ostmark Österreich, die zu einer „Grösse der Produktion“ anwuchsen, die sie noch 1915 auszeichne. Im 11. Jahrhundert griff das Reich über Burgund in die Provence. Dessen Machteinfluss reichte nun bis an die Rhonemündung. Diese Gegend hieß noch vor einigen 50 Jahren „côte d’empire“. Als Frankreich gelang, hier „gegen Ende des 15. Jahrhunderts“ nach Italien durchzubrechen, sei es – so Lamprecht – „um die Ruhe Zentraleuropas geschehen“ gewesen. Die Definition dieses Machtfaktors in der europäischen Mitte fasst der Kulturhistoriker hierauf:

„Das alte Reich bestand also nicht bloss aus der deutschen Nation, sondern es war eine Kombination von Kräften in Mitteleuropa, die so geartet waren, dass sie von niemand recht angegriffen werden konnten, denn sie waren in ihrer schönen guten Zeit noch das ganze Mittelalter hindurch einfach viel zu stark. Das Reich hatte infolgedessen auch eigentlich bis dahin niemals einen Krieg geführt. Andererseits war aber dieses Reich in seinem ganzen Bestande wieder so kompliziert konstruiert, dass es nicht eigentlich Angriffskriege führen konnte. Es war also ein friedsames Reich. Freilich ist es im Laufe der 8 Jahrhunderte dann an seinem Frieden sehr langsam zugrunde gegangen. Es hätte im Beginn der Neuzeit stärker durchorganisiert werden müssen.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Es hatte die Neuzeit gleichsam verschlafen. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hielt nämlich „seine Finanzen nicht zusammen… “. Der Leipziger Historiker kommt hier zu einem Punkt von übergreifender Bedeutung. Er schreibt den Deutschen des Mittelalters, und darüber weit hinaus, ins Stammbuch:

„Das ist der kritische Punkt in beinahe allen deutschen Staatsbildungen. Sehen Sie sich die Geschichte unserer Nation durch und fragen Sie sich jetzt einmal, ob Sie einen grossen Finanzmann unter den Helden der deutschen Geschichte wissen. … Wir haben bis jetzt niemals einen grossen Finanzier gehabt. … Das ist einer der Punkte, an denen wir immer so leicht gescheitert sind. Dass ein Reich auch Geld kostet, ist aber ein Grundsatz, der doch eigentlich jedermanns Verständnis zugänig sein sollte.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Die „zentraleuropäische Föderation“.

Das 11. und 12. Jahrhundert war bestimmt durch die Ostkolonisation. So sind „2/5 des heutigen deutschen Bodens … erst vor 5 Jahrhunderten gewonnen worden“. Auch im Schatten des Heiligen Römischen Reiches breitete sich die deutsche Hanse aus. Lamprecht sieht diese Entwicklung als:

„ein allgemeiner grosser internationaler Handelsweg, der von Nowgorod aus über die Seen hinweg lief, über die Ostsee und Nordsee bis nach Bergen hin, nach London und in alle die viel berühmten Orte Flanderns bis nach Brügge, Ypern, Gent usw. Damit wurde die Grundlage für die Entwickelung der Hansa gelegt, für jene merkwürdige Form staatlicher Existenz, in der die Heere der grossen deutschen Städte diese Welt des Nordens und der internationalen Handelsbeziehungen beherrschten“.

Wie Dänemark, so auch Schweden; die nordische Staaten standen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts im Banne des kulturellen deutschen Einflusses. „Deutsches Kunsthandwerk“, „deutsche Technik“ in Schweden.

„In Bergen, der Haupthandelsstadt von Norwegen, gibt es heute noch einen Stadtteil, Tydskebrykken, deutsche Brücke, der früher der Hauptbestandteil des Handels war.“

Weiter im Westen waren, seit dem 17.,18. Jahrhundert, die niederländische Stämme dem deutschen Einfluss verloren gegangen, wie das der Kulturhistoriker 1915 nennt. Jetzt, so Lamprecht, seien die Flamen „angelomanisiert“. Es sei im neuen Reich von 1871 aber nicht gelungen,

„die starken geistigen Sympathien, die das alte Reich … unter den Völkern geschaffen hatte, aufrecht zu erhalten, sondern es ist, … , eine entgegengesetzte Strömung aufgetreten, die … heute

viel kostet, und die zu besiegen sehr schwer sein wird.“

Die Härte, gerade des „geistigen Krieg[es]“, ist Lamprecht dabei durchaus bewusst. Und das Ende – offen. Der Plan, und das war schließlich und endlich jener des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg, wird hier deutlich. Der Leipziger Historiker führt dazu, an das September-Programm des Reichskanzlers anspielend, aus:

„Dass in einer neuen Staatsbildung, die wir vielleicht zu erwarten haben, eine Kombination gefördert werden möge, die in einer erweiterten Kraft eines Gesamtstaates[n], eines konföderierten Staates, die Möglichkeit gebe, uns fern von allen Angriffen zu stellen. Wir müssen so mächtig werden, dass niemand uns angreifen kann. Wir müssen so reich in unserer inneren Organisation werden, dass es uns schwer ist einen Angriffskrieg zu führen. Dies ist die Position, die aus unserer ganzen zentraleuropäischen Stellung hervorgeht. Wer mit Deutschland das Vergnügen hat, durch den Lauf der Zeiten unter gleichzeitiger Anwesenheit von 7 so liebenswürdigen Nachbarn zu wandern, wie wir sie haben, der muss sich eben auf diese Position stellen, wird kaum anders auskommen können.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Lamprecht bewegt sich damit ganz im Fahrwasser des September-Programms von 1914. Er pocht darauf, es sei jetzt an der Zeit, dass „die volle Wirklichkeit klar vor die Blicke Deutscher, die überlegen, gestellt werden“ müsse. Zu einem deutschen Weltreiche brauche es allerdings „Jahrhunderte“ oder zumindest „Menschenalter“. Er setzte darin sein Vertrauen auf die Weiterentwicklung von „Einheit“ und „staatsbürgerlicher[n] Freiheit“ in Deutschland. Weit sei der Weg von 1764 bis 1914 gewesen, seitdem sich „langsam das Wesen eines deutschen Nationalstolzes und Nationalbewusstseins“ herausgebildet habe. Der Leipziger Historiker greift sehr viel weiter, nämlich über die französische Revolution zurück, eine Markierung, die das deutsche Kaisertum, und dessen Staatlichkeit, selbstverständlich weniger bereitwillig betrachteten. Lamprecht entwickelt:

„Und seit dieser Zeit – nicht erst etwa seit 1815 oder seit dem Wirken des Freiherrn vom Stein, sondern schon eine Generation vorher – beginnt das staatliche Interesse, entwickelt sich eine öffentliche Meinung, und diese öffentliche Meinung macht sich geltend bei den damaligen sogen[lannten]. absoluten Regierungen, und zwar so stark, dass sie eigentlich viel stärker gewirkt hat, wie irgendein Parlament heute. Von Maria T[h]eresia, die bekanntlich wirklich eine sehr große Herrscherin war, ist bekannt, dass sie, wenn im Staatsrat schwierige Fragen unter ihrem Präsidium in dieser oder jener Form gelöst wurden, sehr häufig bedenklich war und ihre Bedenken mit den Worten aussprach: Ja, was wird nun aber Schlözer dazu sagen? Schlözer war Professor in Göttingen und gab in seinem Staatsanzeiger die hervorragendste politische Zeitschrift damals heraus. Sie wollte also sagen:Was wird der Chef der öffentlichen Meinung dazu sagen? Es ist doch sehr interessant, in den späteren Korrespondenzen und sonstigen Äusserungen Friedrich des Grossen zu sehen, wie sehr er auf diese werdende[n] öffentliche Meinung Rücksicht nahm. Sie wissen, dass er von diesem Standpunkt aus die Zeitungen prinzipiell zuliess, ja gut behandelte wissen wollte prinzipiell na notabene. In Wirklichkeit stand die Sache etwas anders. Er hat, soviel ich weiss, niemals einen Journalisten eingesteckt, aber durchprügeln liess er mehrere. So bildete sich also in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine öffentliche Meinung.“

Der Einfluss einer öffentlichen Meinung auf politische Entscheidung leitet hier der Vertraute des Reichskanzlers aus dem 18. Jahrhundert her. Angewandt findet sich dieses Element   während der jüngsten Vergangenheit in der geschichtswissenschaftlichen Forschung auch auf die Entscheidungsfindung Bethmann Hollwegs im Jahre 1914. Um so interessanter erscheint, wie der Leipziger Historiker fortfährt:

„Gleichzeitig nahm der nationale Gedanke immer mehr zu, und wir sehen nun, wie diese Dinge vorwärts schreiten, wie sie schon um 1800 gewisse Höhe haben, und wie aus ihnen heraus der Widerstand Österreichs und späterhin Preussens gegen die Fremdherrschaft erwächst und wie jetzt der Gedanke der Freiheit einen doppelten Inhalt bekommt, einer äusseren Freiheit vom fremden Eroberer und zu gleicher Zeit einer inneren Freiheit, eines künftigen Staates der Ordnung und der direkteren Fortentwickelung der eigenen Kultur.“(Hervorh.v.m., B.S.)

Von hier aus erkennt Lamprecht die besondere Dynamik der Deutschen Entwicklung hin zu „Einheit“ und „Freiheit“ und „zur Entwickelung eines Staates, in dem der einzelne mit tätig ist als Staatsbürger“. Das ist Überzeugung auch Bethmann Hollwegs und dessen Ziel hinsichtlich Entwicklungsrichtung und künftiger Struktur der deutschen Staatlichkeit. Die Revolution von 1848, zumindest 1915 eine nicht ganz unproblematische Wegmarke deutscher Geschichte, da es um eine „Revolution“ ging, wird als „professorale Revolution“ gewertet. Gleichwohl schreibt der Kulturhistoriker, es sei „wesentlich mit dem Wort gekämpft worden, und es“ habe sich herausgestellt, „dass tatsächlich die bloße öffentliche Meinung, richtig kundgegeben, imstande sei, bei uns ein neues Staatsideal zu schaffen.“ Doch das Frankfurter Parlament habe in Wirklichkeit, trotz dessen offenkundiger Auflösung, gesiegt. In der Reichsverfassung von 1871 lebe fort, über jene des Norddeutschen Bundes hinweg, „der Gedanke der Männer, die in den 40er Jahren vielfach ihre Freiheit und ihr Leben für die Einheit Deutschlands opferten“.

Entscheidende Rolle im Einigungsprozess erhielt so „das militärisch-diplomatische Vorgehen Preußens“. Doch das Reich Bismarcks sei nicht identisch mit dem deutschen Vaterlande, so der Leipziger Historiker. Österreich sei nicht mit eingeschlossen. Allerdings, so betont Lamprecht, habe die Nation „eine verhältnismäßige Einheit“ erreicht, „aber keineswegs die volle; und diese verhältnismäßige Einigung“ habe „sich eben als nicht genügend, um die Nation zu stützen“ erwiesen. Österreich habe mit in Aktion treten müssen. Das seien „die nackten Wahrheiten, die sich im Laufe der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gezeigt“ hätten.

Nun 1914/15 sei „es in Deutschland zu einer so allgemeinen klaren und unzweideutigen nationalen Kundgebung edelster Höhe gekommen“. Von hierher leitet der Kulturhistoriker seinen Ansatz, darüber nachzudenken, wie sich die künftige Gestaltung des Deutschen Reiches ausnehmen könne. Jetzt im Angesicht allgemeiner Übereinstimmung sei die Gelegenheit, die „grosse[n] Fragen … in einfacher, rein sachlicher Behandlung“ zu fördern. Der Leipziger Historiker schliesst:

„Darin liegt, wie ich mir die Dinge denke, die stärkste und klarste Klammer für unsere Zukunft. Die grossen Bewegungen auf nationale Einheit und auf nationale Freiheit im Sinne eines gesetzlich durchgeführten Staatsbürgertums, diese so in sich verflochtenen und immer durcheinander greifenden Zusammenhänge, sind im Laufe der letzten anderthalb Jahrhunderte in dem Grade gefördert worden und im Staate so an Qualität und Quantität ihrer Wirkung gewachsen, dass sie heute die eigentlich entscheidenden Kräfte in der Gesamtleistung unserer Nation bilden.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Gleichzeitig will Lamprecht die fürstliche Struktur des Bundesstaates aufrecht erhalten wissen. Weil diese den „gleichmässigen Gang“ der gesellschaftlichen Entwicklung garantiere. Gleichwohl, und das wird ebenso deutlich, ist man sich an der Staatsspitze einig, wohin die äußere Gestaltung des Deutschen Reiches zielen solle. Dieses Bild trete immer mehr aus dem Nebel hervor, so der Historiker. Er sagt sogar:

„es ist jetzt nicht mehr so, dass man nicht wüsste, worum es sich ungefähr handelt“.

Es sei dies das „Bild … einer zentraleuropäischen Föderation“, das man „wohl mit einem Wort bezeichnen könnte als eine zeitgemässe Form des Wiederauflebens des alten römischen Reiches deutscher Nation“.43(Hervorh.v.m., B.S.)

 

Standards politischen Denkens.

Immer wieder kommt der Historiker auf dem Begriff der „auswärtigen Kulturpolitik“ zurück,

der ihn – bereits vor dem Krieg – in der Diskussion mit Theobald von Bethmann Hollweg, wiederholt beschäftigt hatte. Dieser sei, so formuliert der Historiker,

„einer[s] der vielen Symptome, in denen sich innerhalb unseres Volkes eine tiefe Wandlung und glückliche Fortbildung des Nationalbewusstseins angekündigt.“

Vielmehr, und das geschieht deutlicher vor dem Hintergrund der Entwicklungen seit 1914, fassen sich die besonderen Bedingungen unter denen künftig deutsche Politik getrieben werden soll. Der Kulturhistoriker greift die Stimmung der Zeit, indem er ausführt:

„Die alten kosmopolitischen Auffassungen, die bei uns, man mag sagen was man will, neben dem dem nach Einheit drängenden Nationalbewusstsein mehr unvermittelt nebenher liefen, sind heute abgestreift. An die Stelle dieser ist zu treten ein auf einer verschärften Kenntnis der internationalen Weltpolitik aufbauendes und sich der Weltpolitik einordnendes Bewusstsein von den eigentümlichen Gaben und den besonderen Kräften der germanischen Welt. ..“.

Lamprecht spricht von einem Erkenntnisprozess, der sich in dem Jahrzehnt vor dem Kriege vollzogen habe. Das Bewusstsein, dass internationale Politik vor allem aus der Konkurrenz zwischen den Staatswirtschaften bestehe, habe „eine äussere Politik der wirtschaftlichen Machtentfaltung“ hervorgebracht. Maßstab für dies alles sei der Kapitalismus. Daraus folge, dass die „äussere Kulturpolitik“ im wesentlichen „Wirtschaftspolitik“ gewesen sei. Eingeschlossen darin sei damit jedoch, „alle Kurzsichtigkeit bloss wirtschaftlicher Betrachtung“. Die Konfrontation der internationalen Mächte, „welche moderne Expansionspolitik betrieben haben und treiben“, habe ergeben,

„daß sich mit der Installation bloßer Machtmittel[,] womöglich noch im Wettbewerb der einzelnen Völker untereinander, dauernde Errungenschaft nicht sich erreichen lassen“.

Scharfe Kritik übt Lamprecht an der exzessiven, machtpolitischen Praxis auch Deutschlands. Der Kulturhistoriker betont:

„Gewiß werden mit derselben Schnelligkeit der Vorgänge, welche jede mechanistische Periode auszeichnet, eine Reihe von wirtschaftlichen Erfolgen eingeheimst. In Deutschland ist der im letzten Jahrzehnt gewaltig gestiegene Reichtum der Nation dafür das beste Zeugnis. Aber es handelt sich um Raubbau. Die Erträgnisse lassen rasch nach und in kurzer Frist ist abgewirtschaftet.“

Der Leipziger Historiker geht aber weiter. Gefordert wird in bewusster Anlehnung an die Position des Reichskanzlers:

„Eine auswärtige Kultur-Politik welche von dauerndem Erfolge begleitet werden will, darf den fremden Völkern, die Objekte ihrer Tätigkeit sind, nicht bloß mit den eigenen Bedürfnissen kommen, seien sie auch noch so geschickt über das Wirtschaftliche hinaus durch die Ueberbringung geistiger Kulturgaben maskiert. Beneficia non obtruduntur. Dies alte Römerwort umschließt eine bittere Erfahrung, die nicht bloß Einzelpersonen, sondern auch Völkern gegenüber gilt. Es genügt auch nicht, wenn man der Aufdrängung der eigenen Kultur nach den vom Reichskanzler zitierten Worten Rostands das Rezept zufügt: ‘C’est au moment qu’on veut redoubler de force, qu’il faut redoubler de grâce.’ Man muß weitergehen. Nur dann werden feste und wahrscheinlich wahrhaft glückliche Beziehungen hergestellt werden können, wo den Völkern, an die man sich wendet, die Ueberzeugung beigebracht werden kann, daß man ihre Interessen zu wahren entschlossen ist und für sie ein Herz hat.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Als Lösung bietet Lamprecht die Wissenschaft an. Eigentlich bietet er nichts Neues an, nur etwas Anderes. Nämlich ein Rezept, welches die machtpolitischen Bestrebungen, die der

deutschen Außenpolitik zugrunde liegen, mittels wissenschaftlich höherer Werte verschleiern soll. Er schreibt, es werde

„dadurch die Fortentwicklung der kulturpolitischen Bestrebungen“ geadelt „und hoffentlich auf eine Höhe“ erhoben, die den Völkern, an die sich diese Kultur wendet, die Ueberzeugung gewähren wird, nicht bloß um deutscher Machtinteressen wegen, sondern zugleich aus den strengen Anforderungen einer universalistischen Betrachtung der Welt und aus reiner Menschlichkeit“

angesprochen zu sein. (Hervorh.v.m., B.S.) Dass es sich allein um eine Variation des alten Themas und der alten Methodik handelt, also um ein lediglich verfeinertes Vorgehen, wird bestätigt, wenn der Leipziger Historiker bekennt:

„Es handelt sich darum, den neuen idealistischen Motiven, die unsere Kultur zu durchdringen anfangen, auch auf dem Gebiete des praktischen Handelns höchster Art, Eingang zu verschaffen und zwar aus der durch eine Geschichte beglaubigten Erfahrung heraus, daß nur auf diese Weise auch das praktische wirtschaftliche Handeln [sic] auf die Dauer in seinen Erfolgen gesichert werden kann.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Lamprecht will die Ideale der „deutschen natnalen Einigung“ und des „wirtschaftlich-machtpolitischen Handelns“ im Sinne einer Weiterentwicklung des deutschen Nationalbewusstseins und der deutschen „nationalen Zukunft“ verbinden.

 

Krieg: Konfrontation mit den Realitäten.

Aus dem Lande leben.

Die Erfahrung mit den besetzten Gebieten in Belgien und Nordfrankreich fördert zunehmend Lamprechts kritischen Blick auch auf die sozialen Realitäten, zum Beispiel in den belgischen Industriegebieten. Er entwickelt:

„Indem wir das Tal der Vesdre hinunterfuhren bis in die Gegend von Lüttich, würde wohl schwerlich einem der Mitfahrenden der Gedanke gekommen sein, dass er sich in einem kriegsverfolgten Lande bewege, wenn nicht gelegentlich einmal eine kleine, aber aufgeräumte Hausruine an die Bestrafung einer störrigen Bevölkerung erinnert hätte. Im übrigen aber war der neue Zustand der Dinge eigentlich nur an der Bahnbewachung kenntlich: denn da hielten sie nun treue Wacht, im Abstand von etwa 2 bis 300 Meter, die die Landsturmmänner aus Westfalen und anderen Plätzen deutschen Gebietes, die grosse schöne deutsche Bauernpfeife im Munde und das Gewehr im Riemen über der Schulter und – langweilen sich.“

Landsturmmänner lassen arme Bevölkerung an ihrer militärischen Verpflegung teilhaben. Ein Anflug von Idylle kommt auf. Wird jedoch zerstört durch die Eindrücke der industriell geprägten Landschaft um Lüttich. Der Kulturhistoriker geißelt scharf:

„Nun aber kommen wir in dem Maastal wie in den grossindustriellen Gegenden Belgiens überhaupt in eine Landschaft, in der ein gemeiner, rücksichtsloser und jeder höheren Empfindung barer Kapitalismus zerstört hat, was diese Landschaften einst an Grossem und Schönem boten. Ein wüstes Durcheinander ekelhafter, halbverbrauchter Fabrikgebäude und maschineller Einrichtungen wechselnd mit Halden für deren Anlage jede, aber auch jede Rücksichtnahme auf irgend etwas, das Schönheit heissen könnte, gefehlt hat, sind die Bestandteile dieser Landschaft. Man weiss, dass Meunier versucht hat, selbst dieser Landschaft freundliche Seiten abzugewinnen, man weiss aber auch wie wenig es ihm gelungen ist, und wie nur für die Bevölkerung dieser Gegenden in ihrer ausgemergelten Existenz und in ihrer Heranziehung des weiblichen Geschlechts für eine Fülle von Arbeiten, die sonst als Privilegium männlicher Stärke gelten, auf dem Wege einer lebhaften, weitgehenden Idealisierung ein plastischer Typ gewonnen worden ist, der eine Zeit lang, während der Jahre unseres Naturalismus angestaunt, jetzt als das Denkmal einer merkwürdigen Auffassung von dem, was Kunst sein könne, immerhin unsere Museen noch schmückt.“

Anders, als uns die Geschichtsschreibung heute entwickelt, zeichnet Lamprecht das Bild der besetzten belgischen Gebiete hinter der Front. Er rückt zurecht:

„Man darf aber nicht denken, dass das Bild, das sich heute an diese nicht übermässig zahlreichen Ruinen knüpft, traurig wäre; es ist auf gut deutsch überall aufgeräumt worden, man sieht keinerlei Schutt herumliegen, wederwährend innerhalb noch und ausserhalb der Ruinen, alles ist abgetragen, weggeführt, untergebracht, und nur noch die Mauern selbst als künftige Träger eines neuen Glücks stehen an Ort und Stelle. – Daneben aber, wenn man eingehend aufpasst, sieht man noch eine ganz andere deutsche Tätigkeit. Die vielen Verkehrswege, welche die Belgier und Franzosen gesprengt oder sonstwie beeinträchtigt haben, sind alle wieder in Ordnung gebracht. Es gibt keine Brücke mehr, die nicht wieder passierbar gemacht worden wäre und an nicht wenigen Stellen sind im Maastal wie anderwärts die alten Brücken abgerissen und durch neue, praktischere, in ein höheres und tieferes Niveau gelegte, ersetzt worden. Dabei ist keineswegs provisorisch gebaut worden, sondern alles was steht, ist solide und für die Jahrhunderte berechnet; eine Tatsache, die natürlich den Belgiern Anlass zu allerlei Prophezeiungen über die Zukunft ihres Landes gegeben hat.“

Warum unterzieht sich der Leipziger Historiker dieser Anstrengung? Denn diese war nicht zu unterschätzen, musste doch die Landschaft mit dem noch archaischen Automobil, der Eisenbahn, zu Fuß, wie auf Karre und Wagen, durchmessen werden. Lamprecht reflektiert diesen Zusammenhang und formuliert:

„So war ich denn mit einem verhältnismäßigen vagen, freilich auch umfangreichen Programm hinausgezogen in diese wunderbare Welt.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Mochte das bedeuten, dass dieses „Programm“ zugleich auch „Auftrag“ war. Auftrag des Reichskanzlers, der nach einer Forum suchte, in die das künftige Europa zu gießen sei. Hier am Beispiel des neu besetzten belgischen und nordfranzösischen Territoriums. Das, um was es ging, beschreibt der Kulturhistoriker eindeutig. Er entwickelt, „das ganze Land der deutschen Operationen“ zerfalle

„einmal in das Operationsgebiet, dem dichtesten, sehr verschieden breiten Saum gegenüber dem Feind, den man in den Gegenden, die ich kennen gelernt habe, durchschnittlich auf etwa 10 – 12 Kilometer anrechnen konnte; dann weiterhin in das Etappengebiet, dem nächsten konzentrisch gelagerten Raum, der hauptsächlich auch noch Nordfrankreich angehörte, endlich aber dem Kaiserlichen General-Gourvernement Belgien, das den grössten Teil des Königreichs, daneben auch wichtige Striche Frankreichs, z[um]. B[eispiel]. Maubeuge, umfasste“.

Lamprecht formt seine Anschauung der Verwaltung des besetzten Gebietes hinter der Front unter dem Bild eines Rittergutes, das, geführt und verwaltet durch die Armee- Oberkommandos, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft verwalte. Er führt zu den diese Struktur initiierenden Strukturen im einzelnen aus:

„Natürlich kommen die regelmäßigen Staatseinnahmen ein an direkten und indirekten Steuern. Dazu kommt aber schon ein weiteres und größeres. Die Bestände an Wald und sonstigem Grund und Boden werden natürlich in dem Bereich der Kriegs bezogen und nutzbar gemacht.“

Der Leipziger Historiker betont in allem die erfreuliche, zeitgemäße, und zweckdienliche Organisation der deutschen Heeresverwaltung. Das Ausmass der kriegswirtschaftlich durchdachten Strukturen erläutert er im Folgenden:

„Jetzt ist offenbar nicht die einfache Verwaltung, sondern schon eine gewisse Ausnutzung der fiskalischen Renten vorgesehen. Es kommen aber Fälle hinzu, in denen dies noch viel evidenter hervortritt, so in Sachen der Zuckerrüben. Viele Besitzer haben im Herbst ihr Land im Stich gelassen, die Zuckerrüben sind stehen geblieben und werden erst jetzt, wie dies schon im Laufe des Winters geschah, durch von Deutschen angestellte Kräfte entfernt und nunmehr zu Zuckerschnitzel unter sonst wie verwertet.“

Es stelle sich somit „eine Art eigene Wirtschaft des Staates ein“, so Lamprecht. Keineswegs zu leugnen war allerdings, dass die Einrichtungen, die im Lande vorgefunden worden waren, von der Armee requiriert wurden. Das deutsche Prinzip der deutschen Kriegsvorbereitung auf dem Verfahren Friedrichs II. beruhte, 1756 gegenüber Sachsen praktiziert. Der Kulturhistoriker fasst diesen Zusammenhang hier:

„So wurde[n] z.B. auf dem Wege der Requisition die eingeschlafenen Brauereien des Gebietes des II. Armeekorps wieder in Stand gesetzt und zu einer bedeutenden täglichen Produktion befähigt, die über manches zehntausend Liter hinausgeht, zum Teil sogar unendlich den Kriegern der deutschen Armee zugute kommt. In ähnlicher Weise sind auch andere Verwaltungen in Gang gesetzt worden.“

Dieser Ablauf habe sich weitgehend automatisch vollzogen. „Es fanden sich unter den Offizieren und Personen, die in dieser oder jener Richtung zu etwas Lust hatten, sie fingen es an, der Betrieb erweiterte sich und grosse Betriebe von 250, 300 ja 400 Personen entstanden“, so Lamprecht. Doch innerhalb der Armeestrukturen verschöben sich die Gewichte. Mit grosser Eindringlichkeit formuliert der Leipziger Historiker:

„Auf diese Weise wurde aber natürlich der ursprüngliche kleine Wirtschafts-Ausschuss, welche[n] die Intendantur-Inspektion neben ihren Transportsorgen für die Verwaltung des Landes entwickelt hatte, immer stärker, er wuchs mit Riesengewalt an und entwickelte nicht bloss eine einfache Administration des ihm unterstehenden Gebietes, sondern geradezu dessen Wirtschaftsverwaltung im Sinne eines größeren Rittergutes“. (Hervorh. v.m., B.S.)

 

Wirtschaftliche Durchdringung Nordwestfrankreichs und Belgiens.

Die Funktion des Historikers, quasi als Spion, die Verhältnisse in den besetzten Gebieten daraufhin abzuklopfen, inwieweit eine Verbindung zwischen belgischen, französischen und deutschen Verhältnissen möglich sein würde, offenbaren die Ausführungen Lamprechts über seine Gespräche mit den französischen Bürgermeistern und der Bevölkerung. Dabei wurde naturgegeben auch Grundsätzliches berührt. Der Historiker gibt an, sie seien

„dabei, wie es immer mit Franzosen zu gehen pflegt, bis auf die tiefsten Fragen des Krieges und den Gegensatz zwischen Recht und Unrecht zwischen Frankreich und Deutschland gekommen. In solchen Fällen habe ich es für richtig gehalten den Franzosen kurz zu sagen, sie wüssten sehr wohl,dass im deutschen Volke kein Hass gegen ihre Nation bestände und sie haben mir dies jedes Mal nicht ohne Hinweis auf das andere Verhältnis gegenüber den Engländern zugegeben.“ (Hervorh. v.m. B.S.)

Diese Überzeugung entsprach, zu diesem Zeitpunkt, durchaus bereits der Vorstellung des Reichskanzlers, der den Krieg, seit dessen Ausbruch, als mehr und mehr in eine Auseinandersetzung mit Großbritannien umlenkt verstand.

Inzwischen hatte die Verwaltung der besetzten Gebiete mehr und mehr den Weg in die moderne Kreditwirtschaft genommen. Der Kulturhistoriker erläutert:

„Um nämlich die Requisition vornehmen zu können, hatte der Wirtschaftsausschuss von sich aus Papiergeld ausgegeben [Moltkes Ankündigung 1914] , mit dem er zahlte, und nicht minder hatte die Stadtverwaltung von St. Quentin ein Aehnliches getan, um den Bedürfnissen des täglichen Verkehrs, wie auch zu gleicher Zeit der deutschen Requisition gerecht zu werden.“

Schließlich „zirkulierten zwei verschiedene Papier[geld]arten nebeneinander“. Alles dies erfuhr Lamprecht auf „zahlreichen Exkursionen“, die, „mit schlechtem Automobil gemacht, sehr anstrengend waren“. Der Kulturhistoriker führt eingehend die Leistungen der Römer entlang der Linie der Römerstraße von St. Quentin nach Osten vor Augen, um auf diese Art letztendlich die Einheit der Region, kulturell und funktional, am “oberen Sommethal[e]“, zu unterstreichen. Gleichzeitig kommen hin und wieder Leistungen der deutschen Besatzungsmacht vor, wie z. B. „deutsche Motorpflüge“ bei Acker- und Landarbeiten. „Ihre tiefen Furchen“ hätten “dem nordfranzösischen Landmann zum ersten Mal den reichen Untergrund seines Ackerbodens“ gezeigt, bemerkt der Leipziger Historiker nicht ohne die Arroganz des Siegers. Eigentlich ging es ihm wohl darum, den Bogen von den merowingisch-fränkischen Urkunden, und den Verhältnissen der frühmittelalterlichen Bodenverfassung zum „Wirtschaftsausschuss“ der deutschen Armee zu schlagen. Wie sich der Sieger und die geschichtliche Erkenntnis verbanden, schildert Lamprecht so:

„Weiter herauf das im Sommetal, wo wir dem Ursprung des Flüsschens nähertraten, jenes historischen Flüsschens, das Franken und Kelten einstmals deutlicher wie irgend eine andere Grenz[e]scheide schied, traten uns nun neben dem Anbau von Körnerfrüchten, insbesondere Weizen, und neben dem Anbau von Zuckerrüben mit den daran sich a knüpfenden Zuckerfabriken, die grünen weiten Flächen zunehmender grüner Weiden entgegen. Was sollte mit ihm geschehen? Aber auch hier schon hatte der Wirtschaftsausschuss gesorgt. In den letzten Tagen, die ich in St. Quentin zubrachte, kamen die ersten Züge lebenden Viehs aus Deutschland an, fern von Berlin und vom Osten her, die nun hier in den üppigen Wiesen der PBrés salés ihre Nahrung finden sollten.“

Die landwirtschaftlich-organisatorische Durchdringung Belgiens und Nordfrankreichs charakterisiert der Kulturhistoriker folgendermaßen:

„In St. Quentin waren Hühnerparks von je 1000 Hühnern, deren eifrige Legetätigkeit den deutschen Armeen zugute kamen; kurz, wohin man sah, in dem weiten Bereich des Wirtschaftsausschusses entdeckte man eine förmliche rittergutmässige Behandlung der in Frage kommenden Teile und Nordfrankreichs, und in den anderen Teilen des Landes wird es ähnlich gewesen sein.“

Auch die besondere Leistungsfähigkeit der deutschen schweren Artillerie im Kampf um die Festung Maubeuge, im weiteren Verlauf der “Sommetal-Ebene“, wird gewürdigt. Südlich, auf Château Coucy zu, führte eine weitere Fahrt an einem

„glänzenden Landsitz vorbei[führte], der jetzt dem Chef der 1. Armee, General Kluck, zur Residenz dient[e]“.

Château Coucy, so die Wirkung auf Lamprecht, drückte ihm das ganze Selbstverständnis des grundbesitzenden Adels in Frankreich vor der französischen Revolution aus. Der Historiker fasst kantig zusammen:

„Die Burg Coucy aber, in ihren wesentlichen Bestandteilen noch dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert angehörig, wenn auch mannigfach in den Formen des fünfzehnten Jahrhunderts noch dekorativ ausgebaut, erinnert noch im Ganzen an die alte Pracht der Selbständigkeit, und an die Zeiten, da ein Mann in Europa von sich sagen konnte: der König von Frankreich mag der König von Frankreich sein; und der Herzog von Burgund, der Herzog von Burgund; ich bin der Herr von Coucy.“

Alles dies führte Lamprecht zwischen „Valenciennes, Douai, Arras, Amiens, vor allen Dingen Lille“ dann

„das ganze Gestadeufer … und von da nach Belgien, eingerechnet um die Panne herum und um Veurne, Dixmuiden, Nieuport, mehr westlich“,

zu anderen Urteilen als zuvor.

Dem Gespräch mit dem Kaiser, das wir hier schon berührten, erwog der Historiker auszuweichen, führte gegen dessen Ende jedoch zu einer übergreifenden Erkenntnis, welche die gesamte Regierungszeit des Wilhelms überschattet. Das Urteil, das der Historiker fällt, bewegt sich dann auch recht nah an der Realität. Lamprecht hält fest:

„So richtig das letztere ist, was übrigens wegen Abbruch des Gespräches auszuführen mir nicht mehr möglich war, so eigenartig ist es, dass in einem Kopf, der die Geschicke frei bewegt und dem eine Kultur wie z. B. die chinesische den höchsten, wenn ich denselben Anlass zur Bewunderung höchster aufsteigender Menschlichkeit geben sollte, für diese Beziehungen, offenbar wegen zu geringer Kenntnis, keinerlei Zusammenhänge gegeben sind. Es ist, so fürchte ich, ein verhängnisvoller Mangel, der sich in der auswärtigen Politik unseres Reiches und unseres Volkes einmal bitter rächen kann.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Der Historiker hält fest, er habe „über gewisse Punkte eingehend mit dem Kaiser oder dem Kanzler oder aber dem Vorstande des Auswärtigen Amtes“ verhandeln wollen. Aber eben diese „Punkte, die sich natürlich auf das Gebiet der höheren auswärtigen Politik bezogen“, habe er „[natürlich] nicht in dem Grade“ in sich „reifen lassen können“, wie dies ihm erlaubt gewesen sei.

 

1915: Armee ohne Begeisterung.

Zu den Fragen, die er sich zur Lösung aufgegeben habe, zumal in St. Quentin und Nordfrankreich, gehöre „die religiöse Stellung der einheimischen wie der fremden Gesellschaft“. Beeindruckt erklärt Lamprecht dabei „eine schöne Seite des Katholizismus, sein[en] Universalismus“. Über ein stimmiges Gesamtbild, nämlich dem deutschen Landser beim Kirchgang, vergisst er nicht Kritik am Selbstverständnisses der Priester im Militärdienst zu üben, die sich allenthalben, quasi als Offiziere, zeigten und auftraten. Der Leipziger Historiker führt dazu aus:

„Die Geistlichen sind leider, soweit mir ein Eindruck wurde, nicht ganz in der Höhe der Möglichkeit ihres Eingreifens in den Sanitäts- und überhaupt in den Seelendienst der Armee eingestellt; insbesondere gilt dies von den evangelischen Geistlichen. Der Priester oder Pfarrer, den ich draussen entdecke, muss mir auf den ersten Augenblick schon als solcher gegenwärtig sein, er darf nicht den Versuch machen, nebenher den Offizier oder dergleichen nachzuahmen oder gar zu spielen, er muss vorwärts gehen in der Höhe seines ja allerhöchsten Berufes, und er muss von vornherein die Seelen gewinnen, durch die Treue der christliche Züge, die ein längeres Leben seinen Gesichte aufgeprägt hat. Mit jüngeren Leuten, die als Diakonpflegende in das Feld gehen, ist wenig getan. Der Verwundete sucht Erfahrung, und nur hier ordnet er sich erfahrungsmässig mit Freuden unter.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Mit dem Franziskaner-Pater Dreilink, einem Westfalen, „der … das Eiserne Kreuz trug“, führte der Kulturhistoriker Gespräche, auch über die Stimmung in der Truppe. Der Euphorie der ersten Tage sei nunmehr “etwas Müdes“, „Abgespanntes, nicht mehr recht zur Aktion Fähiges“ gefolgt Äusserlich sei dafür kein Grund zu finden,

„denn die Armee sei glänzend ernährt, durchaus auf der Höhe der körperlichen Kraft für einen neuen Feldzug, und nur dies eine, die Energie des Vorwärtsstrebens, fehle“. (Hervorh.v.m., B.S.)

Dreiling suchte eine Begründung für diese Erscheinung und fand eine eigene, emotional gefärbte Aufschlüsselung des Geschehenen. Lamprecht folgt dem durchaus nicht ablehnend, und führt aus:

„Indem er nun psychische Momente für die Erklärung dieser Erschlaffung in Anspruch nahm, meinte er, dass die Begeisterung der ersten Monate des Krieges, die ja so wunderbar war und wie ein erster berauschender Strom von den Gerüchen über die Nation hinweggegangen war, jetzt abgeblüht sei. Sie habe keine Früchte hinterlassen. In den Kelchen dieser Begeisterung habe sich keine feste Anschauung des Werdens und noch viel weniger ein Wille des in kommenden Zeiten zu Erreichenden gebildet, und indem diese festeren Anschauungen zurückträten, indem in dieser Beziehung keinerlei bestimmte Vorstellung vorhanden sei, sei der jetzige Zustand eingetreten.“ (Hervorh., v.m. B.S.)

Demgegenüber hätten, so der Historiker, in späteren Gesprächen „die Offiziere … von ihrem Standpunkt aus strikte diesen Zustand geleugnet, ja behauptet, die Soldaten seien alle in höchstem Grade kriegsbegeistert. Lamprecht betont, er habe „an einzelnen Beobachtungen deutlich wahrnehmen“ können, „dass dieses Bild nicht stimmte, und sich hier dieVorstellung von dem Kriege als Selbstzweck den Offizieren täuschend für die Beurteilung der Truppen unterschob“. Der Historiker rückt grundsätzlich von den bestehenden Zuständen ab und schlussfolgert:

„Man wird also mit dieser eigentümlichen Stimmung der Truppe rechnen müssen. Das ist keine Frage, dass in diesen psychischen Bildungen Volksheer und Söldnerheer sich beträchtlich unterscheiden und unterscheiden werden. Das Söldnerheer kämpft für den Krieg als solchen, das Volksheer wird niemals der Frage nähertreten: Warum? Man sollte meiner Ansicht nach bei der Behandlung der äusseren politischen Fragen diesen sehr schweren und gewichtigen Vorgang nicht vergessen. Er könnte im entscheidenden Augenblick eine sehr bedenkliche Wirkung auf die allgemeinen Vorgänge ausüben“. (Hervorh.,v.m., B.S.)

 

„Ein Königreich Belgien“ nicht zu erwarten.

Ein „General-Gouvernement[s] rein militärischen Charakters“.

Neben dieser Mahnung an den verantwortlichen Politiker, bei der Formulierung eines Kriegsgrundes (künftig) Vorsicht walten zu lassen, gelangt Lamprecht insgesamt, bezogen auf die deutsche Verwaltung der besetzten Gebiete, zu einem grundsätzlich positiven Urteil. Wie könnte es auch, nach dem bisher Gesagten, auch anders sein? Er arbeitet heraus:

„Man ist zufrieden mit uns, wenn man es auch nicht eingesteht und man würde, könnte man sich frei äussern, den Vorzug der deutschen Verwaltung vor der französischen eingestehen. Dabei ist man wohl in einigen Kleinigkeiten und Schwierigkeiten der persönlichen Behandlung benommen, aber diese Benommenheit geht nicht so weit, dass sie zu irgendwelchen Schwierigkeiten führte. In Summa: das Land ist gut verwaltet und wir können es mit gutem Gewissen, sollte es nötig sein, dereinst zurückgeben“. (Hervorh.v.m., B.S.)

Dahinter steht die Vorstellung der deutschen Seite (Bethmann Hollweg/Moltke) bei Kriegsbeginn, auf Paris durchzumarschieren, und, nach gewonnenen Sieg, Belgien wiederherzustellen und militärisch zu räumen.

Diesen Hintergrund sieht der Leipziger Kulturhistoriker durchaus, verfügte er doch sowohl auf der belgischen wie der deutschen Seite (General-Gouvernement/Dr. Dirr) über einige vielversprechende Verbindungen. Durchaus nicht überschwenglich, begann er in Brüssel die Runde durch die Verwaltungen. Doch harrte seiner am Ende eine bittere Erkenntnis. Zunächst standen auf belgischer Seite die Gesprächspartner noch zu sehr unter den Eindrücken des Kriegsausbruchs. Von „politischen Ergebnissen“ seiner Bemühungen war demnach keine Rede. Dass diese „fast gleich Null“ waren, begründet Lamprecht wie folgt:

„Wohin man sah, da klammerten sich vielmehr die Meinungen an die Frage nach der Entwicklung der Vlaemen und der Wallonen, und so sehr man Flaemen und Wallonen als ein Ganzes vorführte, so sehr hatte doch der Besucher den Eindruck des Gegensatzes. Es ist nicht an dem, dass Vlaemen und Wallonen in dem Verlauf der letzten Jahrzehnte zusammengewachsen wären, sondern im Gegenteil, auseinandergegangen sind sie, und die Trennung des beiderseitigen Stammesideals ist fortgeschritten schon bis zu den Fragen der Diskussion der Verwaltungsleitung und hiermit der Trennung überhaupt“. (Hervorh.v.m., B.S.)

Ein gutes Verhältnis zu den Deutschen, und um dessen Möglichkeit ging es vordringlich, so der Leipziger Historiker, sei endlich auch von den Beziehungen „zwischen Vlaemen und Wallonen“ abhängig. Diese seien aber, darüber dürfe man sich „nicht die geringste Illusion machen“, weit von einer künftigen Gemeinsamkeit entfernt. Es könne, so gesehen, von deutscher Seite ein Königreich Belgien nicht erwartet, und „nur jeder der Stämme für sich, allerdings … in gänzlicher Selbstverwaltung gefördert werden“. Das ginge sogar soweit, „dass sich Vlaemen und Wallonen der Untreue gegenüber den Deutschen bezichtigten“. Das sei, so der Kulturhistoriker, „ein Zeichen des tiefen Gegensatzes, der zwischen ihnen“ bestehe.

Mit diesem Meinungsbild ging Lamprecht „zur politischen Abteilung des General-Gouvernements“ in Brüssel. Der Leipziger Spezialist, wie der Bayer Dirr, waren sich dort einig in dem Urteil, „ein gemeinsames belgisches Nationalbewusstsein … bestehe“ nicht. Und „ein solches“ werde „auch nicht auftretenden“. Daraus, ergab sich – nach der Vorstellung des Historikers – „die weitere Lösung“ könne,

„unter diesen Umständen kaum etwas anderes sein, als die Herstellung eines General-Gouvernements rein militärischen Charakters, also der Reichsmilitär-Verwaltung über die großen militärischen Anlagen des Landes, Meeresgestade und Maaslinie, und die Unterstellung der Vlaemen unter die Meereslinie, und der Wallonen, soweit wie möglich, unter die Maaslinie mit möglichst freier Verwaltung.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Lamprechts Vorschlag für Bethmann Hollweg.

Staatenbünde unter Einschluss Chinas.

Der Leipziger Historiker entscheidet sich damit eindeutig für das, worum es ging, nämlich den mehr oder minder verklausulierten Anschluss Belgiens an das Deutsche Reich. Er spricht einer deutschen Oberhoheit das Wort und formuliert die Grade einer flämisch-wallonischen Selbstverwaltung, in deren elementaren Zuständigkeiten:

„Dies halte ich, abgesehen von Einzelheiten, die zu regeln sein würden, undnamentlich in der Verteilung beider Stämme auf die Linien, für die heute einzige mögliche Lösung der belgischen Fragen; es kann dabei später noch geändert werden, aber einstweilen muss man sehen, was die beiden Stämme in freiester Tätigkeit ihrer eigenen Verwaltung auf Grund ihrer uralten Fähigkeiten zu dieser leisten und für ihre Zwecke entwickeln werden. Für die allgemeinen Staatsaufgaben, Zoll- und Verwandtes, würden natürlich die Vlaemen und die Wallonen in den Bereich der deutschen Reichsgrenze zu fallen haben.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Diese Vorstellung entwickelte dann, an einem Sonntagmorgen, Lamprecht dem „Generalgouverneur Exzellenz von Bissing“ (und, wahrscheinlich nicht nur Diesem). Es habe sich, so der Kultrhistoriker, „nun wiederum die vollkommene Uebereinstimmung“ mit „Exzellenz Bissing, [und] Hauptmann Dirr“ ergeben. In der Konfrontation mit den belgischen Problemen stellten sich dem “sozialpsychologisch“ interessierten Historiker, zu Beginn des Jahres 1915, auch Fragen zum Zeitpunkt des „Abschluss[es] des Kampfes“. Auf das Ganze gesehen, konnte der Wissenschaftler die politische Wunschträume deutscherseits nicht stützen. Er hält fest:

   „Kein Belgier glaubt an eine Zukunft des belgischen Landes unter Deutschland, es sei denn vorher England von Deutschland endgültig als Weltmacht besiegt.“(Hervorh.v.m., B.S.)

Ja, Lamprecht schreibt seinem Schulfreund Bethmann Hollweg, deutlich werdend, ins Stammbuch:

„Wollen wir ein Reich, das den europäischen Bedürfnissen entspricht, aufrichten, so müssen wir das englische Reich endgültig und so, das[s] über seine Inferiorität kein Zweifel ist, besiegen.“

So kreist auch hier, wie bereits auf Seiten des Reichskanzlers, Ende 1914, zu erkennen, alles um die Vorstellung, gegebenenfalls eines Ausgleichs mit England oder aber eines zweiten („Punischen“) Krieges, nachdem die Auseinandersetzung auf dem Festlande mit Frankreich/Russland erfolgreich beendet wäre (Wenninger zu dem Gespräch zwischen Tirpitz und Bethmann Hollweg am 28.8.1914). Alles hänge, so der Historiker, davon ab, ob „die definitive Besiegung Englands gelingt[e]“. Hieraus entwickelt Lamprecht sein Bild eines Nachkriegseuropa oder einer Nachkriegswelt (Vgl. dazu: K.Riezler an seine Frau Käthe, 24.8.1914). Er schreibt geradezu seherisch vorausgreifend – vor allem in Bezug auf eine Rolle Chinas in dieser Konstellation:

„Ich für meine Person finde ich sie im Folgenden; in einer mehr oder minder sicheren Konföderation der europäischen germanischen Staaten, wie der Türkei mit Italien, Aegypten, Mittelafrika und China, wobei selbstverständlich die Formen der Staatenbünde bez[iehungs]w[eise]. der staatlichen Zusammenhänge sehr verschiedener Art sein können. Ich finde sie weiter darin, dass in diesen Staaten womöglich unter direkter Verbindung Chinas mit Vorderasien nicht nur eine autarkische Wirtschaft getrieben werden kann, sondern vor allen Dingen ein überreicher glänzender Kulturaustausch höchster Art eingeleitet werden kann, ein Kulturaustausch, der auf der Teilnahme von Kulturen ganz verschiedener Höhe beruhen würde. Ich glaube weiterhin daran, dass bei richtiger Behandlung der chinesischen Frage noch heute uns die militärische Uebergewalt in der Welt durch China gesichert werden kann.“ (Hervorh. v.m., B.S.)

Damit spricht der Kulturhistoriker – in Kenntnis der Vorstellungen auch des Reichskanzlers – aus, was hinter den deutschen Bestrebungen vor 1914 steckte, nämlich das Ziel, Europa – und darüber hinausgehend die Welt – militärisch zu beherrschen. Dieser Zusammenhang ist so zu verstehen, dass Lamprecht, indem er auf Chinas Potenz hinweist, versucht, dem Ziel der Berliner Führungselite gerecht zu werden und diese so für seine Idee zu gewinnen. Er schließt ab, das sei äußerst schwierig, da die Vorstellungen in Deutschland dieser künftigen Realität noch nicht entsprächen. Er erwartet allerdings:

„dass die Unkenntnis Chinas und namentlich seiner Entwicklung in Deutschland als heillos bezeichnet werden muss und sich noch einmal schwer rächen wird. Die Feinheiten der chinesischen Kultur reichen sehr wohl an die Feinheiten der Mittelländischen Kultur und es besteht keinerlei Grund, das Dogma von klassischen Altertum, das noch so viele Köpfe beherrscht, obwohl es sie es nicht zugestehen wollen, in dem Sinne zur Anwendung gelangen zu lassen, dass es in detrimentum der Chinesen gebraucht wird.“ (Hervorh. v.m., B.S.)

 

1914: Bündnispartner Österreich vor dem Aus.

Wie sich der tatsächliche Zustand Österreich-Ungarns bei Kriegsbeginn 1914 ausnahm, offenbart eine Ansprache Lamprechts, gehalten am 2. Februar 1915 in Wien. Es ging ihm darum, an Hand der „äußere[n] Ereignisse“ und der „Gesinnung“ der slawischen Böhmen, den inneren Zustand Österreich-Ungarns zu verdeutlichen. Er greift in diesem Zusammenhang zurück auf die Stimmung in der Bevölkerung rund um Prag, wie auf dem Lande, während der Mobilmachungen, anlässlich der Annexions- und Balkankrisen 1908/09 und 1912/13. Die parallele Lage im Juli 1914 beschreibt der Leipziger Historiker ähnlich optimistisch wie Admiral von Müller, der Chef des kaiserlichen Marinekabinetts, im Juli 1914. Lamprecht führt aus:

Der Anlass für diesmal so überzeugend und wurde durch das meisterhafte Ultimatum und den glänzend geschriebenen Aufruf an die Völker so plastisch geformt, dass gewisse politische Gegenstimmen davor verstummten.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Letztlich erscheinen diese Ausführungen des Historikers jenen Dietrich Bethmann Hollwegs aus dem Juni 1914 verwandt, die dem Reichskanzler ein baldiges Zusammenbrechen Österreich-Ungarns suggerierten. Dass sich hieraus der Kriegsentschluss Bethmann Hollwegs in Hohenfinow herleitete, ergibt sich aus den wiederholten Statements Dietrichs 1917 gegenüber Harry Graf Kessler.

Zumindest wurde folgerichtig Anfang 1915 bekannt, dass mit Kriegsbeginn, zum Beispiel

bei Krakau, tschechische Regimenter zum Feinde übergegangen seien, „der Verlust eines Kaparthenpasses durch das grundlose Aufgeben einer wichtigen Stellung“ durch „tschechische[r] Abteilungen verursacht worden“, und „ferner der Prozentsatz slawischer Soldaten unter den unverwundeten Gefangenen in Russland bedenklich sei“. Unzuverlässige Musterungsmannschaften, Meutereien in der Provinz (Reichenberg) und in Prag drangen hinter Kasernenmauern hervor. Anders herum: Erfindung war, „dass das Standrecht in Prag und anderwärts in Böhmen verhängt worden sei“. Unbewiesene Ankündigungen seien Drohungen geblieben, für den Fall eines russischen Einbruchs, seien „Proskriptionslisten“ vorbereitet gewesen. Andererseits seien „Kriegslieferanten“ mit Drohbriefen bedacht worden. Der Kulturhistoriker listet auf:

„Mehrere mit Kriegslieferungen voll beschäftigte Fabriken im Reichenberger Handelskammerbezirke, sind in Brand gesteckt worden und auch die große Explosion im Brüxer Kohlenrevier sei absichtlich herbeigeführt worden. Am 26. Feb[ruar] ist das Königgrätzer Lagerhaus mit riesigen Getreide[-] und Benzinvorräten von Russophilen angezündet worden“.

Die Hauptgefahr für den österreichisch-ungarischen Staat bestehe in der slawischen Intelligenz. Der Historiker weiß zu berichten:

„Veteranen-Vereine, welche Pflegestätten dynastischer und staatlicher Gefühle sind, sind in meiner tschechischen Umgebung sämtlich eingegangen, wogegen sie im deutschen Sprachgebiete florieren.

Die politische Intelligenz wird dergestalt durch den besser situierten Kleinstädter, dann durch den Lehrer, den Apotheker, Advokaten, Notar, Gerichtsbeamten und schliesslich als höchsten Exponenten durch den Journalisten und Abgeordneten.“

„Das politische Bewusstsein“ der tschechischen Bevölkerung werde gebildet:

„In der Schule. Sehen Sie sich ein Lehrbuch der tschechischen Volksschule an, so werden Sie vor allem eine Verherrlichung der einstigen Könige Böhmens, einen Kult der Libussa und dergl[eichen]. finden. Die Geschichte der Habsburger verschwindet dagegen, sie ist für den Tschechen eine Episode, zufällig als letzte und wird nicht als die glücklichste betrachtet….

In welchen Bildern sich dem Tschechen seine Geschichte darstellt sieht man, wenn man in irgend ein tschechisches öffentliches Gebäude eintritt. Dort hängt wohl ein kleines blasses Bild des Kaisers, die Wände sind aber von farbensatten Bildern des Einzuges Swatopluk-Czech’s, von Huss, von Ziska, Rieger, Palacky, etc. eingenommen“.(Hervorh., v.m., B.S.)

Eine besondere Gefahr bestehe darin,

„dass die Tschechen das Königreich Böhmen als ihr Land betrachten: sie sind das „Böhmische Volk“ wie sie auch von gewissen Kreisen eigensinnig bezeichnet werden und die Deutschen sind in ihren Augen immer nur Eindringlinge oder bestenfalls Gäste.“

Die „staatsrechtlichen Ideen der Tschechen“ seien „für die [österreichische] Monarchie gefährlich“, so Lamprecht. Und er erwähnt das Beispiel Prags, wo „der Magistrat selbst in Kriegszeiten nicht dazu bewegen“ gewesen sei, „im übertragenen Wirkungskreise in militärischen Angelegenheiten doppelsprachig zu amtieren“. Diese Gefahr erhalte erst ihre Spitze durch das „Allslawentum“ der „politisch-aktiven Tschechen“. Diese sprächen von „wir Slawen“. Hautnah wird die Stimmung im Lande durch den Ausspruch eines Oberlehrers in einer fünfklassigen Schule bei Kriegsausbruch:

„Wäre nur zwischen Russland und Deutschland der Krieg, so wäre ich trotz meiner 50 Jahre bei den Russen als Freiwilliger eingetreten, weil ich diesen Krieg mein Leben lang herbeigewünscht habe. Nun aber, da Österreich mittut, bin ich gezwungen bei dem Kampf Zuschauer zu bleiben.“

Es wird ergänzt: „Sie können sich denken, wie die Gesinnung der Tausende ist, welche den Unterricht dieses Lehrers im Laufe seiner Berufstätigkeit genossen haben“.

„Allslawentum“ und „alldeutsche[r] Bestrebungen“, so der Kulturhistoriker Lamprecht, stünden einander in Böhmen gegenüber. Der Vortragende konstatiert einen „von der tschechischen Majorität in Böhmen gegen die Deutschen angewendeten Druck“. Demgegenüber bestünde „das Alldeutschtum … nur mehr“ aus

„eine[r] Sympathie für deutsches Wesen, eine Bewunderung deutscher Erfolge, eine Hoffnung ihrem Beispiele in allem nachzukommen“.

Deutscherseits bestünde eine enge Zusammengehörigkeit mit Österreich. Schon Bismarck habe gesagt,

„Jeder deutsche Minister muss gehängt werden, der einen fussbreit österreichischen Bodens anstrebt.“

So sei, nach Lamprecht, die österreichische Monarchie allerdings durch „allslawische Tendenzen“ bedroht. Diese, hätten, ausgehend von Russland und den Balkanstaaten, „jahrelang den Angriff auf Oesterreich vorbereitet“. Dieselben hätten „auf dessen Verfall gehofft … und Teile unseres Staates erbeuten“ wollen. Frankreich habe diese Bestrebungen unterstützt. Mit diesen habe „man sich im Prager Rathaus alliiert“. Doch unter die Oberhoheit Russlands zu kommen, würde für das tschechische Böhmen, selbst in der Form eines „Königreichs bestehend aus Böhmen, Mähren und Schlesien“, kaum wirtschaftlich realistischer Wunsch sein können (Egmont Zechlin, Das Schlesische Angebot). Es wird auf Seiten des Leipziger Historikers die Überlegung favorisiert, der „Gedanke[n] an Russland“ möge „mehr gespielt“ denn real gewesen sein,

„damit Österreich aus Respekt vor dieser Macht den in Österreich wohnen Slawen ihre Wünsche befriedige“.

Weiter postuliert er, „das Ideal der gemäßigteren Tschechen“ sei nicht die „Zertrümmerung Öersterreichs“, sondern

„eine s e l b s t s t ä n d i g e S t e l l u n g Böhmens, ähnlich der von Ungarn, wobei sie, ganz wie die Magyaren die Herren des Landes wären und wobei sie namentlich bei Weitergreifen der Slawisierung deutsch-österreichischen Gebiets die entscheidende Stimme im Staate besässen. Russland, dessen Niederwerfung sie nicht wünschen, hätte die Rolle eines deus ex machina zu spielen.“

 

Lamprecht als der Berater des Reichskanzlers.

Wendung gegen England.

Lamprecht und Bethmann Hollweg spielten eng zusammen. So kam der Reichskanzler einem Ansinnen des Historikers-Freundes nach, der im Rahmen seiner Arbeit in Belgien, zwei dortigen Historikern, die augenscheinlich arretiert worden waren, die Freiheit wiederzugeben.46Weiterhin regt der Leipziger Historiker den Reichskanzler in verschiedenen Fragen der Zukunft an. Der Gegensatz zwischen Öffentlichkeit und Verwaltung berührt ihn. So scheint ihm das Eingreifen der „Bürokratie in den … Krieg, vor und nach dessen Ausbruch“, eine Überprüfung efrorderlich zu machen. So plädiert Lamprecht für die Revision der staatlichen Einrichtungen, denen er Modernitätsgrade im Vergleich zum „Militarismus“ der Zeit aberkennt. Doch gelangt der Historiker zu den eigentlichen Fragen der Zeit, indem er den konkreterer[n] Blick[e] in die Zukunft“ richtet. Wesentlich erscheint ihm dabei „die vorzugsweise Wendung“ der deutschen Politik „gegen England“, die nun „auch auf dem Kampffeld gewonnen“ sei. Sein Vorschlag:

„eine deutsche Monroe-Doktrin gegen England zu Gunsten des continentalen Europa“.

Diese sei zunächst von Deutschland aufzustellen, der dann „die Bundesgenossenschaft der europäischen Staaten“ folgen werde. Für die Bewältigung der dabei auftretenden Schwierigkeiten rät er „das Studium des zweiten amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (ca. 1806-1823)“ an.

Das Verhältnis des Historikers zum Reichskanzler war in Schulpforta „keineswegs ein sicheres und festgegründetes“ gewesen. Lamprecht schrieb bekannte Bethmann Hollweg rückblickend:

„Was uns trennte, waren wohl mehr Vorurteile verschiedenartiger Standesanschauungen als persönliche Abneigung.“

Eine besondere Würdigung seines Gegenübers formuliert der Historiker mit den Worten:

„Von dem Augenblick an, da Sie Kanzler wurden, habe ich rasch in Ihnen den ersten geistigen Kanzler des Reiches erkannt und habe an dieser Erkenntnis zähe festgehalten bis zur Gegenwart.“

 

Künftige Bestimmung Belgiens.

Quasi als politisches Vermächtnis, und Ergebnis seiner Bemühungen in Belgien 1914/15, bündelt Lamprecht noch einmal, und zudem indirekt in Opposition zu den Überlegungen der Reichsleitung, „eine politische Verselbstständigung Belgiens würde … als ein ganz grober Fehler erscheinen. Es“ genüge

„an zwei preußischen Militär-Gouvernements, unter deren bald mildem, bald starkem Regiment die beiden Stämme ihre uralte Kunst der Verwaltung unter verfassungsmässigen Durchbildung ihre Institutionen üben können. Am besten“

dürfe „das Reich nichts weiter haben als den Brückenkopf.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

 

Deutschland als Zentrum eines Weltreiches.

Damit sind strategische Überlegungen zwischen den beiden früheren Schulkameraden berührt, die der Leipziger Historiker in den vergangenen Monaten, an Ort und Stelle, überprüft hatte. Zugleich ist die entscheidende Wendung, auch des Reichskanzlers, im Verlauf des Jahres 1914 bestätigt, schlussendlich gegen England. Lamprecht fasst diese Überlegungen übergreifend-theoretisch in seinem Bild der künftigen Funktion eines siegreichen Deutschen Reiches in Europa und der Welt. Er schreibt:

„Im übrigen sehe ich das Reich in der Auffassung unserer großen Dichter und Denker, nicht als ein Reich der Machtzusammenfügung, sondern als ein Reich kommenden grossen Friedens und einer kommenden reichen Kultur.“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Diesem Machtkonstrukt in Europa nach 1916, genannt „neues“ Deutsches Reich, solle, so schien es Lamprecht, unter dem Druck militärischer Suprematie, und unter Verlust der kulturellen Eigenarten der in diesem zusammengefassten Staaten und Länder, fälschlich eine einheitliche Kultur gegeben werden. „Es würde meiner Ansicht nach völlig falsch sein, dem Reiche eine gleichmäßige Kultur geben zu wollen, schreibt der Historiker dem verantwortlichen Politiker. Am Beispiel einer entsprechenden Weltorganisation entwickelt er die Vorstellung, „die mittelafrikanische Kultur“ müsse

„neben denen des näheren Orients, … wie die europäischen unter sich, und das grosse Reich des Ostens, … China, „die eigenen Wege seiner Entwicklung entscheidend vorwärts schreiten können.“

Erneut, und in pointierter Wendung gegen das Inselreich, spricht sich Lamprecht für die Möglichkeit aus, Deutschland zum Zentrum eines solchen Reiches zu machen. Nicht zuletzt dazu befählgt durch „immerhin grosse, aber doch begrenzte Reichtümer.“ Das „neue Ideal“ dieses „grossen Reiches“ sei, „England, als ursprünglicher Seeräuberstaat zu treffen nicht in der Lage“ gewesen. Viel weiterreichend, als es deutsche Diplomatie bislang gewagt habe, sieht der Kulturhistoriker die Fundamente dieses Reiches, in seiner Verteidigung gegen die „englische[n] Form der Herrschaft“ in 1915 „vierhundert Millionen Chinesen“.

Lamprecht warnt seinen Gesprächspartner allerdings sofort davor, solch weitreichenden Gedanken,Raum zu geben, angesichts der, diesen in Opposition gegenüberstehenden, traditionellen Sicht – insbesondere zentriert um die monarchische Spitze des Staates. Der Leipziger Spezialist führt näher aus:

„Ich fand für diese Gedanken auch Hindernisse beim Kaiser und sah, dass sie wesentlich mitgegeben waren durch seine Auffassung von der Stellung des klassischen Altertums. Dieses unglückselige Vorteil, das auf nichts beruhend, die Geschichte der Griechen und Römer als eine für sich stehende ausgibt und allem anderen gegenüber setzt, wird uns in unserer Geschichte noch sehr viel Schwierigkeiten machen.“ (Hervoh.v.m., B.S.)

Der Historiker erteilt damit einer frühen erscheinungsform fatalen rassischen Denkens in Mitteleuropa eine fulminante Absage. Lamprechts Denken öffnete damit die Chance, vierzig Jahre deutschen Niedergangs zu vermeiden. Er folgert:

„Ich habe die Geschichte Japans und Chinas in den letzten anderthalb Jahrzehnten genügend genau studiert, um mich überzeugt zu halten, dass von einem spezifischen Uebergewicht der mittelmeerischen Rassen, gegenüber den mittelmeerisch-ostasiatischen Rassen und auch gegenüber China nicht die Rede sein kann und dass speziell China, auf das wir uns stützen müssen und das uns in so vielen Dingen so unendlich ähnlich ist, auch heute noch reich ist an künstlerischem, wissenschaftlichem und musikalischem Schaffen.“

Abschließend betont der Historiker, gegenüber seinem früheren Schulkameraden, die Bedeutung dieser Gedanken nachdrücklich.

Karl Gotthart Lamprecht (* 25. Februar 1856 in ; † 10. Mai 1915 in Leipzig) war ein deutscher Historiker. Lamprecht, Professor für Geschichte an der Universität Leipzig wurde vor allem bekannt durch seine Rolle im Methodenstreit der Geschichtswissenschaft.

 

                                                                    ANNEX.

Über Belgien nach geschichtlichen und persönlichen Erfahrungen. Durchgesehene und ergänzte Niederschrift eines am 4. März 1915 zu Dresden gehaltenen Vortrages. Das auch Träumerisch-Utopische dieser Sicht deutet sich an, wenn Lamprecht sagt: „Die Landschaft nimmt an Frische der Farben außerordentlich zu, das Grün ist heller, die Vegetation ist stärker, wir sehen eine Fülle von graswüchsigem Boden, das Vieh weidet draußen, vom Meer kommt ein milder Hauch, welchen die Gegend dem Golfstrom, jenem großen Wärmekanal des westlichen Europa, verdankt.“

Vgl. ders., Belgien: Geschichte und persönliche Erfahrung. Halle, 9.II.1915, S. 1 – 35. Darin Anklänge an die spätere Westforschung des Dritten Reiches (S. 2), ist die Rede vom französischen Einfluss auf die Wallonen (S.3) und sucht Lamprecht die Flamen als künftige Partner Deutschlands aufzubauen (S. 4ff.). Der innere Bezug, der Regionen und Zonen zu- und miteinander, der umstrittene deutsche oder französische Charakter Karls des Großen, die Bedeutung des Kölner Doms, die geistigen Beziehungen bis nach Metz, Aachen im europäischen Maßstab; all das bis zur Bedeutung des Golfstromes, findet bei Lamprecht statt (S. 13). Belgien zwischen Flamen und Wallonen verloren, geteilt, schwach. Doch aus der Geschichte, gerade der Wirtschaftsgeschichte heraus, wächst Flandern zu historischer Größe (S. 18). England wird kritischer gesehen. Das „Bombardement“ auf die Küste Flanderns wird erwähnt. Es finden sich kritische Äußerungen über Charakter, Kultur und Bräuche, z. B. In London (S. 20: „Aber wenn man von dieser äusseren Adrettheit absieht, so ist der Eindruck gegenüber England nicht befriedigend. Uebrigens gilt ganz dasselbe in viel höherem Grade für Frankreich.“). Und Holland? „… alles, was damit zusammenhängt, in Holland weit höher steht als in Belgien;…“ Es kommt zu einem positiven Urteil über den belgischen Kardinal Mercier (ganz im Gegenteil zu den tatsächlichen Verhältnissen) und es liegt Betonung auf dem tiefen Graben zwischen Belgiern und Holländern (S. 22). Lamprecht fasst zusammen (S. 25): „Die Frage ist deshalb von Bedeutung, weil in der belgischen Gesellschaft zwei Meinungen sich gegenüberstehen, die eine, wonach Belgien ein ausgesprochener Nationalitätenstaat ist und beide Stämme zusammen mitFrankreich nichts zu tun haben, und die andere, wonach Belgien nur ein Annex der französischen Geschichte ist. Das dritte, dass ein Bevölkerungsbestandteil noch sagen würde, das Ganze sei zunächst ein Annex der deutschen Geschichte, existiert nicht.“ (Hervorh.,v.m., B.S.) Lamprecht betont, er habe eine „sehr genaue Anschauung darüber, was gemacht werden soll“ (Belgien). Er zitiert die Geschichte des 9. bis 11. Jahrhunderts und entwickelt „ein einziges grosses Kulturgebiet“ zwischen Seine und Rhein – „und noch darüber hinaus etwa bis in die Gegend von Dortmund“ (S. 26, 28, 29). Kultur und Reichtum der Geschichte, Welthandel, machten die nordbelgischen Handelsstädte zu Zentren früher Demokratie. So sucht Lamprecht, aus der Leistung des alten Reiches heraus, Modelle für die Zukunft des künftigen Europa zu formen (S. 31: „Alle die gewaltigen Expansionen, die wir im alten Reich erlebt haben, sind heute vergessen, begraben.“). Flandern heißt zur Zeit des Herzogs von Burgund: Musik, Kultur, Kunst. Das Zentrum seiner Überlegungen, Belege für eine deutsche Zukunft Belgiens zu finden, muss Lamprecht als falsch bestätigen. Denn „Flandern ist im Mittelalter niemals deutsch gewesen. Das ist eine ganz falsche Vorstellung“ (Hervorh.v.m., B.S.) (S. 32). Österreich in den spanischen Nachfolgeländern wird kritisch abgestraft. Habsburg habe an Ober- wie Niederrhein „nichts für deutsches Wesen getan“. Und, mit dem Auftreten Englands in der europäischen Geschichte, beginnt jener Zeitraum, der für die Gegenwart des Jahres 1914 von Interesse ist: „Im 19. Jahrhundert ist dann die Summe der ganzen Niederlande in eine Funktion (?) hereingeraten innerhalb des Bereichs der englischen Weltherrschaft. Nachdem im Beginn des 19. Jahrhunderts in der Zeit der napoleonischen Kriege die Weltherrschaft Englands gegenüber Frankreich entschieden war, kam es England darauf an, gegenüber Deutschland eine Sicherung zu haben, einenBrückenkopf. Den Brückenkopf den wir jetzt haben wollen, hat sich England geschaffen in den Niederlanden.“ (S. 33) (Hervorh. v.m., B.S.) In der Summe spricht Lamprecht realistisch von den Flamen als „einem echt deutschen Stamme“, der aber “schwer lenkbar“ sei. (S. 35). Politisches Archiv Auswärtiges Amt 1200 (117-251). NL Graf Zech bis Mai 1940, gesandter Julius Gra v. Zech, den Haag, Bl. 2: „ Die geografische Lage Hollands und seiner überseeischen Besitzungen zwingt das Land zu einer Politik guter Nachbarschaft mit den beiden Rivalen, Deutschland und England. Ein engerer Anschluß an eine der beiden Großmächte ist nicht möglich; ein England nicht, weil die lange, durch keinerlei natürliche Hindernisse geschützte Ostgrenze einen deutschen Einfall immer als die am mittelbarsten drohende und am schwersten abzuwehrende Gefahr erscheinen läßt; und an Deutschland nicht, weil die Kolonien, in denen in normalen Zeiten die Wurzeln holländischer Kraft und holländischen Reichtums liegen, im Ernstfall dem Zugriff durch die Engländer ungeschützt preisgegeben sind.“

Um den Krieg mit England im Winter 1904/05. Zum Institut der „Krisenkonferenzen“ im Kaiserreich.

Mittwoch, März 11th, 2015

Durch den nahen und unmittelbaren Verkehr mit Tirpitz habe ich viel Neues gelernt und Einblicke gewonnen in Verhältnisse, die mir bisher unbekannt waren. Sehr erfreulich sind die nicht alle gewesen und der Einblick, den ich in die Art und den Wert unserer jetzigen Regierung gewonnen, war oft nicht erfreulich und hat manche Ideale bei mir zerstört. Es fehlt uns die feste Hand und ein klarer, mit der harten Wirklichkeit nüchtern rechnender Kopf an der Spitze. Dafür herrscht Zerfahrenheit, Personen- und Parteieninteresse.

Kapitän z[ur].S[ee].. Hopman (Reichsmarine-Amt), 31.12.1912.

Vorbemerkung:

Das Kaiserreich und Rußland, eingekeilt zwischen den Flügelmächten im Osten und Westen,
als Modell genommen für die Entscheidungsprozesse, die momentan, zuvor und künftig, in
Washington und Moskau ablaufen. Nach den Erwägungen um die Jahre 1854-1914-2014 nun
der Verweis auf das Institut der „Krisenkonferenzen im Kaiserreich“; und dies am Bespiel des
„decision making process“ im Herbst und Winter 1904/05. Der Hintergrund der Marokkokrise
1904 bietet Einsichten in Themen, Verlaufsformen – wie „technische Details“ – derartiger Stunden
der Entscheidung im internationalen System. Der verfassungspolitische Überbau des Reichs
und Rußlands mag unterschiedlich ausfallen, entscheidend bleibt jedoch der am Beginn (ob
1854 in London, 1914 in Berlin …) stehende Entschluß jeweils einer Seite, die anstehenden
Konflikte mit Gewalt zu lösen.

1

Die Krisenkonferenz vom 18. November 1904.

Am Freitag, dem 18.11.1904 abends, rief Kaiser Wilhelm II. den Reichskanzler Bernhard von Bülow, den Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen und den Chef des Admiralstabes, Vize-Admiral Büchsel, zu sich. Anlass zu dieser Besprechung waren kritische Artikel in der Londoner Fachpresse zum deutsch-englischen Flottenantagonismus. Es ging um den vom Admiralstab entwickelten “Operationsplan II” für die Flotte, der bereits Gegenstand eines Schriftwechsels zwischen dem Admiral- und dem Generalstab der Armee gewesen war. Dabei spielte der Gedanke des Admiralstabes eine besondere Rolle, im Falle des Krieges mit Großbritannien die dänischen Belte für die Grand Fleet zu sperren und dazu aktive Verbände der Armee heranzuziehen. Bislang wurde offensichtlich für den Fall einer Ausweitung des Konfliktes mit England, auch auf Frankreich, von einem intensiveren Einsatz der Armee gegen Dänemark abgesehen. Gegenstand der Lagebesprechung bei Wilhelm II. war damit die von Seiten des Admiralstabes betriebene

“erweiterte Verwendung von Armeetruppen…an den Operationen der Marine”.

An Stelle des Admiralstabschefs, der sich bereits in Kiel befand, nahm auch der Leiter des Reichsmarine-Amts teil, Admiral von Tirpitz. Der Chef des Marinekabinetts, Senden-Bibram, und der Kriegsminister Karl von Einem, fehlten.

An diesem 18. November im Berliner Schloss, und am darauf folgenden Tage in Kiel, kam es zu dem Auftrag Wilhelms II. an Vize-Admiral Büchsel, “alle Vorbereitungen…zu treffen für die Besetzung dänischen Gebiets”. Diese Weisung des Obersten Kriegsherrn wurde zum Ausgangspunkt detaillierter interner Vorbereitungen des Admiralstabes, die sich von der Beobachtung der englischen Presse und Marine, über die Steigerung der deutschen Kriegsbereitschaft, bis auf die Vorbereitung des “Handels- und Kreuzerkrieges”, erstreckten. Erkennbar war bereits in diesem Stadium, der Admiralstab verfolge eine Doppelstrategie. Einerseits sollten möglichst frühzeitig vollendete Tatsachen geschaffen werden, indem Büchsel die “Vorbereitungen für die Ausführung des O[perations].P[lans].II bis zum 1.3.[19]05″ fertig zustellen suchte. Diese Taktik bestätigt eine Aufzeichnung vom 19. November in welcher der Admiralstabschef festhielt:

“Hiermit ist also die Entscheidung so gefallen wie wir es wünschen und es kommt nun darauf an, das Eisen zu schmieden solange es warm ist”.

Im selben Atemzuge entwarf Büchsel den Wortlaut einer Kabinettsorder des Kaisers, die alle weiteren Schritte in die Hand des Admiralstabes legen würde. Büchsel unterstrich:

Haben wir diese Ordre[,] so ist damit der Betrieb der Sache in unsere Hand gelegt”.

Andererseits sollte der Einfluss des Generalstabes in Grenzen gehalten werden. Grund für die Eile des Admiralstabes war die offensichtliche Zurückhaltung Schlieffens, sämtlichen Absichten gegenüber, bedeutendere Kräfte der Armee für eine Verteidigung von Sperren der Flotte in dänischen Gewässern einzusetzen. Dass die Armee keinesfalls gesonnen war, derartige Pläne zu unterstützen, bestätigte auch der Kriegsminister Einem am 23. November. Neben der Belastung des Armeeetats durch zusätzliche Kosten, ging es Einem vordringlich um die an sich nachgeordnete Prestigefrage, wer in diesem Falle Zugang zum Kaiser habe. Aus dem Selbstverständnis der Armee, und deren Vertretern, konnte dies in keinem Falle ausschließlich der Admiralstab sein.

2

Die Konferenzen vom 30. Oktober und 21. Dezember 1904.

Mit dem bekannt werden der “entente cordiale” zwischen Großbritannien und Frankreich wurde in Berlin die Frage diskutiert, wie diese Verbindung auseinandergebracht werden könne. Offensichtlich wurde nicht erwartet, dass England und Frankreich Deutschland angreifen würden. Dennoch ließ der Reichskanzler ermitteln, wie die Chancen bei einem Krieg Deutschlands mit Frankreich stünden. Schlieffen teilte am 19. April auf Befragen mit,

“daß Rußland zwar seine größeren Truppenverbände von seiner Westgrenze für den Krieg in Ostasien zurückgezogen habe, durch andere Umstände aber jedenfalls gegenwärtig sich in einer für einen westlichen Krieg [d.h.gegen Deutschland] höchst ungünstigen Lage befinde”.

Offensichtlich auf den Krieg mit Frankreich direkt angesprochen, bestätigte er

“wenn die Notwendigkeit eines Krieges mit Frankreich sich also für uns ergeben sollte, so wäre der gegenwärtige Augenblick wohl zweifellos hierzu günstig” (Hervorh.v.m., B.S.).

Geheimrat Holstein, der Gedankengeber des Auswärtigen Amtes, legte, angesichts des offensichtlich kriegswilligen Generalstabes, unvermittelt den Finger auf die Wunde:

“Bei einem etwa heute ausbrechenden deutsch-französischen Kriege würde also Rußlands Beteiligung unwahrscheinlich, Englands aber unberechenbarsein”(Hervorh.v.m., B.S.).

Vor dem Hintergrund des russisch-japanischen Krieges, entzündete sich damit in Berliner politischen und militärischen Führungszirkeln eine ausgedehnte Diskussion darüber, wie die momentane Chance, da Russland in der Mandschurei gefesselt schien, für einen europäischen Hegemonialkrieg, zunächst gegen Frankreich, zu nutzen sei. Anfang September fand im Berliner Schloss, ein Diner statt, in dessen Verlauf der Kaiser mit Tirpitz die weitere Finanzierung des Flottenbaus erörterte. Kaiser und Reichskanzler bestätigten bei dieser Gelegenheit die Erhöhung des Marineetats um nunmehr 23 Millionen Reichsmark. Just jenen Betrag, um welchen im Vorjahr gestritten worden war. Einen Augenblick später entzündete sich diese Diskussion jedoch erneut. Tirpitz suchte daraufhin umgehend die Unterstützung der Großherzöge von Oldenburg und Weimar. Der Staatssekretär, der wiederum darum bat, ihn “beim Gelde zu unterstützen”, wurde durch den Großherzog von Weimar beschieden,

“sein Land ginge ihm vor. Preußen und Reich seien eins. Preußen behandele [aber] die Staaten schlecht…“

Tirpitz bestritt,

„daß Preußen und Reich eins seien. Preußen [sei] für [die] Marine [ein] besonders schwieriger Bundesstaat. Es handele sich nicht um Neuforderungen, sondern um den [im Auftrage] des Kaisers beschlossenen Aufbau der Flotte; dazu habe [er]die Zustimmung S[einer].H[oheit]. des Großherzogs von Weimar auf der Wartburg persönlich eingeholt”.

Dass die Finanzfrage dennoch nicht in trockenen Tüchern war, beweist kurz darauf Tirpitz’ weitere Anfrage beim Großherzog von Mecklenburg. Auch hier wurde “um Unterstützung beim [Flotten-]Etat” geworben. An eben diesem 5. September – während der Parade des IX. Armeekorps in Altona – so notiert Tirpitz,

“sagt S[eine]. M[ajestät]. er habe mit [dem] Reichskanzler abgemacht, daß [der] Marineetat nicht gekürzt werden dürfe”.

Wie angespannt die internationale Lage noch war, bestätigt die Bemerkung des Staatssekretärs, er habe

“mit [dem] Reichskanzler später [ein] längeres Gespräch über [die] Kriegssituation [in Ostasien]”

geführt. Bereits zuvor in Berlin hatte Tirpitz darauf aufmerksam gemacht, der Verlust von “Wladiwostok und ganz Sibirien” sei für Russland in Ostasien Tatsache , was auch auf die deutsche Kolonie Tsingtau zurückwirken könne. In diesem Zusammenhang, trat das Problem eines englischen Präventivkrieges gegen Deutschland in den Gesichtskreis der politischen und militärischen Reichsleitung.

3

Der 31. Oktober 1904: Sicherheit gegenüber England.

Daraufhin fand am 31. Oktober eine Krisen-“Sitzung beim Reichskanzler” statt, an welcher der “Reichskanzler, Richthofen, v[on]. Holstein, [und der] Chef des Generalstabes” teilnahmen. Nach einer Randbemerkung, am Kopf des Dokuments, traten bei dieser Gelegenheit Befürworter und Gegner eines Bündnisses mit Russland auf:

“Holstein plädiert für [den] Versuch einer Allianz mit Rußland, Situation doch nicht mehr intakt. Darum Anschluß. Richthofen dagegen[.]Reichskanzler stimmte Holstein zu“(Hervorh.v.m., B.S.).

Am folgenden Tage machte Tirpitz sein Resümee dieser Sitzung zum Gegenstand eines Briefes an den Staatssekretär des Auswärtigen, Richthofen, der seine – Tirpitz’, Gedanken – dem Reichskanzler übermitteln sollte. Offenbar hatte diese Diskussion um die günstige Gelegenheit eines Präventivschlages gegen Frankreich, sowohl das Argument des Generalstabes für diesen Weg, nämlich die russische Schwächung zu Lande, als auch das gegen diesen Schritt sprechende Problem – eines dann wahrscheinlichen Seekrieges mit Großbritannien – ins Bewusstsein der Anwesenden gehoben.

Schlieffen hatte ausgesprochen, Deutschland werde “bis auf weiteres mit Landwehrformationen an der Ostgrenze” gegen Russland auskommen. Ein Gedanke, der sich in seiner Denkschrift vom Dezember 1905 wiederfinden sollte. Tirpitz wehrte dagegen das Argument für den Krieg gegen Frankreich weiter ab, indem er darauf verwies, nicht nur flottenpolitisch, sondern auch landstrategisch, werde ein Beitrag Russlands erstens sehr gering, und selbst wenn, dann zweitens äußerst zwiespältig in den Auswirkungen ausfallen. Vor allem aber erwartete er, ein Bündnis mit Russland werde England zum Präventivkrieg gegen Deutschland treiben, was niemand wünschte, schon gar nicht der Flottenprotagonist. Denn in der Diskussion des 30. Oktober mussten sämtliche beteiligten Politiker und Militärs zu der Erkenntnis gelangt sein, dass die Flotte nicht kriegsbereit sei, und damit politisch nutzlos.

Doch das Ziel war, durch eine “’Pression’ auf Frankreich”, welche jedoch “nur durch die Kriegsdrohung Deutschlands ausgeübt werden” könne, Frankreich von England abzusprengen, bzw. Frankreich dazu zu bringen, dass es England davon abhielte, gegen das Reich vorzugehen. Doch auch der Kriegsfall England-Deutschland wurde diskutiert. Hier behauptet Tirpitz ebenfalls den geringen Wert russischer Unterstützung für das Reich, da

“gerade der bestehende gegen uns gerüstete Zweibund zwischen Frankreich und Rußland die Freiheit unserer Entschlüsse Frankreich gegenüber”

behindere. Aber gerade darum ging es am 30. Oktober anläßlich der Diskussion um Krieg oder Nichtkrieg mit Frankreich. Schließlich offenbart Tirpitz seine grundsätzliche Opposition gegenüber Plänen zugunsten eines Krieg mit Frankreich. Dieser plädiert für einen “Kontinentalblock” gegen Großbritannien, der seinen Flottenplänen die notwendige ruhige Entwicklung gewährleisten würde. Der Admiral führt aus:

“Eine positive Wirkung für die Friedenschance hätte eigentlich nur die wirklich klare Defensivallianz Deutschlands, Frankreichs und Rußlands zusammen gegen England, und das ist doch durch das erwogene Konzept z.Z. nicht zu erreichen”.

Er betont:

“Im ganzen ist ja Zeitgewinn und Flottenbau unsere wichtigste politische Aufgabe” (Hervorh.v.m., B.S.).

Die Frage eines Krieges mit England stand nach der Krisenkonferenz vom 30. Oktober weiterhin im Raum. So beantwortete fünfzehn Tage später Schlieffen einen Fragebogen des Reichskanzlers. Bülow wollte Antworten auf die Fragen:

“1) Wodurch könnte sich im Falle eines englischen Angriffs auf DeutschlandRußland uns militärisch nützlich machen?
2) Wie viele Truppen könnte bei gutem Willen Rußland auch im gegenwärtigen Moment und trotz des japanischen Krieges gegen Indien in Bewegung setzen?
3) Wie lange Zeit würde Rußland brauchen, um Truppen gegen Indien in Bewegung zu setzen?
4) Welche Verpflichtungen wären für den Fall eines deutsch-russischen Defensiv-Abkommens Rußland in dieser Beziehung aufzuerlegen, damit England gezwungen würde, seine Kräfte zu verteilen und einen evtl. Vorstoß nicht allein gegen uns richtete?

5) Würden wir uns bei einem englischen Angriff gegen uns Engländern irgendwo unangenehm machen können, z.B. in Südafrika?“ (Hervorh.v.m., B.S.)

Bülow war bemüht, den erwarteten Stoß Englands gegen Deutschland, so gut es gehe, zu parieren. Dazu sollten Operationen der russischen Armee gegen Indien, die Türkei oder Tibet dienen. Das deutsch-russische Bündnis sollte dazu die Basis bilden. Doch Schlieffen widerriet dem Kanzler. Realistisch seien derart zeitraubende Operationen nicht. Und darüber hinaus entwarf der Generalstabschef ein dunkles Bild der militärischen Möglichkeiten des Reichs in einem Krieg mit England:

“Deutschland kann gegen England einen Krieg in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes nicht führen. Unsere Flotte ist zu schwach, um sich mit der englischen einlassen zu können. Sie wird sich dem Angriff der überlegenen Gegnerin zu entziehen suchen. Unsere Armee vermag nicht nach England hinüberzugehen, die englische wird höchstens als Hilfsmacht eines anderen Feindes Deutschlands auf das Festland herüberkommen. Zunächst stehen die beiden Flotten wie die beiden Armeen sich gegenüber, ohne sich angreifen zu können” (Hervorh.v.m., B.S.).

Schlieffen konzedierte, es sei möglich, die englischen Armee durch einen russischen Angriff auf Indien abzulenken. Doch würden zunächst die deutschen Kolonien weggenommen und sodann die deutschen, niederländischen und belgischen Häfen blockiert werden. Der deutsche Überseehandel, und damit die deutsche Industrie, würden “vernichtet” und jeglicher Warenzustrom nach Deutschland abgewürgt. Der Generalstabschef erwartete ferner gewaltige Einbussen auf deutscher wie englischer Seite. Die neutralen Mächte würden den Nutzen davontragen. Ein Angriff Russlands auf Indien schien ihm allerdings geeignet, England daran zu hindern, zum Mittel des Handelskrieges zu greifen. Schlieffen schloss:

“Da England nicht angegriffen werden kann, so bleibt nur übrig, einen seiner Verbündeten anzugreifen“(Hervorh.v.m., B.S.)

Am 29.11.1904 bat Holstein den Generalstabschef, für den 30. November um 17.00 Uhr, zu sich. Gewappnet mit der Information Schlieffens, vertrat Bülow seinerseits gegenüber Holstein die Position, ein Bündnis mit Russland – wenn es nun gewollt werde – sei grundsätzlich zu erreichen, wenngleich klar sei, dies würde nur ein Bündnis auf Zeit sein und von Frankreich stets beargwöhnt7. Holstein antwortete, es sei entscheidend zu klären, ob

“im Falle eines englischen Angriffs auf uns Frankreich mit in den Krieg hineingezogen werden” (Hervorh.v.m., B.S.)

solle. Ebenfalls erörterte er die Frage des Einmarsches in Dänemark – wie jene der propagandistischen Vorbereitung des Volkes auf einen Krieg mit England. Den Diskussionsstand zwischen Politik und Militär, innerhalb der Führungsspitze des Reiches, fasst Holstein zusammen. Er attackiert Bülow mit Hilfe der von Schlieffen geäusserten Argumente:

“Dagegen spricht, daß nach der Ansicht des Generalstabs Frankreich ein sehr ernsthafter Gegner ist, ernster als 1870, daß ein Vorgehen gegen Frankreich uns Rußland auf den Hals laden könnte, wenn wir mit diesem nicht vorher irgend etwas erreicht haben; daß vielleicht selbst Italien mit England plus Frankreich gehen würde. Dafür, daß wir, wenn der Krieg auf uns und England isoliertbleibt, England gegenüber so gut wie ohnmächtig sind, das uns durch Wegnahme unserer Kolonien und Schiffe, Vernichtung unserer Marine und unseres Handels und Lahmlegen unserer Industrie in absehbarer Zeit zu einem nachteiligen Frieden zwingen kann, während wir, wenn Frankreich mit im Spiel ist und namentlich wenn wir auch Belgien und Holland mit hineinziehen, zwar das Risiko steigern, aber wenigstens die Möglichkeit erwerben, Waffenerfolge zu haben, Pfänder in die Hand zu bekommen und unsererseits einen Druck auszuüben” (Hervorh.v.m.,B.S.).

Damit umreißt Holstein die besondere Funktion des deutschen Aufmarschplanes gegen Frankreich im deutschen politischen Kalkül, der über den Durchmarsch durch Belgien, eben diese politischen Komponenten berücksichtigt. Auch zu Dänemark legt er die Pole der vorher geführten Diskussion um den “Büchsel-Plan” offen. Holstein fragt:

“Ist es angezeigt, unsere öffentliche Meinung und das deutsche Volk allmählich darauf vorzubereiten, daß von England her eine schwarze Wolke droht, damit uns nicht später Mangel an Voraussicht und Leichtsinn vorgeworfen wird” (vgl. Admiral v. Müller zum „Kriegsrat“ am 8.12.1912)?

Am folgenden Tag erklärt Bülow daraufhin dem deutschen Botschafter in London:

“Unsere Absichten gegenüber England sind absolut friedliche”.

Es geht dem Reichskanzler um die Frage, ob trotz vorsichtiger deutscher Flottenrüstung “Gefahr vorhanden” sei, dass Deutschland “in absehbarer Zeit” von England angegriffen werde. Immer wieder wird erwogen, ob “die Gefahr eines englischen Angriffs…durch den Abschluss irgendwelcher Abmachung zwischen Deutschland und Russland erhöht oder verringert” werde. Auch wird ein englischer Angriff auf Russland für möglich gehalten. Abgewogen wird, ob ein deutsch-russisches Defensivbündnis oder ein Neutralitätsabkommen weniger gefährlich sein würde. Bülow fragt expressis verbis:

“Welche Art von Abkommen würde uns mehr Sicherheit gegenüber Englandgewähren?” (Hervorh.v.m., B.S.).

Und schließlich gelangt er zum Kern der Frage:

“Ist Gefahr vorhanden, daß England, wenn es von Allianzverhandlungen zwischen uns und Rußland hört, uns plötzlich überfällt?”(Hervorh.v.m., B.S.)

Metternichs Antwort aus London bezeichnet am 18. Dezember, die “politische Atmosphäre [als] vergiftet”. Doch, so der Botschafter, “weder das englische Volk noch die leitenden Kreise” würden “einen Angriffskrieg gegen Deutschland wünschen oder beabsichtigen”. Auch glaubt er nicht, der Flottenbau werde eo ipso den Krieg mit Großbritannien provozieren. Metternich nimmt eher an, “planmäßige Agitation”, im Vorfeld der parlamentarischen Diskussion, werde “eine ernste Kriegsgefahr mit England bedeuten”. Selbst ein Defensivbündnis mit Russland werde diese Gefahr vermehren. Das Zarenreich sei zu Wasser und zu Land geschlagen, könne also Deutschland kaum nützlich sein. Erst recht, seitdem seine Ostseeflotte über alle Meere verstreut sei. Andererseits, eine “englisch-französisch-russische Abmachung zu verhindern”, sei –  so Metternich – im Ergebnis kaum möglich, da Frankreich stets die Verbindung mit England suchen werde.

4

Die Krisenkonferenz am 21. Dezember 1904.

Am 21. Dezember trafen Bülow, Richthofen, Metternich, Schlieffen, Büchsel und Tirpitz erneut zusammen, um wiederum die von England ausgehende Gefahr zu erörtern. Offenbar lief die Diskussion – um Metternichs Warnung vor einer umfassenden Flottennovelle – ausschließlich zwischen Tirpitz, dem Botschafter und Bülow. Dabei verwahrte sich der Staatssekretär gegen die Behauptung, in der “Begründung des II. Flottengesetzes” sei ausdrücklich davon die Rede, Deutschland wolle “England der Suprematie auf der See berauben”. Mittelbar griff Wilhelm II. in die Diskussion ein, indem Bülow dessen Warnung kolportierte, eine Küstenverteidigung vor Kiel und Hamburg sei praktisch nicht vorhanden. Tirpitz unterstrich noch einmal den Kern seines Flottenbauplanes, indem er darauf verwies,

“daß diese Verteidigungsforderungen nebenher liefen, Bagatelle seien, daß es auf Schiffsforderungen allein ankomme”.

Bülow gelangte, nach einer Unterredung mit dem englischen Botschafter Lascelles, zu dem Schluss, es komme “England gegenüber alles darauf an, dass wir mit Geduld und Spucke über die nächsten Jahre wegkommen, keine Zwischenfälle hervorrufen, [und] keinen sichtbaren Grund zu Argwohn geben”. Was hieß: den beschlossenen Weg weiter beschreiten, bis die englische Suprematie zur See unterlaufen ist, und das mit allen Konsequenzen (Hervorh.v.m., B.S.).

5

Vorarbeiten der Flotte: mit Russland gegen England.

Im Reichsmarine Amt wurde dazu Ende November eine Studie “über einen englisch-deutschen Krieg” angefertigt. Ausgangspunkt waren die “zwickmühlenartige kontinentale Lage” Deutschlands einerseits und “das Bedürfnis nach überseeischer Weiterentwicklung” andererseits. Eine Entlastung der deutschen “Ostgrenze” wurde erwartet und die Verschlechterung der politischen Stellung des Reiches in Asien, gegenüber England-Japan-Amerika, konstatiert. Frankreich habe “den maritimen Wettkampf mit England aufgegeben” und habe zugleich

“mit dieser Schwenkung seinen Offensivgedanken gegen Deutschland endgültig aufgegeben. Nur an der Seite Englands wird es zum Gegner Deutschlands, dann aber mehr defensiv als offensiv. Das russisch-französische Bündnis ist gegen den Dreibund geschlossen oder wenigstens unter politischen Voraussetzungen, die den Kontinentalkrieg zur Basis hatten. Steht in einemenglisch-deutschen Konflikt Russland auf Seite Deutschlands, so wird Frankreich durch sein Bündnis mit Russland nicht zur Parteinahme gegen England verpflichtet.Als Gegner Russlands gibt es indessen seine hier investierten Kapitalien (9 Milliarden Fr[ancs]) verloren” (Hervorh..Tirpitz, B.S.).

Zusammenfassend wird festgestellt, Frankreich und Deutschland hätten ihre Wahl unter den “drei selbständigen Weltmächten England, Amerika und Russland getroffen”,

“Frankreich hat unter Aufgabe seiner kontinentalen Aspirationen die Seemacht England gewählt, Deutschland die Landmacht Russland”.

Das Ergebnis eines englisch-deutschen Krieges werde der wirtschaftliche Ruin des Reichs sein; selbst mit russischer Unterstützung. Die durch eine englische Blockade der Zufuhr des Reichs ausfallenden Mengen, welche “in Friedenszeiten 50 bis 60 Prozent an Lebensmitteln” betrage, könne Russland nicht ausgleichen. Selbst die Besetzung Hollands und Dänemarks werde “nur zu einer geringen Küstenerweiterung und damit Erleichterung” führen. Die Blockade, als für Deutschland gefährliche Waffe, wird gesehen und eingestanden, “ein gleichzeitig geführter Landkrieg auf französischem Boden…[werde] diese Verhältnisse” nicht “günstiger gestalten” können. Als Ausweg erscheint ein Angriff Russlands auf Indien. Doch dieser Weg wird ins “Reich der Utopie” verwiesen. Ein gleichzeitiger Krieg Deutschlands mit Frankreich werde dessen Kräfte binden. Im Jahre 1904 sei Russland nicht fähig, eine derartige Operation zu unternehmen. Obwohl Amerika unter dem Handelskrieg Englands mit Deutschland leiden würde, werde das Inselreich

“alle politischen Rücksichten gegen andere Staaten der einen unterordnen: der wirtschaftlichen Vernichtung seines Gegners”.

Gefragt wird: “Wie kann ein deutsch-englischer Krieg verhindert werden?” “Ein Schutzbündnis mit den Vereinigten Staaten” erscheint als “Präventivmaßregel”, da “England in Bezug auf seine Lebensmittelzufuhr ganz von Amerika abhängig” sei. Um die Unterstützung der USA zu erkaufen, werden

“Koncessionen…b[e]z[ü]gl[ich]. Südamerikas,…im Stillen Ocean (Karolinen, Samoa, Neu Guinea) und schliesslich…in Ostasien”

vorgeschlagen. Der sich anschließende Vergleich zwischen der Lage Deutschlands und jener der “junge[n] amerikanische[n] Kolonie 1778 England gegenüber” bezeichnet plastisch den Ernst der Situation Ende 1904. “Jeder Zeitverlust” werde den “Kaufpreis höher stelle[n]” und die Gefahr vergrößern. Die verlässliche amerikanische Zusage werde ausreichen,

„um den gegenwärtigen Druck solange auszuhalten, dass die politische Hetze in England an Boden verliert, während wir in dieser Zeit die Freiheit maritimer Weiterentwicklung, die wir jetzt nicht haben, wieder erlangen und nutzen können“ (Hervorh.v.m., B.S.).

6

Admirale Pendemann und Heeringen: Das Hauptübel die unfertige Flotte.

Das Memorandum zur Flottenvorlage des Jahres 1900 hatte eine offene Sprache geführt – zu Zielen und Methoden des deutschen Flottenbaus:

“Um des Reiches Seehandel und seine Kolonien zu beschützen – im Hinblick auf die gegenwärtigen Umstände kann nur eine Methode nützen – muß Deutschland eine Kriegsflotte haben, so stark, daß der Gegner, der im Besitz der größten Seemacht steht, sie nur mit ernster Gefahr für sich selbst angreifen kann.
Für unsere Zwecke ist es nicht unerläßlich notwendig, daß die deutsche Kriegsflotte so stark sei, wie die der größten Seemacht: denn in der Regel wird eine große Seemacht nicht imstande sein, ihre ganzen Streitkräfte auf uns zu richten. Aber sogar wenn es ihr gelingen sollte, uns mit beträchtlicher Überlegenheit der Kräfte entgegenzutreten, so würde die Vernichtung einer großen deutschen Flotte den Feind so stark schwächen, daß, trotz des errungenen Sieges, seine eigene Weltstellung nicht länger mehr von einer gleichwertigen Flotte gesichert werden würde“.

Admiral von der Goltz bestätigte im Reichstag noch einmal dieses deutsche Kalkül:

“Die vorläufig noch beherrschende maritime Überlegenheit Großbritanniens wird auch in Zukunft beträchtlich bleiben, aber sie ist gezwungen, ihre Kräfte über die ganze Welt zu zerstreuen. Zweifellos würde bei einem Kriege in heimischen Gewässern der größere Teil der auswärtigen Geschwader zurückgerufen werden; doch würde dies Zeit kosten und überdies dürften nicht alle Überseestationen entblößt werden. Die deutsche Flotte, viel kleiner zwar, könnte in den europäischen Gewässern konzentriert bleiben. Mit den jetzt vorbereiteten Erhöhungen wäre sie in der Lage, ihre Kraft mit den gewöhnlichen britischen Flottenkräften in heimischen Gewässern zu messen” (Hervorh.v.m., B.S.).

Anfang Dezember 1904 macht sich Admiral Pendemann (Flottenkommando Wilhelmshaven) “Gedanken über die augenblickliche kritische Lage”. Auch er sieht den Kriegszweck Großbritanniens in der Vernichtung von deutschem “Handel und Industrie”. Doch um das Reich “ganz niederzuwerfen”, habe “dies so viel Lebenskraft, um sich sehr bald wieder zu erholen”. Das wisse England. Momentan sei die “politische Lage…die denkbar günstigste”.

“Deutschland ist allein England maritim noch nicht entfernt gewachsen”.

Pendemann unterstreicht, da “an eine strategische Offensive gegen die englische Flotte” nicht zu denken sei, “müsse die Defensive stark entwickelt sein”. Ein Krieg mit England würde “alles bisher zur See erreichte mit Wahrscheinlichkeit wieder vernichten”. Die zwei Wege, die blieben, seien einmal der Vorstoß in die Nordsee, der die strategische Defensive – “einen augenblicklichen taktischen Erfolg” vorausgesetzt – nur aufschieben würde, und der Verzicht auf jegliche Aktion, womit die Flotte “als kriegsbrauchbares Instrument” ausscheide. Damit sei “die Kriegsflotte lahm gelegt und blockiert”. Der Admiral merkt an, er

“wüsste nicht, was die Engländer dann veranlassen sollte, in die Ostsee hineinzulaufen und unsere Flotte anzugreifen, wenn wir uns dort freiwillig blockieren lassen. Sie sind auch nicht der französischen Flotte in ihre Häfen gefolgt/es genügte ihnen, sie dort lahm zu legen”.

Damit bezieht Pendemann eindeutig Stellung gegen die Planungen des Admiralstabschefs Büchsel, und dessen Operationsplan II.

Mitte Dezember, die Krise bestand unverändert fort, erörtert ein weiterer Marinevertreter das Ergebnis der Beratungen der Rüstungskommission. Obwohl eine “unmittelbare Kriegsgefahr” nicht bestanden habe, sei “den für die Politik des Reiches verantwortlichen Stellen” diese Möglichkeit besonders scharf vor Augen getreten”, so wird von Heeringen behauptet. Er führt aus, Voraussetzung des Flottenbaus sei “bisher” gewesen, “den Frieden” bis zur Fertigstellung der Schlachtflotte “erhalten zu können”. Im Angesicht der Problemlage zu Ende des Jahres 1904, unterstreicht Heeringen diese zugrunde liegende Prämisse. Er führt aus:

“…das Verhalten der Grossmächte hatte seit Jahrzehnten eine so deutliche Abneigung gegen Übernahme der wirtschaftlichen Schädigungen eines grossen Krieges gezeigt, dass die Hoffnung berechtigt war, wir könnten bei genügender Vorsicht und vorläufiger Einschränkung unserer weltpolitischen Ansprüche den Krieg allein durch diplomatische Geschicklichkeit vermeiden” (Hervorh.v.m., B.S.).

Tatsächlich sei jedoch der Kriegsgedanke durch die Vorgänge in Ostasien wieder populärer geworden. So zum Beispiel plädiere eine Fraktion in England dafür, “zu seiner eigenen Sicherheit” Deutschland “zu schlagen, ehe wir unsere Flotte fertig haben”. Er setzt sich, angesichts auch der japanischen Kriegsbereitschaft, für ein “völlige[s]n Bereitsein[s] zum Kriege…vor allen übrigen Rücksichten” ein. Es sei damit für “die verantwortlichen militärischen Stellen” unabdingbar, “die Streitmittel des Reiches in der höchsten, ohne direkte Mobilmachung erreichbaren, Kriegsbereitschaft zu halten”. Der bleibende “Ernst der Lage England gegenüber” wird unterstrichen und die Verantwortung der militärischen Entscheidungsträger vor der Geschichte betont. Vorausgesetzt wird ein britischer Überfall auf die deutschen Seestreitkräfte, analog zu der Kriegseröffnung Japans gegen Russland 1904. Daraus ergebe sich, dass eine rechtzeitige Warnung durch die Diplomaten kaum zu erwarten sei. Es gelte einen zentralen Schwachpunkt auszuräumen, nämlich die Tatsache,

“dass wir während 21/2 Monat[en] im Jahr unsere sämtlichen Linienschiffe oder auch nur die Hälfte kriegsbereit liegen haben”.

Damit würde, so der Vorsitzende der Rüstungs-Kommission, der Gegner “genau auf den Zeitpunkt” hingewiesen, “zu dem er angreifen” müsse. Die deutsche Flotte sei “durch Wehrpflicht und ungesunden Wechsel weder im Oktober und November noch im März bereit”. Das sei

“ein weiterer Grund mehr für England den Krieg im Winterhalbjahr anzufangen”.

Auch strategisch sei die deutsche Flotte durch das Winterlager in Wilhelmshaven äußerst behindert, die “Zentralstellung Elbe-Kiel” einzunehmen. Heeringen gipfelte in der Feststellung,

“wir dürfen nicht pro Jahr über 200 Millionen für die Marine aufwenden und haben in dieser drohenden Zeit nur während 6 – 7 Monaten eine kriegsbereite Flotte” (Hervorh.v.m., B.S.).

Ein Wandel des Bewusstseins war offenbar eingetreten. Denn nun, so Heeringen, gelte es nicht mehr nach der “ferneren Zukunft” zu fragen, sondern nach dem “Jetzt”. Er votiert dementsprechend gegen Detachierungen ins Ausland, plädiert dafür, die Geldmittel zu konzentrieren – und dies für die möglichst unauffällige “Hebung der Kriegsbereitschaft”. Ihm scheint verbürgt, dass selbst bei den “grössten Verlusten”, in dem dann durchzukämpfenden Krieg, “das deutsche Volk” dennoch “willig sein” werde, erneut Geld für den Flottenbau aufzuwenden. Die Haltung, von vornherein einen Erfolg auszuschließen, würde zudem dazu führen, “bei Ausbruch des Krieges nicht das Letzte für den Erfolg” aufzuwenden. Immerhin könne die deutsche Flotte im “Frühsommer 1906 auf zwanzig Linienschiffe” angewachsen sein. “Das letzte Wort” sei somit “noch lange nicht…gesprochen”.

Tirpitz merkte an, er verstände “diese Vorschläge nicht ganz, da sie zu abstrakt gehalten” seien. Er wehrte sich zudem dagegen, in den Jahren seit 1898 nicht genug erreicht zu haben. Allerdings registrierte er, was viele dachten und auch schon sagten, die Flotte sei eben nicht fertig, und das sei der Fehler. Allerdings der Weg, besser an Hand “konkreter Vorschläge” zu diskutieren, erscheint eher als Ablenkungsversuch gegen aufkeimende Kritik, denn als ernst zu nehmender Hinweis. Mitte Januar 1905 berichtet der deutsche Botschafter in London, die englischen Blätter würden einen “englischen Angriff…als ungeheuerlich zurückweisen”. Gleichzeitig sei in “Daily Mail “, „Daily Telegraph“ und „Daily Graphic” eine Wandlung zugunsten Deutschlands zu erkennen. Nach Metternichs ausführlichem Bericht, scheint die deutsche Befürchtung, ein englischer Überfall stehe unmittelbar bevor, als bloße Chimäre.

Dass Ende Januar die Entscheidung über Krieg und Frieden noch in der Diskussion war, bestätigt Tirpitz´ Äußerung gegenüber dem deutschen Militärbevollmächtigten in Petersburg, Hintze. Der Leiter des Reichsmarine Amts schränkte Direktiven, die konkrete Maßnahmen für einen Krieg mit Frankreich und England enthalten hatten, auf “Anweisung” des Reichskanzlers ein. Der Ende 1904 in der deutschen Führungsspitze diskutierte Krieg mit Frankreich und England war zu diesem Zeitpunkt vertagt. Tirpitz erläutert bei dieser Gelegenheit die Verfahrensweisen der Abstimmung zwischen Politik und Militär in Berlin, die demnach durchaus im Clausewitzschen Sinne geregelt war:

“Die Direktiven, welche ich Ihnen mündlich gegeben habe gemäß Anweisung des Herrn Reichskanzlers, beziehen sich nicht auf die Frage, ob Krieg oder Frieden. Sie rechneten nur mit der Tatsache, daß der Kriegszustand besteht und auch für Waffenerfolge unseren Interessen am meisten entsprechen. Die Frage Krieg oder Frieden ist jedenfalls rein politischer Art und außerhalb meiner Kompetenz” (Hervorh.v.m., B.S.).

Wenige Tage darauf leitet das Auswärtige Amt Tirpitz “einen ganz vertraulichen Privatbrief des Botschafters Grafen Metternich” zu, den dieser an Bülow gerichtet hatte. Darin äußerte sich Metternich zur “Gestaltung der Beziehungen zwischen Deutschland und England während der letzten Monate”. Dort habe sich der Diplomat “nochmals nachdrücklich…über die Befürchtung” geäußert, dass England kriegerische Absichten gegen uns hege”. Dieses Schreiben heizte die Diskussion zwischen den Befürwortern des Flottenbaus und deren Kritikern innerhalb der deutschen Führungsspitze erneut an. Anfang Februar referiert Admiral von Müller, Tirpitz gegenüber, zustimmend über die These,

“daß diejenigen, auf die Zukunft des deutschen Volkes verzichteten, welche aus Angst vor England von jedem schnelleren Vorgehen in unserer Flottenentwicklung absehen wollen”.

Müller plädiert für die Beschleunigung der Ersatzbauten und gegen ein “drittes Doppelgeschwader”. Er fragt: aber wenn England daraufhin ernste “politische Konstellationen” veranlasse? Die Antwort, so Müller, müsse für Deutschland dann im Angesicht des Krieges heißen:

“dann der Weltkrieg, der unsere Heere nach Indien führt und nach Egypten” (Hervorh.v.m., B.S.).

Rüstungspolitisch-strategisch sieht Müller die “Beschränkungen” des Nord-Ostsee-Kanals, und die Typenfrage, an erster Stelle rangieren. Er übt, wenn auch eingeschränkt, gegenüber Tirpitz Kritik an den großen Schlachtschifftypen:

“Ich ziehe die strategische Konzentrationsmöglichkeit durch den Kanal der taktischen Konzentration über den großen Typ vor, und erst wenn die innerpolitische Möglichkeit gegeben ist, den Kanal umzubauen, würde ich auf den großen Typ gehen. Bis dahin also müßte das möglichst große Linienschiff, das eben noch durch den Kanal gehen kann, gebaut werden”.

Daraufhin hält Tirpitz, in einer Notiz für die Budgetkommission des Reichstages, fest:

“Der Herr Reichskanzler hat für die Ausarbeitung eines Entwurfes für eine in Herbst d[ieses]. J[ahres]. einzubringende Novelle zum Flottengesetz den zuständigen Reichsressorts folgende vorläufige Direktiven gegeben:
1. Eine Vermehrung der etatsmässigen Zahl der Linienschiffe soll nicht stattfinden.
2. Die Zahl der jährlich auf Stapel zu legenden grossen Schiffe – seit 1897 pro Jahr 3 – nicht erhöht aber auch nicht vermindert werden.
3. Als Neuforderung sind von den seiner Zeit vom Reichstage abgelehnten Auslandsschiffen 6 grosse Kreuzer wieder einzubringen. An Stelle der damals geforderten 7 kleinen Kreuzer sind 7 Torpedoboots-Divisionen zu fordern.
4. Für die Linienschiffe und Panzerkreuzer soll nach Vorgang aller anderen Nationen vom Jahre 1906 ab ein grösserer Typ vorgesehen werden.
Die Durchführung des vorstehend skizzierten Programms würde nach den angestellten Berechnungen den Marineetat bis zum Jahre 1910 einschliesslich gegen den Etatsentwurf 1905 jährlich um durchschnittlich 15 Millionen Mark steigern. Von 1911 ab würde sich der Etat ungefähr auf der Höhe des Etats von 1910 halten. Verhandlungen zwischen den Verbündeten Regierungen über die im Herbst einzubringende Novelle haben noch nicht stattgefunden” (Hervorh.v.m., B.S.).

Tatsächlich hielt Tirpitz im Reichstag eine flammende Rede über die Grundsätze des deutschen Flottengesetzes, welches von der kriegsentscheidenden Seeschlacht ausgehe und die großen Schiffe bevorzuge, so lange die Kanone die schlachtdominierende Waffe sei.

Am 4. Februar rief Wilhelm II. den britischen Botschafter Lascelles zur Ordnung, nachdem der Kaiser von der – nach seiner Meinung –

“geradezu verblüffenden Rede des Civil Lord of Admirality mit der offenen Kriegsdrohung gegen uns”

erfahren hatte. Am 18. Februar überschritt die Krise deren Zenit. Vize-Admiral Büchsel teilte Tirpitz mit, der Kaiser habe “neuerdings befohlen, dass die Marine in der strategischen Defensive bei ihren Operationen in den Belten mit einer Unterstützung von Seiten der Armee nicht zu rechnen habe”. Nicht zuletzt der Reichskanzler habe diese Entscheidung Wilhelms II. bewirkt, indem er “vom politischen Standpunkte aus neuerdings wesentliche Bedenken dagegen zum Ausdruck gebracht hat, andererseits weil die Armee die für die Besetzung dänischen Gebiets erforderliche Truppenmacht nicht hergeben kann, ohne den Erfolg an anderer Stelle fraglich zu machen”. Und schon anlässlich der Enthüllung des Kaiser-Friedrich III.-Denkmals in Bremen bemühte sich der Kaiser darum, die an sich revolutionäre Grundidee deutscher Politik in gemäßigter Verpackung zu bieten:

“Das Weltreich, das Ich Mir geträumt habe, soll darin bestehen, daß vor allem das neuerschaffene Deutsche Reich von allen Seiten das absoluteste Vertrauen als das eines ruhigen, ehrlichen und friedlichen Nachbarn genießen soll und daß, wenn man dereinst vielleicht von einem deutschen Weltreich oder einer Hohenzollern-Weltherrschaft in der Geschichte reden sollte, sie nicht auf Politik gegründet sein soll durch das Schwert, sondern durch gegenseitiges Vertrauen der nach gleichen Zielen strebenden Nationen” (vgl. K.Lamprecht-Bethmann Hollweg, in: Bernd F. Schulte: Das Deutsche Reich von 1914, Hamburg 2013).

Wenngleich Wilhelm II. damit kein Jota von dem bisherigen Weltmacht-Kurs zurückwich, so blieb dennoch Raum für verschiedenste Versuche, aus der Kalamität eines Zwanges zum Krieg mit Frankreich herauszukommen, bei gleichzeitig offener Flanke gegenüber Großbritannien. Holstein betonte diese Lösung, indem er für den Konferenzgedanken eintrat, und gleichzeitig – im Angesicht der englischen Rivalität – für den Ausgleich mit Frankreich plädierte. Er schrieb am 28. Juni an den deutschen Botschafter in Paris:

“In Wirklichkeit haben wir den entgegengesetzten Plan, nämlich die Gelegenheit zu benutzen, um bessere Beziehungen für die Zukunft mit Frankreich anzubahnen”.

Ein Weg, den Bülow übernahm. Er glaubte mit Hilfe Marokkos als Kompensation, Frankreich zum “Anschluß an die deutsch-russische Verständigung” zu bringen. Der Kanzler hielt in einer Notiz fest:

“1…Eine bessere Verwendung könnte Marokko für uns nicht finden…

3. Es erscheint mir ratsamer, die Marokkofrage bis auf weiteres versumpfen zu lassen, als sie zu brüskieren”.

7

Admiralstab gegen Generalstab.

Es war nicht leicht, Schlieffen auch nur die Zusage der Fortsetzung kommissarischer Verhandlungen zwischen Vertretern der Stäbe von Armee und Marine abzuringen. Es bedurfte dazu eines persönlichen Gespräches zwischen Büchsel und Schlieffen. Wie gering das Interesse des Generalstabes an einer Diversion stärkerer Kräfte der Armee im Norden war, zeigten die Verhandlungen mit dem Vertreter des Generalstabes, Oberstleutnant Stein, der spitz fragte,

“ob es nun gegen England allein auf eine Beteiligung der Armee ankomme”.

Büchsel erklärte, es handele sich “um einen Angriff Englands auf uns [Deutschland] überhaupt”. Womit klar gemacht war, von Seiten der Flotte sei “die planmäßige Teilnahme” der Armee im Falle auch nur eines deutsch-englischen Krieges geplant. Stein betonte demgegenüber, “wie sehr unangenehm” dies für die Armee sei, “weil man ja garnicht voraussehen könne, was daraus werden würde”. Gemeint war damit, jeder Verlust an Kräften für den Landkrieg mit Frankreich, den der Generalstab grundsätzlich erwartete, sei unbedingt zu vermeiden. Büchsel berief sich postwendend auf den Reichskanzler, dieser sei

“der Ansicht…, dass die ganze Besetzung dänischen Gebiets nur möglich sei bei einer wohlwollenden Neutralität Rußlands”.

Der Hinweis auf das Votum des verantwortlichen Politikers ließ Stein schließlich einlenken und den Kräfteansatz der Armee auf eine Division, eine Landwehr-Brigade, zwei 12cm-Artillerie-Batterien und zwei Beleuchtungstrupps beziffern. Im Sinne der Beschleunigung weiterer Schritte, kündigte der Admiralstabschef an, “am 2.12. S[einer].M[ajestät]. dem Kaiser Vortrag über den Fortgang der Vorbereitung des O[perations). P[lans]. II halten” zu müssen.

Angesichts dieser Zielstrebigkeit des Admiralstabes ließ Schlieffen mitteilen, der Kriegsminister habe ihn ersucht, “in eine weitere Behandlung der zur Berathung stehenden Angelegenheit nicht einzutreten”. Büchsel antwortete, unter Hinweis auf den “Befehl S[einer].M[ajestät].d[es].Kaisers”, und hielt daran fest, er erwarte vom Generalstab nach wie vor eine Stellungsnahme dazu, “wie der Bedarf an Truppen d[er]. Armee sich” vergrößere. Die Dinge trieben der Entscheidung zu, als Büchsel am 2.12.1904 sich für den Vortrag bei Wilhelm II. vorbereitete. Am folgenden Tage war der Admiralstabschef beim Kaiser zum “Spaziergang befohlen”, was bedeutete, dass weder der Chef des Kaiserlichen Hauptquartiers, Generaloberst von Plessen, noch der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Senden Bibram, teilnehmen würden.

Büchsel führte in diesem Vortrag aus, die Verhandlungen mit dem Generalstabe hätten ergeben: für die “Besetzung Dänemarks, wie sie nötig” sei, reiche “zur direkten Verteidigung der Sperren im grossen und kleinen Belt” eine verstärkte aktive Division der Armee aus. Allerdings würden zwei Divisionen dann nötig, wenn Dänemark die “Besetzung seines Gebietes durch eine Kriegserklärung” beantworte. Das hieß: mindestens zwei Heeres-Divisionen würden in einem „Kriegsfall England“ im Norden gebunden werden. Der Generalstab vertrete allerdings die Position, so Büchsel, “dass selbst wenn der Krieg zunächst durch eine Ueberraschung Englands allein eingeleitet” werde, dann “doch das Hineinziehen Frankreichs folgen” müsse. Immer wieder habe Schlieffen betont, “in diesem Falle” würden “die besten Armeekorps bei den Operationen gegen Frankreich fehlen”. Dass der Generalstabschef sämtliche Operationen ablehne, die zu einem “Zurückhalten von zwei aktiven Armeekorps an der Küste im Kriege mit England” führen würden, kam ebenfalls deutlich zur Sprache. Damit war die im Operationsplan II der Flotte niedergelegte Grundidee in Frage gestellt, nämlich die Belte zu sperren, um so die englische Hochseeflotte im Kampf um die Beltsperren zahlenmässig abzunutzen und einen Schlachterfolg der quantitativ unterlegenen deutschen Seestreitkräfte in der Ostsee erst möglich zu machen. Hier sollte der Kaiser entscheiden, wer – der General- oder der Admiralstab – mit seinen Vorstellungen durchdringe. Büchsel enthielt sich ausdrücklich der Entscheidung über die Frage, ob der Vorteil, den Krieg in Dänemark und in der Ostsee gegen England führen zu können, den Nachteil überwöge, an der französischen Grenze mit um zwei Armeekorps geschwächten Kräften aufzumarschieren. Er unterstrich jedoch, in jedem Fall müsse die Armee sowieso die Verteidigung der deutschen Nordgrenze gegen die dänische, und möglicherweise die englische Armee sicherstellen. Wie auch immer sich Deutschland in einem kommenden Konflikt verhalte, Dänemark werde, ob mit deutschem Einmarsch, und damit Neutralitätsbruch, oder ohne, ob unterstützt durch England, oder von diesem besetzt, möglicherweise Deutschland, “in any case”, den Krieg erklären.

Im Einzelnen begründete der Admiralstabschef die so für die Kriegführung der Flotte eintretenden Nachteile. Er fasste zusammen, wenn nun die Armee nicht genügend auftrete, dann würde

“der Zweck , welchen Eure Majestät mit derselben verfolgen, dem Feinde Schiffsverluste beizubringen, welche so hoch sind, dass die hinter der Sperre stehende Schlachtflotte Aussicht hat, die angreifende Flotte vollends zu vernichten, in wesentlich geringerem Masse erreicht werden, ja die Verluste auf der eigenen Seite würden, da die Verteidigung der Sperren älteren Schiffen übertragen werden muss, wesentlich größer sein, als auf Seiten des Gegners, und ein Aufräumen der Sperre würde sich nicht verhindern lassen”(Hervorh.v.m., B.S.)

Angesichts dieser Ausführungen Büchsels sprach sich Wilhelm II. “dahin aus, daß die beiden Korps (IXtes[Altona] und Xtes[Hannover]) im Norden bleiben müßten, bis die Verhältnisse dort geklärt seien”. Der Monarch bezog unter dem Eindruck des Vortrages damit eindeutig Stellung gegen den Generalstab und folgte seiner traditionell marinefreundlichen Haltung. Der Kaiser erklärte,

“die Besetzung dänischen Gebietes müsse erfolgen, auch schon wegen Esbjergs [Landung eines Britischen Expeditionskorps], ganz abgesehen von der Sperreverteidigung. Er sei der Meinung, daß die Armee diese Truppen entbehren könne und müsse”.

Büchsel gab anschließend die Parole aus: “Wir arbeiten also zunächst weiter in der Annahme, daß die Truppen gestellt werden”.

Um den Generalstab doch noch zu gewinnen, und offenbar in der Überzeugung, dass die momentane Willensäußerung des Obersten Kriegsherrn nicht lange tragen werde, bot Büchsel an, auf der Basis der am 9. Dezember abends durch den Kaiser “mündlich ertheilten Anweisungen” gemeinsam vor dem Monarchen festzulegen, “welche Truppen der Armee in Folge der geplanten Verwendung auf nicht deutschem Gebiet” zur Verfügung stehen würden. Schlieffen antwortete nach zehn Tagen und teilte mit, er sei nunmehr “zur Feststellung der Art und Zahl der erforderlichen Truppen in eine genaue Prüfung… eingetreten”. Den Vortrag Büchsels vor Wilhelm II. beantwortete er nun mit der Ankündigung, seinerseits “durch einen Immediatbericht die Grundlagen für eine Entscheidung” geben zu wollen. Am folgenden Tage erbat der mit den Verhandlungen betraute Oberstleutnant Stein Berichte, welche die Korvettenkapitäne Souchon und Hopman im Jahre 1902 zu den in Frage stehenden dänischen Gebieten angefertigt hatten.

Ende Januar 1905 nahm der Admiralstab diesen Faden wieder auf und betonte, daß Schlieffen den angebotenen gemeinsamen Immediat-Vortrag beim Kaiser nicht in Betracht gezogen habe. Wie gereizt Büchsel zunächst reagieren wollte, zeigt der erste Entwurf seiner Antwort. Der Admiralstabschef revidierte jedoch das Konzept, welches den Vorwurf enthielt, Schlieffens Verhalten in der Sache sei der Grund für “die großen Lücken” in den Vorarbeiten zum Operationsplan der Flotte, “die mangels einer Allerhöchsten Entscheidung[,] gerade für den wahrscheinlichsten Kriegsfall vorhanden” seien. In der Ausfertigung des Schreibens bezog sich Büchsel dann nur noch darauf, der Generalstabschef möge ihm mitteilen, wann er seinen Bericht zum Immediatvortrag an den Kaiser senden werde.

(Fortsetzung folgt)

Der Versuch, Europa zu demontieren. Nach EU, Euro und Wulff nun Grass.

Freitag, April 6th, 2012

Broders schriftlicher Vernichtungsschlag mag zum Nachdenken anregen. Im Zusammenhang gesehen, erscheint das, was Grass sagt, übergreifend in einem fatalen Licht. Dass der Holtzbrinckverlag sich weigerte, den Grass-Erguß zu drucken, mag auch bedeuten, dass ihm dieser Teil der deutschen Publizistik zustimmt.

Denn, offen gestanden, Deutschland als souveränen Staat zu betrachten, erscheint nach den Eindrücken der letzten 6 Monate irrig. Wer bestimmt die deutsche Politik? Washington, der Spinger Verlag – oder wer?

Jedenfalls sind die Besorgnisse um Weltfrieden und Atomkrieggefahr unser Aller Bedrückung (vgl. Jaffes gekünsteltes Drumherum-, Drüberhergerede, http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-04/guenter-grass-gedicht-israel).

Anl.:

http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article106160221/Ein-autoritaerer-Knochen-spielt-verfolgte-Unschuld.html?wtmc=plista

Meinung 06.04.12
Günter Grass

Ein autoritärer Knochen spielt verfolgte Unschuld

In der ARD klagt Günter Grass über eine Kampagne der „gleichgeschalteten Presse“. Das Interview war die intellektuelle Selbstentleibung eines alten Mannes, der den Bezug zur Wirklichkeit verloren hat.
Von Henryk M. Broder

Medienrummel im Hause Grass – Kritik weltweit
Israel-Gedicht: Grass entgegnet Kritikern mit Nazi-Terminologie
Israel-Gedicht: Günter Grass wirft seinen Kritikern Rufmord vor
Israelkritik: Günter Grass – Nicht ganz dicht, aber ein Dichter

Lassen wir es dahingestellt, ob Günter Grass ein Antisemit ist oder ein „Freund“ des Landes Israel, dem er sich „verbunden“ fühlt. Erstens gibt es für „Antisemitismus“ keine physikalische Definition wie „Watt“, „Volt“ oder „Ampere“. Zweitens schließt das eine das andere nicht aus. Jeder Antisemit hat „jüdische Freunde“, auf die er sich oft und gerne beruft, vor allem, wenn es jüdische Selbsthasser sind, hinter denen er sich verstecken kann.

Antisemiten suchen die Nähe der Juden, fühlen sich ihnen verbunden – etwa so, wie Kannibalen von Frischfleisch angezogen werden. Zugleich fühlt sich der Antisemit durch den Vorwurf, er wäre einer, „tief verletzt“, denn eigentlich meint er es gut mit den Juden, sei es, dass er sie zur Aufgabe ihrer Religion zwingen möchte oder dass er sich „Sorgen um die Zukunft dieses Landes“ (Israel) macht, wie es Grass in einem Gespräch mit Tom Buhrow in den „Tagesthemen“ erklärte. Alternativ dazu dekretierte er im ZDF, man könne es nicht Israel überlassen, „wann es sich verteidigen darf“. Nein, da muss auch Günter Grass mitreden dürfen.

Es war eine Demontage, wie man sie in dieser Form lange nicht mehr erlebt hatte, eine intellektuelle Selbstentleibung, der Amoklauf eines alt gewordenen Mannes, der sich so daran gewöhnt hat, als „moralische Instanz“ und „moralisches Gewissen“ der Nation gefeiert zu werden, dass er darüber völlig den Bezug zur Wirklichkeit verlor.

Günter Grass, Leben und Werk
Grass sagte, er habe das Gedicht geschrieben, damit ein „tabuisiertes Thema“ endlich „zur Sprache kommt“, nämlich, dass „Israel eine Atommacht“ ist. Er rede „über Dinge, über die nicht oder zu wenig gesprochen wird“ und er habe sich mit seinem Gedicht „zum ersten Mal kritisch über Israel“ geäußert. Das alles ist nachweislich falsch und kann nur mit altersbedingter Vergesslichkeit entschuldigt werden.

Grass ist ein larmoyanter Autist
In einem Interview mit dem ZDF, das ebenfalls am Gründonnerstag aufgenommen und gesendet wurde, klagte Grass darüber, er werde „an den Pranger gestellt“, seine „Argumente“ würden nicht zur Kenntnis genommen, er fühle sich „gehässig und verletzend behandelt“. Auch das ist so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist. Grass ist ein larmoyanter Autist, der mit dem Kopf gegen die Wand rennt und hinterher darüber jammert, dass die Wand es auf ihn abgesehen habe.

Die Tatsache, dass diesmal fast das gesamte Feuilleton Position gegen ihn bezieht, wertet er als eine „Kampagne“; würde sich aber das Feuilleton geschlossen hinter ihn stellen, wäre das natürlich keine Kampagne sondern nur eine angemessene Reaktion auf seinen „Tabubruch“.

Die maßlose Selbstüberschätzung beginnt schon damit, dass er einen Leserbrief als ein „Gedicht“ präsentiert, nur weil er die Zeilen so arrangiert hat, dass sie aus der Ferne einem Poem ähnlich sehen. Mit dieser Technik ist schon Erich Fried („und Vietnam und“) bekannt geworden, der aus jeder Schlagzeile mittels Zeilenbruch ein Gedicht fabrizieren konnte. Er mache sich den Vorwurf, sagte Grass, dass er „zu lange geschwiegen habe“, und das nicht zu seinem Gastspiel bei der Waffen-SS, sondern zur Situation im Nahen Osten, wo die Atommacht Israel den „brüchigen Weltfrieden“ bedroht.

Alles, was dazu gesagt werden musste, ist Donnerstag bereits gesagt worden, in seltener Einmütigkeit von der „FAZ“ bis zur „taz“, vom „Spiegel“ bis zur „SZ“, die das „närrische Gedicht“ (Karasek) am Mittwoch veröffentlichte, nachdem die „Zeit“ es sich im letzten Moment anders überlegt hatte. Nach dem Mitleid erregenden Auftritt von Grass in den ARD-„Tagesthemen“ und in dem ZDF-Journal bleibt nur wenig nachzutragen.

Der letzte Rest der Bonner Republik

Grass ist nicht nur ein überschätzter Literat, er ist eine sozialdemokratische Endmoräne, der letzte Rest der Bonner Republik, in der vor allem Autoritäten gefragt waren, weit mehr als heute auf der Berliner Bühne. Und Grass war schon immer ein autoritärer Knochen, auch als er 1969 mit der Parole „Ich rat Euch, SPD zu wählen“ durch das Land zog. Das war kein Rat, keine Empfehlung, es war ein Befehl. Als er dann zwanzig Jahre später für ein paar Monate nach Kalkutta zog, tat er das mit der Begründung, es werde ihm in Deutschland nicht genug „Respekt“ gezollt.

Und nachdem ihm in seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ eingefallen war, dass er als 17-Jähriger kurz bei der Waffen-SS gedient hatte, und als er daraufhin gefragt wurde, warum er diese Information über 60 Jahre für sich behalten hatte, da empfand er solche Fragen als Zumutung und reagierte wie eine alt gewordene Klosterfrau, die früher in einem Puff gearbeitet hatte.

In einem Gespräch mit der Leipziger Volkszeitung, in dem es um sein Gastspiel bei der Waffen-SS und die Reaktionen der Öffentlichkeit auf das späte Geständnis ging, sprach Grass von „Gleichschaltung“, der „Entartung des deutschen Journalismus“, einer „Tendenz zum Fertigmachen“ und einer „Totschlägerstimmung“, der er beinahe zum Opfer gefallen wäre: „Das war ja der Versuch, mich mundtot zu machen.“

Die verfolgte Unschuld fordert Respekt

Das ist erst fünf Jahre her und doch sind alle überrascht, dass Grass wieder von einer „Kampagne“ spricht, die von einer „gleichgeschalteten Presse“ gegen ihn geführt wird, weil er so unbequem ist und lauter heiße Eisen anpackt, die außer ihm anzupacken niemand sich traut. Wieder einmal spielt er die verfolgte Unschuld, der man den ihr gebührenden Respekt verweigert.

Aber anders als beim letzten Mal kann man die Zahl der Adjutanten, die ihm zu Hilfe eilen, an den Fingern einer Hand abzählen. Da wären: Ein ARD-Reporter, der Grass für den Friedensnobelpreis vorschlägt; der amtierende Präsident des deutschen PEN-Zentrums, von dem man auf diese Weise erfuhr, dass es noch existiert; ein Politiker der Linkspartei, der Grass für seinen Mut lobt, das „auszusprechen, was weithin verschwiegen“ wird; ein Abgeordneter der NPD aus Sachsen, der Grass für den „befreienden Tabubruch“ seinen Dank ausspricht und schließlich der Literaturkritiker Denis Scheck, der sich über einen „tollen Tag für die deutsche Literatur“ freut und es großartig findet, „dass ein Gedicht so eine Wirkung auslösen kann“ – völlig unabhängig von seinem Inhalt.

Es ist das letzte Aufgebot, das einem Dichter in Not zur Hilfe eilt. Wäre Grass so klug wie er tut, müsste er vor seinen Freunden mehr Angst als vor seinen Feinden haben.

Wie’s die USA sehen: Deutschlands „inoffizielles Wirtschaftsimperium in Mitteleuropa“.

Samstag, Januar 7th, 2012

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58233

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und dem „Small Wars Journal“ wird seit dem 29.11.2011 die Meinung vertreten, Europa solle durch Deutschland regiert werden wie das Deutsche Reich durch Preußen.

Deutschland, und damit Europa, stünden gegen die USA und China. Deutschland strebe, quasi durch Europa, „nach einer globalen Führungsrolle“. Diese Meinung vertritt, das ist nicht ohne Bedeutung, ein Amerikaner. Die Urangst der transatlantischen Bündnispartner USA und Großbritannien, Eurasien – das heißt Deutschland plus Sibirien, Zentralasien und Russland – sei nicht zu dominieren ( aus dem Jahre 1900/ Macinder), wird hier neu aufgenommen. Corn („langjähriger politischer Berater der Washingtoner Diplomatie“/Foreign Service Institute der US-Regierung) unterliegt, bei der Abwehr einer solchen Theorie, der Täuschung, die reine Zahl der Chinesen bedeute zugleich deren ökonomische und organisatorische Überlegenheit. Dass dies nicht so sein muß, gerade bezogen auf kommunistische Staatsgebilde, hat uns der Zusammenbruch der UdSSR 1991 demonstriert. Somit erscheint es durchaus nicht ausgemacht, dass die 82 Millionen Deutsche (plus den Rest Europas) nicht den Chinesen Widerpart leisten könnten.

Unzweifelhaft besitzt die Wirtschaft, beim Wiederaufstieg Deutschlands, eine zentrale Funktion. Es ist zugleich eine Plattitüde internationaler Beziehungen, dass Staaten ihren wirtschaftlichen Einfluss auch in der Außen- und Militärpolitik zur Wirkung bringen. Wenn Deutschland ein „Konzept der Geo-Ökonomie“ besäße, wäre dies nur zu begrüßen. Aber, das Funktionieren des europäischen wirtschaftlichen Bundes zu optimieren, als Bestreben hinzustellen, einseitig deutsche Exporte zu bevorzugen, und damit die deutsche Konkurrenzfähigkeit gegenüber China zu optimieren, dreht den Zusammenhang einseitig mit dem Gesicht gen Osten. Erzeugt also eine Konkurrenz Deutschlands mit China, die typischerweise – zum Leidwesen der Amerikaner und Engländer – nicht besteht. Dass die deutsche Europapolitik wirtschaftlich im Augenblick zu Härten gegenüber Staaten führt, die durch eigenes Wirtschaften in eine Überschuldungs-Lage geraten sind, ist nicht zu leugnen, stellt aber die bittere Medizin dar, die Europa insgesamt schlucken muss, wenn es künftig bestehen will. Deutschland zahlt dafür, nicht zuletzt, mit verloren gegangenen Exporten.

Dass die Amerikaner die Entwicklung der Europäischen Union zu einer zentral organisierten und geführten Fiskalunion stört, liegt auf der Hand, denn eine politische Union Europas (mag diese auch von Berlin „geführt“ sein) bildet eine Konkurrenz für den Weltmachtstatus der USA. Hierfür das Beispiel der Verpreußung Deutschlands nach 1871 anzuführen, bleibt blass. Interessanter erscheint hier schon der Hinweis auf die „enge außenpolitische Kooperation (Berlins) mit Moskau“ (vergleiche wiederum Macinder 1900 – und Bismarcks Außenpolitik 1871-79, wie Bethmann Hollwegs, Nov. 1910 bis Febr. 1914), denn diese würde den außenpolitischen Interessen Washingtons prinzipiell zuwiderlaufen. Erneut blickt Corn mit besonderem Interesse, auf die vermeintliche Konkurrenz zwischen Deutschland und China. Auch sucht er die Beziehungen Deutschlands zu den übrigen EU-Staaten ganz unter dem Bild eines Gewaltverhältnisses zu problenatisieren. Das Bild vom „Zwang“, dass hier benutzt wird, steigert sich sogar zu der Assoziation vom „sanfteren, freundlicheren ‚Anschluss'“. Es wird geradezu anrüchige Nähe zum historischen Beispiel erreicht – und damit eine Grenze des Geschmacks berührt.

Was allerdings das State-Departement als Leitbild für die weitere Gestaltung Europas vorschwebt, enthüllt Corn, indem er auf das Habsburgerreich von 1866 bis 1918 hinweist, das „den Geist Europas [ge]atmet[e]“ habe. War es doch Österreichs Inkontinenz, die im Juni 1914 in Berlin bewußt wurde, und zu Entscheidungen veranlaßte. Ganz in die Diktion der USA von 1916/18, und 1941/45 verfällt er, wenn von „dem brutal germanisierenden deutschen Kaiserreich“ geschrieben, und davor gewarnt wird, in Berlin das von den USA gefürchtete Phantom zu verfolgen, „aus der Europäischen Union ein größeres Kaiserreich“ machen zu wollen.

Weit entfernt davon, die Augen vor den Gefahren einer weiteren Ausgestaltung und Entwicklung der Europäischen Union, hin zu einem Bundesstaat, verschließen zu wollen, denn dies würde endgültig bedeuten, dass Europa als mögliche Weltmacht „den Handschuh in den Ring“ würfe, ist doch zu sehen, dass wir uns bereits mitten im Konflikt mit den USA um den Weltmachtstatus Europas befinden. Dies zeigen die hier behandelten Artikel, die als Mahnung davor, diesen Weg weiter zu verfolgen, interpretiert werden können. Soll doch auf diese Art offenkundig Sand in das anlaufende Getriebe von Reformen der EU, hin zu einem zielgerichteter organisierten Staatenverbund, gestreut werden. Abgelebte Animositäten, zwischen den Mitgliedern der Europäischen Union wiederzubeleben, erscheint Washington dafür offenkundig geeignet.

The fundamentally conspiratorial quality of Anglo-American political authority.

Samstag, Oktober 22nd, 2011

June 23, 2011 By Reg Little
CONJURING HITLER

How Britain and America Made the Third Reich
By Guido Giacomo Preparato, Published by Pluto Press
336 pages, paperback

Conjuring Hitler is a commanding rewrite of many of the central mythologies of the 20th century. By Guido Giacomo Preparato, Assistant Professor of Political Economy at the University of Washington, it offers sweeping evidence that commanding figures opposed to Anglo-American interests in the 20th century, Lenin as well as Hitler, were the carefully crafted products of British political machinations.

These appear to have been inspired by the basic need to master the Eurasian landmass in order to maintain Britain’s naval-power based global order – a challenge identified by the British geographer, Halford Mackinder.

Were this reviewer not familiar with William Engdahl’s A Century of a War: Anglo-American Oil Politics and the New World Order and The Gods of Money: Wall Street and the Death of the American Century, many of the constructions in Conjuring Hitler may have seemed to demand too substantial a suspension of disbelief.

Considered together, however, these works all tend to confirm the central thesis of Conjuring Hitler, namely the fundamentally conspiratorial quality of Anglo-American political authority. This, of course, is a theme with substantial contemporary relevance, particularly when evaluating the morass of small wars in which the United States has become entangled.

While arguing powerfully and persuasively that the United Kingdom achieved much of what it set to do with Adolf Hitler, Preparato remarks only in passing, in conclusion, on the ultimately self-defeating nature of these stratagems. After all, World War II effectively stripped the United Kingdom of the remains of its Empire and subordinated it to the United States.

Equally, the United States has followed the model, using “terrorism” to give some legitimacy to wars of choice, only to find itself unable to win them even as these engagements drive it into bankruptcy.

Engdahl and Preparato almost seem to be the originators of a new genre of history – the re-evaluation of the success, grandeur, folly and failure of Anglo-American Empire. The beginning of Preparato’s brief concluding chapter reads:

“The elimination of the German menace of 1900 cost Britain dearly: her empire, her military and economic strength. Yet the English speaking idea, the imperial creed and the cultivation of the oligarchic bent were all traits that she bequeathed upon her natural, insular heir: they live on in the American establishment. Britain’s was a conscious decision; she knew the risks involved.

“The present geopolitical policy of the United States is a direct and wholly consistent continuation of the old imperial strategy of Britain. It is that unmistakable cocktail of aggression, subversion and mass murder waged at the vital nodes of the landmass from Palestine and Central Asia to the gates of China, in Taiwan and Korea, that seeks to undermine any movement towards a confederation of nations capable of turning the continental base into a Eurasian league of socio-political co-operation and defense (against Anglo-American assault).

“It took two world conflicts to destroy the German threat. World War I was a conventional siege in which the British Empire sacrificed roughly 1 million men – the first bloodletting that shook the establishment to its foundations. In the second round, which was necessary given that World War I had in fact left the Fatherland unscathed, no such effusion would have been tolerable – Britain would sacrifice 400,000 soldiers in World War II. So deception was deployed on a major scale to trip the Nazi into the inescapable war on two fronts.”

The measure of British success might be identified by the fact that the Soviet Union sacrificed 20 million and Germany 3.5 million civilians.

Elsewhere in his conclusion, Preparato writes:

“Besides, the Bolsheviks owed virtually everything to the West: the deposition of the Czar, the timing of Rasputin’s death, the political void after Kerensky, the slush funds – German and otherwise, the double crossing of the Whites, capital equipment, giant investments, military know-how…”

And:

“…..if all the foregoing is true, then it is just to lay direct responsibility for incubating Nazism and planning World War II, and indirect responsibility for the holocaust of the Jews, at the door of the Anglo-American establishment.”

This review cannot give an adequate summary of the volume of evidence that Preparato marshals in support of these conclusions. His somewhat flourishing style of writing can be both incisive and mysterious but overall it is difficult not to feel that he has advanced a convincing case that commands both respect and condemnation of British policy making.

In the process of dissecting the policies and personalities of Europe in the first half of the 20th century, Preparato gives a fascinating insight into the role of key figures at the heart of the financial “grid” that dictated most important developments on the continent.

Again, his writing seems to have relevance to contemporary financial interactions, except that there no longer seems to be any central figures in the West who exude comparable authority and competence.

Of course, the 1920s and 1930s included periods of considerable financial and economic distress, but it is hard to avoid the conclusion that these were often, like the rise of Hitler, the consequence of conscious and deliberate policies.

Preparato can seem to attribute to the British a little too much control over the process of events. He succeeds, nevertheless, in demonstrating that much of the commonly accepted demonic image of Hitler is the product of the victor’s propaganda. This totally obscures the manner in which the Nazis were continuously duped by those from a much richer culture of political intrigue.

The importance of Preparato’s (and Engdahl’s) work rests in the manner in which they are revising long unquestioned truths. They are proposing a narrative that could become increasingly popular as the international constructs put in place after the end of World War II become the object of increasing stress, criticism and re-evaluation. This includes the whole United Nations institutional framework.

It may, however, first become apparent within the European Union, where the economic strength of Germany is increasingly required to rescue many weak and dependent partners, all shepherded willy-nilly into the Western alliance – or the so-called “international community.”

Having been encouraged to re-examine the past geopolitical machinations of the Anglo-American world, could Germany discover that Eurasia offers it more opportunities than the Atlantic world to which it was subordinated in 1945?

– Reviewed by Reg Little in New Dawn 127
http://www.newdawnreviews.com/conspiracies-and-cover-ups/conjuring-hitler-how-britain-and-america-made-the-third-reich/